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Sendschreiben an einen jungen Dichter

Christoph Martin Wieland: Sendschreiben an einen jungen Dichter - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleSendschreiben an einen jungen Dichter
pages767-785
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Christoph Martin Wieland

Sendschreiben an einen jungen Dichter

Geschrieben im Jahre 1782

Nun wohlan denn, mein junger Freund! niemand kann seinem Schicksal entrinnen; und wenn auch Sie zum Lorbeerkranz und dunkeln Kämmerchen des göttlichen Tasso, oder zum Spital und Nachruhm des Portugiesen Camoens bestimmt sind, kann ich schwacher Sterblicher es verhindern?

Ich habe Ihre Beichte gehört, und den ganzen Fall wohl erwogen. Ihr innerer Beruf scheint in der Tat keinem Zweifel unterworfen zu sein.

Eine so scharfe Stimmung aller äußern und innern Sinne, daß der leiseste Hauch der Natur das ganze Organ der Seele, gleich einer Äolsharfe, harmonisch ertönen macht, und jede Empfindung die Melodie des Objekts, wie das schönste Echo, im reinsten Einklang, verschönert zurück gibt, und, so wie sie stufenweise verhallt, immer lieblicher wird.

Ein Gedächtnis, worin nichts verloren geht, aber alles sich unmerklich zu jener feinen, bildsamen, halb geistigen Masse amalgamiert, woraus die Phantasie ihre eigenen neuen Zauberschöpfungen hervor haucht.

Eine Einbildungskraft, die durch einen unfreiwilligen innern Trieb alles Einzelne idealisiert, alles Abstrakte in bestimmte Formen kleidet, und unvermerkt dem bloßen Zeichen immer die Sache selbst oder ein ähnliches Bild unterschiebt; kurz, die alles Geistige verkörpert, alles Materielle zu Geist reinigt und veredelt.

Eine zarte und warme, von jedem Anhauch auflodernde Seele, ganz Nerv, Empfindung und Mitgefühl, die sich nichts totes, nichts fühlloses in der Natur denken kann, sondern immer bereit ist, ihren Überschwang von Leben, Gefühl und Leidenschaft allen Dingen um sich her mitzuteilen; immer mit der behendesten Leichtigkeit andre in sich, und sich in andre verwandelt.

Eine von der ersten Jugend an erklärte, sich nie verleugnende leidenschaftliche Liebe zum Wunderbaren, Schönen und Erhabenen in der physischen und moralischen Welt.

Ein Herz, das bei jeder edlen Tat hoch empor schlägt, vor jeder schlechten, feigherzigen, gefühllosen, mit Abscheu zurück schaudert.

Zu allem diesem, bei dem heitersten Sinne und leichtesten Blut, ein angebornen Hang zum Nachsinnen, zum Forschen in sich selbst, zum Verfolgen seiner Gedanken, zum Schwärmen in der Ideenwelt – und, bei der geselligsten Gemütsart und der zärtlichsten Lebhaftigkeit der sympathetischen Neigungen, eine immer vorschlagende Liebe zur Einsamkeit, zur Stille der Wälder, zu allem was die Ruhe der Sinne befördert, allem was die Seele von den Gewichten erleichtert, wodurch sie in ihrem eigentümlichen freien Fluge gehemmt wird, oder was sie von den Zerstreuungen befreit, die ihr inneres Geschäft stören.

Freilich, wenn dies alles nicht natürliche Anlage zu einem künftigen Dichter ist, nicht hinreicht einem Jüngling Sicherheit zu geben, daß es (mit dem Philosophen der Dichter zu reden) die Musen selbst seien, die ihm die schöne Raserei zugeschickt, die er eben so wenig, als Virgils Cumäische Sybille den prophetischen Gott, von sich schütteln kann –

Sei'n Sie ruhig, mein Freund! Ich erkenne und ehre den unauslöschlichen Charakter, wodurch die Natur Sie zum Priester der Musen geweiht hat: und da es, nach dem göttlichen Plato, bloß darauf ankommt, daß die Musenwutη απο Μουσων μανια. , um die schönsten Wirkungen zu tun, eine zarte und ungefärbte Seeleψυχην απαλην και αβαπτον. ergreife; so müßte ich mich sehr an Ihnen irren, oder Sie werden der Theorie unsers Philosophen Ehre machen.

Ich möchte es eben nicht für ein untrügliches Kennzeichen eines echten innern Berufs annehmen; aber wenigstens pflegt sich fast immer bei künftigen Virtuosen, bei Dichtern, Malern usw. von der ersten Jugend an ein beinahe unwiderstehlicher Trieb zu der Kunst, in welcher sie vortrefflich zu werden bestimmt sind, zu äußern – und auch dieses Zeichen der Erwählung findet sich an Ihnen, mein junger Freund.

»Ich kann mich, (sagen Sie mir) so weit ich in meine ersten Lebensjahre zurück zu sehen vermag, keiner Zeit erinnern, wo ich nicht Verse gemacht hätte. Die angeborne Empfindlichkeit meines Ohrs für die Musik schöner Verse – die Wollust, in welcher ich schwamm, wenn ich mir schon als Knabe gewisse vorzüglich schön versifizierte Stellen in alten oder neuern Dichtern, besonders in der Aeneis und in Horazens Oden, laut vordeklamierte – das häufige Wiederholen und Verweilen bei solchen Stellen, an denen sich, auch wenn ich sie still las, ich weiß nicht welch ein inwendiges geistiges Ohr, womit mich die Natur beschenkt hat, wie am verhallenden Nachklange des Gesanges der Musen, weidete – alles dies kam bei mir dem Unterrichte zuvor: und so fand sichs, daß ich alle Arten von Versen machte und eine Menge von Regeln beobachtete, eh ich den mindesten gelehrten Begriff von Prosodie, Rhythmus, poetischem Numerus, nachahmender Harmonie, und dergleichen hatte. Nichts glich meiner Liebe zu den Dichtern als die Leichtigkeit womit ich sie verstand, das Interesse, das sie mir einflößten, und die beinahe ekstatische Entzückung, in welcher ich Stunden lang im Genuß einer vorzüglich schönen Stelle, und in den Visionen, die dadurch in meiner Seele veranlaßt wurden, verharrete. Über meinem Virgil, Haller, Milton, und Klopstocks ersten fünf Gesängen, vergaß ich Essen und Trinken, Spiel, Schlaf, mich selbst und die ganze Welt. – Ich erfuhr zwar von früher Jugend an, von Seiten derer, denen meine Erziehung von natürlicher oder bezahlter Pflicht wegen oblag, den nämlichen Widerstand, womit Ovid, Ariost, Tasso, Marino, und so viele andre berühmte Dichter zu kämpfen hatten. Aber die stärkere Natur siegte, und der Genius oder Kobold (wie Sie ihn lieber nennen wollen) der mich besaß, wollte sich weder in gutem noch bösem austreiben lassen. Wenn ich auch keine Verse machte, meine musenfeindlichen Aufseher hatten damit wenig gewonnen. Alle Ideen und Kenntnisse, womit sie meine Seele voll zu stopfen beflissen waren, fielen entweder wieder durch, oder verwandelten sich in poetischen Stoff. Was ich nur trieb, Metaphysik, Moral, Naturlehre, Geschichte, Politik, alles wurde in mir zu Epopee und Drama; und während uns der Lehrer mit der Miene eines Mystagogen die Leibnizische Monadologie erklärte, entwickelte sich in meiner Einbildungskraft der Plan eines Gedichts über den Ursprung der Venus aus Meerschaum; oder ich ließ die Bildsäule Pygmalions sich vor meinen Augen beleben, oder erklärte mir, wie das große Principium der Orphischen Kosmogonie, die Liebe, gleich der Leier Amphions, durch ihre Anziehungskraft die Elemente in eine Welt habe zusammen fügen können. –«

Was kann ich Ihnen, mein Lieber, gegen Tatsachen von dieser Stärke einwenden? – Ich glaube meine eigene Geschichte zu hören. Alles dies war, von Wort zu Wort, vor fünfunddreißig Jahren mein eigner Fall: und wenn ich Sie, nach so deutlichen Fingerzeigen der Natur, gleichwohl noch am diesseitigen Ufer des gefährlichen Rubikon aufhalten möchte; so habe ich wenigstens ganz andre Ursachen dazu, als Mißtrauen in Ihre Anlage und Fähigkeiten.

Schon die ersten Blumen des fruchtbaren Bodens, der Ihnen zu Teil geworden ist, so bescheiden Sie selbst davon denken, würden hinlänglich sein, mir von Ihnen die schönsten Hoffnungen zu machen; und um so gewissere, eben darum weil Sie, bei einem so entschiedenen Naturberuf und so vielen Vorübungen und Studien von mehrern Jahren, noch immer so wenig mit Ihren eignen Produkten zufrieden sind, und durch einen Beifall, den Sie zu verdienen sich nicht bereden können, beinahe eben so sehr beleidigt werden als andre durch den gerechtesten Tadel. Ich kenne kein entscheidendres Merkmal eines wahren Talents als – diese Schwierigkeit sich selbst ein Genüge zu tun; dieses unermüdete Höherstreben; diese unaffektierte Verachtung dessen, was man schon ist, gegen das, was man noch werden zu können sich getraut; und dieses feine Gefühl für die Schönheiten in den Werken andrer, und für die Mängel in seinen eigenen: – Eigenschaften, die ich so oft an Ihnen wahrzunehmen Gelegenheit habe, und die bei jungen und alten Dichtern so selten sind.

Staunen Sie mich immer an so viel Sie wollen, mein Lieber! Aber gerade meine so wohl begründete Überzeugung, daß Mutter Natur wirklich die Absicht hatte einen Dichter aus Ihnen zu machen, und daß Sie, wenn Sie sich Ihrem Hang überlassen, ganz Dichter und also für alle andre Lebensarten verloren sein werden, gerade dies ists, was mich für Sie zittern macht. Unglücklicher Weise hat die gute Mutter an alles, nur nicht an den einzigen großen Punkt gedacht, daß Plutus zu ihrem Plan hätte beigezogen werden müssen. Wie konnte sie vergessen, daß die Dichter, so wenig als die Paradiesvögel, von Blumendüften leben können; und daß gerade der Mann, dem alle Elementargeister zu Gebote stehen, und dem es nur einen Federzug kostet um die herrlichste Zaubertafel aus der Erde hervor steigen zu lassen, unter allen Menschen in der Welt dem Hungersterben am nächsten ist, wenn nicht zufälliger Weise irgend ein mitleidiger Genius (auf den übrigens nie zu rechnen ist) besser für ihn gesorgt hat, als die Natur, die Musen – und er selbst?

Ein andres wäre, wenn Sie die Miene hätten, dem weisen Rate zu folgen, den Herr Klinggut seinem Freunde gibtS. dessen Episteln. Erstes Heft. S. 22 u. f. , die Poeterei (mit der es, wie er meint, doch immer in allem Betracht eine unsichre Sache ist) bloß als Nebenwerk neben einem einträglichen Amte oder einer andern ehrbaren gelehrten oder bürgerlichen Nahrung zu treiben. »Ruft dich dann einmal«, sagt Herr Klinggut, »ein schöner Tag in deinen Garten,

Dein Kaffee und die Vögel warten
Nebst deinen Blumen schon auf dich;
Du wirst entzückt, du freust dich inniglich,
Du kennst schon die Natur und sie kennt dich,
Und eh dus merkst, macht sie dich selbst zum Dichter;
Ruft dann die Curie als Richter,
Dein Amt, dein Haus, dein Freund, nichts auf der Welt, dich ab:
So eil und lauf in vollem Trab,
Hol dir ein Blatt Papier und schreibe,
Von keinem bessern Zeitvertreibe
Gereizt, den ganzen langen Tag,
Und schicks nach Dessau in Verlag.«

Das ist doch eine Art sich mit der Natur und den Musen auf einen Fuß zu setzen, wobei man noch ziemlich leidlich wegkommt! Aber die Verse, die man so nach Dessau in Verlag schickt, sind denn freilich auch darnach; und man muß gestehen, daß die Dichter vom engern Ausschusse sich gewöhnlich anders dazu angeschickt haben. Wer nur alsdann Verse macht, wenn er sonst auf der Gotteswelt nichts zu tun weiß, wird gerade so ein Dichter sein, wie einer, der sich nur in verlornen Stunden mit Malerei abgeben wollte, ein Raffael sein würde.

Was ich Ihnen hier sage bleibt unter uns. Bewahren mich die Grazien, daß ich die Herren, die ihre verlornen Stunden so gut zu benutzen wissen, in ihrem Zeitvertreibe beeinträchtigen wollte! – Genug, Sie, mein junger Freund, sind, zu Ihrem Glück oder Unglück, keiner von dieser Kategorie. Ihre Liebe zur Muse ist eine ernsthafte Leidenschaft, die das Schicksal Ihres Lebens entscheiden wird.

Sie werden überall, in allen Vorfallenheiten, Verhältnissen, Geschäften, Händeln, Leiden und Freuden Ihres Erdewallens, Dichter sein; immer denken, fühlen, reden, handeln, wie nur ein Dichter denkt, fühlt, spricht und handelt: und, wenn Sie auch zehn Jahre hinter einander keinen einzigen Vers gemacht hätten, so wird doch alles, was Sie in diesen zehn Jahren gesehen, gehört, versucht, getan und gelitten haben, entweder Poesie gewesen oder zu Poesie geworden sein; und es werden am Ende dieser (dem Anschein nach) für die Musen verlornen Periode Ihres Lebens mehr Keime und Embryonen von Gedichten aller Art in Ihrer Seele liegen, als Sie, wenn Sie auch Bodmers oder Nestors Jahre erreichten, nicht auszubrüten Zeit haben würden.

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