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Seltsame Geschichten

Edgar Allan Poe: Seltsame Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorEdgar Allan Poe
titleSeltsame Geschichten
publisherLeuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1928
translatorWilhelm Cremer
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Der alte Mann mit dem Geierauge

Gewiß, ich war immer nervös, ich war ganz schrecklich nervös und bin es noch – aber brauche ich deswegen wahnsinnig zu sein? Die Krankheit hatte meine Sinne geschärft, sie aber nicht zerstört noch abgestumpft. Vor allem besaß ich ein äußerst feines Gehör. Ich hörte alle Dinge im Himmel und auf der Erde und auch alles, was in der Hölle geschah. Bin ich darum wahnsinnig? Achten Sie bitte darauf, wie vernünftig, wie ruhig ich die ganze Geschichte erzähle.

Es ist unmöglich zu sagen, wie diese Idee zum erstenmal in mir auftauchte, aber als ich sie einmal gefaßt halte, quälte sie mich Tag und Nacht. Einen besonderen Grund hatte ich nicht. Haß war nicht vorhanden. Im Gegenteil, ich liebte den alten Mann, und er hatte mir nie etwas Böses zugefügt, noch mich je beleidigt. Nach seinem Geld trug ich kein Verlangen. Ich glaube, es war wohl sein Auge! Ja, das war es! Er hatte das Auge eines Geiers – ein blaßblaues, verschwommenes Auge. Wenn er mich damit ansah, überlief es mich kalt, und so faßte ich langsam – sehr langsam – den Entschluß, ihn ums Leben zu bringen, um mich auf diese Weise von seinem Auge zu befreien. So liegt die Sache. Sie halten mich für wahnsinnig, aber Wahnsinnige haben keinen Verstand. Und Sie hätten mich sehen sollen. Sie hätten beobachten sollen, wie klug ich vorging, mit welcher Umsicht – mit welcher Vorausberechnung und Verstellung ich zu Werke ging! Nie bin ich gegen den alten Mann so freundlich gewesen wie in der Woche, bevor ich ihn tötete. Und jede Nacht gegen zwölf Uhr drückte ich ganz leise auf die Klinke seiner Stubentüre und öffnete sie. Und wenn ich sie gerade so weit geöffnet hatte, daß mein Kopf hindurch konnte, schob ich eine Blendlaterne hinein, die so dicht geschlossen war, daß auch nicht ein Lichtstrahl herausdrang, und steckte dann erst meinen Kopf hinein. O, Sie würden gelacht haben, wenn Sie zugesehen hätten, wie geschickt ich meinen Kopf hineinsteckte. Ich bewegte ihn nur ganz, ganz langsam, um den alten Mann nicht im Schlaf zu stören, und es dauerte eine Stunde, bis ich ihn so weit hatte, daß ich den Alten auf seinem Bette konnte liegen sehen. Haha! – würde ein Wahnsinniger so klug gehandelt haben? Und dann, wenn mein Kopf ganz im Zimmer war, öffnete ich vorsichtig die Laterne – o, ganz vorsichtig, damit die Scharniere nicht knackten – ich öffnete sie nur so weit, daß ein einziger dünner Lichtstrahl auf sein Geierauge fiel. Und das tat ich sieben lange Nächte hindurch – jede Nacht um zwölf Uhr –, aber ich fand sein Auge immer geschlossen. Und so war es mir unmöglich, meinen Entschluß auszuführen, denn es war ja nicht der alte Mann, der mich quälte, sondern sein böses Auge. Und jeden Morgen, wenn es hell wurde, ging ich kühn in sein Zimmer und sprach freimütig mit ihm. In herzlichem Ton nannte ich ihn bei seinem Namen und fragte ihn, wie er die Nacht verbracht hätte. Sie begreifen wohl, daß er ein wirklich gründlich kluger alter Mann hätte sein müssen, um zu vermuten, daß ich ihn jede Nacht genau um zwölf Uhr im Schlafe beobachte.

In der achten Nacht war ich noch vorsichtiger als sonst beim Öffnen der Tür. Der Minutenzeiger einer Uhr bewegt sich schneller, als es meine Hand tat. Nie zuvor war ich so meiner Fähigkeiten, meiner Klugheit bewußt gewesen als in dieser Nacht. Ich konnte mich kaum enthalten, meinem Triumphgefühl Ausdruck zu geben. Man denke, daß ich es war, der Zoll um Zoll die Tür öffnete, während er nicht einmal von meinen Taten und Plänen träumte. Ich kicherte unwillkürlich bei diesem Gedanken, und vielleicht hat er das gehört, denn er bewegte sich plötzlich erschrocken in seinem Bett. Nun glauben Sie, ich hätte mich zurückgezogen? – O nein. In seinem Zimmer herrschte eine pechschwarze, dicke Dunkelheit, denn die Fensterladen waren aus Furcht vor Einbrechern fest geschlossen, und so wußte ich, daß er das Öffnen der Tür nicht sehen konnte. Ich schob sie also unentwegt weiter auf.

Ich hatte meinen Kopf schon hineingesteckt und war dabei, die Laterne zu öffnen, als mein Daumen von dem Zinnverschluß abglitt. Sofort sprang der alte Mann im Bett auf und schrie: »Wer ist da?«

Ich verhielt mich ganz still und sagte nichts. Eine ganze Stunde hindurch bewegte ich keine Muskel; und in all der Zeit hörte ich nicht, daß er sich wieder hinlegte. Er saß noch immer aufrecht im Bett und lauschte, gerade so wie ich Nacht für Nacht gesessen habe, wenn ich auf die Totenwürmer in der Täfelung lauschen mußte.

Endlich hörte ich ein leises Stöhnen, und ich wußte, daß es das Stöhnen der Todesangst war. Es war kein Stöhnen aus Schmerz oder Kummer – o nein! – es war ein dumpfer, halberstickter Laut, der aus der Tiefe der Seele kommt, wenn sie vor Grauen fast vergeht. Ich kannte den Laut gut. Manch eine Nacht, gerade um zwölf Uhr, wenn alle Welt schlief, war er auch aus meinem Herzen aufgestiegen, und sein Echo hatte das Entsetzen, das mich zerriß, aufs höchste getrieben. Ich sage, ich kannte ihn wohl. Ich wußte, was der alte Mann fühlte, und bemitleidete ihn, obgleich ich innerlich kicherte. Ich wußte, daß er seit dem ersten leisen Geräusch, als er sich im Bett aufgerichtet hatte, die ganze Zeit über wach gewesen, und daß die Furcht seitdem in ihm immerzu gewachsen war. Er hatte vergebens versucht, sie als grundlos abzuschütteln. Er hatte sich gesagt: »Es war nichts als der Wind im Kamin, es war nur eine Maus, die über den Fußboden lief«, oder: »es war ein Heimchen, das einmal zirpte.« Jawohl, mit solchen Annahmen hatte er sich zu trösten versucht und doch alles vergeblich gefunden. Es war alles vergeblich, denn der Tod war mit seinem schwarzen Schatten vor ihn hingetreten und hatte sein Opfer eingehüllt. Und die bedrückende Nähe dieses unsichtbaren Schattens ließ ihn fühlen – sehen und hören konnte er nichts –, daß sich mein Kopf im Zimmer befand.

Als ich eine lange Zeit sehr geduldig gewartet hatte, ohne daß er sich niederlegte, beschloß ich, den Schlitz der Laterne ein ganz klein wenig zu öffnen. Sie können sich gar nicht denken, wie unendlich vorsichtig und langsam ich das tat, bis endlich so dünn wie der Faden eines Spinngewebes ein einzelner feiner Strahl aus der Öffnung glitt und gerade auf das Geierauge fiel.

Es stand offen – weit, weit offen – und ich wurde wütend, als ich darauf starrte. Ich sah es mit völliger Deutlichkeit – ein einziges mattes Blau mit einem widerlichen, trüben Schleier darüber, so daß mir das Mark in den Knochen zu frieren begann. Sonst aber konnte ich weder von dem Gesicht noch von dem Körper des alten Mannes etwas erblicken, denn ich hatte wie durch Instinkt den Strahl genau auf den verdammten Fleck gerichtet.

Übrigens, habe ich Ihnen nicht gesagt, daß das, was Sie für Wahnsinn halten, nur eine Überschärfe meiner Sinne ist? Nun, ich versichere Ihnen, in diesem Augenblick kam an meine Ohren ein leiser, dumpfer und schneller Ton, wie ihn eine Uhr macht, die in Baumwolle eingewickelt ist. Auch diesen Ton kannte ich sehr gut. Es war der Herzschlag des alten Mannes. Er verstärkte meine Wut, wie das Schlügen einer Trommel den Soldaten zur Tapferkeit entflammt.

Aber auch jetzt noch bezwang ich mich und blieb still. Ich atmete kaum und hielt die Laterne bewegungslos. Ich versuchte, so genau es ging, den Strahl immerzu auf das Auge zu richten. Inzwischen verstärkte sich das höllische Herzklopfen, es wurde mit jedem Augenblick schneller und schneller, lauter und lauter. Das Entsetzen des alten Mannes muß außerordentlich groß gewesen sein! Es wurde lauter, sage ich, mit jedem Moment lauter! Ich habe Ihnen erzählt, daß ich nervös bin – ich bin es wirklich. Jetzt in der toten Stunde der Nacht, inmitten des entsetzlichen Schweigens des alten Hauses, erregte ein so unheimliches Geräusch wie dieses in mir einen unüberwindlichen Schrecken. Trotzdem bezwang ich mich noch einige Minuten länger und stand ganz still. Aber noch lauter und lauter schlug das Herz, bis ich dachte, es müßte zerspringen. Und jetzt überfiel mich eine neue Angst – ich dachte, der Nachbar könnte es hören! Damit war des alten Mannes letzte Stunde gekommen. Mit einem gellenden Schrei riß ich die Laterne auf und stürzte ins Zimmer. Auch er schrie, aber nur einmal. In einem Augenblick riß ich ihn auf den Boden und preßte das schwere Bett über ihn. Dann lachte ich froh, weil ich endlich die Tat begangen hatte. Aber noch viele Minuten lang schlug das Herz in einem dumpfen Ton. Doch das störte mich nicht, denn man konnte das nicht mehr durch die Mauer hören. Schließlich hörte es auf, und der alte Mann war tot. Ich entfernte das Bett und besah mir die Leiche.

Ja, er war mausetot. Ich legte meine Hand auf sein Herz und hielt sie da viele Minuten lang. Das Herz schlug nicht mehr, er war mausetot, und sein Geierauge würde mich nicht mehr quälen.

Wenn Sie mich nun noch immer für wahnsinnig halten, so werden Sie Ihre Ansicht ändern, sobald Sie hören, mit welcher Vorsicht ich daran ging, den Körper zu verbergen. Die Nacht ging zu Ende und ich arbeitete schnell, aber schweigend. Zunächst trennte ich alle Glieder vom Körper, ich schnitt den Kopf, die Arme und die Beine ab.

Ich hob drei Bretter vom Fußbodenbelag auf und legte alles zwischen die Balken. Dann fügte ich die Bretter so geschickt und schlau wieder in die alte Lage, daß kein menschliches Auge – nicht einmal sein Geierauge – irgend etwas Verdächtiges bemerken konnte. Ich brauchte nichts auszuwaschen, keinen einzigen Fleck oder Blutstropfen. Dafür war ich viel zu klug, ich hatte alles in einer Wanne aufgefangen – ha ha!

Wie ich meine Arbeit beendet hatte, war es vier Uhr und noch ganz dunkel. Gerade schlug die Uhr, da hörte ich ein Klopfen an der Stubentür. Leichten Herzens ging ich hinab, um zu öffnen, denn was hatte ich jetzt noch zu fürchten? Drei Männer traten herein, die sich mit größter Höflichkeit als Kriminalbeamte vorstellten. Ein Nachbar hatte während der Nacht einen Schrei gehört und war, da er eine Untat vermutete, nach dem Polizeiamt gegangen. Die Beamten waren nun gekommen, um eine Haussuchung vorzunehmen.

Ich lächelte – was hatte ich zu befürchten? Ich begrüßte die Herren und sagte, ich hätte selbst im Traum aufgeschrien. Der alte Mann, so erwähnte ich, sei aufs Land gereist. Ich begleitete meine Besucher durch das ganze Haus und bat sie, alles genau zu durchsuchen.

Schließlich führte ich sie in das Zimmer des alten Mannes und zeigte ihnen seine Besitztümer, die alle sicher und unberührt waren.

Im Hochgefühl meiner Sicherheit brachte ich Stühle in die Kammer und bat sie, sich hier von ihren Mühen auszuruhen, wobei ich mich im wilden Übermut meines Triumphes gerade auf den Fleck setzte, unter dem die Leiche meines Opfers lag.

Die Beamten waren beruhigt, mein Benehmen hatte sie von meiner Unschuld überzeugt. Mir war aber auch seltsam leicht zumute. Sie saßen und plauderten von gleichgültigen Dingen, während ich ihnen fröhliche Antworten gab. Aber nicht lange danach fühlte ich, wie ich bleich wurde, und ich hätte gern gehabt, wenn sie gegangen wären. Mein Kopf schmerzte, und in meinem Ohr meinte ich ein Pochen zu vernehmen, während sie ruhig dasaßen und weiterplauderten. Das Pochen in meinem Ohr wurde deutlicher, es ließ nicht nach, sondern wurde immer lauter. Um das Gefühl loszuwerden, begann ich immer mehr zu reden, doch es blieb und trat immer bestimmter auf – bis ich schließlich merkte, daß das Geräusch gar nicht in meinen Ohren entstand.

Zweifellos wurde ich jetzt sehr bleich – obgleich ich noch schneller und mit erhobener Stimme sprach. Doch der Klang wuchs – ich konnte nichts dagegen tun. Es war ein leises, dumpfes, schnelles Geräusch – gerade wie von einer Uhr, die in Baumwolle eingewickelt ist. Ich keuchte nach Atem – aber die Beamten hörten es nicht. Ich sprach schneller, heftiger, doch das Geräusch verstärkte sich unaufhörlich. Ich erhob mich und stritt mit ihnen wegen einer Kleinigkeit unter lauten Bemerkungen und heftigen Gestikulationen, aber das Geräusch nahm unaufhörlich zu. Warum gingen sie denn nicht? Mit schweren Tritten schritt ich im Zimmer auf und ab, als hätten mich die Bemerkungen der Männer wütend gemacht – doch das Geräusch nahm unaufhörlich zu.

O Gott, was sollte ich tun? Ich schäumte – ich raste – ich fluchte! Ich erhob den Stuhl, auf dem ich gesessen hatte, und schob ihn scharrend über die Dielen, aber das Geräusch übertönte alles und nahm unaufhörlich zu. Es wurde lauter – lauter – immer lauter! Und immer noch saßen die Männer in fröhlichem Geplauder und lächelten. War es denn möglich, daß sie es nicht hörten? Allmächtiger Gott! Nein, nein! Sie hörten es! – sie vermuteten alles! – sie wußten es sogar und machten sich über meine Angst lustig! – Das habe ich damals gedacht, und ich denke es heute noch. Aber alles war besser als diese endlose Qual! Alles war erträglicher als diese Ungewißheit! Ich konnte dieses heuchlerische Lächeln nicht länger mehr ansehen! Ich fühlte, ich mußte schreien oder sterben! Und da – jetzt kam es wieder – dieses Pochen! Lauter! lauter! lauter! immer lauter!

»Ihr Schurken!« schrie ich, »verstellt euch nicht länger! Ich gestehe die Tat! – reißt die Dielen auf! Hier, hier – hier schlägt dieses entsetzliche Herz!«

 


 

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