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Honoré de Balzac: Seraphita - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleMystische Geschichten
titleSeraphita
publisherDiogenes
year1977
isbn5257208995
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120411
modified20180411
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Die Himmelfahrt

Dieser letzte Hymnus wurde weder durch Blick, Wort, Gebärde, noch durch irgend eines jener Zeichen verständlich gemacht, durch welche Menschen ihre Gedanken einander mitteilen, sondern auf die Art, wie die Seele zu sich selbst spricht, denn von dem Augenblicke an, wo Seraphita ihre wahre Gestalt offenbarte, waren ihre Gedanken nicht mehr Sklaven des Wortes. Die Inbrunst ihres letzten Gebetes hatte die Bande gelöst. Gleich einer weißen Taube überschwebte ihre Seele noch einige Momente jenen Körper, dessen erschöpfte irdische Substanzen vernichtet werden sollten. Die Sehnsucht der Seele zu dem Himmel war so ansteckend, daß Wilfrid nebst Minna nicht den Tod wahrnahmen und nur die strahlenden Funken des Lebens sahen. Niedergefallen waren sie, als er gegen seinen Orient sich ausgerichtet, und hatten seine Entzückung geteilt. Die Furcht des Herrn, die den Menschen zum zweitenmale schafft und vom Erdenschmutze säubert, war über sie gekommen, ihren Augen entschwanden die irdischen Dinge und öffneten sich durch den Glauben den Herrlichkeiten des Himmels. Obgleich ergriffen von dem Zittern des Herrn, wie einige jener Seher, Propheten von den Menschen genannt, ergriffen worden waren, verharrten sie gleich jenen in demselben und fanden dadurch sich in den Kreis versetzt, wo die Glorie des Geistes strahlte. Der Schleier des Fleisches, der diesen Kreis bis jetzt ihnen verhüllt hatte, verschwand allmählich und zeigte ihnen die göttliche Substanz. Sie waren in der Dämmerung der anbrechenden Morgenröte, deren schwacher Schimmer sie vorbereitete zum Ertragen des wahren Lichtes und zum Vernehmen des lebendigen Wortes, ohne daran zu sterben. Und jetzt in diesem Zustande begannen beide den ganz unermeßlichen Unterschied zu begreifen, der die irdischen Dinge von denen des Himmels trennt. Das Leben, an dessen Grenze sie, zwei schwachen Kindern gleich, die vor einer großen Feuersbrunst in eine sichere Zuflucht sich verbergen, zitternd, doch hell erleuchtet standen, dies Leben bot den Sinnen keine Blöße dar. Die von ihnen gebrauchten Gedanken, um ihre Vision einander mitzuteilen, verhielten sich zu den nur kaum von ihnen gesehenen Dingen wie die äußeren Sinne des Menschen zu seiner Seele, eine sinnliche Hülle des göttlichen Grundwesens. Der Geist schwebt über ihnen, melodisch ohne Hilfe der Töne, alles mit Wohlgerüchen erfüllend ohne Geruch, denn da, wo sie jetzt waren, da gab es weder Wände, Ecken noch Luft! und keine Frage wagten sie und keinen Blick, und sie befanden sich in seinem Schatten, wie man sich befindet unter den sengenden Strahlen der tropischen Sonne, wo man nicht wagt, die Augen aufzuschlagen, aus Furcht, man werde das Gesicht verlieren. Sie waren sich bewußt, in seiner Nähe jetzt zu sein, doch nicht imstande, sich zu erklären, durch welche Mittel sie sich hier gleich wie im Traume an den Grenzen des Sichtlichen und des Unsichtbaren jetzt befanden, und wie sie nicht vermochten, Sichtbares mehr zu sehen, wohl aber Unsichtbares unterscheiden konnten; und zu sich sprachen sie: »Wenn er uns anrührt, müssen wir ersterben.« Allein der Geist war im Unendlichen, sie aber wußten nicht, daß keine Zeit, kein Raum in der Unendlichkeit besteht, und daß, obgleich dem Scheine nach sie ganz in seiner Nähe sich jetzt glaubten, gewaltige Tiefen sie von ihm noch schieden. Weil aber ihre Seelen noch nicht geeignet waren, die ganze Kenntnis der Eigenschaften dieses Lebens in sich aufzunehmen, so hatten sie davon auch nur ihrer Schwäche angemessene dunkle Eindrücke, sonst würde, wenn das lebendige Wort, von dem sie nur entfernte Töne halb verhallt vernahmen, deren Sinn in ihre Seelen fiel, gleich wie ein Leben sich den Körpern einigt, sich ihnen mehr genähert hätte, ein einziger naher Ton von diesem Worte sie aufgezehrt haben, wie leichtes Stroh vom Feuerwirbel verzehrt wird. Sie sahen folglich nichts, als was ihre durch die Kraft des Geistes gehobene Natur zu sehen, und hörten nichts, als was sie zu verstehen vermochten, und dieser Milderungen ungeachtet erbebten sie, als die Stimme der leidenden Seele, der Gesang des Geistes nun ertönte, der des neuen Lebens inbrünstig wartete, und es erflehete durch einen Schrei, der eisig ihnen Mark und Bein durchschnitt.

Der Geist schlug an die heilige Pforte.

»Und was verlangst du?« antwortete ein Chor, der weit durch die Welten schallte.

»Einziehen zu Gott!«

»Hast du gesiegt?«

»Durch Fasten habe ich das Fleisch getötet, ich habe meinen Groll beweint, durch Schweigen habe ich das falsche Wort, durch Demut habe ich die falsche Wissenschaft, durch Milde habe ich den Stolz, durch Liebe habe ich die Erde überwunden, und habe meine Schuld gebüßt durch Leiden, und habe mich gereinigt durch des Glaubens Feuer, und habe heiß erfleht das Leben durch Gebet, anbetend und ergeben harre ich!«

– Keine Antwort. –

»Auch dann sei hochgelobet, Gott!« antwortete der Geist, der sich verworfen glaubte.

Und seine Tränen strömten und fielen wie ein Tau auf die in Staub gebeugten Zeugen, die vor der Gerechtigkeit Gottes erbebten.

Plötzlich erschallten die Posaunen des vom Engel in dieser letzten Prüfung errungenen Sieges, die tiefen Klänge gelangten verstärkt durch Widerhall durch die Räume, erfüllten sie und machten zittern das ganze Universum, das Wilfrid und Minna höchst klein zu ihren Füßen erschien. Ergriffen von der Furcht des nahenden Mysteriums erbebten beide. Und es geschah auch wirklich eine gewaltige Bewegung, als würde von den himmlischen Legionen ein ungeheurer Kreislauf jetzt begonnen, so wirbelten die Welten durcheinander, als ob furchtbarer Sturm die Wolken peitsche. Doch ebenso geschwind durchriß der Schleier, und sie sahen, wie ein Gestirn, unendlich glänzender als der lichtvollste Stern des irdischen Firmaments, herunterfuhr; und Funken sprüheten gleich einem Blitze, die aber unterwegs erbleichen ließen, was sie bis jetzt für Licht gehalten hatten. Dies war der Bote mit der freudigen Nachricht, vor dessen Helm die Lebensflamme winkte. Er führte mit sich eine Palme und ein feurig Schwert; den Geist berührte er mit seiner Palme. Sogleich verwandelte sich jetzt der Geist und breitete geräuschlos aus die weißen Schwingen. Die Mitteilung des Lichts, die nun zum Seraph den Geist umwandelte, die Kleidung seiner Gloriengestalt und seine Himmelsrüstung verbreitete jetzt solche Strahlenmassen, daß die zwei Schauenden gleich jenen drei Aposteln, denen Jesus Christus einst erschien, getroffen wie vom Donner niedersanken. Wilfrid und Minna empfanden tief die Schwere ihrer irdischen Körper, die einer völligen und hemmungslosen Vereinigung mit dem Lichte und mit dem wahren Worte hemmend entgegentrat. Jetzt begriffen sie die Blöße ihrer Seelen und vermochten nun ihre geringe Klarheit zu ermessen durch die Vergleichung zwischen ihr und des Seraphs Strahlenkrone, in der sie wie ein dunkler Flecken zu eigner großen Scham erschienen, und beide wurden jetzt ergriffen von doppelt feurigem Verlangen, sich wieder in der Erde Schmutz zu stürzen und ihre Prüfungen dort zu beginnen und siegend eines Tages auch der heiligen Pforte sich zu nahen und die vom Seraph vernommenen Worte zu wiederholen. Vor dem Allerheiligsten, das er jetzt endlich von Angesicht zu Angesicht betrachten durfte, kniete nun dieser Engel und sprach: »Gestattet ihnen, mehr zu sehen, denn lieben werden sie den Herrn und sein Wort verkünden.«

Ein Schleier sank nach diesem Gebete. Geschah es nun, daß die auf die beiden Schauenden drückende unbekannte Kraft für einen Augenblick den irdischen Teil ihrer Körper verflüchtigte, oder war ihr Geist durch diese Kraft entrückt worden, mit einem Male empfanden sie ein Gefühl, als ob das Reine vom Unreinen in ihnen sich von einander scheide: des Seraphs Tränen erhoben sich um sie in der Gestalt eines Gewölks, das ihnen die unteren Welten verbarg, sie emporhob, Vergessenheit der irdischen Beziehungen ihnen mitteilte und ihnen Macht verlieh, den Sinn göttlicher Dinge zu begreifen. Das wahre Licht erschien und beleuchtete die Schöpfungen, die ihnen öd und unfruchtbar vorkamen, als sie die Quelle nun erblickten, aus der die irdischen, geistigen und göttlichen Welten die Bewegung schöpfen. Jede Welt bildete einen Mittelpunkt, zu dem alle Punkte ihres Kreises hinstrebten, und diese Welten alle waren wieder Punkte, die zu dem Mittelpunkte ihrer Gattung hinverlangten, und jede Gattung hatte wiederum ihr Zentrum in den unendlichen himmlischen Räumen, die mit dem unerschöpflichen und flammenstrahlenden Regierer aller Dinge, die da sind, in Verbindung standen. Und von der größten bis zur kleinsten Welt, und von der kleinsten Welt bis zu dem kleinsten Teile jener Wesen, aus denen sie besteht, war alles abgesondert eigentümlich, und doch im Ganzen alles wiederum nur eins. Was mochte wohl die Absicht dieses in seinem Grundwesen und in seinen Eigenschaften unveränderlichen Wesens sein, das diese letztern übertrug, ohne sie einzubüßen, das sie an andern offenbarte, ohne sich von ihnen zu trennen, das alle seine Schöpfungen unveränderlich in ihrem Grundwesen und wandelbar in ihrer äußern Form machte? Die beiden zu diesem großen Feste geladenen Gäste vermochten nur die Ordnung und Verteilung der Wesen zu schauen und deren unmittelbares Ende zu bewundern, denn nur die Engel stehen höher, sie kennen die Mittel und begreifen das Ende. Dasjenige aber, was die zwei Erwählten betrachten konnten, von dem sie auch ein Zeugnis mit sich nahmen, das ihre Seelen für alle Ewigkeit erhellte, war die Gewißheit von der Tätigkeit der Welten und der Wesen und die Überzeugung von ihrem ununterbrochenen Streben, zu einem Resultate zu gelangen. Sie vernahmen die vielen nur eine lebendige Melodie bildenden Chöre des Unendlichen; bei jedem Takte neigten sich die durch gleiche Bewegung fortgerissenen Welten vor dem allmächtigen Wesen, das von seinem undurchdringlichen Mittelpunkte aus alles von sich ausgehen und wiederum in sich zurückkehren ließ. Dieser unaufhörliche Wechsel von Gesang und Schweigen schien das Zeitmaß der heiligen Hymne zu sein, die durch alle Zeiträume sich widerhallend durchzog.

Wilfrid und Minna begriffen nun einige der rätselhaften Worte dessen, der auf Erden jedem von ihnen unter der ihm allein verständlichen Gestalt erschienen war, der einen als Seraphitus, dem andern als Seraphita, als sie jetzt sahen, daß alles hier gleichartig sei. Licht erzeugte hier Melodie und Melodie auch wieder Licht, und Farben waren Licht und Melodie, und die Bewegung war eine mit dem Worte begabte Zahl, kurz, hier war alles wohlklingend und durchsichtig und belebt. Jetzt erst verstanden sie, was er gemeint, als von dem kindischen Wesen der Menschenwissenschaften er zu ihnen geredet hatte. Dies war für sie gleich einer ungemessenen Aussicht ohne Horizont, gleich einem Abgrund, in den zu stürzen brennende Begier sie antrieb; allein gefesselt an den schweren irdischen Körper blieb unerfüllt ihr feuriges Verlangen. Leicht entfaltete der Seraph jetzt seine Schwingen, um seinen Flug zu beginnen, und wendete nicht mehr zu ihnen seinen Flug zurück, denn nichts mehr hatten sie jetzt gemein: er stieg empor. Die ungeheure Weite seines schimmernden Flügelpaars hüllte die zwei Schauenden in einen wohltätigen Schatten, der ihnen die Augen aufzuschlagen und zu sehen erlaubte, wie er in seiner Glorie und im Geleite des freudigen Erzengels hinaufschwebte. Er stieg empor gleich einer aus dem Meere sich hebenden Strahlensonne, doch majestätischer als das Gestirn, und viel schönerer Bestimmung rasch entgegeneilend, durfte er nicht wie die niederen Schöpfungen in ein kreisförmiges Leben gefesselt werden. Und grade aufwärts schwebte er in die Unendlichkeit, und strebte ohne Abweichung gegen den einigen Mittelpunkt, um sich dort in das ewige Leben zu versenken, um dort zu seinen Eigenschaften und in sein Grundwesen die Macht nun zu erhalten, durch Liebe zu genießen und durch Weisheit begreifen zu lernen. Das Schauspiel, welches sich plötzlich vor den Augen der zwei Schauenden entschleierte, vernichtete sie durch seine Unermeßlichkeit, denn sie erschienen sich wie Punkte, deren Kleinheit nicht verglichen werden kann mit dem unendlichen Kleinsten der Menschenwissenschaft. Welch niederdrückendes Gefühl und welche Größe in diesen beiden Punkten, die der erste Wunsch des Seraphs wie zwei Ringe, Kraft und Liebe, aufgestellt hatte, um die Unermeßlichkeit der höhern zu verbinden. Nun begriffen sie die unsichtbaren Bande, durch welche die materiellen Welten den geistigen sich anschließen; und wenn sie der erhabenen Bemühungen der vorzüglichsten Menschentalente gedachten, so fanden sie das Prinzip der Melodien in den Gesängen des Himmels, die Gefühle des schönsten Farbenspiels, des göttlichsten Wohlgenusses, des höchsten Gedankens erweckten und all das zahllos Einzelne der Schöpfung wachriefen wie ein irdisches Lied die verlorenste Erinnerung der Liebe belebt. Durch unaussprechliches gesteigertes Entzücken aller ihrer Seelenkräfte waren sie an eine Stelle ohne Namen in der Sprache angelangt, von wo sie einen Augenblick hindurch frei ihre Augen durften schweifen lassen durch die göttliche Welt; denn hier wurde das Fest gefeiert! Myriaden Engel eilten gleichen Flugs in herrlichster Ordnung herbei, alle gleich und doch verschieden, alle einfach gleich der Rose der Gefilde, und doch unendlich groß wie Welten. Wilfrid und Minna sahen sie weder ankommen noch wieder sich entfernen, doch plötzlich war die Unendlichkeit erfüllt mit ihrer Gegenwart, gleich wie die Sterne glänzen am Firmament; das Funkeln ihrer Strahlendiademe erleuchtete die Räume, wie des Himmels Feuer mit anbrechendem Tage unsere Gebirge erleuchten. Aus ihren Locken strömten lichte Wellen. Die beiden Seher bemerkten den Seraph ganz dunkel nur inmitten der unsterblichen Legionen, deren Schwingen dem unermeßlichen Blättergewölbe eines von leichtem Winde bewegten Waldes glichen. Doch plötzlich, als ob alle Pfeile eines Köchers zumal losschnellten, so verschwanden vor dem Hauche der Geister die Spuren seiner früheren Gestalt, und wie der Seraph mehr empor sich schwang, so ward er um so lichter und reiner, bald war er nur noch ein leichter Umriß des Bildes seiner Verwandlung: Feuerlinie ohne Schatten. In jedem neuen Kreise ward eine neue Gabe ihm verliehen, und endlich, da erschien das Zeichen seiner Erwählung in der höchsten Sphäre, in die er ganz geläutert einging. Keine der Stimmen schwieg, fortwährend tönte der erhabene Lobgesang.

»Heil dem, der lebend aufsteigt! Tritt näher, du Blume der Welt! Du Diamant, geläutert durch das Schmerzenfeuer! Du fleckenlose Perle, du Verlangen ohne irdische Begier, du neues Band des Himmels mit der Erde, tritt ein und werde Licht! Siegender Geist, König der Welt, steig auf zu deiner Krone! Der Erde Sieger, ergreife dein Strahlendiadem! Jetzt bist du der unsrigen einer!«

Die Tugenden des Engels erschienen nun in ihrer ganzen Schönheit. Sein erstes Verlangen nach dem Himmel war dargestellt als eine blühende Kindheit, und gleich Gestirnen glänzten seine Taten; sein Glaubenseifer leuchtete wie Himmels Hyazinth, Barmherzigkeit warf ihre Perlen, gesammelte Tränen, ihm zu, göttliche Liebe umschlang mit Rosen ihn, und seine demütige Ergebung nahm durch ihr reines Weiß jedwede irdische Spur von ihm. In Wilfrids und in Minnas Augen erschien er bald nur wie ein Flammenpunkt, der immer heller brannte, dessen bewegungsloses Aufsteigen vom Lobgesang begleitet wurde, der seine Ankunft in den Himmeln feierte, und deren Klänge den zwei Verbannten wehmütige Tränen entlockten.

Plötzlich verbreitete sich eine Totenstille von der ersten bis zur letzten Sphäre und spannte Wilfrids und Minnas äußerste Erwartung. In diesem Augenblick verlor der Seraph sich im Innersten des Allerheiligsten, wo ihm das ewige Leben ward verliehen. Und es geschah jetzt eine allgemeine Bewegung der tiefsten Anbetung, die unsere beiden Seher in eine mit Furcht gemischte Entzückung versetzte. Sie fühlten, daß anbetend alles niederfiel in den göttlichen, in den geistigen Sphären und auch in den Welten der Finsternis. Die Engel beugten das Knie, um die Glorie zu feiern, die Geister beugten das Knie, um ihre Ungeduld zu äußern, und in den finstern Schlünden beugten sie das Knie und bebten laut vor Schrecken. Und jäh wie der lang verhaltene Quell des Springbrunnens mit tausend blühenden Strahlen aufsteigt, darin die spielende Sonne Perlen und Diamanten sät, stieg nun ein ungeheurer Jubel empor, als der Seraph jetzt Flammen blitzend wieder erschien und ausrief: »Ewig, Ewig, Ewig!«

Und alle Welten vernahmen und erkannten ihn, und er durchdrang sie, wie Gott sie durchdringt. Der Engel nahm Besitz von der Unendlichkeit. Die sieben göttlichen Welten erhoben sich bei seiner Stimme und antworteten ihm. In diesem Augenblicke hob sich an eine gewaltige Bewegung, als wenn ganz geläuterte Gestirne sich zu blendenden, ewig dauernden Klarheiten erhöben. Hatte der Seraph vielleicht zu seiner ersten Sendung den Auftrag empfangen, die von dem Worte durchdrungenen Schöpfungen vor Gott zu rufen? – Schon aber tönte für Wilfrid und für Minna das erhabene Halleluja, wie das letzte Wogen einer verhallenden Musik, schon verlor sich der Himmelsglanz wie die Tinten einer untergehenden Sonne sich in ihr purpurgoldnes Lager senken! Das Unreine und der Tod erfaßten ihre Beute. Zurückgefallen in die Bande des Fleisches, deren ihr Geist vermöge eines wunderbaren Schlafes für kurze Zeit entledigt worden war, empfanden die zwei Sterblichen nun ein Gefühl, gleich jenem, das am Morgen nach einer von glänzenden Träumen erfüllten Nacht, deren Erinnerungen wohl vor der Seele schweben, von denen der Körper aber kein Bewußtsein und die Zunge keinen Ausdruck hat, uns schwermütig niederdrückt. Die tiefe Nacht, in der sie jetzt herumtaumelten, das war die Sonne der sichtbaren Welten.

»Laß uns hinuntersteigen!« sprach Wilfrid zu Minna.

»Wir wollen tun, wie er geboten«, antwortete sie. »Denn wir, die wir die Welten alle Gott entgegenziehen sahen, wir kennen wohl die guten Pfade. Unsere Strahlenkränze sind dort oben!«

Sie stiegen nun hinunter in die Tiefen, betraten abermals den Staub der untern Welten, und gleich einem unterirdischen Gewölbe lag plötzlich nun die Erde vor ihnen, erleuchtet durch das Licht, das sie in ihrer Seele mit herunter brachten, und das sie noch mit einem Gewölk umgab, in dem die Harmonien des Himmels sich unter leisen Klängen nach und nach verloren. Solch Schauspiel hatte einst den innern Augen der Propheten sich dargestellt. Priester der verschiedenen, alle für wahr gehaltenen Religionen, Könige; alle durch Gewalt oder Schrecken gesalbt, Krieger und andere Große teilten untereinander die Erde; Gelehrte und Reiche traten mit großem Geräusch die lärmende und leidende Menge unter die Füße, alle wurden begleitet von ihren Dienern und ihren Weibern, alle waren bekleidet mit goldenen, silbernen, azurnen Gewändern, bedeckt mit meerentrissenen Perlen und Edelsteinen, den Eingeweiden der Erde entnommen, für welche die Menschheit schon seit uralter Zeit fluchend und schweißvergießend gearbeitet hatte. Doch alle dieser durch Blut errungene Reichtum und gewaltige Glanz erschien nur wie Bettlerlumpen in den Augen unserer zwei Verbannten.

»Was tut ihr hier in solcher Ordnung aufgestellt und unbeweglich?« rief Wilfrid ihnen zu. Doch ihm ward keine Antwort.

»Was tut ihr hier in solcher Ordnung aufgestellt und unbeweglich?«

Und wiederum empfing er keine Antwort.

Da streckte Wilfrid seine Hände aus und rief zum dritten Male: »Was tut ihr hier in solcher Ordnung aufgestellt und unbeweglich!«

Da rissen sie plötzlich ihre Kleider auf und zeigten fleischlose, von Würmern abgenagte und von furchtbar scheußlichen Krankheiten verunstaltete Gerippe.

»Ihr habt die Völker in den Tod geführt!«, sprach Wilfrid jetzt zu ihnen. »Ihr habt die Erde entstellt, das wahre Wort verfälscht und die Gerechtigkeit verhöhnt. Die Weide habt ihr ganz selbst verzehrt und nun wollt ihr die Lämmer töten? Und durch Aufdeckung eurer Wunden glaubt ihr euch nun zu reinigen? Die unter meinen Brüdern, die noch meine Stimme hören können, die will ich warnen, damit sie baldigst aus den Quellen schöpfen, die ihr verborgen haltet!«

»Laß unsre Kräfte uns zum Beten sparen!« bat Minna, »denn dir ward weder eine Sendung des Propheten, noch des Versöhners; noch die des Boten, wir stehen nur an den Grenzen nach der ersten Sphäre; versuchen wir die Räume auf Schwingen des Gebetes zu durcheilen!«

»Und du sollst meine ganze innige Liebe sein!«

»Und du sollst meine ganze Stärke bilden!«

»Uns ward vergönnt, den höchsten Mysterien beizuwohnen, und beide sind hienieden wir die einzigen Wesen, die Schmerz und Wonne zu begreifen wissen. Komm! laß uns beten! Wir kennen ja den Weg!«

»Reich mir die Hand«, sprach sie, »wenn eng vereint wir gehen, so wird der Pfad uns minder rauh und minder lang bedünken!«

»Und ganz allein mit dir«, entgegnete der Mann, »könnte ich die große Öde wohl durchwandern, und keine einzige Klage würde mir entschlüpfen.«

»So wollen denn vereint zu Gott wir wandeln!« versetzte nun die Jungfrau.

Und düstere Wolken senkten sich auf sie hernieder, und hüllten sie in dunkeln Schleier ein, und plötzlich fanden die zwei Liebenden sich knieend vor einem Leichnam, den der alte David gegen die Neugier aller schützte und ganz allein begraben wollte. In voller Pracht strahlte jetzt der erste Sommer des neunzehnten Jahrhunderts. Die beiden Liebenden vermeinten eine Stimme in den Strahlen der Sonne zu vernehmen, sie atmeten Himmelsgeist aus den frischen Blumen, und wechselweis die Hände sich reichend, sprachen sie: »Das unermeßliche, da unten schimmernde Meer ist ein Bild dessen, was wir dort oben schauen durften.«

»Wo wollt ihr hin?« fragte sie der alte Pfarrherr Becker.

»Wir wollen zu Gott eingehen«, sprachen beide, »begleiten Sie uns, lieber Vater!«

 


 

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