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Selbstbiographie

Heinrich Schliemann: Selbstbiographie - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
authorHeinrich Schliemann
titleSelbstbiographie
publisherF. A. Brockhaus
printrun6. Auflage
editorSophie Schliemann
year1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080220
projectid6084705e
copyrightNachwort noch auskommentiert
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3. Troja

1871 – 1873

Leben in Hissarlik – Die ersten Ziele der Ausgrabung – Vasenfunde – Prähistorische Funde – Entdeckung der Burgmauer – Auffindung des Schatzes

Am 11. Oktober 1871 eröffnete Schliemann die erste seiner vier großen Ausgrabungsperioden auf dem Hügel von Hissarlik, nachdem ihm der Ferman der Hohen Pforte dazu durch die Vermittlung der Gesandtschaft der Vereinigten Staaten in Konstantinopel ausgewirkt war. Bis 1873, wo er das Werk von seiner Seite zunächst vollendet glaubte, hat er im ganzen elf Monate an der Aufdeckung Trojas gearbeitet, nur darin unterbrochen von der Kälte des Winters und der gesundheitsschädlichen Hitze des Hochsommers. Wenn man noch von dieser Zeit die zahlreichen griechischen und türkischen Feiertage, welche die gemischte Bevölkerung jener Gegend gewissenhaft beobachtet, und die Regentage im Frühling und Herbst abzieht, so leuchtet es ein, daß die gewaltigen Gräben, die er von allen Seiten in den Hügel hinein anlegen ließ, bis zu einer so großen Ausdehnung nur gefördert werden konnten, indem der Herr des Werkes die ihm eigene Ausdauer auch von seinen Untergebenen zu fordern wußte.

Schon im Jahre zuvor war er einmal nach Hissarlik zurückgekehrt und hatte den Spaten angesetzt, aber übertriebene Entschädigungsansprüche, welche die türkischen Eigentümer des Gebietes erhoben, ferner das Ansinnen, sofort nach der Ausgrabung die Gräben zuzuschütten, damit der Platz wiederum als Schafweide dienen könnte, hatten ihn gezwungen, die Arbeiten einzustellen, nachdem er erst fünf Meter tief in den Schutt hineingegraben und nur eine spätgriechische Mauer gefunden hatte.

Er kam von Athen nicht allein zur »heiligen Ilios«. »Ich begab mich«, wie er schreibt, »dorthin in Begleitung meiner Frau, Sophie Schliemann, die, eine Griechin, aus Athen gebürtig, und eine warme Bewunderin des Homer, mit freudigster Begeisterung an der Ausführung des großen Werkes teilnahm.« Sie mußten zunächst ihr Quartier in einer Lehmhütte des Türkendorfes Tschiblak nehmen, dann aber bauten sie auf die Höhe des Priamos selbst, wo zu ihren Füßen die Mauern seines Palastes wiedererstehen sollten, ein paar einfache Holzhäuser als Wohnstätten für sich und die Aufseher und zeitweise für einen Ingenieur und einen Zeichner. Auf der luftigen Höhe blies der Wind, sie wurden es inne, daß es kein leeres Beiwort war, wenn ihr Homer die Ilios ηνεμόεσσα genannt; in den Wintermonaten führte der von Thrakien her wehende Boreas eisige Kälte mit sich, so daß sie »um sich zu erwärmen weiter nichts hatten als den Enthusiasmus für das große Werk der Aufdeckung Trojas«. Aber im Sommer brachte die frische Brise von der See her ersehnte Kühlung und reinigte die Luft von den Fieberdünsten, welche aus der von brütender Hitze bedrückten Ebene und deren Sümpfen emporstiegen. Unten auf der nahen Dardanellenstraße zogen Tag für Tag die großen Dampfer vom Mittelländischen zum Schwarzen Meer hin und her, während dort oben, abgeschieden von diesem Weltverkehr, die beiden geschäftig waren, die Zeugen für die älteste Geschichte der klassischen Länder zu erwecken. Von den niederen Höhenrücken am Meere sahen ihnen die Grabhügel zu, welche stolze Geschlechter über den Leichnamen des Achill und des Patroklos, des Aias und troischer Fürsten aufführen ließen. Auch an jene Denkmäler sollte die Frage nach ihrem Inhalt gestellt werden. Wenn die Sonne den ersten Strahl über die Höhen des Ida sandte, so strömten aus den ringsumliegenden Dörfern stundenweit her Griechen und Türken in ihrer bunten Tracht zu Fuß und zu Esel zusammen, um sich dem Herrn der Ausgrabung zu stellen. Die Verlesung ihrer Liste bot die Gelegenheit, den einzelnen mit gutem Humor anzusprechen und ihn in vergnügter Stimmung ans Werk zu schicken. Viele der Arbeiter hatten ihre besonderen, stets Heiterkeit erregenden Namen. Schliemann selbst sagt darüber: »Da ich bei meinen vielen Arbeitern nicht die Namen aller meiner Arbeiter im Gedächtnis behalten kann, so nenne ich sie je nach ihrem mehr oder weniger gottesfürchtigen, militärischen oder gelehrten Aussehen: Derwisch, Mönch, Pilgrim, Korporal, Doktor, Schulmeister usw., und kaum habe ich einen solchen Namen gegeben, so wird der gute Mann von allen bei demselben so genannt, solange er bei mir ist. Auf diese Weise habe ich viele Doktoren, von denen keiner lesen und schreiben kann.« Die ihm Vertrauteren unter den Griechen erhielten volltönende homerische Namen wie Agamemnon, Laomedon, Äneas. Mancher armselige Türke wurde in seinem Dienste zum Pascha und Effendi erhoben. Die Zahl der Arbeiter schwankte in dieser ersten Ausgrabungsperiode zwischen 100 und 150. Zu ihrer Leitung und dringend nötigen Beaufsichtigung dienten drei Aufseher. Aber Schliemann verließ sich nicht auf diese allein, er selbst war überall zur Stelle und trieb an, da ihm das Werk niemals rasch genug in die Tiefe fortschritt. Auch Frau Schliemann übernahm den Befehl über einen Trupp von 30 bis 40 Arbeitern. Wo aber eine besonders schwierige und wertvolle Aufgabe sich darbot, wo es galt, aus der Schuttmasse einen zerbrechlichen Gegenstand heil herauszulösen, da griffen sie selbst unermüdlich zum Werkzeug. Der Europäer, welcher durch die in ihrer dumpfen Einsamkeit beschränkte Gegend reist, wird schnell zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, und seiner höheren Einsicht werden alle möglichen Fragen zur Begutachtung vorgelegt. Wieviel Mehr mußte nun dieses eifrige Paar die Aufmerksamkeit der ganzen Umgegend erregen, welches Tag für Tag dort in dem Berge nach den verborgenen Schätzen suchte und die Erinnerung an die verklungene Sage von großen Königen, die hier geherrscht, bei den Bewohnern des Landstriches wieder wachrief! Es war nicht die Neugier allein, welche für die Leute von Neochori, Jenischehr, Renkoi den Hügel Hissarlik zum Wallfahrtsort machte, sondern auch die wirkungsvollen Kuren, durch welche der »Effendi Schliemann« mit den ihm zu Gebote stehenden Arzneien die Kranken heilte. Rizinus, Arnika und Chinin, eines von den dreien bewährte sich bei jedem oder wenigstens es schlug besser an als die wahnsinnigen Aderlässe, welche die Heilkunstbeflissenen der Dörfer bei jedem Anlaß verordneten. Später freilich, als Virchow sich in Troja aufhielt, wurde Schliemanns ärztlicher Ruhm überboten. Virchow selbst hat in einem Anhang zu »Ilios« seine Praxis dort anschaulich geschildert. Er heißt noch heute in Troja »der große Arzt«, ο μεγάλος ιατρός im Gegensatz zu Schliemann, welchen man den Effendi ιατρός nennt.

Was wollte Schliemann in dem Berge finden? Er hoffte der zivilisierten Welt den Beweis, an welchem niemand rütteln könne, aus den Trümmern selbst zu erbringen, daß die alte griechische Sage vom zehnjährigen Kampfe um Troja Wahrheit sei und Homer treu und ehrlich die Königsburg des Priamos geschildert habe. Der Beginn seiner Arbeit wurde bestimmt durch die Absicht, den Tempel der ilischen Athena, wo die Königin Hekabe und die troischen Frauen den Segen der Göttin auf ihre Stadt herabgefleht hatten, und die Festungsmauern der Pergamos, ein Werk des Poseidon und Apollon, aufzudecken. Den Tempel der Athena dachte er sich in der Mitte der Höhe auf der höchsten Spitze. Die Mauern des Poseidon aber, überdeckt vom Schutt der Jahrtausende, mußten um die Höhe herumlaufen und auf den Urboden gegründet sein. Denn daß vor dieser Gründung des Fürstensitzes der Hügel unbewohnt gewesen, schien aus den Worten Homers hervorzugehen. Im 20. Gesange der Ilias heißt es, daß noch zu den Zeiten des Königs Dardanos, des sechsten Ahnen des Priamos, der Stamm der Troer mehr im Innern des Landes, am Fuß des fichtenreichen Ida, gewohnt habe.

Hissarlik von Kumtöi aus gesehen

Der Hügel Hissarlik bildete vor der Ausgrabung ein Oval von etwa 200 Meter Länge zu 150 Meter Breite. Gegen Norden und Westen fällt er steil in die Täler des Mendere und Dumbresku ab, im Süden und Osten geht er zu dem Plateau, dessen äußerstes Kap er ist, in sanfter Abflachung über. Durch diesen Hügel wollte Schliemann in der Mittelachse einen Durchstich machen, von Norden nach Süden, da er so am kürzesten den Berg durchquerte und in der Mitte desselben den Tempel aufzufinden hoffte. Als er nun mit Hacke und Spaten seinen breiten Graben von Norden her anzulegen begann, stieß er zuerst bis zu einer Tiefe von 2 Meter auf spätgriechische Grundmauern aus großen Quadern, welche zu einem etwa 20 Meter langen und 14 Meter breiten Gebäude gehörten. Die Inschriften, die dabei gefunden wurden, schienen es als ein Rathaus, ein Buleuterion, frühestens aus der Zeit des Lysimachos zu bezeichnen, desjenigen Fürsten, welcher vom Reiche Alexanders des Großen die Teile zu beiden Seiten des Hellespont regierte. Durch ihn war das vorher stark verfallene Ilion wieder mit einer mächtigen Ringmauer versehen und durch Übersiedlung der Bewohner mehrerer umliegender Städtchen zu einem bedeutenden Gemeinwesen erhoben worden. Da aber das feste Ziel Schliemanns das auf den Urboden gegründete Troja war, so fühlte er sich gezwungen, die Mauern dieses spätgriechischen Gebäudes abzureißen.

Bis zu welcher Tiefe die Arbeiten vordringen mußten, um zu dem Urboden zu gelangen, sollte ein Brunnen lehren, dessen Mündung sich 2 Meter unter der heutigen Oberfläche zeigte. Er konnte erst aus den Zeiten des römischen Ilion stammen, da er aus mit Kalk verbundenen Blöcken gebaut war. Man räumte ihn aus, und siehe da, bis zu einer Tiefe von 17 Metern reichte das Mauerwerk hinab, hier erst ging der Brunnen in den Felsen über. Ein kleiner, vom Grunde des Brunnens aus angelegter Tunnel lehrte, daß in dieser erstaunlichen Tiefe nahe über dem Felsboden noch Hausmauern zu finden seien. Welch eine Geschichte mußte dieser Berg gehabt haben, wie viele Geschlechter hatten wieder und wieder ihn besiedelt und waren vergangen, damit über den Trümmern ihrer Wohnungen die späten Nachkommen, welche gleich den Vorfahren die Vorteile dieser die Ebene einzig beherrschenden Höhe erkannten, ihre Wohnungen gründeten! Es lag offen, daß dort unten ein tiefes Geheimnis verborgen ruhte; welcher Art es war, zu enthüllen, kostete einen gewaltigen Aufwand an Arbeit und Geldmitteln, aber Schliemann scheute nicht davor zurück. »Die Schwierigkeiten«, schrieb er, »vermehren nur mein Verlangen, das endlich vor mir liegende große Ziel zu erreichen und zu beweisen, daß die Ilias auf Tatsachen beruht und daß der großen griechischen Nation diese Krone ihres Ruhmes nicht genommen werden darf. Keine Mühe will ich sparen, keine Kosten will ich scheuen, dahin zu kommen.« Der Beweis, daß auf dieser Höhe ganz andere Schätze zu finden seien als in Bunarbaschi, war durch die Feststellung der Tiefe des Ansiedlungsschuttes erbracht.

Bemalte Tonscheibe aus etwa 1,5 m Tiefe.

Es begreift sich, daß sich des Entdeckers eine mächtige Erregung und Ungeduld bemeisterte, immer näher dem verdeckten Urboden zu gelangen, von welchem er die Bestätigung seiner homerischen Phantasien ersehnte. Er beseitigte daher, was sich ihm auf dem Wege dazu entgegenstellte. Unter den Fundamenten der hellenistischen und römischen Gebäude stieß die Hacke der Arbeiter eine Weile nur auf dürftiges Gemäuer aus lose aufeinandergelagerten kleineren Steinen. Vereinzelte Vasenscherben mit Malereien in der Weise der griechischen Tongefäße des sechsten bis vierten vorchristlichen Jahrhunderts, die sich dabei fanden, bewiesen ihm nur, daß die Arbeit immer tiefer vordringen müsse. Als diese Fundschichten in einer Tiefe von 4 bis 5 Meter überwunden waren, stieß man auf Funde ganz anderer Art. Der Boden war durchsetzt mit zerbrochenem Tongeschirr, aber statt der schön geschwungenen Formen und der bunt aufgemalten Ornamente griechischer Vasen waren es Gefäße, deren einziger Schmuck in einem eigentümlichen Glanz bestand, der den einfarbig gelassenen grauen oder schwarzen, roten oder gelben Ton gleichmäßig überzog. Wenn die Malereien, in denen der griechische Töpfer die Heldensage seines Volles nicht müde wurde zu erzählen, an diesem Geschirr fehlten, hatten sich statt dessen die Verfertiger der hier gefundenen Gefäße in der Bildung eigentümlich bizarrer Formen des Ganzen gefallen. Kugelförmige Kannen mit übertrieben schlankem, schnabelförmigem Halse, mehrfach nicht einzeln gebildet, sondern zu zweien verkoppelt, schlanke Becher mit zwei ausladenden Henkeln, in welchen der Entdecker die von Homer oft genannte Form des δέπας αμφικύπελλον begrüßte, umfangreiche ovale Becken von gegen zwei Meter Durchmesser, ferner Tonkrüge, so gewaltig, daß in einem solchen bequem einer der Arbeiter als moderner Diogenes sein Nachtlager aufschlagen konnte, und neben derartigen Kolossen, welche eben durch ihre Ausdehnung bereits Achtung vor dem Können ihrer Verfertiger einflößten, wieder kleinstes, zierliches Gerät aus dem besten Ton für zarten Gebrauch hergerichtet. Daß all dieses Geschirr aus einem sehr hohen Altertum stammte, ging nicht allein aus der Tiefe der Fundschicht hervor: es war zum guten Teil wie die prähistorischen Funde anderer Gegenden noch nicht mittels der Töpferscheibe hergestellt, sondern mit der Hand geformt; die Gefäße waren noch nicht von dem Formgefühl der Griechen durchdrungen, welche später lehrten, wie der Körper des Gefäßes von einem freitragenden Fuße emporgehoben wird und wie aus dem Körper heraus die Linien der Mündung und der Handhaben sich entwickeln.

Glänzend schwarzer Becher aus etwa 10 m Tiefe.

Was hier gefunden wurde, hatte rohere Gestalt. Der kugelförmige Körper des Kruges saß unmittelbar auf dem Boden auf; wenn ein Fuß hinzugefügt wurde, so geschah es in der Form, daß man drei ungegliederte Stützen an den Körper anstoßen ließ. Der Henkel aber wurde vielfach so gestaltet, daß man einen Klumpen Ton an das Gefäß andrückte und diesen durchbohrte, um eine Schnur hindurchzuziehen. Indes bei aller Roheit bewies doch schon die Mannigfaltigkeit von Form und Farbe und ihre häufig ausgezeichnet sorgfältige Herstellung, daß es Reste der Kultur eines hochentwickelten Volkes waren.

Tonvase aus etwa 9 m Tiefe.

Vase mit eingeschnittenem Blattornament aus etwa 8,5 m Tiefe.

Aber welches Volkes? Die Wissenschaft konnte aus diesen Denkmälern heraus kaum auf die Frage eine runde Antwort geben, denn was hier zum Vorschein kam, war Neues, Unerhörtes. Die Phantasie des Entdeckers suchte die Antwort in seinem Homer. Die sonderbarsten unter den Krügen, die er gefunden, waren solche, an deren Mündung in altertümlichster Weise ein Paar große runde Augen, die Nase, der Stirnrand angegeben waren, der Deckel bildete die Form einer Mütze nach, und auf dem Körper des Gefäßes deuteten kleine Scheiben die Brustwarzen und den Nabel an. Homer nennt die Athena eulenäugig. Die Gefäße mit diesen großen runden Augen waren auf dem Platze gefunden, wo nach Homer ein Tempel der Athena gestanden.

Vase mit Deckel (Eulenkopf) aus etwa 5 m Tiefe.

So freute sich Schliemann, in diesen Gefäßen die urältesten troischen Abbilder der eulenäugigen Göttin zu besitzen. Von der Verehrung derselben Göttin schienen ihm längliche Marmor- und Schieferplättchen Zeugnis abzulegen, da sie an ihrem oberen Ende eine ähnlich primitive Nachbildung eines Gesichtes zeigten; er faßte sie als Idole der Göttin auf. Aber wenn in diesen Denkmälern die Spuren homerischer Kultur enthalten zu sein schienen, so gaben andere Funde merkwürdige, schwerer zu erklärende Rätsel auf. Tausende von kleinen durchbohrten, kugelartigen Gegenständen aus Ton, welche die Altertumskunde zumeist als Spinnwirtel deutet, kamen im Schutte zum Vorschein. Nach vielerlei Gedanken über ihre sonderbare Form und ihre reichen eingeritzten Verzierungen hielt Schliemann sie schließlich für Weihgeschenke an die Athena, die Schützerin der Frauenarbeit; aber als er sie fand und darauf das namentlich in asiatischen Denkmälern und Kulten viel verwendete Zeichen der »Swastika« Hakenkreuz sah, erklärte er in Anlehnung an namhafte Indologen die runde Durchbohrung des Wirtels für das Zeichen der Zentralsonne unserer arischen Urväter und die darauf angebrachte Verzierung als das Symbol des heiligen Feuers. Schriftähnliche Verschnörkelungen deutete sein Freund Emile Burnouf, der damalige Direktor der französischen Archäologischen Schule in Athen, ihm zuerst als Inschriften aus einem aller bekannten griechischen Schrift voraufgegangenen gräko-asiatischen Alphabete, ja auf einer von Schliemann aufgefundenen Vase wollte er sogar nichts anderes als eine rein chinesische Inschrift erkennen. Wir wollen über diese schwierigen Probleme kein Wort für und keines dawider sagen, es soll das hier nur erwähnt werden, um die Fremdartigkeit der Welt zu schildern, vor welche den Entdecker seine Funde stellten. Sollten wirklich die rohen steinernen Werkzeuge, die Hämmer aus Diorit, die Äxte aus Nephrit, welches tief aus dem Innern von Asien geholt war, die sägenartigen Messer aus Feuerstein und was sonst jeder Tag an mannigfaltigem Geräte ans Licht brachte, die Reste des glanzvollen Reiches des Priamos und seiner kunstfertigen Untertanen sein?

Spinnwirtel aus Ton.

Solche Zweifel mußten vielfach auf den erregten Sinn des Finders eindringen, aber entmutigen konnten sie ihn nicht.

Axt aus grünem Nephrit aus etwa 14 m Tiefe.

Streitaxt aus grauem Diorit aus etwa 14 m Tiefe.

Als sich ihm diese primitive Kultur zum erstenmal darstellt, schreibt er: »Meine Ansprüche sind höchst bescheiden; plastische Kunstwerke zu finden hoffe ich nicht. Der einzige Zweck meiner Ausgrabungen war ja von Anfang an nur Troja aufzufinden, über dessen Baustelle von hundert Gelehrten hundert Werke geschrieben worden sind, die aber noch niemals jemand versucht hat durch Ausgrabungen ans Licht zu bringen. Wenn mir nun dies nicht gelingen sollte, dann würde ich doch überaus zufrieden sein, wenn es mir nur gelänge, durch meine Arbeiten bis in das tiefste Dunkel der vorhistorischen Zeit vorzudringen und die Wissenschaft zu bereichern durch die Aufdeckung einiger interessanten Seiten aus der urältesten Geschichte des großen hellenischen Volkes. Die Auffindung der Steinperiode, anstatt mich zu entmutigen, hat mich daher nur noch begieriger gemacht, bis zu der Stelle vorzudringen, die von den ersten hierhergekommenen Menschen betreten worden ist, und ich will bis dahin gelangen, sollte ich selbst noch 50 Fuß zu graben haben.«

Immer tiefer schnitten seine Gräben in den Schuttberg ein, immer schwieriger wurde es, aus einer Tiefe von 10 und mehr Meter heraus den durchsuchten Schutt wegzuschaffen, immer gefährlicher wurde die Arbeit im Grunde zwischen den hochragenden lockeren Erdwänden. Nur wie durch ein Wunder wurden sechs Arbeiter gerettet, welche einmal eine niederstürzende Erdwand verschüttet hatte. Man hatte eine große, mit Asche und zahlreichen andern Brandspuren durchsetzte Schicht durchgraben, aber an Mauern war nichts Wesentliches bemerkt worden. Lockeres Geröll von Steinen wurde fortgeschafft; daß es die Burgmauer der Pergamos gewesen, sollte erst klarwerden, als man an andern Stellen das Wesen dieser rohen, aus unbehauenen Blöcken aufgeführten Banken erkannte.

Metope des Athenatempels aus etwa 1 m Tiefe.

Als der große Graben, welcher in der kurzen Mittelachse der Anhöhe zuerst nur von Norden her angelegt war, die ersehnten Grundmauern des Tempels der ilischen Athena nicht ans Licht förderte, ging Schliemann daran, auch von andern Seiten aus gegen die Mitte hin seine Gräben zu richten. Er hatte die Erlaubnis des Herrn Calvert erhalten, auch auf dessen Grundstück graben zu dürfen, und kaum waren hier im Nordwesten die Arbeiten begonnen, als man nahe der Oberfläche auf eine schöne Reliefplatte stieß. Sie zeigte den Sonnengott Helios in wehendem Gewände, den Strahlenkranz um das Haupt, wie er des Morgens auf sprengendem Viergespann am Firmamente hinaufzieht. Wichtiger noch als diese schöne Skulptur, welche als ein Rest des in hellenistischer Zeit erbauten Tempels der Athena gilt, waren die Entdeckungen, welche sich im Süden und Südwesten ergaben. Im Süden, 60 Meter in den Abhang des Hügels hinein, waren die Arbeiter auf eine mächtige Mauer geraten, welche sich in gewaltiger Dicke unmittelbar auf dem Felsboden erhob und mäßig geböscht noch bis zu einer Höhe von 6 Meter aufragte; die Trümmer um sie herum bewiesen, daß sie einst noch trotziger dagestanden hatte. Ihre Bauart aus unbehauenen, lose übereinanderliegenden Steinen, deren Fugen nur durch Erde ausgefüllt waren, entsprach dem höchsten Altertum, ebenso wie ihre Stelle selbst und die Gegenstände, welche ringsum gefunden wurden. Rechts und links ließ sie sich weiter verfolgen. Auf den Urboden war sie gegründet; wenn irgendeine Mauer, so mußte sie die Ringmauer der Pergamos sein, das Werk, welches Poseidon und Apollon im Dienste des troischen Königs aufgeführt haben sollten. Die 15 Meter hohen Schuttmassen wurden fortgeräumt, um den Zug der Mauer weiter aufzudecken, und nachdem man 30 Meter vorgedrungen war, stieß man im Südwesten des Hügels auf eine breite stattliche Rampe, welche zu der Höhe der Mauer emporführte. Um ihre großen Fußbodenplatten vor der Habgier der Eingeborenen zu schützen, welche unbewacht jedes antike Bauwerk abtragen, da es das beste Baumaterial hergibt, verbreitete Schliemann unter seinen Arbeitern die Legende, Christus sei diesen Weg zum Schlosse des Königs Priamos hinaufgezogen. So viel war daran wahr, daß dieser bei aller altertümlichen Roheit majestätische Aufgang zum Burgtore und weiterhin zum Palaste des Herrschers führen mußte. Die hundert Arbeiter, welche nun Schliemann an diesem Punkte versammelte, um den Weg dazu zu bahnen, gruben durch Massen von verbrannter Tonerde – daß sie die Luftziegel vom Oberbau der Burgmauer und des Tores waren, sollte sich später herausstellen – und dadurch wurde der Beweis erbracht, daß diese feste Burg einst in einer großen Feuersbrunst zugrunde gegangen war. Das also war das zerstörte Troja! Hier auf diesem Tore hatte den trojanischen Greisen die Schönste der Frauen, um deren Besitz der zehnjährige Kampf tobte, die Heldengestalten ihrer gottentstammten Feinde gewiesen, hier war das Skäische Tor! Alle aufgewandte Ausdauer, alle ertragene Mühe hatte gelohnt, die Begeisterung für die alte Sage, die durch ihn Wirklichkeit zu werden schien, triumphierte in der Brust des Entdeckers. »Möge dies heilige, erhabene Denkmal von Griechenlands Heldenruhm«, so schrieb er damals, »fortan auf ewige Zeiten die Blicke der durch den Hellespont Fahrenden fesseln, möge es ein Wallfahrtsort werden für die wißbegierige Jugend aller künftigen Generationen und sie begeistern für die Wissenschaft, besonders für die herrliche griechische Sprache und Literatur.« »Möge es«, fuhr er fort, »die Veranlassung werden zur baldigen vollständigen Aufdeckung von Trojas Ringmauern, die notwendigerweise mit diesem Turme, höchstwahrscheinlich auch mit der auf der Nordseite von mir bloßgelegten Mauer in Verbindung stehen müssen und deren Aufdeckung jetzt sehr leicht ist.«

Rampe und Mauer der zweitältesten Ansiedlung von Troja.

Ihn selbst trieb es vorerst, das Innere der Burg kennenzulernen, in welcher allenthalben die Spuren des Brandes begegneten. Als nun nicht weit von dem Tore die dürftigen Mauern eines Hauses zum Vorschein kamen, welches aus mehreren, doch nicht eben großen Gemächern bestand, so führte ihn die Lage zu dem Tore darauf, daß dieses Gebäude das Haus des Priamos selbst sein müsse. Erst in spätern Jahren zeigte es sich, daß das Haus schon über den Trümmern der zweiten, der verbrannten Stadt angelegt war und daß die Paläste der Pergamos ein weit stattlicheres Aussehen hatten. Zunächst sollte noch ein neuer unerwarteter Fund in der Nähe dieses Gebäudes jene Annahme scheinbar bestätigen. Das war der große vielbesprochene »trojanische Schatz«.

Goldener Schieber aus etwa 8 m Tiefe.

Scheibe aus Goldblech aus etwa 5 m Tiefe.

Goldenes Ohrgehänge aus etwa 8 – 10 m Tiefe.

Goldenes Armband aus etwa 8 m Tiefe.

Ein Graben von Westen her war im Mai 1873 nach Durchbrechung verschiedener Ringmauern auf die Fortsetzung der großen Pergamosbefestigung gestoßen. »Während wir«, so erzählt Schliemann, »an dieser Umfassungsmauer vordrangen und immer mehr von ihr aufdeckten, traf ich dicht neben dem alten Hause, etwas nordwestlich von dem Tore, auf einen großen kupfernen Gegenstand von sehr merkwürdiger Form, der sogleich meine ganze Aufmerksamkeit um so mehr auf sich zog, als ich glaubte, Gold dahinter schimmern zu sehen. Auf dem Kupfergeräte aber lag eine steinharte, 5 Fuß starke Schicht rötlicher und brauner kalzinierter Trümmer, und über dieser wieder zog sich die 5 Fuß dicke und 20 Fuß hohe Befestigungsmauer hin, die kurz nach der Zerstörung Trojas errichtet sein muß. Wollte ich den wertvollen Fund für die Altertumswissenschaft retten, so war es zunächst geboten, ihn mit größter Eile und Vorsicht vor der Habgier meiner Arbeiter in Sicherheit zu bringen: deshalb ließ ich denn, obgleich es noch nicht die Zeit der Frühstückspause war, unverzüglich zur Pause rufen. Während nun meine Leute durch Ausruhen und Essen in Anspruch genommen waren, löste ich den Schatz mit einem großen Messer aus seiner steinharten Umgebung, ein Unternehmen, das die größte Anstrengung erforderte und zugleich im höchsten Maße lebensgefährlich war, denn die große Befestigungsmauer, unter welcher ich graben mußte, drohte jeden Augenblick auf mich herabzustürzen. Aber der Anblick so zahlreicher Gegenstände, deren jeder einzelne für die Archäologie von unschätzbarem Werte sein mußte, machte mich tollkühn und ließ mich an die Gefahr gar nicht denken. Doch würde trotzdem die Fortschaffung des Schatzes mir nicht geglückt sein, wenn nicht meine Gattin mir dabei behilflich gewesen wäre; sie stand, während ich arbeitete, neben mir, immer bereit, die von mir ausgegrabenen Gegenstände in ihren Schal zu packen und fortzutragen.« Pfundschwere goldene Becher, große silberne Kannen, goldene Diademe, Armbänder, Halsketten, aus Tausenden von Goldblättchen mühsam zusammengeheftet, das konnte nur der prunkhafte Besitz eines mächtigen Herrschers über dieses Land gewesen sein.

Becher aus Gold aus etwa 8,5 m Tiefe.

Kaum je sind Träume einer phantasievollen Jugend so glänzend erfüllt worden. Was sein Homer besungen, das meinte der Entdecker nach jahrelangem Trachten jetzt mit Händen zu greifen. Er hatte in Priams stolzer Feste geweilt, Schätze des unglücklichen Königs nannte er nun sein eigen. Nach solchen Erfolgen überkam ihn ein Gefühl der Sättigung; er stellte am 17. Juni 1873, wie er meinte für immer, die Arbeiten ein und kehrte mit seinen Funden nach Athen zurück. Sofort machte er sich an die Veröffentlichung derselben. Bereits Neujahr 1874 war sein Buch »Trojanische Altertümer« abgeschlossen, in dem er im wesentlichen die Berichte zusammenfaßte, welche er von Hissarlik aus an die »Times« gesandt hatte. Dem Buche war ein Atlas von über 200 photographischen Tafeln beigefügt, welche Ansichten von den Ausgrabungen und deren Funden enthielten.

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