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Selbstzeugnisse

Walter Benjamin: Selbstzeugnisse - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleSelbstzeugnisse
publisherSuhrkamp Verlag
seriesWalter Benjamin Gesammelte Schriften
volumeIV - 2
editorTillman Rexroth
year1991
isbn3518285343
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120618
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Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin

Ich bin am 15. Juli 1892 als Sohn des Kaufmanns Emil Benjamin in Berlin geboren. Meinen Unterricht erhielt ich auf einem humanistischen Gymnasium, das ich im Jahre 1912 mit dem Abschlußexamen verließ. Ich studierte an den Universitäten Freiburg i. B., München, Berlin Philosophie, daneben deutsche Literatur und Psychologie. Das Jahr 1917 führte mich in die Schweiz, wo ich meine Studien an der Universität Bern fortsetzte.

Entscheidende Anregungen kamen mir in meiner Studienzeit von einer Reihe von Schriften, die zum Teil meinem engeren Studiengebiet fern lagen. Ich nenne Alois Riegls »Spätrömische Kunstindustrie«, Rudolf Borchardts »Villa«, Emil Petzolds Analyse von Hölderlins »Brod und Wein«. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen mir die Vorlesungen des Münchener Philosophen Moritz Geiger sowie des Berliner Privatdozenten für finnisch-ugrische Sprachen, Ernst Lewy. Die Übungen, die der letztere über Humboldts Schrift »Über den Sprachbau der Völker« abhielt sowie die Gedanken, die er in seiner Schrift »Zur Sprache des alten Goethe« entwickelte, erweckten meine sprachphilosophischen Interessen. Im Jahre 1919 bestand ich an der Universität Bern mit dem Prädikat summa cum laude meine Doktorprüfung. Meine Dissertation ist als Buch unter dem Titel »Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik« (Bern 1920) erschienen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland erschien als erste Buch-Publikation daselbst eine Übertragung der »Tableaux Parisiens« von Baudelaire (Heidelberg 1923). Das Buch enthält eine Vorrede über »Die Aufgabe des Übersetzers«, die den ersten Niederschlag meiner sprachtheoretischen Reflexionen darstellte. Von vornherein ist das Interesse für die Philosophie der Sprache neben dem Kunsttheoretischen vorherrschend bei mir gewesen. Es veranlaßte mich während meiner Studienzeit an der Universität München der Mexikanistik mich zuzuwenden – ein Entschluß, dem ich die Bekanntschaft mit Rilke verdanke, der 1915 ebenfalls die mexikanische Sprache studierte. Das sprachphilosophische Interesse hatte auch an meinem zunehmenden Interesse für das französische Schrifttum Anteil. Hier fesselte mich zunächst die Theorie der Sprache wie sie aus den Werken von Stephane Mallarmé hervorgeht.

In den ersten Jahren nach dem Friedensschluß war meine Beschäftigung mit der deutschen Literatur noch vorwaltend. Als erste der einschlägigen Arbeiten erschien mein Essay »Goethes Wahlverwandtschaften« (München 1924/25). Diese Arbeit trug mir die Freundschaft von Hugo von Hofmannsthal ein, der sie in seinen »Neuen Deutschen Beiträgen« publizierte. Hofmannsthal hat seinen lebhaftesten Anteil auch meinem nächsten Werk geschenkt, dem »Ursprung des deutschen Trauerspiels« (Berlin 1928). Dieses Buch unternahm, eine neue Anschauung vom deutschen Drama des siebzehnten Jahrhunderts zu geben. Es macht sich zur Aufgabe, dessen Form als »Trauerspiel« gegen die Tragödie abzuheben und bemüht sich, die Verwandtschaft aufzuzeigen, die zwischen der literarischen Form des Trauerspiels und der Kunstform der Allegorie besteht.

Im Jahre 1927 trat ein deutscher Verlag mit dem Antrag an mich heran, das große Romanwerk von Marcel Proust zu übersetzen. Ich hatte die ersten Bände dieses Werkes im Jahre 1919 in der Schweiz mit leidenschaftlichem Interesse gelesen und ich nahm diesen Antrag an. Die Arbeit gab den Anstoß zu mehrfachem ausgedehnten Aufenthalt in Frankreich. Mein erster Aufenthalt in Paris fällt in das Jahr 1913; ich war 1923 dorthin zurückgekehrt; von 1927 bis 1933 verging kein Jahr, während dessen ich nicht mehrere Monate in Paris verbracht hätte. Im Laufe der Zeit trat ich zu einer Anzahl der führenden französischen Schriftsteller in Beziehung; so zu André Gide, Jules Romains, Pierre Jean Jouve, Julien Green, Jean Cassou, Marcel Jouhandeau, Louis Aragon. In Paris stieß ich auf die Spuren Rilkes und gewann Fühlung mit dem Kreis um Maurice Betz, seinen Übersetzer. Gleichzeitig unternahm ich es, das deutsche Publikum durch regelmäßige Berichte, die in der »Frankfurter Zeitung« und in der »Literarischen Welt« erschienen sind, über das französische Geistesleben zu unterrichten. Von meiner Übersetzung Prousts konnten vor dem Machtantritt Hitlers drei Bände erscheinen (Berlin 1927 und München 1930).

Die Epoche zwischen zwei Kriegen zerfällt für mich naturgemäß in die beiden Perioden vor und nach 1933. Während der ersten Periode lernte ich auf längeren Reisen Italien, die skandinavischen Länder, Rußland und Spanien kennen. Der Arbeitsertrag dieser Periode liegt, abgesehen von den erwähnten Schriften in einer Reihe von Charakteristiken der Werke bedeutender Dichter und Schriftsteller unserer Zeit vor. Hierher gehören umfangreiche Studien über Karl Kraus, Franz Kafka, Bertolt Brecht sowie über Marcel Proust, Julien Green und die Surrealisten. Der gleichen Periode gehört ein aphoristischer Sammelband »Einbahnstraße« (Berlin 1928) an. Nebenher beschäftigten mich bibliographische Arbeiten. Im Auftrage verfaßte ich eine vollständige Bibliographie des Schrifttums von und über G.Chr. Lichtenberg, die nicht mehr im Druck erschienen ist.

Ich verließ Deutschland im März 1933. Seither sind meine größeren Studien sämtlich in der Zeitschrift des »Institute for Social Research« erschienen. Mein Aufsatz »Probleme der Sprachsoziologie« (»Zeitschrift für Sozialforschung«, Jg. 1935) gibt einen kritischen Überblick über den gegenwärtigen Stand der sprachphilosophischen Theorien. Der Essay »Carl Gustav Jochmann« (a.a.O., Jg. 1939) stellt einen Nachklang meiner Untersuchungen zur Geschichte der deutschen Literatur dar. (In den gleichen Zusammenhang gehört eine Sammlung deutscher Briefe aus dem neunzehnten Jahrhundert, die ich 1937 in Luzern publiziert habe.) Einen Niederschlag von Studien zur neuen französischen Literatur gibt meine Arbeit »Zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Standort des französischen Schriftstellers« (a.a.O., Jg. 1934). Die Arbeiten über »Eduard Fuchs, den Sammler und den Historiker« (a. a. O., Jg. 1937) sowie über »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (a.a.O., Jg. 1936) stellen Beiträge zur Soziologie der bildenden Kunst dar. Die letztgenannte Arbeit sucht bestimmte Kunstformen, insbesondere den Film, aus dem Funktionswechsel zu verstehen, dem die Kunst insgesamt im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung unterworfen ist. (Einer analogen Problemstellung auf literarischem Gebiet geht mein Aufsatz »Der Erzähler« nach, der 1936 in einer schweizer Zeitschrift erschienen ist.) Meine letzte Arbeit »Über einige Motive bei Baudelaire« (a.a.O., Jg. 1939) ist ein Bruchstück aus einer Folge von Untersuchungen, die sich die Aufgabe stellen, die Dichtung des neunzehnten Jahrhunderts zum Medium seiner kritischen Erkenntnis zu machen.

Brief:

Skovsbostrand per Svendborg, den 4.7.34 per Adr. Brecht

An das Danske Komité til Støtte for landsflygtige Aansarbejdere z. Hd. des Herrn Prof. Aage Friis Kopenhagen, Solsortvej 62

Sehr geehrter Herr!

Zur Unterstützung und Begründung der Bitte, die ich am Schlusse dieses Briefes an Sie zu richten mir erlaube, gestatte ich mir, Ihnen die folgenden Mitteilungen über mich zu machen:

Im März 1933 habe ich, deutscher Staatsbürger, im 41. Lebensjahr stehend, Deutschland verlassen müssen. Durch die politische Umwälzung war ich als unabhängiger Forscher und Schriftsteller nicht nur mit einem Schlage meiner Existenzgrundlage beraubt, vielmehr auch – obwohl Dissident und keiner politischen Partei angehörig – meiner persönlichen Freiheit nicht mehr sicher. Mein Bruder ist im gleichen Monat schweren Mißhandlungen ausgesetzt und bis Weihnachten in einem Konzentrationslager festgehalten worden.

Von Deutschland habe ich mich nach Frankreich begeben, da ich dort auf Grund meiner vorhergehenden wissenschaftlichen Arbeiten ein Wirkungsfeld zu finden hoffte.

Im folgenden verzeichne ich die wichtigsten Daten meiner Ausbildung und meiner wissenschaftlichen Tätigkeit: Nach Absolvierung des humanistischen Gymnasiums habe ich in Deutschland und in der Schweiz Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und im Jahr 1919 in Bern den Doktor der Philosophie mit dem Prädikat summa cum laude gemacht. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland wandte ich mich literaturwissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet des deutschen und französischen Schrifttums zu. Um mir für diese Forscherarbeit die nötigen wirtschaftlichen Grundlagen zu sichern, habe ich nebenher eine regelmäßige Tätigkeit als literarischer Referent für wissenschaftliche Publikationen an der Frankfurter Zeitung sowie am Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt versehen. Außerdem bin ich gelegentlich Mitarbeiter einiger weniger angesehener Zeitschriften gewesen, die im deutschen Sprachgebiet zwischen 1920 und 1930 erschienen sind. Ich nenne vor allem die Neue Schweizer Rundschau und die Neuen Deutschen Beiträge.

Der Herausgeber der letztgenannten Zeitschrift war Hugo von Hofmannsthal, dem ich in den letzten sieben Jahren seines Lebens freundschaftlich verbunden war und der meinen Arbeiten eine ganz besondere Schätzung entgegengebracht hat. Von meiner Beschäftigung mit dem französischen Schrifttum legt neben kritischen Arbeiten meine Übersetzung des Werkes von Marcel Proust – von der in Deutschland vor dem Umsturz noch zwei Bände (Verlag R. Pieper, München) erscheinen konnten – Zeugnis ab. Daneben habe ich eine Übersetzung der Tableaux Parisiens von Baudelaire (Verlag Richard Weißbach, Heidelberg) erscheinen lassen, die als Einleitung eine umfangreiche Theorie der Übersetzung enthält.

Meine selbständigen wissenschaftlichen Publikationen sind:

Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (Verlag A. Francke, Bern, 1920)

Ursprung des deutschen Trauerspiels (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, 1928)

Goethes Wahlverwandtschaften (Verlag der Bremer Presse, München, 1924/25)

Daneben nenne ich einen Band philosophischer Reflexionen

Einbahnstraße (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, 1928)

sowie meinen Artikel »Goethe« in der großen russischen Sowjet-Enzyklopädie.

Über einen Sammelband meiner Abhandlungen zur Literaturwissenschaft bestand mit meinem Verleger Ernst Rowohlt ein Vertrag, der in Folge der politischen Umstände nicht mehr zur Ausführung kommen konnte.

In Folge meines eiligen Aufbruchs aus Deutschland ist meine Sammlung der über meine Schriften erschienenen Rezensionen in Berlin zurückgeblieben; eine umfangreiche zusammenhängende Darstellung meiner Schriften, die in der Frankfurter Zeitung erschienen ist, hoffe ich mir noch zu verschaffen und werde ich mir gestatten, Ihnen nachzureichen.

Meine Hoffnung auf Gründung einer selbständigen Existenz in Paris ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Nichtsdestoweniger habe ich mir die nötigsten Mittel durch pseudonyme Arbeiten in der Frankfurter Zeitung (gezeichnet Detlef Holz oder K.A.Stempflinger ) eine Zeitlang beschaffen können. Mit dem Ende des Frühjahrs hat sich auch diese Möglichkeit mir verschlossen. Ich habe Frankreich verlassen müssen, da der Aufenthalt für mich dort zu teuer war. In Paris bin ich mit dem, ebenfalls flüchtigen, großen Sammler und Kulturhistoriker Eduard Fuchs übereingekommen, die Grundlinien seiner Lebensarbeit, deren dokumentarisches Material von der Berliner Polizei beschlagnahmt und zum großen Teil vernichtet worden ist, in einer zusammenfassenden und abschließenden Darstellung festzuhalten. Diese Darstellung beschäftigt mich gegenwärtig.

In Dänemark habe ich bei der mir befreundeten Familie Brecht ein provisorisches Unterkommen gefunden. Ich kann aber die Gastfreundschaft der Familie Brecht nur auf kurze Zeit in Anspruch nehmen. Auf der anderen Seite bin ich vollkommen vermögenslos; mein einziger Besitz ist eine kleine Arbeitsbibliothek, die im Hause von Herrn Brecht Aufstellung gefunden hat.

Ich habe mir erlaubt, Ihrem Hilfskomité diese Tatsachen in der Hoffnung zu unterbreiten, daß es Ihnen möglich ist, meine gegenwärtige Lage in etwas zu erleichtern.

Zu jeder weiteren Auskunft stehe ich Ihnen zur Verfügung.

Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenst
Walter Benjamin

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