Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Allan Poe >

Seltsame Geschichten

Edgar Allan Poe: Seltsame Geschichten - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/poe/seltgesc/seltgesc.xml
type
authorEdgar Allan Poe
titleSeltsame Geschichten
publisherLeuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1928
translatorWilhelm Cremer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130113
modified20160615
projectida163f5df
Schließen

Navigation:

Metzengerstein

Grauen und Verhängnis hat es zu allen Zeiten gegeben. Wozu also die Zeit bestimmen, in der sich diese Erzählung ereignet hat? Es genügt, wenn ich sage, daß zu jener Zeit im Innern Ungarns ein fester, wenn auch selten ausgesprochener Glaube an die Seelenwanderung herrschte. Über diese Lehre, ihre Falschheit oder Wahrscheinlichkeit, will ich mich nicht verbreiten, aber eine Seite des ungarischen Aberglaubens muß ich doch erwähnen, weil sie hart an das Unvernünftige streift. Die Ungarn glaubten nämlich im Gegensatz zu den asiatischen Völkern, daß die Seele nur einmal in einem Menschenkörper leben könne, dann aber in ein Tier, ein Pferd oder einen Hund, übergehen müsse.

Seit Jahrhunderten hatten die Familien der Berlifitzing und Metzengerstein in Streit miteinander gelebt, nie zuvor war zwischen zwei so berühmten Geschlechtern eine so tödliche Feindschaft gewesen. Der Ursprung dieser Feindschaft aber lag, wie es schien, in einer alten Prophezeiung. »Ein hoher Name«, so lautete sie, »wird in eine furchtbare Tiefe stürzen, wenn, wie der Reiter über sein Pferd, die Sterblichkeit Metzengersteins über die Unsterblichkeit Berlifitzings triumphiert.«

Natürlich hatten diese Worte wenig oder gar keinen Sinn, aber schon oft sind aus ebenso geringfügigen Ursachen ebenso ernste Folgen entstanden. Außerdem lagen ihre Güter dicht beieinander, und bei den vielen wechselvollen Regierungskämpfen waren sie immer einflußreiche Rivalen gewesen. Nahe Nachbarn sind selten Freunde, und die Bewohner des Schlosses Berlifitzing konnten von ihrem schlanken Türmchen direkt in die Fenster des Palastes Metzengerstein blicken. Die feudale Pracht dieses Palastes aber mußte die weniger alten und weniger wohlhabenden Berlifitzings schwer kränken. War es daher verwunderlich, wenn die Worte der Prophezeiung, so töricht sie auch klangen, zwei Familien, die sowieso schon bei jeder Gelegenheit in Streit geraten konnten, in eine so heftige Feindschaft versetzten? In der Prophezeiung schien, wenn sie überhaupt einen Sinn enthielt, der Triumph der an und für sich schon mächtigeren Familie ausgesprochen zu sein, was die schwächere und weniger einflußreiche Familie natürlich in hellen Haß versetzte.

Wilhelm, Graf Berlifitzing, war beim Beginn dieser Erzählung trotz seiner hohen Abkunft nur noch ein gebrechlicher, kindisch gewordener Greis, der nichts Bemerkenswertes an sich hatte als einen zügellosen und hartnäckigen Haß gegen die rivalisierende Familie und eine so leidenschaftliche Liebe zu Pferden und zur Jagd, daß ihn weder körperliche Gebrechlichkeit noch hohes Alter und das Nachlassen der Geisteskräfte hindern konnten, sich täglich den Gefahren des Jagens auszusetzen.

Friedrich, Baron Metzengerstein, war im Gegensatz dazu noch jung. Sein Vater, der Minister G., starb in frühen Jahren, und seine Mutter, die Baronin Maria, folgte ihm bald. Friedrich stand damals erst im achtzehnten Jahre. In einer Stadt gelten achtzehn Jahre nicht für viel, aber in einer Wildnis, in einer so herrlichen Wildnis wie in jenem alten Fürstentum, hat der Pendelschlag der Zeit einen tieferen Sinn.

Infolge der Testamentsbestimmungen seines Vaters bekam der junge Baron sofort die Herrschaft über die ganzen Besitztümer. Selten hatte ein ungarischer Edelmann bisher einen solchen Reichtum besessen. Die Anzahl seiner Schlösser war kaum zu zählen, aber das glanzvollste und größte war doch der Palast Metzengerstein. Wie weit die Grundrechte dieses Palastes gingen, war niemals genau festgelegt worden, aber der Park allein umfaßte einen Umkreis von fünfzig Meilen.

Natürlich war sich alle Welt darüber einig, welch ein Leben ein so junger Herr, dessen Charakter hinlänglich bekannt war, führen werde. In der Tat übertraf schon in den ersten drei Tagen das Benehmen des jungen Erben die kühnsten Erwartungen seiner begeistertsten Bewunderer. Tolle Gelage – offenbare Schandtaten – unerhörte Roheiten gaben seinen zitternden Dienern schnell zu verstehen, daß keine sklavische Unterwürfigkeit von ihrer Seite, kein Ehrgefühl von seiner Seite in Zukunft irgendeine Sicherheit gegen die gewissenlosen Gewalttaten dieses kleinen Caligula bieten konnten. In der Nacht nach dem vierten Tage entdeckte man, daß die Pferdeställe des Schlosses Berlifitzing in Flammen standen, und die einmütige Ansicht der ganzen Nachbarschaft schrieb das Verbrechen der Brandstiftung der schon entsetzlichen Liste der Schandtaten des Barons hinzu. Aber während des hierdurch verursachten Lärms saß der junge Edelmann offenbar in Nachdenken vertieft in einem weiten und öden Saal des Familienpalastes der Metzengerstein. Die kostbaren, wenn auch verblaßten Teppichvorhänge, die düster an den Wänden hingen, stellten die schattenhaften und majestätischen Gestalten von tausend berühmten Vorfahren dar. Hier saßen Priester und kirchliche Würdenträger in reichen Hermelingewändern in vertrautem Zusammensein mit Königen und Fürsten und schleuderten den Wünschen eines weltlichen Herrschers ihr Veto entgegen oder entrissen kraft der päpstlichen Oberherrschaft dem Erzfeind sein rebellisches Zepter. Dort erschreckten die finsteren, schlanken Gestalten der Fürsten Metzengerstein, deren muskulöse Schlachtrosse über die Harnische gefallener Feinde schritten, mit ihrem kraftvollen Blick auch die ruhigsten Nerven. Und hier wieder glitten die üppigen und stolzen Figuren der Damen vergangener Zeiten zu den Klängen einer geträumten Melodie durch die Gärten unwirklicher Tänze. Aber während der Baron dem langsam anschwellenden Aufruhr in den Ställen der Berlifitzing lauschte – oder vielleicht auch an eine neue, noch verwegenere Tat dachte –, wandten sich seine Augen unbewußt zu dem Bilde eines riesenhaften und unnatürlich gefärbten Pferdes hin, das auf einem Wandteppich als Eigentum eines Sarazenenahnherrn der Familie seines Rivalen abgebildet war. Das Pferd selbst stand bewegungslos wie eine Statue im Vordergrund des Bildes, während weiter zurück sein unglücklicher Reiter durch den Stich eines Metzengersteins umkam.

Auf Friedrichs Lippen trat ein teuflischer Ausdruck, als er gewahr wurde, wohin sich sein Blick unbewußterweise gelenkt hatte. Aber er wandte ihn nicht zur Seite. Im Gegenteil, er konnte sich durchaus nicht erklären, was für ein überwältigendes Angstgefühl wie ein Leichentuch über sein Bewußtsein gefallen war. Nur mit Mühe beschwichtigte er sein traumhaft verwirrtes Gefühl mit der Gewißheit, daß er ja wach sei. Aber je länger er hinstarrte, desto stärker wurde der Bann, desto unmöglicher erschien es ihm, seinen Blick von dem Zauber dieses Wandvorhanges zu lösen. Da aber draußen der Lärm sich plötzlich verstärkte, gelang es ihm endlich mit krampfhafter Anstrengung, seine Aufmerksamkeit auf den Glanz des rötlichen Lichtes zu werfen, das die brennenden Ställe durch die Fenster des Saales warfen.

Doch dauerte diese Bewegung nur einen Augenblick, und mechanisch starrte er wieder auf die Wand. Zu seinem äußersten Schrecken und Staunen bemerkte er jetzt, daß der Kopf des riesigen Pferdes inzwischen eine andere Haltung angenommen hatte. War der Hals des Tieres vorher wie in Mitleid über den hingestreckten Leichnam seines Herrn gebeugt, so reckte er sich jetzt in voller Länge nach dem Baron hinüber. Die vorher unsichtbaren Augen hatten jetzt einen bestimmten und fast menschlichen Ausdruck angenommen und glühten in einem feurigen und fast seltsamen Rot. Die aufgeworfenen Lippen des offenbar wütenden Pferdes aber zeigten die ganzen leichenhaft bleichen und abscheulichen Zähne.

Besinnungslos vor Schrecken taumelte der junge Edelmann nach der Tür. Als er sie aufstieß, strömte eine Flut roten Lichtes weit in das Zimmer und warf den Schatten des Barons in scharfen Umrissen auf die zitternde Tapete. Und mit Entsetzen sah er, während er sich mühsam aufrecht haltend auf der Schwelle stand, wie der Schatten genau die Stelle und die Figur des unbarmherzigen, triumphierenden Mörders des Sarazenen Berlifitzing einnahm.

Um sich von seiner quälenden Stimmung zu befreien, eilte der Baron ins Freie. Am Haupteingang des Palastes traf er drei Stallknechte, die mit großer Mühe und offenbarer Lebensgefahr ein wild ausschlagendes, riesiges und feuerfarbenes Pferd festhielten.

»Wem gehört das Pferd? Wo habt ihr es her?« fragte der junge Herr rauh und übel gelaunt, denn er sah sofort, daß das geheimnisvolle Pferd auf dem alten Wandvorhang das genaue Abbild dieses vor seinen Augen sich aufbäumenden Tieres war.

»Es gehört Ihnen, Herr«, antwortete einer der Stallknechte, »wenigstens erhebt sonst niemand ein Eigentumsrecht darauf. Wir fingen es, als es dampfend und schäumend vor Wut aus den brennenden Ställen des Schlosses Berlifitzing floh. Da wir annahmen, es gehörte zu dem Gestüt ausländischer Pferde, das der alte Graf besaß, führten wir es zurück. Aber die Stalldiener wollen von dem Tier nichts wissen, was eigentlich seltsam ist, denn man sieht an verschiedenen Anzeichen, daß es mit genauer Not den Flammen entronnen ist.«

»Auf seiner Stirn sind deutlich die Buchstaben W.V.B. eingebrannt«, unterbrach ein anderer Stallknecht. »Ich dachte natürlich, das seien die Initialen des Namens Wilhelm von Berlifitzing – aber das ganze Schloß leugnet, das Tier je gesehen zu haben.«

»Sehr sonderbar!« sagte der junge Baron mit zerstreutem Blick und offenbar, ohne den Sinn seiner Worte zu fassen. »Es ist wirklich ein merkwürdiges Pferd, ein wunderbares Pferd! Und wenn es auch einen verdächtigen und unbändigen Charakter hat, ich will es doch nehmen, denn –«, so fügte er nach einer Pause hinzu, »ein Reiter wie Friedrich von Metzengerstein wird selbst den Teufel aus den Ställen der Berlifitzing zähmen.«

»Der Herr Baron irren sich. Das Pferd stammt wirklich nicht aus den Ställen des Grafen. Wir kennen unsere Pflicht zu gut, um es in einem solchen Fall einem Herrn aus Ihrer Familie zuzuführen!«

»Schon gut!« sagte der Baron trocken. In diesem Augenblick näherte sich mit erregtem Gesicht und eiligen Schritten ein Kammerdiener. Leise flüsternd teilte er seinem Herrn mit, daß aus einem der oberen Zimmer plötzlich ein kleiner Teil eines Wandvorhangs verschwunden sei. Er beschrieb offenbar die genauen Einzelheiten, aber nichts drang an die Ohren der neugierig gewordenen Stallknechte.

Der junge Herr Friedrich schien während der Besprechung eine Beute der verschiedenartigsten Erregungen zu sein. Dann aber gewann er seine Fassung wieder und mit einem Ausdruck boshafter Entschlossenheit befahl er, daß der betreffende Saal sofort abgeschlossen und der Schlüssel ihm übergeben werden solle.

»Haben Sie schon die Nachricht von dem elenden Tod des Jägers Berlifitzing erhalten?« fragte einer der Lehnsmänner den Baron, als nach dem Weggang des Kammerdieners das riesige, jetzt doppelt wütende und ausschlagende Pferd die lange Straße hinuntergeführt wurde, die vom Palast nach den Ställen der Metzengersteins führte.

»Nein!« sagte der Baron und wandte sich jäh dem Sprecher zu. »Er ist tot, sagten Sie?«

»Es ist wirklich so, Herr Baron. Und das wird für einen Herrn Ihrer Familie keine unwillkommene Nachricht sein.«

Ein schnelles Lächeln schoß über das Gesicht des Zuhörers.

»Wie starb er?«

»Bei einem übereilten Versuch, einige Lieblinge seines wertvollen Jagdgestüts zu retten, ist er elend in den Flammen umgekommen.«

»Wirklich!« rief der Baron, als ob er langsam, aber bestimmt die Wahrheit einer aufregenden Idee erfaßt habe.

»Es ist wirklich so«, antwortete der Lehnsmann.

»Entsetzlich!« sagte der junge Herr und schritt ruhig und langsam in den Palast zurück.

Von diesem Augenblick an trat eine auffällige Veränderung in der äußerlichen Lebensführung des liederlichen Baron Friedrich von Metzengerstein ein. Sein Benehmen enttäuschte wirklich alle Erwartungen und paßte wenig zu den Hoffnungen, die sich manche Mutter von heiratsfähigen Töchtern gemacht hatte. Er entschlug sich aller gesellschaftlichen Standesverpflichtungen, verließ nie die Grenzen seiner Besitztümer und blieb in diesem eigenen, ihm gehörigen Gebiet gänzlich ohne Gefährten – höchstens, daß das unnatürliche, wilde und feuerfarbige Pferd, auf dem er von da ab immer ritt, mit einigem Recht sein Freund genannt werden konnte.

Trotzdem versuchte die Nachbarschaft noch eine lange Zeit hindurch, ihn einzuladen. »Würden der Herr Baron unser Fest mit seiner Anwesenheit beehren?« – »Möchten der Herr Baron nicht an einer Bärenjagd teilnehmen?« – Aber die Antworten lauteten kurz und hochmütig: »Metzengerstein geht nicht zur Jagd« – »Metzengerstein kommt nicht hin.«

Diese beleidigenden Antworten waren auf die Dauer dem vornehmen Adel unerträglich. Seltener und weniger freundlich wurden die Einladungen, schließlich blieben sie gänzlich aus. Trotzdem gab es freundliche Nachbarn, die das veränderte Benehmen des jungen Edelmanns der natürlichen Trauer über den jähen Verlust seiner Eltern zuschrieben, wobei sie aber sein rohes und ausschweifendes Benehmen unmittelbar nach der Beerdigung ganz vergaßen. Andere sahen darin den Ausfluß stolzen Selbstbewußtseins, und wieder andere (zu denen der Familienarzt gehörte) sprachen von einer krankhaften, vererbten Melancholie, oder sie machten Andeutungen sehr zweideutiger Natur.

In der Tat erschien des Barons unnatürliche Anhänglichkeit an sein neu erworbenes Leibpferd in den Augen aller vernünftigen Leute immer abstoßender und seltsamer, besonders da diese Anhänglichkeit mit jedem frischen Beispiel von den wilden und dämonischen Eigenschaften des Tieres nur noch wuchs. In der Glut des Mittags, im Dunkel der tiefsten Nacht, in Krankheit und Gesundheit, in schönem Wetter und im Sturm – stets schien der junge Metzengerstein wie verwachsen zu sein mit dem Sattel dieses riesigen Pferdes, dessen unbändige Wildheit so sehr mit seinem eigenen Wesen übereinstimmte.

Einzelne Umstände gaben übrigens der Leidenschaft des Reiters und den Fähigkeiten des Pferdes einen über das Natürliche hinausgehenden unheimlichen Charakter. Es gelang, einzelne Sprünge, die es gemacht hatte, genau abzumessen, und ihre Länge übertraf um ein Erstaunliches alles, was auch die ausschweifendsten Erwartungen sich vorgestellt hatten. Der Baron hatte auch für das Tier, im Gegensatz zu allen andern seines Besitzes, keinen besonderen Namen. Es war in einem Stall ganz für sich untergebracht, der Eigentümer pflegte es selbst, und kein Stallknecht oder sonst jemand hätte auch nur gewagt, in seine Nähe zu kommen. Man beobachtete ferner, daß die drei Stallknechte zwar das Pferd, als es aus dem Brand der Berlifitzingschen Ställe floh, mit Hilfe eines Kettenzaums und eines Lassos festgehalten hatten, daß es aber keinem von ihnen während des gefährlichen Kampfes oder später gelungen war, seine Hand auf den Körper des Tieres zu legen. Anzeichen von besonderer Intelligenz im Benehmen eines edlen und stolzen Pferdes sind wenig geeignet, ein ungewöhnliches Erstaunen hervorzurufen, aber hier gab es Umstände, die sich auch dem Ungläubigsten und Gleichgültigsten aufdrängten. Man erzählte, daß es Augenblicke gab, in denen die Zuschauer, von Grauen gefaßt, das ausdrucksvolle Mienenspiel dieses schrecklichen Wesens betrachteten – Augenblicke, wo der junge Metzengerstein erbleichte und vor dem schnellen und forschenden Ausdruck seiner menschlich blickenden Augen zurückwich.

Unter dem ganzen Gefolge des Barons gab es trotzdem keinen, der an der Glut zweifelte, mit der der junge Edelmann an dem feurigen Tier hing. Nur ein unbedeutender und verkrüppelter kleiner Page, der durch seine Mißgestalt allen im Wege war, und dessen Ansichten völlig ohne Bedeutung waren, hatte eine andere Ansicht. Er besaß die Unverschämtheit, zu versichern, daß sein Herr niemals ohne einen unsagbaren und fast unbegreiflichen Schauder in den Sattel stiege, und daß bei der Rückkehr von einem seiner gewohnten, langen Ritte jede Muskel seines Gesichts von einer triumphierenden Bosheit zuckte.

In einer stürmischen Nacht erwachte Metzengerstein aus einem schweren Schlummer und flog wie ein Wahnsinniger aus seinem Zimmer. In wilder Eile bestieg er das Pferd und sprengte hinaus in die Wildnis seiner Wälder. Natürlich erregte ein solches, schon häufiger geschehenes Vorkommnis weiter kein Aufsehen, doch sahen diesmal die Diener mit Angst seiner Rückkehr entgegen, denn man entdeckte wenige Stunden nach seinem Fortgehen, daß der wundervolle und herrliche Bau des Palastes Metzengerstein von Grund auf in hellen und prasselnden Flammen stand und unrettbar verloren war.

Das Feuer hatte, als man es bemerkte, bereits so schreckliche Fortschritte gemacht, daß es offenbar nutzlos war, auch nur einen Teil des Gebäudes zu schützen, so daß die erstaunte Nachbarschaft untätig und schweigend das Schauspiel betrachtete. Aber bald erregte ein neues und noch entsetzlicheres Ereignis die Aufmerksamkeit der Menge und bewies, wie viel tiefer der Anblick menschlicher Leiden das Gemüt erregt als ein noch so erstaunliches Bild, das die tote Natur darbietet.

Auf der von alten Eichen bestandenen Straße, die vom Walde zum Haupteingang des Palastes Metzengerstein führte, erblickte man ein Pferd, das einen Reiter ohne Hut und Zügel trug und mit einer Schnelligkeit heimsauste, die sogar die Dämonen des Sturmes hinter sich zurückließ.

Dem Reiter sah man sofort an, daß er jede Herrschaft über sein Pferd verloren hatte. Sein verzweifeltes Gesicht, das krampfhafte Arbeiten seines Körpers, bewiesen seine übermenschlichen Anstrengungen. Aber kein Laut, außer einem einmaligen kurzen Schrei, kam von seinen blutigen Lippen, die er in der Maßlosigkeit seiner Angst mit den Zähnen durchbissen hatte. Einen Augenblick übertönte das Klappern der Hufe scharf und schrill das Brüllen der Flammen und das Heulen des Windes. Im nächsten Augenblick setzte das Pferd schon in einem einzigen Sprung über Tor und Graben hinwog, bäumte sich hoch über die zusammenbrechenden Treppen des Palastes und verschwand mit seinem Reiter in einem Wirbel wilden Feuers.

Unmittelbar darauf erstarb die Wut des Sturmes und es folgte eine tödliche Stille. Eine weiße Flamme hüllte noch das Gebäude wie ein Leichentuch ein, und hoch empor zum Himmel strömte ein Glanz von übernatürlichem Licht. Über die Ruinen des Palastes aber legte sich eine schwere Rauchwolke, die ganz deutlich die Form eines riesenhaften Tieres annahm – die eines Pferdes.

 


 

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.