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Selbstbiographie

Heinrich Schliemann: Selbstbiographie - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
authorHeinrich Schliemann
titleSelbstbiographie
publisherF. A. Brockhaus
printrun6. Auflage
editorSophie Schliemann
year1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080220
projectid6084705e
copyrightNachwort noch auskommentiert
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Mykenä und der Berg des heiligen Elias.

4. Mykenä

(1874 – 1878)

Lage von Mykenä – Prozeß mit der Hohen Pforte – Ausgrabung in einem Kuppelgrab – Die großen Schachtgräber – Zeit der mykenischen Gräber – Das Buch »Mykenae«

Im Peloponnes, im äußersten Winkel des Tales von Argos, da, wo die Straßen ausgehen, um über die Berge nach Korinth zu gelangen, lag Mykenä. Über einem schmalen Tale zwischen zwei mächtigen Felskuppen war die Burg der Fürsten auf einer beherrschenden Höhe gegründet, so fest, aus so ungefügen Steinblöcken, daß ihre Mauern schon den Hellenen der klassischen Zeit als ein übermenschliches Werk des Volkes der Kyklopen erschienen. Der Sage nach hatten zuerst Perseus und sein Geschlecht, dann die Nachkommen des der Halbinsel den Namen gebenden Pelops, Atreus und Agamemnon, von hier aus das Land regiert. Aber sehr frühzeitig und noch vor der Epoche, in welcher die Ereignisse der Geschichte sich auf einzelne Jahre und Jahrzehnte fixieren lassen, ist zugunsten der Stadt Argos Mykenäs Glanz verblichen. Was die Paläste der Könige an Kostbarkeiten enthielten, wurde bis auf wenige im Staub verschwundene Splitter fortgeführt, allein das wertlose und beschädigte Tongeschirr, welches massenhaft die Stätte bedeckte, fand bei den Bewohnern der kleinen Ansiedelung, die sich dort oben erhielt, keine Beachtung. Der Oberbau der Paläste verfiel, die Trümmer bildeten eine gleichmäßige Schuttmasse, über welcher Jahrhunderte danach ein griechischer Tempel sich erhob. Nur die Blöcke der Ringmauern, obwohl sie keine Klammer und kein Mörtel im Innern verband, trotzten durch ihre Größe und Schwere aller Zerstörung und blieben zusammen mit den unterirdischen, in die Berge eingeschnittenen, kuppelförmig zugehenden Gräbern für Altertum und Gegenwart die staunenerregenden Zeugen einer altertümlichen fremdartigen Pracht. Diese wohlgefugten Mauern von zwei und mehr Meter langen Steinen waren von ganz anderer Natur als die von Troja, in denen der Entdecker das Skäische Tor des Priamos erkannt hatte. Während dort für die kleinen losen Blöcke die Gefahr bestand, daß die modernen Bewohner mit leichter Mühe, wofern sie unbewacht blieben, dieselben fortnehmen könnten, hatte keine Barbarei an der Mächtigkeit der mykenischen Reste zu rütteln vermocht. Kaum hatte nun Schliemann die Arbeiten von Hissarlik fürs erste abgeschlossen, als es ihn, erfüllt von seiner Entdeckung der Wohnstätte des Priamos, drängte, den Sitz des mächtigsten Feindes des troischen Königs, das goldreiche Mykenä, wie es Homer pries, vom Schutte zu befreien.

Ausgang Februar 1874 finden wir Schliemann bereits damit beschäftigt, versuchsweise durch Anlegung von Schächten auf der Akropolis von Mykenä die Schuttiefe festzustellen. In seinem damals französisch geschriebenen Tagebuche notiert er am zweiten Tage den Fund eines kleinen altertümlichen Kuhkopfes aus Ton, und wie er in Troja in den Gesichtsurnen die Züge der eulenäugigen Athena herauserkannt, so fragt er sich an diesem Tage bereits »serait-ce une idole de Junon βοω̃πις Er ging dann noch einen Tag mit zwei Arbeitern zum Heräon, dem uralten Tempel der Schutzgöttin von Argos, Hera; im Tagebuche schreibt er darüber: »Il faisait très froid; de mes deux ouvrierz l'un avait Ia fièvre et ne voulait pas travailler, l'autre travaillait au commencement mais ne voulait pas continuer à cause du froid; je devais donc travailler seul.»

Nach Athen zurückgekehrt, erfuhr er, daß die türkische Regierung ein Gerichtsverfahren gegen ihn angestrengt hatte, mit dem Anspruche, die Hälfte der in Troja gemachten Funde ausgeliefert zu erhalten. Die Berechtigung dieses Anspruchs war zweifelhaft; mit allen seinen Phantasien hing der Entdecker an den Früchten seiner mühevollen Arbeit, und nun sollte er die Hälfte davon nach Konstantinopel fortgeben, wo damals noch keineswegs in dem Maße wie heutzutage die Aussicht vorhanden war, daß die Funde in einem geordneten Museum der Forschung zugänglich sein würden. Über den Verlauf des Prozesses und der weiteren Verhandlungen wegen Fortführung der Ausgrabungen in Troja berichtet er:

»Der Prozeß wurde ein Jahr lang geführt und endigte mit einer Entscheidung des Gerichtshofes, zufolge deren mir die Zahlung einer Entschädigungssumme von 10000 Frank an die türkische Regierung auferlegt wurde. Anstatt dieser 10000 Frank nun übersandte ich im April 1875 dem türkischen Minister für Volksaufklärung die Summe von 50000 Frank zur Verwendung für das kaiserliche Museum. In meinem Begleitschreiben sprach ich es als meinen lebhaften Wunsch aus, mit den Behörden des türkischen Reiches in gutem Einvernehmen zu bleiben, und hob zugleich hervor, daß ein Mann wie ich ihnen ebenso nötig sein möchte wie sie mir. Meine Schenkung wurde von Sr. Exz. Safvet-Pascha, der damals Minister für Volksaufklärung war, in der freundlichsten Weise aufgenommen, und so konnte ich es wagen, mich gegen Ende Dezember 1875 selbst nach Konstantinopel zu begeben, um mir einen neuen Ferman zur Erforschung Trojas auszuwirken. Schon stand durch den einflußreichen Beistand meiner verehrten Freunde, Sr. Erz. des Ministerresidenten der Vereinigten Staaten, Mr. Maynard, Sr. Exz. des italienischen Gesandten, Grafen Corti, Sr. Exz. Safvet-Pascha, Sr. Exz. des Großlogotheten Aristarches-Bei, und zwar besonders durch des letzteren unermüdlichen Eifer und große Energie, die Ausfertigung meines Fermans binnen kurzem zu erwarten, als plötzlich mein Gesuch von dem Reichsrate abgewiesen wurde!

Nun übernahm es aber der Großlogothet Aristarches-Bei, mich bei Sr. Exz., dem im Juni 1876 ermordeten Raschid-Pascha, dem damaligen Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, einzuführen, einem hochgebildeten Manne, der fünf Jahre lang Gouverneur von Syrien gewesen war. Es wurde mir nicht schwer, denselben für Troja und seine Altertümer zu begeistern; er selbst ging zu Sr. Exz. dem Großwesir Mahmud-Nedirn-Pascha, bei dem er sich auf das wärmste für mich verwendete; und es währte denn in der Tat auch nicht lange, so ordnete ein Befehl des Großwesirs an, daß mir der Ferman ohne weiteren Verzug eingehändigt werde. Es war gegen Ende April 1876, als ich endlich das wichtige Dokument erhielt, und unverweilt begab ich mich nun nach den Dardanellen, um meine Ausgrabungen fortzusetzen. Leider aber mußte ich auch hier bei dem Generalgouverneur, Ibrahim-Pascha, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Derselbe war mit der Fortsetzung meiner Arbeiten durchaus nicht einverstanden, und der Grund hierfür war wahrscheinlich der, daß er, seit ich im Juni 1871 die Arbeiten eingestellt, den zahlreichen Reisenden, welche meine Ausgrabungen sehen wollten, eine Art von Ferman zu erteilen pflegte, was bei Niederaufnahme meiner Arbeiten natürlich nicht mehr nötig gewesen sein würde. So wurde ich zunächst unter dem Vorwande, daß er die Bestätigung meines Fermans noch nicht erhalten habe, fast zwei Monate lang von Ibrahim-Pascha in den Dardanellen hingehalten, und als er mir dann endlich doch die Erlaubnis zum Beginn der Ausgrabungen gab, ordnete er mir in der Person eines gewissen Izzet-Effendi einen Aufseher bei, dessen einziges Amt darin bestand, mir Hindernisse in den Weg zu legen. Bald genug sah ich ein, daß es unter diesen Umständen unmöglich sein würde, mein Werk fortzusetzen; ich kehrte deshalb nach Athen zurück und schrieb von hier aus einen Brief an die ›Times‹ (derselbe wurde am 24. Juli 1876 veröffentlicht), in welchem ich das Verhalten Ibrahim-Paschas dem Urteil der zivilisierten Welt unterbreitete. Der Artikel fand seinen Weg auch in die Blätter von Konstantinopel – und infolgedessen wurde der Gouverneur im Oktober 1876 in ein anderes Wilajet versetzt.«

So kann es nach diesem Berichte erscheinen, als sei Schliemann bis Mitte 1876 ganz von den Verhandlungen für Troja in Anspruch genommen gewesen. Indessen währenddem finden wir den unermüdlichen Mann nicht nur auf einer ausgedehnten Reise durch das ganze festländische Griechenland, wo er allenthalben die berühmten Stätten besucht und in sein Reisetagebuch jeweils die Sagen des Ortes, diesmal in griechischer Sprache, einträgt; sondern zwischendurch vergleicht er in England, Deutschland und Italien die Sammlungen prähistorischer Denkmäler mit seinen trojanischen Funden, im Oktober 1875 taucht er in Sizilien auf, mit Ausgrabungen in der alten phönikischen Festung Motye beschäftigt, doch stellt er nach einigen Tagen die Arbeiten ein, da die Funde aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert seinen vornehmlich auf ein höheres Altertum gerichteten Sinn nicht befriedigten. Im April 1876 gräbt er, von Konstantinopel kommend, auf kurze Zeit in Kyzikos am Mamarameere, aber auch hier fesselten ihn die römischen Anlagen, auf welche er stieß, nicht länger als wenige Tage.

»Nun hatte ich«, so lautet es in dem oben ausgeschriebenen Abschnitt der Selbstbiographie Schliemanns weiter, »ungehindert meine Ausgrabungen in Troja fortsetzen können; aber gegen Ende Juli schon hatte ich die Ausgrabungen in Mykenä wieder aufgenommen und konnte jetzt diese nicht verlassen, bevor ich nicht alle Königsgräber gründlich erforscht hatte. Es ist wohlbekannt, wie wunderbar glücklich die Erfolge waren, die meine Ausgrabungen begleiteten, wie ungeheuer groß und merkwürdig die Schätze, mit denen ich die griechische Nation bereicherte. Bis in die fernste Zukunft werden Reisende aus allen Weltteilen in der griechischen Hauptstadt zusammenströmen, um im dortigen Mykenä-Museum die Ergebnisse meiner uneigennützigen Tätigkeit zu bewundern und zu studieren.«

Die Wahrheit und Richtigkeit dieser selbstbewußten Worte kann niemand in Zweifel ziehen, auch der nicht, welcher wünschen möchte, daß die Aufregung des Entdeckers oftmals mehr gezähmt gewesen wäre, damit wir über die Art und Weise, wie das reiche Mobiliar der mykenischen Gräber aufgefunden worden ist, in völliger Klarheit uns befänden. Wer hierüber urteilen will, muß freilich auch die Verhältnisse in Rechnung ziehen, welche dort an Ort und Stelle herrschten.

An drei Stellen setzten Schliemanns Arbeiten in Mykenä gleichzeitig ein. Die großen, in den Abhang des Berges außerhalb der Burg hineingebauten Kuppelräume hielt Schliemann ebenso wie der antike Baedeker Griechenlands, Pausanias, für Schatzhäuser des Pelopidenhauses. Hatte ein türkischer Pascha im Anfange dieses Jahrhunderts bei Grabungen in dem wohlerhaltenen sogenannten Schatzhause des Atreus, den Erzählungen der »ältesten Leute« nach, Schätze von Gold gefunden, so hoffte Schliemann, auf ebensolche unter dem Schutte zu stoßen, welcher einen verfallenen ähnlichen Bau, näher an der Akropolis, erfüllte. Die Grabungen dort leitete Frau Schliemann. Sie ließ in der Mitte des Innenraumes bis auf den Grund graben und in dem schmalen Zugänge zu der Tür des Grabes den Schutt soweit forträumen, als es das Auftauchen späterer Einbauten und der Einspruch des um dieselben besorgten griechischen Ephoros, Herrn Stamatakis, erlaubte. Der Gewinn der Arbeit war vor allem die Auffindung einiger architektonischer Details vom Eingange. Danach war die mächtige Tür umrahmt von einer reichen bunten Architektur. Zu ihren beiden Seiten standen gefurchte Halbsäulen aus dunkelgrauem Alabaster, diese trugen ein Sims aus blaugrauem Marmor, an welchem runde Scheiben die Balkenköpfe der hier in Stein übersetzten Holzarchitektur nachbildeten. Über dem Sims war ein in der Mauer freigelassenes Dreieck durch große Platten von rotem Marmor ausgefüllt. Goldene Schätze aber kamen hier nicht zutage. Daß die Auffassung dieser Bauten als Schatzhäuser irrig war, sollte sich endgültig ein Jahr darauf bei einer Ausgrabung in Attika zeigen, wo man in einem Kuppelgrabe die noch unberührten Leichen fand, für deren prächtige Bestattung der Bau errichtet war.

Eine zweite Aufgabe erfüllte Schliemann, indem er das im Schutt versunkene Haupttor der Burg freizulegen unternahm, über welchem die bis dahin als die ältesten Werke griechischer Bildhauerei geltenden Löwen die Wacht hielten. Wer heute zur Burg von Mykenä wandert, schreitet über die Schwelle, über die Agamemnon aus- und eingezogen ist.

Weitaus die bedeutendste und lohnendste Grabung aber war die unmittelbar hinter dem Löwentor. Schon bei seinen Versuchsgrabungen im Jahre 1874 hatte Schliemann festgestellt, daß hier an der niedrigstgelegenen Stelle der Burg der Fels am tiefsten vom Schutte bedeckt sei. Er hielt es nach den Worten des Pausanias für wahrscheinlich, daß die Gräber des Herrscherhauses innerhalb der Burgmauer lägen und mußte sich an die Worte erinnern, als bald nach Beginn der Arbeit in einer Tiefe von 3 bis 5 Meter drei Grabsteine mit hochaltertümlichen Reliefs gefunden wurden. Die Reliefs stellten zwischen vielfach verschlungenen Spiralornamenten bewaffnete Männer auf Streitwagen dar, im Kampfe oder auf der Jagd begriffen.

Bruchstück einer Grabstele.

Als er noch zwei Grabsteine dieser Art aufgefunden, trägt er unterm 27. August in sein Tagebuch ein: »These tombs can impossibly be those mentioned by Pausiianus, for when he visited Mycenae(170 A.C.) even the posterior Hellenic city had probably already nearly four centuries ago disappeared; it had left a one metre thick layer of rubbish and the lower terrace of the acropolis was just as full of rubbish as it is now. Thus the tombs were at his time burried 4–5 m deep in the rubbish just as they are now.« Indessen er fügt auch bereits hinzu: »And yet what he says abaut the tombs of Agamemnon and his companions killed by Aegystos an Clytaemnestra can leave no doubt in any body's mind that he saw all the tombs in and not outside the acropolis.« Er grub dann weiter den mit zahlreichen sehr merkwürdigen Vasenscherben durchsetzten Erdboden ringsum ab und stieß allmählich auf einen doppelten Kreis von hohen Steinplatten, der in weitem Bogen die entdeckten Grabsteine umschloß.

Der Kreis war etwa freigelegt, als die türkische Regierung Schliemann aufforderte, dem Kaiser von Brasilien Don Pedro in den Ruinen von Troja als Führer zu dienen. Schliemann reiste auf vierzehn Tage hinüber und hatte danach die Ehre, dem hohen Herrn auch seine Ausgrabungen in Mykenä zu zeigen. Inzwischen hatte die Griechische Archäologische Gesellschaft die gefundenen Grabsteine in das aus den Fundstücken im Dorfe Charvati entstehende Museum schaffen lassen. Als die Steine fortgenommen waren, da, sagt Schliemann, zeigte es sich, daß sie nicht, wie vordem angenommen, auf dem Feldboden gestanden halten, sondern auf Erdreich, welches die Schächte erfüllte, die zur Herstellung der Gräber senkrecht in den Felsen hineingetrieben waren. In fünf solche Schächte grub man hinein, und nachdem in einiger Tiefe Steinlagen beseitigt waren, welche nach der Bestattung bei den Totenopfern als Altäre gedient hatten, stieß etwa 6 Meter tief die Hacke auf den Grund. Auf dem Grunde aber lagen ausgebreitet in den fünf Gräbern an fünfzehn Leichen, angetan mit einem überreichen, man darf sagen fabelhaften Goldschmucke.

Goldmaske aus dem vierten Grab.

Daß dies die Gräber einer Herrscherfamilie waren, daran konnte der Glanz ihrer Ausstattung keinen Augenblick einen Zweifel lassen. Goldene Masken, welche die Züge der Verstorbenen nachbildeten, lagen über dem Antlitz der Männer, goldene Platten, reich mit Spiralen verziert, deckten die Brust, überladen mit Gold waren die Gewänder der Frauen, denn in einem Grabe, in welchem ihrer drei bestattet waren, wurden an 700 etwa fingerlange, reichgemusterte Goldplatten aufgefunden, welche, Schuppen gleich, die Kleider der fürstlichen Damen geschmückt haben müssen.

Goldplatte aus dem dritten Grab.

Goldenes Armband aus dem vierten Grab.

Dazu hatten sie goldene Armspangen und Ohrgehänge und mächtige Diademe getragen, auch diese wieder mit mannigfaltigem Zierat. In ihrem Haar lagen große Nadeln mit Knöpfen aus Bergkristall und kostbarem Glas, und den Hals umgaben Mengen von Gemmen, in welche viel merkwürdige Tierdarstellungen und Szenen aus dem Leben der Herrscher eingeschnitten waren. Aber damit, daß sie den Leichen das stolzeste Prachtgewand anlegten, ließen es die Hinterbliebenen nicht genug sein.

Zepter mit Griffel, au« Bergkristall aus dem dritten Grab: Silber vergoldet

Weinkanne aus Gold aus dem Vierten Grab.

Denn nicht nur vornehm in seiner Erscheinung sollte der verstorbene König ins Totenreich einziehen; man gab ihm auch mit, was er dort drüben zum künftigen Leben nötig hatte: kostbare Salben und Öl enthielten die irdenen, bronzenen, silbernen Krüge, die zu dem Leichnam gestellt wurden, silberne und goldene Becher, sein goldumsponnenes Zepter, seine kunstvoll mit Silber und Gold eingelegten Schwerter an goldenen Wehrgehängen geleiteten den Herrscher ins Grab. Und die Fürstinnen nahmen mit sich goldene Kästchen und Büchschen und die goldene Waage, ein noch nicht erklärtes Symbol.

Haarlockenhalter, Armbänder und Ornamente von Halsbändern aus dem dritten Grab.

Zum zweiten Male hatte die Begeisterung, der Glaube an Homer zu einer Entdeckung ohnegleichen geführt. Auch in Troja hatte Schliemann königliche Schätze aus kostbarem Metall gefunden, aber wie kunstlos erschienen sie gegenüber dem Formenreichtum von Mykenä! Die trojanischen Meister hatten für ihren Fürsten genug geleistet, wenn sie nur aus dem teuern Stoffe Becher und Krüge hergestellt hatten, so groß und so schwer, als sie es mit ihren einfachen Handgriffen vermochten.

Terrakottagefäße.

Im Gegensatz dazu waren die Schätze von Mykenä Denkmäler einer gewaltig vorgeschrittenen Kultur, einer Kultur, welche weit über den Bildungsgrad der Naturvölker hinaus war, die bei der Beschränktheit ihrer Hausarbeit dem zum Leben notwendigen Geräte eine schlichte Form geben, so daß der geformte Stoff eben imstande ist, seinem nächsten Zwecke zu dienen. Das Volk von Mykenä besaß bereits eine Kunst, und stolz dieses Besitzes forderte es von seinen Künstlern und Handwerkern, daß sie alle Gebrauchsgegenstände durch ein reiches Linienspiel gefälliger Verzierungen prächtig verschönten. Das Handwerk der Töpfer malte auf die wohlgeformten Gefäße in glänzenden Farben verschlungene Linienmuster, vor allem den Reigen der Spiralen, und das, was an der Küste des Meeres an eigentümlichen Wesen ins Auge fiel, als Algen und Muscheln und Schnecken und Tausendfüßler. An höhere Vorwürfe wagte sich schon die vornehmere Kunst der Goldschmiede. Nicht allein, daß sie in jedes Goldblech, welches zum Schmucke der Adligen gehörte, reiche und fein dahinfließende Ornamente einpreßten, sondern sie verstanden es auch meisterhaft, in eingelegter Arbeit mittels Gold und Silber und Emaille die Klingen

Tintenfisch aus Gold aus dem vierten Grab.

der Schwerter mit farbenprächtigen, lebensvollen Bildern zu schmücken, ebenso wie sie in die goldenen Fingerringe Jagd- und Kampfszenen und schwer zu deutende Darstellungen, wie es scheint, des Gottesdienstes eingruben. Und wo der König das Symbol seiner Herrschaft angebracht verlangte, bildeten sie in edlem Metall den Stierkampf mit dem Doppelbeil darüber mit einem Verständnis, mit einer Beherrschung der Formen des Tierkörpers, welche an die vollendetsten Zeiten der griechischen Kunst gemahnt.

Intaglios auf den Siegelringen aus dem vierten Grab.

Wiederum hatte Schliemann eine neue Welt für die Geschichte und die Kunst aufgefunden. Eine so verschwenderische königliche Pracht wäre den Griechen des Jahrtausends vor Christi Geburt jederzeit fremdartig, asiatisch erschienen. In der Tat war in den Einzelheiten der Funde vieles, was von den unmittelbaren Beziehungen der alten Mykenäer zu dem Orient und Ägypten Zeugnis ablegte. Charles Newton machte Schliemann zuerst darauf aufmerksam, daß in einem Grabe auf Rhodos mit »mykenischen« Vasen zusammen eine ägyptische Gemme aus der Zeit um 1400 v. Chr. gefunden sei, und in Mykenä selbst stimmte zu so hohem Alter die Tiefe der Fundschicht nicht minder wie der Gegensatz zu den ältesten sonst für uns datierbaren Denkmälern auf griechischem Boden. Zweifellos waren es Überbleibsel einer Herrscherfamilie von Mykenä aus der Zeit vor Homer, manche ihrer Prunkstücke erinnerten in auffallender Weise eben an Schilderungen, welche in den homerischen Gedichten zu lesen sind. Die Henkel an Nestors Becher, den er nach Troja von Hause mitgenommen, waren mit vier Tauben verziert, und in einem der Gräber fand sich ein Becher, über dessen zwiefacher Handhabe goldene Tauben angebracht sind. Waren die Gräber etwa gar diejenigen selbst, welche Pausanias gesehen haben wollte, die Gräber des Agamemnon und der Seinen? Wir haben oben aus Schliemanns Tagebuch die Stelle ausgeschrieben, aus welcher hervorgeht, daß er im Beginn der Arbeit über die Unrichtigkeit einer solchen Annahme sich klar war. Denn, wie er selbst es sagte, zu Pausanias' Zeiten war diese Grabstätte mit einem viel zu tiefen Schutte bedeckt, als daß sich in spätgriechischer Zeit über sie überhaupt eine oder sicher keine so ins einzelne gehende Kunde erhalten haben konnte. Aber als er dann den blendenden Glanz königlicher Pracht vor sich sah, da glaubte Schliemann zu bemerken, daß einige der Leichen mit einer auffälligen Hast bestattet seien, wie sie zu der Sage von dem nachlässigen Begräbnis stimmte, welches die Klytämnestra ihrem ermordeten Gatten angedeihen ließ: da wallte die ihm im Blute liegende Phantasie auf und seine Natur kannte keinen Zweifel mehr, daß die von ihm entdeckten Gräber diejenigen seien, welche Pausanias erwähnte. Triumphierend telegraphierte er an den König von Griechenland:

A sa Majesté le Roy George des Hellènes,
                  Athènes.
Avec une extrême joie j'annonce à Votre Majesté que j'ai découvert les tombeaux que la tradition, dont Pausanias se fait l'écho, désignait comme les sépulcres d'Agamemnon, de Cassandra, d'Eurymédon et de leurs camarades, tous tués pendant le repas par Clytemnestre et son amant Égisthe. Ils étaient entourés d'un double cercle parallèle de plaques, qui ne peut avoir été érigé qu'en honneur des dits grands personnages. J'ai trouvé dans les sépulcres des trésors immenses en fait d'objets archaïques en or pur. Ces trésors suffisent à eux seuls à remplir un grande musée, qui sera le plus merveilleux du monde, et qui, pendant des siècles à venir, attirera en Grèce des milliers d'étrangers de tous les pays. Comme je travaille par pur amour pour la science, je n'ai naturellement aucune prétention à ces trésors, que je donne avec un vif enthousiasme intacts à la Grèce. Que Dieu veuille que ces trésors deviennent la pierre angulaire d'une immense richesse nationale.
Mycènes, 16/28 Novembre 1878.
Henry Schliemann.

Im Dezember beendete er die Ausgrabungen in Mykenä. Nur sein Ingenieur Drosinos kehrte im Frühjahr des folgenden Jahres noch einmal dorthin zurück, um Pläne aufzunehmen, und benutzte die Zeit, um neben dem Kreise der großen Gräber noch eine kleine, aber sehr glückliche Grabung vorzunehmen. Schliemann selbst war bereits dabei, seine Berichte an die »Times«, mit welchen er das Publikum von dem Verlaufe seiner Arbeiten unterrichtet hatte, auszuführen und zu dem Buche »Mykenä« zusammenzufassen. Die Funde hatte er der Griechischen Archäologischen Gesellschaft übergeben, welche sie zu einem schönen Museum vereinigen und ordnen ließ. Sie wurden photographiert und gezeichnet und in dem Buche, das wie alle spätern Werke Schliemanns im Verlage von F. A. Brockhaus in Leipzig erschien, in würdiger Form abgebildet, so daß das Buch ein weit mehr Vertrauen erweckendes Ansehen erhielt als es die etwas abenteuerlichen Abbildungen in dem ersten Werke über Troja, in den »Trojanischen Altertümern«, hatten. Während der Arbeit hielt sich Schliemann geraume Zeit in England auf, mit befreundeten Gelehrten die Fragen und Rätsel besprechend, welche der reiche Stoff der Forschung aufgab. Dort fand sein Glaube an den Dichter und dessen Sagen und fanden die Erfolge, die der self made man, von diesem Glauben getragen, errungen hatte, den lebhaftesten und dankbarsten Widerhall, während andernorts das Gefühl der Kritik, mit welcher die alte Sage auf ihren geschichtlichen Kern zu prüfen ist, überwog und damit sich eine vorsichtigere Stellungnahme zu den Schliemann-Funden verknüpfte. Der alte Gladstone selbst kam Schliemanns Aufforderung nach und schrieb ihm eine Vorrede, in welcher er zu begründen suchte, daß die Gräber des Agamemnon und der Kassandra leibhaftig gefunden seien. Das Buch erschien zugleich in englischer und deutscher Ausgabe Ende 1877, und eine französische Ausgabe beschäftigte Schliemann noch einen Teil des Jahres 1878.

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