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Seltsame Geschichten

Edgar Allan Poe: Seltsame Geschichten - Kapitel 7
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authorEdgar Allan Poe
titleSeltsame Geschichten
publisherLeuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1928
translatorWilhelm Cremer
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Die Rache des Zwerges

Es gab wohl kaum einen Menschen, der so sehr einen lustigen Spaß liebte wie der König. Er ging förmlich darin auf, und wer ihm einen guten Witz recht übermütig zu erzählen wußte, der war sicher, seine Gunst zu gewinnen. Daher kam es auch, daß seine sieben Minister alle ausgezeichnete Spaßmacher waren. Aber nicht nur in ihrer Vorliebe für lustige Scherze glichen sie dem König, sondern auch in ihrer schweren, fettigen Wohlbeleibtheit. Ob nun die Menschen dick werden durch das Lachen, oder ob die Dicken eine natürliche Veranlagung zur Lustigkeit haben, jedenfalls ist ein magerer Spaßvogel eine seltene Sache.

Aus feineren, geistvollen Witzen machte sich der König aber gar nichts. Er hatte eine Vorliebe für das Derbe, und eher ließ er sich eine allzulange als eine spitzfindige Geschichte erzählen, denn alles Feine ermüdete ihn. Er würde Rabelais Gargantua dem Zadig Voltaires entschieden vorgezogen haben, wie überhaupt ein toller Streich, den er mitansehen konnte, seinem Geschmack mehr behagte als eine nur erzählte Geschichte.

Zu der Zeit, in der diese Erzählung spielt, gab es an den Höfen noch berufsmäßige Spaßmacher. Gerade die größeren Potentaten legten noch Wert darauf, einen Hofnarren zu halten, der in einem buntscheckigen Gewand und mit einer Schellenkappe herumlief und als Entgelt für die Brosamen, die von der Königs Tisch fielen, zu jeder Zeit und auf den leisesten Wink mit scharfen Witzen aufwarten mußte.

Unser König hatte natürlich auch seinen Hofnarren. Er brauchte, wie er sagte, etwas Verrücktes – schon als Gegengewicht gegen die tiefe Weisheit seiner sieben klugen Minister – um von seiner eigenen Weisheit gar nicht zu reden.

Sein Narr oder berufsmäßiger Spaßmacher war aber nicht nur ein Narr, er war, was ihm in den Augen des Königs einen dreifachen Wert gab, zugleich auch ein Zwerg und ein Krüppel. Zwerge gab es in jenen Zeiten an den Höfen ebenso häufig als Hofnarren, und manchem Monarchen würde es schwer gefallen sein, die Zeit totzuschlagen, die ja an den Höfen langsamer verlief als anderswo, ohne einen Spaßmacher, mit dem er lachen konnte, und einen Zwergen, über den er lachte. Aber, wie schon vorhin gesagt, in neunundneunzig von hundert Fällen sind die Spaßmacher fette, runde und plumpe Gesellen, so daß unser König sich schon etwas darauf einbilden konnte, in Hoppfrosch einen dreifachen Schatz in einer Person zu besitzen.

Der Name Hoppfrosch war dem Zwerge natürlich nicht von seinen Paten bei der Taufe gegeben worden, er hatte ihn nach gemeinsamer Beratung der sieben Minister erhalten, und zwar wegen seiner Unfähigkeit, wie andere Menschen zu gehen. Hoppfrosch konnte sich tatsächlich nur ruckweise vorwärts bewegen. Seine Gangart war ein abwechselndes Springen und Rutschen, das dem König ein unbegrenztes Vergnügen bereitete und ihn vor allem auch tröstete. Denn der König konnte gegen ihn trotz seines vorspringenden Bauchs und seines Wasserkopfes immer noch für eine stattliche Figur gelten.

Aber obgleich sich Hoppfrosch infolge der Mißbildung seiner Beine nur mühsam und schwer auf ebener Erde bewegen konnte, so befähigte ihn eine erstaunliche Muskelkraft seiner Arme, die ihm die Natur als Entgelt für die Minderwertigkeit seiner unteren Glieder gegeben hatte, zu einer wundervollen Fertigkeit im Klettern, sobald er nur einen Strick, einen Baum oder sonst etwas Ersteigbares fand. Bei solchen Kunststücken glich er mehr einem Eichhörnchen oder einem kleinen Affen als einem Frosch.

Es war nicht genau bekannt, aus welchem Lande Hoppfrosch stammte. Es mußte aber sicherlich eine barbarische Gegend sein, von der niemand je etwas gehört hatte, und die weit entfernt vom Hof und seinem König lag. Hoppfrosch und ein junges Mädchen, das fast gerade so zwerghaft klein wie er selber, aber von zartestem Ebenmaß war und wundervoll tanzen konnte, hatte man mit Gewalt aus ihrer Heimat geraubt und verschleppt, und später waren die beiden dem Könige von einem seiner siegreichen Generale als Geschenk zugesandt worden.

Unter solchen Umständen kam es ganz von selbst, daß zwischen den beiden kleinen Gefangenen eine große Vertrautheit entstand, und sie wurden bald geschworene Freunde. Hoppfrosch, der trotz seiner vielen Fähigkeiten nicht sehr beliebt war, konnte Trippetta keine großen Dienste erweisen. Aber sie wurde, trotzdem sie Zwergin war, wegen ihrer Grazie und zarten Schönheit allgemein bewundert und gehätschelt. Dadurch besaß sie einen bedeutenden Einfluß und verfehlte nie, so oft sie es konnte, ihn zugunsten von Hoppfrosch zu verwenden.

Bei irgend einer großen Staatsaktion beschloß nun der König, eine Maskerade abzuhalten, und jedesmal, wenn ein Maskenfest oder etwas ähnliches bei Hofe stattfand, dann spielten natürlich Hoppfroschs und Mariettas Talente die Hauptrolle. Besonders war Hoppfrosch so erfinderisch in neuen Ideen für Prunkaufzüge und in Kostümen für die Maskenbälle, daß nichts ohne seine Mitwirkung geschehen konnte.

Der für das Fest bestimmte Abend war gekommen. Einen prächtigen Saal hatte man unter Trippettas Leitung mit allem Zierrat geschmückt, der auf einem Maskenball Eindruck machen konnte. Der ganze Hof befand sich in fieberhafter Erwartung. Was die Maskenkostüme anging, so war darüber wohl sicher jeder zu einem Entschluß gekommen. Manche wußten schon seit Wochen, welche Rolle sie spielen wollten, und es bestand darüber nirgendwo mehr ein Zweifel – als nur noch bei dem König und bei seinen sieben Ministern. Warum sie sich eigentlich nicht entscheiden konnten, war unklar. Vielleicht waren sie zu scherzhaft gestimmt, oder, was wahrscheinlicher ist, sie fanden es bei ihrer Korpulenz schwierig, überhaupt einen Entschluß zu fassen. Jedenfalls verging darüber die Zeit, und als sie sich nicht mehr zu helfen wußten, ließen sie Trippetta und Hoppfrosch holen.

Die beiden kleinen Freunde gehorchten dem Befehl des Königs und fanden ihn mit den sieben Mitgliedern des Kabinettsrats bei Wein sitzen, aber er schien in sehr schlechter Laune zu sein. Er wußte, daß Hoppfrosch den Wein nicht liebte, denn dieser erregte den armen Krüppel fast bis zum Wahnsinn, und Wahnsinn ist kein angenehmes Gefühl. Aber der König liebte nun einmal derbe Scherze, und darum machte es ihm Vergnügen, Hoppfrosch zu zwingen, sich zu betrinken und, wie der König es nannte, lustig zu sein.

»Komm her, Hoppfrosch«, rief er, als der Hofnarr und seine Freundin in das Zimmer traten. »Schluck diesen Humpen auf das Wohl deiner fernen Freunde« – hier seufzte Hoppfrosch – »und dann gib uns eine Probe deiner Erfindungsgabe. Wir brauchen Charaktermasken – etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes. Wir haben es satt, immer wieder dasselbe zu sehen. Los, trink! Der Wein wird deinen Verstand schärfen.«

Hoppfrosch versuchte, wie gewöhnlich, mit einem Scherz auf die Worte des Königs zu erwidern, aber es gelang ihm nicht. Er hatte zufällig gerade Geburtstag, und der Befehl, auf das Wohl seiner fernen Freunde zu trinken, trieb ihm die Tränen in die Augen. Manche schweren und bitteren Tropfen fielen in den Pokal, als er ihn demütig aus der Hand des Tyrannen entgegennahm.

»Aha«, brüllte lachend der König, als der Zwerg widerstrebend den Becher leerte. »Sieh mal, was ein Glas guten Weines vermag! Deine Augen beginnen schon zu leuchten.«

Der arme Bursche! Seine großen Augen glühten mehr als sie leuchteten, denn die starke Wirkung, die der Wein auf sein erregbares Gehirn ausübte, trat fast unmittelbar ein. Zitternd stellte er den Pokal auf den Tisch und stierte mit einem halbwahnsinnigen Blick auf die Anwesenden. Sie schienen alle höchst belustigt zu sein über den Erfolg, den der Spaß des König hatte.

»Und nun ans Geschäft«, sagte der erste Minister, ein sehr dicker Mann.

»Ja«, meinte der König, »also, Hoppfrosch, du mußt uns helfen. Charaktermasken, mein lieber Freund! Wir brauchen Charakter – wie alle – ha, ha, ha!« Und da das sicherlich ein Witz sein sollte, brachen alle sieben in das gleiche Lachen aus. Hoppfrosch lachte ebenfalls, obgleich nur schwach und etwas zerstreut.

»Also los«, rief der König ungeduldig, »fällt dir nichts ein?«

»Ich bemühe mich, etwas Neues auszudenken«, antwortete der Zwerg ausdruckslos, denn er war ganz verwirrt von dem Wein.

»Du bemühst dich?« schrie der Tyrann wütend. »Was willst du damit sagen? Ah, ich verstehe. Du bist mißgestimmt und brauchst mehr Wein. Hier, trink dies!« Und er füllte von neuem den Pokal und bot ihn dem Krüppel an, der ihn, nach Luft schnappend, anstarrte.

»Trink, sage ich!« brüllte setzt der Unhold, »oder beim höllischen Feind –«

Der Zwerg zauderte, und der König wurde rot vor Wut. Die Höflinge grinsten. Trippetta aber, bleich wie der Tod, trat vor des Königs Stuhl und fiel auf die Knie, indem sie um Schonung für ihren Freund flehte.

Der Tyrann betrachtete sie, außer sich vor Erstaunen über ihre Kühnheit, einige Augenblicke. Er schien nicht recht zu wissen, was er tun oder sagen sollte, um seinem Unwillen Ausdruck zu geben. Schließlich stieß er sie, ohne eine Silbe zu sprechen, heftig zurück und goß ihr den Inhalt des vollen Humpens ins Gesicht.

Das arme Mädchen erhob sich, so gut sie es vermochte, und ohne nur einen Seufzer zu wagen, nahm sie wieder ihren früheren Platz unten am Tisch ein.

Eine halbe Minute lang herrschte ein tödliches Schweigen, während dessen man das Fallen eines Blattes oder einer Feder gehört hätte. Es wurde durch einen leisen, aber scharfen und knirschenden Ton unterbrochen, der aus jeder Ecke des Zimmers zugleich zu kommen schien.

»Was – was machst du da für ein Geräusch?« fragte der König, indem er sich wütend nach dem Zwerge wandte.

Dieser schien sich jetzt ganz von seiner Trunkenheit erholt zu haben und sah fest und ruhig dem Tyrannen ins Gesicht, wobei er gleichmütig sagte:

»Ich – ich? Wie könnte ich das gewesen sein?«

»Das Geräusch schien von draußen zu kommen«, bemerkte einer der Höflinge. »Ich glaube, es war der Papagei am Fenster, der seinen Schnabel an den Drähten des Käfigs wetzte.«

»So war es«, sagte der König, als beruhigte ihn diese Erklärung sehr. »Aber bei meiner Ritterehre, ich hätte schwören mögen, dieser Vagabund habe mit den Zähnen geknirscht.«

Jetzt lachte der Zwerg (der König war ein viel zu großer Freund von Späßen, um je an einem Lachen Anstoß zu nehmen) und zeigte zwei Reihen großer, fester und sehr grimmiger Zähne. Auch erklärte er sich gern bereit, so viel Wein zu trinken, wie man von ihm verlangte. Der Monarch war beruhigt, und Hoppfrosch, der einen frischen Humpen ohne bemerkbare üble Wirkung herunterschluckte, beschäftigte sich sofort und sehr verständig mit dem Plan zur Maskerade.

»Ich weiß nicht, was mich darauf brachte«, bemerkte er sehr ruhig, und als ob er nie in seinem Leben Wein getrunken hätte, »aber gerade, als Eure Majestät das Mädchen geschlagen und ihr den Wein ins Gesicht geschüttet hatten – gerade als Eure Majestät dies getan hatten, und der Papagei draußen vor dem Fenster dieses seltsame Geräusch machte, fiel mir etwas Großartiges ein. Es handelte sich um einen lustigen Gebrauch aus meiner Heimat, den wir dort bei unsern Maskeraden oft ausübten und der hier etwas ganz Neues sein wird. Unglücklicherweise gehören aber acht Personen dazu, und –«

»Das sind wir ja«, rief der König und lachte über seine scharfsinnige Entdeckung dieser Zufälligkeit. »Wir sind genau acht – ich und meine sieben Minister. Weiter, wie ist es mit dem Spaß?«

»Wir nennen ihn«, antwortete der Krüppel, »die acht aneinandergeketteten Orang-Utangs, und es gibt wirklich einen ausgezeichneten Spaß, wenn man die Sache richtig spielt.«

»Wir wollen sie schon spielen«, bemerkte der König, indem er sich in die Brust warf und seine Augen zusammenkniff.

»Der Haupteffekt bei dem Spaß«, fuhr Hoppfrosch fort, »liegt in dem Schreck, der dabei den Damen eingeflößt wird.«

»Großartig!« brüllten der König und seine Minister im Chor.

»Ich werde Sie als Orang-Utans verkleiden«, sagte der Zwerg weiter. »Sie können das mir überlassen. Die Ähnlichkeit soll so täuschend sein, daß die ganze Festgesellschaft Sie für richtige Tiere halten und natürlich in einen heillosen Schrecken geraten wird.«

»O, das wird eine prächtige Geschichte«, rief der König. »Hoppfrosch, ich werde einen Mann aus dir machen.«

»Die Ketten dienen dazu, durch ihr Klirren die Verwirrung zu steigern. Es soll aussehen, als seien Sie gemeinsam Ihren Wärtern entflohen. Eure Majestät können sich kaum den Eindruck vorstellen, den das plötzliche Erscheinen von acht aneinandergeketteten Orang-Utans in einer Maskengesellschaft macht, besonders, wenn die meisten sie für echte Bestien halten, die nun mit wilden Schreien durch eine Menge elegant und vornehm gekleideter Männer stürmen. Der Kontrast ist wundervoll.«

»Er muß es sein!« sagte der König und brach mit seinen Ministern auf, um Hoppfroschs Idee eiligst in die Wege zu setzen, denn es wurde langsam spät.

Die Art, wie der Zwerg die Gruppe als Orang-Utans verkleidete, war sehr einfach und doch sehr wirkungsvoll. Zu jener Zeit hatte man solche Tiere schwerlich schon einmal in einem zivilisierten Lande gesehen, und da die Verkleidung, die der Zwerg herrichtete, einen ziemlich bestialischen und jedenfalls furchterweckenden Eindruck erzielte, so hielt man ihr Aussehen für naturgetreu genug.

Zunächst wurden der König und seine Minister in enganliegende, baumwollene Hemden und Hosen gekleidet. Diese wurden dann mit Teer überstrichen. Einer von der Gruppe schlug jetzt das Ankleben von Federn vor, aber der Zwerg verstand es, diese Idee ihnen sofort auszureden, indem er sie alle acht durch den Augenschein davon überzeugte, daß nichts so sehr das Fell eines Orang-Utans vortäuschen könnte als Flachs. Dieses wurde also in dicken Lagen auf den Teer geklebt und dann eine lange Kette geholt. Diese wurde zuerst um die Taille des Königs geschlungen und fest verknotet, dann kamen die andern der Reihe nach daran, und als sie alle gefesselt waren, bildeten sie, wenn sie sich, soweit sie konnten, von einander stellten, einen großen Kreis. Um nun alles so natürlich wie möglich zu machen, befestigte Hoppfrosch die beiden Kettenenden noch kreuzweise als Durchmesser durch den Kreis, gerade so wie man heute in Borneo gefangene Schimpansen und andere große Affen fesselt. Der große Saal, in der die Maskerade stattfinden sollte, war rund gebaut und sehr hoch, und das Tageslicht konnte nur durch ein einziges Fenster oben in der Spitze hereinströmen. Bei Nacht – und für diese Zeit war ja der Raum eigentlich gebaut – wurde er in der Hauptsache durch einen großen Kronleuchter erhellt, der an einer Kette von der Mitte des Deckenfensters herabhing und, wie gewöhnlich bei solchen Lampen, durch ein Gegengewicht auswärts und abwärts gezogen werden konnte. Doch hatte man des besseren Aussehens halber dieses Gegengewicht außerhalb der Kuppel auf dem Dach angebracht.

Die Ausstattung des Raumes war der Oberaufsicht Trippettas überlassen worden, aber in gewissen Einzelheiten hatte sie sich, wie es schien, nach dem ruhigeren Urteil ihres Freundes, des Zwerges gerichtet. Auf seinen Rat war bei dieser Gelegenheit der Kronleuchter entfernt worden. Das Herabfallen von Wachstropfen, das bei einem so warmen Wetter nicht zu verhindern war, konnte der kostbaren Kleidung der Gäste leicht verhängnisvoll werden, sobald diese in die Mitte des Saales und damit unter den Kronleuchter kamen. Dafür waren an verschiedenen Stellen, wo sie nicht im Wege standen, Armleuchter aufgestellt, und in die Hand jeder Karytide, die die Wand stützte – es waren ihrer wohl fünfzig oder sechzig – hatte man eine wohlriechende Fackel gesteckt.

Auf den Rat Hoppfroschs warteten die acht Orang-Utans mit ihrem Eintritt in den Saal geduldig bis Mitternacht, da dann die Zahl der Gäste am größten sein würde. Kaum aber hatte die Uhr zu schlagen aufgehört, da stürzten oder vielmehr purzelten sie alle zusammen hinein, denn durch die Ketten waren sie natürlich in ihrer Bewegung gehindert, so daß einer über den andern stolperte.

Das Entsetzen der Maskengesellschaft war ungeheuer, was dem König großen Spaß machte. Wie man erwartet hatte, gab es nicht wenige Gaste, die die gefährlich aussehenden Geschöpfe wirklich für wilde Tiere irgend welcher Art, wenn nicht gar für Orang-Utans hielten. Viele Frauen fielen vor Schreck in Ohnmacht, und wenn der König nicht so vorsichtig gewesen wäre, alle Waffen aus dem Festsaal entfernen zu lassen, dann hätte der Spaß der Acht vielleicht ein blutiges Ende gefunden. So aber stürzte alles nach den Türen. Doch diese waren auf Befehl des Königs unmittelbar nach seinem Eintritt verschlossen, und die Schlüssel waren auf Rat des Zwerges diesem anvertraut worden.

Inzwischen stieg nun der Aufruhr aufs höchste, und jeder aus der Maskengesellschaft dachte nur an seine eigene Sicherheit, weil ja bei dem starken Drängen der kopflos gewordenen Menge viel wirkliche Gefahr vorlag. Daher bemerkte niemand, daß die Kette, an der der Kronleuchter sonst gehangen, und die man jetzt nach oben gezogen hatte, sich ganz langsam wieder herabzusenken begann, bis der große Haken an ihrem Ende nur noch drei Fuß über dem Fußboden schwebte.

Kurz danach befanden sich der König und seine sieben Freunde, die inzwischen immerzu nach allen Richtungen durch den Saal getaumelt waren, gerade in der Mitte des Saales und damit gerade unter der Kette. Diese Gelegenheit benutzte der Zwerg, der ihnen dicht auf dem Fuße gefolgt war und sie fortwährend zum Umherlaufen angereizt hatte. Er faßte ihre eigene Kette dort, wo sie kreuzweise übereinander ging, und legte sie blitzschnell in den Haken, an dem sonst der Kronleuchter gehangen hatte. Im selben Augenblick wurde auch schon die Kronleuchterkette von unsichtbarer Hand soweit in die Hohe gezogen, daß man den Haken nicht mehr erfassen konnte. Die Orang-Utans gerieten so dicht aneinander und standen Gesicht neben Gesicht gerade in der Mitte.

Inzwischen hatte sich die Maskengesellschaft in gewissem Maße von ihrem Schreck erholt. Sie begann nun die ganze Sache als einen wohlvorbereiteten Scherz zu betrachten und brach über die komische Lage, in der sich die Affen befanden, in ein lautes Gelächter aus.

»Überlaßt sie mir!« schrie jetzt Hoppfrosch, und seine schrille Stimme übertönte allen Lärm. »Überlaßt sie mir. Ich glaube, ich kenne sie. Ich brauche sie nur einmal näher zu betrachten und kann dann bald sagen, wer sie sind.«

Hiermit schwang er sich über die Köpfe der Menge, bis er an die Wand geriet, riß dort aus der Hand einer Karyatide die Fackel und gelangte auf dieselbe Art wieder in die Mitte des Saales. Dann aber sprang er mit der Gelenkigkeit eines Affen auf den Kopf des Königs und kletterte von da ein paar Fuß hoch die Kette hinauf, wobei er die Fackel hinabhielt, wie um die Orang-Utan-Gruppe genauer zu betrachten, und noch immer schrie: »Ich werde es bald heraushaben, wer sie sind.«

Plötzlich, während die ganze Gesellschaft, die Affen mit eingeschlossen, immer krampfhafter lachten, stieß der Spaßmacher einen schrillen Pfiff aus, und im gleichen Augenblick flog die Kette mit einem Ruck ungefähr dreißig Fuß nach oben. Dabei wurden die entsetzten und zappelnden Orang-Utans mitgerissen, so daß sie jetzt zwischen dem Deckenfenster und dem Fußboden in der Luft schwebten. Hoppfrosch, der die Kette nicht losgelassen hatte, schwebte noch immer in gleichem Abstand über den acht Verkleideten, und fuhr fort, als sei nichts geschehen, seine Fackel nach ihnen hinabzustrecken, als wollte er auch jetzt noch herausfinden, wer sie wären.

Die Festgesellschaft war über das plötzliche Emporschweben so grenzenlos erstaunt, daß eine Minute lang ein tiefes Schweigen folgte. Dieses wurde durch denselben leisen, aber scharfen und knirschenden Ton unterbrochen, der vorher dem König inmitten seiner Minister so aufgefallen war, als er Trippetta den Wein ins Gesicht gegossen hatte. Aber diesmal war es nicht zweifelhaft, woher dieser Ton stammte. Er kam von dem Raubtiergebiß des Zwergen, der mit den Zähnen knirschte und mit schäumendem Mund und von wahnsinniger Wut entstellten Zügen in die aufwärts gerichteten Gesichter des Königs und seiner sieben Genossen starrte.

»Aha«, rief endlich der rasende Hofnarr. »Aha! Jetzt sehe ich endlich, wer diese Leute sind!« Und wie wenn er jetzt den König noch genauer betrachten wollte, hielt er die Fackel an die Flachsschicht, die ihn rings umgab, und die sich sofort in eine hellodernde Flamme verwandelte. In weniger als einer halben Minute bildeten die acht Orang-Utans ein einziges Feuermeer, während die Menge, die sie von unten betrachtete, entsetzt aufschrie, aber nicht imstande war, ihnen auch nur die geringste Hilfe zu leisten.

Als die Flammen, deren Glut sich plötzlich verstärkte, den Hofnarren zwangen, an der Kette höher hinaufzuklettern, fiel die Menge von neuem in kurzes Schweigen. Diese Gelegenheit benutzte der Zwerg, um noch einmal zu sprechen.

»Ich sehe jetzt deutlich«, sagte er, »welcher Art diese Maskierten sind. Es sind ein großer König und seine sieben geheimen Räte. Ein König, der sich nicht schämte, ein schutzloses Mädchen zu schlagen, und sieben Räte, die ihm dabei zujubelten. Ich aber bin nur Hoppfrosch, ein gewöhnlicher Hofnarr – und dies ist mein letzter Spaß.«

Der Zwerg hatte kaum diese Worte gesprochen, als auch schon infolge der leichten Entzündbarkeit sowohl des Flachses wie des Teers das Werk seiner Rache vollendet war. Die acht Leichen hingen in ihren Ketten, eine schwärzliche, qualmende, widerliche und formlose Masse. Der Krüppel schleuderte seine Fackel auf sie hinab, kletterte gewandt zur Decke empor und verschwand durch das Lichtfenster.

Wahrscheinlich hatte sich Trippetta inzwischen auf dem Dach des Festsaales aufgehalten und ihrem Freund bei seiner furchtbaren Rache geholfen. Die beiden mögen wohl zusammen in ihre Heimat entkommen sein, denn man hat nie wieder von ihnen gehört.

 


 

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