Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Benjamin >

Selbstzeugnisse

Walter Benjamin: Selbstzeugnisse - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/benjamin/selbstze/selbstze.xml
typenarrative
authorWalter Benjamin
titleSelbstzeugnisse
publisherSuhrkamp Verlag
seriesWalter Benjamin Gesammelte Schriften
volumeIV - 2
editorTillman Rexroth
year1991
isbn3518285343
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120618
projectidb493e875
Schließen

Navigation:

Tagebuch vom siebenten August neunzehnhunderteinunddreißig bis zum Todestag

Sehr lang verspricht dieses Tagebuch nicht zu werden. Heute kam die ablehnende Antwort von Kippenberg und damit gewinnt mein Plan die ganze Aktualität, die ihm die Ausweglosigkeit nur geben kann. »Ein Mittel, ebenso bequem aber etwas weniger endgültig« müßte ich finden – sagte ich heute zu I. Die Hoffnung darauf ist sehr klein geworden. Wenn aber etwas die Entschlossenheit, ja den Frieden, mit denen ich an mein Vorhaben denke, noch steigern kann, so ist es kluge, menschenwürdige Verwendung der letzten Tage oder Wochen. Die eben zurückliegenden ließen in dieser Hinsicht manches vermissen. Unfähig, etwas zu unternehmen lag ich auf dem Sofa und las. Oft verfiel ich, am Ende der Seiten, in so tiefe Abwesenheit, daß ich umzublättern vergaß; meist mit meinem Plan beschäftigt, ob er unumgänglich sei, ob besser hier im Atelier oder im Hotel ins Werk zu setzen u.s.w.

Ich las »Friedensfest« und »Einsame Menschen«. Ungesittet benehmen die Leute sich in diesem Friedrichshagner Milieu. Aber so kindisch scheinen sich die Menschen in dieser »Neuen Gemeinschaft« Bruno Willes oder Bölsches eben benommen zu haben. Der heutige Leser fragt sich, ob er einer Generation von Spartiaten angehöre, soviel mehr Zucht und vor allem so viel mehr Gabe von sich selber ab-, über sich selbst hinwegzusehen besitzt er. Was für ein roher Patron ist nicht dieser Johannes Vockerath, den Hauptmann mit sichtlicher Sympathie darstellt; die Unerzogenheit und Indiskretion scheint eine Voraussetzung dieses dramatischen Heldentums. Zugleich aber kann man an diesen Figuren ablesen, wie hinfällig dramatische Figuren werden, denen der Autor zu gerne zuhört. Wer sich nach vierzig Jahren ihnen zuwendet, um sich in sie hineinzuversetzen, der findet garkein Unterkommen, dem starrt aus jedem Fenster schon ein Wort, schon eine Redewendung entgegen; diese Menschen sind Mietskasernen abgelebter Reaktionen und Gefühle. Und so kann man an ihnen ein Gesetz der wirklich großen dramatischen Figur ablesen: sie hat Hohlräume, uninteressante Zellen, die ihr das Leben verbürgen, Kammern des Schweigens oder leere Prunkgemächer des Pathos, in denen nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten sich der Gast noch unterbringen, wenn nicht heimisch machen kann. – Eine große Merkwürdigkeit anderer Art ist in diesen hauptmannschen Stücken die Krankheit. Hier wie bei Ibsen scheinen die Krankheiten im Grunde Decknamen für die Krankheit der Jahrhundertwende, das mal de siècle, zu sein. In jenen halb verpfuschten Bohemiens wie Braun und Dr. Scholz ist die Sehnsucht nach Freiheit am stärksten, andererseits scheint es oft so als ob die intensivere Befassung mit der Kunst, mit der sozialen Frage und ähnliches die Menschen krank macht. Mit andern Worten: Krankheit ist hier ein soziales Emblem, etwa wie Wahnsinn es bei den Alten gewesen ist. Die Kranken haben ganz besondere Kenntnis vom Zustand der Gesellschaft; in ihnen schlägt die private Hemmungslosigkeit gewissermaßen in die inspirierte Witterung der Atmosphäre um, in der die »Zeitgenossen« atmen. Die Zone dieses Umschlagens aber ist die »Nervosität«. Es wäre wichtig festzustellen, ob nicht selbst dies Wort zum Modewort im Jugendstil geworden ist. Die Nerven jedenfalls sind inspirierte Fäden, gleichen jenen Fasern, die sich mit unbefriedigten Verjüngungen, mit sehnsuchtsvollen Buchten um Mobiliar und Fassade zogen. Die Figur des Bohemiens, der Emanzipierten – der Naturalismus sah sie am liebsten in Gestalt einer Daphne, wie sie unter dem Nahen der verfolgenden Wirklichkeit in ein Bündel von bloßgelegten, pflanzenhaften, in der Luft der Jetztzeit erschauernder Nervenfasern sich verwandelt.

Gestern Abend eine Zusammenkunft mit Salomon und Holborn. Das Gespräch drehte sich um Methodenfragen der Geschichte. Es fiel ein ausgezeichnetes Wort von Huizinga: die Geschichte (der Durchschnittshistoriker) beantwortet mehr als ein Weiser fragt. Mein Versuch eine Konzeption von Geschichte zum Ausdruck zu bringen, in der der Begriff der Entwicklung gänzlich durch den des Ursprungs verdrängt wäre. Das Historische, so verstanden, kann nicht mehr im Flußbett eines Entwicklungsverlaufes gesucht werden. Es tritt, wie ich wohl schon an anderer Stelle bemerkt habe, hier für das Bild des Flußbetts das des Strudels ein. In solchem Strudel kreist das Früher und Später – die Vor- und Nachgeschichte eines Geschehens oder besser noch eines Status um diesen. Die eigentlichen Gegenstände einer solchen Geschichtsauffassung sind daher nicht bestimmte Ereignisse sondern bestimmte unwandelbare status begrifflicher oder sinnlicher Art: also die russische Agrarverfassung, die Stadt Barcelona, die Bevölkerungsverschiebungen in der Mark Brandenburg, das Tonnengewölbe u.s.w. Ist diese Anschauung also bestimmt durch die Entschiedenheit, womit sie sich gegen die Möglichkeit des evolutionistischen und universalen Elements in der Geschichte ausspricht, so ist sie im Innnern von einer fruchtbaren Polarität bestimmt. Die beiden Pole einer solchen Auffassung sind das Geschichtliche und das Politische, man könnte scharf pointieren: das Geschichtliche und das Geschehen. Beide liegen auf gänzlich verschiednen Ebnen. Niemals kann zum Beispiel davon gesprochen werden, daß wir Geschichte erlebten: ebensowenig in dem Sinne als rücke eine Darstellung das Geschichtliche uns so nahe, daß es wie ein Geschehn wirke solche Darstellung wäre wertlos – noch in dem Sinne als erlebten wir Geschehnisse, die bestimmt seien, Geschichte zu werden, solche Auffassung ist journalistisch.

Ich verleihe mir vor Toresschluß einen Titel, den Lichtenberg erdacht hat »Professor philosophiae extraordinariae«.

12 August. Im Gespräch mit Glück ergab sich mir der eigentliche Grund für die Haltung, die Kraus meiner »Essay-Reihe« gegenüber eingenommen hat. Gewiß mag für sie die Rücksicht auf die Anhänger eine Rolle gespielt haben. Aber den wahren Schlüssel seines Verhaltens gibt doch erst der »Fall Diebold« im letzten Hefte der Fackel. Hätte nämlich meine Arbeit an noch so versteckter Stelle den Namen Diebold enthalten und, auch nur schattenhaft, auf dessen Verunglimpfung von Kraus Bezug genommen, er hätte das Rühmlichste über sie – die Stelle und die Arbeit zu sagen gewußt. Nun aber hat er in ihrer ganzen Ausdehnung den Namen Diebold vergebens gesucht und er war nicht gewillt, meines Aufsatzes wegen seine Politik gegen die Frankfurter Zeitung zu ändern – um so weniger als sie ihm für diese keine Waffe in die Hand gab.

Je älter man als Schriftsteller wird desto mehr wird einen hin und wieder beim Lesen ein Wort frappieren, das man selber noch nie geschrieben hat. So ein Wort kann eine ganze Periode heraufführen. Aber nicht nur je länger je mehr werden einen solche Wörter frappieren sondern auch desto öfter. Denn dieser Sinn für den Stempelglanz der Worte erwacht sehr spät, je öfter man auf abgegriffne ja auf solche stößt, die Spuren unserer eignen Griffe schon an sich haben.

Am 16 August bei Haas. Es ergab sich da in der kleinen, dem Hause vorgebauten Glasveranda – anwesend waren die Frau, Tritsch, Rosen und Huchel – ein Gespräch, aus dem mir einiges des Festhaltens wert scheint. Indem ich von der Protestversammlung gegen die Zensur, die in den Schubertsälen am dreizehnten stattgefunden hatte, berichtete, ergab sich die naheliegende Aussprache über Marxismus und Kunst. Dabei konnte ich nun die Dialektik dieses Verhältnisses entwickeln. Ich stellte zwei Thesen auf, die seit jeher – genauer seit dem Aufgang des Kapitalismus – mit einander im Streite liegen:

die Kunst dem Volke die Kunst den Kennern

Offenkundig ist, daß vorerst alles zugunsten der zweiten These spricht. Vor allem hat es sich jederzeit erwiesen, daß eine Kunstübung die sich mehr an das undifferenzierte Genußbedürfnis von Konsumenten als an die kritische Mitarbeit von Kennern wendet, sehr bald durchaus verrohend wirkt. In der jüngsten Zeit ist das am auffallendsten am Roman festzustellen. Der Roman scheint von vornherein deutlicher auf Konsum, auf ein unproduktives Genießen zu zielen als die übrigen Formen der Kunst. Ich habe, an anderer Stelle, diese Analogie, die der Roman zur Speise hat, genauer durchführen können. Die Zeiten sind längst vorüber, in denen diese Speise einen Nährwert besaß und die »Volkstümlichkeit« der Kunst, die heute im wesentlichen von den Erfolgsromanen repräsentiert wird, hat schon längst nichts Produktives oder Nährendes mehr – wie der Roman es in den Zeiten der beginnenden Emanzipation der Bürgerklasse gehabt hat – sie ist vielmehr der Ausdruck einer restlosen Eingliederung dieser Art Schrifttum in den Warenumlauf geworden; sie dient einzig und allein dem Komfort. Die Romantiker haben bereits vor hundert Jahren durch die gewagtesten technischen Anlagen versucht, der Kennerschaft im Romanleser zu ihrem Recht zu verhelfen; das Ergebnis aber ist gewesen, daß sie so den Roman um jede Volkstümlichkeit gebracht haben. Die Antinomie ist also gerade auf dem breitesten Produktionsfeld des bürgerlichen Schrifttums unversöhnlich. Auf der anderen Seite jedoch erschließt auf die Dauer jede Klasse und jede gesellschaftliche Schicht ihre Lebens- und Sprachformen einzig dem, der für sie tätig ist, der die Stoffe, die sie ihm zuführt, in verwandelter Gestalt ihr wieder zur Verfügung stellt. Das bedeutet: jede Kunstübung, die auf Volkstümlichkeit von vornherein und in ihrer ganzen Breite verzichtet, wird mehr als billig der Marktbewegung für die Luxusware, und das will sagen dem Diktat der Mode anheimfallen. Nun liegt es natürlich so, daß jede blühende Literatur zwischen den Extremen der volkstümlichsten und der esoterischsten Dichtung immer eine ganze Reihe von Übergängen gekannt hat. Das Entscheidende aber war, daß diese vermittelnden Stufen nicht nur äußerlich, dem Erfolge oder den Auflageziffern nach eine Kontinuität aufwiesen, sondern daß eine solche innere Kontinuität zwischen den bestimmten Provinzen des Schrifttums an und für sich, von innen her, bestand. Bei uns besteht sie in keiner Weise und das besagt, daß gerade die wichtigsten Aufgaben: die Arbeit an den neuen Kunstformen unter Heranziehung des ganzen Arsenals der proletarischen Lebens- und Sprachformen unlösbar, ja man darf beinah sagen, unformulierbar geworden ist. Diese Verhältnisse haben zur sogenannten Krise der Kunst und zu der Forderung ihrer Abschaffung, schließlich zu der Formulierung geführt, der Journalismus habe an ihre Stelle zu treten. So abstrus diese Parole nun unter der Klassenherrschaft der Bourgeoisie ist, so groß ist die Bedeutung der Tatsache, daß sie unter ihr schon entstehen konnte und ihr prognostischer Wert. Die restlose Assimilierung der Literatur durch die Zeitung – die sich in Gestalt der Fortsetzungen ja sogar den Roman angeeignet hat und ihn in dieser neuen Form zusehends verwandelt – ist nämlich ein dialektischer Prozeß, der Untergang des Schrifttums unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen, aber die Formel seiner Wiederherstellung unter veränderten. Und da die heutigen mit den veränderten sich im Grunde bereits durchdringen, so läßt sich hier schon vielerlei ablesen. Allerdings: erste Folge der publizistischen Alleinherrschaft der Zeitung ist, die Eingliederung der literarischen Produktion in die der Waren auch an allen den Stellen manifest zu machen, an denen sie es bisher noch nicht war. Die zweite aber verhält sich zu dieser ersten schon dialektisch. Indem nämlich das Schrifttum an Breite gewinnt was die Kunst an Tiefe verliert, beginnt die Trennung zwischen Autor und Publikum, die der Journalismus auf korrupte Weise aufrecht erhält, auf anständige Art durchbrochen zu werden. Der Lesende ist jederzeit bereit ein Schreibender, nämlich ein Beschreibender und ein Vorschreibender zu werden; von jeder sachlichen Kennerschaft aus bahnt sich ein Zugang zum Schreibenkönnen: kurz, die Arbeit selbst kommt zu Worte; ihre Darstellung macht einen Teil des Könnens, der zu ihrer Ausführung selbst verlangt wird; die literarische Kennerschaft wird nicht im (Konsum sondern in) der Praxis des Arbeitsganges fundiert und damit volkstümlich; die Volkstümlichkeit des Schreibens wird nicht auf Konsum sondern auf Produktion abgestellt, also fachmännisch. Es ist, mit einem Wort, die Literarisierung der Lebensverhältnisse, welche der unlösbaren Antinomie Herr wird, unter der heute das gesamte Kunstschaffen steht und es ist der Schauplatz der tiefsten Erniedrigung des gedruckten Wortes, also die Zeitung, auf dem in einer neuen Gesellschaft seine Wiederherstellung von statten gehen wird. Ja sie ist nicht die verächtlichste List der Idee. Die Not – die mit ungeheurem atmosphärischen Druck heute gerade das Schaffen der Besten komprimiert, daß es im dunklen Bauche eines Feuilletons wie in dem eines hölzernen Pferdes Platz hat, um eines Tages das Troja dieser Presse in Brand zu setzen.

Spanien 1932

Die ersten nachzudenkenden Bilder in San Antonio: die Interieurs, die in offnen Türen, deren Perlvorhänge gerafft sind, sich auftun. Noch aus dem Schatten schlägt das Weiß der Wände blendend hervor. Und vor der rückwärtigen stehen gewöhnlich streng ausgerichtet und symmetrisch in der Stube zwei bis vier Stühle. Wie sie so dastehen, anspruchslos in der Form, aber mit auffallend schönem Geflecht und überaus repräsentabel, läßt sich manches von ihnen ablesen. Kein Sammler könnte kostbare Teppiche oder Bilder mit größerem Selbstbewußtsein an den Wänden seines Vestibüls ausstellen als der Bauer diese Stühle im kahlen Raum. Sie sind aber auch nicht nur Stühle; im Augenblick haben sie ihre Funktion geändert, wenn der sombrero über der Lehne hängt. Und in diesem neuen Arrangement wirkt der geflochtene Strohhut nicht weniger kostbar als der Stuhl. So wird es denn wohl überhaupt so sein, daß in unseren wohlbestellten, mit allen erdenklichen Bequemlichkeiten versorgten Räumen kein Platz für das wahrhaft Kostbare ist weil kein Platz für Gerätschaften. Kostbar können Stühle und Kleider, Schlösser und Teppiche, Schwerter und Hobel sein. Und das eigentliche Geheimnis ihres Wertes ist jene Nüchternheit, jene Kargheit des Lebensraumes, in dem sie nicht nur die Stelle, an die sie gehören, sichtbar einnehmen können, sondern den Spielraum haben, die Fülle von verborgenen immer wieder überraschenden Funktionen erfüllen zu können, um derentwillen das Kostbare dem gemeinen Ding überlegen ist.

 

Ein Traum aus der ersten oder zweiten Nacht meines Aufenthalts in Ibiza: Ich ging spät abends nach Hause – es war eigentlich nicht mein Haus, vielmehr ein prächtiges Mietshaus, in welches ich, träumend, Seligmanns einlogiert hatte. Da begegnete mir, aus einer Seitenstraße schnell auf mich zueilend, in nächster Nähe des Hausportals, eine Frau, die im Vorübergehen, ebenso schnell wie sie sich bewegte, flüsterte: Ich geh zum Tee, ich geh zum Tee! Ich folgte der Versuchung, ihr nachzugehn nicht, trat vielmehr in das Haus von S' ein, wo sich aber alsbald ein unangenehmer Auftritt ergab, in dessen Verlauf der Sohn des Hauses mich an der Nase faßte. Unter entschiednen Protestworten warf ich die Haustür hinter mir zu. Kaum war ich wieder im Freien, als aus derselben Straße, mit denselben Worten, dasselbe Frauenzimmer auf mich zu schnellte und diesmal folgte ich ihr. Zu meiner Enttäuschung aber ließ sie sich nicht ansprechen, sondern eilte immer gleich schnell eine etwas abschüssige Gasse entlang bis sie vor einem eisernen Gitter engste Fühlung mit einem ganzen Haufen von Dirnen bekam, die da offenbar vor ihrem Quartier standen. Ein Schutzmann war nicht weit davon postiert. Mitten in soviel Verlegenheiten erwachte ich. Da fiel mir ein, daß die erregende seltsam gestreifte Seidenbluse des Mädchens in den Farben Grün und Violett geglänzt hatte: den Farben von Fromms Akt (vgl. Taschenbuch I Blatt 22)

 

Noch ein Traum (dieser in Berlin, einige Zeit vor der Reise). Mit Jula war ich unterwegs, es war ein Mittelding zwischen Bergwanderung und Spaziergang, das wir unternommen hatten und nun näherten wir uns dem Gipfel. Seltsamerweise wollte ich das an einem sehr hohen, schräg in den Himmel stoßenden Pfahl erkennen, der, an der überkragenden Felswand aufragend, sie überschnitt. Als wir dann oben waren, war das aber garkein Gipfel sondern eher ein Hochplateau, über das eine breite, beiderseits von altertümlichen ziemlich hohen Häusern gebildete Straße sich zog. Nun aber waren wir mit einem Mal nicht mehr zu Fuß sondern saßen in einem Wagen, der durch diese Straße fuhr, nebeneinander, auf dem rückwärtigen Sitz, wie mir scheint; vielleicht aber änderte auch, während wir in ihm saßen, der Wagen die Fahrtrichtung. Da beugte ich mich zu Jula um sie zu küssen. Sie bot mir aber nicht den Mund sondern die Wange. Und während ich sie küßte, bemerkte ich, daß diese Wange aus Elfenbein und ihrer ganzen Länge nach von schwarzen, kunstfertig ausgespachtelten Riefen durchzogen wurde, die mich durch ihre Schönheit ergriffen.

 

Die Wirtschaft auf der Insel ist ganz archaisch. Vor fünfzig Jahren hat man hier noch kein Brot gekannt; das Volksnahrungsmittel war Mais. Und noch heute gibt es nicht mehr als vier bis sechs Kühe, manche behaupten, wegen der Futtermittel, Don Rossiglio aber, Fischereiunternehmer und Deputierter, behauptet, wegen der Rückständigkeit der Bewohner. Wie lange wird diese Rückständigkeit erhalten bleiben? Noch bewässert man die Felder nach alter arabischer Weise mit Schöpfrädern, die von Maultieren betrieben werden. Noch drischt man das Getreide unter den Hufen der Pferde, welche an langen Zügeln auf der Tenne getrieben werden. Aber schon stehen in Ibiza und San Antonio unfertige Hotelbauten, in denen den Fremden fließendes Wasser in Aussicht gestellt wird. Die Zeit bis zu ihrer Fertigstellung ist kostbar geworden. Noch sind die Wege einsam: der Spaziergänger der vom Rascheln der Eidechsen, die Eidechsen die vom Schritt des Spaziergängers auffahren sind, für eine kurze Weile noch, unter sich. Aber gerade diese unscheinbaren Eidechsen sind es, mit denen das Neue hier anfing. Man erinnert sich auch der Terrarien, die vor einigen Jahren in der Kakteenecke der Boudoirs oder Wintergärten sich ansiedelten. Eidechsen begannen ein internationaler Modeartikel zu werden. Unter den heutigen Tierhändlern sind nun diese Inseln, die Pityusen ob ihrer Eidechsen wegen ebenso renommiert wie sie es unter den antiken Generälen ihrer Schleuderer wegen waren. Und so setzte sich eines Tages ein Mann hier fest, um sich mit einem kleinen Eidechsenversand durchs Leben zu schlagen. Es gibt viele Arten Eidechsen zu fangen: sie scheinen aber alle auf der großen Neugier dieser Tiere zu beruhen. Wer weiß, welche biologische Ursache diese Neugierde haben mag: die des Nahrungstriebs jedenfalls kaum. Denn einerseits bleiben sie ohne weiteres drei, vier Wochen, ohne etwas zu fressen (weswegen sie sich so leicht verschicken lassen), andererseits werden sie nicht müde, auch das Ungenießbarste, etwa eine Hand, zu beäugen, wenn sie ihnen merkwürdig ist. Mit dieser Neugier rechnet man, wenn man Fallen stellt. Das einfachste ist eine tiefe, offene Konservenbüchse mit einem stark aromatischen Köder – Käse, Fisch, Wurst – auf dem Grunde in den Boden zu graben; nach einigen Tagen findet man in ihr eine Anzahl der Tiere, die an den glatten Wänden nicht wieder heraufklettern konnten. Andere, mißtrauischere, muß man in haardünnen Schlingen fangen, die mit irgendeinem aromatischen Stoffe bestrichen sind, damit das Tier sie beschnuppert. Die sonderbarste Fangart aber soll im Altertume geübt worden sein. In eine Schlinge nämlich habe man eine große Speichelblase hineinfallen lassen und nun diese nun, als einen Spiegel gleichsam dem Tiere entgegengehalten. Im Augenblick, da das Tier in die Höhlung vorstieß, zog der Fänger die Schlinge zu. Es ist aber nicht jener erste Fänger gewesen, der das alles zu erzählen wußte; vielmehr scheint der seine Berufsgeheimnisse nur gegen gutes Geld preisgegeben zu haben, soviel man wenigstens aus der Niederlassungsgeschichte des zweiten entnehmen kann. Eines weiteren Tags nämlich stellte es sich heraus, daß auf dem Kontinent die Krise den Eidechsen, soweit sie zum Ameublement gehörten, den Garaus gemacht hatte. Und ungefähr um dieselbe Zeit – im Jahre 1922 – war es, daß in Stuttgart ein müßiger Bildhauer, der in der Inflation sein Vermögen verloren hatte, mit betrübten Gedanken sich an das selten benutzte Radio setzte. Dieser Bildhauer war ein unruhiger Geist, von denen einer, die zur rechten Zeit ihren Eltern davongelaufen sind, und als er fünfzehn Jahre alt war, da lebte er schon als einziger Weißer in einem südamerikanischen Indianerdorfe. Das Schiff das ihn als Schiffsjungen auf Fahrt genommen hatte, war gescheitert, die übrige Mannschaft nach Deutschland spediert, ihm aber die weitere Seefahrt von zu Haus untersagt worden. Und weil ihm das nicht paßte, blieb er bei den Indianern, wie sehr der deutsche Konsul in Pernambuco ihn auch vor den vielen Sandflöhen im Indianerdorf warnte. Dieser also, der sich beizeiten gekrümmt hatte, saß am Radio. Vor dem Mikrophon aber stand ein ehemals in Spanien internierter Deutscher, der bei der Generosität der Spanier während des Krieges recht gut das Land hatte kennen lernen können. Er war auch nach Ibiza gekommen und sprach nun über »Eine vergessene Insel«. So kam J..., der Bildhauer auf die Insel, zunächst nur zu einem kurzen informatorischen Aufenthalt: als er die Verhältnisse günstig, die Eidechsen mannigfach, die Einheimischen zuvorkommend fand, kehrte er zurück und begann sich niederzulassen. Seinem Vorgänger zahlte er tausend Mark für die Kundenliste und die Verbindlichkeit, keinerlei Handel mit Tieren mehr auf der Insel zu treiben. Inzwischen aber hatte die Weltkrise ihren Lauf genommen und die Eidechsen aus den Wintergärten und Boudoirs ausquartiert. Die Aufträge blieben aus, wenigstens bis auf die der Händler, deren Preise den Fang nicht lohnen. Denn jede Fahrt auf eine der einsamen, unbewohnten Inseln, auf denen die selteneren, zum Teil noch unbeschriebenen Arten vorkommen, bedeutet zwei bis drei Tage Arbeit, dazu ein Risiko für den Kahn, der dort nirgends Ankergrund finden kann. J... aber, der nun einmal installiert war, sah seinen Traum, eine zivilere, gewissermaßen emanzipierte Form, seinen Lebensunterhalt auf dieser Insel zu bestreiten, zerronnen. Sie hatte mit ihren alten Überlieferungen, ihren archaischen Lebensformen, das letzte Wort behalten. Er wurde Fischer und wenn er heute eine Zigarette entzündet, benutzt er, wie jeder andere Feuerstein und Zündschnur. »Im Boot« sagt er »ist es das Beste. Streichhölzer bläst der Wind aus, aber je mehr er weht, desto besser glimmt sie.«

 

Es regnet und das Licht, das alle Dinge hier vom Himmel her so schonungslos beansprucht, verzieht sich, um sie der Erde zurückzugeben. – Die weißen Häuser in ihren Kaktushecken von einem Getümmel stürmender grüner Geister bedrängt.

 

Von der Ehrlichkeit der Einheimischen und vom Gegenteil. Zwei Geschichten. Ein Fremder, der nach mehrmonatlicher Anwesenheit sich Freundschaft und Vertrauen auf der Insel erworben hatte, sieht den letzten Tag seines Aufenthalts gekommen. Es trifft sich, daß es ein glühend heißer ist und, einmal mit seinen Reisevorbereitungen am Ende, beschließt er, sich der Sorge um seine Sachen möglichst bald zu entledigen, um noch ein zwei Stunden den kühlen Schatten auf der Terrasse eines ibizenkischen Weinhändlers zu genießen. Auf dem Schiff verspricht man ihm, sein Gepäck, einschließlich seiner Jacke in Verwahrung zu nehmen, und merklich entlastet, begibt sich der Fremde zu seinem Weinhändler, dem er auch in Hemdsärmeln herzlich willkommen ist. Mühelos kommt er mit den ersten copitas eines landläufigen Weißen zu Rande. Aber je weiter ihm so im Trinken die Zeit vorrückt, desto schwerer scheint ihm der Abschied zu werden, zumal so ein sang- und klangloser. Fragen stoßen ihm auf, nach dem schönen Portal der Kurie zu Ibiza, nach den seltsamen Entführungs- und Verbringungssitten, von denen niemand genaueres gehört hat, nach der Herkunft jener seltsamen Namen, mit denen die Fischer hier die Berge bezeichnen und die ganz verschieden sind von den Namen, die sie von den Bauern bekommen. Zur rechten Zeit erinnert er sich, den Namen seines Weinschenken schon einmal als einer Autorität für die Chronik der Insel haben nennen zu hören. Er möchte in letzter Stunde doch noch dies und jenes unter Dach und Fach bringen, vielleicht auch über die Einsamkeit des herannahenden letzten Abends hinwegkommen. Er bestellt eine Flasche vom besten und während der Wirt sie vor seinen Augen entkorkt, hat sich das Gespräch zwischen ihnen schon angesponnen. Nun hat der Fremde in den vergangnen Wochen die fanatische Gastfreundschaft der Inselbewohner hinreichend kennen gelernt, um zu wissen, daß man die Ehre, ihnen etwas vorzusetzen, von langer Hand und gleichsam notariell stipulieren muß. So ist es also sein erstes, den Wirt freundlich zu bitten, sein Gast zu sein und in diesem Punkte bleibt er auch bei der zweiten und dritten Flasche fest, um so mehr, als er so mit gutem Gewissen die eine oder andere seiner Auskünfte in der Gestalt von Stichworten sich notieren kann. Um aber auf die Notizen des Fremden zurückzukommen: da gibt es Motive, die es an Kraft mit denen Stendhals aus den italienischen Novellen aufnehmen können. Welches Bild: das mannbare Mädchen, am Feiertag von Bewerbern umgeben, der Vater aber seiner Tochter streng die Frist für das Gespräch mit ihren Freiern setzend: eine Stunde, anderthalb im Höchstfalle und mögen es auch dreißig und mehr sein, so daß ein jeder, was er sagen will, in einige Minuten zu drängen hat. Überm Gespräch ist es kühl geworden, der Wirt läßt es sich nicht nehmen, dem Fremden eine seiner eigenen Jacken umzugeben und die letzte Flasche wird angebrochen. Die gute Hälfte wartet noch auf sie, da dröhnt eine Sirene in ihr Gelage. Es ist der Dampfer, der zehn Minuten entfernt klar zur Ausfahrt, an der Mole liegt und das Gepäck des Fremden schon an Bord hat. Über die Dächer gewahrt man im blassen Abendhimmel sein Toplicht. Daß zu Komplimenten nicht mehr viel Zeit bleibt, sieht auch der Wirt ein und so händigt er ohne viel Widerstreben, getreu der getroffenen Abrede, dem Fremden die Rechnung ein. Der aber schrickt, noch ehe er einen Blick auf sie geworfen, zusammen. Seine Brieftasche, die unabänderlich in der hinteren Tasche der Hose verwahrt wird, ist fort. Blitzschnell streift er mit einem Blick den Wirt. Dessen biederes Gesicht drückt Bestürzung aus. Unmöglich, daß er das Portefeuille hat. Mit den zuvorkommendsten Wendungen bittet er, diesem Zwischenfall keine Bedeutung beizumessen. Ohnehin sei es ihm unlieb gewesen, in seinem eignen Hause der Gast des Herrn sein zu müssen. Und was die Brieftasche angehe, die werde sich ganz bestimmt im Jackett an Bord finden. Für den Fremden ist aber auch dies nur ein halber Trost. Die Scheine sind nicht klein, die er drin verwahrt hat und es sind auch nicht wenige. Auf Bord gehen seine schlimmsten Erwartungen in Erfüllung. Die Jacke ist leer und er weiß nun, was er von der gerühmten Ehrlichkeit der Bevölkerung zu halten hat. Vor die Alternative gestellt, die Schiffsbesatzung oder den Wirt zu verdächtigen, entscheidet er sich in einer schlaflosen Nacht für das Schiffsvolk. Aber er irrte. Der Wirt war es, der die Brieftasche hatte. In Deutschland kaum angekommen erhielt er den Beweis davon in Gestalt folgenden Telegrammes: Brieftasche eben erst in Jackett entdeckt, das Sie bei mir umnahmen. Geldbetrag folgt.«

 

Nicht abraten. Wer um Rat gefragt wird, tut gut, zuerst des Fragenden eigne Meinung zu ermitteln, um sie sodann ihm zu bekräftigen. Von eines andern größerer Klugheit ist keiner so leicht überzeugt und wenige würden daher um Rat fragen, geschähe es mit dem Vorsatz, einem fremden zu folgen. Es ist vielmehr ihr eigener Entschluß, der im Stillen gefaßt ist, den sie noch einmal, gleichsam von der Kehrseite, als »Rat« des andern kennen lernen wollen. Diese Vergegenwärtigung erbitten sie von ihm und sie haben recht. Denn das Gefährlichste ist, was man.»bei sich« beschloß, ins Werk zu setzen, ohne es die Aussprache, wie einen Filter, passieren zu lassen. Darum ist dem, der Rat sucht, schon halb geholfen und wenn er Verkehrtes vorhat so ist, ihn skeptisch zu bestärken besser als ihm überzeugt zu widersprechen.

 

Daß der Schüler den Inhalt seines Buchs unterm Kopfkissen am Morgen auswendig weiß, der Herr den Seinigen es im Schlafe gibt und die Pause schöpferisch ist – dem Spielraum zu geben ist das A und O aller Meisterschaft und ihr Kennzeichen. Dieser Lohn eben ist es, vor den die Götter den Schweiß gesetzt haben. Denn Kinderspiel ist Arbeit, welche mäßigen Erfolg erzielt, mit der verglichen, die das Glück herbeiruft. So rief Rastellis ausgestreckter kleiner Finger den Ball herbei, der wie ein Vogel auf ihn heraufhüpfte. Die Übung von Jahrzehnten, die dem vorherging, hat in Wahrheit weder den Körper noch den Ball »unter seine Gewalt« sondern dies zustande gebracht: daß beide hinter seinem Rücken sich verständigten. Den Meister durch Fleiß und Mühe bis zur Grenze der Erschöpfung zu ermüden, so daß endlich der Körper und ein jedes seiner Glieder nach ihrer eigenen Vernunft handeln können: das nennt man üben. Es ist eine posthypnotische Suggestion, die hier, im Binnenraum des Körpers gleichsam, wirksam wird, indem der Wille ein für alle Mal zugunsten der Organe abdankt: zum Beispiel der Hand. So kommt es vor, daß einer nach vergeblichem Suchen das Vermißte sich aus dem Kopf schlägt, dann eines Tages etwas Anderes sucht und so das erste ihm in die Hand fällt. Die Hand hat sich der Sache angenommen und im Handumdrehn ist sie einig mit dem Objekt geworden, das sich dem verbißnen Willen entzog.

 

Es ist eine sonderbare Marotte, daß die Reiseschriftsteller sich auf das Schema der »Erfüllung« festgelegt haben, jedem Lande den Dunst, den die Ferne darum gewoben hat, jedem Stande die Gunst, die die Phantasie des Müßiggängers ihm leiht, erhalten zu wollen. Die Einebnung des Erdballs durch Industrie und Technik hat so große Fortschritte gemacht, daß von rechtswegen die Desillusionierung den schwarzen Hintergrund der Schilderung machen müßte, von dem dann das wirklich sonderbare Inkommensurable der nächsten Nähe – der Menschen im Verkehr mit ihresgleichen, mit dem Lande – um so schärfer sich abheben könnte. Man muß zugeben, daß in Deutschland die Reportagen, insofern man sie als eine Art umgewandter Reisebeschreibungen ansieht, das gleiche zum Ausdruck bringen. Es ist nichts als eine Sache von Zeit und Studium, so die nächste Nähe auch des Entfernteren gegenständlich zu machen. Dazu hat dann freilich die Disziplin zu treten, welche es dem Autor verbietet, Effekte aus der ersten Begegnung zu schlagen, der, wenn sie nicht als Impression verwertet, sondern als Samenkorn dem Schoße des Gewohnten eingesenkt wird, später der wunderbare Baum entwachsen kann, dessen Früchte das Aroma der »nächsten Nähe« haben.

 

Kleine Notizen über die Insel. – Ab und zu klingt es hohl, wenn man auftritt. Kann sein, daß es hohle Stellen in der Lava sind (wenn die Insel nämlich wirklich vulkanisch ist); es wird aber auch behauptet, das seien Gräber.

Es gibt hier eine besondere Art von Hunden, die anderwärts nicht vorkommen sollen. Sie heißen Galybs.

Ganz hübsch Jokischs Erzählung von der Behandlung seines Mobiliars beim Zoll. Da er Protektion hatte, nahm man die Möbel soweit wie möglich auseinander und verzollte sie ihm als Bretter. Als ich bei ihm war erzählte er auch; wie er dahintergekommen sei, daß die Ameisen Eidechsen fressen. Es herrschte nämlich einige Tage nachdem er seine Fallen gelegt hatte, ohne Unterlaß Sturm. Als er dann wieder an die Plätze kam, traf er in einer Büchse die Eidechsen, die drei bis vier Wochen ohne Futter gut existieren können, ganz munter an. In die andern waren Ameisen gekommen und hatten alle Tiere umgebracht. Manchmal beißen die Eidechsen einander auch selbst. Ein andermal verlor er einige gute Kunden dadurch, daß ihm die Eidechsen in dem Lager, das er ihnen bei sich zu Hause in verschiednen Gehegen eingerichtet hatte, durcheinander kamen. Seitdem hält er kein Lager von Tieren mehr.

Buch über die Balearen von Erzherzog Johann Salvator.

 

Geschichte der Einsamkeit. »Wieviel Erde braucht der Mensch zum leben?« fragt, in einer seiner Volkserzählungen, Tolstoi. Die Anachoreten haben die Antwort darauf gegeben: ihr auf das kleinste Fleckchen Erde eingeschränktes Leben hat sich über die Welt verbreitet. Die Namen aller Engel und aller Teufel, die sich um ihre Seele oder um ihr Lager bewarben, drangen, vom Athos oder Montserrat herab, in die Welt, die sich vor der Schwelle ihrer Klause verflüchtigte. Auf dem noch unerforschten Erdball vertraten sie den Anspruch ihres Glaubens auf die noch unbetretnen Breiten und noch unbelehrten Kreaturen. Sie waren die magischen Vorläufer der Mission. So zeitlos aber ist auch die Einsamkeit nicht, daß sie nicht mit der Zeit sich ändert, wenn auch langsam. Heute ist sie nur noch ein Abfallprodukt der Gemeinschaft. Klausner gibt es nicht mehr und wer sich absondert, entdeckt keine neue Gemeinschaft sondern die alte. So hatte einer, der mit der Welt nicht zurechtkam, sich ins Innerste einer entlegnen Insel zurückgezogen. Wenige störten ihn auf, nichts aber wunderte sie so sehr wie die Beschlagenheit des Mannes in allen Vorfällen und Intrigen des Küstenlandes. Es war als hätte die Einsamkeit sein Ohr geschärft und der Wind ihm die Skandalgeschichten zugetragen, die der Großstädter am Telefon in sich aufnimmt. Wer von diesem Einsiedler Abschied genommen hatte, der fragte sich: »Wieviel Klatsch braucht der Mensch zum leben?«

 

Es ist nichts Neues, daß Hochstapler mitunter spielend zum Ziele kommen, wenn sie nur erst einen Namen sich beigelegt haben, der auf die Kreise, auf die sie es abgesehen haben, gleichsam betäubend wirkt. Selten aber dürfte es vorkommen, daß dies nicht der Name irgendeines regierenden oder ehemals regierenden Hauses ist – »regiert haben sie ja alle einmal«, wie es bei Fontane heißt – sondern der Name einer abgelegnen Insel. Gewiß, auch das ist nicht neu – es geht auf die Zeiten von Marco Polo oder noch von Athanasius Kircher zurück, wo man durch Kenntnis ferner Länder und weite Reisen sich ein erstaunliches Renommee schaffen konnte – daß aber »im Zeichen des Weltverkehrs« eine arme Mittelmeerinsel zur Operationsbasis eines Hochstaplers werden kann, verlohnt vielleicht einen näheren Bericht. Nun sind es freilich andere Geister, die der Magie des Namens »Ibiza« als etwa eines »Hohenhalters« unterliegen. Aber zweierlei müssen sie schon gemein haben, nämlich die Phantasie und die Ungeduld, kurz einen leidenschaftlichen Drang, aus den Umständen, unter denen sie leben, herauszukommen. So auch zwei Freunde, Schriftsteller und Verleger, die aber keinerlei berufliche Beziehung zu einander unterhielten.

 

Die Ciudad de Valencia, die den Verkehr zwischen Barcelona und Ibiza besorgt, geht jeden Montag um sechs Uhr abends vom Festland ab und fährt die Nacht durch. Es ist ein schönes neues Motorschiff, dem man eine größere Bestimmung zuschreiben möchte als die Versorgung dieses kleinen Inselverkehrs. Und wirklich schien mir das Bild des Schiffes zu schrumpfen als ich es am nächsten Tage an der Mole von Ibiza die Stunde der Rückfahrt erwarten sah, denn ich hatte mir eingebildet, von dort nehme es seinen Kurs nach den kanarischen Inseln. So stand ich gegen sechs Uhr abends auf dem leeren Promenadendeck neben der Steuermannskabine und suchte mir alle Aspekte des unvergleichlichen Bildes zusammen, das große Städte von der Höhe des Schiffs her bieten. Die Sonne sank über der Stadt und sie schien zu schweigen. Alles Leben hatte sich in die unfaßbaren Übergänge zwischen dem Laub der Bäume, dem Cement der Bauten und dem Fels der entfernten Berge zurückgezogen. Ich stand und dachte an den berühmten Gemeinplatz des Horaz – »Doch wer flieht, und müßt er vom Vaterlande flüchten, sich selber?« – und daran, wie sehr er bestreitbar ist. Denn ist Reisen nicht Überwindung, Reinigung von eingesessenen Leidenschaften, die der gewohnten Umwelt verhaftet sind und damit eine Chance, neue zu entfalten, was doch gewiß eine Art von Verwandlung ist. Ich jedenfalls war mir soeben solch einer neuen bewußt geworden und die zehn Tage auf See, die hinter mir lagen, waren genug gewesen sie zu entfachen: diesmal wollte ichs ganz aufs Epische absehen, an Fakten, an Geschichten sammeln was ich nur finden konnte und eine Reise daraufhin erproben, wie sie von aller vagen Impression gereinigt, verlaufen mag. Man denke nicht, daß das eine Sache der Reisebeschreibung ist; es ist eine Sache der Reisetechnik, übrigens einer guten alten wie sie vor der Herrschaft des Journalismus die Regel war. So stand ich und überlegte, als ich tief unten am Kai einen untersetzten Mann mit dem massivsten Gesicht, das je unter einer Kapitänsmütze stak, entdeckte oder vielmehr erkannte: Kapitän V... von dem Frachtboot, mit dem ich vor zehn Stunden hier im Hafen eingelaufen war. Wer einsamen Aufbruch aus fremden Städten gewohnt ist, der weiß, oder wird ermessen, was das Auftauchen eines bekannten Gesichts – und sei es sonst auch keines von den erwünschten – gerade in solchem Moment bedeutet, wenn die bevorstehende Abfahrt alle Schwierigkeit längeren Gesprächs aus dem Wege räumt, gleichzeitig aber auch ihm irgend ein Taschentuch, eine Hand, einen Hut zur Verfügung stellt, in den der obdachlose Blick sich nisten kann, ehe er auf die Meeresfläche hinausschweift. Hier aber hätten mir wenige willkommener als der Kapitän sein können, auf dessen Schiff ich ein wenig heimisch geworden war, und das erste Exemplar meiner Geschichtensammlung glücklich eingebracht hatte. Daß es mit diesem Kapitän eine besondere Bewandtnis, und nicht die fröhlichste habe, das war mir schon bald nach Hamburg deutlich geworden. Er hatte so ein Verhältnis zu Tom – ein Hund, den er von einem Deutschen in Genua sich geliehen hatte, wie man es nur bei Sonderlingen trifft. Und was konnte man sich von seinem Tag für ein Bild machen, da er die Abendmahlzeit und das Frühstück ausließ, so daß sein Arbeitstag sich eigentlich von Mittag bis Mittag hinzog, denn die Nachtruhe ist ja für einen Kapitän, wenn die See bewegt ist, etwas Prekäres. Und wir hatten von Hamburg ab über vier Tage Sturm. Im übrigen war er bei aller Zurückhaltung niemals unfreundlich und nachdem er die obligaten Seemannsscherze noch in der Eibmündung (vor einem ziemlich undankbaren Publikum, denn unter den drei Passagieren war nur einer Neuling) angebracht hatte, kam es ihm auch gelegentlich auf fünf Minuten einer ernsthafteren Plauderei nicht an. So bekam ich Fingerzeige genug, im Geiste die Geschichte der Reederei, mit der wir fuhren, bis auf die Zeiten des Sklavenhandels zurückverfolgen zu können, ihre Anfänge als Schiffsmakler, ihren Handel mit den ersten Dampfbooten mir zu vergegenwärtigen, nicht zu vergessen die späteren Auswanderertransporte, jene Massen elender Passagiere, die für die deutsche Schiffahrt viel mehr bedeuteten als die Gäste der Luxusklasse auf der Bremen oder Europa. Aber das blieben doch vereinzelte Momente und nicht in solchen Gesprächen war es, in denen ich mir von der Geschichte dieses Schiffs und von den Kräften und Interessen die seine Fahrt durch zeitlose Wogen regieren, soviel erzählen ließ, daß es, als ich in Barcelona von Bord ging, gleichsam als Zifferngeschiebe vor meinem Auge stand: vom Erstehungspreis, der Tonnage, den Gehältern der Offiziere, dem Baujahr, den Sätzen für die Frachten und Quaigebühren bis zum Lohn des letzten Schiffsjungen herunter, der am Tage der Heimkunft abgemustert und erst zur Ausfahrt wieder angemustert wird. Um aber nur die erste und letzte Zahl hier zu nennen: so hat mein Schiff im Jahre zweiundzwanzig seinen Käufer (der freilich nicht sein Besteller war) nicht sehr viel mehr als 25 000 Mark gekostet. Und 25 Mark ist das Monatsgehalt eines Schiffsjungen. Doch auch der Kapitän solcher Schiffe hat nichts zu lachen. Ja, als der Frachtverkehr noch bei den Seglern lag, wo die Kapitäne selbst in den Häfen die Frachten abschließen, da war es noch etwas anderes. Heute aber ist seine Stellung gedrückter; nicht nur dem Reeder, oft auch dem Inspektor gegenüber. Und was die Chancen angeht, in diese immerhin begehrte Position aufzurücken, so scheint da ein amerikanischer Offizier manchen seiner deutschen Kollegen aus dem Herzen gesprochen zu haben, wenn er sich gegen eine gewisse Art von Marineschriftstellern wendet und behauptet, sie malten in den rosigsten Farben ein richtiges Hurra-Zeug. Gewiß haben die Seeleute auf unsern heutigen Dampfern mehr Bequemlichkeiten, und ihr Leben ist bedeutend angenehmer als früher auf den Segelschiffen. Damals galt noch der alte Seemannsschnack: Ausscheiden aus der Seefahrt und auf einen Dampfer gehen! »Aber um zur Sache zu kommen: Welche Aussichten bietet der Seemannsberuf heute? Ich glaube, annehmen zu dürfen, daß jeder Reeder in den letzten Jahren von jungen Leuten überlaufen worden ist, die zur See fahren wollen. Aber was ist deren hauptsächliche Arbeit an Bord? Deck scheuern, Farbe waschen, Messing putzen! Die einzige Gelegenheit, etwas weniger Prosaisches zu tun, ist, einen Gegenstand, der sich an Deck losgearbeitet hat oder losgewaschen ist, wieder an Ort und Stelle zu bringen und festzuzurren. Nur ein kleiner Prozentsatz hält durch und wird es vielleicht zum Schiffsoffiziers-Patent bringen, aber um dann herauszufinden, daß auch bei der Seeschiffahrt die Tatsache zu verzeichnen ist, daß das Angebot die Nachfrage übertrifft. Im Seemannsberuf herrscht genau so wie am Lande dieselbe scharfe Konkurrenz um jede Stelle, derselbe verzweifelte Kampf ums Dasein in einer Welt, wo die Maschine die Menschenkraft verdrängt.« Ich habe mir den Weg vom Seglerschulschiff bis zum Steuermannsexamen, vom Schiffsjungen bis zum Schiffsoffizier in allen seinen Stadien erzählen lassen und mir auch das Lehrbuch besehen, aus welchem man zum Examen paukt: wahrscheinlich das einzige in allen Wissenschaften, das von sich sagen kann, im Jahre in Gebrauch zu sein). Die erste Auflage ist von 1854. Man macht sich auch sonst nicht leicht von der Bücherwelt einen Begriff, die solch ein Dampfer von Quo vadis bis zur Logarythmentafel beherbergt. Vor allem sind da die Hilfsbücher der Navigation – neben den Seekarten, deren winzige feine Zifferscharen das Dasein steiler unterseeischer Gebirge verraten, die Handbücher aller Küsten, mit denen das Schiff es auf seinem Kurs zu tun hat oder doch zu tun bekommen könnte. Baedeker von Orten, welche die, die ihn benutzen, in den seltensten Fällen betreten. Denn hier ist jeder Gipfel und jede Landzunge, jeder Turm und Siedlung vor allem einmal Signal, Anhaltspunkte für die Ortsbestimmung des Schiffs und für die Offiziere, wenn sie vor dem Examen stehn oft nichts anderes als Angaben für die »Peilungsaufgaben«, die sie mit so und so viel hundert Stück in Heften belegen müssen, wenn sie das Steuermannsexamen machen wollen. Wenn die Dunkelheit kommt, treten an ihre Stelle die Leuchtfeuer, wie sie mit ihrer Färbung und dem Zeitmaß ihres Kommens und Verschwindens im Verzeichnis stehen oder das Schiff fährt ohne andere Weisung als die Sternbilder seinen Kurs auf Wasserstraßen, die so ausgefahren sind wie Feldwege. Es kamen dann die besten Stunden: die langen, während deren die einzige Abwechslung eine Änderung der Haltung ist, die man, gelehnt an das Geländer der Kommandobrücke, vornimmt oder die der Schritte, mit welchen man hin und wieder den Platz vor dem Steuer abschreitet, zu dessen Bedienung alle drei Stunden einer der Leichtmatrosen herüberkommt, um seinen Kameraden abzulösen. Keiner ist mir so gut erinnerlich, wie der Islandfahrer, der wohl schon ein paar Nächte mit leisem Groll die Aufmerksamkeit verfolgt hatte, die ich dem schenkte, was der dritte Offizier von seinen Fahrten zu berichten hatte. Da brach es, während dieser abseits im Dunkeln übers Reling in die Ferne blickte, aus ihm heraus: ein kleiner Katarakt von Namen und von Ziffern, die zwei Prozent die er als Islandfahrer von der Losung hatte, die Millionen über welche er damals – es war im Jahre 1922 – verfügte, mit welcher Plage aber der Verdienst erkauft wird und wie sie bisweilen so müde waren, daß sie über dem Teller in Schlaf fielen. Ich reichte ihm eine Zigarette herüber, dabei mußte es sein Bewenden haben. Gegen zehn war es gewöhnlich, da tauchte ich aus der Kabine des Funkers auf. Das Deck war aufgeräumt, die Sterne standen am Himmel. Langsam bewegte sich das Gespräch, wie eine Lunte aber so glomm es immer auf ein Abenteuer, eine Geschichte zu. Wir hatten – mein Partner und ich selber – bald die beste Art gefunden, uns die Nacht zu verkürzen und niemals ging ich in meine Kabine, ohne im Kartenhause noch eine Weile seine Gastfreundschaft bei einer Tasse Kaffee oder van Houtens Cacao genossen zu haben. Und die Preistarife des Freihafens lösten die Abenteuer von den Küsten des Panamakanals oder Schleswigs ab. Mein Gastfreund war von Hause früh fortgekommen, mit siebzehn hatte er den Lehrkurs auf einem der Segler, welche Leist nach Chile gehen läßt, um den Salpeter zu holen und die den Kurs um Feuerland und um Kap Horn mit seinen Stürmen nehmen, hinter sich, mit achtzehn hatte er schon seine Braut, weil er einen Ring, den er an Land erstanden, hatte verwerten wollen. Die Anlage erwies sich als glücklich, denn vierzehn Tage war er bei seiner künftigen Schwiegermutter einquartiert und ob, selbst nach streng bürgerlichem Maßstab, seine Braut, als er verschwand, sich zu beklagen hatte, ist mir in dieser Nacht nicht deutlich geworden. Denn nicht nur hier verbot sich vieles Fragen; hier hätte Neugier meine Taktlosigkeit entschuldigen können, nichts aber meine Unwissenheit, wenn ichs mich hätte versehen lassen, die Art und Weise der nautischen Manöver, die Schiffersprache, den Wert der Chargen und die Namen der Leute und Geräte, die ich nicht verstand, erklären zu lassen. Es war für Fragen nicht der rechte Augenblick. Die Nächte in dieser Woche waren dunkel, undeutlich sahen wir uns selber und undeutlich nur erschien der Umriß der Geschichten, wie Schiffe, die bei Nacht das unsere kreuzten. Ich könnte sie nicht wiedererzählen und unter allem am wenigsten »die Fahrt der Prival«, die es am meisten verdienen würde. Da aber die Seemannsdramen einmal an der Tagesordnung sind, greift vielleicht jemand diesen Komödienstoff auf, dem sich selbst aus der neuesten Geschichte, wenige an die Seite stellen lassen. Es war im Jahre 1919, als sich einige Hamburger Reeder darauf besannen, Segler, Salpeterschiffe, welche irgendwo in Chile, wo sie fünf Jahre früher vom Weltkriege waren überrascht worden, vor Anker lagen, in die Heimat zurückzuführen. Die Rechtslage war ganz einfach; die Segler waren deutsches Eigentum geblieben und nun handelte sichs nur darum, die nötige Bemannung bereitzustellen, um sie in Rio de Janeiro zu übernehmen. Seeleute gab es auch genug, die auf den deutschen Häfen auf Heuer warteten. Aber doch war bei der Sache ein kleiner Haken. Denn wie wollte man die Mannschaft an Ort und Stelle befördern? Soviel war klar: sie konnten in Hamburg selbst nur als Passagiere an Bord gehen und unter dienstlichen Befehl erst am Bestimmungsorte gestellt werden. Immerhin war ebenso klar, daß es sich da um Leute handelte, denen gegenüber nicht leicht mit jenen Machtvollkommenheiten auszukommen war, wie sie das Seerecht Kapitänen ihren Passagieren gegenüber einräumt. Und dabei darf das Jahr nicht außer acht bleiben: 1919, wo nicht nur der Kriegsflotte die revolutionäre Stimmung der Kieler Tage noch in den Knochen steckte. Die Reeder selber wußten das am besten und hatten zunächst einmal die höheren Chargen der »Prival« mit ihren klügsten und entschlossensten Offizieren besetzt. Sie waren aber noch weiter gegangen und der Verlauf der Reise zeigte schnell, daß ihre Sorgfalt berechtigt gewesen war. Denn man war noch keine zwölf Stunden hinter der Nordseeausfahrt, als die Anzeichen einer Gruppierung unter dem neuen Kollektiv sich bemerkbar machten, die während einer Fahrt von mehr als drei Wochen sich noch bedrohlich entfalten konnte. Auf Deck und in Kajüten, selbst den Mannschaftsräumen, der Offiziersmesse und auf Treppen tagten von früh bis spät die verschiedensten Vereinigungen und Zirkel, auf der Höhe von Finisterre waren drei Spielklubs und zwei Ringe mit ununterbrochnen Boxkämpfen in Betrieb. In der Offiziersmesse, deren Wände mit primitiven aber drastischen Zeichnungen geschmückt worden waren, steppten die Herren aus dem Publikum zum Klang eines Grammophons, auf den Stiegen hatte sich eine Bordbörse etabliert, wo die Tauschgeschäfte mit Zigarrenkisten, Dollarnoten, Feldstechern, Nacktphotos und Messern im Zeichen der beginnenden Inflation sich abwickelten, kurz, das Schiff war in eine schwimmende Magic City verwandelt und man hätte meinen sollen alle Verrufenheit des Hafenlebens lasse sich, auch ohne Frauen aus der Erde – oder vielmehr den Balken stampfen. Der Kapitän – einer jener Typen, die ein Mindestmaß an Bildung und Bücherwissen mit einem Höchstmaß an Kultur verbinden – behielt bei alledem doch seine Ruhe, und verlor sie auch nicht, als eines schönen Nachmittags auf der Höhe von Dover vor ihm, am Heck, die Frieda, ein gutgewachsenes aber schlecht beleumundetes Mädchen aus Sankt Pauli eine Zigarette im Mund einsam auf und niederspazierte. Zweifellos gab es Leute an Bord, die wußten, wo sie bisher gesteckt hatte und eben diese waren sich auch über die Maßregeln einig, die zu ergreifen gewesen wären, falls das Kommando die geringsten Anstalten gemacht hätte, den überzähligen Passagier zu entfernen. Das Nachtleben wurde von nun an noch viel lebendiger und wer im Lärm der hundertfünfzig Schiffsinsassen zu seiner Ruhe kommen wollte, der mußte wohl oder übel bis zur Erschöpfung getobt haben. Man hätte aber nicht 1919 schreiben müssen, wenn nicht bald zu allen diesen Divertissements das politische sich gesellt hätte. Hier war nun mit der Möglichkeit, die Stimmung der »Passagiere« könne auf die »Mannschaft« übergreifen, nicht zu scherzen. Schon ließen sich Stimmen hören, die diese Expedition zum Anfang eines neuen Lebens in einer neuen Welt machen, von einer Heuer im Bestimmungshafen, nun gar von einer Rückkehr in die Heimat nichts wissen wollten. Andere sahen den langersehnten Augenblick näher kommen, wo die Rechnung mit den Herrschenden sollte bereinigt werden. Unverkennbar: Es wehte ein schärferer Wind. Man hatte auch bald heraus, wo er herkam: es war da ein gewisser Richard Schwenke, ein langer Kerl von schlapper Haltung, der sein rotes Haar gescheitelt trug und von dem man nur wußte, daß er als Steward verschiedene Linien befahren hatte. Schon in der ersten Nacht begegnete man ihm auf Schritt und Tritt; er trat in die Tanzbar, und zog den einen oder anderen in ein so lautes zänkisches Gespräch, daß wenn die Platte ausgelaufen war, sich alles um ihn herumstellte; im Boxring zog er provokatorisch Auskünfte über die politische Gesinnung der Preiskämpfer ein und immer war der röteste sein Mann. So arbeitete er, während die Masse ihren primitiven Lustbarkeiten nachging, sich in die Arme, unermüdlich an der Politisierung des Schiffes: am vierten Tage war es ihm gelungen, eine Vollversammlung anzusetzen und schon vom nächsten Abend ab herrschte Wahlfieber. Und was gab es da nicht alles zu wählen: eine Menagekommission, eine besondere Inspektionskolonne, ein politisches Tribunal, ein Bordsekretariat – kurz ein vollkommener revolutionärer Apparat wurde in ein paar Tagen aus dem Boden gestampft ohne daß Blut floß, ohne daß es auch nur zu ernstlichen Zusammenstößen mit dem Schiffskommando gekommen wäre. Leider aber ergaben sich umso häufiger Intriguen innerhalb der revolutionären Leitung. Und sie waren um so verdrießlicher, als, wenn man näher zusah, eigentlich jeder irgendwie zu dieser Leitung gehörte. Wer keinen Posten hatte durfte ihn doch von der nächsten Wahl bereits erwarten und eigentlich verlief kein Abend ohne daß hier eine, dort eine Abstimmung nachzuprüfen oder ein Referat über neue Mißstände zu debattieren gewesen wäre. Als endlich das Aktionskomitee beauftragt wurde, den Plan zu einem Handstreich in der Vollversammlung vorzutragen, hatte die Mascot Callao bereits im Rücken. Und am Morgen des Tages der für die letzte Vorbereitung angesetzt war, stieg der Lotse von Rio das Fallreep herauf. Die letzten Peilungen im Schiffsjournal erwiesen sich als falsch und achtundvierzig Stunden vor der Zeit, die man im Ausschuß sich errechnet hatte, lag der Dreimaster, als wenn nichts gewesen wäre, an der Mole. Soweit mein Freund. Die erste Woche ging zu Ende. Wir traten ins Kartenhaus, wo in zwei tiefen Steinguttassen der Kakao schon auf uns wartete. Ich war schweigsam geworden und erst nach einer kleinen Weile drang mir ins Bewußtsein, daß mein nächtlicher Gastfreund eine Frage an mich gerichtet hatte. Ich blickte auf ihn. »Ja, wie gesagt, Sie haben doch verstanden? – und als ich schwieg, denn ich wußte nicht, was ich sagen sollte: Sie haben recht – mir gings auch erst nachher auf. Aber als ich zufällig eines Tags in Hamburg zum Reeder ins Kontor befohlen bin und da dem Schwenke in der Tür begegne – in der Hand hielt er noch die dicke Zigarre, die er sich beim Chef drinnen in Gang gesetzt hatte – da habe ich die Geschichte mit der Mascot erst recht begriffen.« Nicht viele könnte ich wiedererzählen, aber keine war da, aus der mir nicht ein Name oder ein Bild vor Augen stand, als ich die Treppe hinunterlief, um vor der Abfahrt noch ein paar Worte mit dem Kapitän zu tauschen. Der Mann war mir recht deutlich erst seit ein paar Stunden, genauer gesagt, seit dem Vorabend, da ich in Alicante vor der Abfahrt in der Kabine mit ihm vor einer Flasche zusammengesessen und er mir die Geschichte seines Sohnes erzählt hatte, der als Seemann begonnen hatte um heute einen kleinen Zigarrenladen zu versorgen. Was aber dazwischen lag war ein Augenblick, wie ihn jeder erleben kann der zusieht, wie ein Schiff, das seine Fracht gelöscht hat, zur Abfahrt klar macht. Ich weiß nicht wie die großen eisernen Querbalken heißen die dann von neuem in die Rahmen eingelassen werden, die den oberen Rand des Frachtraums umspannen. Aber das weiß ich, daß sie nicht breiter als zwanzig Zentimeter sind, und daß die Matrosen, die auf ihnen balancierend die Bretter über den dreißig Meter tiefen Frachtraum decken, schwindelfrei sein müssen. Sie sind es ja wohl auch, aber hin und wieder stürzt eben doch einer ab und so war es auch seinem Sohn gegangen. Nun behilft er sich im Laden mit seinem Kunstbein.

 

Wenn man gute zwei Stunden in der Richtung auf San Antonio zu gemacht hat, so trifft man unter den letzten abgelegnen fincas an denen der Weg sich vorbeizieht auf einem kleinen Hügel, oberhalb San Antonios, das man unten in der Bucht liegen sieht, auf ein stilles Gehöft, dessen Bauart sich eigentümlich von der der andern fincas unterscheidet – man wüßte freilich nicht gleich zu sagen, worin.

Aufzeichnungen 1933-1939

Notizen Svendborg Sommer 1934

4 Juli Langes Gespräch in Brechts Krankenzimmer in Svendborg, gestern, kreiste um meinen Aufsatz »Der Autor als Produzent«. Die darin entwickelte Theorie, ein entscheidendes Kriterium einer revolutionären Funktion der Literatur liege im Maße der technischen Fortschritte, die auf eine Umfunktionierung der Kunstformen und damit der geistigen Produktionsmittel hinauslaufen, wollte Brecht nur für einen einzigen Typus gelten lassen – den des großbürgerlichen Schriftstellers, dem er sich selber zuzählt. »Dieser«, sagte er, »ist in der Tat an einem Punkt mit den Interessen des Proletariats solidarisch: am Punkt der Fortentwicklung seiner Produktionsmittel. Indem er es aber an diesem einen Punkte ist, ist er an diesem Punkt, als Produzent, proletarisiert, und zwar restlos. Diese restlose Proletarisierung an einem Punkt macht ihn aber auf der ganzen Linie mit dem Proletariat solidarisch.« Meine Kritik der proletarischen Schriftsteller Becherscher Observanz fand Brecht zu abstrakt. Er suchte sie durch eine Analyse zu verbessern, die er von dem Gedicht Bechers gab, das in einer der letzten Nummern einer der offiziellen proletarischen Literaturzeitschriften unter dem Titel »Ich sage ganz offen ...« abgedruckt war. Brecht verglich es einerseits mit seinem Lehrgedicht über die Schauspielkunst für Carola Neher. Andererseits mit dem Bateau Ivre. »Carola Neher habe ich ja verschiedenes beigebracht«, sagte er. »Sie hat nicht nur gelernt zu spielen; sie hat bei mir z.B. gelernt, wie man sich wäscht. Sie wusch sich nämlich, um nicht mehr dreckig zu sein. Das kam ja garnicht in Frage. Ich habe ihr beigebracht, wie man sich das Gesicht wäscht. Sie hat es darin dann zu solcher Vollendung gebracht, daß ich sie dabei filmen wollte. Aber das kam nicht zustande, weil ich damals nicht filmen wollte und vor jemand anderm wollte sie es nicht machen. Dieses Lehrgedicht war ein Modell. Jeder Lernende war bestimmt, an die Stelle seines ›Ich‹ zu treten. Wenn Becher ›Ich‹ sagt, dann hält er sich – als Präsidenten der Vereinigung proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands – für vorbildlich. Nur hat niemand Lust, es ihm nachzutun. Man entnimmt einfach, daß er mit sich zufrieden ist.« Brecht sagt bei dieser Gelegenheit, daß er seit langem die Absicht hat, eine Anzahl von solchen Modellgedichten für verschiedene Berufe – den Ingenieur, den Schriftsteller – zu schreiben. – Auf der andern Seite vergleicht Brecht Bechers Gedicht mit dem von Rimbaud. In diesem, meint er, hätten auch Marx und Lenin – wenn sie es gelesen hätten – die große geschichtliche Bewegung gespürt, von der es ein Ausdruck ist. Sie hätten sehr wohl erkannt, daß darin nicht der exzentrische Spaziergang eines Mannes beschrieben wird, sondern die Flucht, das Vagabondieren eines Menschen, der es in den Schranken der Klasse nicht mehr aushält, die – mit dem Krimkrieg, mit dem mexikanischen Abenteuer – beginnt auch die exotischen Erdstriche ihren merkantilen Interessen zu erschließen. Die Geste des ungebundenen, dem Zufall seine Sache anheimstellenden, der Gesellschaft den Rücken kehrenden Vagabunden in der modellgerechten Darstellung eines proletarischen Kämpfers aufzunehmen, sei ein Ding der Unmöglichkeit.

6 Juli Brecht, im Lauf des gestrigen Gesprächs: »Ich denke oft an ein Tribunal, vor dem ich vernommen werden würde. ›Wie ist das? Ist es Ihnen eigentlich ernst?‹ Ich müßte dann anerkennen: Ganz ernst ist es mir nicht. Ich denke ja auch zu viel an Artistisches, an das, was dem Theater zu gute kommt, als daß es mir ganz ernst sein könnte. Aber wenn ich diese wichtige Frage verneint habe, so werde ich eine noch wichtigere Behauptung anschließen: daß mein Verhalten nämlich erlaubt ist.« Freilich ist das schon eine spätere Formulierung im Gesprächsgang. Begonnen hatte Brecht nicht mit dem Zweifel an der Statthaftigkeit, wohl aber an der Durchschlagskraft seines Verfahrens. Mit dem Satze, der von einigen Bemerkungen ausging, die ich über Gerhart Hauptmann gemacht hatte: »Manchmal frage ich mich, ob das nicht eben doch die einzigen Dichter sind, die es wirklich zu etwas bringen: die Substanz-Dichter, meine ich.« Darunter versteht Brecht Dichter, denen es ganz ernst ist. Und zur Erläuterung dieser Vorstellung geht er von der Fiktion aus, Konfuzius habe eine Tragödie oder Lenin habe einen Roman geschrieben. Man würde das als unstatthaft empfinden, so erklärt er, und als ein ihrer nicht würdiges Verhalten. »Nehmen wir an, Sie lesen einen ausgezeichneten politischen Roman und erfahren nachher, daß er von Lenin ist, Sie würden Ihre Meinung über beide ändern, und zu Ungunsten beider. Konfuzius dürfte auch kein Stück von Euripides schreiben, man hätte das als unwürdig angesehen. Nicht aber sind das seine Gleichnisse.« Kurz, all dies läuft auf die Unterscheidung zweier literarischer Typen hinaus: des Visionärs, welchem es ernst ist, auf der einen und des Besonnenen, dem es nicht ganz ernst ist, auf der andern Seite. Hier werfe ich nun die Frage nach Kafka auf. Welcher von beiden Gruppen gehört er an? Ich weiß: die Frage läßt sich nicht entscheiden. Und eben ihre Unentscheidbarkeit ist für Brecht das Anzeichen, daß Kafka, den er für einen großen Schriftsteller hält, wie Kleist, wie Grabbe oder Büchner, ein Gescheiterter ist. Sein Ausgangspunkt ist wirklich die Parabel, das Gleichnis, das sich vor der Vernunft verantwortet und dem es deshalb, was seinen Wortlaut angeht, nicht ganz ernst sein kann. Aber diese Parabel unterliegt dann doch der Gestaltung. Sie wächst sich zu einem Roman aus. Und einen Keim zu ihm trug sie, genau betrachtet, von Haus aus in sich. Sie war niemals ganz transparent. Übrigens ist Brecht davon überzeugt, daß Kafka seine eigene Form nicht ohne den Großinquisitor von Dostojewski und jene andere parabolische Stelle in den »Brüdern Karamasoff« gefunden hätte, wo der Leichnam des heiligen Staretz zu stinken anfängt. Bei Kafka also liegt das Parabolische mit dem Visionären im Streit. Als Visionär aber hat Kafka, wie Brecht sagt, das Kommende gesehen, ohne das zu sehen was ist. Er betont, wie schon früher in Le Lavandou und mir deutlicher, die prophetische Seite an seinem Werk. Kafka habe ein, nur ein einziges Problem gehabt, und das sei das der Organisation. Was ihn gepackt habe, das sei die Angst vor dem Ameisenstaat gewesen: wie sich die Menschen durch die Formen ihres Zusammenlebens sich selbst entfremden. Und gewisse Formen dieser Entfremdung habe er vorhergesehen, wie z.B. das Verfahren der GPU. Eine Lösung aber habe er nicht gefunden und sei aus seinem Angsttraum nicht aufgewacht. Von der Genauigkeit Kafkas sagt Brecht, sie sei die eines Ungenauen, Träumenden.

12 Juli Gestern nach dem Schachspiel sagt Brecht: »Also, wenn der (Karl) Korsch kommt, dann müßten wir mit ihm ja ein neues Spiel ausarbeiten. Ein Spiel, wo sich die Stellungen nicht immer gleich bleiben; wo die Funktion der Figuren sich ändert, wenn sie eine Weile auf ein und derselben Stelle gestanden haben: sie werden dann entweder wirksamer oder auch schwächer. So entwickelt sich das ja nicht; das bleibt sich zu lange gleich.«

23 Juli Gestern Besuch von Karin Michaelis, die eben von ihrer Rußlandreise zurückgekommen ist und schwärmt. Brecht erinnert sich seiner Führung durch {Sergej} Tretjakoff. Dieser zeigt ihm Moskau, ist stolz auf alles, was er den Gast sehen läßt, es mag sein, was es will. »Das ist nicht schlecht«, sagt Brecht, »es zeigt, daß es ihm gehört. Stolz ist man nicht auf anderer Leute Sachen.« Nach einer Weile setzt er hinzu: {»}Ja, zuletzt wurde ich allerdings etwas müde. Ich konnte nicht alles bewundern, wollte auch nicht. Es ist ja so: es sind seine Soldaten, seine Lastautos. Aber eben leider nicht meine.«

24 Juli. Auf einen Längsbalken, der die Decke von Brechts Arbeitszimmer stützt, sind die Worte gemalt: »Die Wahrheit ist konkret.« Auf einem Fensterbord steht ein kleiner Holzesel, der mit dem Kopf nicken kann. Brecht hat ihm ein Schildchen umgehängt und darauf geschrieben: »Auch ich muß es verstehen.«

5 August. Vor drei Wochen hatte ich B. meinen Aufsatz über Kafka gegeben. Er hatte ihn wohl gelesen, war aber von sich aus nie darauf zu sprechen gekommen und hatte die beiden Male, da ich die Sprache darauf gebracht hatte, ausweichend geantwortet. Ich hatte das Manuscript schließlich stillschweigend wieder an mich genommen. Gestern abend kam er plötzlich auf diesen Aufsatz zurück. Den, etwas unvermittelten und halsbrecherischen Übergang bildete eine Bemerkung, auch ich sei nicht ganz freizusprechen vom Vorwurf einer tagebuchartigen Schriftstellerei im Stil Nietzsches. Mein Kafkaaufsatz zum Beispiel – er beschäftige sich mit Kafka lediglich von der phänomenalen Seite – nehme das Werk als etwas für sich Gewachsenes – den Mann auch – löse es aus allen Zusammenhängen – ja sogar aus dem mit dem Verfasser. Es sei eben immer wieder die Frage nach dem Wesen, auf die es bei mir herauskomme. Wie dagegen so eine Sache wohl anzufassen wäre: An Kafka müsse man mit der Frage herantreten: was tut er? wie verhält er sich? Und da vor allem zunächst mehr auf das Allgemeine sehen als das Besondere. Dann stellt sich heraus: er hat in Prag in einem schlechten Milieu von Journalisten, von wichtigtuerischen Literaten gelebt, in dieser Welt war die Literatur die Hauptrealität, wenn nicht die einzige; mit dieser Auffassungsweise hängen Kafkas Stärken und Schwächen zusammen; sein artistischer Wert, aber auch seine vielfache Nichtsnutzigkeit. Er ist ein Judenjunge – wie man auch den Begriff eines Arierjungen prägen könnte – ein dürftiges, unerfreuliches Geschöpf, eine Blase zunächst auf dem schillernden Sumpf der Kultur von Prag, sonst nichts. Aber dann gäbe es doch eben bestimmte, sehr interessante Seiten. Man könnte sie zum Vorschein bringen; man müsse sich ein Gespräch von Laotse mit dem Schüler Kafka vorstellen. Laotse sagt: »Also, Schüler Kafka, dir sind die Organisationen, Rechts- und Wirtschaftsformen, in denen du lebst, unheimlich geworden? – Ja. – Du findest dich in ihnen nicht mehr zurecht. – Nein. – Eine Aktie ist dir unheimlich? – Ja. – Und nun verlangst du nach einem Führer, an den du dich halten kannst, Schüler Kafka.« Das ist natürlich verwerflich, sagt Brecht. Ich lehne ja Kafka ab. Und er kommt auf das Gleichnis eines chinesischen Philosophen über »die Leiden der Brauchbarkeit«. {»}Im Walde gibt es verschiedenartige Stämme. Aus den dicksten werden Schiffsbalken geschnitten; aus den weniger soliden aber immer noch ansehnlichen Stämmen macht man Kistendeckel und Sargwände; die ganz dünnen verwendet man zu Ruten; aus den verkrüppelten aber wird nichts – die entgehen den Leiden der Brauchbarkeit. In dem, was Kafka geschrieben hat, muß man sich umsehen wie in solchem Wald. Man wird dann eine Anzahl sehr brauchbarer Sachen finden. Die Bilder sind ja gut. Der Rest ist eben Geheimniskrämerei. Der ist Unfug. Man muß ihn beiseite lassen. Mit der Tiefe kommt man nicht vorwärts. Die Tiefe ist eine Dimension für sich, eben Tiefe – worin dann garnichts zum Vorschein kommt.« Ich erkläre B. abschließend, in die Tiefe zu dringen, sei meine Art und Weise, mich zu den Antipoden zu begeben. In meiner Arbeit über Kraus sei ich in der Tat dort herausgekommen. Ich wisse, daß die über Kafka nicht im gleichen Grad geglückt sei: den Vorwurf, so zu einer tagebuchartigen Aufzeichnung gekommen zu sein, könnte ich nicht abwehren. In der Tat sei die Auseinandersetzung in dem Grenzraum, den Kraus und den auf andere Weise Kafka bezeichne, mir angelegen. Abschließend habe ich diesen Raum, im Falle Kafka, noch nicht erkundet. Daß da viel Schutt und Abfall stecke, viel wirkliche Geheimniskrämerei – das sei mir klar. Aber entscheidend sei doch wohl anderes und einiges davon habe meine Arbeit berührt. B.s Fragestellung müsse sich doch an der Interpretation des Einzelnen bewähren. Ich schlage »Das nächste Dorf« auf. Sogleich konnte ich den Konflikt beobachten, in den B. durch diesen Vorschlag versetzt wurde. {Hanns} Eislers Feststellung, diese Geschichte sei »wertlos« lehnte er mit Entschiedenheit ab. Auf der andern Seite aber wollte ihm ebensowenig glücken, ihren Wert kenntlich zu machen. »Man müßte sie genau studieren« meinte er. Dann brach das Gespräch ab; es war zehn Uhr geworden und die Radionachrichten aus Wien kamen.

31 August Vorgestern eine lange und erregte Debatte über meinen Kafka. Ihr Fundament: die Anschuldigung, daß er dem jüdischen Faszismus Vorschub leiste. Er vermehre und breite das Dunkel um diese Figur aus statt es zu zerteilen. Dem gegenüber komme alles darauf an, Kafka zu lichten, das heißt, die praktikabeln Vorschläge zu formulieren, welche sich seinen Geschichten entnehmen ließen. Daß Vorschläge ihnen entnehmbar seien, das wäre zu vermuten und sei es nur der überlegenen Ruhe wegen, die die Haltung dieser Erzählungen ausmacht. Diese Vorschläge müsse man jedoch in der Richtung der großen allgemeinen Übelstände suchen, die der heutigen Menschheit zusetzten. Deren Abdruck in Kafkas Werk sucht Brecht aufzuweisen. Er hält sich vorwiegend an den »Prozeß«. Vor allem steckt da, wie er meint, die Angst vor dem nicht enden wollenden und unaufhaltsamen Wachstum der großen Städte. Aus eigenster Erfahrung will er den Albdruck kennen, den diese Vorstellung dem Menschen aufwälzt. Die unübersehbaren Vermittelungen, Abhängigkeiten, Verschachtelungen, in die die Menschen durch ihre heutigen Daseinsformen hineingeraten, finden in diesen Städten ihren Ausdruck. Sie finde{n} auf der andern Seite ihren Ausdruck in dem Verlangen nach dem »Führer« – der nämlich für den Kleinbürger den darstellt, den er – in einer Welt wo einer auf den andern verweisen kann und jeder sich ihm entzieht – haftbar für all sein Mißgeschick machen kann. Brecht nennt den »Prozeß« ein prophetisches Buch. »Was aus der Tscheka werden kann, sieht man an der Gestapo.« – Kafkas Perspektive: die des Mannes, der unter die Räder gekommen ist. Dafür ist bezeichnend Odradek: die Sorge des Hausvaters deutet Brecht als den Hausbesorger. Dem Kleinbürger muß es schief gehen. Seine Situation ist die Kafkas. Während nun aber der heutige geläufige Typ des Kleinbürgers – der Faszist also – beschließt, angesichts dieser Lage seinen eisernen, unbezwinglichen Willen einzusetzen, widersetzt sich Kafka ihr kaum; er ist weise. Wo der Faszist mit Heroismus einsetzt, setzt er mit Fragen ein. Er fragt nach Garantien für seine Lage. Diese aber ist so beschaffen, daß die Garantien über jedes vernünftige Maß hinausgehen müssen. Es ist eine Kafkasche Ironie, daß der Mann Versicherungsbeamter war, der von nichts überzeugter erscheint als von der Hinfälligkeit sämtlicher Garantien. Übrigens ist sein uneingeschränkter Pessimismus frei von jedem tragischen Schicksalsgefühl. Denn nicht nur ist ihm die Erwartung des Mißgeschicks nicht anders als empirisch untermauert – da allerdings vollendet – sondern das Kriterium des Enderfolges legt er in unbelehrbarer Naivetät an die belanglosesten und alltäglichsten Unternehmungen: den Besuch eines Geschäftsreisenden oder eine Anfrage bei der Behörde. – Das Gespräch konzentrierte sich streckenweise auf die Geschichte »Das nächste Dorf«. Brecht erklärt: sie ist ein Gegenstück zu der Geschichte von Achill und der Schildkröte. Zum nächsten Dorf kommt einer nie, wenn er den Ritt aus seinen kleinsten Teilen – die Zwischenfälle nicht gerechnet – zusammensetzt. Dann ist das Leben für diesen Ritt zu kurz. Aber der Fehler steckt hier im »einer«. Denn wie der Ritt zerlegt wird, so auch der Reitende. Und wie nun die Einheit des Lebens dahin ist, so ist es auch seine Kürze. Mag es so kurz sein, wie es will. Das macht nichts, weil ein anderer als der, der ausritt, im Dorfe ankommt. – Ich für mein Teil gebe folgende Auslegung: das wahre Maß des Lebens ist die Erinnerung. Sie durchläuft, rückschauend, das Leben blitzartig. So schnell wie man ein paar Seiten zurückblättert ist sie vom nächsten Dorfe an die Stelle gelangt, an der der Reiter den Entschluß zum Aufbruch faßte. Wem sich das Leben in Schrift verwandelt hat, wie den Alten, die mögen diese Schrift nur rückwärts lesen. Nur so begegnen sie sich selbst und nur so – auf der Flucht vor der Gegenwart – können sie es verstehen.

27 September Dragør. In einem abendlichen Gespräch, das vor einigen Tagen stattfand, entwickelte Brecht die sonderbare Unschlüssigkeit, die zur Zeit der Bestimmung seiner Pläne im Wege ist. Was zunächst dieser Unschlüssigkeit zu Grunde liegt, sind – wie er selbst hervorhebt – die Vorteile, die seine persönliche Lage vor der der meisten Emigranten auszeichnen. Wenn er somit im allgemeinen die Emigration als Grundlage von Unternehmungen und Plänen kaum anerkennt, so fällt die Beziehung auf sie für ihn selbst um so unwiderruflicher fort. Seine Planungen greifen weiter aus. Er steht dabei vor einer Alternative. Auf der einen Seite warten Prosavorwürfe. Der kleinere des Ui – eine Satire auf Hitler im Stile der Historiographen der Renaissance – und der große des Tui-Romans. Der Tui-Roman ist bestimmt, einen enzyklopädischen Überblick über die Torheiten der Tellektuall-Ins zu geben (der Intellektuellen); er wird wie es scheint zumindest zum Teil in China spielen. Ein kleines Modell für dies Werk ist fertig. Neben diesen Prosaplänen beanspruchen ihn aber Projekte, die auf sehr alte Studien und Überlegungen zurückgehen. Während die Reflexionen, die im Umkreise des epischen Theaters entstanden sind, zur Not noch in den Anmerkungen und Einleitungen der »Versuche« eine Fixierung gefunden hatten, sind Gedankengänge, die aus den gleichen Interessen entsprangen seitdem sie mit dem Studium des Leninismus auf der einen, mit den naturwissenschaftlichen Tendenzen der Empiriker auf der andern Seite sich vereinigt haben, aus solch beschränkterem Rahmen herausgewachsen. Sie gruppieren sich schon seit Jahren bald unter diesem bald unter jenem Stichwort, so daß abwechselnd die nicht-aristotelische Logik, die Verhaltenslehre, die neue Enzyklopädie, die Kritik der Vorstellungen in den Mittelpunkt von Brechts Bemühungen traten. Diese verschiednen Beschäftigungen konvergieren zur Zeit im Gedanken eines philosophischen Lehrgedichts. Brechts Skrupel gehen nun von der Frage aus, ob er – seiner gesamten bisherigen Produktion nach, besonders aber angesichts ihrer satirischen Teile und zumal des Dreigroschenromans – für eine solche Darlegung beim Publikum den nötigen Kredit finden werde. Es kommen in solchem Zweifel zwei verschiedene Gedankengänge zusammen. Einmal manifestieren sich so Bedenken, denen – je inniger Brechts Befassung mit den Problemen und den Methoden des proletarischen Klassenkampfs wurde – die satirische und zumal die ironische Haltung als solche ausgesetzt werden müßte. Man verstünde diese Bedenken – die eher praktischer Natur sind – aber nicht, wenn man sie mit anderen, tieferliegenden identifizieren würde. Diese Bedenken einer tieferen Schicht richten sich auf das artistische und spielerische Element der Kunst, vor allem aber auf diejenigen Momente, die sie teilweise und gelegentlich refraktär gegen den Verstand machen. Diese chronischen Bemühungen Brechts, die Kunst dem Verstande gegenüber zu legitimieren, haben ihn immer wieder auf die Parabel verwiesen, in der sich die artistische Meisterschaft dadurch bewährt, daß die Elemente der Kunst am Ende sich in ihr wegheben. Und eben diese Bemühungen um die Parabel setzen sich in radikalerer Gestalt zur Zeit in den Überlegungen durch, die aufs Lehrgedicht gehen. Im Verlaufe des Gesprächs selbst suchte ich Brecht klar zu machen, daß ein solches Lehrgedicht ja weniger vor dem bürgerlichen Publikum sich zu beglaubigen hätte als dem proletarischen gegenüber, das seine Maßstäbe vermutlich weniger aus Brechts ehemaliger, teilweise bürgerlich orientierter Produktion nehmen werde als aus dem dogmatischen und theoretischen Gehalt der Lehrdichtung selbst. »Wenn dieses Lehrgedicht die Autorität des Marxismus für sich zu mobilisieren vermag – sagte ich ihm – so wird die Tatsache Ihrer früheren Produktion sie schwerlich erschüttern können.«

4 Oktober 1934 Gestern ist Brecht nach London abgefahren. – Sei es, daß Brecht sich hin und wieder durch mich dazu besonders versucht fühlt, sei es, daß solches ihm in letzter Zeit überhaupt näher als früher liegt: das, was er selbst die hetzerische Haltung seines Denkens nennt, macht sich jetzt im Gespräch viel deutlicher bemerkbar als früher. Ja, mir fällt ein besonderes, dieser Haltung entsprungnes Vokabular auf. Zumal den Begriff des »Würstchens« handhabt er gern in solchen Absichten. In Dragor las ich »Schuld und Sühne« von Dostojewski. Zunächst einmal gab er dieser Lektüre die Hauptschuld an meiner Krankheit. Und zur Bekräftigung erzählte er mir, wie in seiner Jugend der Ausbruch einer langwierigen und im Keim wohl längst bei ihm angelegten Krankheit erfolgt sei, als ihm eines Nachmittags ein Schulkamerad, gegen dessen Absichten Protest einzulegen er schon zu schwach war, am Klavier Chopin vorspielte. Chopin und Dostojewski schreibt Brecht besonders unheilvolle Einflüsse auf das Befinden zu. Aber er nahm auch sonst auf jede mögliche Weise zu meiner Lektüre Stellung, und da er selbst zu gleicher Zeit im »Schweyk« las, so ließ er sich nicht entgehen, den Wert der beiden Autoren zu vergleichen. Dabei konnte Dostojewski sich neben Hašek nicht sehen lassen, wurde vielmehr ohne Umstände zu den »Würstchen« gerechnet, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre wohl auch auf seine Werke die Bezeichnung ausgedehnt worden, die Brecht neuerdings für alle Arbeiten in Bereitschaft hält, denen ein aufklärender Charakter fehlt oder von ihm abgesprochen wird. Er nennt sie einen »Klump«.

Tagebuchnotizen 1938

6 März In den letzten Nächten habe ich Träume, die meinem Tag tief eingeprägt bleiben. Heute nacht war ich im Traum einmal in Gesellschaft. Man erwies mir Freundlichkeiten; ich glaube, sie bestanden vorwiegend darin, daß Frauen sich für mich interessierten, geradezu Vorteilhaftes über meine Erscheinung sagten. Ich glaube mich zu erinnern, laut bemerkt zu haben: nun würde ich wohl nicht mehr lange leben – als seien dies die letzten Freundschaftsbezeigungen Abschiednehmender.

Später, unmittelbar vor dem Aufwachen, war ich in Gesellschaft einer Dame in den Räumen von Adrienne Monnier. Es war darinnen eine Ausstellung von Dingen veranstaltet, die ich nicht recht vergegenwärtigen kann. Bücher mit Miniaturen waren darunter, weiter Platten oder geschmiedete Arabesken, die farbig wie mit Email belegt waren. Die Räume waren zu ebener Erde an der Straße, von der man durch eine große Scheibe hineinsehen konnte. Ich befand mich im Innern. Meine Dame hatte ihre Zähne offenbar längst im Sinne der Technik behandelt, für die diese Ausstellung werben wollte. Sie hatte einen opalisierenden Glanz an ihnen hervorgerufen. Ihre Zähne spielten matt ins Grüne und Bläuliche. Ich bestrebte mich, ihr auf das Höflichste zu verstehen zu geben, das sei nicht die richtige Verwertung des Materials. Meinen Gedanken zuvorkommend wies sie mich darauf hin, die innere Seite an ihren Zähnen sei rot ausgelegt. Ich hatte in der Tat darauf hinausgewollt, daß für die Zähne die stärksten Farben gerade stark genug seien. Ich habe sehr unter den Geräuschen in meinem Zimmer gelitten. Gestern nacht hielt der Traum das fest. Ich befand mich vor einer Landkarte und zugleich in der Landschaft, die von ihr dargestellt wurde. Die Landschaft war erschreckend trostlos und kahl, es wäre nicht möglich gewesen zu sagen, ob ihre Verlassenheit die felsiger Einöden oder des leeren nur von den Druckbuchstaben bevölkerten grauen Grundes war. Diese Buchstaben zogen sich kurvig auf ihrer Unterlage, gleichsam Gebirgszügen folgend dahin; die von ihnen gebildeten Worte waren von einander mehr oder weniger weit abliegend. Ich wußte oder erfuhr, daß ich im Labyrinth des Gehörgangs sei. Die Landkarte war aber gleichzeitig die der Hölle.

28 Juni Ich befand mich in einem Labyrinth von Treppen. Dieses Labyrinth war nicht an allen Stellen gedeckt. Ich stieg; andere Treppen führten in die Tiefe. Auf einem Treppenabsatze nahm ich wahr, daß ich auf einem Gipfel zu stehen gekommen war. Ein weiter Blick über alle Lande tat sich da auf. Ich sah andere auf andern Gipfeln stehen. Einer von diesen andern wurde plötzlich von Schwindel ergriffen und stürzte herab. Dieser Schwindel griff um sich; andere Menschen stürzten von andern Gipfeln nun in die Tiefe. Als auch ich von diesem Gefühl ergriffen wurde, erwachte ich.

Am 22 Juni kam ich bei Brecht an.

Brecht weist auf die Eleganz und Lässigkeit in der Haltung Vergils und Dantes hin und bezeichnet sie als den Fond, von dem der große Gestus Vergils sich abhebt. Er nennt die beiden »Promeneure«. – Er betont den klassischen Rang der »Hölle«: »Man kann sie im Grünen lesen.«

Brecht spricht von seinem eingewurzelten, von der Großmutter her ererbten Haß gegen die Pfaffen. Er läßt durchblicken, daß die, welche die theoretischen Lehren von Marx sich zu eigen gemacht und in Behandlung genommen haben, immer eine pfäffische Kamarilla bilden werden. Der Marxismus bietet sich eben allzu leicht der »Interpretation« dar. Er ist hundert Jahre alt und es hat sich erwiesen ... (An dieser Stelle werden wir unterbrochen.) »›Der Staat soll verschwinden.‹ Wer sagt das? Der Staat.« (Hier kann er nur die Sowjet-Union meinen.) Brecht stellt sich, listig und verdrückt, vor den Sessel, in dem ich sitze, hin – er macht »den Staat« nach – und sagt, mit einem scheelen Seitenblick auf, vorgestellten, Mandanten: »›Ich weiß, ich soll verschwinden.‹«

Ein Gespräch über die neue Romanliteratur der Sowjets. Wir verfolgen sie nicht mehr. Dann kommen wir auf die Lyrik und auf die Übersetzungen sowjetrussischer Lyrik aus den verschiedensten Sprachen, mit denen »Das Wort« überschwemmt wird. Brecht meint, die Autoren drüben haben es eben schwer. »Es wird schon als Vorsatz ausgelegt, wenn in einem Gedicht der Name Stalin nicht vorkommt.«

29 Juni Brecht spricht vom epischen Theater; er erwähnt das Kindertheater, in dem die Fehler der Darstellung, als Verfremdungseffekte fungierend, der Vorstellung epische Züge geben. Bei der Schmiere könne Ähnliches sich ereignen. Mir fällt die genfer Aufführung des Cid ein, in der mir beim Anblick der schief sitzenden Krone des Königs der erste Gedanke an das kam, was ich neun Jahre später im Trauerspielbuch niederlegte. Brecht seinerseits zitiert hier den Augenblick, in dem die Idee des epischen Theaters verankert ist. Es war eine Probe zur münchener Aufführung von »Eduard II«. Die Schlacht, die im Stücke vorkommt, soll die Bühne dreiviertelstunden behaupten. Brecht kam mit den Soldaten nicht zustande. (Asja, seine Regieassistentin, auch nicht.) Er wandte sich schließlich an den damals ihm nahe befreundeten Valentin, der der Probe beiwohnte; er tat es, verzweifelt, mit der Frage: »Also was ist das, wie steht es eigentlich mit den Soldaten? was ist denn mit ihnen?« Valentin: »Blaß sind's – Furcht haben's.« Diese Bemerkung war die entscheidende. Brecht setzte noch hinzu: »müde sind's.« Die Gesichter der Soldaten wurden dick mit Kalk belegt. Und an diesem Tage war der Aufführungsstil gefunden.

Kurz darauf erschien das alte Thema »logischer Positivismus«. Ich erwies mich ziemlich intransigent und das Gespräch drohte eine unangenehme Wendung zu nehmen. Sie wurde dadurch verhütet, daß Brecht zum ersten Male die Oberflächlichkeit seiner Formulierungen eingestand. Dies mit der schönen Formel: »dem tiefen Bedürfnis entspricht ein oberflächlicher Zugriff.« Später, als wir zu seinem Hause herübergingen – denn das Gespräch fand in meinem Zimmer statt –: »Es ist gut, wenn man in einer extremen Position von einer Reaktionsepoche ereilt wird. Man kommt dann zu einem mittleren Standort.« So sei es ihm ergangen; er sei milde geworden.

Am Abend: Ich möchte jemandem ein kleines Geschenk für Asja mitgeben; Handschuhe. Brecht meint, das sei schwierig. Es könnte passieren, daß die Ansicht entstehe, Jahnn habe ihr Spionagedienste mit zwei Handschuhen entgolten. – »Das Schlimmste: daß immer ganze Equipen abserviert werden. Aber ihre Anordnungen bleiben vermutlich aufrecht.«

1 Juli Sehr skeptische Antworten erfolgen, so oft ich russische Verhältnisse berühre. Als ich mich neulich erkundigte, ob Ottwalt n och sitzt, kam die Antwort »wenn der noch sitzen kann, sitzt er.« Gestern meinte die Steffin, Tretjakoff sei wohl nicht mehr am Leben.

4 Juli Gestern abend. Brecht (bei einem Gespräch über Baudelaire): Ich bin ja nicht gegen das Asoziale – ich bin gegen das Nichtsoziale.

21 Juli Die Publikationen der Lukács, Kurella u. ä. machen Brecht viel zu schaffen. Er meint aber, man solle ihnen im theoretischen Bezirk nicht entgegentreten. Ich spiele die Frage aufs politische Gebiet. Er hält auch dort mit seinen Formulierungen nicht zurück. »Die sozialistische Wirtschaft braucht den Krieg nicht, darum kann sie ihn auch nicht vertragen. Die ›Friedensliebe‹ des ›russischen Volkes‹ bringt das, und nur das zum Ausdruck. Es kann keine sozialistische Wirtschaft in einem Lande geben. Durch die Rüstungen ist das russische Proletariat notwendigerweise schwer zurückgeworfen worden; und zwar teilweise auf längst überholte Stadien der geschichtlichen Entwicklung. Das monarchische unter anderm. In Rußland herrscht das persönliche Regiment. Das können natürlich nur die Holzköpfe leugnen.« Dies war ein kurzes Gespräch, das bald unterbrochen wurde. – Übrigens hob Brecht in diesem Zusammenhang hervor, daß Marx und Engels mit der Auflösung der ersten Internationale aus dem Aktionszusammenhange mit der Arbeiterbewegung herausgerissen worden seien und seither nur noch Ratschläge, und zwar private, die zur Publikation nicht bestimmt gewesen seien, an einzelne Führer gerichtet hätten. Auch sei es kein Zufall – wenn auch bedauerlich – daß Engels sich zuletzt der Naturwissenschaft zugewandt habe.

Bela Kun sei sein größter Bewunderer in Rußland. Brecht und Heine seien die einzigen deutschen Lyriker, die er vornehme. (Gelegentlich spielte Brecht auf einen bestimmten Mann im ZK an, der ihn stütze.)

25 Juli Gestern vormittag kam Brecht zu mir herüber, um mir sein Stalin-Gedicht zu bringen, das überschrieben ist »Der Bauer an seinen Ochsen«. Im ersten Augenblick kam ich nicht auf den Sinn der Sache; und als mir im zweiten der Gedanke an Stalin durch den Kopf ging, wagte ich nicht, ihn festzuhalten. Solche Wirkung entsprach annähernd Brechts Absicht. Er erläuterte sie im anschließenden Gespräch. Darin betonte er, unter anderm, gerade die positiven Momente in dem Gedicht. Es sei in der Tat eine Ehrung Stalins – der nach seiner Ansicht immense Verdienste habe. Aber er sei noch nicht tot. Ihm, Brecht, übrigens stehe eine andere enthusiastischere Form der Ehrung nicht zu; er sitze im Exil und warte auf die rote Armee. Der russischen Entwicklung folge er; und den Schriften von Trotzki ebenso. Sie beweisen, daß ein Verdacht besteht; ein gerechtfertigter Verdacht, der eine skeptische Betrachtung der russischen Dinge fordert. Solcher Skeptizismus sei im Sinne der Klassiker. Sollte er eines Tages erwiesen werden, so müßte man das Regime bekämpfen – und zwar öffentlich. Aber »leider oder Gottseidank, wie Sie wollen«, sei dieser Verdacht heute noch nicht Gewißheit. Eine Politik wie die Trotzkische aus ihm abzuleiten sei nicht zu verantworten. »Daß auf der andern Seite, in Rußland selbst, gewisse verbrecherische Cliquen am Werke sind, darin ist kein Zweifel. Man ersieht es von Zeit zu Zeit aus ihren Untaten.« Schließlich hebt Brecht hervor, daß wir von den Rückschritten im Innern besonders betroffen werden. »Wir haben für unsere Positionen bezahlt; wir sind mit Narben bedeckt. Es ist natürlich, daß wir auch besonders empfindlich sind.«

Gegen Abend fand mich Brecht im Garten bei der Lektüre des »Kapital«. Brecht: »Ich finde das sehr gut, daß Sie jetzt Marx studieren – wo man immer weniger auf ihn stößt, und besonders wenig bei unsern Leuten.« Ich erwiderte, ich nähme die vielbesprochnen Bücher am liebsten vor, wenn sie aus der Mode seien. Wir kamen auf die russische Literaturpolitik. »Mit diesen Leuten«, sagte ich, mit Beziehung auf Lukács, Gabor, Kurella, »ist eben kein Staat zu machen.« Brecht: »Oder nur ein Staat, aber kein Gemeinwesen. Es sind eben Feinde der Produktion. Die Produktion ist ihnen nicht geheuer. Man kann ihr nicht trauen. Sie ist das Unvorhersehbare. Man weiß nie, was bei ihr herauskommt. Und sie selber wollen nicht produzieren. Sie wollen den Apparatschik spielen und die Kontrolle der andern haben. Jede ihrer Kritiken enthält eine Drohung.« – Wir kamen, ich weiß nicht auf welchem Wege, auf Goethes Romane; Brecht kennt nur die Wahlverwandtschaften. Er habe darin die Eleganz des jungen Mannes bewundert. Als ich ihm sage, daß Goethe das Buch mit sechzig Jahren geschrieben hat, ist er sehr erstaunt. Das Buch habe überhaupt nichts Spießbürgerliches. Das sei eine ungeheure Leistung. Er könne ein Lied davon singen, da doch das deutsche Drama bis in die bedeutendsten Werke hinein, die Spuren des Spießbürgertums trage. Ich bemerkte, die Aufnahme der Wahlverwandtschaften sei auch dementsprechend gewesen, nämlich miserabel. Brecht: »Das freut mich. – Die Deutschen sind ein Scheißvolk. Das ist nicht wahr, daß man von Hitler keine Schlüsse auf die Deutschen ziehen darf. Auch an mir ist alles schlecht, was deutsch ist. Das Unerträgliche an den Deutschen ist ihre bornierte Selbständigkeit. So etwas wie die freien Reichsstädte, z. B. diese Scheißstadt Augsburg gab es nirgends. Lyon war nie eine freie Stadt; die selbständigen Städte der Renaissance waren Stadtstaaten. – Lukács ist ein Wahldeutscher. Bei dem ist die Puste bis auf den letzten Rest verschwunden.«

An den »Schönsten Sagen vom Räuber Woynok« von der Seghers lobte Brecht, daß sie die Befreiung der Seghers vom Auftrag erkennen lassen. »Die Seghers kann nicht auf Grund eines Auftrags produzieren, so wie ich ohne einen Auftrag garnicht wüßte, wie ich mit dem Schreiben anfangen soll.« Er lobte auch, daß ein Querkopf und Einzelgänger in diesen Geschichten als die tragende Figur auftritt.

26 Juli Brecht gestern abend: »Daran kann nicht mehr gezweifelt werden – die Bekämpfung der Ideologie ist zu einer neuen Ideologie geworden.«

29 Juli Brecht liest mir mehrere polemische Auseinandersetzungen mit Lukács vor, Studien zu einem Aufsatze, den er im »Wort« veröffentlichen soll. Es sind getarnte, aber vehemente Angriffe. Brecht fragt mich, was ihre Publikation angeht, um Rat. Da er mir gleichzeitig erzählt, Lukács habe derzeit »drüben« eine große Stellung, so sage ich ihm, ich könne ihm keinen Rat geben. »Hier handelt es sich um Machtfragen. Dazu müßte sich jemand von drüben äußern. Sie haben doch Freunde dort.« Brecht: »Eigentlich habe ich dort keine Freunde. Und die Moskauer selber haben auch keine – wie die Toten.«

3 August Am 29 Juli kam es gegen Abend, im Garten, zu einem Gespräch über die Frage, ob ein Teil des Zyklus »Kinderlieder« in den neuen Gedichtband aufzunehmen sei. Ich war nicht dafür, weil ich fand, der Kontrast zwischen den politischen und den privaten Gedichten bringe die Erfahrung des Exils besonders deutlich zum Ausdruck; er dürfe nicht durch eine disparate Reihe geschmälert werden. Ich ließ wohl durchblicken, es sei in diesem Vorschlag wieder einmal Brechts destruktiver Charakter im Spiel, der das kaum Erreichte wieder in Frage stelle. Brecht: »Ich weiß, es wird von mir heißen: er war ein Maniker. Wenn diese Zeit überliefert wird, so wird das Verständnis für meine Manie mit überliefert werden. Die Zeit wird für das Manische den Hintergrund abgeben. Aber was ich eigentlich möchte, das ist, daß es einmal heißen soll: er war ein mittlerer Maniker.« – Die Erkenntnis des Mittleren dürfe auch in dem Gedichtbande nicht zu kurz kommen; daß das Leben, trotz Hitler, weitergeht, daß es immer wieder Kinder geben wird. Brecht denkt an die geschichtslose Epoche, aus der sein Gedicht an die bildenden Künstler ein Bild gibt und von der er mir einige Tage später sagte, er hielte ihr Eintreten für wahrscheinlicher als den Sieg über den Faschismus. Danach aber kam, immer noch als Begründung für die Aufnahme der »Kinderlieder« in die »Gedichte aus dem Exil« etwas anderes zur Geltung und Brecht brachte es, vor mir im Grase stehend, mit einer Heftigkeit vor, die er selten hat. »In dem Kampf gegen die darf nichts ausgelassen werden. Sie haben nichts Kleines im Sinn. Sie planen auf dreißigtausend Jahre hinaus. Ungeheures. Ungeheure Verbrechen. Sie machen vor nichts halt. Sie schlagen auf alles ein. Jede Zelle zuckt unter ihrem Schlag zusammen. Darum darf keine von uns vergessen werden. Sie verkrümmen das Kind im Mutterleib. Wir dürfen die Kinder auf keinen Fall auslassen.« Während er so sprach fühlte ich eine Gewalt auf mich wirken, die der des Faschismus gewachsen ist; ich will sagen eine Gewalt die in nicht minder tiefen Tiefen der Geschichte entspringt als die faschistische. Es war ein sehr merkwürdiges, mir neues Gefühl. Ihm entsprach dann eine Wendung, die Brechts Gedanke nahm. »Sie planen Verwüstungen von riesigem Ausmaß. Darum können sie sich auch mit der Kirche nicht einigen, die auch ein Gang auf Jahrtausende ist. Mich haben sie auch proletarisiert. Sie haben mir nicht nur mein Haus, meinen Fischteich und meinen Wagen abgenommen, sie haben mir meine Bühne und mein Publikum auch geraubt. Von meinem Standort kann ich nicht zugeben, daß Shakespeare grundsätzlich eine größere Begabung gewesen sei. Aber auf Vorrat hätte er auch nicht schreiben können. Er hat übrigens seine Figuren vor sich gehabt. Die Leute, die er dargestellt hat, liefen herum. Mit knapper Not hat er aus ihrem Verhalten einige Züge herausgegriffen; viele gleich wichtige hat er fortgelassen.«

Anfang August. »In Rußland herrscht eine Diktatur über das Proletariat. Es ist solange zu vermeiden, sich von ihr loszusagen als diese Diktatur noch praktische Arbeit für das Proletariat leistet – das heißt als sie zu einem Ausgleich zwischen Proletariat und Bauernschaft unter vorherrschender Wahrnehmung der proletarischen Interessen beiträgt.« Einige Tage darauf sprach Brecht von einer »Arbeitermonarchie« und ich verglich diesen Organismus mit den grotesken Naturspielen, die in Gestalt eines gehörnten Fisches oder anderer Ungeheuer aus der Tiefsee zu Tage befördert werden.

25 August Eine brechtsche Maxime: Nicht an das Gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.