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Semper der Mann

Otto Ernst: Semper der Mann - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleSemper der Mann
authorOtto Ernst
year1916
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
titleSemper der Mann
pages3-4
created20020819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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LI. Kapitel.

Michael Kohlhaas.

So ungefähr mußte Samuel Johnson ausgesehen haben, wie der Baron von Korbach aussah. Ein großer, breiter, dicker, ungeschlachter Mann, sorglos gekleidet, mit einem sinnlichen Gesicht, ein Mann, den man, wenn man ihn nicht kannte, auch für einen besseren Fleischer oder Bierbrauer hätte halten können. Aber solange ein Mensch nicht gesprochen hat, soll man eben nicht urteilen; erst das sprechende Fleisch wird lebendig. Er hatte auch das mit Samuel Johnson gemein, daß er ein lexikographisches Wissen besaß, das überdies in jedem Augenblick zu Diensten stand. Sein Besonderstes aber waren seine barocken Einfälle, denen oft ein zynischer Pessimismus zugrunde lag.

»Ich denke mir immer,« sagte er eines Tages, »man wird einmal eine Maschine bauen, in die man auf der einen Seite Buchstaben hineinwirft und aus der auf der andern Sätze herauskommen. Denken Sie, Herr Semper, was da herauskommen müßte! Neben einer Unmenge von sinnlosem Zeug die tiefsten, erhabensten, göttlichsten Gedanken, die entscheidendsten Aufschlüsse! Stellen Sie sich dies Glück für die Menschheit vor! Sie könnte ihre tiefste Sehnsucht befriedigen und alle natürlichen Genies abschlachten!«

Wenn er ein Stück mit zwanzig Personen einstudierte, so konnte er alle zwanzig mit Ideen für Stück und Rolle versorgen, oft mit sehr seltsamen Ideen; aber er behielt jedenfalls noch Ideen genug übrig, um nach der Probe oder Vorstellung, bei Importzigarre und Burgunder, stundenlang damit zu ergötzen. Auch an diesem Abend, als er mit Asmussen nach beendeter Tafel in einem Winkel zusammen saß, ließ er mit den Wolken seiner Zigarre eine bitterlustige Phantasmagorie steigen.

»Es geht Ihnen wie mir,« sagte er, »Sie können auch den Schulmeister in sich nicht totmachen. Sie wissen, daß ich Universitätsprofessor war, und ich kann's nicht lassen, bei allem, was ich tue und schreibe, zu denken: was für Nutzen bringt es den Menschen? Ich denke wie jener witzige Mann: Jede gute Geschichte muß ihre Moral haben, wie jeder anständige Mensch ein Taschentuch hat; aber es braucht nicht hinten herauszuhängen.«

»Da passen Sie also genau so wenig in diese Zeit wie ich,« versetzte Asmus; »denn in einer Zeit, da der Glaube an einen Fortschritt, an eine zunehmende Erleuchtung und Besserung der Menschen unbändig verlacht wird, ist natürlich nichts so sehr verachtet wie ein Stück oder ein Buch, aus dem man etwas lernen kann.«

»Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf,« sagte Korbach und drehte wohlgefällig seine große ›Garcia‹ in den Fingern, »dann hören Sie nicht auf das Geheul Ihrer Feinde, sondern gehen Sie unbekümmert Ihren Weg. Das ist unser Hagelschlag, den wir ertragen müssen wie jeder Landwirt. Diese Sorte von Theaterkritik ist die umgekehrte Armee: die Offiziere werden von den Gemeinen kritisiert, und mitunter von sehr Gemeinen.«

»Selbstverständlich laß ich mich nicht irremachen,« sagte Asmus, »dazu ist mein Selbstbewußtsein viel zu kräftig gebaut. Was mich aufbringt, ist etwas ganz anderes. Ich bin von der Natur mit der unglückseligen Gabe eines – vielleicht überempfindlichen – Rechtsgefühls ausgestattet. Ich kann kein Unrecht sehen, ganz einerlei, ob es mich oder andere trifft. Dies Gefühl geht bei mir bis zum Starrsinn; von allen tragischen Helden ist mir keiner verständlicher als Michael Kohlhaas, und es ist wohl kein Zufall, daß der Held meines ersten Dramas ein Michael Kohlhaas der Gewissensrechte ist.«

»Das Stück gebe ich demnächst!« rief der Baron, »obwohl ich eigentlich kirchentreuer Katholik bin!«

»Was ich da sage,« fuhr Asmus fort, »klingt wohl recht pharisäisch, als wenn ich mir einbildete, selbst kein Unrecht begangen zu haben. Das habe ich gewiß und verlange nichts geschenkt; vielmehr seh' ich in jedem Übel, das mich trifft, die Strafe für irgendein Unrecht. Denn das Recht ist mir nun einmal der Grundstein der Welt, ohne den sie für mich in Trümmer zerfällt. Auch die Liebe kann das Recht nicht ersetzen; soviel sie verzeihen mag und verzeihen soll – nachher muß sie doch immer das Recht wieder herstellen; sonst wird aus der Welt ein stinkender Sumpf.«

»Das ist sie schon!« lachte der Baron, »das ist sie schon, und man muß rechtzeitig für hohe Stiefel sorgen.«

»Nun, so weit kann ich Ihnen nicht folgen,« meinte Asmus. »Auch unsere Presse ist doch wohl im wesentlichen noch gesund; wenigstens ist sie doch unbestechlich.«

»Was nennen Sie unbestechlich?« rief Korbach. »Ja, wenn Sie zu einem dieser Skandalkritiker sagen: ›Hier hast du hundert Mark – lobe mich!‹ dann würde er einen solchen Pakt natürlich mit sittlicher Entrüstung zurückweisen. Und doch wäre dies noch gewissermaßen die ›ehrlichste‹ Form der Bestechung; man weiß doch, woran man ist, und der Gekaufte nimmt doch eine Gefahr auf sich. Aber Sie wissen doch, daß mindestens 75 Prozent unserer Schmähhälse ›Selbstdichter‹ sind, die abgelehnte oder durchgefallene Stücke in der Brusttasche tragen! Wenn Sie nun ›Glück‹ haben – die Erfolge anderer sind natürlich immer ›Glück‹ – und wenn Sie gar – das Unverzeihlichste! – mit Ihren Stücken Geld verdienen, dann verreißt Sie das ›unglückliche Genie‹ für das Geld, das er nicht bekommen hat. Ist das etwa nicht Bestechung? Ist es nicht Bestechung, wenn er Sie schmäht, weil Sie der Freund eines Mannes sind, der mit seiner Schwiegermutter verfeindet ist? Ist es nicht Bestechung – mir fällt da ein sehr komisches Erlebnis ein: Ich sitze eines Tages im Restaurant Siechen, hier in Hamburg. In der Nische neben mir, unsichtbar für mich, wie ich es für sie bin, sitzen drei Personen, die ich nach der Stimme als zwei Herren und eine Dame unterscheide. Man spricht Literatur.«

»Wann sollst du denn deine erste Kritik schreiben?« fragt eine männliche Stimme.

»Montag,« antwortet die andere.

»Über was denn?«

»Sudermann, ›Das Glück im Winkel‹.«

»Na, da hast du ja gleich die schönste Gelegenheit! Siehst du, mein Junge, du mußt gleich mit deiner ersten Kritik Sensation erregen! Alle Welt muß aufhorchen und fragen: Wer ist das? Der ist ja von einer göttlichen Frechheit! Deine erste Rezension muß einschlagen wie eine Bombe!«

»Ja, Heimdal,« – Heimdal hieß der Jüngling! – »du mußt dir sofort eine Position erobern,« bekräftigte die weibliche Stimme.

»Na, da seid nur ganz ruhig,« lachte der also Angefeuerte, »das werden wir schon kriegen!«

Beim Weggang sah ich mir die Gruppe an; es waren nach allem Anschein Papa und Mama, die ihrem Söhnchen, einem höchstens neunzehnjährigen Bürschchen, Unterricht im Hühnerstehlen gaben. Heimdal tat denn auch seine volle Schuldigkeit. Seine »Kritik« war ein beständiger Scheiterhaufen, an dem er sein Süppchen wärmte. Ist das etwas Besseres als Bestechung? Ist es nicht Bestechung, wenn ein Mann Sie vermöbelt, weil Sie nicht zu seiner Verlagsclique gehören? Wenn Benjamin Hübscher –«

»Wie?« rief Asmus hoch aufhorchend, »Benjamin Hübscher?«

»Kennen Sie Benjamin Hübscher nicht?«

»Oh, freilich kenn' ich ihn,« lachte Asmus und erzählte seine Hamburger Erfahrungen mit diesem Kunstfreunde.

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