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Señor Aguila

Friedrich Gerstäcker: Señor Aguila - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSeñor Aguila
publisherLeipzig Wilhelm Goldmann Verlag
editorJoseph M. Velter
year1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid403439ce
created20070513
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In der Südsee

Wunderbare Inselwelt! Wie still und friedlich schlummerst du da draußen im weiten Ozean, gegen dessen bäumende Wogen dich der Korallengürtel deiner Riffe schützt! Ein kleines Paradies ein jedes Eiland, von einem sonnigen Himmel überspannt, ein sorglos heiteres, zufriedenes Völkchen bergend.

Dort lebte ein Menschenstamm, der wirklich glücklich war, der alles hatte, was er zum Leben brauchte – nicht mehr, nicht weniger, und doch auch gerade wieder wenig genug, um nicht die Habgier anderer Menschen zu reizen.

Kokospalmen und Brotfruchtbäume deckten sein fruchtbares Land; das stille Binnenwasser zwischen den Riffen barg Fische im Überfluß, die wenigen Kleidungsstücke lieferte die zähe Rinde seiner Bäume, den Schmuck für seine jungen Mädchen der nächste Blütenbusch – und Sorgen? Sie hatten das Wort nicht einmal in ihrer Sprache, sie kannten die Bedeutung nicht, und wenn die Sonne abends ins Meer versank, sammelte sich das fröhliche, blumengeschmückte Volk zum Tanz – und träumte nachher dem anderen Tag entgegen.

Glückliches Volk! Glücklich, weil es ungekannt, unbeachtet und nur sich selber überlassen dort draußen auf seinen Palmeninseln hauste! Dann kamen die Schiffe der weißen Männer, dann kam die christliche Religion, dann kamen Kisten mit Tand, mit Glaskorallen und Spiegeln, die ihre Habgier weckten – dann kam fremdes, nichtsnutziges Gesindel, das sich zwischen ihnen niederließ, und wo war das Glück – wo der Friede geblieben?

Aber das leichte, sorglose Element schwamm dennoch oben. Besser waren sie durch den Verkehr mit den Fremden nicht geworden, glücklicher auch nicht, aber das Leben hatte einen neuen Reiz gewonnen – sie hatten hoffen und auch einen unbestimmten Drang nach außen kennengelernt. Früher waren die Riffe, die ihre Insel umgaben, die äußersten Grenzen ihrer Fahrten, ja, ihres ganzen Strebens gewesen – jetzt sehnten und dachten sie darüber hinaus, und ihr ungeduldiger Blick strich oft über den weiten Horizont, ob sie nicht ein Schiff der Fremden erspähen konnten, das ihnen neuen Tand und – neue Sünden, neue Bedürfnisse brachte. Kokosnuß und Brotfrucht, ja, das war alles recht schön und gut, aber Tabak und Branntwein gaben doch erst dem Leben die rechte Würze. Und die jungen Mädchen und Frauen, die früher draußen im schattigen Hain, von den jungen Leuten umlagert, gesessen hatten, um ihre TapaTapa, der aus der Rinde verschiedener Bäume geklopfte Stoff der Südsee-Inseln. zu klopfen, und die dabei aus der Arbeit ein Fest machten – was brauchten sie jetzt noch zu arbeiten, wo ihnen die Fremden viel weichere, prächtig bunte Stoffe brachten und nichts dafür forderten, als was an ihren Bäumen reichlich wuchs, Kokosnüsse und Brotfrucht!

Trotzdem aber sehnten sich die Eingeborenen nicht fort von ihren schönen Inseln, sooft sie auch dazu von dann und wann anlegenden Walfischfängern verlockt wurden. Was sollten sie auch draußen? Arbeiten? Die härteste Arbeit, die sie kannten, war, eine Kokospalme zu ersteigen und die saftgefüllten Früchte hinabzuwerfen, oder draußen auf dem stillen Binnenwasser in ihrem Kanu zu schaukeln, um mit dem nachschleifenden Perlmutterhaken Bonitos und Albicores zu fangen. Ja, die Frauen klopften wohl auch noch dann und wann einmal ein Stück Tapa aus, flochten eine Matte oder schliffen mit Korallensand unter Wasser ein paar Kokosschalen zu Trinkbechern aus – aber die Männer? Vielleicht daß sie einmal ihr Dach ausbesserten, wenn ihnen der durchdringende Regen zu unbequem wurde, oder eine kleine Grube auswarfen, um in ihr mit heißen Steinen ein von den Frauen abgebrühtes und gereinigtes Ferkel zu braten, das war alles, und was sie sonst brauchten, hatten sie ja, oder die Schiffe brachten es ihnen – wozu also arbeiten!

Fremde Nationen brauchten freilich Arbeiter, um ihre Felder zu bebauen, um ihr Land wertvoll zu machen. Aber was kümmerte das jenes sorglose Volk in der Südsee – was wußten sie überhaupt von fremden Ländern, von denen sie noch nicht einmal überzeugt waren, daß sie wirklich existierten, da ja die fremden Menschen, die zu ihnen kamen, ihre Heimat auf ihren Schiffen hatten?

Ein Festtag war es jedoch immer für sie, wenn solch ein Fahrzeug anlief, und obgleich sie die Fremden im Anfang immer nur als »weiße Männer« bezeichneten, so lernten sie nach und nach einen Unterschied ihrer Nationalitäten kennen.

Die Ingleses hatten ihnen zuerst ihre Missionare und mit ihnen eine fremde Religion gebracht, die allerdings manchen Mißbrauch bei ihnen abschaffte, ihnen aber doch nicht recht behagte, weil sie von fanatischen, streng orthodoxen Priestern gelehrt wurde. Sie bestand aus fast nichts als Verboten. Sie durften nicht mehr singen – ausgenommen fremde, wunderliche Lieder – sie durften nicht mehr tanzen; die Mädchen durften keine Blumen mehr im Haar tragen, die Männer an gewissen Tagen nicht mehr fischen. Das war alles unbequem, und das einzige, was ihnen dafür versprochen wurde, war eine nicht einmal recht begriffene Belohnung nach dem Tode.

Dann kamen die »Feranis« oder Wi-wis, wie sie die lebendigen Fremden nach ihrem oft und rasch herausgestoßenen »oui-oui« bald scherzhaft nannten. Die brachten ihnen auch eine andere Religion, und noch dazu eine viel bequemere. Da aber selbst die »Weißen« nicht einmal zu wissen schienen, wer von ihnen die richtige hätte, konnte man es ja einmal mit beiden versuchen.

Dazwischen legten manchmal auch andere Schiffe an, aus denen sie freilich gar nicht klug wurden. Diese aber gefielen ihnen trotzdem am besten, denn sie hatten viel Tabak und viel Branntwein bei sich, außerdem auch noch bunte Stoffe, Schmuck und tausenderlei andere Dinge, und mischten sich besonders nie in ihren Glauben, ja, sie fragten nicht einmal danach. Aber es war ein wildes Volk, und sie mußten die Frauen vor ihnen hüten, so ungern sich diese auch vor ihnen hüten ließen.

Den Insulanern konnte übrigens nicht entgehen, daß das bunte, wehende Tuch, die Flagge, das ankommende Schiffe aufzogen und ausflattern ließen, auch irgend etwas zu bedeuten habe, und bald hatten sie heraus, daß es die verschiedene»Völkerstämme bezeichnete, die sie besuchten. Es dauerte nicht lange, so kannten sie schon verschiedene Nationen, besonders Amerikaner, Engländer und Franzosen an ihrer Flagge und freuten sich wie die Kinder, wenn ihnen dann von den Landenden bestätigt wurde, daß sie recht hatten.

Aber nicht an allen diesen Inseln legten die fremden Schiffe an. Wo die Korallenriffe zu weit in die See hinausragten oder im Fahrwasser gefährliche Untiefen bildeten, da hüteten sich die Seefahrer wohl, einzulaufen. Andere Inseln wieder lagen aus dem Kurs der Schiffe oder in der Nachbarschaft von größeren Eilanden, an denen besonders Walfischfänger immer lieber anliefen, weil sie dort leichter erhalten konnten, was sie brauchten.

Eine Eigentümlichkeit haben diese Inseln außerdem noch durch ihre Korallenbildung. Die sogenannten »Riffe« liegen nämlich – etwa eine oder anderthalb englische Meilen, oft aber auch nicht so weit vom festen Land entfernt – wie eine Ringmauer um alle jene Eilande, und wenn auch die Koralle nur bis an die Oberfläche der See, nie darüber wächst, so steht doch an diesen unterseeischen Bänken eine ununterbrochene mächtige Brandung, die selbst für das leichteste Kanu unpassierbar ist. Nur wo natürliche Einfahrten sind, können Boote, oft auch Schiffe einpassieren und liegen dann innerhalb der Riffe in stillem Wasser wie auf einem Teich.

Größere Inseln bilden so oft wunderbar sichere Häfen mit festem Ankergrund; bei kleineren Inseln sind diese natürlichen Einfahrten, wie sich von selbst versteht, verhältnismäßig schmal, und laufen fremde Schiffe sie an, so müssen sie vor den Riffen auf und ab kreuzen und ihre Boote ans Land schicken, oder auch warten, bis Kanus zu ihnen herauskommen. Nicht einmal ankern können sie vor den Riffen, denn bis unmittelbar an die Korallenbank hinan, so dicht, daß man die Lotleine hinüberwerfen könnte, finden sich nicht selten noch Hunderte von Faden Wasser. Die Koralle steigt wie eine riesenhohe Mauer vom Boden des Meeres steil und senkrecht empor.

Mit der Umgebung bekannt, können wir uns nun auch einmal eine dieser wunderbar schönen Inseln betrachten: Vor uns aus dem Meer steigt Raiateo mit ihren waldigen Kuppen und kühn gerissenen Hängen und Schluchten, von einem breiten, palmenbedeckten Landgürtel umschlossen, um den sich wiederum weit draußen wie ein schneeweißes Band auf tiefblauem Grunde der weiße, schäumende, tobende, lebendige Brandungsstreifen der Riffe zieht.

Es war an der Westseite der Insel, wo ein Fahrzeug – eine ziemlich große Brigg – langsam gegen den Wind auflaviert kam und dadurch die Absicht zeigte, mit dem Land in Verkehr zu treten. Am Lande war das fremde Segel schon seit Tagesanbruch mit großem Interesse beobachtet und allerlei Vermutung laut geworden, welcher Nation es angehören könne. Die meisten entschieden sich für Amerikaner, und in Form und Takelage hatte die Brigg auch wirklich Ähnlichkeit mit diesen; als sie aber näher kam, trug sie die amerikanische Flagge nicht, denn die Sterne und Streifen kannten sie gut genug. – Welche Flagge war das überhaupt? Deutlich erkennen ließ sie sich noch lange nicht, aber diese bunte Färbung hatten sie noch nie gesehen, und nach und nach sammelte sich die ganze benachbarte Bevölkerung an der kleinen Landzunge, unter der die einzige Einfahrt in die Riffe für eine gute Strecke nach Norden und Süden lag.

Näher und näher kam das fremde Schiff, jetzt über den Starbordbug nach Süden, jetzt über den Backbordbug nach Norden aufkreuzend, immer gegen Wind und Strömung an, und daß es kein besonderer Segler war, hatten die Eingeborenen bald weg. Auch die Segel selber wurden bei den verschiedenen Manövern schlecht und schläfrig bedient, und die Ungeduld der Insulaner machte sich dabei in Spottreden über die ungeschickte Mannschaft Luft.

So war es fast zwei Uhr mittags geworden, bis der Fremde endlich die Einfahrt erreichte. Indessen war ein Bote nach einem mehr im Innern wohnenden Weißen abgesandt worden, um ihm die Anfahrt eines fremden Schiffes zu melden. Der Mann kam dann immer schon von selber, denn er diente den Fremden als Dolmetscher und bekam von ihnen gewöhnlich eine Menge Dinge, die er brauchen konnte – und er konnte alles brauchen – zum Lohn. Besonders aber lockte ihn der Branntwein, und wenngleich ein Gesetz auf der Insel bestand, nach dem keine einzige Flasche des berauschenden Getränkes eingeführt werden durfte, wußte er doch immer bei einer solchen Gelegenheit soviel ans Ufer zu schmuggeln, daß er sich damit eine volle Woche in halber Bewußtlosigkeit erhalten konnte.

Der Mann sprach drei oder vier verschiedene Sprachen, stammte, seiner Aussage nach, aus Italien, war von einem französischen Walfischfänger desertiert und jetzt hier Hausbesitzer und Familienvater auf Raiateo geworden, ohne sich in seiner Lebensweise auch nur im geringsten geändert zu haben. Er trieb es noch immer wie ein Matrose auf einem Walfischfänger, und die Insulaner wären ihn schon lange gern losgeworden, wenn sie nur eben gewußt hätten wie, denn er ging nicht fort. Der einzige Nutzen, den er ihnen brachte, war allein der Verkehr mit den fremden Schiffen; nach einem solchen Besuche mußte aber auch seine Frau mit ihren Kindern jedesmal für wenigstens eine Woche zu ihren Eltern flüchten, weil er sie im Trunk mißhandelte und selbst die Kinder blutig schlug.

Sowie übrigens das fremde Fahrzeug in den Bereich ihrer Kanus gekommen war, sprangen zehn oder zwölf der halbnackten braunen Gestalten nach dem Strand hinunter; aus Kokospalmblättern rasch geflochtene und mit Früchten gefüllte Körbe standen schon, der Fremden wartend, an der Landung, und wenige Minuten später glitten die schlanken, leichten Fahrzeuge über das Binnenwasser und hinaus durch die schmale Einfahrt der Riffe, während rechts und links von ihnen die schäumenden Brandungswellen so nahe ihre blitzenden, funkelnden Kronen überstürzten, daß sie den Wasserstaub bis in die Boote warfen.

Und was für eine wunderliche Flagge das war, die dort oben am Maste wehte! So eine hatten sie an ihrer Insel noch nie gesehen. Es war ein Schild, auf der linken Seite von einem Palmenzweige, auf der anderen von einem ähnlichen grünen Laube, mit roten Beeren daran, umgeben oder gehalten. Die obere Hälfte war dabei in zwei Teile geteilt, und rechts stand ein Baum, links aber ein wunderliches Tier mit langem Halse, das sie nicht kannten, denn eine Kuh war es nicht, ein Schwein auch nicht – vielleicht ein Hund? Aber was mußte das für ein Hund sein, dessen Kopf bis oben an den Wipfel des Baumes hinaufreichte! Die untere Hälfte nahm dann ein anderer Gegenstand ein, von dem sie aber ebenfalls keinen Begriff hatten. Er war sonderbar gebogen, fast wie ein Fisch mit weitem Rachen, und da heraus fiel eine Menge gelbes Geld, während oben über dem Ganzen noch ein Kranz stand.Das peruanische Wappen zeigt ein von einem Palmenzweig an der Linken, von einem Lorbeerzweig an der Rechten umgebenes Schild, auf dem oben ein Kranz steht. Das Schild ist in drei Felder geteilt: die obere Hälfte zeigt links ein Lama, rechts einen Baum, die untere Hälfte nimmt ein goldene Münzen ausschüttendes Füllhorn ein.

Aber was kümmerte das die Eingeborenen, die jetzt nur daran dachten, ihre Früchte zu verwerten. Früchte brauchten alle Nationen, mochten sie von Osten oder Westen den Ozean durchsegelt haben, und etwas brachten sie auch dafür mit, was schon zu einem Lebensbedürfnis der Südseeländer geworden war: Tabak. – Also vorwärts, denn wer die ersten Früchte den danach verlangenden Seefahrern brachte, hatte auch den besten Handel zu gewärtigen. So war denn eine ordentliche Wettfahrt daraus geworden, bei der ein Kanu dem anderen vorzukommen suchte, und die Mannschaft des fremden Fahrzeuges, das noch keine Miene machte, Boote auszusetzen, lehnte sich über die Schanzkleidung und lachte dem Sieger entgegen.

Dort an Bord entstand jetzt ein lebhafter Verkehr, denn nachdem der Steward für den Bedarf der Kajüte genügend eingekauft hatte, wurde den Matrosen freigestellt, für das, was sie an Tauschartikeln besaßen, die lang ersehnten Früchte einzuhandeln; was für wunderliche Dinge kamen da zum Vorschein: alte Hemden und Hosen, Hosenträger, Kämme, Taschenmesser, Feuerstähle, Schuhe, Stücke rotes und blaues Band, Taschentücher, Rasierspiegel, kurz alles, was die Burschen nur irgend entbehren konnten, brachten sie zum Vorschein – nur das nicht, was die Insulaner verlangten: Tabak; denn das wenige, was sie wirklich davon besaßen, brauchten sie selber viel zu notwendig, um sich davon trennen zu können. Für den Plunder jedoch, den sie statt dessen aus allen Ecken hervorsuchten, fanden sie nur teilweise einen Abnehmer, denn die Insulaner von Raiateo waren schon zu häufig mit Europäern in Berührung gekommen, um nicht die Wertlosigkeit von derlei Dingen zu kennen. Hemden trugen sie allerdings und kauften sie gern, aber sie durften keine Löcher haben, mochten sie sonst bestehen, aus was sie wollten – das übrige schoben sie alles zurück. Nur ein paar Spiegel fanden einen Abnehmer, und der Besitzer eines alten Seidenhutes, in den sich ein Eingeborener verliebt hatte, machte ein gutes Geschäft.

Der Steuermann hatte sich indessen bei den Leuten erkundigt, ob niemand auf der Insel sei, der der Fremden Sprache redete – die Unterhaltung mußte natürlich durch Zeichen geführt werden, und die Insulaner verstanden, was er meinte, deuteten auf die Brandung und machten dem Fragenden begreiflich, daß von dort gleich jemand herausgerudert käme, der mit ihnen reden könne. Damit beruhigte sich der Mann und nahm jetzt das Fernglas von der Kajütentreppe auf, um die Einfahrt zwischen den Riffen beobachten zu können. Um den Fruchthandel kümmerte er sich nicht.

Eine wunderliche Bemannung war auf dem Schiff, und selbst den Eingeborenen von Raiateo, die doch sonst wahrlich nichts von der Seefahrt verstanden, fiel das auf. Das waren weder englische, noch französische, noch amerikanische Matrosen, so viel sahen sie auf den ersten Blick, und sie erinnerten sich nicht, je ein schmutzigeres, ruppigeres und vernachlässigteres Gesindel auf dem Deck eines Fahrzeuges gesehen zu haben. Das ganze Deck war schmutzig und unordentlich; die Segel bestanden eigentlich nur aus geflickten Fetzen, und in der Kambüse oder Küche sah es aus, daß jedem anderen als einem Südamerikaner der Appetit vergangen wäre – und gerade das machte auf die reinlichen Bewohner dieser Inseln einen fatalen Eindruck. – Aber was hatten sie mit dem Schiff zu tun? – Sie tauschten ihre Früchte und kehrten dann an Land zurück. Die an Bord mochten leben, wie sie's eben freute.

Jetzt kam der Dolmetscher, »Felipe«, wie er am Lande genannt wurde, und als er das Deck betrat, lachten die Insulaner untereinander und flüsterten sich zu, daß er eigentlich genau so aussähe, als ob er zu der Mannschaft hier gehöre. Er war fast ebenso braun und womöglich noch schmutziger, trug die. selben langen, schwarzen, etwas gelockten Haare, mit einem kurzen Schnurrbart auf der Oberlippe, und was seine Kleidung anbetraf, so gingen die Matrosen an Deck auch nicht zerlumpter als er selber.

Zur Entschuldigung mochte freilich dienen, daß er heute morgen seine Toilette noch nicht gemacht hatte, denn als er die Botschaft bekam, daß ein fremdes Schiff draußen vor den Riffen liege, war er in wilder Hast zu seinem Kanu hinabgestürzt und um die Insel herumgerudert, so rasch er nur die Arme regen konnte. Und wer wollte es ihm verdenken? Seit neun Wochen hatte er keinen Tropfen Branntwein gesehen und vor über vierzehn Tagen sein letztes Gramm Tabak zerkaut, so daß er jetzt einen ordentlichen Heißhunger nach beiden Genüssen fühlte – und beide sollten hier befriedigt werden.

Der Steuermann hatte ihn schon, ehe er nur langseit lief, mit seinem Fernrohr als eins jener Individuen erkannt, die zerstreut auf den meisten dieser Inseln leben und eigentlich zu der traurigsten Menschenklasse der Welt gehören. Sie alle sind, wie sich das von selbst versteht, weggelaufene Matrosen, die das bißchen Zivilisation, das sie besaßen, ohne viel Schwierigkeit abschüttelten – sie fiel ihnen eigentlich von selber ab – und nur ihre Untugenden, ihr Fluchen, Trinken und liederliches Leben beibehielten. Solche Burschen dienten dann den Insulanern als Probeexemplare des christlichen Glaubens, und es läßt sich denken, daß sie keinen übermäßig hohen Begriff von europäischer Gesittung bekommen konnten.

Den anlaufenden Schiffen bleiben sie aber immerhin nützlich nur allein ihrer Sprachkenntnisse wegen. Was kümmert diese ihre sonstige Moralität, und wenn sie es dabei mit einem entsprungenen Sträfling zu tun hätten!

An Bord der »Libertad«, wie die peruanische Brigg hieß, hatten sie diesmal aber auch noch besonderen Grund, das Nahen eines Dolmetschers gern zu sehen, und wenn dieser ein mehr als gewöhnlich verkommenes und verwildertes Individuum zu sein schien, so war es ihnen vielleicht sogar erwünscht. Es ist die Frage, ob sie einen englischen oder französischen Matrosen überredet hätten, ihren Zwecken dienstbar zu sein und sie zu unterstützen.

Felipe kannte die Flagge, und wenn er auch der spanischen Sprache nicht besonders mächtig war, verstand er doch genug davon, um sich mit seinem Italienisch wenigstens verständlich machen zu können. Er kletterte denn auch mit einem sehr zufriedenen »Como está, Señor« an Bord hinauf.

Der Steuermann, der ihn hier empfing, ließ sich nicht lange auf höfliche Redensarten ein und fragte: »Was für ein Landsmann?«

»Italiener, Señor.«

»Sprichst du Kastilianisch?«

»Ein wenig.«

»Hm – es sind Landsleute von dir an Bord«; und einen der nächststehenden Matrosen nach vorn schickend, beorderte er einen italienischen Matrosen nach dem Quarterdeck, um dort im Notfall als Aushilfe dienen zu können.

»Brauchen Sie Holz?« fragte jetzt der Landvagabund, indem er selber an der Seite des Steuermanns nach hinten schritt, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen, wenn er an den Tabak dachte, den er bald zu bekommen hoffte. »Ich habe ein paar Klafter fertig geschlagen und kann es in ein paar Stunden an Bord schicken.«

»Nein, wir haben genug«, lautete die kurze Antwort.

»Also Früchte? Sie kommen gerade zur rechten Zeit; die Brotfrucht ist eben wieder reif geworden, und ich will den Burschen dort sagen, daß sie gleich noch ein paar Kanu-Ladungen herüberschaffen.«

»Das hat Zeit«, wies aber auch dies der Steuermann zurück. »Vor allen Dingen will dich erst einmal der Kapitän sprechen und einiges fragen, nachher machen wir den Fruchthandel in ein paar Minuten ab.«

»Und was ist es, wenn man fragen darf?« fragte der Bursche und sah den Steuermann von der Seite an. Möglich vielleicht, daß er nicht einmal ein reines Gewissen hatte, denn das Geheimnisvolle gefiel ihm nicht. Der Seemann aber ließ sich auf keine weiteren Antworten ein, denn sie hatten das Quarterdeck erreicht, zu dem er jetzt hinaufstieg und dem Italiener dabei winkte, ihm zu folgen. Dieser warf einen unruhigen Blick umher; was zum Henker hatte er denn mit dem Kapitän zu tun, und was konnte der von ihm wollen? – Und noch nicht einmal ein Stück Tabak hatte er bekommen! – Aber was konnten sie ihm auch tun – was kümmerten sie sich um ihn ober irgendeinen der weggelaufenen Matrosen auf diesen Inseln?

Außerdem kreuzten da draußen um das Schiff herum fünf oder sechs Kanus der Eingeborenen, während keins der Schiffsboote auf dem Wasser lag, und wenn er auch wußte, wie wenig Zeit es einem Walfischfänger nimmt, seine Boote niederzuwerfen, so kannte er dagegen auch die Schwerfälligkeit der Kauffahrer bei diesem Manöver. Hatten sie deshalb wirklich etwas gegen ihn im Sinn, so war er mit einem Satz über Bord und dann bald in Sicherheit – und mit diesem Bewußtsein folgte er etwas zuversichtlicher dem schon vorangegangenen Seemann.

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