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Selbstbiographie

Heinrich Schliemann: Selbstbiographie - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobio
authorHeinrich Schliemann
titleSelbstbiographie
publisherF. A. Brockhaus
printrun6. Auflage
editorSophie Schliemann
year1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080220
projectid6084705e
copyrightNachwort noch auskommentiert
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Die Burg von Tiryns.

6. Tiryns

(1884 – 1885)

Lebensweise Schliemanns – Der Palast von Tiryns – Auftauchen der »mykenischen« Kultur – Griechische und Orientalisches

Ein paar Stunden von Mykenä abwärts, nahe dem flachen Strande hebt sich nur wenig aus der breiten Talebene heraus ein langgezogener Hügel. Er trug den Herrschersitz von Tiryns. Die Ringmauer, die den Hügel umgibt, ist von derselben rohen Majestät, wie die von Mykenä; auch von ihr erzählten die Alten, daß die Kyklopen sie im Auftrage des sagenhaften Königs Proitos gebaut hätten. Die Nachbarschaft hat dazu geführt, daß Tiryns bald von Mykenä abhängig wurde; der Sage nach diente der Tiryntier Herakles dem Könige Eurystheus von Mykenä. Als schließlich die Herrscher von Argos sich Mykenä unterwarfen, teilte die alte Königsburg von Tiryns mit jener das Schicksal der Verödung. Diesem frühzeitig eingetretenen Umstande danken wir es, daß hier in Tiryns weit deutlicher als in der immer von neuem umgebauten und besiedelten Pergamos von Troja das Bild eines Fürstensitzes des zweiten vorchristlichen Jahrtausends entschleiert werden konnte.

Schon im Anfang August 1876 hatte Schliemann eine Woche lang auf dem Plateau der Burg gegraben, um danach in Mykenä sein Glück zu versuchen. Er war auf einige architektonische Reste gestoßen, aber ihr Wert war ihm erst nach den Ergebnissen der im vorigen Kapitel geschilderten trojanischen Ausgrabungen bewußt geworden. So schickte er sich nach Vollendung der deutschen und englischen Ausgabe von »Troja« und nach der Erledigung eines die Bücher »Troja« und »Ilios« zusammenfassenden französischen, gleichfalls »Ilios« betitelten Werkes im März 1884 zu einer umfassenden Grabung in Tiryns an, zu welcher ihm die Erlaubnis von seiten der griechischen Regierung erteilt war. Für den architektonischen Teil der Arbeit sicherte er sich wiederum Dörpfelds Hilfe. Die Ausgrabungen währten im Jahre 1884 und 1885, in welch letzterem Dörpfeld allein im Auftrage Schliemanns die Arbeiten beendigte, zusammen 4 1/2 Monate. Schliemann nahm Wohnung in der eine Stunde von Tiryns entfernten Stadt Nauplia. Es ist von Interesse, von der Lebensweise, wie sie der durch und durch praktische Mann führte und schilderte, in der Einleitung zum Buche »Tiryns« zu lesen.

»Ich hatte die Gewohnheit« – heißt es dort – »immer frühzeitig 3 3/4 Uhr aufzustehen, eine Dose von 4 Gran Chinin zu verschlucken, um mich gegen das Fieber zu schützen, und darauf ein Bad zu nehmen; mein Bootsmann, der täglich 1 Frank dafür erhielt, erwartete mich pünktlich um 4 Uhr morgens im Hafen, um mich in die offene See zu fahren, wo ich hinaussprang und fünf oder zehn Minuten herumschwamm. Da der Mann keine Treppe hatte, mußte ich immer an dem Ruder emporklettern, um wieder ins Boot zu gelangen; lange Gewohnheit hatte mir aber Übung in dieser Operation gegeben, und dieselbe ging immer ohne Unfall vonstatten. Nach dem Bade trank ich in dem immer schon früh morgens geöffneten Kaffeehause ›Agamemnon‹ eine Tasse bittern schwarzen Kaffee, die – während alles übrige enorm im Preise gestiegen – hier noch immer zum alten billigen Preise von 10 Lepta oder 8 Pfennig feil ist. Ein gutes Reitpferd, wofür ich täglich 6 Frank bezahlte, stand schon beim Kaffeehause bereit, und ich konnte bequem in 25 Minuten nach Tiryns traben, wo ich immer schon vor Sonnenaufgang ankam und von wo ich den Gaul sogleich zurückschickte, um auch Herrn Dr. Dörpfeld holen zu lassen. Unser Frühstück, welches wir regelmäßig während der ersten Ruhezeit unserer Arbeiter, um 8 Uhr morgens, auf einer Säulenbasis im alten Palast auf Tiryns sitzend zu uns nahmen, bestand aus Chicago corned beef, wovon meine geehrten Freunde, die Herren J. Henry Schröder & Co. in London, mir einen reichlichen Vorrat zugesandt hatten, aus Brot, frischem Schafkäse, ein paar Apfelsinen und mit Harz gemischtem weißen Wein (Retsinato), der sich wegen seiner Bitterkeit gut mit dem Chinin verträgt und der bei der Hitze und angestrengten Arbeit auch besser zu vertragen ist als die viel schwereren roten Weine. Während der zweiten Ruhezeit der Arbeiter, die um 12 Uhr mittags stattfand und anfänglich nur eine Stunde dauerte, später aber, bei Eintritt der großen Hitze, auf 1¾ Stunden verlängert wurde, ruhten auch wir, und es dienten uns dabei zwei Steine der Tenne am Südende der Burg als Kopfkissen. Man ruht nie besser, als wenn man sich recht müde gearbeitet hat, und ich kann meinen Lesern versichern, daß wir nie einen erquickenderen Schlaf genossen haben als während der Mittagszeit in der Akropolis von Tiryns, trotz des harten Lagers und der glühenden Sonne, gegen die wir keinen andern Schutz hatten als unsere indischen Hüte, die wir quer übers Gesicht legten. Unsere zweite und letzte Mahlzeit nahmen wir des Abends beim Nachhausekommen in der Garküche unseres Hotels ein.«

Im Altertum hatte Pausanias von den Resten des Königssitzes geschrieben: »Die Ringmauer, welche das einzige Überbleibsel von Tiryns ist, wurde von den Kyklopen erbaut; sie besteht aus unbehauenen Steinen, deren jeder so groß ist, daß ein Gespann von zwei Maultieren nicht einmal den kleinsten von der Stelle bewegen könnte.« Wieviel mehr können wir heute, nachdem Hacke und Spaten ihr Werk verrichtet und scharfe Beobachtung gelehrt hat, die ans Licht geförderten Trümmer zu ergänzen, von dem Aussehen einer der ältesten Herrenburgen auf griechischem Boden erzählen!

Tiryns: Karte der Buganlage.
(Zustand 1934)

Wer jetzt von Schliemann und Dörpfelds Buch geleitet die Rampe von Tyrins hinaufgeht und durch die schmale Öffnung der Mauer, die zu den Seiten mächtig und roh wie von elementarer Gewalt aufgerichtet ist, einbiegt in den düstern, allmählich ansteigenden Gang, der gelangt zu den Resten eines Tores, welches einst in ähnlicher Form wie das Löwentor von Mykenä den Zugang versperrte. Dahinter verbreitert sich der Weg ein wenig, aber wir sind noch gefangen in der engen Flucht der großen Festungsmauer. Wir kommen zu einem Vorplatz. Links in der Mauer öffnen sich niedrige Hallen, unter denen die Mannschaft der Burgwache kampierte und zugleich den Zugang zu den Magazinkammern sicherte, die in der Tiefe darunter innerhalb der dicken Ringmauer angelegt waren. Rechts stehen wir vor einem zweiten Torgebäude, welches in seinen Abmessungen der Majestät der uns noch umgebenden Burgmauer entspricht. Durch seine von Säulen getragenen Hallen treten wir, nun im Burgfrieden, auf den weiten Vorhof des fürstlichen Palastes und befinden uns, nachdem die Räume der Palastwache passiert sind, vor dem zierlicheren Tor zur Wohnung des Herrschers selbst. Diese Aufeinanderfolge von Toren gemahnt an die Lebensweise eines Fürsten, der wie ein Sultan abgeschieden von seinem Volke lebt und erst nach Überwindung der verschiedenen Stufen von Wächtern und Hofchargen erreichbar ist. In Zeiten, als hier oben Hof gehalten wurde, wird der gemeine Mann schwerlich jemals über die Vorhöfe hinaus zu dem Könige von Tiryns vorgedrungen sein. Doch nahen wir uns ihm mit dem Zuge seiner vornehmen Freunde. Von dem weiten Vorplatze aus steigen wir die Stufen zur Vorderhalle des Tores hinan und gehen durch die Tür zu seiner Hinterhalle hindurch. Wieder umfängt uns ein geräumiger Hof, aber sein reichlicher freundlicher Schmuck verrät die Nähe der fürstlichen Wohnung. Seinen Boden bedeckt ein sauberer Estrich, auf allen vier Seiten umgeben ihn Hallen, getragen von Holzsäulen; über ihnen ragt weithin beschattend ein buntes Gebälk vor, so daß der Raum in seiner stillen Abgeschlossenheit nicht unähnlich war einem Klosterhof mit Kreuzgang. Vor der Halle gegenüber der Tür zum Palaste steht der Altar. Hier ließ der König das Blut der Rinder in die Grube fließen zu Ehren des Schutzgottes seines Hauses, aus dessen Hand der Ahnherr des Geschlechtes die Axt zum Opfer erhalten hatte; nur aufwärts zum südlich heitern Himmel konnte dabei der Blick des Herrschers gerichtet sein, denn die Enge des Raumes schied ihn von seinem Volke und seinem Lande. Jenseits des Altars winkt das Ziel unserer Wanderung. Stolz und prächtig ragt dort die Halle des Tores empor, hinter welchem der Saal des Königs liegt. Alle Kunstfertigkeit ist hier entfaltet, welche die einheimischen und die aus der Fremde geholten Künstler im Dienste des Herrschers auszuüben vermochten. Die hohen nach oben sich verdickenden Säulen sind über und über umsponnen mit eingegrabenem Zierat, die Wandpfeiler verkleidet mit seltenem Holze, auf welchem bronzene Rosetten in zierlicher Reihe aufsitzen; der Sockel der Wand erglänzt in dem durchsichtigen Weiß der Alabasterplatten, aus deren rhythmisch bewegten Mustern eingelegter blauer Glasfluß wie Edelgestein hervorblitzt; die Wände selbst sind bedeckt mit bunten Malereien, welche zwischen mancherlei Fabeltieren die Stierjagden und die Kämpfe der Könige darstellen. Drei weite Flügeltüren führen zum Vorzimmer des großen Saales: doch zuvor begab sich der aus der Fremde Kommende durch eine Seitentür des Vorzimmers zu dem Badezimmer, damit er rein, wohlgesalbt und wohlgekleidet vor dem Könige erschiene. Ein Teppich verhängt die Tür zu dem Saale. Treten wir über seine breite steinerne Schwelle, so umfängt uns ein gedämpftes Licht, das sparsam von oben, von den seitlichen Öffnungen der in der Mitte höher herausgehobenen Holzdecke einfällt. Vier schlanke Säulen tragen das Dach; in ihrer Mitte befindet sich der buntgeschmückte Kreis des Herdes, von dem der Rauch zu den Fensteröffnungen emporzieht.

Es mag genug sein mit der Schilderung dieses Palastes. Die sich heraushebenden Prunkräume des Herrschers umgibt ein Gewirr von kleineren Zimmern. Ein Korridor führt zu der Frauenwohnung, welche, in naher Verbindung mit dem übrigen, doch in sich fest abgeschlossen, ähnlich Höfe und Säle und kleinere Räume umfaßt. Ferner treten die Räume für die Dienerschaft und die Wirtschaftsgebäude hinzu. Aber es würde des Planes bedürfen, welcher dem Buche »Tiryns« beigegeben ist, um ihre Anordnung und weiterhin die der alles umklammernden und schirmenden Ringmauer mit ihren Ausfallspforten und Türmen und Magazinen klarzumachen. Genug daß hier gezeigt worden ist, mit welcher Deutlichkeit es Schliemann und Dörpfeld gelang, das Bild einer Fürstenburg des zweiten Jahrtausends wiederherzustellen.

Es war durch viele technische Einzelheiten und durch die Übereinstimmung der Zierformen augenfällig, daß die Burg von Tiryns aus derselben großen Kulturepoche stammte, wie Burg und Gräber von Mykenä. War es acht Jahre vorher Schliemann geglückt, aus den Gräbern heraus die Würde des Totenkultes und die glänzende Erscheinung der Fürsten einer vordem unbekannten Welt vor uns erstehen zu lassen, so ermöglichte nun die Grabung von Tiryns, die Wohnungen wiederherzustellen, in denen eben jene Könige gelebt. Und nachdem man einmal auf die Eigentümlichkeiten der Bauweise und des Kunstgewerbes aufmerksam geworden war, so verging kein Jahr, in welchem nicht rings um das Ägäische Meer herum namentlich Kuppel- oder Schachtgräber und Geräte und Gefäße des »mykenischen« Stiles auftauchten, in Attika, in Böotien, in Thessalien, auf vielen der griechischen Inseln, an der Küste von Kleinasien, ja über das Ägäische Meer hinaus in Zypern, im Nildelta und in Sizilien. Schliemann selbst hat noch aus dem böotischen Orchomenos Reste derselben Epoche näher bekanntgemacht; er ging im Jahre 1886 zum zweiten Male, diesmal mit Dörpfeld, dorthin, um im weiteren Umkreise des dortigen Kuppelgrabes zu graben, welches ganz ähnlich, nur noch prächtiger hergerichtet ist wie das »Schatzhaus des Atreus« bei Mykenä. Es hatte sich beim Ausräumen der Grabkammer neben dem großen Kuppelraum gezeigt, daß die aus dunkelgrünen Schieferplatten bestehende Decke der Kammer wie ein Teppich über und über mit linearen Zierformen, Spiralmustern und Rosetten überzogen war, mit Zierformen, die ganz so bereits von ägyptischen Denkmälern her bekannt waren.

Wo auch immer man auf die Reste dieser »mykenischen« Epoche stieß, überall tat sich dieselbe Vorliebe zur Prachtentfaltung, für Verwendung von edlen Metallen und Gesteinen dar und dasselbe eigentümliche Stilgefühl in den Mustern der linearen Ornamente und der bildlichen Darstellungen. Wenn so von Zypern bis nach Sizilien, von Thessalien bis nach dem Süden der griechischen Halbinsel einander verwandte Denkmäler aufgefunden wurden, so mußte dies das Ergebnis eines überaus reichen Seeverkehrs und der hohen Blüte eines in diesen Grenzen des Mittelmeergebietes zu gewisser Zeit tonangebenden Volkes sein. Welches war dies Volk? Waren es Griechen?

Nach Homer zieht das Eisen den Mann an. Schon die eine Tatsache, daß eisernes Werkzeug oder Waffen mit Denkmälern »mykenischen« Stiles nicht zusammen vorkamen und die Menschen jenes Zeitalters bei aller Kunstfertigkeit, welche sie in der Bearbeitung der weicheren Edelmetalle besaßen, sich ausschließlich bronzener oder gar noch steinerner Werkzeuge bedienten, bewies das beträchtlich höhere Alter dieser Kultur. Gleichwohl konnte Schliemann mit Recht hinweisen auf die Beziehungen zu den Zeiten des Epos und noch mehr zu denjenigen, in welchen, als längst vergangenen, das Epos seine Helden leben und kämpfen ließ. Der Goldreichtum von Mykenä, den das Epos preist, war durch die Funde glänzend bestätigt. Der Becher des Nestor hatte aus den mykenischen Gräbern heraus sein Abbild erhalten. Eben jetzt war in Tiryns ein Palast gefunden, der in wesentlichen Zügen überraschend mit dem Herrscherhause der homerischen Gesänge übereinstimmte. Im großen Männersaale des Königs schmausen die Freier; im Männersaale empfängt der Phäakenkönig den Odysseus, und nahe dem Herde an die Säule gelehnt sitzt die Königin Arete spinnend dabei. In den Palästen sowohl des Peleus wie des Odysseus stand der Altar des Zeus im Hofe, und den Hof umgeben die widerhallenden Säulengänge. Alle diese Räume finden wir ganz so, in demselben Verhältnis zueinander, in Tiryns wieder. Hier wie dort ist Männer- und Frauenwohnung wenn nicht in gleicher, so doch in ähnlicher Weise auseinandergehalten. Vor allem aber war es ebenda, wo der reichste Fürst der Achäer residiert haben sollte, in Mykenä, wo nun Schliemann die Goldschätze gefunden hatte, und es zeigte sich durch seine Ausgrabungen und durch die Fortsetzung, welche sie von seiten der Griechischen Archäologischen Gesellschaft erfuhren, daß die jüngste Schicht von Denkmälern, die noch von einem Fürstensitze herrührte, noch jener Kultur ganz und gar angehörte. Wir finden danach die Reste in Übereinstimmung mit der Überlieferung; wie der Geschichte nach bereits in vorhomerischer Zeit das Königtum von Mykenä vernichtet wird, so sehen wir die Königsburg verödet schon vor dem Zeitalter des Epos. Es hält schwer, dem Schlusse auszuweichen, daß Schliemann in Wahrheit auf die Burg des Atridenhauses gestoßen ist und daß die homerischen Sagen wirklich noch an jene Herrschaften erinnerten.

Schliemanns und vieler anderer Schluß aus diesen Tatsachen war, daß die »mykenische« Kultur an den Küsten und auf den Inseln des östlichen Mittelmeerbeckens auf die Zeit der homerischen Kämpfe, auf die Achäer Homers, zurückginge. In den historischen Zeiten waren deren Reiche zerfallen und andere griechische Volksstämme hatten sie abgelöst. Die Nachricht von dem Einbrechen der aus den Gebirgen Nordgriechenlands in den Peloponnes wandernden Dorer ließ sich damit in Verbindung bringen, die rauhen Bergvölker hatten die überfeinerten Achäer überwältigt; so mochte es sich erklären, wenn Tracht und Gerät der späteren, zweifellos als griechisch anzuerkennenden Zeiten sehr viel einfacher und kunstloser erscheinen, wenn das künstlerische Vermögen und die Technik namentlich in der Bearbeitung edler Metalle am Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausend bedeutend hinter der älteren Epoche zurückstehen.

Angenommen, die Träger jener durch Schliemanns Entdeckungen erschlossenen Kultur seien in Griechenland Griechen, Achäer, gewesen, so muß doch von Osten her so stark auf ihre Fürstensitze eingewirkt worden sein, daß es den Anschein hat, als habe man sich fast willenlos dem übermächtigen Geschmacke des Orients hingegeben, als sei das Bewußtsein der nationalen Eigenart noch kaum geweckt gewesen. Das Bild der phönikischen Astarte zierte das Kleid einer mykenischen Fürstin. Zu dem überreichen Goldzierat, der das Charakteristische an der vornehmen mykenischen Kleidung war, konnte unmöglich das Metall aus griechischem Boden stammen, vielmehr am wahrscheinlichsten aus Kleinasien. Ähnlich dienten zum Schmucke der Kleider Glasfluß und Porzellanstückchen: Glas und Porzellan waren phönikische und ägyptische Erfindungen, die beide in Griechenland niemals heimisch geworden sind. Auf einem jener kostbaren Dolche mit eingelegter Arbeit sind Katzen dargestellt, welche bei einem Flusse zwischen Papyrusstauden Sumpfvögeln auflauern, eine Szene, die nur am Nil beobachtet sein konnte. Solche und viele andere außergriechische Anklänge, welche sich der Natur der Funde nach nicht allein durch eine starke Einfuhr etwa in Phönikien oder Ägypten hergestellter Ware erklären lassen, sondern auf einen allgemeinen beherrschenden Einfluß des Ostens hindeuten, haben manche Gelehrte zu der Annahme gefühlt, die Funde möchten überhaupt aus einer vorgriechischen Zeit stammen, wo Hellas noch von Karern und andern an der Küste Kleinasiens heimischen Völkern besetzt war. Schliemann seinerseits verwies für die Tatsache der Abhängigkeit vom Orient auf die Sagen, nach welchen die ältesten griechischen Könige Kadmos Danaos und Pelops aus Phönikien, Ägypten und Phrygien eingewandert sein sollten.

So sind Schliemanns Funde in Mykenä, Tiryns und Orchomenos der Anlaß zu einer neuen orientalischen Frage geworden, welche von grundlegender Bedeutung für die älteste griechische Geschichte ist, und nicht allein für diese, sondern für die Geschichte der Mittelmeerstaaten überhaupt. Die Fülle von Belehrung, die jede neue Grabung nach Denkmälern dieser Zeit liefert, gibt uns das Bewußtsein, daß, wofern wir uns nur weiter am rechten Orte bemühen, die vorliegenden Probleme zu einer Lösung gebracht werden können, so daß es künftighin möglich sein wird, das Werden des griechischen Genius weit über Homer hinaus vielleicht bis zu jenen fernen Tagen zurückzuverfolgen, wo zum ersten Male griechische Stämme griechischen Boden betreten haben. Die starke Abhängigkeit der Bewohner Griechenlands von dem Orient in der »mykenischen« Epoche läßt es heute uns und ließ es Schliemann alsbald nach den Tirynter Ausgrabungen für angezeigt erscheinen, zunächst an mehr nach Osten zu gelegenen Punkten die Hacke einzusetzen.

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