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Seltsame Geschichten

Edgar Allan Poe: Seltsame Geschichten - Kapitel 11
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authorEdgar Allan Poe
titleSeltsame Geschichten
publisherLeuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1928
translatorWilhelm Cremer
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Bericht über den Fall Valdemar

Über die erregten Erörterungen, die der höchst seltsame Fall Valdemar hervorgerufen hat, wundere ich mich natürlich gar nicht, höchstens würde ich bei solchen Umständen das Gegenteil für ein Wunder halten. Trotz des Wunsches aller Beteiligten, die Sache vor der Öffentlichkeit geheim zu halten – wenigstens so lange, bis wir genauere Untersuchungen veranstalten konnten – trotz aller Mühe, die wir uns in dieser Hinsicht gaben, drangen doch falsche und übertriebene Gerüchte in weitere Kreise und veranlaßten sehr unangenehme Auseinandersetzungen, vielfach auch spöttischen Unglauben.

Ich halte es deshalb für notwendig, einen Bericht über die Tatsachen zu geben, soweit ich sie selbst darlegen kann. Sie sind kurz gefaßt folgende:

In den letzten drei Jahren war meine Aufmerksamkeit wiederholt auf den Mesmerismus gelenkt worden, und vor ungefähr neun Monaten fiel es mir plötzlich ein, daß es in der Reihe der vielen diesbezüglichen Experimente eine merkwürdige und unbegreifliche Lücke gebe – man hatte noch nie einen Sterbenden mesmerisiert. Hierbei würde man nämlich feststellen können: erstens, ob in einem solchen Zustande ein Patient überhaupt für die magnetische Beeinflussung empfänglich sei; zweitens, wenn das der Fall wäre, ob diese Empfänglichkeit durch den Zustand des magnetischen Schlafs vermehrt oder vermindert würde; drittens, in welchem Maße oder auf wie lange Zeit man durch Mesmerisieren den Tod oder seine Folgeerscheinungen aufhalten könnte. Es gab dabei auch sonst noch interessante Punkte, aber diese drei erregten am meisten meine Neugierde – besonders der letztere, wegen der unendlichen Wichtigkeit seiner Konsequenzen. Indem ich mich nach einem Objekt für meine Studien umsah, fielen meine Gedanken unwillkürlich auf meinen Freund Ernest Valdemar, den wohlbekannten Herausgeber der Bibliotheka Forensica, der auch unter dem Schriftstellernamen Issachar Marx den Wallenstein und den Gargantua ins Polnische übersetzt hatte. Valdemar, der seit dem Jahre 1839 meist in Harlem im Staate New-York gewohnt hat, fiel durch die außerordentliche Magerkeit seines Körpers und durch seinen schneeweißen Schnurrbart auf, der so stark gegen sein tiefschwarzes Kopfhaar abstach, daß man dieses allgemein für eine Perücke hielt. Er war hochgradig nervös und dadurch sehr empfänglich für mesmeristische Experimente. Ein- oder zweimal hatte ich ihn ohne große Schwierigkeiten eingeschläfert, in anderer Hinsicht aber wurden meine Erwartungen, die ich auf seinen körperlichen Zustand gesetzt hatte, enttäuscht. Sein Wille kam eigentlich nie unter meine Kontrolle, und ebenso wenig konnte ich ihn zu irgendwelchem Hellsehen bringen. Ich schrieb diese meine Mißerfolge stets seinem krankhaften Gesundheitszustand zu, denn schon ein paar Monate, bevor ich ihn näher kennen lernte, hatten mir die Ärzte mitgeteilt, daß er hochgradig schwindsüchtig sei. Er sprach auch stets ganz ruhig von seiner bevorstehenden Auflösung wie von einer unvermeidlichen Sache, die man nicht weiter zu bedauern brauchte.

Es war übrigens ganz natürlich, daß ich bei meinem Plan an Valdemar dachte. Ich kannte seine philosophische Abgeklärtheit und wußte, daß er keine Bedenken dagegen haben würde. Auch besaß er in Amerika keine Verwandten, die vielleicht Einspruch erhoben hätten. Daher sprach ich ganz offen mit ihm über den Gegenstand, und zu meinem Erstaunen interessierte er sich sofort lebhaft dafür. Ich sage zu meinem Erstaunen, denn er hatte zwar bisher stets seine Person zu solchen Experimenten hergegeben, ohne aber je eine innere Anteilnahme daran auszudrücken. Seine Krankheit verlief so, daß man den Tag des Todes ziemlich genau berechnen konnte, und wir kamen schließlich überein, daß er mich ungefähr vierundzwanzig. Stunden vor dem Zeitpunkt, für den die Arzte den Beginn der Auflösung erwarteten, holen lassen wollte.

Es ist jetzt etwas mehr als sieben Monate her, da erhielt ich folgenden, von Valdemar selbst geschriebenen Brief:

»Mein lieber P., Sie können jetzt ruhig kommen. D. und F. sind sich darüber einig, daß ich die morgige Mitternacht nicht überleben werde, und ich glaube, sie haben den Zeitpunkt ziemlich genau getroffen. Valdemar.«

Ich empfing den Brief eine halbe Stunde, nachdem er geschrieben war, und fünfzehn Minuten später befand ich mich im Sterbezimmer des Mannes. Ich hatte ihn seit zehn Tagen nicht gesehen und erschrak über die furchtbare Veränderung, die bei ihm eingetreten war. Sein Gesicht hatte eine bleigraue Farbe, seine Augen waren vollständig glanzlos, und die Abmagerung ging so weit, daß die Backenknochen durch die Haut traten. Der Auswurf war sehr stark, der Puls kaum noch vernehmlich. Trotzdem verfügte er über eine bemerkenswerte geistige und bis zu einem gewissen Grade sogar physische Kraft. Er sprach ganz deutlich, nahm ohne Hilfe lindernde Medizin ein und war, als ich das Zimmer betrat, damit beschäftigt, mit einem Bleistift Bemerkungen in ein Notizbuch zu schreiben. Er saß, durch Kissen gestützt, halb aufgerichtet im Bett, und die Ärzte D. und F. leisteten ihm Beistand.

Nachdem ich Valdemars Hand gedrückt, nahm ich die beiden Herren zur Seite und ließ mir von ihnen einen genauen Bericht über den Zustand des Patienten geben. Die linke Lunge befand sich seit achtzehn Monaten in einem halb verkalkten oder verknorpelten Zustand und war zum Atmen nicht mehr brauchbar. Die rechte war in ihrem oberen Abschnitt zum Teil, vielleicht auch ganz verkalkt, während die untere Hälfte nur noch eine Masse von eiternden Tuberkelherden bildete. An verschiedenen Stellen hatten ausgedehnte Durchlöcherungen stattgefunden, an einer war die Lunge fest mit den Rippen verwachsen. Diese Erscheinungen am rechten Flügel waren übrigens verhältnismäßig jüngeren Datums. Die Verkalkung hatte so schnelle Fortschritte gemacht, daß man einen Monat vorher noch nichts davon bemerken konnte und die Verwachsung sogar erst seit drei Tagen erkannt hatte. Unabhängig von der Schwindsucht bestand noch eine Geschwulst in der Herzschlagader, doch machte die Verkalkung der Lunge eine genaue Diagnose darüber unmöglich. Beide Arzte waren der Ansicht, daß Valdemar um Mitternacht des folgenden Tages, der ein Sonntag war, sterben werde. Jetzt war es Samstagabend gegen sieben Uhr.

Die Ärzte D. und F. hatten, als sie das Bett verließen, um sich mit mir zu besprechen, von dem Kranken endgültig Abschied genommen, da sie nicht beabsichtigten, noch einmal wiederzukommen. Auf meine Bitte versprachen sie aber noch einen Besuch für den nächsten Abend um zehn.

Als sie fort waren, sprach ich offen mit Valdemar über seine bevorstehende Auflösung und vor allem über das verabredete Experiment. Er erklärte, er sei noch immer willig, ja begierig darauf, daß es gemacht werde, und drängte mich, sofort damit zu beginnen. Aber obgleich ein Pfleger und eine Pflegerin im Zimmer waren, trug ich doch Bedenken, einen solchen Versuch zu wagen, ohne für den Fall eines plötzlichen Unglücks zuverlässigere Zeugen als diese beiden zu haben. Ich verschob daher den Beginn des Experiments, bis mich am nächsten Abend gegen acht Uhr der Besuch eines mir bekannten Studenten der Medizin, des Herrn Theodor L., aus aller Verlegenheit riß. Es war zwar ursprünglich meine Absicht gewesen, auf die Ärzte zu warten, aber jetzt ließ ich mich doch verleiten, anzufangen. Valdemar bat mich dringend darum, und ich kam auch zur Überzeugung, daß keine Zeit zu verlieren sei, da seine Kräfte schnell abnahmen.

Herr L. erklärte sich auf meinen Wunsch gern bereit, alles, was geschehen würde, zu notieren, und das, was ich von jetzt ab berichte, ist wörtlich oder im Auszug seinen Aufzeichnungen entnommen.

Es war etwa fünf Minuten vor acht, als ich die Hand des Kraulen ergriff und ihn bat, Herrn L., so deutlich es ihm möglich sei, zu bezeugen, daß er (Valdemar) vollkommen damit einverstanden sei, daß ich mit ihm in diesem Zustand das Experiment des Mesmerisierens mache.

Er antwortete schwach, aber deutlich hörbar: »Ja, ich wünsche mesmerisiert zu werden.« Und gleich nachher fügte er hinzu: »Ich fürchte, Sie haben es zu lange hinausgeschoben.«

Während er dieses sagte, begann ich die Striche, die ich bei ihm schon als besonders einschläfernd erkannt hatte, indem ich meine Hände quer über die Stirn führte. Er wurde auch ohne Zweifel sofort dadurch beeinflußt, aber obgleich ich alle meine Kraft anstrengte, kam ich doch eigentlich nicht viel weiter. Als kurz nach zehn, wie verabredet, die Ärzte D. und F. kamen, erklärte ich ihnen in wenigen Worten meine Absicht, und sie erhoben keine Einwendungen, da der Kranke schon im Todeskampf liege. Ich fuhr daher in meinen Bemühungen fort, ging aber jetzt von den Querstrichen über die Stirn zu Abwärtsstreichungen über und richtete meinen Blick fest auf das rechte Auge des Kranken.

Sein Puls war jetzt nicht mehr fühlbar, der Atem ging rasselnd und kam nur alle halbe Minuten.

Dieser Zustand blieb eine Viertelstunde lang fast unverändert. Dann aber entrang sich der Brust des Sterbenden ein tiefer Seufzer, und das rasselnde Atemgeräusch war nicht länger hörbar. Die Glieder des Kranken wurden eiskalt.

Fünf Minuten vor elf bemerkte ich unzweifelhafte Anzeichen der mesmerischen Einwirkung. Das glasige Aussehen der Augen war dem eigentümlichen, nach innen gerichteten Blick gewichen, der für Eingeschläferte so charakteristisch ist. Auf ein paar schnelle seitliche Striche begannen die Augenlider leise zu zittern, und kurz nachher schlossen sie sich ganz. Ich war aber damit noch nicht zufrieden, sondern fuhr unter Anspannung aller Willenskraft kräftig mit meinen Streichungen fort, bis die Gliedmaßen, die ich in eine bequeme Lage gebracht hatte, ganz steif geworden waren. Die Arme und Beine waren ausgestreckt, der Kopf lag etwas erhöht.

Als ich dieses Ziel erreicht hatte, war es Mitternacht geworden und ich bat die Herren, Valdemars Zustand zu untersuchen. Nach einigem Prüfen erklärten sie, daß er in einem ungewöhnlich tiefen mesmeristischen Schlaf liege. Das Interesse der beiden Ärzte war aufs höchste erregt. Dr. D. entschloß sich sofort, die Nacht über bei dem Kranken zu bleiben, während sich Dr. F. mit dem Versprechen, bei Tagesanbruch zurückzukehren, entfernte. Auch Herr L. und das Pflegepaar blieben da.

Wir ließen Valdemar bis gegen drei Uhr morgens gänzlich ungestört. Dann näherte ich mich ihm und fand ihn in genau dem gleichen Zustand wie vorher. Er hatte seine Lage nicht verändert, und der Puls war nicht zu fühlen. Der Atem ging so leise, daß man ihn nur durch einen Spiegel feststellen konnte. Die Augen waren wie im natürlichen Schlaf geschlossen und die Glieder so steif und kalt wie Marmor. Trotzdem glich sein Zustand keineswegs dem eines Toten.

Als ich mich Valdemar näherte, machte ich einen halben Versuch, seinen rechten Arm in Kontakt mit den Bewegungen meines eigenen zu bringen, indem ich leicht über seinen Körper hinauf- und hinabstrich. Ich hatte mit solchen Versuchen bei dem Kranken bisher nie Erfolg gehabt und erwartete es natürlich auch jetzt nicht. Doch zu meinem Erstaunen folgte jetzt sein Arm ohne weiteres, wenn auch schwach, jeder Richtung, die ich mit meinem Arm angab. Das gab mir den Mut, auch einige Worte an ihn zu richten.

»Valdemar«, fragte ich, »schlafen Sie?« Er gab keine Antwort, aber ein leichtes Zittern, das ich an seinen Lippen bemerkte, veranlaßte mich, die Frage mehrmals zu wiederholen. Bei der dritten Wiederholung ging ein kaum bemerkbares Zittern durch den ganzen Körper. Die Augenlider öffneten sich so weit, daß sie einen schmalen Schlitz des Weißen sehen ließen, die Lippen bewegten sich schwerfällig, und in einem fast unhörbaren Flüstern drangen die Worte hervor:

»Ja – ich schlafe jetzt. Wecken Sie mich nicht! – Lassen Sie mich so sterben!«

Ich befühlte jetzt die Glieder, sie waren so steif wie vorher. Der rechte Arm aber gehorchte auch jetzt wieder den Bewegungen meiner Hand.

»Fühlen Sie noch Schmerzen in der Brust, Valdemar?« fragte ich nunmehr den Mesmerisierten.

Die Antwort kam sofort, war aber fast noch weniger hörbar als vorher:

»Keine Schmerzen – ich sterbe.«

Ich hielt es nicht für angebracht, ihn jetzt noch weiter zu stören, und es wurde nichts mehr gesagt noch getan, bis kurz vor Sonnenaufgang Dr. F. kam, der maßlos erstaunt war, den Kranken noch am Leben zu finden. Nachdem er den Puls befühlt und den Atemspiegel an die Lippen gesetzt hatte, bat er mich, nochmals zu dem Mesmerisierten zu sprechen. Ich tat es und fragte:

»Valdemar, schlafen Sie noch?«

Wiederum vergingen einige Minuten, ehe eine Antwort kam, und in der Zwischenzeit schien der Sterbende alle Energie zum Sprechen zu sammeln. Bei der vierten Wiederholung meiner Frage sagte er ganz schwach und fast unhörbar:

»Ja, ich schlafe noch – ich sterbe.«

Es war nunmehr die Meinung, oder vielmehr der Wunsch der Ärzte, daß man Valdemar in diesem offenbar ruhigen Zustande bis zum Eintritt des Todes lassen sollte, was nach unserer aller Ansicht nur noch wenige Minuten dauern konnte. Ich beschloß aber, noch ein einziges Mal zu ihm zu sprechen, und wiederholte einfach meine letzte Frage.

Bei meinen Worten trat eine auffällige Veränderung im Aussehen des Mesmerisierten ein. Die Augen öffneten sich langsam, wobei die Pupillen nach oben rollten, die Haut nahm einen leichenhaften Schimmer an, glich aber nicht so sehr Pergament als Papier, und die runden, hektischen Flecken, die bisher deutlich auf jeder Wange zu sehen gewesen, erloschen ganz plötzlich. Ich gebrauche absichtlich diesen Ausdruck, denn ihr Verschwinden erinnerte mich ganz und gar an das durch einen Windstoß verursachte Erlöschen einer Kerze. Die Oberlippe, die bisher die Zähne bedeckt hatte, zog sich in demselben Augenblick zurück, während der ganze Unterkiefer mit einem hörbaren Ruck herabfiel, so daß der Mund weit offen stand und deutlich die geschwollene schwärzliche Zunge zeigte. Ich glaube, daß wohl keinem der Anwesenden die Schrecken eines Sterbelagers unbekannt waren, aber Valdemar sah in diesem Augenblick so über alle Vorstellungen grauenhaft aus, daß wir unwillkürlich aus der Nähe des Bettes zurückwichen.

Ich komme jetzt bei meinem Bericht zu einem Punkt, wo mir jeder Leser den Glauben verweigern wird. Trotzdem halte ich es für meine Aufgabe, einfach in meinem Bericht fortzufahren. Bei Valdemar war auch nicht das schwächste Zeichen von Leben mehr festzustellen, und in der Überzeugung, er sei tot, wollten wir ihn schon der Obhut des Pflegepersonals überlassen, als wir eine starke, zitternde Bewegung an der Zunge bemerkten. Sie dauerte vielleicht eine Minute. Dann aber kam zwischen den starren und bewegungslosen Kiefern eine Stimme hervor – die auch nur beschreiben zu wollen Wahnsinn wäre. Es gibt vielleicht zwei oder drei Eigenschaftswörter, die hier einen schwachen Hinweis geben. Ich könnte zum Beispiel sagen, der Klang sei mißtönend, gebrochen und hohl gewesen, aber das Grauenhafte des ganzen Eindrucks läßt sich nicht beschreiben, schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil nie ähnliche Laute ein menschliches Gehör gequält haben. Trotzdem möchte ich zwei Besonderheiten anführen, die wenigstens diesen Eindruck etwas charakterisieren und eine gewisse Idee von seiner Unnatürlichkeit geben. Zunächst einmal schien es uns – oder wenigstens mir – als ob die Stimme aus einer unendlichen Ferne oder aus einer tiefen Höhle im Erdboden käme. Ferner gab sie mir eine ähnliche Empfindung (ich fürchte sehr, daß ich mich hier kaum verständlich ausdrücken kann), wie wenn sie bei der Berührung einer gallertartigen oder klebrigen Masse hat. Ich habe sowohl von dem Klang wie von der Stimme gesprochen. Ich möchte sagen, daß der Klang eine deutliche, eine verblüffend deutliche Silbenbetonung zeigte. Valdemar sprach wirklich – und zwar in Antwort auf meine, wenige Minuten vorher an ihn gerichtete Frage, ob er noch schliefe. Er sagte folgendes:

»Ja – nein – ich habe geschlafen – und jetzt – jetzt – bin ich tot.«

Niemand von den Anwesenden machte den Versuch, das unaussprechliche, schauerliche Entsetzen zu verbergen, das diese wenigen, auf solche Weise ausgestoßenen Worte in uns erregen mußten. Mr. L., der Student, fiel in Ohnmacht. Die Pfleger verließen sofort das Zimmer und konnten durch nichts veranlaßt werden, zurückzukommen. Meine eigenen Eindrücke könnte ich unmöglich dem Leser verständlich machen.

Fast eine Stunde lang bemühten wir uns schweigend – denn keiner von uns wagte ein Wort zu äußern –, Mr. L. wieder zum Bewußtsein zu bringen. Erst als er wieder zu sich gekommen war, begannen wir eine erneute Untersuchung von Valdemars Zustand.

Dieser Zustand war im allgemeinen der gleiche geblieben, wie ich ihn schon beschrieben habe, nur daß der Spiegel keine Anzeichen des Atmens mehr wies. Ein Versuch, dem Arm etwas Blut zu entnehmen, mißlang. Ferner möchte ich erwähnen, daß auch sein Arm nicht mehr meinem Willen gehorchte, und vergebens suchte ich ihn in Kontakt zu meinen Handbewegungen zu bringen. Das einzige Anzeichen eines mesmeristischen Einflusses fanden wir in dem Erzittern der Zunge, das jedesmal eintrat, wenn ich an Valdemar eine Frage stellte. Es schien, als ob er eine Anstrengung machte, zu antworten, aber doch nicht genügend Beweglichkeit dazu hätte. Ich versuchte auch, die übrigen der Anwesenden in mesmeristischen Rapport mit ihm zu setzen, aber gegen alle Fragen von ihrer Seite blieb er völlig unempfindlich. Ich glaube, ich habe nunmehr alles Nötige mitgeteilt, um den damaligen Zustand des Eingeschläferten zu beschreiben.

Wir besorgten neue Pfleger, und ich verließ mit den beiden Ärzten und Mr. L. gegen zehn Uhr morgens das Haus. Nachmittags besuchten wir von neuem den Kranken und fanden seinen Zustand unverändert. Wir besprachen uns darüber, ob es recht und tunlich sei, ihn aufzuwecken, kamen aber ohne Schwierigkeiten überein, daß dadurch nichts Gutes erreicht werden könnte.

Es war klar, daß hier tatsächlich der Tod, oder was man im allgemeinen Tod nennt, durch die Mesmerisierung aufgehalten war. Und daraus folgte für uns, daß ein Aufwecken Valdemars nur seine sofortige oder baldige Auflösung zur Folge haben mußte.

Von dieser Zeit an bis zum Ende der vorigen Woche – also fast sieben Monate lang – fuhren wir fort, täglich in Valdemars Haus vorzusprechen, wobei wir dann und wann von ärztlichen und anderen Freunden begleitet wurden. Während dieser ganzen Periode blieb der Eingeschläferte in genau demselben Zustande, wie ich ihn zuletzt beschrieben habe. Er befand sich immer in Überwachung durch die Pfleger.

Am letzten Freitag nun beschlossen wir endgültig, ihn aufzuwecken oder wenigstens den Versuch zu machen, ihn aufzuwecken, und das (vielleicht) unglückliche Resultat dieses Versuchs hat dann zu vielen Auseinandersetzungen in privaten Kreisen und zu den nach meiner Ansicht unberechtigten Gefühlsausbrüchen geführt.

Um Valdemar aus der mesmeristischen Einschläferung zu erwecken, machte ich wieder die gewöhnlichen Striche. Eine Zeitlang hatte ich damit keinen Erfolg. Das erste Anzeichen des Erwachens war eine kleine Senkung der Iris. Als besonders auffallend wurde hierbei bemerkt, daß bei diesem Herabtreten der Pupille eine gelbe Flüssigkeit unter dem Augenlid herausfloß, die einen durchdringenden und sehr unangenehmen Geruch verbreitete.

Man riet mir jetzt zu einem Versuch, den Arm des Eingeschläferten wie früher zu beeinflussen. Ich versuchte dies auch, hatte aber keinen Erfolg damit. Darauf drückte Dr. F. den Wunsch aus, ich möchte eine Frage stellen. Ich tat das auch, und zwar folgendermaßen:

»Valdemar, können Sie uns Ihre augenblicklichen Gefühle oder Wünsche mitteilen?«

Für einen kurzen Augenblick traten die hektischen Flecken wieder auf die Wangen, die Zunge bebte oder vielmehr rollte heftig im Munde, obgleich die Kiefer und Lippen so starr blieben wie vorher, und schließlich brach dieselbe grauenhafte Stimme hervor, wie ich sie schon geschildert habe:

»Um Gotteswillen! – schnell! – schnell! – schläfern Sie mich ein – oder schnell! – erwecken Sie mich! – schnell! – ich sage Ihnen ja, daß ich tot bin!«

Ich war vollständig außer Fassung und konnte mich im Augenblick nicht entscheiden, was ich tun sollte. Zuerst versuchte ich, den Patienten zu beruhigen; da mir das aber mangels jeder Willenskraft nicht gelang, tat ich das Umgekehrte und gab mir alle Mühe, ihn zu erwecken. Ich sah auch bald ein, daß ich hierbei wenigstens Erfolg haben würde – oder wenigstens bildete ich mir das ein, wie auch alle andern im Zimmer glaubten, der Patient würde sogleich erwachen.

Was aber wirklich geschah, darauf konnte unmöglich irgendein menschliches Wesen vorbereitet sein.

Während ich ganz schnell meine mesmerischen Striche machte, brachen die Ausrufe »tot! tot! tot!« direkt von der Zunge und nicht von den Lippen des Leidenden, und plötzlich im Zeitraum von kaum einer Minute sank der ganze Körper unter meinen Händen in sich zusammen. Er zerfiel und verweste förmlich vor unser aller Augen, und auf dem Bett lag nur noch eine halbflüssige Masse von unerträglicher, ekler Fäulnis.

 


 

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