Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Grillparzer >

Selbstbiographie

Franz Grillparzer: Selbstbiographie - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Grillparzer
titleSelbstbiographie
publisherVerlag G. J. Hoop
seriesBibliothek des skeptischen Denkens
isbn3936345120
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060706
projectid64d32598
Schließen

Navigation:

Franz Grillparzer

Selbstbiographie

mit einem Anhang: Hugo von Hofmannsthal – Rede auf Grillparzer

Editorische Notiz

Unter Bewahrung des ursprünglichen Lautstandes (etwa: eilf, Reuter, besprützen) wurde Grillparzers Schreibweise behutsam der modernen Orthographie angeglichen. Grillparzers Zeichensetzung blieb erhalten, auch wenn sie für uns nicht immer logisch oder grammatikalisch einwandfrei erschien, um dadurch den ursprünglichen Sprachrhythmus zu bewahren, der im 19. Jahrhundert mehr einer sinngemäßen Betonung denn starren grammatikalischen Regeln folgte. Nur wenn es zum Verständnis nötig war, wurden Kommata eingefügt.

Selbstbiographie

Die Akademie fordert mich (nunmehr zum drittenmale) auf, ihr meine Lebensumstände zum Behufe ihres Almanachs mitzuteilen. Ich will es versuchen, nur fürchte ich, wenn sich das Interesse daran einstellen sollte, zu weitläuftig zu werden. Man kann ja aber später auch abkürzen.

Ich bin zu Wien am 15 Jänner 1791 geboren. Mein Vater war Advokat, ein streng rechtlicher, in sich gezogener Mann. Da seine Geschäfte und seine natürliche Verschlossenheit ihm nicht erlaubte, sich mit seinen Kindern viel abzugeben, er auch starb, ehe ich volle 18 Jahre alt war, und in den letzten Jahren seines Lebens Krankheit, die gräßlichen Kriegsjahre und der durch beides herbeigeführte Verfall seiner häuslichen Umstände, jene Verschlossenheit nur vermehrten, so kann ich von dem Innern seines Wesens mir und andern keine Rechenschaft geben. Sein äußres Benehmen hatte etwas Kaltes und Schroffes, er vermied jede Gesellschaft, war aber ein leidenschaftlicher Freund der Natur. Früher einen eigenen, später einen gemieteten Garten selbst zu bearbeiten und Blumen aller Art zu ziehen, machte beinahe seine einzige Erheiterung aus. Nur auf Spaziergängen, bei denen er, auf unglaubliche Entfernungen, manchmal die ganze Familie, häufig aber auch nur mich, noch als Kind, mitnahm, wurde er froh und mitteilsam. Wenn ich mich erinnere, daß es ihm, bei solchen Spaziergängen am Ufer der Donau, Vergnügen machte, den Inseln im Flusse, nach Art der Weltumsegler, selbstgewählte Namen zu geben, so muß ich glauben, daß in früherer Zeit die Regungen der Phantasie ihm nicht fremd gewesen sein müssen, ja noch später, in den Jahren meiner Lesewut, konnte ich ihm kein größeres Vergnügen machen, als wenn ich ihm Romane, aber ausschließlich Ritter und Geistergeschichten zutrug, die dann der ernste Mann, am schwedischen Ofen stehend und ein Glas Bier dazu trinkend, bis in die späte Nacht hinein las. Neuere Geschichten waren ihm wegen ihres Konventionellen zuwider.

Meine Mutter war eine herzensgute Frau, plagte sich mit ihren Kindern, suchte Ordnung herzustellen, die sie, die Wahrheit zu sagen, selbst nicht ganz genau hielt, und lebte und webte in der Musik, die sie mit Leidenschaft liebte und trieb.

Ich war der älteste von drei Brüdern, zu denen erst spät, als ich schon ziemlich erwachsen war, ein vierter hinzu kam. Man hielt mich für den Liebling meines Vaters, obwohl er mir nie ein Zeichen davon gab. Im Gegenteile unterhielt er sich am liebsten mit dem dritten, der ihn, von Geschäften ermüdet, durch unschädliche Wunderlichkeiten in seinem Entwicklungsgange erheiterte. Der zweite war ihm durch sein trotziges und störrisches Wesen beinahe zuwider.

Überhaupt kann man sich verschiedenere Charaktere als diese drei Brüder nicht denken. Von dem zweiten ist schon die Rede gewesen. Der dritte war ein bildschöner Knabe und dadurch von den Weibern verhätschelt. Da nun zugleich meine Mutter, wenn der Lärmen zu arg wurde, kein Mittel wußte, als die Schuldigen zu sich zu rufen und, in Form von Strafe, zu verhalten, an einem ›Strumpfband‹ zu stricken, so hatte der Jüngste die Sache ernsthaft genommen und strickte und stickte wie ein Mädchen. Er hatte sich drei Ecken des Zimmers mit gedachten und auch benannten Frauen bevölkert, denen er wechselweise Besuche abstattete. Mein Vater, abends im Zimmer auf und niedergehend, versuchte ihm auch für die vierte Ecke eine vierte Frau aufzudringen, die aber, da der vorgeschlagene Name den Spott gar zu deutlich an sich trug, der Knabe durchaus nicht akzeptierte.

Durch diese Grundverschiedenheit von meinen Brüdern entfernt gehalten, und da unser Vater zugleich sich von jeder Bekanntschaft abschloß, wuchs ich in völliger Vereinzelung heran. Um das Formlose und Trübe meiner ersten Jahre begreiflich zu machen, muß ich sogar unsere Wohnung beschreiben.

Mein Vater, mit der Absicht zu heiraten umgehend, suchte Quartier. Einmal abends bei einem Bekannten zu Gaste, kann er nicht fertig werden, die Wohnung des Wirtes zu loben. Zwei ungeheure, Saal-ähnliche Zimmer; den Zugang bildend ein minder großes, ganz geeignet für die Kanzlei des Advokaten, nach rückwärts noch einige Gemächer, zum Schlafzimmer und sonstigem Bedarf. Seinen ausgesprochenen Wünschen kommt der Inhaber der Wohnung mit der Äußerung entgegen, wie es leicht sei, sich den Besitz alles dessen zu verschaffen. Er selbst habe die Wohnung aufgekündet, und unter den Geladenen befinde sich der Hausherr, mit dem er sogleich sprechen könne. Gesagt, getan. Die Männer geben sich den Handschlag und mein Vater hat was er wünscht. Er hatte bemerkt, daß die Fenster der Wohnung nach zwei Seiten gehen. Was war also natürlicher, als daß die eine Hälfte die Aussicht auf die Straße, den »Bauernmarkt« hat und die andere in den ziemlich geräumigen Hof des Hauses. Bei späterer Besichtigung aber fand sich, daß es mit der Aussicht in den Hof allerdings seine Richtigkeit habe, die zweite Hälfte aber in ein enges, schmutziges Sack-Gäßchen ging, von dessen Existenz sogar viele Menschen in Wien gar keine Kenntnis haben.

In diesem Hause wurde ich geboren und verlebte meine ersten Knabenjahre. Finster und trüb waren die riesigen Gemächer. Nur in den längsten Sommertagen fielen um Mittagszeit einzelne Sonnenstrahlen in das Arbeitszimmer unsers Vaters und wir Kinder standen und freuten uns an den einzelnen Lichtstreifen am Fußboden.

Ja auch die Einteilung der Wohnung hatte etwas Mirakuloses. Nach Art der uralten Häuser war es mit der größten Raumverschwendung gebaut. Das Zimmer der Kinder, das so ungeheuer war, daß vier darin stehende Betten und einige Schränke kaum den Raum zu verengen schienen, empfing sein Licht nur durch eine Reihe von Glasfenstern und eine Glastüre von einem kleinen Hofe auf gleicher Ebene mit dem Zimmer, also wie das Zimmer selbst im ersten Stockwerke. Dieser Hof war uns streng versperrt, wahrscheinlich in Folge einer Konvention mit dem grämlichen Hausherrn, der den Lärm der Kinder scheute. Hierher verlegten wir im Gedanken unsere Luft und Sommerfreuden.

Nächst der Küche lag das sogenannte Holzgewölbe, so groß, daß allenfalls ein mäßiges Haus darin Platz gehabt hätte. Man konnte es nur mit Licht betreten, dessen Strahl übrigens bei weiten nicht die Wände erreichte. Da lag Holz aufgeschichtet. Von da gingen hölzerne Treppen in einen höhern Raum, der Einrichtungsstücke und derlei Entbehrliches verwahrte. Nichts hinderte uns, diese schauerlichen Räume als mit Räubern, Zigeunern oder wohl gar Geistern bevölkert zu denken. Das Schauerliche wurde übrigens durch eine wirkliche, lebende Bevölkerung vermehrt, durch Ratten nämlich, die in Unzahl sich da herumtrieben, und von denen einzelne sogar den Weg in die Küche fanden. Ein bei uns lebender Neffe meines Vaters und mein zweiter Bruder begaben sich manchmal, mit Stiefelhölzern bewaffnet auf die Rattenjagd, ich selbst konnte mich kaum ein paarmal entschließen, das Gewölbe zu betreten und mir Angst und Grauen zu holen.

Von der Küche ab ging ein zweiter langer Gang in ein bis zu einem fremden Hause reichendes abgesondertes Zimmer, das die Köchin bewohnte, die in Folge eines Fehltritts mit dem auch Schreibersdienste leistenden Bedienten verheiratet war, welche beide dort eine Art abgesonderten Haushalt bildeten. Sie hatten ein Kind und zu dessen Wartung ein halberwachsenes Mädchen, als Magd der Magd. Der Zutritt auch zu diesem Zimmer war uns verboten und wenn manchmal das schmutzige Mädchen mit dem unsaubern Kinde, wenn auch nur im Durchgange erschien, so kamen sie uns vor wie Bewohner eines fremden Weltteils.

In den ersten Jahren seit dem Erwachen meines Bewußtseins wurde das Traurige unserer Wohnung dadurch gemildert, daß mein Vater gemeinschaftlich mit seiner Schwiegermutter und einem seiner Schwäger ein großes Haus in Enzersdorf am Gebirge kaufte, das Raum genug bot, um drei Familien, ganz abgesondert von einander zu beherbergen. Das Beste daran war ein weitläuftiger Garten, in dem mein Vater, wenn er von Samstag abend bis Montag morgen hinauskam, seiner Gärtnerlust nachhing. Für uns Kinder wurde der Genuß dieses Gartens durch einen wie uns damals vorkam sehr großen Teich gestört, der sich an einem Ende desselben befand und der, obwohl man ihn mit einer schwachen Barriere eingefaßt hatte, doch eine immerwährende Gefahr des Hineinfallens darbot. Da war denn der Gebote und Verbote kein Ende und an ein Herumlaufen ohne Aufsicht war gar nicht zu denken. Besonders hatte der der Gartenmauer zugekehrte hintere Rand des Teiches, der nie betreten wurde, für mich etwas höchst Mysteriöses und ohne etwas Bestimmtes dabei zu denken, verlegte ich unter die breiten Lattigblätter und dichten Gesträuche alle die Schauder und Geheimnisse, mit denen in unserer Stadtwohnung das »Holzgewölbe« bevölkert war. Wir wurden gar nicht mit Gespenstern bedroht oder geschreckt. Demungeachtet als ich und mein zweiter Bruder einmal in dem gemeinschaftlichen Saale unterm Billard ganz allein spielten, schrieen wir beide zu gleicher Zeit auf. Als man herbeilief, erzählten wir, wir hätten einen Geist gesehen. Auf die Frage: wie er ausgesehen? sagte ich: wie eine schwarze Frau mit einem großen Schleier. Mein Bruder aber: wie ein »Hörndler« (Hirschkäfer).

Die Freude an dieser Landwohnung wurde nur zu bald gestört. Mein Vater trieb in dem gemeinschaftlichen Garten die Blumenzucht nicht ohne Pedanterie. Nun konnten sich aber meine damals noch unverheirateten Tanten gar keine andere Bestimmung für Blumen denken, als, wie eine hervorkam, sie abzureißen und entweder als Strauß an die Brust zu stecken oder in Wasser und Glas ans Fenster zu stellen. Noch ärger trieben es die schon etwas herangewachsenen und sich einer großen Ungebundenheit erfreuenden Kinder meines Onkels. Sie liefen ohne Umstände in den Beeten herum und zertraten die Pflanzen, ehe noch an Blumen zu denken war. Da gab es denn immerwährende Klagen, das Haus wurden allen drei Parteien verleidet und man war froh einen Käufer zu finden. Erst einige Jahre später mietete mein Vater einen Garten in Herrnals, wo wir den Sommer über wohnten und mein Vater als alleiniger Besitzer jede Störung von seinen geliebten Blumen abhielt.

Als die Sinnesart meines Vaters bezeichnend, erinnere ich mich noch, daß er einmal uns 3 Kindern Peitschen machte. Meine Brüder bekamen ganz einfache, handsame, mit denen sie nach Herzenslust klatschten. Für mich, seinen vorausgesetzten Liebling, aber nahm er einen so dicken Prügel und eine so starke Schnur, daß ich damit durchaus nichts anzufangen wußte, obgleich er selbst, mich im Gebrauch unterweisend, dem ungeheuern Werkzeug weitschallende Klatsche entlockte. Er konnte sich nicht gut in die Weise der Kinder finden.

Sonst weiß ich von Enzersdorf nur noch, daß ich daselbst durch einen alten Schulmeister die Anfangsgründe der Buchstabenkunde, wohl auch des Buchstabierens empfing. Der Mann war äußerst respektvoll und außer seiner Gestalt ist mir nur noch erinnerlich, daß er das Schmollen und Trotzen mit dem wunderlichen Namen des »Eserl-bindens« bezeichnete.

Wahrscheinlich fing schon in Enzersdorf an und setzte sich in der Stadt fort, was die Plage meiner Knabenjahre gemacht hat. Ehe ich noch den vollkommenen Gebrauch meiner Gliedmaßen hatte, setzte sich nämlich meine für Musik begeisterte Mutter vor, mich in die Geheimnisse des Klavierspiels einzuweihen. Noch gellt in meinen Ohren der Ton, mit dem die sonst nachsichtige Frau in ihrem Eifer die Lage der Noten: ober den Linien, unter den Linien, auf den Linien, zwischen den Linien in mich hineinschrie. Wenn nun gar der Versuch auf dem Klavier gemacht wurde, und sie mir bei jedem verfehlten Tone die Hand von den Tasten riß, duldete ich Höllenqualen.

In die Stadt zurückgekommen, wurde ein eigener Klaviermeister aufgenommen. Leider war meine Mutter in der Wahl nicht glücklich. Sie verfiel auf einen Johann Mederitsch, genannt Gallus, einen, wie ich in der Folge erfuhr, ausgezeichneten Kontrapunktisten, der aber durch Leichtsinn und Faulheit gehindert wurde, seine Kunst zur Geltung zu bringen. Bestellte Arbeiten konnte niemand von ihm erhalten, eine begonnene Oper mußte der Kapellmeister Winter vollenden, ja, durch einige Zeit in Diensten des letzten Königs von Polen, ging er jedesmal zur Hintertüre hinaus, wenn der Wagen des Königs am vorderen Tore anfuhr, so daß dieser ihn endlich entließ, ohne ihn je spielen gehört zu haben. Um nicht geradezu zu verhungern, mußte er Klavierunterricht geben, obwohl es ihm widerlich genug war. Mich gewann er lieb, aber sein Unterricht war eine Reihe von Kinderpossen. Die Finger wurden mit lächerlichen Namen bezeichnet: der schmutzige, der ungeschickte. Wir krochen mehr unter dem Klavier herum, als daß wir darauf gespielt hätten. Meine Mutter, die gegenwärtig war, begütigte er dadurch, daß er in der zweiten Hälfte der Stunde und oft darüber hinaus, phantasierte und fugierte, daß ihr das Herz im Leibe lachte. Statt mir Fingersatz und Geläufigkeit beizubringen, machte es ihm Spaß, mich bezifferten Baß spielen zu lassen, ja einmal komponierte er, der Faule, sogar für mich ein Konzert mit allen Instrumenten, das ich in seiner Wohnung aufführen mußte, bei dem, da ich gar nichts konnte, das Klavier wahrscheinlich nur einzelne Töne und Akkorde hatte, indes die Instrumente das übrige taten. Für einen Spaß konnte er sich sogar Mühe geben, zum Ernste war er nie zu bringen. Und doch war er kein Spaßmacher, mehr kindisch als scherzhaft. Da er nun zugleich in seinen Stunden sehr nachlässig war, so kam manchmal statt seiner seine Schwester, eine äußerst lange, sehr häßliche, übrigens aber vortreffliche Frau. Im Klavierspiele machte ich auch bei ihr keine bemerkbaren Fortschritte, dafür lehrte sie mich aber während der nur zu häufigen Ausruhe-Pausen nach einer damals wenig bekannten, gegenwärtig aber, wie ich höre, häufig angewandten Lautier-Methode buchstabieren und lesen, und zwar, da ich die Buchstaben schon kannte, am Klavier sitzend, ohne Buch. Ich weiß nicht wie es ging, aber ich konnte lesen, ehe noch jemand eine Ahnung davon hatte.

Nun wurde beschlossen, mich in die Schule zu schicken. Man wählte dazu eine unserer Wohnung am Bauernmarkte gegenüber liegende, alle Vorzüge einer öffentlichen genießende Privat-Anstalt. Da ich die Hauptsache: fertig lesen, konnte, so ging man über den Mangel der Kenntnisse im Rechnen und der Sprachlehre hinaus und versetzte mich sogleich in die höhere, zweite Klasse. Hier machte ich es nun, wie ich es leider immer gemacht hatte, trieb das was mich anzog nicht ohne Eifer, vernachlässigte aber das übrige. Das Einmaleins ist mir bis auf diese Stunde nicht geläufig. Einen Teil der Schuld trägt aber mein Vater, der nur immer vorwärts drängte und meinte, die versäumten Anfangsgründe würden sich schon nachholen. Später in der lateinischen Schule ging es nicht anders. Nichts aber trägt sich schwerer nach als Anfangsgründe. In dieser Schule habe ich zwischen Lob und Tadel zwei Jahre ausgehalten; lernte ganz gut schreiben, blieb in Rechnen und Grammatik zurück.

Den Mangel der letzteren ersetzte ich praktisch durch eine unermeßliche Leselust, die sich auf alles erstreckte, dessen ich habhaft werden konnte. Vor der Hand waren es die biblischen Geschichten des Neuen Testamentes in für Kinder bestimmter Erzählung. Was mir sonst in die Hände fiel, weiß ich nicht mehr.

Eins der frühesten Bücher, die ich las, war das Textbuch der Zauberflöte. Ein Stubenmädchen meiner Mutter besaß es und bewahrte es als heiligen Besitz. Sie hatte nämlich als Kind einen Affen in der genannten Oper gespielt und betrachtete jenes Ereignis als den Glanzpunkt ihres Lebens. Außer ihrem Gebetbuche besaß sie kein anderes als diesen Operntext, den sie so hoch hielt, daß, als ihr die Anfangsblätter abhanden gekommen waren, sie mit eigener Hand mühselig das Fehlende abschrieb und dem Buche beilegte. Auf dem Schoße des Mädchens sitzend, las ich mit ihr abwechselnd die wunderlichen Dinge, von denen wir beide nicht zweifelten, daß es das Höchste sei, zu dem sich der menschliche Geist aufschwingen könne.

Wenig später fiel mir eine uralte Übersetzung des Quintus Curtius in die Hände, wahrscheinlich als Derelikt unter altem Gerümpel auf dem Dachboden unserer Landwohnung, das mir der Hausherr, ein Tischler und Säufer von Profession, gerne überließ. Ich weiß nicht wie oft ich das dickleibige, großgedruckte Buch mit immer neuer Begeisterung von Anfang bis zu Ende durchlas. Was ich nicht verstand, ließ ich in den Kauf gehen, um so mehr, als weder meine Mutter, noch das Stubenmädchen mir Aufklärung geben konnten; meinen Vater zu fragen aber hielt mich die Furcht ab, er könnte mir das Buch, wie schon geschehen, als für mich nicht passend, wegnehmen. Vor allem quälte mich das erste lateinisch gedruckte Wort, mit dem der Übersetzer oder erste Herausgeber das von Curtius verloren gegangene erzählend beifügte. Es hieß wohl Paralipomena, oder ähnlich. Stundenlange marterte ich mich, um dem Zauberworte einen Sinn abzugewinnen, aber immer vergebens. Es machte mich unglücklich.

Eben auf dem Lande, wahrscheinlich aus derselben Quelle, geriet ich auf Heiligen- und Wundergeschichten des Pater Kochem, welche sich in meinem Kopfe mit den macedonischen Helden sehr gut vertrugen, nur daß die Taten dieser letztern mir keinen Wunsch zur Nacheiferung erweckten, indes ich glaubte, die Leiden und Qualen der Märtyrer ebenso gut erdulden zu können als jene Glaubensmänner. Ich beschloß Geistlicher zu werden, wobei ich aber nur auf den Einsiedler und Märtyrer mein Absehen richtete. In die Stadt zurückgekehrt wurde ein Meßkleid aus Goldpapier verfertigt. Ich las die Messe, wobei mein zweiter Bruder, der Klingel wegen, bereitwillig ministrierte. Ich predigte von einer Stuhllehne herab, wobei ich freilich als einzige Zuhörerin unsre alte Köchin hatte, die von meinem Unsinn sehr erbaut schien. Sie war auch mein Publikum am Klavier, aber nur für ein einziges Stück, das sie unaufhörlich wieder zu hören begehrte. Es war damals die Hinrichtung Ludwigs XVI noch in frischem Gedächtnis. Man hatte mir unter andern Übungsstücken auch einen Marsch gebracht, von dem man behauptete, daß er bei dieser Hinrichtung gespielt worden sei, in dessen zweiten Teile ein Rutsch mit einem einzigen Finger über eine ganze Oktave vorkam, welcher das Fallen des Mordbeiles ausdrücken sollte. Die alte Person vergoß heiße Tränen bei dieser Stelle und konnte sie sich nicht satt hören.

Meine kirchliche Richtung war übrigens nicht im mindesten religiös. Mein Vater war in der josephinischen Periode aufgewachsen und mochte nicht viel auf Andachtsübungen halten. Die Mutter ging alle Sonntage in die Messe, mit dem Bedienten, der ihr das Gebetbuch nachtrug; wir Kinder kamen nie in die Kirche. Ich erinnere mich noch, daß ich später im Gymnasium, wo jeder Schultag mit einer Messe begonnen wurde, immer, wie ein Wilder, meine Kameraden ansehen mußte, um aus ihrem Vorgange zu merken, wo man aufzustehen, niederzuknieen, oder an die Brust zu schlagen habe.

Bald darauf kam uns die Lust Komödie zu spielen. Wie sie kam und wer sie anregte, weiß ich nicht. Wir Knaben waren äußerst selten ins Theater gekommen. Von meiner Seite war es das erstemal, noch als Kind in eine italienische Oper mit meinen Eltern, denen ein ungarischer Graf, ein Klient meines Vaters, für den Abend seine Loge überlassen hatte. Ich erinnere mich nur, daß ich mich schrecklich langweilte und höchstens eine einzige Szene mich belustigte, wo die Leute in einer Laube Chokolade tranken, und der Geck des Stückes, der mit dem Stuhle schaukelte, samt Tasse und Becher rücklings über zu Boden fiel. Darauf folgte ein Ballett, dessen Titel: die Hochzeit auf dem Lande, mir noch jetzt gegenwärtig ist. Da ging es etwas besser und vor allem setzte mich in Erstaunen, daß in dem allgemeinen Tanze, gegen den Schluß, die Tänzer in eine auf halbe Theaterhöhe angebrachte fensterartige Öffnung mit einem Satze hineinsprangen. Sonst führte man uns Kinder höchstens an Namenstagen ins Leopoldstädter Theater, wo uns die Ritter- und Geisterstücke mit dem Käsperle Laroche schon besser unterhielten. Noch sehe ich aus den zwölf schlafenden Jungfrauen die Szene vor mir, wo Ritter Willibald eine der Jungfrauen aus einer Feuersbrunst rettet. Das Gebäude war eine schmale Seitenkulisse und die Flammen wurden durch herausgeblasenes Kolophonium-Feuer dargestellt, damals aber schien es mir von schauerlicher Naturwahrheit. Vor allem aber bewunderte ich die Verwandlung eines in schleppende Gewänder gehüllten Greises mit einer Fackel in der Hand, in einen rot gekleideten Ritter, wobei mir als das Wunderbarste erschien, daß der rote Ritter auch eine Fackel in der Hand hielt, was eben die schwache Seite der Verwandlung war, und von meinem damaligen Scharfsinn keine vorteilhafte Meinung gibt.

Außer diesen einzelnen Theaterabenden mochten zu unseren dramatischen Gelüsten auch die Erzählungen eines in unserm Hause lebenden verwaisten Neffen meines Vaters beigetragen haben, der in der Kanzlei als Schreiber verwendet wurde und der, um mehrere Jahre älter als wir, da er sich auf solche Art sein Brot selbst verdiente, einer ziemlich großen Freiheit genoß. Wie denn überhaupt mein Vater ein großer Freund von Verboten, aber nichts weniger als ein Freund von Beaufsichtigung war. Dieser Vetter, der nicht frei von einer gewissen Geckenhaftigkeit war, mochte uns nun von seinen Theatergenüssen erzählt haben, ja durch ihn bekam ich vielleicht die ersten Komödienbücher in die Hand, von denen ich mich nur noch auf Klara von Hoheneichen von weiland Spieß erinnere. Mein Vater nahm scheinbar oder wirklich von unsern Kunstbestrebungen keine Notiz, ja ich erinnere mich nicht, daß er unsern Darstellungen auch nur ein einziges Mal einen Blick gegönnt hätte. Die Mutter wurde dadurch gewonnen, daß unser Klavierlehrer Gallus, der die Sache, wie jede Kinderei, mit Eifer auffaßte, sich bereit erklärte, unsere Produktionen mit Ouvertüre und Zwischenakten in freier Phantasie auszuschmücken. Diese seine Improvisationen, zu denen er, wenn die Handlung bedeutender wurde, sogar melodramatische Begleitungen fügte, verschaffte unsern Absurditäten sogar eine gewisse Zelebrität. Einige Musikfreunde nämlich, worunter ein uralter Baron Dubaine, ein Vor-Mozartischer Kunstfreund, die nie Gelegenheit hatten, Gallus spielen zu hören, fanden sich nämlich, ohne sein Vorwissen, im Nebenzimmer ein, wo sie, durch die fingerweit offen gelassene Türe, sein Klavierspiel entzückt behorchten, ohne sich, wie natürlich, um unser Schauspiel, das sie nicht einmal sahen, auch nur im geringsten zu bekümmern.

Daß wir nur Ritterstücke aufführten, versteht sich von selbst, die Geister wurden durch das Mangelhafte unsers Apparats von selbst ausgeschlossen. Es ging nun an eine Verfertigung von hölzernen Schwertern mit papierenen Scheiden. Zu den Wämsern und Kollern wurden abgelegte Kleider mit Puffen und farbigen Schnüren ausstaffiert. Ich war sogar so glücklich, die untere Hälfte eines alten Atlaskleides meiner Mutter als Mantel benützen zu können. Meinem jüngsten Bruder fielen die Weiberrollen zu und er stickte sich Gürtel und Armbänder und Halsgeschmeide aufs prächtigste mit eigener Hand. Der mittlere mußte halb mit Gewalt gepreßt werden und er fügte sich in die Knappenrollen nur auf die Bedingung, daß ihm in seinen Kleidern die Ärmel und die Beinkleider auf halben Schenkeln abgeschnitten wurden, so daß er halbnackt einherging. Aber auch so war er kaum zum Auftreten zu bewegen, sondern warf sich auf sein Bett und mußte durch vereinte Kraft der ganzen Gesellschaft herabgezogen und auf die Szene gestoßen werden, wo er denn nur an den Gefechten Teil nahm. Unser Vetter Albert Koll und ich teilten uns in die Heldenrollen, wo denn immer eine Nebenbuhlerschaft um die Person meines jüngsten Bruders zu Grunde lag, der geraubt, befreit und in jeder Art auf dem Theater herumgeschleppt wurde. Da unser Personal doch gar zu klein war, so nahmen wir mit Vergnügen den Antrag unsers Orchesterdirektors Gallus an, seine kleine Tochter Marie in die Frauenzimmerrollen eintreten zu lassen. Das Mädchen war recht artig und für ihr Alter gescheit, hinkte aber zum Unglück beträchtlich, so daß wir, ihr gegenüber, unsern Mißhandlungen doch etwas Einhalt tun mußten. Das Amt des Theaterdichters fiel mir zu. Nicht als ob ich ein Wort niedergeschrieben, oder den Gang der Handlung anders als höchst allgemein vorausbestimmt hätte. Wir improvisierten, eine Szene gab die andere, und das Stück ging aus, wie es konnte und mochte. Nur der Ausgang der Kämpfe wurde festgesetzt, da niemand unterliegen wollte. Ein einzigesmal entschloß ich mich zum Schreiben, als ich Klara von Hoheneichen durch Hinweglassen von zwei Dritteilen des Stückes für unsere Bühne einrichtete, wo denn vor allem der Name des Ritter Adelungen geändert werden mußte, der mir durch seinen Gleichlaut mit dem verhaßten Adelung der Sprachlehre, unerträglich prosaisch vorkam. Im Lauf eines einzigen Winters begannen und endeten unsere theatralischen Vorstellungen, wozu die nächste Veranlassung war, daß ein uns sehr entfernt verwandter älterer Bursche, unter dem Vorwand Helme und Harnische von Pappe herbeizuschaffen, uns Geld aus unsern Sparbüchsen lockte, wo denn, als der Betrug herauskam, es sogar zu Auseinandersetzungen mit dem Vater des Schuldigen kam, und wir sowohl die Lust verloren, als unser Vater Einsprache tat.

Mittlerweile, ungefähr in meinem achten Jahre, hatte ich die deutschen Schulgegenstände zurückgelegt und sollte ins Gymnasium eintreten. Mein Vater aber, der, besonders mit Rücksicht auf meine große Jugend, dem Besuch der öffentlichen Schule abgeneigt war, beschloß uns Privatunterricht erteilen zu lassen. Es wurde daher ein Hofmeister aufgenommen. Das war nun einer der wunderlichsten aller Menschen. Ein sonderbares Gemisch von innerm Fleiß und äußerlicher Indolenz. Er kam als Theolog in unser Haus, änderte seine Meinung und studierte Medizin. Als ich ihn nach Jahren wiederfand, hatte er auch diese aufgegeben und die Rechte absolviert, so daß wir, trotz eines Altersunterschiedes von beinahe zwanzig Jahren, in gleicher Eigenschaft als Konzepts- Praktikanten bei der Finanzhofstelle gleichzeitig eintraten. Seine Lernbegierde ging über alle Grenzen. So hatte man ihm vorgeworfen, daß er nicht französisch könne. Nun legte er sich mit solchem Eifer auf diese Sprache und übte sich so unausgesetzt, daß, als wir zusammen bei der Finanzstelle dienten, er alle wichtigern Ausarbeitungen erst französisch konzipierte und dann für den Amtsgebrauch ins Deutsche übersetzte. Die fremde Sprache war ihm geläufiger geworden als die eigene.

Dabei grenzte aber seine Indolenz nach außen beinahe an Stumpfsinn, von dem eine große Blödsichtigkeit den körperlichen Ausdruck bildete. Wir hatten seine Schwächen bald weg und die Streiche, die wir ihm spielten, grenzen ans Unglaubliche. So liebte er zum Beispiel des Morgens lange im Bette zu liegen. Da stürzte ich denn eines Tages ins Zimmer mit der Nachricht, es sei eine Frau da, die unsere Wohnung besehen wolle in der Absicht sie zu mieten. Mein Gärtner, so hieß er, springt im Hemde aus dem Bette und flüchtet sich hinter einen Vorhang, der eine abgesperrte Verbindungstüre mit der Nachbarwohnung bedeckte. Unterdessen führe ich meinen Bruder herein in den Kleidern unserer Mutter, den ich ersuche Platz zu nehmen und die Rückkunft unserer Eltern abzuwarten. Da setzt sich denn der Bube, in der Mitte des Zimmers mit dem Rücken gegen den Vorhang gekehrt, in einen Sessel und bleibt ein paar Stunden lange sitzen, indes der arme Hofmeister im Hemde und mit bloßen Füßen alle Qualen der Angst und der Kälte erduldet.

Wenn es dem armen Teufel zu arg wurde, beschloß er endlich zu strafen. Die Strafe bestand in dem Verbote bei Tisch von der vierten Speise zu essen. Nun duldete mein Vater nicht, daß wir uns aus Vorliebe oder Abneigung im Essen wählerisch bezeigten. Wenn nun die verbotene Speise kam, schob der Sträfling seinen Teller von sich ab. Was soll das bedeuten? fragte mein Vater. – Ich danke, ich mag davon nicht essen. – Du wirst essen, sagte mein Vater. Und nun ließ sich der Schuldige reichlich herausfassen und aß nach Herzenslust, wobei er triumphierend nach dem Hofmeister blickte, der aus Furcht vor dem Vater sich nicht zu sagen getraute, daß eine Strafe im Mittel liege, deren volle Bestätigung und Ausführung sonst außer allem Zweifel gelegen hätte. Wir Brüder hätten uns nicht so leicht emanzipiert. Der Haupturheber war einer jener Söhne meines Onkels, die meinem Vater in Enzersdorf seine Blumenbeete zertreten hatten. Er besuchte uns manchmal und, um mehrere Jahre älter als wir, wurde er von dem in unserm Hause lebenden Vetter Albert Koll getreulich unterstützt. Sie marterten den armen Gärtner bis aufs Blut. Er aber glaubte alles und ging immer wieder von neuem in die Falle.

Ich selbst muß mir das Zeugnis geben, nur an den unschuldigem Neckereien Teil genommen zu haben, denn ich achtete ihn, obgleich seine Absurditäten gar zu verführerisch waren.

Meine Achtung gründete sich auf seine Bücher, die er unausgesetzt las und nach seiner Fahrlässigkeit auf allen Tischen liegen ließ. Da war nun ein französischer Telemach und ein lateinischer Autor, wahrscheinlich Suetonius, beide mit deutschen Anmerkungen und ausführlichen Sach- und Namen- Registern in derselben Sprache. In diese vertiefte ich mich, sooft ich ihrer nur habhaft werden konnte und ich kann daher wohl sagen, daß ich von dem guten Gärtner gefördert worden bin, obwohl ich in den Schulgegenständen von ihm rein nichts lernte.

Seine Trägheit ging nämlich so weit, daß er uns nicht einmal die Schulbücher kaufte, obwohl er das Geld dafür empfangen hatte, das sich bei der spätern Katastrophe unberührt in seinem Schranke vorfand. Er drohte uns täglich mit dem Ankauf dieser Bücher, kam aber nie dazu. Ja endlich wurde der Müßiggang als eine Belohnung für sonstiges Wohlverhalten oder für geleistete kleine Dienste förmlich zu Recht erhoben. Da er alles umherliegen ließ, seinen Schrank nie versperrte, ja sogar die herausgezogenen Schubladen zurückzuschieben vergaß, so nahmen wir von seinen Sachen ungescheut alles, was uns als Spielwerk eben anstand. Die Entschuldigung war immer, wir hätten es gefunden. Da wurde nun festgesetzt, daß wer ihm etwas Verlornes zurückbringe, für denselben Tage nichts zu lernen brauche. Ich erinnere mich, daß wir einmal, der eine die eine Schuhschnalle, der andere die zweite, und der dritte die Beinkleiderschnalle ihm als gefunden zurückbrachten, und dafür alle drei vom Lernen frei waren.

So ging es beinahe ein volles Jahr fort. Endlich aber brach das Schicksal herein. Mein Vater hatte einen lateinischen Brief nach Ungarn zu schreiben und war wegen eines Ausdrucks in Zweifel. Er ging daher in unser Zimmer, das er sonst nie betrat, um sich in meinem Wörterbuch Rats zu erholen. Er findet aber weder Wörterbuch noch Schulbücher. Ein großes Verhör wird vorgenommen, in Folge dessen der schuldige Hofmeister das Haus verlassen muß und ein neuer, ein Tiroler Namens Scarpatetti aufgenommen wird.

Die Hauptschwierigkeit war aber nun, daß nach verstrichenem Schuljahre die Prüfung vor der Türe stand. Mein Vater wollte mich, wie er sagte, kein Jahr verlieren lassen. Der neue Hofmeister erhielt daher die Weisung, mit Zuhilfenahme der Schulferien, in sechs oder acht Wochen mir alles das beizubringen, was in einem vollen Jahre hätte gelernt werden sollen. Dem Gefährlichen der Prüfung wurde dadurch begegnet, daß der prüfende Professor ein großer Gartenfreund war. Nun besaß mein Vater sechs oder acht große Oleanderstöcke in Kübeln. Diese wurden meinem Weiterkommen aufgeopfert, die Prüfung ging glücklich vor sich und ich trat, nach versäumter erster, in die zweite lateinische Klasse ein, zu der mich eben mein Vater, durch die Erfahrung gewarnt, in die öffentliche Schule zu schicken beschloß.

Da lernte ich denn die neuen Aufgaben nicht ohne Fleiß, da mir aber die Anfangsgründe nicht geläufig waren, machte ich namentlich in den Schulkompositionen eine Unzahl von Fehlern; der Arithmetik gar nicht zu gedenken, da mir das Rechnen noch von der deutschen Schule her fremd war. Ich wurde daher unter die Höchst-Mittelmäßigen gerechnet, was, statt meinen Eifer anzuspornen, ihn vielmehr auf das Streng-Pflichtmäßige beschränkte.

Dagegen stand mir nun, als einem Halb-Erwachsenen die Bibliothek meines Vaters offen. Da war eine Sammlung von Reise-Beschreibungen, von denen mich besonders Cooks Weltumseglung so interessierte, daß ich bald in Otaheiti mehr zu Hause war als in unserer eigenen Wohnung. Buffon, dessen allgemeine Naturgeschichte mit seinen Planeten, Kometen, Ur-Revolutionen mich bald verrückt gemacht hätte. Eine Theater-Bibliothek mit allen in Wien aufgeführten Stücken, unter denen von Schiller und Goethe gar nichts, von Shakespeare aber nur Hamlet und Lear in der Schröderischen Bearbeitung vorkam. In Lessings Nathan störte mich die wunderliche Abteilung der Zeilen, die Verse, und zugleich der matte Ausgang, wo ich vielleicht nicht so unrecht hatte. Tschinks Geisterseher. Die Krone für mich aber war Guthrie und Grays Weltgeschichte in mehr als neunzig Bänden, die ich, ich weiß nicht wie oft, mehr verschlang als las. Von eigentlichen Dichtern war nur Geßner und Ewald Kleist vorhanden. Geßner entzückte mich. Ich habe ihn seit meinen Kinderjahren nicht wieder gelesen, glaube aber, auf Bürgschaft jenes Eindrucks, daß er wirklich vortrefflich ist, obwohl ihn eine aufs Gewaltsame gestellte Zeit nicht mehr anerkennen will. Mit Kleist wußte ich noch nichts anzufangen. Der Sinn des Verses war mir damals noch nicht aufgegangen.

Diese Leserei reihte sich an eine frühere, in der Büchersammlung meiner unverehelichten Tante, die aus sieben oder acht vereinzelten Bänden bestand. Der erste Band von Tausend und Einer Nacht in einer uralten Übersetzung, mir vor allen schätzbar. Ein Band von Goethe mit Götz von Berlichingen, Clavigo und Claudine von Villabella. Daß Götz und der Reiterjunge Georg mich entzückten, kann man wohl denken, dagegen hätte ich Weislingen und Adelheid wohlfeil hergegeben. Im Clavigo ließ ich dem Beaumarchais alle Gerechtigkeit widerfahren. Aus Claudine von Villabella wußte ich nichts zu machen. Noch war Wallensteins Lager und die beiden Piccolomini da, von denen ich nur das erstere in ganzer Folge, die Piccolomini aber nur stellenweise las, da mir die langen Reden auf nichts hinauszugehen schienen. Meiner ganzen Einbildungskraft bemächtigte sich Gozzis Rabe in deutscher Übersetzung, den ich Goethes, Schillers und Shakespeares Dramen weit vorzog.

Das Haus unserer mütterlichen Großmutter, in dem jene Tante zugleich mit zwei Schwestern wohnte, war der Zielpunkt aller unserer Besuche. Ich stand in ziemlicher Gunst bei der alten, gescheiten und energischen Frau. Noch erinnere ich mich, daß einmal, als meine Mutter über mein abgeschlossenes Wesen klagte, sie erwiderte: Laßt ihn gehen, er hats wie die Geiß zwischen den Füßen. Wobei sie in derber, altwienerischer Manier wahrscheinlich den wertvollsten Teil der Ziege, den Euter meinte, den diese halbverborgen zwischen den Füßen trägt.

In dem Hause meiner Großmutter erneuerten sich auch meine dramatischen Genüsse. Die drei unverheirateten Töchter, zugleich zwei meiner Onkel, von denen der eine ein vorzügliches komisches Talent besaß, und einige Freunde des Hauses führten nämlich auf einem von spanischen Wänden improvisierten Theater Komödien auf. Da es nur Konversationsstücke waren, so griffen sie mich nicht sonderlich an und ich gestehe, daß die Mandelmilch und eine gewisse wohlschmeckende Torte, die man in den Zwischenakten herumtrug, eine starke Nebenbuhlerschaft mit dem geistigen Genusse behaupteten. Man drängte sich übrigens zu diesen Darstellungen, die man vortrefflich fand, obgleich meine Tanten einen in der Familie meiner Großmutter verbreiteten Sprachfehler hatten, den auch meine Mutter teilte und dem auch ich als Knabe unterworfen war. Erst später, als ich von Demosthenes las, daß er einen vielleicht ähnlichen Fehler der Zunge dadurch bezwang, daß er mit in den Mund genommenen kleinen Kieselsteinen laut und anhaltend las, wurde ich, indem ich sein Beispiel nachahmte, des Zischlautes bis zum Unmerklichen mächtig. Ich war mir dieses Sprachfehlers, im Gegensatz meiner Verwandten, die ganz unbefangen plauderten und sogar Komödie spielten, vollkommen bewußt, und vielleicht rührte meine Schüchternheit als Knabe zum Teile daher, daß ich in große Verlegenheit geriet, sooft mich jemand Fremder ansprach, und daher jeden solchen Anlaß vermied. So wie mir auch mein Name so häßlich vorkam, daß ich mich erst spät entschließen konnte, ihn meinen Stücken auf dem Theaterzettel beisetzen zu lassen.

Diese Vorgänge in dem Hause meiner Großmutter sind übrigens aus einer frühern Zeit nachgetragen. Als Gymnasiast trieb ich meine Studien so, daß ich eben leidliche Fortgangszeugnisse erhielt. Erst in der ersten Humanitätsklasse sollte ich einen nachhaltigem Anstoß bekommen. Unser Professor, ein alter Exjesuit, namens Walpert, behandelte mich so gleichgiltig wie seine Vorgänger. Da fällt es ihm einmal ein uns über Sonntag eine rednerische Aufgabe in deutscher Sprache, behandelnd die Vergänglichkeit der Zeit, zu geben. Daß die Zeit vergehe, wußte ich wohl, was aber weiter davon zu sagen sei, kam mir nicht in den Sinn. Da besuchte mich am Sonntag morgen ein Schulkamerade, der einen Hauslehrer hatte und das Schulpensum schon reinlich abgeschrieben in seiner Rocktasche trug. Ich ersuchte ihn mir es lesen zu lassen. Er aber fürchtete, ich möchte es abschreiben und ließ mich nur in die Anfangsworte hineinblicken. Da stand nun: wo ist Caesar, wo ist Pompeius hingekommen? Mir ging ein plötzliches Licht auf was sich über die Vergänglichkeit der Zeit sagen lasse. Ich dränge ihn fortzugehen, setze mich nieder und schreibe in einem Zuge, ohne Korrektur, eine Ausarbeitung, die des nächsten Tages in der Schule als die zweitbeste anerkannt wird.

Die beste, oder nach dem Schulausdruck zu reden: die erstbeste der Elaborate war die eines gewissen Meiller, der sich nun einmal im Besitze des Vorrechtes befand in allem der Beste zu sein. Er war der Sohn eines Müllers in Neunkirchen, und da er anfangs seinem Vater in dessen Geschäfte an die Hand ging, trieb ihn erst später seine Neigung in die Studien. Er war daher viel älter und gereifter als wir, damals schon nahe an seinem zwanzigsten Jahre. Der Hauptvorteil meines Schulerfolges war nun, daß dieser Matador, der auf den ersten Bänken saß, anfing von mir, dem Jüngsten der Schule und einem Einheimischen des Berges der hintern Bänke, Notiz zu nehmen. Wir schlossen uns bald nah und näher aneinander an. Sein Einfluß auf mich war höchst vorteilhaft, besonders da er mein früher unzusammenhängendes Wesen zur Einkehr in sich selbst trieb, nur daß aus einer mir angebornen Neigung zum Gegensatz, sein Ernst mich in eine Lustigkeit warf, die mir früher fremd war. Als wir uns daher später mit Poesie abgaben und er ein Trauerspiel aus der römischen Geschichte verfaßte, schrieb ich ein Lustspiel, in dem unsere Professoren mit ihren bis zur Karikatur getriebenen Eigenheiten die Rolle der »unglücklichen Liebhaber« spielten. Wir beide zweifelten nicht, daß er zur Tragödie und ich zum Lustspiele geboren seien.

Vor der Hand aber blieb in der Schule alles wie es früher war. Mein Fleiß wurde nicht größer, mein Meisterwerk war bald vergessen und Professor Walpert gab sich mit mir allerdings mehr ab als früher, nur daß er durch die wunderlichste Ideenverbindung mich vor allem für die Geographie ausbilden wollte.

So gelangten wir in die letzte Humanitätsklasse, in die »Poesie« wie wir sie nannten. Auch da ging es so ziemlich im alten Tone. Als uns die antiken Versmaße erklärt wurden, war ich zerstreut wie immer und die aufgezeichnete offene Hand mit den kurzen und langen Silben, die den Hexameter deutlich machen sollte, kam mir höchst wunderlich vor. Meine erste Probe fiel daher sehr unglücklich aus. Wir bekamen nämlich als Aufgabe zerbrochene deutsche Hexameter, von Zachariä glaub ich, um sie zusammenzusetzen und wieder einzurenken. Ich, der ich vom deutschen Verse keine andere Vorstellung hatte, als daß sich die Zeilen reimen müßten, setzte die unglückseligen Hexameter nach dem beiläufigen Gleichlaut der Schlußworte zusammen, nicht ohne Rhythmus aber ohne Spur von Metrum. Zum Überfluß kam noch in der diktierten Aufgabe ein Wort vor, dem ich kein Verständnis abgewinnen konnte und dessen Erklärung in der Schule ich überhört hatte. Im Tempel des Schlafes nämlich stand »der Hojahnen« (das Gähnen) Wache. Ich glaubte falsch gehört zu haben und machte aus den Hojahnen unbedenklich Huhlanen, wie man bei uns das Wort Uhlanen ausspricht, so daß an der Schwelle des Schlafes die Wache der Uhlanen postiert war, was allerdings so lächerlich ist, daß ich noch jetzt nicht begreife, wie ich darauf verfiel. Dieses Gelächter entstand denn auch wirklich des andern Tages in der Schule und unser guter Professor Stein erklärte ohne Anstand, daß unter allen diesjährigen Schülern ich das wenigste Ohr für den Vers hätte.

Es kam bald eine Gelegenheit, die ihn eines bessern überzeugen konnte. Wir bekamen über Sonntag die Aufgabe deutsche Verse, ein Gedicht über einen beliebigen Gegenstand zu machen. Also ein Gedicht, und worüber? In Geßnerischer Prosa hätte ich mich über jeden Gegenstand ausschütten können, aber ein Gedicht, und worüber? Ich verbrachte den ganzen Sonntag in fruchtlosem Nachsinnen oder vielmehr in gedankenloser Stumpfheit. Es wurde Abend und ich hatte noch keine Feder angesetzt. Allein zu Hause geblieben, indes die übrige Familie auf einem Spaziergange war, lag ich im offenen Fenster von meines Vaters Kanzlei und starrte hinaus in die wunderschöne Nacht. Der Mond in seltener Reinheit stand gerade über mir. Da überfiels mich. Ein Gedicht an den Mond. Ich schrieb augenblicklich die erste Strophe nieder:

Wandle, wandle, holder Schimmer,
Wandle über Berg und Au,
Gleitend wie ein kühner Schwimmer
In des stillen Meeres Blau.

Der Anfang wäre gut genug gewesen. Damit war aber auch mein ganzer Ideenvorrat erschöpft, ich fügte noch ein paar ungeschickte Strophen hinzu und hatte so wenigstens mein Pensum für morgen zu Stande gebracht. Unglücklicherweise wurde unser Professor Stein, der Sinn genug hatte, um auch in dem Wenigen die Spuren von Talent zu erkennen, des andern Tages krank gemeldet. An seiner Statt erschien ein Supplent, der nur das Nötigste besorgte, und von meinen Versen war keine Rede. Es sollte aber bald eine andere Gelegenheit kommen, mich in ein vorteilhafteres Licht zu setzen. Bis jetzt hatte ich die lateinische Sprache nur als eine traurige Notwendigkeit betrachtet, aber wir kamen auf Horaz und da fühlte ich zuerst ein Bedürfnis, das bisher Vernachlässigte nachzuholen. Vor allem aber zog die Aufmerksamkeit des Professors auf mich, daß meine, nicht Sprache, wohl aber Sinn und Sacherklärungen immer die richtigen waren. Er fragte mich öfter: woher ich alles das wüßte? Worauf ich ihm antwortete: mir schiene es eben so.

Leider wurde sein Anteil an mir durch jenen, wie ich oben erwähnte, in mir, ganz gegen meine sonstige Natur, erwachten Hang zur Lustigkeit in Schatten gestellt, zu Folge dessen ich, während ich laut und öffentlich den Horaz mit Sinn und Verständnis kommentierte, bald darauf heimlich und leise meinen Nebensitzenden parodische und skurrile Deutungen zuflüsterte, die Lachen erregten, ja die oft unsittlich gewesen wären, wenn ich die volle Bedeutung meiner travestierenden Ausdrücke immer gekannt hätte. Wenn nun Professor Stein um die Ursache des Gelächters fragte und diese und mich als Urheber erfuhr, kam er in ebenso heftigen Zorn als er sich mir vorher als geneigt zugewendet hatte und unsere wechselseitige Stellung befestigte sich nie.

Einen Beweis meines Übermutes gab ich noch am Schlusse des Jahres bei der schriftlichen Komposition, die im Lokale der Schule selbst zu Stande gebracht werden mußte und deren Aufgabe eine äsopische Fabel: Der Hund und der Wolf, in lateinischer Sprache war, nach Wahl, in Prosa oder Versen. Ich setzte mich aber über die Bedingung hinaus und schrieb meine Fabel in deutschen Reimen, nicht aufs beste, soviel ich mich erinnere.

Nach all diesen Vorgängen konnte ich in dem Professor nicht die vorteilhafteste Meinung von mir voraussetzen. Wie war ich also des nächsten Tages erstaunt, oder vielmehr entsetzt, als ich unter den fünf Besten der Schule zur gemeinschaftlichen Prüfung aufgerufen wurde. Diesem Eliten-Tentamen wohnte der geistliche Studien-Referent, spätere Erzbischof von Salzburg Gruber bei, dessen fleißiger aber etwas duckmäuserischer Neffe sich eben in unserer Fünfzahl befand.

Meine Prüfung ging zu meinem eigenen Erstaunen ganz gut vor sich. Nur als lateinische Verse aus der ars poetica auswendig herzusagen waren, die ich ganz gut wußte, fiel mir bei der Stelle Romani tollunt equites peditesque cachinnum, das letzte Wort nicht ein. Der Professor einer andern Klasse, der als Ehrengeleit mit dem Herrn Studienvorsteher gekommen war, meinte absurder Weise, daß ich die Sache nicht wüßte, indes mir das letzte Wort fehlte und um mich auf die Spur zu bringen, ahmte er die Gebärde des Lachenden nach, wobei er sich den Bauch hielt und die wunderlichsten Gesichter schnitt, ich aber glaubte, er lache mich aus, und warf ihm grimmige Blicke zu, wodurch ich aber immer mehr aus dem Kontexte kam.

Das Übelste aber sollte nachkommen. Wir hatten im Schuljahre den König Ödipus von Sophokles gelesen. Die letzten Tage vor der Prüfung waren wir damit zu Ende. Da aber doch die für das Griechische bestimmte Stunde ausgefüllt werden mußte, fingen wir ein Stück von Euripides zu lesen an. Jedermann war überzeugt, daß dieses Fragment, zu einer Zeit gelesen, wo jeder schon über Hals und Kopf sich anderweitig für die Prüfung vorbereitete, bei dieser Prüfung selbst gar nicht zur Sprache gebracht werden würde. Das war selbst die Absicht des Professors. Unglücklicherweise aber ließ er, als es aufs Griechische kam, um dem Herrn Studienreferenten den Hof zu machen, dessen Neffen die Wahl der zu übersetzenden und zu zergliedernden Stelle, und der Duckmäuser, um zu zeigen, daß er auch noch in den letzten Tagen mit gleicher Aufmerksamkeit zugehört habe, wählt die Szene aus dem Euripides. Die darauf Folgenden zogen sich ganz leidlich aus der Sache, ich aber, der ich den König Ödipus am Schnürchen hatte, scheiterte ganz am Euripides. So fiel denn was zu meiner Ehre gemeint war, zu meiner Beschämung aus.

Nun kommt eine trübe wüste Zeit, die aber glücklicherweise nur ein Jahr dauerte. Ich trat in die Universitätsstudien über. Die Ideen von akademischer Freiheit, die jeden anwandelten, befielen mich stärker als jeden andern. Leider waren unsere Professoren von solcher Art, daß nur die Gewohnheit des Fleißes, die meine Sache nicht war, zur Fortsetzung desselben aneifern konnte. In dem Professor der Philosophie hatten wir einen Pedanten, aber nicht nur in gewöhnlichen Sinn, sondern als eigentliche Lustspielfigur, als ob der Dottore aus der italienischen commedia dell' arte sich in ihm verkörpert hätte. Er hatte eine »Philosophie ohne Beinamen« als Vorlesebuch geschrieben und hielt sich für ganz selbständig, bloß weil er die Neuerungen Kants von sich stieß, indes sein System nichts als der bare Wolfianismus war. Oft, erinnere ich mich, rief er während der Vorlesung aus: Komm her, o Kant, und widerlege mir diesen Beweis! Seine Philosophie bestand bloß aus Distinktionen und Divisionen, zwischen denen sich die Definitionen notdürftig Platz machten. Auf sein schematisches Gerüst war er so stolz, daß er den Schülern erlaubte, dasselbe bei den Prüfungen in Handschrift vor sich zu haben, wo denn die mit scharfen Augen Begabten sich die Definitionen mit kleiner Schrift dazwischen schrieben. Ich, der ich ein so kurzes Gesicht hatte als der Professor selbst, entbehrte leider dieses Hilfsmittels. Das Ganze wurde in Küchenlatein abgehandelt, nur bei heftigen Aufwallungen bediente sich der, übrigens höchst gutmütige Mann, der deutschen Sprache.

Der Professor der Mathematik mochte so übel nicht sein, nur hatte er in einem Jahre sieben Bände eines mathematischen Lehrbuches abzuhandeln, so daß er von einem Lehrsatze auf den andern sprang, und weiter ging, ehe man das erste begriffen hatte, und so der Hauptnutzen der Mathematik: die innere Erfahrung von dem Wesen des strengen Beweises, ganz verlorenging.

Der Professor der philosophischen Philologie galt für einen tüchtigen Mann, nur war er trocken bis zum Abschreckenden und so auf seine Übersetzung der tuskulanischen Untersuchungen versessen, daß er jeden, als den von ihm gebrauchten Ausdruck, mit stummen Kopfschütteln zurückwies. Am meisten befriedigte uns der Professor der Geschichte, trotz seiner vollendeten Geckerei. Sein Vortrag war affektiert aber lebhaft. Da mir die Geschichte aus meinen Kinderjahren geläufig war, so fand ich mich hier am besten zurecht. Ich erinnere mich sogar, daß er meine Art die Geschichte zu studieren sämtlichen Mitschülern als Muster empfahl, da bei einer Prüfung über die Handelswege der Alten, er aus meinem Herumzeigen mit den Fingern auf der Schulbank, abnahm, daß ich mit Zuhilfenahme der Landkarte studiert hatte.

Meine gleicherweise aus Buffon erworbenen Kenntnisse in der Naturgeschichte halfen mir bei dem Professor dieses Faches wenig, da er, als Mitglied der Landwirtgesellschaft, hauptsächlich auf die Konfigurationen und Schichten der Erdoberfläche gestellt war, welche mich nicht interessierten.

Von dem Professor der Ästhetik läßt sich nur sagen, daß er das gerade Widerspiel seines Faches war, wie denn in einem, in Gegenwart der Schüler geführten Wortwechsel mit dem Professor der Philosophie, sie sich gegenseitig mit den Schimpfnamen Pedant und Ignorant belegten.

Leider übertrug ich meine Geringschätzung der Professoren auf die von ihnen vorgetragenen Wissenschaften und lernte im ersten Halbjahre im strengsten Sinne des Wortes gar nichts, was um so unbegreiflicher ist, da nach der damaligen Studieneinrichtung man am Schlusse des Halbjahres eine mehr oder weniger strenge Prüfung zu überstehen hatte. Ich verließ mich darauf, daß ich diese psychologischen Aufzählungen und logischen Formen denn doch schon von selbst wüßte und des Lateinischen mächtig genug sei um der Philologie zu genügen, besonders da ich den Inhalt der tuskulanischen Untersuchungen so unbedeutend fand, daß ich gar nicht begriff, wie ein so berühmter Mann als Cicero sich habe die Mühe geben mögen, das alles niederzuschreiben. Die Geometrie widerte mich geradezu an, besonders durch ihre Mißhandlung der Gestalt, wo denn Linien ins Willkürliche verlängert, verschiedenes als gleich gesetzt und die reinlichsten Kreise durch hineingezeichnete Dreiecke und sonstigen Kram verunstaltet wurden. Wie dumm das war, braucht mir niemand zu sagen.

Meine Neigung zur Ungebundenheit führte mich auch auf das Billardspiel, zu dem mich ein Verwandter von gleichen Alter an- oder wohl gar verleitete. Da wir beide wenig Geld hatten, übten wir uns in der Hinterstube eines Kaffeehauses, welche so finster war, daß wir mehrere Minuten brauchten um nur das Billard und die Ballen unterscheiden zu können.

Zugleich hatte sich schon in den letzten Gymnasialjahren meiner eine unersättliche Lust zur Romanenlektüre bemächtigt, und ich, der ich in einer Knabenzeit nur gute Bücher gelesen hatte, verschlang nun Spieß, Kramer und Lafontaine mit eigentlicher Wut. Ich erinnere mich in Sommernächten bei Licht bis zum Morgen, und nach Aufgang der Sonne, ohne Schlaf, bei der Tageshelle weiter gelesen zu haben, und sooft ich jetzt ein chemisches Feuerzeug zur Hand nehme, überkömmt mich ein Dankgefühl, wenn ich der Zeit gedenke, wo ich bei Nacht mich stundenlange fruchtlos abmühte, mir mit Stahl und Stein Licht zu verschaffen.

Meine eigenen schöngeistigen Hervorbringungen hatten in meinem Vater ein großes Hindernis gefunden. Sooft ich ihm ein Gedicht meiner Arbeit, oder ähnliches zeigte, konnte er anfangs eine gewisse Freude nicht verbergen, die aber bald in immer heftiger werdende Kritik überging, deren Schluß immer die stehende Phrase war »ich würde noch auf dem Miste krepieren«. Das hing wahrscheinlich so zusammen: Einer der Brüder meiner Mutter, ein liebenswürdiger und anstelliger Mann, hatte, ohne eigentliches Talent, sich eben auch mit poetischen Bestrebungen abgegeben. Er machte Gedichte, übersetzte Theaterstücke aus dem Französischen, wobei denn äußerst wenig herauskam. Ja er vernachlässigte darüber die eigentlichen Notwendigkeiten und nur ein eigener Glücksstern, verbunden mit einer großen Gewandtheit machten, daß er sich doch immer über dem Wasser erhielt und nach unzählichen Bestimmungswechseln, sich in Ansehen und guten Vermögensumständen befand. Mein Vater mochte mir kein größeres Talent bei einem vielleicht mindern Glücksstern und gewiß geringerer Anstelligkeit zutrauen und da war denn dem ernsten Manne unleidlich, mich durch solche Nebengelüste von eigentlich zweckfördernder Tüchtigkeit abgezogen zu glauben.

Sein Mißvergnügen stieg auf den äußersten Grad, als gerade damals, da nach einer Reihe ungeschickt geführter Kriege, die Franzosen zum erstenmale Wien besetzten, ich, der ich nach dem Beispiele meines Vaters der eifrigste Patriot war, mich doch nicht enthalten konnte, meinem Unwillen über so viel verkehrte Maßregeln in einem Spottgedichte, oder vielmehr erbärmlichen Gassenhauer Luft zu machen. Er wurde blaß vor Schreck als ich es ihm vorlas, machte mir die eindringlichsten Vorstellungen, wie mein ganzes künftiges Schicksal durch diese Verse in Gefahr gesetzt werden könnte und band mir auf die Seele nicht es zu zerreißen (was denn doch eine gewisse Befriedigung voraussetzt) wohl aber es niemanden sehen zu lassen. Das habe ich treulich gehalten und es niemanden gezeigt, demungeachtet kam schon des andern Tages mein Vater ganz bestürzt aus dem Gasthause zurück, wo er manchmal des Abends ein Glas Bier zu trinken pflegte, rief mich beiseite und sagte mir, daß das Gedicht mit allgemeiner Billigung von einem der Gäste vorgelesen worden sei. Das Zeug machte, gerade seiner plumpen Derbheit wegen die Runde durch die ganze Stadt, glücklicherweise erriet aber niemand den Verfasser.

Das ist einer der beiden Fälle in meinem Leben, wo ein von mir sorgfältig verborgen gehaltenes Gedicht, den Weg, das erstemal zur Öffentlichkeit, das zweitemal an seine besondere Adresse fand.

Ich will auch den zweiten Fall hier anführen, obwohl er nicht in die Zeitfolge gehört, aber für sich vereinzelt dasteht, keine Entwicklungs-Periode bezeichnet und ich ihn an seiner Stelle leicht vergessen könnte. Mehrere Jahre später hatte ich mich in eine Theatersängerin verliebt, die als Cherubin in Mozarts Figaro, in der doppelten Verklärung der herrlichen Musik und ihrer eignen frischen jugendlichen Schönheit sich meiner ganzen Einbildungskraft bemächtigte. Ich schrieb ein Gedicht an sie, das man wohl gut nennen kann, obwohl die Glut darin ein wenig an das Verrückte, wohl gar Unsittliche streifte. Mich ihr selbst zu nähern kam mir nicht in den Sinn. Ich war damals in den dürftigsten Umständen, selbst meine Garderobe legte davon Zeugnis ab, indes die Gefeierte, von reichen Liebhabern umworben, Gold und Seide als tägliches Opfer erhielt. Auch die Reize meiner Person ließen keinen günstigen Eindruck voraussetzen. Ich schloß daher meine Verse mit einem demütigenden Gefühle ein und nichts in der Welt hätte mich vermögen können, es jemanden mitzuteilen.

Lange darnach kam ich mit einem, wenigstens damals noch, reichen jungen Manne zusammen, der in der Zeit meines Cherubin-Fiebers der begünstigte, nämlich zahlende Liebhaber der Huldin gewesen war. Wir sprachen von Poesie und er bemerkte, es sei doch sonderbar, daß manche Dichter, die mit entschiedenem Talente aufträten in der Folge ganz verschwänden. So sei in der Zeit seines Verhältnisses mit jener Sängerin, er wisse nicht wie, ihr ein Gedicht in die Hände gekommen, das die gesteigertste Liebeswerbung in den schönsten Versen aussprach. Das Mädchen sei darüber wie wahnsinnig geworden, habe alles aufgeboten um den Verfasser ausfindig zu machen und geradezu erklärt, wenn es ihr gelänge, alle ihre Bewerber fortzujagen, um dem unbekannten Sänger zu gewähren um was er so schön bitte. Es sei darüber beinahe zum Bruche zwischen ihnen gekommen. Und nun wäre unter allen jetzt tätigen Dichtern keiner, dem er jene Verse zuschreiben könne. Ich verlangte das Gedicht zu sehen; es war das meinige. Auf eine mir jetzt noch unbegreifliche Art hatte es den Weg zu ihr gefunden, und während ich mich in hoffnungsloser Sehnsucht abquälte, erwartete der schöne Gegenstand mit Ungeduld die Möglichkeit mir entgegen zu kommen. So ist es mir aber mein ganzes Leben ergangen. Mißtrauen in mich selbst, wenn ich bedachte was sein sollte und damit abwechselnder Hochmut, wenn man mich herabsetzen oder vergleichen wollte. Das ist aber der im Leben schädlichste Stolz, der nicht aus eigener Wertschätzung, sondern aus fremder Geringschätzung hervorgeht.

Ich kehre aber in die Reihenfolge zurück. Schon jetzt, obschon kaum fünfzehn Jahre alt, faßte ich, als Vorspiel künftiger Herzensangelegenheiten, eine heftige Neigung für eine Schauspielerin und Sängerin in einem der Vorstadttheater, die mir noch aus ihren Kinderrollen erinnerlich, damals nicht älter sein mochte als ich selbst. Ich war mir bei dieser Neigung beinahe etwas Willkürlichen bewußt, der Gedanke stand mir nicht völlig fern, daß ich diesem Mädchen sowohl ihrem Talent als ihrem Äußern nach eine höhere Geltung beilege, als sie allenfalls habe, und doch vertiefte ich mich so in meine Leidenschaft, daß als sich in der Folge herausstellte, was ich früher schon als Gerücht vernommen hatte, daß sie von ihrem Vater an einen reichen alten Herrn verkauft worden sei, und ich sie mit diesem in einer Loge sah, es mich dermaßen ergriff, daß ich in ein nicht unbedeutendes nervöses Fieber fiel.

Dieses allerdings dissolute Treiben, übte übrigens auf meine Sittlichkeit durchaus keinen verderblichen Einfluß. Ein mir angebornes Schamgefühl nach innen und außen bewahrte mich sogar vor dem übeln Beispiel, das meine Kameraden mir von allen Seiten gaben. Ich hörte kaum was an meinen Ohren, ich sah kaum was an meinen Augen vorüberging. Ja dieses – soll ich es Rechtlichkeitsgefühl nennen? – war so stark, daß ich mir nicht einmal erlaubte hinter die Schule zu gehen. Ich habe, meines Wissens, nie eine Vorlesung versäumt. Ich wohnte jeder bei, obgleich ich nur mit halbem Ohr zuhörte, oder wohl gar, wenn es mich zu sehr langweilte, auf etwas anderes dachte. Das war nicht etwa Furcht vor meinem Vater, denn, bei einem scharfen und richtigen Verstande, war niemand leichter zu täuschen als er, und seine Strenge beschränkte sich auf Ernst. Vielleicht lag sogar ein Erziehungsplan zu Grunde. So mochte er bei jener nervosen Krankheit, verbunden mit meinem häufigen späten Ausbleiben an den Theaterabenden, den Zusammenhang sehr gut einsehen; nie hat er aber mit mir ein Wort darüber gesprochen und er nahm die Sache als ob sie eine natürliche wäre. Auch bei spätern, im Hause selbst eintretenden Anlässen dieser Art begnügte er sich, statt zu warnen, zu belehren, zu drohen, einfach darauf, die Gelegenheit zu entfernen, und die Gefahr war zugleich mit der Möglichkeit verschwunden. Endlich sollte das alles sich selbst strafen. Die Zeit der halbjährigen Prüfung kam heran und ich erhielt eine oder zwei schlechte Fortgangsklassen. Da war es nun wieder nicht mein Vater, der kaum zu wissen schien, daß eine Prüfung vor sich gegangen sei, indes meine Mutter zum Verheimlichen und Vertuschen immer geneigt war: mein eignes Selbstgefühl fand sich empört, daß ich mich auf eine so liederliche Weise den Schlechten und Nichtswerten gleich gemacht hatte. Ich beschloß diesem Treiben ein Ende zu machen und hielt Wort. Schon im nächsten Halbjahre, mußten dieselben Professoren, die mir jene Makel angehängt hatten, mir im Schulzeugnisse primam cum ingenii laude erteilen, und das ging steigend fort bis ich für einen der besten Studenten unserer Klasse galt.

Ein halbkomisches Intermezzo bildete Professor Stein, derselbe der mir in der obersten Humanitätsklasse ein Ohr für den Vers abgesprochen hatte. Er war als Professor der Philologie an die Universität berufen worden und quälte sich und uns mit der Zerfaserung der gewählten Autoren, wobei seine heftige Wunderlichkeit es nicht an Spaß fehlen ließ. Er ließ uns auch Stilübungen treiben, wobei uns oft die Wahl des Gegenstandes überlassen war. Da brachte ich ihm denn einmal ein ziemlich mittelmäßiges Gedicht: der Abend. Er las es mit Lob in der Klasse vor, wobei denn doch ein gewisses Mißvergnügen durchschimmerte. Am Schluß der Stunde rief er mich zu sich und fragte: von wo ich das Gedicht abgeschrieben hätte? Ich sagte, ich hätte es selbst gemacht. Da brach er los und kündigte mir seine Verachtung für meine Lügenhaftigkeit an. Er war auch das ganze Jahr über nicht zu begütigen und erst spät, nachdem schon meine ersten dramatischen Arbeiten erschienen waren, suchte er seine Ungerechtigkeit durch das liebevollste Entgegenkommen wieder gut zu machen; ja er erlaubte mir sogar in seiner Anwesenheit eine Zigarre zu rauchen, die höchst denkbare Gunst, da er den Tabak in allen Formen mit der ihm natürlichen Übertreibung haßte.

Um diese Zeit waren mir auch die ersten Dramen Schillers in die Hände gekommen. Die Räuber, Kabale und Liebe, – Fiesco hatte ich aufführen gesehen – und Don Carlos. Das letztere Stück entzückte mich und ich ging daran auch ein Trauerspiel zu schreiben. Ich wählte dazu aus der Geschichte Peters des Grausamen die Ermordung seiner Gattin, Blanka von Kastilien, und diese letztere gab den Titel her. Ich übereilte mich nicht und schrieb ziemlich lange daran, wobei ich immer den Don Carlos im Auge hatte, mit dem es übrigens auch zwei Fehler gemein hatte; daß ich nämlich in der Mitte des Stückes am Plane änderte, und es so ungeheuer lang geriet, daß man gut zwei volle Abende daran zu spielen gehabt hätte. Als es fertig war, legte ich es hin und zeigte es niemanden, auch meinem Vater nicht, da ich seine Abneigung gegen solche Beschäftigungen zu kennen glaubte.

Nun ging es, nach Vollendung der philosophischen an die Rechtsstudien. Bei dieser Gelegenheit verlor ich meinen alten Kameraden Meiller, der sich der Theologie widmete, bald darauf aber starb. Er hatte lange meinen einzigen Zusammenhang mit der schönen Literatur gemacht. Wir wollten sogar einmal gemeinschaftlich ein belletristisches Journal Irene herausgeben, zu dem ich das gleichnamige Einleitungsgedicht schrieb, das mir abhanden gekommen ist. Die Zensurstelle, der wir die Probebogen handschriftlich vorlegten, versagte aber die Bewilligung zur Herausgabe, wobei sie wahrscheinlich sehr recht hatte. Meiller hatte übrigens auf meinen verminderten oder vermehrten Fleiß in den Studien gar keinen Einfluß, da er sich vielmehr an den Gedanken gewöhnt hatte mich für ein lüderliches Genie zu halten, wobei er sich vielleicht in beiden Bezeichnungen irrte.

Zu größern Eifer in den nun beginnenden Rechtsstudien wurde ich vielmehr dadurch angetrieben, daß mein Vater ein leidenschaftlicher Jurist war und ich wohl wußte, daß ich ihm keine größere Freude machen konnte, als wenn ich ihm ausgezeichnete Zeugnisse nach Hause brachte. Das trieb ich aber ganz äußerlich. Während des ganzen Halbjahrs nahm ich von dem laufenden Studium gar keine Notiz, sechs oder acht Wochen vor der Prüfung aber warf ich mich auf den Gegenstand mit einem solchen alles andere vergessenden Eifer, studierte von anbrechendem Tage bis in die späte Nacht so ausdauernd und eisern, daß die guten Zeugnisse nie ausblieben; woran sich mein Vater wohl heimlich erfreuen mochte, ohne daß er mir aber je ein Zeichen davon gab. Alle meine Professoren hielten mich für einen ausgemachten Juristen und nur ich wußte, daß ich es nicht war, denn es fehlte mir Lust und Liebe und daher auch der Geist und der Zusammenhang. Freund Meiller sollte mir nun mehr als zehnfach ersetzt werden, durch eine – alte Kindsfrau, die nacheinander bei uns und einem Hofsekretär Wohlgemuth gedient hatte und die mich sehr liebte, wurde ich in dem Hause des letztern bekannt. Er hatte unter vier Kindern einen Sohn, ein Jahr älter als ich und mir um ein Jahr in den Studien voraus. Ein äußerst fleißiger, wohl auch fähiger aber etwas dunkler junger Mensch. Bei ihm versammelten sich die drei oder vier Besten seiner Klasse. Da war nun von Poesie keine Rede, aber die Wissenschaften kamen an die Reihe, vor allem die für uns damals neue Kantische Philosophie, für welche der Sohn des Hauses ein reichhaltiges mit Streitschriften und Kommentaren wohl versehenes Rüsthaus besaß. Noch erinnere ich mich seiner, wie er, um alle Genüsse zu vereinigen, auf dem, den Untersatz zu seiner Bücherei bildenden Schranke saß, an einem großen Stück Brot essend, wobei er in einem philosophischen Buche las und dazu mechanisch auf der Violine spielte. Vor allem lag uns als Juristen Kants Naturrecht nah, wo denn auch Fichte mit hereinspielte, in dem besonders ein ungeheuer fleißiger aber etwas pedantischer junger Mann, namens Kaufmann, belesen war, der später als Professor des römischen Rechtes gestorben ist. So trieben wir uns ziemlich zwecklos herum, bis es auf einmal hieß: Der Verhältnismacher kommt! Das war nun ein anderer junger Mann, namens Altmütter, ein früherer Schulkamerad meiner neuen Freunde, der aber, da er Zwistigkeiten mit einem der Wiener Professoren gehabt hatte, auf die Universität nach Prag gegangen war und nun von dort zurückkehrte. Altmütter lebt zu meiner Freude noch jetzt als Professor der Technologie am polytechnischen Institute, indes die übrigen alle tot sind. Damals war er Jurist, und den Namen Verhältnismacher hatte er davon bekommen, daß er seine Schulkameraden häufig zum Besten hatte und ihnen allerlei unschuldigen Schabernak spielte. Endlich erschien der Erwartete. Ein schwarzer, gedrungener, durchaus nicht hübscher, sogar etwas ordinär aussehender junger Mann, dem aber bei jedem Anlaß der Humor und der Verstand aus den Augen blitzte. Wodurch er sich an mich gezogen fühlte, weiß ich nicht, nur so viel weiß ich, daß beinahe vom ersten Augenblicke unserer Begegnung an, wir uns mit einer fast leidenschaftlichen Neigung aneinander schlossen. Indes er seine alten Freunde nach alter Gewohnheit fortwährend hänselte, hat er nie auch nur ein Wort des Spottes an mich gerichtet. Durch die ganze Zeit unserer Studienjahre waren wir täglich, vormittags im Hause unseres gemeinschaftlichen Freundes, und jeden Abend vier bis fünf Stunden allein uns gegenüber. Was wir in diesen vielen Abenden und unzähligen Stunden gedacht, gesprochen und getrieben haben um den Reiz des Beisammenseins immer neu zu erhalten, kann ich mir jetzt kaum denken; besonders bei der Verschiedenheit unserer Richtungen. Ich beschäftigte mich, ziemlich desultorisch mit allerlei; er hatte sich, mit Vernachlässigung seiner juridischen Studien, mit Eifer auf die Chemie geworfen, in der er vielleicht bestimmt war durch seinen Scharfsinn eine ausgezeichnete Stelle zu behaupten. Ich weiß, daß er vor Davy auf die Idee der Kali-Metalloide gekommen war. Als zur Zeit des Wiener Kongresses Alexander Humbold nach Wien kam, überreichte ihm Altmütter einen Aufsatz in dieser Richtung zur Beurteilung. Der berühmte Mann fand aber entweder nicht Zeit, oder Altmütters Schrift zu beschwerlich zum Lesen und der Aufsatz folgte ohne Bemerkung zurück. Altmütter steht gegenwärtig als Professor der Technologie in großer Achtung, aber die Gaben seiner Jugend haben ihn zu unendlich mehr berechtigt und vielleicht war es nur ein schon damals sichtbarer Hang zur äußerlichen Vernachlässigung, was ihm hindernd in den Weg getreten ist. Er brachte mit einemmale Leben und Richtung in die wissenschaftlichen Anwandlungen unsers Jugendkreises. Wir stifteten eine Akademie der Wissenschaften in der allwöchentlich Versammlungen gehalten und Aufsätze vorgelesen wurden. Damit die Sache aber nicht gar zu ernsthaft werde, gründeten wir nebenbei ein Journal der Torheit, in der jede Albernheit eines Akademikers oder der sonstigen Mitglieder des Wohlgemuthischen Hauses, nicht ohne Widerspruch des Beteiligten, da es mitunter die tiefsinnigsten Gedanken waren, eingetragen wurde. Mit den schriftlichen Aufsätzen in unserer Akademie ging es etwas knapp, nur Freund Kaufmann war unerschöpflich. Da gab er z.B. einen gar nicht enden wollenden lateinischen Aufsatz über die prästabilierte Harmonie, bei dessen Vorlesung die Akademiker einer nach dem andern sich entfernten, nur ich hielt aus Mitleid und Neugierde aus. Als es mir aber auch zu viel wurde, faßte er mich mit seiner Riesenfaust am Kleide und ich mußte das Werk bis zu Ende anhören, wo er denn aber gutmütig genug war, selbst über seine Überschwenglichkeit zu lachen.

Altmütter und ich gehörten unter die Faulsten, uns war es mehr um die Diskussion zu tun. Wir streiften wohl auch in der schönen Umgebung von Wien herum und unterhielten uns mit Plänen für die Zukunft, die nicht minder überschwenglich waren als Freund Kaufmanns Abhandlungen.

So standen wir einmal auf der Höhe des Kahlenberges, hinter ums das Fußgestelle einer abhanden gekommenen Statue. Wir bestiegen den altarähnlichen Block, geradezu mit dem Gefühle einer prätendierten Göttlichkeit und sahen in die unermeßlich ausgebreitete Gegend hinaus, wobei wir einander umschlungen hielten. Von uns unbemerkt hatte ein ältlicher Herr, offenbar ein Norddeutscher, die Höhe erklommen und stand nun und sah uns verwundert an. Ja, sagte Altmütter, indem wir herunterstiegen, staunen Sie nicht! Der da – indem er auf mich zeigte – wird einen Tempel bauen, und ich werde einen niederreißen. Er meinte bei letzterm Lavoisiers, damals neues, System der Chemie. Der fremde Herr mochte wohl glauben ein paar Wahnsinnige vor sich zu haben.

Diese mitunter höchst gesteigerten Ideen hinderten uns übrigens nicht zu den eigentlichsten Kinderpossen herabzusteigen. So besaß der jüngste Bruder unsers Freundes Pepi (Joseph) Wohlgemuth, Muckerl (Johann von Nepomuk) genannt – indes die älteste Schwester Xaverl (Franziska Xaveria) hieß, – ein kleines Kindertheater, mit dem er sehr ungeschickt hantierte. Wir beschlossen ihm zu Hilfe zu kommen. Ich malte Dekorationen und Figuren, die auf Pappe aufgeklebt und nach unten mit hölzernen Stängelchen versehen wurden. Wir Akademiker teilten uns in die Rollen. Selbst der pedantische, kolossale Kaufmann übernahm die Partie der Greise, wo wir ihn denn unausgesetzt auslachten. Einer Freundin der Tochter des Hauses, einem sehr hübschen Mädchen, fielen die Liebhaberinnen zu. Der kleine Muckerl der die Figuren dirigierte, gab nebenbei die Zofen und sonstigen weiblichen Vertrauten, und so führten wir, ohne uns zu schämen, vor einer zahlreichen Zuhörerschaft die größten Stücke auf. Ich verliebte mich pflichtschuldigst in die Liebhaberin, welche schon versprochene Braut war, und da sie eben deshalb mit Argusaugen bewacht wurde, gab es auch außer den Theaterabenden die lustigsten Verwicklungen. Die in den Stücken vorkommenden Umarmungen und Küsse wurden in dem durch Vorhänge abgeschlossenen Raume der Schauspieler auch in der Wirklichkeit gegeben und das Verhältnis ging schon in das höchst Bedenkliche über, als das Studentenmädel – diesen Spottnamen gaben ihr die erbosten Verwandten – in die projektierte Heirat hineingejagt wurde, was mich übrigens nicht sehr anfocht. Auch sie ist jetzt tot, wie beinahe alles was mir im Leben näher gestanden hat, männlichen, vor allem aber weiblichen Geschlechtes und doch bin ich nicht älter als 62 Jahre.

Der Haupthebel unserer pseudodramatischen Unterhaltungen war der Herr des Hauses, der alte Hofsekretär Wohlgemuth, ein großer Freund und täglicher Besucher des Leopoldstädter Theaters. Er veranlaßte uns auch zu einem Versuch auf einem wirklichen, sogenannten Haustheater. Wir führten zwei kleine Stücke auf, in deren einem ich einen Offizier spielte. Ich weiß nur, daß mir zu Mute war, als ob ich allein auf einer Insel im Weltmeere mich befände, selbst die Mitspielenden schienen mir unendlich entfernt. Ich habe nur noch ein einziges Mal später einen zweiten theatralischen Versuch gemacht, auch damals aus Gefälligkeit, nie aus Neigung, obwohl man mit meinen Leistungen zufrieden war. Die Fortsetzung jener ersten Darstellung scheiterte an dem gänzlichen Mangel dramatischen Talentes bei dem Sohne des Hauses. Obwohl er nur einen Bedienten zu spielen hatte, so murmelte er doch seine wenigen Worte so unverständlich, daß sein theaterliebender Vater – obgleich das Stück, wie natürlich, indes weiter gespielt hatte, – doch hartnäckig verlangte, er sollte noch einmal heraustreten und seine Rolle verständlich vortragen.

Dieses sorglose Schlaraffenleben sollte übrigens bald gestört werden. Mein Vater, der sonst einer eisernen Gesundheit genoß, fing an zu kränkeln. Ein scheinbar unbedeutender Husten wurde von einem Anhänger der Brownischen Heil-Methode – unser eigner Arzt, der in Wien berühmte Doktor Closset befand sich selbst krank – mit drastischen Mitteln behandelt und als Closset nach vierzehn Tagen selbst die Kur übernahm, erklärte er schon nach dem ersten Besuche heimlich meiner Mutter, das Leiden habe sich auf der Brust festgesetzt, es sei ein organisches Übel vorhanden. Da mein Vater aber das 46te Jahr schon erreicht hatte, so meinte der Arzt, er könne bei gehöriger Diät noch viele Jahre leben.

Die, wenn auch entfernte Gefahr, erschütterte uns, wie natürlich, alle sehr. Ich blieb mehr zu Hause und fühlte mich auch sonst melancholisch gestimmt. Da erwachte plötzlich die Neigung zur Musik in mir.

Ich habe schon erzählt wie mir in den Knaben-, ja Kinder-Jahren das Klavierspiel verleidet wurde. Diese Abneigung nahm mit den Jahren zu, ohne darum eine Abneigung gegen die Musik zu sein. Denn als mein zweiter Bruder, der überhaupt kein Freund des Lernens war, um sich dem verhaßten Klavierspiel zu entziehen, eine Lust zur Violine vorgab, auch einen Geigenmeister erhielt, bei dem er aber ebenso wenig lernte als bei dem Klaviermeister, nahm ich bei jeder Gelegenheit seine Violine zur Hand, übte Skalen und Beispiele und spielte endlich mit dem Meister leichte Duetten, ohne je die geringste Anweisung erhalten zu haben. Der alte Deabis, so hieß er, schrieb mir ein großes Talent zu, und beschwor meine Eltern mich fortfahren zu lassen. Es wurde aber verweigert, ja mir die Violine aus der Hand genommen, und, da mein Bruder doch nichts lernte, der Meister entlassen, weil ich in meinen Knabenjahren eine Anlage zum Verwachsen zeigte, welche durch die emporgehobene Schulter bei Behandlung der Geige vermehrt werden konnte. Hatte doch meine Großmutter, als sie mich auf jene Befürchtung hin körperlich untersuchte, den Ausspruch getan: Ja er wird bucklich, aber es schadet nicht, da er doch Geistlicher werden will. Glücklicherweise ist beides nicht eingetroffen.

Die verweigerte Violine machte mir das Klavier noch verhaßter. Demungeachtet mußte ich an dem Unterrichte teilnehmen den meinem dritten Bruder und mir – nachdem unser erster Meister Gallus längst wieder nach Polen zurückgekehrt war – eine wunderlich aufgeputzte sonst aber recht tüchtige Meisterin erteilte, von deren Geschicklichkeit die Fortschritte meines Bruders zeugten. Endlich sollte ich befreit werden. Mein Vater schloß sich das ganze Jahr ab. Um aber seinen gesellschaftlichen und Familien-Verpflichtungen nachzukommen, gab er jeden Fasching einen einzigen, aber so glänzenden, ja kostspieligen Ball, daß in der halben Stadt davon die Rede ging. Als wir später die Wohnung wechselten, und die neue nicht mehr jene ungeheuern, zum Tanze bequemen Räume der alten darbot, wurde der frühere Ball in zwei oder drei Abendgesellschaften mit Spiel und Souper aufgelöst, bei deren einer mein Bruder und ich die Geladenen durch unser Klavierspiel unterhalten sollten. Mein Bruder Kamillo spielte mit allgemeinen Beifall, als aber an mich die Reihe kam, war ich nirgends zu finden. Ich hatte mich in das Bette unsers Bedienten verkrochen und alles Suchen war vergebens. Erst nachdem die Gäste ihren Abschied genommen, kam ich aus meinem Versteck wieder hervor. Da brach mein Vater in heftigen Zorn aus. Wenn ich nun schon einmal nichts lernen wollte, so sollte ich doch wenigstens nicht meinem Bruder die Hälfte der Lehrstunden rauben. Und so war es mit meinen Lektionen zu Ende. Durch sieben oder acht Jahre habe ich mit keinem Finger das Klavier berührt.

In meiner damaligen trüben Stimmung fühlte ich wohl das Bedürfnis einer Ableitung nach außen. Die Poesie lag mir zur Zeit ziemlich fern, wäre auch mit ihren scharf ausgeprägten Gedanken ein wenig geeigneter Ausdruck für meine in die Zukunft greifenden unbestimmten Empfindungen gewesen. Ich verfiel auf die Musik. Das Klavier ward geöffnet, aber ich hatte alles vergessen, selbst die Noten waren mir fremd geworden. Da kam mir nun zustatten, daß mein erster Klaviermeister Gallus, als er mich in halb kindischer Tändelei bezifferten Baß spielen ließ, mir eine Kenntnis der Grundakkorde beigebracht hatte. Ich ergötzte mich an dem Zusammenklang der Töne, die Akkorde lösten sich in Bewegungen auf und diese bildeten sich zu einfachen Melodieen. Ich gab den Noten den Abschied und spielte aus dem Kopfe. Nach und nach erlangte ich darin eine solche Fertigkeit, daß ich stundenlange phantasieren konnte. Oft legte ich einen Kupferstich vor mir auf das Notenpult und spielte die darauf dargestellte Begebenheit als ob es eine musikalische Komposition wäre. Ich erinnere mich noch, daß später, während meiner Hofmeisterschaft in einem vornehmen Hause, der Geigenmeister des jungen Grafen, ein sehr geschätzter Musiker, mir viertelstundenlange außer der Türe zuhörte, und beim Eintritte seines Lobes kein Ende finden konnte. Auf dem Gute desselben Grafen war kein anderes Instrument als ein altes Klavier ohne Saiten, demungeachtet habe ich mit Entzücken halbe Tage lang darauf gespielt und der Abgang des Tones war mir gar nicht fühlbar. Als ich mich später der Poesie ergab, nahm diese Fähigkeit des musikalischen Improvisierens stufenweise ab, besonders seit ich, um Ordnung in meine Gedanken zu bringen, Unterricht im Kontrapunkte nahm. Die Entwicklungen und Fortschreitungen wurden nun richtiger, verloren aber das Inspirierte, und gegenwärtig kann ich nicht viel mehr als beim Erwachen meiner musikalischen Neigung. Ich hatte immer das Wunderliche, daß wenn ich von einem Gegenstande auf den andern überging, ich mit der Lust an dem frühern auch zugleich alle erlangte Fertigkeit ja Fähigkeit verlor. Ich habe alles getrieben was der Mensch treiben kann; Tanzen und Jagen, Reiten und Fechten, Zeichnen und Schwimmen, nichts ist mir fremd geblieben, ja ich habe es, mit Ausnahme der Jägerei, mit einer bestimmten Anlage getrieben, und das alles ist mir fremd geworden. So war ich einer der besten, oder wenigstens der elegantesten Schwimmer, und wenn man mich heute ins Wasser würfe, ich würde gewiß ertrinken. Die Inspiration war mein Gott und ist es geblieben.

In jener Zeit nun dachte ich auf nichts als Musik. Ich setzte sogar Lieder, die ich mit einer leidlichen Tenorstimme sang, darunter Goethes König von Thule. Dieses Lied konnte sich mein Vater, gegen seine sonstige Gewohnheit, nicht satt hören. Ich mußte es immer wieder spielen und singen. Nur als es sich mit seiner Krankheit zu Ende neigte, ließ er mir sagen, ich möchte es nicht mehr singen, es mache ihn traurig.

Die Voraussagung unsers Arztes Closset: mein Vater könne bei gehöriger Diät noch viele Jahre leben, hatte sich, ohne seine Schuld nicht bewährt. Mein Vater zwar ließ es an Diät nicht fehlen, aber die Zeitumstände beschleunigten den Lauf seiner Krankheit. Als wir unsere neue Wohnung bezogen, hatte er, damals noch in ungeschwächter Gesundheit, den bedeutendsten Teil seines Ersparten auf Herstellung und Einrichtung derselben verwendet. Da wurden Türen vermauert und neue durchgebrochen, Parketten gelegt, Tapeten gezogen und seidene Möbel angeschafft was um so sonderbarer war, da uns niemand besuchte, aber es schien einmal der Grundsatz meines Vaters, alles was er machte, vollständig zu tun. Ein ungetreuer Sollizitator hatte ihn um eine namhafte Summe betrogen. Dazu kamen nun die Kriegsläufte des Jahres 1809, die verlornen Schlachten, die Beschießung der Stadt, der Einzug der Franzosen in Wien, die Stockung der Geschäfte, die Einquartierung, die Kriegssteuern und Kontributionen, vor allem aber sein vaterländisches Herz, das unter allen diesen Erniederungen unendlich litt. Ich hatte mich bei der Belagerung von dem Studentenkorps nicht ausschließen können, das einen Teil der Festungsmauern besetzte. Als nun in der Nacht die Geschütze unausgesetzt donnerten, die Granaten sich in der Luft kreuzten und die Stadt an mehreren Orten brannte, wußte mein Vater, der mich all diesen Kugeln ausgesetzt glaubte, seiner Unruhe kein Ende. Am nächsten Morgen, nach Übergabe der Stadt, erschien meine Mutter, unter andern Angehörigen anderer, weinend auf der Bastei und beschwor mich, doch sogleich nach Hause zu kommen und meinen Vater von meinem Leben zu überzeugen. Er empfing mich ganz kalt, ja es war als ob er einen Teil seines Unwillens auf mich übertrüge.

Was meine eigene Haltung während der Beschießung betrifft, so war sie nicht besonders mutig, aber auch nicht furchtsam. Ich ließ eben die Dinge gewähren. In den letztverflossenen Tagen, als wir mit unsern Feldzeichen auf den Hüten in den Straßen herumgingen, fühlte ich sogar Anwandlungen von Heldenmut. Dieser Aufschwung wurde jedoch ziemlich herabgedrückt, als jemand die (unwahre) Nachricht mitteilte, die französischen Kürassiere trügen nach neuer Einrichtung außer den Harnischen auch Armschienen. Dieser an sich gleichgültige Umstand machte einen höchst ungünstigen Eindruck auf meine Phantasie. Am entscheidenden Tage selbst führte man uns mit einbrechender Nacht auf die Basteien und kündigte uns das bevorstehende Bombardement an. Da war denn allerdings ein gewisses Schwanken in unsern Reihen sichtbar, das nicht vermindert wurde, als die ersten Brandkugeln hart ober unsern Häuptern in die Dachfenster des hinter uns befindlichen Palastes des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen hineinfuhren. Nachdem aber später die Franzosen – wie wir glaubten aus Ungeschicklichkeit, da wir unsere Personen für ihr einziges Ziel hielten – ihre Würfe höher richteten und die Kugeln weit von uns weg fielen, verbessert sich unsere Stimmung sichtlich. Die in der Stadt entstehenden Feuersbrünste, von denen wir nur den Widerschein in den Wolken sehen konnten, hielten wir für das Aufgehen des Mondes und freuten uns, bald die ganze Szene überblicken zu können. Ebenso schienen uns die von dem Flackern der Flammen bewegten Schatten sämtlicher Stangen und Pflöcke im Stadtgraben, ebenso viel wandelnde Franzosen zu sein, und wir gaben, da wir uns eine Belagerung ohne Sturmlaufen gar nicht denken konnten, wiederholte Salven aus unsern Musketen, wodurch die auf einem niederem Parapet unter uns aufgestellten Landwehrsoldaten in augenscheinliche Lebensgefahr gerieten. Ich machte das alles mit, mit Ausnahme der Furcht. Dennoch, als mein Nebenmann und Mitschüler, ein sonst höchst stiller und ruhiger junger Mensch, mit Heftigkeit verlangte, außer den Mauern dem Feinde im freien Felde entgegengeführt zu werden, bemerkte ich, nicht ohne Bedächtlichkeit, wie es ein Unsinn wäre, ungeübte Truppen gleich uns, einem kriegserfahrnen Feinde gleich auf gleich gegenüber zu stellen. Die Nachricht von der Übergabe der Stadt erfüllte uns mit Unwillen. Ich machte dem meinigen durch einen nur halb gefühlten Ausfall gegen unsere Bürgerschaft Luft, denen ihre Dächer lieber seien als ihre Ehre, ein Wort, das sogleich von unserm Anführer, einem bildhübschen jungen Kavallerie-Offizier mit dem Arm in der Binde, aufgegriffen wurde und die ganze Kompanie wiederholte. Im Grunde aber waren wir alle froh wieder nach Hause zu kommen, um so mehr als wir seit sechzehn oder achtzehn Stunden nichts gegessen hatten.

Alle diese Dinge, wozu noch ökonomische Verlegenheiten kamen, griffen die Gesundheit meines Vaters ungeheuer an. Ich besitze noch sein Einschreibebuch, in das er Einnahmen und Ausgaben allmonatlich eintrug. Während die Ausgaben, mit den steigenden Preisen, fortwährend wuchsen, fielen die Einnahmen stufenweise bis zum Unbedeutenden herab, bis er in den letzten Monaten mit unsicherer Hand Nihil einschrieb. Er mußte sogar ein Darlehen aufnehmen, er, für den Schuldenmacher und Dieb gleichbedeutende Worte waren.

Die Stadt vom Feinde besetzt zu wissen war ihm ein Greuel und jeder ihm begegnende Franzose ein Dolchstich. Und doch ging er gegen seine Gewohnheit jeden Abend in den Straßen spazieren, aber nur um bei jedem Zwist zwischen Franzosen und Bürgern die Partei des Landsmannes zu nehmen und ihm gegen den Fremden beizustehen. Die Schlacht von Aspern war Öl in seine Lampe, die von Wagram machte freilich allen Hoffnungen ein Ende, was denn auch in dem Herabkommen seines Körperzustandes nur allzu sichtbar war.

Ich selbst war kein geringerer Franzosenfeind als mein Vater und demungeachtet zog Napoleon mich mit magischer Gewalt an. Mit dem Haß im Herzen und zu aller Zeit kein Liebhaber von militärischen Schaugepränge, versäumte ich doch keine seiner Musterungen in Schönbrunn und auf dem Felde der sogenannten Schmelz. Noch sehe ich ihn die Freitreppe des Schönbrunner Schlosses mehr herablaufen als gehen, die beiden Kronprinzen von Bayern und Württemberg als Adjutanten hinter sich, und nun mit auf dem Rücken gefalteten Händen eisern dastehen, seine vorüberziehenden Gewalthaufen mit den unbewegten Blicken des Meisters überschauend. Seine Gestalt ist mir noch jetzt gegenwärtig, seine Züge haben sich leider mit den vielen gesehenen Porträten vermengt. Er bezauberte mich wie die Schlange den Vogel. Mein Vater mochte mit diesen unpatriotischen Exkursionen wenig zufrieden sein, doch verbot er sie nie.

Nun kam der entscheidende Moment: der Abschluß des Preßburger Friedens. Mein Vater war damals schon genötigt, den größten Teil des Tages das Bett zu hüten. Wir verbargen ihm das Ereignis nach Möglichkeit. Er mochte aber doch Kunde davon erhalten haben, denn im höchsten Zorne befahl er mir, ihm augenblicklich ein Exemplar des gedruckten Traktates zu verschaffen, durch den bekanntlich ein Dritteil der Monarchie an Frankreich abgetreten wurde. Er las die Druckschrift ganz durch, legte sie dann von sich und kehrte sich gegen die Wand. Von da an hat er kaum mehr ein Wort gesprochen. Nur als ich an einem der folgenden Tage von einer dunkeln Ahnung eines baldigen Endes ergriffen, an seinem Bette auf die Kniee sank und seine Hand weinend küßte, sagte er: Nun ists zu spät! womit er denn doch wohl andeuten wollte, daß er mit meinem Wesen und Treiben nicht völlig zufrieden sei.

Desselben Tages saßen wir mittags bei Tische, und zwar, seinem Wunsche gemäß, in dem Zimmer in dem er lag. Da tat er ein paar stärkere Atemzüge. Wir sprangen auf und eilten hinzu er aber war tot.

Ich habe meinen Vater eigentlich zärtlich nie geliebt. Er war zu schroff. Indem er mit einem höchst erfolgreichen Bemühen jeden Ausdruck der eigenen Empfindung in sich verschloß machte er die Annäherung jeder fremden beinahe unmöglich. Erst später, als ich die Gründe mancher seiner Handlungen einsehen lernte und der bis auf jetzt fortdauernde Ruf seiner beinahe fabelhaften Rechtschaffenheit mich beglückte und – in weiter Entfernung – zur Nacheiferung begeisterte, habe ich seinem Andenken nachgetragen was ich in der Gegenwart zum Teil versäumte.

Der Tod meines Vaters versetzte uns in eine beinahe hilflose Lage. Die von ihm in den letzten Monaten kontrahierte Schuld mußte abgetragen werden. Seine eigenen Forderungen an Klienten waren teils uneinbringlich, teils erhielten wir kaum den zehnten Teil. Was sonst vorhanden war reichte kaum hin die Heirats-Ansprüche meiner Mutter zu decken. Auf uns Kinder kam beinahe nichts, welches Beinahe durch das zwei Jahre später erscheinende Finanzpatent vom Jahre 1811 auf ein wirkliches Nichts herabgesetzt wurde. Dasselbe Finanzpatent brachte die Pension, welche mein Vater durch jährliche Einlagen bei der Fakultätskassa seiner Witwe gesichert hatte, auf 90 f Papiergeld herab. Und davon sollte eine Mutter mit vier Kindern leben, obzwar eigentlich nur mit drei, denn mein zweiter Bruder Karl war nach den wunderlichsten Ereignissen, die für sich allein einen Roman bilden würden, unsichtbar geworden. Ich selbst, damals 18 Jahre alt, befand mich im vorletzten Jahrgange meiner juristischen Studien. Natürlich mußte ich sie fortsetzen. Meinem dritten Bruder Kamillo wurde durch seine musikalische Geschicklichkeit das Glück zuteil, daß ihn der Amtmann einer Staatsherrschaft, zugleich als Amtspraktikanten und Klavierlehrer seiner Tochter in sein Haus und völlige Versorgung nahm. Der spätgeborne vierte, Adolph, besaß eine gute Stimme und wurde schon seit längerer Zeit im Singen unterrichtet, um später als Hofsängerknabe im kaiserlichen Konvikte seine Studien vollenden zu können. Das waren alles Hoffnungen für die Zukunft, aber die Gegenwart drängte. Da kam mir zustatten, daß meine Professoren mich für einen guten Juristen hielten. Sie verschafften mir, soviel ich weiß, unaufgefordert, Informationsstunden bei zwei jungen Kavalieren, die mich so gut bezahlten, daß meine Bedürfnisse gedeckt waren und wohl auch etwas für die Familie übrig blieb. Zugleich fiel mir mein vergessenes Trauerspiel ein. Vielleicht, daß sich dadurch etwas verdienen ließ. Ich schrieb es, gemeinschaftlich mit meinen Freunden Wohlgemuth und Altmütter ab und überreichte es dem Bruder meiner Mutter, demselben mit dessen Beispiel mich mein Vater von der Poesie abgeschreckt hatte und der damals, in Folge einer der vielen Phasen seines Lebensplanes, als Sekretär und Dramaturg bei dem Wiener Hofburgtheater angestellt war. Ich wartete lange auf Entscheidung, endlich erhielt ich es mit der Äußerung zurück, daß es nicht anwendbar sei. Darin hatte der Mann allerdings recht, demungeachtet glaube ich, daß er das Stück, abgeschreckt durch die unmäßige Länge und die nicht einladende Handschrift Altmütters, gar nicht, oder wenigstens nicht zu Ende gelesen hat, er hätte sonst unzweideutige Spuren eines Talentes darin entdecken müssen, das nicht so kurz abzufertigen war, umsomehr als es ihm weder an Herzensgüte noch an Verstand fehlte. Nur war er ungeheuer flüchtig. So erinnere ich mich, daß er Müllners Schuld als Manuskript ein Jahr lang ungelesen auf seinem Pulte liegen hatte, ja es als ein Zeichen des Unsinns unserer Zeit bezeichnete, daß jemand ein Stück in »Stanzen«, so nannte er die Trochäen, zu schreiben unternommen habe. Erst der Schauspieler Heurteur, der um ein Stück für seine Einnahme verlegen war, las es und brachte es zur Aufführung, wo es denn die ungeheuerste Wirkung in ganz Deutschland machte.

Mir selbst fiel bei der Rückgabe meines Trauerspieles die Prophezeiung meines Vaters ein, und ich fühlte mich in dem Entschlusse bestärkt, der Poesie, vor allem der dramatischen, für immer den Abschied zu geben.

Inzwischen verlor ich meine beiden Instruktionen, da einer meiner Eleven, ein ziemlich schwacher Kopf, die Studien ganz aufgab, der andere aber, ein geistreicher junger Mensch, der freilich in den Lehrstunden lieber von Literatur als von juridischen Dingen sprach, in sein Vaterland, Wälsch-Tirol, zur Bewirtschaftung seiner Güter zurückkehren mußte. Der Ersatz war übrigens bald gefunden. Eben wieder einer meiner ehemaligen Professoren machte mir den Antrag in ein adeliches Haus mit fortwährender Bestimmung zu treten. Es war der Neffe eines reichen Grafen in den juridischen Gegenständen zu unterrichten, wozu man, da der Sommer auf den Gütern zugebracht werden sollte, einen Informator brauchte, der Herr über seine Zeit war. Der junge Mensch hatte einen eigenen Hofmeister und es galt daher nur ein paar Stunden des Tages Unterricht zu geben, wofür ein, freilich mäßiger Gehalt, dafür aber gänzliche und, wie sich in der Folge zeigte, glänzende Verpflegung zugesichert wurde. Ich hatte unterdessen meine Studien vollendet, fühlte aber einen Widerwillen gegen die Staatsdienste. Ich nahm daher an, besonders um meine Mutter der immerwährenden Sorge um die wechselvolle Zu- und Abnahme meiner Einkünfte zu entheben.

Da kam ich denn nun in ein wunderliches Haus. Der junge Graf, ungefähr von meinem Alter, der noch jetzt lebt, wird mir nicht übel nehmen, wenn ich hier niederschreibe, daß aus unsern Studien, wohl aus beiderseitiger Schuld, nicht viel herauskam. Der alte Onkel war eine eigentliche Karikatur, höchst borniert, eigenwillig, geizig, bigott. Als ehemaliger Gesandter an einem größern deutschen Hofe und kaiserlicher Concommissarius in Regensburg sprach er gern von seinen Missionen. Ich habe ihn geizig genannt, er war es, mit Ausnahme von zwei Rubriken: seinen Stall und die Küche. In ersterem hielt er eine Anzahl der ausgezeichnetsten Prachtpferde, die er aus übergroßer Schonung kaum benützte. Die Küche besorgten abwechselnd ein französischer und ein deutscher Koch vom ersten Range. Seine Neigung gewann ich besonders durch meinen damals starken Appetit. Täglich kam er zwischen elf und zwölf in seinem schmutzigen Schlafrocke auf mein Zimmer um mir den Küchenzettel des Tages vorzulesen und eine Art Feldzugsplan zu verabreden: von welcher Speise nämlich viel und von welcher wenig, mit Rücksicht auf eine nachfolgende bessere, zu essen sei. Ich hätte in seinem Hause ein Feinschmecker werden müssen, demungeachtet war ich in der Folge froh, wieder zur ärmlichen Kost meiner Mutter zurückzukommen. Übrigens hielt er mich für einen Jakobiner, mit welchem Namen er alle bezeichnete, die anders dachten als er. Seine Frau – wir nannten sie die Fürstin, weil sie aus fürstlichem Hause war – verbrachte ihre Zeit mit Andachtsübungen und fuhr so oft des Tages in die Kirche als ihr Gemahl erlaubte, die müßig stehenden Prachtpferde abwechselnd einspannen zu lassen. Der Hofmeister war ein kenntnisloser, untertäniger, übrigens gutmütiger alter Mann.

Ich befand mich anfangs sehr gut in diesem Verhältnisse. Mit Ausnahme von zwei oder drei Stunden, in denen ich meinen Zögling unterrichtete, der Tischzeit und dem obligaten Vorlesen des Küchenzettels war ich Herr meines Tages. Zugleich befand sich eine zahlreiche und mit altern Werken wohl ausgestattete Bibliothek im Hause, besonders reich an englischen Büchern, die der Großvater des Grafen, der als Gesandter in London stand, von dort mitgebracht hatte. Außer der Schwierigkeit das verrostete Schloß des Bibliothekzimmers zu öffnen, hinderte mich nichts, von dem toten Schatze, um den sich niemand kümmerte, so viel mit mir zu schleppen als mir beliebte und mich ganz der Lektüre zu überlassen. Leider fand sich meine Kenntnis des Englischen, das ich schon früher ohne Meister und sonstige Hilfsmittel zu betreiben angefangen hatte, zu mangelhaft, um Shakespeare, der sich in der Theobald'schen Ausgabe da befand, mit Genuß lesen zu können. Es eiferte mich übrigens an, meine Kenntnis dieser Sprache zu vervollkommnen.

Auf diese Art verstrich der Winter und die Zeit kam heran, sich auf die ausgedehnten Güter der Familie in Mähren zu verfügen. Bei der Abreise wurde mir der junge Graf anvertraut und es hieß, der Hofmeister werde nachkommen. Auf dem prächtigen Schlosse, in der fruchtbarsten obgleich nicht schönsten Gegend Mährens angekommen, wartete ich fruchtlos auf die Ankunft des alten Mannes. Endlich erfuhr ich von dem Hauschirurgen, daß man den Hofmeister, mit dem man unzufrieden war, weil man ihn in Verdacht hatte, den verstorbenen ältern Bruder meines Zöglings in seinem Widerstreben gegen eine vorgeschlagene Heirat bestärkt zu haben, mit Pension entlassen habe.

Meine Stellung wurde dadurch auf eine unangenehme Art verändert. Indes ich früher nur ein paar Stunden mit meinem Zöglinge zu tun hatte, blieb es mir nun den ganzen Tag auf dem Halse. Ich mußte ihn sogar täglich in die Kirche begleiten, wo ich denn den Vicar of Wakefield mitnahm, von dem man im Hause, wegen der geistlichen Benennung Vikar auf dem Titelblatte, nicht zweifelte, daß es ein Gebet- oder Andachtsbuch sei. Ebenso mußte ich auf alle meine poetischen und dramatischen Brouillons, von denen ich mich doch nicht ganz losgemacht hatte, obenan setzen: aus dem Englischen oder Französischen übersetzt, damit sie als Sprachübungen gelten könnten, da jedes Zeichen eines eignen poetischen Talentes den alten Grafen in seiner Meinung, daß ich ein Jakobiner sei, bestärkt haben würde. Ich setze das hierher, damit nach meinem Tode derjenige, dem mein schriftlicher Nachlaß in die Hände gerät, sich nicht etwa fruchtlose Mühe gebe die Originale zu diesen angeblichen Übersetzungen aufzufinden. Übrigens sind es durchaus unbedeutende Bruchstücke, mehr Erzeugnisse der langen Weile, als eines längst aufgegebenen ernsten Strebens.

Das Landleben ist angenehm für sich und so fand ich mich denn endlich zurecht. Ich fing sogar an die böhmische Sprache zu lernen, habe es aber nie weiter gebracht als zur Benennung der Speisen, den Schimpfnamen und den Jagdausdrücken. Erstere durch die Notwendigkeit bei weitern Exkursionen, die zweiten vom oftmaligen Hören, die letztem von unsern Jagdunterhaltungen. Der alte Graf war der schlechteste Schütze von der Welt, es schoß daher, angeblich ohne sein Wissen, immer der erste seiner beiden Büchsenspanner zugleich mit ihm. Was nun getroffen wurde hatte der Graf getroffen, ging aber das Wild durch, so wendete sich der alte Herr zornig zu seinem Leibjäger um und sagte: Esel! Da ich nun selbst in Folge meiner Kurzsichtigkeit schlecht schoß, bei dem jungen Grafen aber man froh sein mußte nicht selbst für einen Hasen oder ein Rebhuhn gehalten zu werden, so gehörte die ganze Jagdbeute gewöhnlich dem Haupt des Hauses und er war stolz auf seine Kunst.

Ebenso konnte er, obwohl er seit dreißig Jahren alljährlich sechs Monate in Mähren zubrachte, nicht ein Wort böhmisch. Daß die Bauern nicht deutsch und nicht französisch verstanden wußte er, in jeder andern Sprache aber prätendierte er verstanden zu werden. Besonders freigebig war er mit lateinischen Ausdrücken und ärgerte sich, wenn die Bauern nicht wußten was er wollte.

So verging die schöne Jahreszeit und wir kehrten in die Stadt zurück. Ich weiß nicht, war es Sparsamkeit, oder war man mit mir so zufrieden, es erschien noch immer kein Hofmeister. Mir ward das Verhältnis unleidlich. Nicht allein daß meine Verbindung mit Altmütter abgerissen wurde, und ich meine beste Zeit verlor, vor allem daß ich in meinem ein und zwanzigsten Jahre durch gesetztes Betragen ein Muster und Beispiel für meinen Zögling sein sollte, der nur um ein Jahr jünger war als ich. Meinen Vorstellungen wurde entgegengesetzt, daß man einen Hofmeister suche, aber noch immer keinen gefunden habe. Es war die traurigste Zeit meines Lebens, hat die übelste Wirkung auf meine Stimmung und Jugend-Entwicklung gehabt und nur die Lage und dringenden Bitten meiner Mutter hielten mich ab, den Zwang gewaltsam zu durchbrechen.

Nun verwirren sich, wahrscheinlich durch die Langweiligkeit der Sache, meine Erinnerungen. Ich weiß nur, daß ich im Februar 1813 als unbesoldeter Praktikant bei der Wiener Hofbibliothek eintrat, zugleich aber noch immer im Hause des Grafen hofmeisterte. Wie ich das vereinigte verstehe ich nicht, noch weniger wie ich im Sommer desselben Jahres mit der Familie wieder nach Mähren gehen konnte; wahrscheinlich folgte ich erst in den Ferialmonaten der Hofbibliothek ihnen nach und der Onkel machte inzwischen selbst den Hofmeister.

Ich finde mich wieder mit ihnen auf einem Jagdschlosse im waldigten Teile des Hradischer Kreises. Es war in der Mitte eines Fasan- und Wildgartens auf einer ziemlichen Anhöhe einsam gelegen, wunderschön aber klein. Es war unterdessen das verhängnisvolle Jahr 1812 vorübergegangen, der Zug nach Moskau, der Untergang des französischen Heeres. Ich erinnere mich noch der kannibalischen Freude, mit der wir alle, ich auch, die gehäuften Greuel vernahmen. Jetzt hatte sich Österreich in die Verhandlungen gemischt und man zweifelte nicht, daß es Teil an dem Kriege gegen Napoleon nehmen werde. Daß in diesem Falle die Franzosen in Böhmen einbrechen und darin weiter vordringen würden als uns irgend lieb war, war uns nach frühern Erfahrungen höchst wahrscheinlich und wir waren immer zur Flucht bereit; ja vielleicht hatte der Graf nur darum sein Schloß Lukow, nahe der ungarischen Grenze zum Aufenthalte gewählt, um von der Gefahr möglichst entfernt und der Zuflucht möglichst nahe zu sein.

Aber auch die Kommunikationen fingen schon an gestört zu werden. So fehlte es im unserm Schlosse, wo sonst alles im Überfluß war, allgemach an Kolonial-Artikeln. Da bestimmte der alte Onkel, sein Neffe sollte statt des Kaffees täglich eine Milchspeise frühstücken. Mir wurde freigestellt, entweder daran teil zunehmen oder den gewohnten Kaffee, solange der Vorrat währte wie früher zu trinken. Ich entschied mich für ersteres aus Rücksicht für die alten Leute. Diese Milchspeisen beschwerten mir wahrscheinlich den Magen und waren Mit-Ursache an meiner spätern Krankheit.

Unser Schloß lag, wie gesagt, ganz einsam und die nächste Kirche, ein Wallfahrtsort Maria Stip, lag eine halbe Stunde entfernt. Nur die fromme Fürstin ließ sich täglich hinfahren, wobei sie etwa den Neffen mitnahm, wir andern begnügten uns mit der Sonntags-Andacht. An einem solchen Sonntag hing der Himmel voll dicker Regenwolken. Schon war ich im Begriffe mit der alten Dame und meinem Zögling in einen ungeheuern wohlverschloßnen Wagen einzusteigen, als der Onkel hinzukam und mir anlag, ihn nicht allein fahren zu lassen. Er war nämlich furchtsam mit Pferden und fuhr nie anders als auf einem niedern Wurstwagen mit zwei alten Schimmeln, die er selbst leitete. Dabei war ich fast immer sein Begleiter, dem er, indes er beinahe unausgesetzt Tabak schnupfte oder die ungeheure rote Nase schneuzte, Zügel und Peitsche anvertraute. Auch sonst ging es so langsam, daß in solchen Momenten die Pferde stehen blieben und sogar an den Rainen des Wegs graseten. Die Fürstin, die mich lieb hatte, protestierte, er aber versprach diesmal den Schimmeln »etwas ins Ohr zu sagen« und mich noch vor dem Regen nach Maria Stip zu bringen. Ich gab nach und wir fuhren ab. Wir hatten längst den Wagen der Fürstin aus den Augen verloren und befanden uns etwa auf der Hälfte des Weges, als der Regen in Strömen herabgoß. Als wir bis auf die Haut durchnäßt in Maria Stip ankamen, war mein erster Gang nach den beiden einzigen Häusern, die sich nebst der Kirche da befanden, dem Hause des Geistlichen und des Kirchendieners, um Wäsche zu wechseln und im Notfalle selbst eine Kutte des Geistlichen anzuziehen. Wir hatten uns aber verspätet. Beide Häuser waren verschlossen und die Bewohner in der Kirche. Mir blieb nichts übrig als auch hinzugehen, wo mich denn schon ein empfindlicher Frost anwandelte. Des nächsten Morgens erwachte ich in einem hitzigen Fieber mit Phantasien und allem Zugehör. Da war nun Not an Mann. Das kleine Schloß ließ ein Absonderung kaum zu und der Chirurg hatte die Krankheit für ein Nervenfieber, mithin nicht ohne Gefahr der Ansteckung, erklärt. Man beschloß daher mich in ein von Maria Stip nicht weit entferntes sogenanntes Badhaus zu bringen, das so hieß, nicht weil Bäder da waren, sondern weil es ein Bader bewohnte, der seinen Lebensunterhalt aus der chirurgischen Operation des Schröpfens an den Personen der von weit herkommenden Wallfahrter gewann.

Hier besuchte mich der Chirurg des Grafen täglich und soweit war ich leidlich versorgt. Den übrigen Bewohnern des Schlosses hatte der Gebieter streng jede Gemeinschaft mit mir untersagt. Trotz dieses Verbotes kam eines Abends die alte Fürstin, setzte sich an mein Bette und weinte bitterlich.

Des andern Tags sollte mir die Ursache ihres Weinens deutlich werden. Der Chirurg des Grafen erschien nicht mehr. Die Familie war von Lukow abgereist und ließ mich in den Händen des unwissenden Baders allein zurück. Meine Krankheit verschlimmerte sich von Tag zu Tage, woran, außer der Unfähigkeit des Arztes, wohl auch die Beschaffenheit der Arzneien Schuld tragen mochte, die (Chinarinde soviel ich weiß) von Hradisch geholt werden mußten, einem kleinen Orte, dessen Apotheke die vaterländische Eichenrinde wohl näher lag als die überseeische Chinarinde. Noch bin ich mir einer Art Herrschaft über meine Phantasieen bewußt. Beim Ausbruch der Krankheit, noch im Schlosse, glaubte ich, eine Prinzessin läge unter meinem Strohsacke, und ich rückte daher jeden Augenblick von der Stelle um die arme Person nicht zu drücken. In dem mir fremden Badhause hörte ich immer Stimmen von außen, die riefen, meine Mutter komme. Ich richtete mich gewaltsam auf und wußte augenblicklich, daß alles Täuschung sei. Sobald ich aber aus Mattigkeit zurücksank, fingen dieselben Stimmen wieder von neuem zu rufen an. Diese Sehnsucht nach meiner Mutter mochte wohl auch die alte Fürstin so gerührt haben, verbunden mit dem Bewußtsein der Grausamkeit, einen jungen Menschen am Eingange des Lebens, einen Hausgenossen, in einer solchen Lage hilflos zu verlassen.

Ich kam dem Tode nahe, wußte es und war gleichgiltig. Schon erschien der Geistliche von Maria Stip um mir als einem Sterbenden Trost zuzusprechen. Ich aber wendete mich von ihm, der Mauer zu. Da sagte er: er phantasiert, ging und kam nicht wieder.

Auch sonst war ich schlimm daran. Niemand im Badhause verstand deutsch, als, notdürftig, der Bader selbst. Des Nachts legte man einen Ackerknecht in mein Zimmer, der sogleich zu schnarchen anfing und mir jeden Schlaf unmöglich machte, statt mir irgend zu Dienste zu sein. Einmal, eben auch bei Nacht, glaubte ich, eine Weibsperson nähere sich meinem Bette und ziehe das Schublädchen aus dem Tische der neben mir stand und in dem ich mein Geld verwahrte. Ich hielt es für Täuschung, aber des andern Morgens war mein Geld wirklich verschwunden.

Endlich aber siegte die Jugend und meine, niemals starke, aber unendlich zähe Natur. Ich genas. Als ich das erstemal Eßlust verspürte, gab man mir als Krankenspeise einen Hasen mit Knödeln, und bei meinem ersten Ausgange in den Garten wo die Zwetschgenbäume voll reifer Früchte hingen, erlaubte mir mein Arzt davon so viel zu essen als mir beliebte, was ich denn auch tat.

In welcher Art ich meine Rückreise, wahrscheinlich mit Geld von dem Verwalter des Grafen versehen, antrat, weiß ich nicht mehr. Nur schwebt mir vor, daß ich auf meinem Wege irgendwo mit dem gräflichen Chirurg zusammentraf, der mir geradezu erklärte, daß man meinen Tod für unvermeidlich gehalten habe. Auch traf mich die erste Nachricht von der Schlacht bei Leipzig auf dieser Rückreise, die dadurch beinahe verzögert wurde. Kein Postmeister, kein Postillion, kein Wirt oder Aufwärter war in den Häusern zu finden, alles befand sich auf den Straßen. Man las die Zeitungen vor, man erzählte, man umarmte sich, jubelte, weinte, das tausendjährige Reich schien angebrochen. Bei meiner Rückkunft nach Wien machte ich den Eindruck der Erscheinung eines Verstorbenen. Ich konnte nichts von Scham oder Reue in den hochadelichen Gesichtern bemerken, wohl aber eine gewisse Verlegenheit. Das Rätsel klärte sich bald auf. Man hatte nun wirklich einen Hofmeister gefunden. Daß ich meinen Unterricht fortsetzen sollte war ausgemacht. Die weitere Frage aber, ob im Hause oder außer demselben wohnend, ward bald dadurch entschieden, daß ich einen Rezidiv meiner Krankheit bekam. Ich ließ mich zu meiner Mutter bringen, wo mich derselbe Doktor Closset behandelte, der leider zu spät kam, um den Tod meines Vaters zu verhindern. Mein Übel war weniger ein Rezidiv als ein vollkommenes Nachlassen aller Kräfte. Die Nachtschweiße stellten sich so heftig ein, daß die gewechselten und an die Luft gehängten Unterbetten kaum für den zweiten Tag zum Gebrauche getrocknet waren. Endlich ging auch das vorüber. Doktor Closset nahm keine Bezahlung und sagte, mir bei seinem letzten Besuche die Hand drückend, er fühle sich hinreichend dadurch belohnt, daß mein Fall einer der wenigen in seiner Praxis sei, auf die er sich als Arzt etwas zugut tue. Er hatte selbst nicht an meine Heilung geglaubt.

Ich nahm nun meinen Unterricht wieder auf, speiste auch mit der gräflichen Familie zu Mittag, mietete mich aber in einem andern Hause ein. Da bemerkte ich nun eine seltsame Verstimmung in den erhabenen Personen, ganz im Widerspruche mit dem sonstigen, nicht immer angenehmen, aber zutraulichen Tone. Die Ursache habe ich erst viele Jahre später, durch die mitbeteiligte Person selbst erfahren, setze sie aber jetzt schon her. Das Hauswesen des Grafen hatte sich in letzter Zeit durch eine Nichte vermehrt, die, bis dahin im Kloster erzogen, nun von den Verwandten zu sich genommen wurde, ein äußerlich nicht gerade bevorzugtes, aber herzensgutes, heiteres, und unter dem verwandtschaftlichen Druck bitter leidendes Frauenzimmer. Wir sahen uns natürlich oft, aber ohne besonderes Interesse und niemand hatte ein Arges dabei. Als ich nun zu meiner Mutter gebracht wurde, und man im gräflichen Hause von der Armut derselben sprach, vermischte die etwa sechszehnjährige Comtesse, noch von ihrer Klosterlektüre her, die Armut mit der Bettelhaftigkeit, packte ihren kleinen Schmuck zusammen und gab ihn ihrer Kammerjungfer, die ihn heimlich und ohne zu sagen von wem, meiner Mutter überbringen sollte. Die Kammerjungfer fand die Sache bedenklich, fragte sich bei dem Grafen an, der polternden Gegenbefehl gab, und da er sich eine solche Großmut ohne besonderes Motiv gar nicht denken konnte, auf ein Liebesverständnis schloß, das weder von Seite der kleinen Gräfin, noch vor allem von der meinigen je und irgend bestand.

Inzwischen beschäftigte ich mich, ich hätte bald gesagt: eifrig, in der Hofbibliothek. Von Eifer war damals in dieser Anstalt überhaupt nicht viel zu bemerken. Die Beamten, beinahe durchaus gutmütige Leute, benahmen sich ungefähr wie die Invaliden in einem Zeughause, oder der Hund beim Heu, bewahrten das Vorhandene, wiesen die Seltenheiten den Besuchern vor, verwendeten die spärliche Dotation zum Ankauf aller gedenkbaren Auflagen der Klassiker und hielten die verbotenen, das heißt alle neuern Bücher, nach Möglichkeit fern. Von bibliothekarischen Systemalarbeiten war gar nicht die Rede.

Das war nun gerade mein Geschmack. Ich las und studierte was mich selber anzog. Da war nun vor allem die Vervollkommnung im Griechischen, zu dessen Betreibung ich und mein damaliger Kollege Eichenfeld uns vereinigten. Um ungestört zu sein, begaben wir uns in Manuskriptenkabinett der Bibliothek und lasen, von allen Hilfsmitteln umgeben, die griechischen Autoren. Das ging eine Weile, bis der erste Kustos der Anstalt, ein widerwärtiger Illiterat, eben ein Hund beim Heu nach meiner obigen Bezeichnung, davon Nachricht bekam und ohne Lust und Fähigkeit selbst ein Manuskript zu benützen, doch einen mißgünstigen Neid über eine mögliche Edierung durch einen andern empfindend, uns den Eintritt in das Manuskriptenkabinett verbot.

Zugleich betrieb ich eine andere Sprache, zu der ich den Grund schon früher gelegt hatte und die von dem wesentlichsten Einfluß auf meine künftige Laufbahn werden sollte. Ich war von jeher der Überzeugung, daß man einen Dichter nicht übersetzen könne. Trotz meines schlechten Gedächtnisses hatte ich mir daher außer den beiden alten und der notwendigen französischen auch die italienische und englische Sprache angeeignet und durch Bertuchs Übersetzung des Don Quixote und seine Äußerungen über die spanischen Dichter aufmerksam gemacht, noch in meinen frühesten Zeiten mich auch mit dieser Sprache beschäftigt. Es war mir eine uralte spanische Grammatik in die Hände gefallen, so uralt, daß sie selbst der Sprache Lope de Vegas und Calderons vorausging, und ich später die aus ihr gelernten Formen wieder umlernen mußte. Aus Geldmangel konnte ich mir kein Wörterbuch anschaffen, bis mir endlich beim Antiquar ein Sobrino in die Hände fiel, bei dem zwar der ganze Buchstab A fehlte, der aber dafür um einen Gulden Papiergeld käuflich war. Mit diesem Rüstzeug war nicht viel auszurichten. Da erschien Schlegels Übersetzung einiger Stücke Calderons, von denen mich besonders die Andacht zum Kreuze anzog. Für so vortrefflich ich die Übersetzung Shakespeares von demselben Schriftsteller anerkennen mußte, ebenso mangelhaft und ungenügend erschien mir jene Calderons. Daß ein Dichter, dessen Schwung beinahe die Poesie selbst überflog, sich nicht in so steifen und verrenkten Phrasen bewegt haben könne, war mir deutlich. Die Hofbibliothek bot alle Hilfsmittel dar, ich warf mich daher auf die spanische Sprache und zwar, um das Brett zu bohren, wo es am dicksten war, unmittelbar auf Calderon. Damit ich aber über die Schwierigkeiten nicht zu leicht hinausginge, und genötigt wäre jedes Wort im Wörterbuche nachzuschlagen, übersetzte ich das gewählte Stück: Leben ein Traum, nach Entzifferung jedes Absatzes, sogleich in deutsche Verse, ja, nach Vorgang des Originals, in Reime. Wie lang ich mit dieser unsäglichen Arbeit zugebracht habe, weiß ich nicht, nur daß ich nicht über die Hälfte des ersten Aktes hinausgekommen bin. Ohnehin hatte ich bei dieser Übersetzung nur mein Studium der Sprache im Auge.

Da treffe ich mit einem Jugend-Bekannten zusammen. Wir sprechen über das Theater und die wunderliche Mannigfaltigkeit aus allen Geschmacks-Richtungen, die dem Publikum dargeboten werde. Nun bereitet man gar ein Stück aus dem Spanischen vor, sagte er, Leben ein Traum. Ich frage nach dem Verfasser der Übersetzung. Er meint er heiße Wendt, oder ähnlich. Nun wußte ich, daß es einen Professor Wendt in Leipzig gebe, dem man eine solche Übersetzung wohl zutrauen konnte. Im Verfolg des Gespräches bemerkte ich, daß ich das Stück wohl kenne, und zum Teil selbst übersetzt habe. Der Freund wünscht meine Arbeit zu lesen, was ich denn endlich auch zugebe. Nach ein paar Tagen kommt er, mir zu melden, daß meine Übersetzung nicht nur ihm selbst, sondern auch dem Redakteur der literarisch-kritischen Modenzeitung, dem er sie mitgeteilt, unendlich gefallen habe, und letzterer mich ersuchen lasse, ihm wenigstens die ersten beiden Szenen zum Abdruck in seinem Blatte zu überlassen.

Ich war von jeher ein Feind der Öffentlichkeit und habe, außer einem Gedichte: die Musik, in reimlosen Versen, die, ich weiß nicht durch wessen Vermittlung in einem Wiener Journale ohne meinen Namen erschienen war, früher nie etwas drucken lassen. Ich weigerte mich daher, mußte mich aber endlich den Gegengründen fügen: daß es schade um meine gehabte Mühe wäre. Jetzt sei die Aufmerksamkeit des Publikums auf dieses Stück gerichtet, und wenn nicht jetzt, könne mein Fragment wohl nie mehr zur Geltung gebracht werden. Ich willigte ein. Längere Zeit verging und meine Übersetzung erschien nicht, was mich herzlich wenig kümmerte.

Endlich wird Leben ein Traum mit Beifall aufgeführt und des nächsten Morgens gibt die Modenzeitung mein Fragment, das, unter den höchsten Lobpreisungen zum Angriffspunkt gewählt wird, um über die aufgeführte Übersetzung aufs feindlichste herzufallen. Zugleich hatte ich schon aus dem Theaterzettel ersehen, daß der Verfasser jener Bearbeitung nicht Wendt, sondern West heiße, unter welchem angenommenen Namen der damalige Dramaturg des Hofburgtheaters, Schreyvogel, sich in der Vorzeit literarisch beschäftigte.

Schreyvogel war in unserer Familie, zufolge eines ausgangslosen Liebesverhältnisses mit einer Schwester meiner Mutter, nicht im besten Andenken. Trotz eines heimlichen Grauens verehrte ich ihn aber schon in meinen Knabenjahren und eine von ihm zu Anfang des Jahrhunderts herausgegebene vortreffliche Zeitschrift: das Sonntagsblatt, hat einen großen Einfluß auf meine Bildung gehabt, indem sie beitrug mich vor den Albernheiten zu bewahren, die jene Zeit ebenso gut hatte als die jetzige, nur daß damals zwei große Geister, wie eine Zentralsonne in der Mitte standen und die faselnden Romantiker doch zu einer Art Konzentrizität in ihren Bahnen zwangen, indes jetzt die leere Mitte jedem die Erlaubnis zu einer Kometenreise ins Leere und Bodenlose gibt.

Mein, jenem Fragment beigesetzter Name war Schreyvogel nicht entgangen. Schon ein paar Tage darauf sagte mir der alte Skriptor Leon auf der Hofbibliothek, es habe Schreyvogeln sehr wehe getan, daß der Sohn eines Jugendfreundes sich zu einer so niedrigen Intrigue gegen ihn hergegeben. Ich erklärte dem alten Leon den Zusammenhang der Sache und meinen eigenen Abscheu vor dem Mißbrauche, den man mit meiner Arbeit getrieben. Da kam denn die Rückantwort, wie es Schreyvogeln sehr erfreue, mich unschuldig zu wissen und wie er lebhaft wünsche, mich kennen zu lernen. Ich ließ mir das gesagt sein und ging nicht hin. Eine zweite Aufforderung hatte denselben Erfolg. Da erklärt endlich Leon auf der Bibliothek: nun lasse er mich nicht mehr, ich müsse auf der Stelle mit ihm zu Schreyvogel. Dagegen war nun nichts mehr einzuwenden und ich ging mit ihm.

Schreyvogel empfing mich wahrhaft väterlich. Von einer Entschuldigung war nicht mehr die Rede. Er erklärte selbst, daß ihm meine Übersetzung sehr gefallen habe, und er fragte, ob ich denn keine Lust zu eigenen dramatischen Arbeiten habe, an der Befähigung sei kaum zu zweifeln. Ich erzählte ihm, daß ich in meinen Knabenjahren ein endloses Trauerspiel geschrieben, von dessen Unbrauchbarkeit ich aber nun selbst überzeugt sei. Seitdem hätte ich es aufgegeben. Wenn ich nichts Tüchtiges leisten könne, dulden lassen wolle ich mich nicht. Er fragte weiter: ob ich nicht in der Zwischenzeit Stoffe durchdacht hätte, ich möchte ihm derlei erzählen. Nun hatte ich gerade damals einen Stoff ganz gegliedert in meinem Kopfe. Damit ging es so her.

Ich hatte in der Geschichte eines französischen Räubers, Jules Mandrin glaub ich, die Art seiner Gefangennehmung gelesen. Von den Häschern verfolgt, flüchtete er in ein herrschaftliches Schloß, wo er mit dem Kammermädchen ein Liebesverhältnis unterhielt, ohne daß diese, ein rechtliches Mädchen ahnte, welch einem Verworfenen sie Kammer und Herz geöffnet hatte. In ihrem Zimmer wurde er gefangen. Der tragische Keim in diesem Verhältnisse oder vielmehr in dieser Erkennung machte einen großen Eindruck auf mich.

Ebenso war mir ein Volksmärchen in die Hände gefallen, wo die letzte Enkelin eines alten Geschlechtes, vermöge ihrer Ähnlichkeit mit der als Gespenst umwandelnden Urmutter, zu den schauerlichsten Verwechslungen Anlaß gab, indem ihr Liebhaber einmal das Mädchen für das Gespenst, dann wieder, besonders bei einer beabsichtigten Entführung, das Gespenst für das Mädchen nahm.

Beide Eindrücke lagen längere Zeit nebeneinander in meinem Kopfe, beide in dieser Isolierung unbrauchbar. Im Verfolg des ersteren wäre mir nie eingefallen, einen gemeinen Dieb und Räuber zum Helden eines Drama zu machen; beim zweiten fehlte der gespensterhaften Spannung der sonstige menschliche Inhalt.

Einmal des Morgens im Bette liegend, begegnen sich beide Gedanken und ergänzen sich wechselseitig. Der Räuber fand sich durch das Verhängnis über der Urmutter eines Geschlechtes, dem auch er angehören mußte, geadelt; die Gespenstergeschichte bekam einen Inhalt. Eh ich aufstand und mich ankleidete, war der Plan zur Ahnfrau fertig.

An die Ausführung zu gehen, hinderte mich teils mein Entschluß der dramatischen Poesie für immer zu entsagen, teils ein Schamgefühl, einen Stoff zu behandeln, der höchstens für die Vorstadttheater geeignet schien und mich einer Klasse von Dichtern gleichzusetzen, die ich immer verachtet hatte; obwohl ich Poesie genug in mir fühlte, die Geistergeschichte so auszustatten, daß man ein Dummkopf oder ein deutscher Gelehrter sein müsse um viel dagegen einwenden zu können.

Diesen Stoff nun erzählte ich Schreyvogel und zwar mit einer solchen Lebhaftigkeit und in einer solchen bis ins einzelnste eingehenden Folge, daß er, selbst Feuer und Flamme, ausrief: das Stück ist fertig, Sie brauchen es nur niederzuschreiben. Meine Einwendungen ließ er nicht gelten und ich versprach darüber weiter nachzudenken.

Inzwischen war auch eine bedeutende Veränderung in meinen äußern Verhältnissen eingetreten. Einmal hatte ich den Unterricht des jungen Grafen vollendet, worüber ich herzlich froh war. Nun ließ mir die Familie ihren mir damals unerklärlichen Groll dadurch fühlen, daß sie mir ein beim Eintritt, freilich nur mündlich gegebenes Versprechen nicht halten wollten, mir nämlich meinen kleinen Gehalt bis zum Eintritt in ein besoldetes Staatsamt belassen zu wollen. Erst die Dazwischenkunft eines in der Familie geachteten Geistlichen machte der Schwierigkeit ein Ende. Zugleich hatten einen meiner Oheime seine Geschäfte zu dem damaligen dirigierenden Vizepräsidenten der Finanz-Hofkammer, Grafen Herberstein geführt. Herberstein hatte meinen Vater gekannt und geachtet, er erkundigte sich um dessen rückgebliebene Familie, erfuhr unsere Umstände, und daß der älteste Sohn ohne Gehalt in der Hofbibliothek diene. Der praktische Mann fuhr auf, fand letzteres als ohne Aussicht für die Zukunft, unverantwortlich und begehrte mich zu sprechen.

Als ich kam, machte er mir die Hölle heiß, erinnerte mich an die Pflicht für meine Mutter und Geschwister zu sorgen und fügte bei, daß wenn ich mich ihm anvertrauen und zu den Finanzen übertreten wollte, die Sorge für mein Fortkommen seine Sache sein werde. Ich war durch die Widerlichkeit des zweiten Vorstehers der Hofbibliothek sehr verstimmt, die neue Aussicht schien lockend und ich willigte ein.

Da sollte ich nun ein vollendeter Kammeralist werden. Ich wurde der niederösterreichischen Zoll-Verwaltung zugeteilt, mußte in Expedit-, Protokoll-, Hauptzoll- und Verzehrungssteuer-Amt alle diese Fächer praktisch durchüben, bis man mir endlich als Zeichen der höchsten Zufriedenheit ein eigenes Bureau in der Examinatur anvertraute, wo ich Schwärzer und Gefälls-Übertreter von minderm Belang selbstständig untersuchte. Ich weiß nicht war es die Neuheit der Sache, das gefällige Entgegenkommen aller Vorgesetzten oder das angenehme Gefühl der Freiheit von dem Druck im gräflichen Hause; ich fand mich ganz gut in alles und es stellte sich sogar eine Art Heiterkeit ein. Die Ahnfrau war inzwischen vergessen, auch hatte ich Schreyvogeln seither nicht besucht.

Da, am Ausgange des Sommers, begegne ich ihm auf einem Spaziergange am Glacis. Er ruft mir schon von weitem zu: wie stehts mit der Ahnfrau? Ich aber antworte ihm ganz trübselig: Es geht nicht!

Schreyvogel, ursprünglich im Besitz eines beträchtlichen Vermögens, das er erst später im Kunsthandel verloren, war in den Neunziger Jahren des verflossenen Jahrhundert, durch seine Bekanntschaft mit Männern, die einem traurigen Schicksale verfielen, in den Verdacht einer Anhänglichkeit an die Grundsätze der französischen Revolution gekommen. Obschon ihm nichts nachgewiesen werden konnte, schien es doch geraten, sich für einige Zeit, mit Genehmigung der Behörden, von Wien zu entfernen. Er ging nach Jena und Weimar, wo er durch mehrere Jahre verweilend, mit den damaligen Heroen der deutschen Literatur in nähere Verbindung kam.

Als ich ihm nun sagte: Es geht nicht! erwiderte Schreyvogel: dieselbe Antwort habe ich einst Goethen gegeben, als er mich zur literarischen Tätigkeit aufmunterte; Goethe aber meinte: Man muß nur in die Hand blasen, dann gehts schon! – Und so schieden wir von einander.

Diese Worte des großen Meisters gingen mir gewaltig im Kopfe herum. Sollte es – bei allem Abstand der Begabung – andern so leicht werden, daß sie nur in die Hand zu blasen brauchten, und ich selbst brächte gar nichts zustande! Mein tiefstes Wesen fand sich empört. Meinen Spaziergang allein fortsetzend, dachte ich über die Ahnfrau nach, brachte aber nichts zustande, als die acht oder zehn ersten Verse, die der alte Graf zu Anfang des Stückes spricht und zwar in Trochäen, die mir meine Beschäftigung mit Calderon lieb gemacht hatte.

Man hat mich um dieser Versart und wohl auch der sogenannten Schicksalsidee willen als einen Nachahmer von Müllners »Schuld« bezeichnen wollen. Eigentlich war es aber wohl Calderon und namentlich dessen Andacht zum Kreuze, was mir unbewußt vorschwebte, nebst dem daß der Trochäus meinem erwachten Musikgefühle wohltat. Allerdings hätte ich ohne Müllners Vorgang wahrscheinlich nicht gewagt, eine neue Versart auf die deutsche Bühne zu bringen.

Als ich nach Hause gekommen war und zu Nacht gegessen hatte, schrieb ich ohne weitere Absicht jene acht oder zehn Verse auf ein Blatt Papier und legte mich zu Bette.

Da entstand nun ein sonderbarer Aufruhr in mir. Fieberhitzen überfielen mich. Ich wälzte mich die ganze Nacht von einer Seite auf die andere. Kaum eingeschlafen, fuhr ich wieder empor. Und bei alledem war kein Gedanke an die Ahnfrau, oder daß ich mich irgend meines Stoffes erinnert hätte.

Des andern Morgens stand ich mit dem Gefühle einer herannahenden, schweren Krankheit auf, frühstückte mit meiner Mutter und ging wieder in mein Zimmer. Da fällt mir jenes Blatt Papier mit den gestern hingeschriebenen, seitdem aber rein vergessenen Versen in die Augen. Ich setze mich hin und schreibe weiter und weiter, die Gedanken und Verse kommen von selbst, ich hätte kaum schneller abschreiben können. Des nächsten Tages dieselbe Erscheinung, in drei oder vier Tagen war der erste Akt, beinahe ohne ein durchstrichenes Wort, fertig.

Ich lief damit sogleich zu Schreyvogel um es ihm vorzulesen. Er war im höchsten Grade befriedigt und drang nur um so mehr in mich, doch ja fortzufahren. Ebenso schnell entstanden der zweite und dritte Akt. Noch erinnere ich mich, daß ich an der großen Szene wo Jaromir Berthan zur Flucht beredet, von 5 Uhr morgens bis fünf Uhr abends geschrieben habe, ohne Ruhepunkt und ohne etwas zu mir zu nehmen. Meine Mutter klopfte zur Zeit des Frühstücks und des Mittagmahles vergebens an die Tür. Erst abends ging ich hervor, machte einen Spaziergang über die Bastei und aß zur Nacht mein Mittagmahl.

Da fiel plötzlich kaltes Wetter ein und es war als ob mir alle Gedanken vergangen wären. Ich schlich ganz traurig zu Schreyvogel und klagte: ich hätte wohl vorausgesagt, daß es nicht ginge. Er meinte aber, es werde schon wieder kommen. Und so geschah es auch. Nach zwei oder dreitägiger Unterbrechung vollendete ich das Stück mit derselben Raschheit mit der es begonnen war. In nicht mehr als fünfzehn oder sechzehn Tagen habe ich es geschrieben.

Es wurde nun Schreyvogeln übergeben, damit er über die Aufführbarkeit entscheiden möge. Als ich nach ein paar Tagen vorfragte, fand ich ihn beträchtlich abgekühlt. Schreyvogel war ein vortrefflicher Kopf, in gehörigem Abstande, allerdings eine Art Lessing. Nur hatte er, außer der logischen Schärfe, mit seinem Vorbilde auch das gemein, daß seine künstlerischen Grundsätze mehr das Ergebnis eines Studiums der Muster, als ein Erzeugnis aufquellender eigener Anschauungen waren. Er wußte nun nicht recht, wohin er mein Mondkalb anreihen sollte, und war ängstlich. Nicht als ob er den Gespensterspuk oder die sogenannte Schicksalsidee verworfen hätte, er verlangte vielmehr, daß letztere mehr herausgebildet werden sollte, namentlich der ganz unberührt gebliebene Umstand, daß das jetzt lebende Geschlecht geradezu die Frucht der Sünde der Ahnfrau sei. Als ich mich darein nicht finden wollte, erbot er sich sogar mein Stück zu überarbeiten, es sollte dann als unser gemeinschaftliches Werk erscheinen. Dagegen protestierte ich, es sollte entweder gar nicht aufgeführt werden, oder als mir angehörig.

Schreyvogel hatte bereits mit den Schauspielern gesprochen, denen er die Rollen zugedacht hatte. Madame Schröder wählte bloß vom Hörensagen das Stück zu ihrer Einnahme und für sich die Rolle der Bertha und des Gespenstes. Heurteur, der den Jaromir geben sollte, besuchte mich in meiner Wohnung in dem sogenannten »Elend«, wo er denn erstaunt war, den Dichter am Schreibtische in dem Rohr-Sessel seines Vaters sitzen zu sehen, auf welchem Lehnstuhle, weil das Rohr durchgesessen war, durch ein quer darüber gelegtes Brett ein neuer Sitz improvisiert war.

In diesem Getümmel verlor ich ganz den Überblick. Ich machte die verlangten Änderungen, durch welche mein Stück nicht besser wurde, zum Teil auch darum, weil ich sie nur äußerlich anfügte.

Ich habe sogleich nach der Aufführung bemerkt, daß durch diese »tiefere Begründung« mein Stück aus einem Gespenstermärchen mit einer bedeutenden menschlichen Grundlage, sich jener Gattung genähert hatte, in der Werner und Müllner damals sich bewegten. Bei den spätern Auflagen wollte ich auch geradezu auf mein ursprüngliches Manuskript zurückgehen. Da ich aber bei der zweiten Redaktion, wie der Dichter soll und muß, zugleich manches in der Diktion und sonstigen Anordnung geändert hatte, welches alles mit Rücksicht auf jene Erweiterung der Idee geschah, so hätte es einer dritten Überarbeitung bedurft, was mir viel zu langweilig war. Jenes ursprüngliche Manuskript mit Schreyvogels Randbemerkungen wird sich, als Beweis dessen, unter meinen Papieren finden.

Nun kamen die äußern Verlegenheiten, die, wenn sie mir nicht von andern abgenommen worden wären, mich geradezu bestimmt hätten, mein Stück zurückzuziehen. Es wurde bei der Zensur eingereicht und verboten. Durch die Konnexionen der Schauspielerin Madame Schröder, die als zu einer Einnahme berechtigt, ein Wort mitreden durfte, wurde es erlaubt. Es ist aber nach dieser ersten Vorstellung zum zweitenmale verboten worden. Da trat denn der pensionierte Hofschauspieler Lange, der den Grafen Borotin gab, und die dritte Vorstellung zu seiner Einnahme geben wollte, in die Schranken und mit seiner Rührung als tragischer Vater brachte er die Erlaubnis auch für diese Vorstellung zuwege. Zuletzt kam der Eigentümer des Theaters an der Wien, Graf Palffy, mit utilitarischen Gründen und erklärte, wenn man ihm die Stücke, die Geld eintrügen, verbiete, müsse er sein Theater zuschließen. Das wirkte und Barrabas ward freigegeben.

Ich habe den Ereignissen vorgegriffen und kehre zurück. Die Schauspieler waren von ihren Rollen entzückt. Als ich auf den Proben erschien, wurde ich trotz meines fadenscheinigen Überrocks wie ein junger Halbgott empfangen. Zufällig fanden sich auch, mit Zuhilfnahme der Hofschauspielerin Madame Schröder und des pensionierten Hofschauspielers Lange, die Gastrollen gaben, alle Subjekte vor um das Stück so aufzuführen, wie es wohl auf keiner deutschen Bühne wieder gegeben worden ist. Es wurde darum auch dem Theater an der Wien der Vorzug vor dem Hofburgtheater für mein erstes Erscheinen vor das Publikum gegeben.

Das alles geschah ohne mein Zutun, ja beinahe ohne mein Vorwissen. Da endlich kam der Tag der ersten Vorstellung. Meinen Namen auf den Zettel drucken zu lassen, war ich durchaus nicht zu bewegen. Die Ahnfrau, Trauerspiel in fünf Aufzügen, ohne Angabe des Verfassers, stand an den Straßenecken angeschlagen. Das gab keine gute Vorbedeutung und das Theater war schwach besucht, es gab eine schlechte Einnahme, was mir aber Madame Schröder, die Geld wahrlich brauchte, nie nachgetragen, sondern sich so gegen mich benommen hat, als hätte ich ihr Tonnen Goldes eingebracht. Mir waren von der Benifiziantin drei Sperrsitze in der ersten Galerie zugekommen, die ich mit meiner Mutter und meinem jüngsten, damals eilf oder zwölfjährigen Bruder einnahm. Die Vorstellung, obgleich vortrefflich, machte auf mich den widerlichsten Eindruck, es war mir als ob ich einen bösen Traum verkörpert vor mir hätte. Ich faßte damals den Vorsatz der Vorstellung keines meiner Stücke mehr beizuwohnen, ein Vorsatz den ich bis heute gehalten habe. Die Haltung unserer Familie war höchst wunderlich. Ich selbst rezitierte, ohne es zu wissen, das ganze Stück leise mit. Meine Mutter, vom Theater ab und zu mir gewendet, sagte in einem fort: Um Gotteswillen, Franz, mäßige dich, du wirst krank, indes zu ihrer andern Seite mein kleiner Bruder unausgesetzt betete, daß das Stück gut ausfallen möge. Das Widerliche wurde dadurch vermehrt, daß auf der spärlich besetzten Bank hinter uns ein ganz gut aussehender Herr saß, der mich natürlich nicht kannte, und obschon ihn das Stück zu interessieren schien, sich doch nicht enthalten konnte, ein oft wiederholtes: grell, grell! an meinen Ohren vorbeitönen zu lassen. Es wurde viel geklatscht, aber durchaus nur an Stellen, wo die trefflichen Schauspieler ihre Glanzpunkte hatten. Als ich daher nach geendigter Vorstellung auf die Bühne ging, widersprach ich aufs bestimmteste der Meinung der Schauspieler, daß das Stück sehr gefallen habe.

Bei der Wiederholung am nächsten Abend hatte ich alle Ursache meine Ansicht für die richtige zu halten, denn das Theater war halb leer. Da meinte aber der Schauspieler Küstner: ich kennte ihr Theater nicht. Bei ihnen in der Vorstadt brauche es immer ein paar Tage bis das Gerücht eines Erfolges im Publikum herumkomme. Und so war es auch. Bei der dritten Vorstellung fand sich das Theater wie belagert und das Stück machte in Wien und in ganz Deutschland die ungeheuerste Wirkung.

Ungeachtet dieses allgemeinen Anteils hat mir die Ahnfrau nicht mehr eingetragen als 500 f Papiergeld von der Theaterdirektion und ebenso viel vom Verleger, was beides ungefähr 400 f in Silber gleichkommt. Ich ließ nämlich das Stück, auf Schreyvogels Rat, unmittelbar nach der Aufführung drucken, weil die erschienenen Rezensionen den Inhalt und die Gesinnung aufs unverschämteste entstellten. So gaben es alle Theater in Deutschland nach dem gedruckten Exemplar und machten ungeheure Einnahmen, ohne daß es einem einzigen einfiel mir ein Honorar zu zahlen. Das in Wien Erhaltene diente übrigens dazu unserm Hauswesen aufzuhelfen. Wir bezahlten die fällige Wohnungsmiete und ich behielt für mich nur 50 f Papiergeld, um die ich mir die Braunschweiger Ausgabe von Shakespeare in englischer Sprache und die Heynesche Iliade anschaffte.

Mein Hauptgegner in der Journalistik war, weil ich jetzt mit Schreyvogel stand, derselbe Redakteur der Modenzeitung, der mich einst gegen Schreyvogel benützt und damals ungeheuer gelobt hatte. Er veranlaßte sogar, ehe das Stück noch gedruckt war, einen damals beliebten Dichter in Salzburg, Weissenbach, eine verdammende Kritik, bloß nach den empfangenen brieflichen Mitteilungen, mithin ins Blaue zu schreiben, was mir der ehrliche Mann später abgebeten hat. Die Urteile waren, zufolge der unvertilgbaren Nationalität, beinahe so albern als was man in den heutigen Journalen, Kunstphilosophieen und Literaturgeschichten zu lesen bekommt. Da war nun von nichts die Rede als von Schicksal, daß Verbrechen durch Verbrechen gesühnt würden, und so weiter.

Genau genommen nun, findet sich die Schicksals-Idee gar nicht in der Ahnfrau. Wenn der Richterspruch gegen dieses geistige Wesen lautete, daß sie zu wandeln habe bis ihr Haus durch Verbrechen ausstürbe, so hätten diese Verbrechen allerdings eine Notwendigkeit; da aber das Ende ihrer Strafe nur bis zum Aussterben ihres Hauses, gleichviel wann und wie, bestimmt ist, so ist der Zeitpunkt und daß es durch Verbrechen geschieht, zufällig. Daß die Personen zufolge einer dunkeln Sage eines frühen Verschuldens sich einem Verhängnis verfallen glauben, bildet so wenig faktisches Schicksal, als einer darum unschuldig ist, weil er sich für unschuldig ausgibt.

Damit will ich nicht gegen das Schicksal eifern, sondern gegen sein krudes Vorkommen in der Ahnfrau. Die Poesie kann des Hereinspielens eines Übersinnlichen in das Menschliche nie entbehren. Da uns nun die Wissenschaft darüber gar nichts, oder wenigstens nichts Vernünftiges zu sagen weiß, die Religion aber leider mehr im »Bewußtsein«, als in der Überzeugung lebt, so bleibt uns nichts übrig, als diese Verbindung zweier Welten so zu nehmen, wie sie, einem Grundzuge der menschlichen Natur gemäß, in allen Zeiten und bei allen Völkern vorgekommen ist. Die Alten hatten die grandiose Gestalt des Schicksals; aber auch nur für die Poesie. Es wäre ihnen im wirklichen Leben nicht eingefallen, bei einer Gefahr die Hände in den Schoß zu legen, weil doch das Unvermeidliche nicht zu vermeiden sei, so wie der Richter einem Verbrecher ins Gesicht gelacht haben würde, wenn er sich auf ein Schicksal oder einen erhaltenen Orakelspruch berufen hätte. Diese großartige Gestalt ist allerdings durch die neuern Religionen zerstört worden, aber die Trümmer davon leben unvertilgbar als Vorbedeutung und Vorahnung, als Wirkung von Fluch und Segen, als Gespenster und Hexenglauben fort. Als letztern hat ihn Shakespeare im Macbeth benützt. Wenn ihr mir sagt diese Hexen seien der eigene Ehrgeiz des Helden, so antworte ich euch, tut die Augen auf! Was ihr da vor euch seht, das sind Hexen und nicht der Ehrgeiz. So wie das Gespenst Banquos ein wirkliches Gespenst ist, weil ihr es mit euern eigenen Augen seht, indes der Gedankendolch vor dem Morde, nur ein Gedankendolch ist, denn nur Macbeth sieht ihn, ihr aber nicht. Meint ihr aber, diese Hexenfiguren bekämen ihren Wert für alle Zeiten dadurch, daß sie den Ehrgeiz Macbeths repräsentieren, so habt ihr vollkommen recht, dann denkt aber auch bei der Ahnfrau an den biblischen Spruch von der Strafe des Verbrechens an den Kindern des Verbrechers bis ins siebente Glied, und ihr habt einen Akt geheimnisvoller Gerechtigkeit vor euch, statt eines Schicksals.

Die Grundirrtümer der menschlichen Natur sind die Wahrheiten der Poesie, und die poetische Idee ist nichts anders als die Art und Weise wie sich die philosophische im Medium des Gefühls und der Phantasie bricht, färbt und gestaltet.

Auch hat man bei diesen ekelhaften Streitigkeiten nur immer von Werner, Müllner und der Ahnfrau gesprochen und sich nicht erinnert, daß Schiller in der Braut von Messina das Schicksal in seiner schroffsten Gestalt benützt und es auch theoretisch verteidigt hat. Nun gebe ich gern zu, daß Schiller sich geirrt haben kann, nur tritt diese Möglichkeit bei den Eintagsfliegen der Kritik und Literargeschichte im verdoppelten Maße ein. Zugleich sollten die Deutschen in ihrer abgeschmackten Gründlichkeit nie den Unterschied zwischen Poesie und Prosa, noch den Umstand vergessen, daß ein Trauerspiel, so traurig es sein mag, doch immer auch ein Spiel bleibt.

Ich bin gegen meine Absicht weitläuftig geworden, weil der widerliche Eindruck der damaligen Besprechungen sich mir in der Erinnerung erneuert. Es hat mir die Freude an dem Gelingen meines Werkes verkümmert. Zugleich aber, da immer von Räubern, Gespenstern und Knall-Effekten die Rede war, beschloß ich bei einem zweiten Drama, wenn es ja zu einem zweiten kommen sollte, den möglichst einfachen Stoff zu wählen um mir und der Welt zu zeigen, daß ich durch die bloße Macht der Poesie Wirkungen hervorzubringen imstande sei.

Ich fand keinen solchen Stoff, vielleicht nur darum weil ich keinen suchte. Mein Gemüt war verbittert. Ich merkte wohl, daß ich als der letzte Dichter in eine prosaische Zeit hineingekommen sei. Schiller – bei dessen Leichenfeier im Kärtnertortheater ich, von der Menge mit der Brust gegen eine halbgeöffnete Tür gedrängt, bald selbst das Leben verloren hätte – war tot, Goethe hatte sich der Wissenschaft zugewendet und förderte in einem großartigen Quietismus nur das Gemäßigte und Wirkungslose, indes in mir alle Brandfackeln der Phantasie sprühten. So verging Frühling und Sommer in träumerischem Nichtstun. Gegen Anfang des Herbstes machte ich einen Spaziergang längs der Donau in den Prater. Bei den ersten Bäumen begegnet mir ein noch jetzt lebender Doktor Joel, der mich aufhält und mir sagt, wie der Kapellmeister Weigl lebhaft einen Operntext wünsche. Meine Poesie in Verbindung mit Weigls Musik – und so weiter. Er selbst habe einen vortrefflichen Opernstoff gefunden. Obwohl ich nicht die geringste Lust hatte einen Operntext zu schreiben, fragte ich doch nach diesem Stoffe. Er nannte Sappho. Ich versetzte augenblicklich, das gäbe allenfalls auch ein Trauerspiel. Er dagegen meinte, dazu seien denn doch zu wenig Begebenheiten. So trennten wir uns, er ging nach der Stadt und ich dem Prater zu. Der Name Sappho hatte mich frappiert. Da wäre ja der einfache Stoff den ich suchte. Ich ging weiter und weiter in den Prater und als ich spät abends nach Hause kam, war der Plan zur Sappho fertig. Ich ließ mir nur noch des andern Tages in der Hofbibliothek die erhaltenen Fragmente ihrer Gedichte geben, fand das eine der beiden vollständigen, an die Liebesgöttin, ganz für meinen Zweck geeignet, übersetzte es auf der Stelle und ging schon des nächsten Morgens an die Arbeit.

Wir hatten zu dieser Zeit von der Wohnung einer gleichfalls verwitweten, aber ungleich besser gestellten Schwester meiner Mutter, im Schottenhofe zwei Zimmer zur Aftermiete bezogen. Daß sie im ersten Stocke, gerade über der Backstube eines unten wohnenden Bäckers lagen, schien kein Anstand, da der Sohn meiner Tante mehrere Jahre lang in dem Zimmer geschlafen hatte, das für mich bestimmt war. Bald zeigte sich aber ein bedeutender Unterschied in unserm verwandtschaftlichen Nervensystem. Ich konnte nämlich der dumpfen Wärme und des leisen Hantierens der Bäckersknechte wegen in der Nacht kein Auge schließen. Da erbot sich eine zweite, gleichfalls im Schottenhofe wohnende Tante, eine noch jetzt im hohen Alter lebende, vortreffliche Frau, mir ein Zimmer ihrer Wohnung, das sie nur bei Tage benützte, nachts zum Schlafen zu überlassen. Ich nahm mit Vergnügen an und wanderte nun täglich im Finstern, während alles im Hause schon schlief, nach meinem subsidiarischen Schlafgemache, wo ich mich leise zu Bette legte, um des nächsten Morgens so früh als möglich aufzustehen und bei einem schlechten Tintenzeuge auf grobem Konzept-Papier an meinem Stücke zu arbeiten. Ich legte mir, obwohl der Stoff mich anzog, doch ein tägliches Pensum auf, dem ich umsomehr treu blieb, als unsere wieder dringend gewordenen häuslichen Bedürfnisse einer Nachhilfe dringend bedurften. Auch die Sappho wurde in weniger als drei Wochen vollendet.

Mein Freund und frühere Ratgeber Schreyvogel war während dieser ganzen Zeit auf einer Reise in Deutschland abwesend, wo er taugliche Subjekte für das Hofburgtheater aufsuchte. Als ich ihm bei seiner Zurückkunft das Stück fertig übergab, schien er anfangs nicht sehr erbaut; erwärmte sich aber nach und nach, ohne daß von Änderungen oder Verbesserungen auch nur die Rede war, die ich auch nicht zugegeben hätte. Ja eines Tages sagte er mir: Sie haben einen großen Begünstiger ihres Stückes gefunden. Es war dies der Schauspieler Moreau, der auch als Komparsen-Inspizient fungierte und dem das Manuskript zur Herbeischaffung und Abrichtung der erforderlichen Sklaven und Sklavinnen übergeben worden war. Er hatte sich geäußert, das Stück gefalle ihm besser als »die Schuld« was damals kein kleines Lob war, und woran Schreyvogel vor der Hand zu glauben schien.

Nun ging es an die Besetzung der Rollen. Madame Schröder in deren Fach die Sappho gehörte, befand sich in Folge eines ihrer immerwährenden Kriege mit der Direktion im Auslande und drohte nicht wiederzukommen. Man ward aber genötigt auf eine in andern Fächern vortreffliche Schauspielerin Madame Löwe zu denken, die aber dieser Rolle nicht gewachsen war. Herr Korn war Phaon. Für die Rolle der Melitta hatte ich zu allgemeiner Verwunderung die Gattin dieses letztern bezeichnet, die höchst liebenswürdig in den sogenannten Ingénues, nie in versifizierten Stücken, vor allem aber nicht in der Tragödie gespielt hatte. Endlich kam Madame Schröder zurück, bemächtigte sich der Haupt-Rolle, war Feuer und Flamme, und steckte jedermann mit ihrer Begeisterung an.

Es kam zu den Proben. Damals war es mit diesen Vorübungen im Hofburgtheater sehr schlecht bestellt. Besonders bei Stücken wo nur drei oder vier Rollen, und diese in den Händen von als vortrefflich anerkannten Schauspielern, vorkamen, verliefen die beiden ersten Proben in Verabredungen über das Rechts oder Links des Auftretens, die Feststellung der Plätze und der Grade der Annäherung oder Entfernung. Die Rollen wurden beinahe nur gemurmelt, um so mehr als die Schauspieler ihrer noch gar nicht mächtig waren. Bei der dritten und letzten Probe endlich mußten sie doch mehr aus sich herausgehen. Da machte denn Madame Korn als Melitta solche Wunderlichkeiten, war so manieriert und unwahr, daß mich Schauder befielen. Ich saß im finstern Parterre allein auf einem Sperrsitze und dachte, die kleine Person allein reicht hin um das ganze Stück umzuwerfen. Da, während des vierten und fünften Aktes, wo man mit Vorrichtungen für den Sturz vom leukadischen Felsen längere Zeit hinbrachte, raschelt es plötzlich neben mir. Ein Frauenzimmer hat sich neben mich gesetzt, sie fängt an zu reden, es ist Madame Korn. Sagen Sie mir doch, hebt sie an, haben Sie sich denn die Melitta so gedacht? Aufrichtig gesagt, erwiderte ich: Nein! Aber wie soll ich sie denn sonst spielen? fährt sie fort. – Ich glaubte, Sie würden sie spielen wie Sie Ihre übrigen Rollen spielen. – Aber mein Mann und die Schröder sagen, im griechischen Trauerspiele müsse alles gehoben sein. – Da haben Ihr Gemahl und die Schröder allerdings recht, aber der Vers, die Umgebung – ich hätte hinzusetzen können: Ihr unvergleichliches Talent – werden schon die nötige Hebung hineinbringen, ohne daß Sie sich deshalb besondere Mühe zu geben brauchen. – Aber, sagt sie weiter, das Stück wird morgen schon gegeben, wie soll ich denn die ganze Rolle umlernen? – Das wußte ich freilich nicht, meinte aber, sie sollte wenigstens so viel als möglich von ihrem natürlichen Tone hineinbringen. – Damit ging sie fort, warf über Nacht die ganze ihr aufgedrungene Ansicht der Rolle von sich, und war bei der Aufführung so über alle Beschreibung liebenswürdig, daß sie die Krone des Abends davontrug.

Das Stück machte unglaubliche Sensation. Ich selbst befand mich, meinem Vorsatze getreu, nicht unter den Zusehern, sondern auf der Bühne. Meine Mutter aber, die einen Sperrsitz in der dritten Galerie inne hatte, wurde von einigen erkannt und sonach vom Publikum umringt, die ihr zu ihrem Sohne und seinem Erfolge Glück wünschten, so daß die gute Frau vor Freude weinend nach Hause kam.

Mit der Kritik kam ich diesmal sehr gut zurechte. Damals herrschten noch Lessings, Schillers, Goethes Ansichten in der deutschen Poesie, und daß menschliche Schicksale und Leidenschaften die Aufgabe des Drama seien, fiel niemand ein zu bezweifeln. Das Antiquarische, Geographische, Historische, Statistische, Spekulative, der ganze Ideenkram, den der Dichter fertig vorfindet, und von außen in sein Werk hineinträgt, ward dadurch von selbst zur Staffage und ordnete sich dem Menschlichen unter. Höchstens meinten einige, das Stück sei nicht griechisch genug, was mir sehr recht war, da ich nicht für Griechen sondern für Deutsche schrieb. Ebenso war es mit einem weitern Tadel: ich hätte in Sappho mehr das Weib als die Dichterin geschildert. Ich war nämlich immer ein Feind der Künstler-Dramen. Künstler sind gewohnt die Leidenschaft als einen Stoff zu behandeln. Dadurch wird auch die wirkliche Liebe für sie mehr eine Sache der Imagination als der tiefen Empfindung. Ich wollte aber Sappho einer wahren Leidenschaft und nicht einer Verirrung der Phantasie zum Opfer werden lassen. Von allen Kritikern zeigte sich nur Müllner erbost und ungerecht. Es gehört jetzt zum Ton, über den Verfasser der Schuld und des Yngurd abschätzig zu sprechen. Demungeachtet aber lebt jetzt kein Dichter, der in dem, was Müllner gut gemacht hatte, ihm an die Seite gesetzt werden könnte, so wie er auch der letzte sachkundige Kritiker in Deutschland war.

Schreyvogel stand mit Müllner in Briefwechsel, er schickte ihm die Sappho im Manuskript. Da erhalte ich denn ein Schreiben von Müllner, in dem er in den gesteigertsten Ausdrücken seine Billigung des Stückes ausspricht, nur sollte ich den ersten Akt weglassen, meinte er. Ich schrieb ihm, in dem Tone wie es dem Jüngern gegen den Altern zukommt, die Gründe warum mir dieser Akt notwendig scheine. Darüber wurde nun der Mann so erbost, daß er in seinem Mitternachtsblatte eine Kritik erscheinen ließ, die über das Stück von Anfang bis zu Ende den Stab brach. Ich hätte nichts gebraucht, als seinen frühern lobenden Brief drucken zu lassen, um ihn durch sich selbst zu widerlegen. Ich tat es nicht, wie ich denn überhaupt auf Kritiken nie geantwortet habe, nicht aus Ängstlichkeit, sondern aus Verachtung.

Der Ertrag meines Stückes war wieder höchst unbedeutend. Die Theater in Deutschland honorierten damals äußerst bettelhaft, ja ich erinnere mich, daß eine königliche Hofbühne für die Sappho, die in ganz Deutschland mit Enthusiasmus aufgenommen und unzähliche Mal gegeben wurde, mir drei, sage: drei Dukaten bezahlte, welche ich nur darum nicht zurückwies, weil eine Kompensation mit der Forderung eines dortländigen Dichters an das Wiener Hoftheater dabei ins Mittel trat.

Für den Druck des Stückes erhielt ich Anträge von den meisten deutschen Buchhandlungen; ich gab es aber für ein höchst mäßiges Honorar demselben Wiener Buchhändler, der die Ahnfrau gedruckt hatte, größtenteils aus einem vaterländischen Gefühle, weil es mich verdroß, daß ein östreichischer Dichter durchaus eine fremde, wenn auch deutsche Protektion nötig haben sollte. Ich tat unrecht, denn die Verbreitung meiner Arbeiten in Deutschland wurde sehr durch die mißliebige Wiener Firma beschränkt und gehemmt.

Nachhaltiger aber wurde unser ökonomischer Zustand durch die Vorsorge der Staatsbehörden verbessert. Graf Stadion, damaliger Finanz-Minister, dem die Wiener Hoftheater untergeordnet waren, ließ das Burgtheater mit mir einen Kontrakt auf unbestimmte Zeit abschließen, durch den mir, bis ich im Staatsdienste befördert werden könnte, als Theaterdichter ein Gehalt von jährlichen 2000 f Papiergeld zugesichert wurde. Selbst Fürst Metternich ließ mich zu sich kommen, und empfing mich, wobei Hofrat Gentz als dritter gegenwärtig war, aufs freundlichste. Er belobte mich und mein Stück, fragte mich um meine Aussichten und Wünsche, und erbot sich jeden derselben, soweit sein Einfluß reichte, wie er sich höchst bescheiden ausdrückte, zu unterstützen und zu fördern. Ich erzählte was bereits Graf Stadion für mich getan und daß ich vollkommen zufrieden sei. Überhaupt herrschte damals die günstigste Stimmung für mich in allen Schichten der Gesellschaft. Hätte ich nie etwas anderes geschrieben als wobei es sich darum handelt ob Hans die Grete bekommt oder nicht bekommt, ich wäre der Abgott der Staatsgewalten gewesen, kaum aber ging ich über diese engen Verhältnisse hinaus, so fing die Verfolgung von allen Seiten an.

Graf Stadion, einer der ausgezeichnetsten Männer seiner Zeit, und mein einziger Gönner und Beschützer unter allen Verhältnissen, legte aber, ohne es zu wissen und zu wollen, zugleich den Grund zu allen spätern Mißständen. Ich diente damals bei der Finanzhofstelle im Zoll-Bureau. Die Idee mich unter den Zöllnern zu wissen, wie er sich ausdrückte, war ihm unerträglich. Trotz meiner Weigerung bestand er darauf, mich in das Departement zu versetzen, dem nebst den allgemeinen Kassen-Gegenständen die Hoftheater untergeordnet waren, und zwar sollte ich nur in Theatersachen arbeiten. Da fand ich den neuen Chef, dem nicht allein jede Kunstansicht fremd war, sondern der sogar von dem Technischen nicht das geringste verstand, und dabei von so verschmitztem und niedrigem Charakter, daß nachdem sich einmal die Unverträglichkeit unserer Ansichten herausgestellt hatte, er einen eigentlichen Haß auf mich warf und jede Gelegenheit ergriff mir zu schaden, was ihm denn auch nur zu gut gelang.

Das erste war, daß er mich mit Schreyvogel zu verfeinden suchte, den er für einen Kunst-Enthusiasten, d.h. nach seiner Meinung für einen Halb-Wahnsinnigen hielt. Als wir uns aber über die Lügen und erdichteten Äußerungen, die er uns über einander mitteilte, verständigten, warf er mich in eine Klasse mit jenem und tat von allem das Gegenteil was ich ihm riet. Da ich mich nun jeder Mitwirkung nach Möglichkeit entzog und somit ziemlich unbeschäftigt blieb, so kam ich in den Ruf eines nachlässigen Beamten, indes mein früherer Chef im Zoll-Departement in Verzweiflung war, mich, als einen seiner brauchbarsten Arbeiter, zu verlieren.

Ich hatte indes den Plan zu einem neuen Stücke gefaßt, demselben das viele Jahre später unter dem Titel: der Traum ein Leben auf die Bühne kam. Es ist einem der kleinen Romane von Voltaire entlehnt, was ich so wenig verbergen wollte, daß ich sogar die Eigennamen des Originals beibehielt. Demungeachtet hat es kein Kritiker bemerkt, man liest eben Voltaire nicht mehr, man begnügt sich über ihn abzuurteilen, ohne ihn zu kennen. Das Stück sollte, da es phantastischer Art war, im Theater an der Wien aufgeführt werden, und der Schauspieler Heurteur, der den Jaromir in der Ahnfrau mit so viel Glück gegeben hatte, die Rolle des Rustan spielen. Der Neger Zanga war für Küstner bestimmt, einen talentvollen, aber nach Art der Vorstadttheater etwas grellen Darsteller. An ihm scheiterte aber das Vorhaben. Da er sich auf seine Mimik viel zugute tat, die, die Wahrheit zu sagen, etwas ans Fratzenhafte grenzte, lag er mir unaufhörlich an, den Zanga keinen Schwarzen sein zu lassen, da der schwarze Anstrich ihn eines Haupthebels seines Spiels beraubte. Mir stand nun aber Zanga als Schwarzer da, wie er denn auch als solcher in der Erzählung vorkommt. Darüber verlor ich die Lust, und ließ das Stück mit dem ersten Akte liegen. Nun begab sich aber das Sonderbare, daß Küstner zu seiner bald darauf erfolgenden Einnahme ein Stück brachte, dem gleichfalls ein objektivierter Traum zu Grunde lag. Ob das Zufall war, oder Küstner, der es überhaupt mit der Ehrlichkeit nicht sehr genau nahm, sich nach vagen Erinnerungen ein solches Stück von einem andern Dichter bestellt hatte, weiß ich nicht. Es machte wenig Eindruck, nahm mir aber doch die Lust, an dem meinigen weiter zu arbeiten, da die Neuheit der Sache einmal verloren war.

So viele mir ungewohnte Aufregungen, zugleich die sich immer mehr aufdringende Überzeugung, daß meine rein künstlerischen Ansichten mit einer in Deutschland sich mehr und mehr Platz machenden Ideologie in geradem Widerspruch ständen, so daß auf eine ungetrübte Wirksamkeit nicht zu rechnen sei, griffen meine von Natur schwache Gesundheit bedeutend an. Unsere verbesserten Umstände machten einen von den Ärzten angeratenen Landaufenthalt nunmehr möglich. Wir wählten Baden bei Wien, um so mehr, als meiner Mutter der Gebrauch der dortigen Bäder verordnet worden war. Hier sollte ich, wieder durch einen Zufall, den Stoff zu meiner dritten dramatischen Arbeit finden. Wir waren in Baden angekommen, indes unser Gepäck noch zurück war. Das mir bestimmte Zimmer war von dem Sohne der Hauswirtin, einem Studenten bewohnt worden. Da meine Bücher noch nicht angekommen waren, ergriff ich einen von ihm zurückgelassenen Schweinslederband. Es war Hederichs mythologisches Lexikon. Darin herumblätternd fiel ich auf den Artikel Medea. Nun wußte ich, wie natürlich, die Geschichte dieser berüchtigten Zauberin sehr wohl, hatte aber die einzelnen Ereignisse in solcher Nähe auf einmal nie vor mir gehabt. Mit derselben Plötzlichkeit wie bei meinen frühern Stoffen, gliederte sich mir auch dieser ungeheure, eigentlich größte den je ein Dichter behandelt. Das goldene Vließ war mir als ein sinnliches Zeichen des ungerechten Gutes, als eine Art Nibelungenhort, obgleich an einen Nibelungenhort damals niemand dachte, höchst willkommen. Mit Rücksicht auf dieses Symbol und da mich vor allem der Charakter der Medea und die Art und Weise interessierte, wie sie zu der für eine neuere Anschauungsweise abscheulichen Katastrophe geführt wird, mußten die Ereignisse in drei Abteilungen auseinander fallen. Also eine Trilogie, obwohl mir die Vorspiele und Nachspiele von jeher zuwider waren. Demungeachtet fühlte ich mich zur Ausführung unwiderstehlich hingezogen und ich gab nach. Ich hatte darin doppelt unrecht. Einmal ist die Trilogie, oder überhaupt die Behandlung eines dramatischen Stoffes in mehreren Teilen für sich eine schlechte Form. Das Drama ist eine Gegenwart, es muß alles, was zur Handlung gehört in sich enthalten. Die Beziehung eines Teiles auf den andern gibt dem Ganzen etwas Episches, wodurch es vielleicht an Großartigkeit gewinnt, aber an Wirklichkeit und Prägnanz verliert. Die Trilogie des Äschylus ist eine Aneinanderreihung dramatisch unabhängiger Stücke. In den Choephoren treten ganz neue Personen auf und es entlehnt aus dem Agamemnon nichts als den ohnehin jedermann bekannten Gattenmord, wie denn auch Sophokles und Euripides beide Elektren ohne Vorstück geschrieben haben. Die Eumeniden sind ein athenisch-patriotisches Stück, eine Verherrlichung des Areopags und der Nationalgottheit Athene, so daß das Schicksal Orests gleichsam in den Hintergrund tritt. Der durchgehende Faden verknüpft ohne zu bedingen. Anders ist es im Wallenstein. Das Lager ist völlig überflüssig und die Piccolomini sind nur etwas, weil Wallensteins Tod darauf folgt. Diese Form ist die fehlerhafte, unbeschadet der Vortrefflichkeit unsers deutschen Meisterwerkes. Außer diesen formellen Bedenken, hätte mich auch die Rücksicht auf die Natur meiner poetischen Begabung zurückhalten sollen. In mir nämlich leben zwei völlig abgesonderte Wesen. Ein Dichter von der übergreifendsten, ja sich überstürzenden Phantasie und ein Verstandesmensch der kältesten und zähesten Art. Nun war nicht zu hoffen, daß, meine schwankende Gesundheit in Anschlag gebracht, ich mich durch einen so langen Zeitverlauf als diese Ausarbeitung voraussetzte, immer auf dem Standpunkte der Anschauung werde erhalten können und sobald ich zur Reflexion Zuflucht nehmen mußte, war alles verloren. Dabei waren noch gar nicht hemmende und unglückliche Ereignisse in Anschlag gebracht, die in der Folge wirklich eintraten. Ich gab also nach, und wenn ich nicht gleich zur Arbeit schritt, war es nur der Zustand meiner Gesundheit, der sich von Tag zu Tag verschlimmerte. Magen und Eingeweide versagten ihren Dienst, ein heißer Kopf und kalte Füße deuteten auf Krämpfe und eine Verstimmung der Nerven, gegen die der Arzt keinen Rat mehr wußte. Da besuchte mich eines Tages der damalige Prälat von Lilienfeld, spätere Erzbischof von Erlau, Ladislaus Pyrker. Als er meinen Zustand sah, forderte er mich auf mit ihm nach Gastein zu gehen, wohin er eben ins Bad abreisen wollte. Ich zog den Arzt zu Rate, er billigte das Unternehmen und zwei Stunden darauf saß ich mit Pyrker im Wagen und wir zogen nach Gastein. Dieses Bad hat mir damals wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich kam gestärkt und wieder arbeitsfähig zurück.

Es ging nun an die Ausführung des goldenen Vließes. Nie habe ich an etwas mit so viel Lust gearbeitet. Vielleicht war es gerade die Ausdehnung und Schwierigkeit der Aufgabe, die mich anzog. Die ersten beiden Abteilungen sollten so barbarisch und romantisch gehalten werden als möglich, gerade um den Unterschied zwischen Kolchis und Griechenland herauszuheben, auf den alles ankam. Ich erhielt mich glücklich auf der Höhe, die ich mir vorgesetzt und war über die Hälfte der zweiten Abteilung gelangt, so daß ich hoffen konnte, diese baldigst zu vollenden. Aber Oben war es anders beschlossen. Während ich mich in Gastein befand, hatte meine Mutter immerfort gekränkelt. Sie hatte ihr achtundvierzigstes Jahr erreicht und befand sich auf dem gefährlichen Punkt wo die weibliche Natur einen großen Umschwung erleidet. Trotz des Beistandes eines sehr geschickten Arztes, verschlimmerte sich ihre Krankheit von Tag zu Tag, sie konnte endlich das Bette nicht mehr verlassen, ja es stellte sich periodenweise eine eigentliche Geistesverwirrung ein. In diesem Zustande begehrte sie, da die österliche Zeit heranrückte, aufzustehen und zur Kommunion zu gehen, obschon sie sonst gerade nicht sehr religiös gestimmt war. Auf mein Befragen erklärte der Arzt, daß von einem Selbstbesuch der Kirche für sie durchaus nicht die Rede sein könne, ja selbst die Kommunion im Hause schien ihm wegen der damit verbundenen Aufregung bedenklich, um so mehr als an eine nahe bevorstehende Todesgefahr gar nicht zu denken sei. Sie könnte, meinte er, sich und andern zur Qual in ihrem gegenwärtigen Zustande noch mehrere Jahre leben. Um sie zu beruhigen, versprach ich ihr nächsten Tages den Priester mit dem Allerheiligsten holen zu lassen, indem ich hoffte, daß bis dahin sich ihre Besinnung wieder hergestellt haben werde. Und so legte ich mich zu Bette. Nach Mitternacht gegen Morgen wurde ich durch ein Klopfen an meine Türe aufgeweckt. Es war die Magd, die, neben der Köchin, eigens zur Pflege der Kranken aufgenommen worden war. Sie bat mich um Gotteswillen hinüber zu kommen, da die gnädige Frau durchaus nicht ins Bette zurückgehen wolle. Ich eilte ins Zimmer meiner Mutter und fand diese halb angekleidet an der Wand zu Häupten ihres Bettes stehend. Ich beschwor sie, sich keiner Verkältung auszusetzen und sich wieder niederzulegen, erhielt aber keine Antwort. Ich faßte sie an, um allenfalls ihrer Schwäche nachzuhelfen, da, bei dem Scheine des von der Magd gehaltenen Lichtes, sehe ich ihre Züge starr und leblos. Ich hielt meine Mutter tot in meinen Armen. Wahrscheinlich war ihr während der Nacht der Gedanke wiedergekommen in die Kirche zur Kommunion zu gehen. Während sie sich ankleiden wollte, traf sie ein Schlagfluß, wobei ihr Rücken gegen die Mauer lehnte, während ihre Knie sich gegen den vor ihr stehenden Nachttisch stemmten, so daß sie aufrecht im Tode dastand. Das Entsetzen dieses Momentes läßt sich begreifen. Da aber vielleicht noch Hilfe möglich sein konnte, befahl ich den Mägden die Frau ins Bette zu bringen und eilte augenblicklich fort nach dem Arzte, der mir auch ebenso schnell folgte. Als wir kamen, hatten sich die dummen Weibsbilder nicht getraut die Tote anzufassen und sie stand noch immer neben ihrem Bette. Wir brachten sie in dieses, wobei aber sogleich der Arzt erklärte, daß hier von einer Hilfe keine Rede mehr sei. Was ich empfand könnte nur derjenige beurteilen, der das, ich möchte sagen, Idyllische unsers Zusammenlebens gesehen hätte. Seit ich nach dem Versiegen ihrer eigenen Hilfsquellen allein die Bedürfnisse des Hauses bestritt, vereinigte sich für sie in mir der Sohn und der Gatte. Sie hatte keinen Willen als den meinigen, mir fiel aber auch nicht ein einen Willen zu haben, der nicht der ihrige gewesen wäre. Alles Äußere überließ ich ihr blindlings, wogegen sie sich aber auch alles Einmengens in meine Gedanken, Empfindungen, Arbeiten und Überzeugungen gleicherweise enthielt. Sie hatte nach der Art der weiblichen Zeitgenossen ihrer Jugend wenig sogenannte Bildung, von Lernen besonders war damals bei dem weiblichen Geschlechte wenig die Rede, aber nach dem Künstlerischen ihrer musikalischen Natur fehlte es ihr nicht an Sinn für jedes, und sie konnte in alles eingehen, wenn sies auch nicht verstand. Aus unserm Zusammenleben konnte ich abnehmen, daß ein eheliches Verhältnis meinem Wesen gar nicht entgegengesetzt war, obwohl ein solches Verhältnis sich nicht gefunden hat. Es liegt etwas Rekonziliantes und Nachgiebiges in mir, das sich nur gar zu gern selbst der Leitung anderer überläßt, aber immerwährende Störungen oder Eingriffe in mein Inneres dulde ich nicht, kann ich nicht ertragen wenn ich auch wollte. Ich hätte müssen allein sein können in einer Ehe, indem ich vergessen hätte, daß meine Frau ein anderes sei, meinen Anteil an dem wechselseitigen Aufgeben des Störenden hätte ich herzlich gern beigetragen. Aber eigentlich zu zweien zu sein, verbot mir das Einsame meines Wesens. Einmal schien ein solches Verhältnis sich gestalten zu wollen, es ward aber gestört, weiß Gott, ohne meine Schuld.

Die, wenigstens für mich, gräßlichen Umstände bei dem Tode meiner Mutter, griffen meine Gesundheit aufs feindseligste an. Die Arzte rieten zu einer augenblicklichen Entfernung von Wien. Die frühe Jahreszeit, es war im Monat März, erlaubte einen Landaufenthalt nicht; also eine Reise; aber wohin? Italien stand mir zwar von jeher lockend da, aber die Reise eines Beamten ins Ausland brauchte damals so viele Vorbereitungen. Es mußte ein Vortrag an den Kaiser oder dessen Stellvertreter erstattet werden, und erst nach erlangter höchster Genehmigung wurde der erforderliche Paß ausgefertigt. Auch waren die Reisegelegenheiten damals nicht so organisiert wie gegenwärtig. Extrapost zu nehmen erlaubten meine Geldmittel nicht, selbst Eilwägen gab es nicht, alle übrigen Transportmittel waren eher Gesundheit-zerstörend als heilend. Da erscheint mein Vetter und Freund Paumgartten und sagt mir: ein Graf Deym wolle mit eigenem Wagen und Extrapost nach Italien reisen und suche einen Gefährten auf halbe Kosten.

Es war nämlich in demselben Jahre (1819) der Kaiser von Österreich mit Frau und einem beträchtlichen Gefolge nach Rom und Neapel gereist, auch schon an ersterem Orte angelangt. Graf Deym war kaiserlicher Kämmerer und hielt für seine Pflicht seinem Herrn in der Fremde aufzuwarten, wohl auch seine Dienste anzubieten. Man beschrieb mir den Mann als wunderlich aber gutmütig; so war er auch. Die fehlende kaiserliche Genehmigung zu meiner Reise erbot sich der Finanz-Minister Graf Stadion dadurch zu ersetzen, daß er mir auf eigene Verantwortung die Erlaubnis erteilte, mit dieser sollte ich einen Passierschein der Wiener Polizei erheben, der förmliche Paß würde mir später nachgesendet werden. Der Wiener Polizeidirektor gab mir auf Grundlage der Erlaubnis des Grafen Stadion einen Passierschein für das Inland und einen versiegelten Brief, in Folge dessen man mir in jeder Provinzial-Hauptstadt einen Reisepaß ins Ausland ausfertigen würde. Mein Entschluß war gefaßt, ich begab mich mit Graf Deym auf den Weg. In Graz übergab ich meinen versiegelten Brief der dortigen Polizeidirektion, man erbrach ihn, las ihn und gab mir ihn neu versiegelt wieder, indem man mir sagte, in Laibach würde ich sicher einen Reisepaß bekommen. In Laibach dasselbe Manöver. In Triest begnügte man sich nicht einmal damit, sondern die Polizei war sogar so gefällig, uns zur Mietung eines Handels-Trabaccolo zur Reise nach Venedig behilflich zu sein, dessen Gouverneur, wie man sagte, die Macht hätte, mir einen Paß fürs Ausland auszufertigen. Ich war also noch immer in Gefahr an der Grenze wieder umkehren zu müssen.

Befanden sich die Kommunikations-Mittel zu Lande für einen Reisenden, der Eile hatte, damals in einem übeln Zustande, so war es mit den Gelegenheiten zur See noch schlimmer. Man hatte gerade in jenem Jahre ein Dampfboot in Triest eingerichtet, das aber nur ein- oder zweimal die Woche nach Venedig abging, und gerade am Tage unserer Ankunft dahin abgegangen war. Wir mußten uns daher in das kleine Handels-Trabaccolo einpferchen lassen, das von Käse und Tran stank, um schon am Lande Übelkeiten zu erregen. Ein Beamter der Polizei begleitete uns auf das Fahrzeug, ich weiß nicht ob aus Gefälligkeit oder zur Überwachung. Ich möchte wohl wissen was in dem versiegelten Briefe des Wiener Polizei-Direktors gestanden hat.

Unsere Überfahrt war teils durch die Unbequemlichkeit unserer Barke, teils durch abwechselnde Windstillen und widrige Winde beinahe unleidlich. Wir brauchten von Triest nach Venedig, ein Zwischenraum, den man mit dem Dampfboote in wenigen Stunden zurücklegt, zwei volle Tage. Zugleich quälten mich die Anfänge der Seekrankheit, ein Leiden, das mir immer um so unerträglicher war, da meiner Körperbeschaffenheit die natürliche Erleichterung als Heilmittel versagt ist.

Ich kam halb krank in Venedig an, was mich aber nicht hinderte, die wundervolle Stadt, diese versteinerte Geschichte, mit all ihrem Zauber in mich aufzunehmen. Auch für den Rest meiner Reise sollte hier gesorgt werden, da der Gouverneur von Venedig, Graf Goes, ein liebenswürdiger, menschenfreundlicher Mann, sich bereit erklärte mir meinen Paß auszufertigen, was auch geschah. Er lud uns wiederholt zu Tische, ja er erbot sich sogar mir die Bekanntschaft von Lord Byron zu verschaffen, der sich damals eben in Venedig befand. Er wollte ihn über den dritten Tag zu sich laden, da die andern Tage mit offiziosen Dinés besetzt waren. Unter allen andern Umständen, sagte er, würde Lord Byron die Einladung ausschlagen, aber eben jetzt ist er mir großen Dank schuldig, weil ich ihn in der Entführungsgeschichte mit jener Bäckersfrau vor der Wut des Pöbels geschützt habe. Er wird kommen, freilich so wenig als möglich sprechen, aber Sie werden ihn wenigstens sehen und wer weiß ob Sie ihm nicht denn doch Rede abgewinnen. Nun hatte ich Lord Byron gewissermaßen schon gesehen, im Theater nämlich. Da setzte er sich geflissentlich in den Schatten der Logewand, so daß mein schlechtes, obgleich bewaffnetes Auge von ihm nichts unterscheiden konnte, als daß er beleibter war, als ich mir ihn vorgestellt hatte. Das Anerbieten des Grafen Goes setzte mich in große Verlegenheit. Einerseits hätte ich alles darum gegeben mit Lord Byron beisammen zu sein, andererseits rückte die Osterwoche heran, und die kirchlichen Feierlichkeiten in Rom ließen sich nicht nachtragen. Da nun zugleich mein Reisegefährte wenig Lust hatte um Lord Byrons willen die Osterzeremonieen zu versäumen, so mußte ich auf die interessante Bekanntschaft Verzicht leisten und wir reisten desselben Abends ab. Noch erinnere ich mich des zauberischen Eindrucks, als bei Rovigo die Sonne aufging und, indes wir uns auf dem Wege durch Kärnten und Krain mit Schnee und Eis herumgeschlagen, in Venedig aber nichts als zeitlose Steine und Mauern gesehen hatten, mit einemmale der Frühling mit Blättern und Blüten vor uns stand. Dieser Frühling hinderte aber nicht, daß als wir nachts die Apeninnen passierten, wir eine Kälte ausstanden, wie ich sie im Leben nie mehr empfunden habe. Ja diese Kälte verschaffte mir den ersten und einzigen Rausch meines Lebens. Wir reisten Tag und Nacht trotz der Warnungen vor Räubern, ja selbst der Widersetzlichkeit der Postillione. In Radicofani aber war es durchaus nicht möglich weiter zu kommen und wir beschlossen zu übernachten. Auf die Frage des Wirtes, welchen Wein wir trinken wollten, überließen wir ihm die Wahl und er brachte uns zwei Sorten: Montefiaskone und Lacrimae Christi in den bekannten wälschen großen Korbflaschen, wo man denn nach Maßgabe des entstandenen leeren Raums bei der Zeche bezahlt. Wir versuchten die beiden Gattungen, fanden sie beide vortrefflich und tranken am Kaminfeuer bis in die Nacht, ohne daß ich auch nur die geringste Anmahnung einer Befangenheit des Kopfes verspürt hätte. Als ich aber dem Kammeriere nach meinem Schlafzimmer folgend, den kalten Gang betrat, verlor ich augenblicklich die Besinnung, ging aber nichtsdestoweniger mechanisch hinter ihm her, ohne daß er, wie es scheint, nur das geringste von meinem Zustande bemerkte. Des andern Morgens fand ich mich unausgekleidet auf meinem Bette, das Licht im Leuchter bis zu Ende herabgebrannt, übrigens aber ohne Kopfweh und vollkommen reiserüstig. Wir kamen denn auch am Donnerstag vor Ostern in Rom an, so daß die Feierlichkeiten des Mittwochs bereits versäumt waren. Diese Feierlichkeiten sind jedermann aus tausend Beschreibungen bekannt. Das wunderbare Miserere von Allegri durch die herrlichsten Stimmen ausgeführt, wobei man mit theatralischer Kunst, den Zeitpunkt abwartet, wo die sixtinische Kapelle mit Michelangelos Meisterwerken sich schon in Dunkelheit zu hüllen anfängt, und nun aus dem allein erleuchteten Chor die Töne wie aus dem Himmel herabsteigen, die Fußwaschung, die Pontifikalmesse mit dem Segen des Papstes, dazu der Drang, in den freien Zwischenzeiten die Gemälde und Antiken bis zu näherer Betrachtung, wenigstens zu durchkosten, das alles verbunden mit den Beschwerden der übereilten Reise und den vorhergegangenen erschütternden Ereignissen, machten auf mich einen Eindruck, der allenfalls einen Schlagfluß begreiflich gemacht hätte. In den Antikensälen des Vatikans befiel mich eine Übelkeit, so daß ich den Antrag eines Beamten der Wiener Staatskanzlei annehmen mußte, mich in seiner (natürlich päpstlichen) Equipage nach Hause zu bringen. Demungeachtet konnte ich meinem Eifer keine Grenzen setzen. Von morgen[s] bis abends in den Galerien oder auf antiquarischen Exkursionen und zwar letztere zu Fuße, da meine angeborne Abneigung zu fahren noch dadurch unterstützt wurde, daß sämtliche Fahrgelegenheiten von den durch die Anwesenheit des östreichischen Hofes in Unzahl herbeigezogenen Fremden in Beschlag gelegt waren. So ging ich denn unermüdet in der schon heiß gewordenen Jahreszeit, und immer allein, da ich mit meinem Reisegefährten schon halb zerfallen war. Er beanspruchte eine Gemeinschaftlichkeit der Exkursionen, wobei er aber landwirtschaftliche und gewerbliche Zwecke im Auge hatte, was sich mit meinem künstlerischen Heißhunger nicht vereinbaren ließ. Den deutschen Künstlern mich zu nähern, hielt mich aber der Widerwille vor einer damals unter ihnen herrschenden affektierten Richtung ab, zufolge welcher sie in mittelalterlicher Tracht herumgingen und auch in ihren Werken einer abgeschmackten Nürnbergerei nachhingen, obwohl, wie sich in der Folge zeigte, nicht alle, und unter den Bessern mit spätern lobenswerten Bekehrungen. Den Ausschlag gab eine Wanderung zum Grabmale der Cäcilia Metella in der größten Tageshitze. Ich bekam den Durchfall. Indem ich ihn mit aus Deutschland gewohnten Mitteln bekämpfen wollte, und eine Flasche Bordeaux trank, vermehrte sich das Übel. Ich wohnte in der strada fratina bei einem der größten Schurken von Rom, einem Advokaten, der einmal sogar den Wagen meines sorglosen Reisegefährten verkaufen wollte, ja ihn schon wirklich verkauft hatte, so daß nur, weil er auch den Käufer, einen Engländer, betrügen wollte, und vor Übergabe des Wagens den abgemachten Preis steigerte, der Betrug an den Tag kam und ich durch die Drohung, die Sache vor den Fürsten Metternich zu bringen, den Kauf rückgängig machte. Ganz das Gegenteil des Hausherrn waren seine Frau und seine Tochter Dudurina (ein Name den ich fruchtlos versucht habe auf eine Kalenderheilige zurückzubringen). Sie saßen ganze Tage lang bei mir und unterhielten mich mit Gesprächen, wobei denn freilich ein Hauptthema war, wie viele Deutsche in Rom schon am Durchfall und am römischen Fieber gestorben seien. Das Fieber ließ auch bei mir nicht auf sich warten. Da drangen sie mir endlich ihren Hausarzt auf, einen Don Bucciolotto, eine Karikatur, wie sie bei Goldoni vorkommen, in Perücke, Staatskleid und ellenlangen Manschetten, offenbar denselben, dessen sich, wie ich später gefunden habe, auch Kotzebue bei seinem Aufenthalte in Rom bedient hat. Er verschrieb mir eine Mixtur in einer ziemlich bedeutenden Flasche. Als ich ihn fragte, wie viel Löffel voll ich davon auf ein Mal nehmen sollte, antwortete er mit Gebärde: il tutto. Ich nahm also diesen Trank im eigentlichsten Verstande, das Übel wurde aber nicht besser, so daß mir die Idee, nicht mehr aus Rom herauszukommen schon ziemlich geläufig wurde. Da fiel mir ein, daß sowohl der anwesende Kaiser von Österreich als Fürst Metternich gewiß deutsche Ärzte bei sich hätten, die meine nordische Natur besser verstehen möchten, als mein marktschreierischer Dulcamara. Vom Kaiser wußte ich, daß ihn sein Leibarzt Staatsrat Stifft begleitete, der aber, unbeschadet seiner übrigen Eigenschaften, als praktischer Arzt eines sehr geringen Vertrauens genoß. Es kam also darauf an, den ärztlichen Begleiter des Fürsten Metternich herauszubringen. Zufällig hatte ich erfahren, daß Friedrich Schlegel, den der Fürst in der getäuschten Hoffnung mitgenommen hatte, daß er etwas Literarisches über die Reise veröffentlichen werde, in meiner Nähe wohne. Ich hatte den Mann in Wien nie kennen gelernt, ja seiner Bekanntschaft ausgewichen, da mir seine Art und Weise widerlich war. Nun machte ich aus der Not eine Tugend und suchte ihn, was er sehr gut für einen seiner Zelebrität dargebrachten Zoll aufnehmen konnte. Es war gegen Abend und ich fand ihn und seine Frau in Gesellschaft eines wälschen Geistlichen, der ihnen aus einem Gebet oder sonstigen Erbauungsbuche vorlas, wobei die Frau mit gefalteten Händen zuhörte, der Gatte aber mit gottseligen Augen der Lesung folgte, indes er aus einer vor ihm stehenden Schüssel mit Schinken und einer großen Korbflasche Wein seinen animalischen Teil »erfrischte«. Den Geistlichen vertrieb bald meine weltliche Nähe. In dem darauf folgenden Gespräche ward es mir leicht herauszubringen, daß Fürst Metternich den berühmten Augenarzt und auch in den übrigen Zweigen der Medizin mit Recht hochgeschätzten Doktor Friedrich Jäger in seinem Gefolge habe. Ich begab mich des andern Tages zu ihm. Er empfing mich mit gewohnter Liebenswürdigkeit und mit einer einzigen Arzenei milderte und hob er bei kurzem Gebrauche das Übel, an dem die Kunst seines römischen Kollegen gescheitert hatte. Ich war in der Besserung begriffen, als mich ein Bedienter des Grafen Wurmbrand, Obersthofmeisters der Kaiserin, aufsuchte und aufforderte mich zu seinem Herrn zu verfügen. Ich ging hin, fand den gutmütigsten und herzlichsten Mann in dem Grafen und es zeigte sich bald die Ursache meiner Berufung. Mein Vetter Ferdinand Paumgartten, der in Wien zurückgeblieben war und nebst seiner Stelle im Kabinette des Kaisers auch die Dienste eines Sekretärs der Kaiserin besorgte, hatte in der Zwischenzeit meinen von den heimischen Behörden ausgefertigten Reisepaß behoben, und da er meine Wohnung in Rom nicht wußte, das Dokument an seinen Vorgesetzten, den Obersthofmeister der Kaiserin gesendet mit der Bitte mich in Rom aufsuchen und mir den Paß zustellen zu lassen. Das geschah nun und wir sprachen über dies und jenes. Der Graf bemerkte mein übles Aussehen, erfuhr die Ursache und meinte ich sollte mich sobald als möglich von Rom entfernen, besonders da die aria cattiva sich bereits fühlbar mache. Ich war derselben Meinung, mußte aber notgedrungen ausharren, da bei der nächst bevorstehenden Abreise des östreichischen Hofes nach Neapel alle Postpferde für ihn in Bereitschaft gehalten wurden, sämtliche Vetturinis aber bereits abgegangen waren, da die Fremden welche die Anwesenheit des Hofes nach Rom gezogen hatte, die Empfangsfeierlichkeiten in Neapel nicht versäumen wollten. Als ich ihm das erklärte, versetzte der Graf, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich fahre in einer vierspännigen Kalesche allein im Gefolge des Kaisers und langweile mich. Wollen Sie einen Platz an meiner Seite bis Neapel annehmen, so machen Sie mir eine Freude. Die Verantwortung gegenüber des Hofes nehme ich auf mich. Der Antrag war lockend, der Graf gefiel mir sehr wohl und ich willigte mit Dank ein. Und so fahr ich am zweiten Tage in einer prächtigen Equipage von Rom ab und langte unter Glockengeläute und Kanonendonner in Neapel an. Hier angekommen begleitete ich den Grafen in seine Wohnung im albergo reale, wo eine Reihe von Prachtzimmern auf Kosten des Hofes von Neapel für ihn in Bereitschaft standen. Als ich Abschied nehmen wollte, fragte er mich: was werden Sie nun anfangen, Wohnung suchen, war meine natürliche Antwort. Jetzt, bei einbrechender Nacht? versetzt er. Glauben Sie nicht, daß die Fremden, die Ihnen in Rom die Pferde weggenommen haben, es in Neapel mit den Wohnungen nicht ebenso gemacht haben werden? Bleiben Sie über Nacht bei mir, morgen haben Sie den ganzen Tag, um nach Bequemlichkeit Quartier zu suchen. Dagegen ließ sich nun wieder nichts einwenden, und ich blieb. Des andern Tages frühstückten wir zusammen und da kam denn ein neuer Vorschlag. Sie sehen, sagte er, die Reihe von Zimmern, die man mir bereitet hat und ich nicht einmal benützen kann, da mich mein Dienst den ganzen Tag bei Hofe festhält. Bewohnen Sie eines davon, und wenn Sie glauben, daß darin eine Gefälligkeit von meiner Seite liegt, so erweisen Sie mir eine zweite und helfen Sie mir die Rechnungen der Kaiserin in Ordnung zu halten. Diese Rechnungen waren das einfachste von der Welt und bestanden nur darin, die Almosen und Trinkgelder, die der Graf für die Kaiserin bestritt, am Ende der Woche in eine Summe zu bringen, ein Geschäft das kaum mehr als zehn Minuten in Anspruch nahm, demungeachtet aber den Grafen, der ein schlechter Rechenmeister war, nicht wenig beirrte. Ich bin weit entfernt zu glauben, daß der vortreffliche Mann bei seiner Güte für mich ursprünglich eine Nebenabsicht hatte, später mochte aber eine solche Rücksicht doch mitgewirkt haben. Ein anderer an meiner Stelle, oder vielmehr ich in der meinigen, wenn ich mir die Sache genauer überlegt hätte, würde nicht eingewilligt haben, aber mein natürlicher Widerwille gegen alle häuslichen Weitläuftigkeiten und dazu die Erfahrung von dem Schmutz der italienischen Wohnungen und der Spitzbüberei der Hauswirte, verleiteten mich zur Annahme, und doch lag darin, wie sich später zeigen wird, die Quelle von allen Mißgeschicken, die mich seitdem so reichlich betroffen haben.

Wir wirtschafteten übrigens sehr gut zusammen, frühstückten gemeinschaftlich und sahen uns den übrigen Teil des Tages nicht mehr, so daß mich nichts an meinen Exkursionen hinderte, die ich teils allein in Neapel und den Galerieen, teils in der Umgegend gemeinschaftlich mit einigen Landsleuten machte, die ich schon in Rom getroffen und mit denen ich eine Weiterreise nach Sizilien verabredet hatte. Letztere Reise wurde übrigens dadurch vereitelt, daß wie in Rom die Malaria, so in Neapel die Hitze und der Scirocco mir gewaltig zusetzten. Ein dänischer Arzt, den ich zu Rate zog (die italienischen waren mir verleidet worden), erklärte bei der vorgerückten Jahreszeit die Beschwerlichkeit einer Reise in Sizilien als geradezu verderblich für mich. Ich begleitete daher meine Landsleute mit schwerem Herzen bis zum Schiffe und blieb selbst in Neapel zurück.

Ich habe vorher gesagt, daß Graf Wurmbrand keine Nebenabsicht in Bezug auf mich gehabt habe, muß aber dem zum Teil widersprechen, nur war es eine äußerst wohlwollende, nach seiner Meinung auf meinen Nutzen gerichtete Nebenabsicht. Er zeigte nämlich ein immerwährendes Bestreben mich in die Nähe seiner Gebieterin, der Kaiserin von Österreich, zu bringen. Er sagte mir wiederholt und oft: die Kaiserin wird morgen da oder dorthin kommen, gehen Sie eben dahin, ich weiß daß es ihr angenehm sein wird, mit Ihnen zusammenzukommen. Nun lag es aber gar nicht in meinen Wünschen, in irgend ein Verhältnis zum Hofe zu kommen. Die Kaiserin, eine der vortrefflichsten und gebildetsten Frauen, war zugleich wegen der Strenge ihrer religiösen Überzeugungen bekannt, indes meine eigene Religiosität sich nicht sehr in den kirchlichen Formen bewegte. Jede Annäherung oder irgend ausgesprochene Gunst, hätte mir bei meinen künftigen Arbeiten die Rücksicht aufgedrungen, ob ich damit nicht gegen die Ansichten hoher Gönner verstieße. Zugleich hatte sich im Gefolge des Kaisers die Meinung verbreitet, ich würde Sekretär der Kaiserin werden, ja ich sei es vielleicht schon gar. Nun versah aber dieses Sekretariat, mit Vermehrung seines Einkommens, mein nächster Verwandter und damaliger bester Freund. Ich hätte daher vor allem diesen ausstechen müssen, was mir natürlich so fern als möglich lag. Auf alle Aufforderungen des Grafen Wurmbrand wiederholte ich daher immer: wenn die Kaiserin mich eines Gespräches würdigen will, braucht sie mir nur Tag und Stunde zu bestimmen, mich aber aufzudringen oder durch eine Hintertüre einer solchen Ehre teilhaftig zu werden, widerspricht meinen Grundsätzen. So habe ich die hohe Frau, als deren einstiger Sekretär ich in den Konversations-Lexikons erscheine, während der ganzen Reise nicht ein einzigesmal auch nur gesehen. Begegnet einmal, aber auch da nicht gesehen. Ich machte nämlich mit meinen Landsleuten und projektierten sizilianischen Reisegefährten eine Exkursion nach dem Vesuv, der dem östreichischen Hofe die Ehre antat, einen seiner beträchtlicheren Ausbrüche zum besten zu geben. Nach einem lustigen und luxuriösen Mittagmahle in Portici, es gehörte nämlich zur Gesellschaft ein junger Fürst Esterhazy und ein Graf Karoly mit ihren Begleitern nebst dem damaligen Hauptmann, jetzigen Feldzeugmeister Wocher, durch welch letztern ich mit den übrigen zusammenhing; also nach Tische, mehr als heiter gestimmt, machten wir uns zu Esel auf den Weg, um bei einbrechender Nacht die Spitze zu erreichen. Mein Saumtier war das trägste von allen und nur schwer gelang es mir, es durch Stockschläge in Trott zu bringen, wo es denn nun aber auch allen andern vorauslief. In der Nähe der Einsiedlerwohnung kommt uns eine Kavalkade von einigen verschleierten Damen mit Begleitung entgegen. Aus der Livree der Bedienten merkte ich, daß es die Kaiserin von Österreich sei. Ich suchte nun vor allem meinen dahinstürmenden Esel zum Stehen oder wenigstens aus der Mitte des Weges zu bringen, welches letztere mir aber nur so gelang, daß er sich neben den Weg mit dem Kopf nach außen stellte, so daß die hohe Frau an unsern beiderseitigen Rücken vorüberreiten mußte und ich nur den Hut abziehen, sie aber nicht sehen konnte.

Auch Fürst Metternich erwies mir die Ehre mich zu Tische zu laden. Ich erwähne dies nur um eines dabei vorkommenden merkwürdigen Umstandes willen. Der Fürst war liebenswürdig wie immer, nach Tische beim Kaffee aber rezitierte er mit Begeisterung aus dem Gedächtnisse den damals eben erschienenen und mir noch unbekannten vierten Gesang von Lord Byrons Childe Harold in englischer Sprache von Anfang bis zu Ende, wobei ihm nur seine anwesende Tochter, die seitdem verstorbene Gräfin Joseph Esterhazy, eben auch aus dem Gedächtnisse bei einzelnen Anständen soufflierte. Es war außer der Gräfin Esterhazy nur ihr nunmehr auch verstorbener Gemahl und Doktor Friedrich Jäger zugegen, welch letzterer die Wahrheit meiner Angabe bezeugen kann.

Nach Vereitelung meiner Projekte nach Sizilien, schickte ich mich zur Abreise von Neapel an, da, als ich eines Abends in unsere Wohnung im albergo reale zurückkehre, finde ich den Platz vor dem Hause mit Menschen bedeckt. Ich frage und erfahre, daß der Obersthofmeister der Kaiserin von Österreich, der seinen Hof auf das englische Admiralschiff im Hafen begleitet hatte, indem er einen durch die Schiffslucken reichenden lackierten Luftschlauch für einen Mastbaum nahm, bei zu starker Annäherung in den untersten Schiffsraum hinabgestürzt und nur durch die Reibung der Wände des Schlauches vor völliger Zerschmetterung bewahrt worden sei. Schwer beschädigt habe man ihn eben in seine Wohnung gebracht. Ich eile hinauf, finde den Grafen unter den Händen der italienischen Wundärzte, wo er mir denn, traurig aber nicht kleinmütig die Hand reicht, und, als ehemaliger Militär, von der Sache als einer wenig bedeutenden spricht. Die königlichen Wundärzte waren derselben Meinung. Es sei kein Knochenbruch vorhanden, und in acht bis zehn Tagen werde der Patient das Bette verlassen können. Des andern Morgens rückt der Graf mit einem Anliegen hervor. Der Hof werde in einigen Tagen von Neapel abreisen; krank, in einem fremden Lande, mit zwei Bedienten, von denen keiner ein Wort italienisch verstehe, zurückzubleiben, sei ihm unerträglich, ob ich mich entschließen könne meine eigene Abreise aufzuschieben und die kurze Zeit bei ihm auszuhalten, bis er wieder transportabel sei; er würde mich dann zurückbringen bis wo er wieder mit dem Hofe zusammentreffe, wo ich dann Herr meiner weitern Bestimmungen sei. Ich hatte den Mann lieb gewonnen, war durch sein Wohlwollen zu Dank verpflichtet, es handelte sich nur um acht oder zehn Tage, ich willigte daher ein, obgleich unter einer Bedingung. Mein Urlaub als Beamter der Finanzhofstelle ging zu Ende. Eine Verlängerung ansuchen wollte ich nicht, da ich schon dem Dienstrange nach der nächste zu einer bald bevorstehenden Beförderung war. Ich erklärte daher, daß, wenn Seine Majestät der Kaiser mich zu bleiben autorisiere, und daher selbst meinen Urlaub verlängere, ich allerdings bei ihm aushalten wolle. Ich erhielt demnach eine Zuschrift von dem Oberstkämmerer und Reisemarschall Grafen Wrbna, nach deren Inhalt Seine Majestät meinen Antrag, bei dem kranken Grafen Wurmbrand zurückzubleiben mit höchster Billigung annahm; wegen Verlängerung meines Urlaubes ergehe unter einem das Nötige an die Finanzhofstelle. Kaum war dies aber geschehen und der Hof abgereist, so änderte sich die Lage der Dinge. Gleich nach dem Unglücksfalle war ein Stabsarzt von Mailand verschrieben worden. Er kam an, verwarf die Behandlungsart der italienischen Ärzte, da ein Knochenbruch wirklich vorhanden sei, worin er, wie der Erfolg zeigte, vollkommen recht hatte. Während die Ärzte stritten und der östreichische Militär-Chirurg unabänderlich sein System befolgte, verstrich die Zeit, statt einer Woche mußte ich drei oder vier Wochen in Neapel bleiben, da der Graf mich durchaus nicht von sich lassen wollte, während welcher Zeit ich, mit Ausnahme der Wohnung durchaus auf eigene Kosten lebte. Der Graf meinte nämlich, der Hof werde mir meine Auslagen vergüten, als ich aber in der Folge in Wien davon nur Erwähnung machte, meinte man, ich sollte die Quittungen der Gastwirte beibringen, bei denen ich zu Mittage und zu Abend gegessen hatte, so daß ich die Sache mit Ekel fallen ließ. Als Graf Wurmbrand endlich die Rückreise antreten konnte, war, wie früher mein Urlaub, so jetzt mein Reisegeld zu Ende und ich mußte notgedrungen seinen Antrag annehmen, mich bis nach Wien zurückzubringen. Wir kamen nach Rom, wo der Graf im Quirinal einquartiert wurde, und er, um mich bei sich zu behalten, mich, wie ich später erfuhr, allerdings für den Sekretär der Kaiserin ausgab. Ich erhielt demzufolge ein artiges Appartement von mehreren Gemächern, päpstliche Equipage nebst Bedienten und einen Abbate, der im Kriegsdepartement angestellt war, zur Begleitung. Da ereignete sich denn ein komischer Auftritt. In meine Zimmer angekommen, warf ich die Kleider von mir und wusch Gesicht und Hände aufs nachdrücklichste. Unterdessen war der Staatssekretär Kardinal Consalvi angekommen um den Obersthofmeister der Kaiserin zu komplimentieren, er erfuhr, daß der Sekretär Ihrer Majestät in dessen Begleitung sei und wollte auch diesem alle Höflichkeit erweisen. Plötzlich öffnen sich die Türen meines Zimmers, päpstliche Bediente reißen die Flügel auf und Kardinal Consalvi tritt ein. Ich streife die aufgestreckten Hemdärmel herab und eile auf meinen Rock zu, den ich neben der Türe auf einen Stuhl niedergelegt hatte. Kardinal Consalvi bemerkte die Bewegung, ergreift meinen Rock und präsentiert ihn mir, eine Ehre, die wohl wenigen Menschen widerfahren ist. Eine zweite Ehre erfuhr mir in Folge meiner angemaßten Würde am Peter und Paulsfeste in der Peterskirche. Dem Grafen war für die Pontifikalmesse ein eigenes Oratorium angewiesen worden. Am Tage selbst fühlte er Schmerzen in seinem kaum geheilten Fuße und er forderte mich daher auf, allein das Oratorium zu benützen. Der alte Papst Pius der Siebente, der von diesem Ausbleiben des Grafen nichts wußte, nahm mich für ihn, blieb im Vorbeigehen beim Oratorium stehen und erteilte mir einen Spezialsegen in aller Form.

Dafür sollte ich aber auch für einen Mangel an kirchlicher Pietät empfindlich gestraft werden. Bei meinem ersten Aufenthalt in Rom hatte mir der östreichische Gesandte Fürst Kaunitz, der mich samt seiner Familie aufs liebenswürdigste empfing, angetragen, mich mit mehreren andern Landsleuten dem Papste vorzustellen. Ich war immer ein Feind solcher leerer Schaustellungen, besonders aber, wie ich gestehen muß, schreckte mich die damit verbundene Verbindlichkeit des Handkusses zurück. Ich lehnte daher ab und sollte jetzt bestraft werden. Indem ich zum letztenmale die Peterskirche besehen wollte begegne ich einem Grafen Schaffgotsche, einem innerlich und äußerlich wohlbeschaffenen, liebenswürdigen schlesischen Edelmann. Als Katholik in einem großenteils protestantischen Lande war er dem Papste vorzugsweise interessant und er hatte daher schon mehreremale Unterredungen mit ihm gehabt. Jetzt trug er ein großes Paket unter dem Arme. Es waren Rosenkränze, die er gekauft und der Papst ihm zu segnen versprochen hatte. Mir fiel ein, daß ich mehrere meiner weiblichen Bekannten durch solche Rosenkränze sehr erfreuen könnte. Der Laden, wo sie feilstanden, war in der Nähe, ich kaufte daher auch eine ziemliche Anzahl und begab mich mit Graf Schaffgotsche in den Vatikan. Er wurde überall eingelassen und wir gelangten in die innern Gänge, wo wir uns aufstellten und unsere Rosenkränze auf unsern seidenen Schnupftüchern am Boden auslegten. Endlich öffnen sich die Türen der päpstlichen Gemächer, Schweizergarden, Monsignori treten heraus, hinter ihnen der Papst, dessen ehrwürdige Gestalt sich in einem weißseidenen Pilgergewande und einem rotseidenen Schifferhute etwas wunderlich ausnahm. Wir knieten nieder, der Papst näherte sich im Vorübergehen dem Grafen Schaffgotsche, machte eine kleine Kopfbewegung wie zu einem Bekannten, segnete seine Rosenkränze und schleifte dann mit dem Fuße vorwärts, den der junge Mann andächtig küßte. Zu mir gekommen, den er freilich nicht kannte, segnete er dennoch meine Rosenkränze und machte dieselbe Fußbewegung, wo mir denn, auf die Gefahr von den Schweizern zum Fenster hinausgeworfen zu werden, nichts übrig blieb als meine Ehrfurcht auf gleiche Art zu beweisen. Und so mußte ich, der ich dem Papste nicht hatte die Hände küssen wollen, nunmehr seinen Fuß küssen. Alles rächt sich in dieser Welt.

In Florenz trafen wir mit dem Hofe, unmittelbar vor dessen Abreise zusammen, und so ging es in einem Zuge bis nach Wien, wobei ich jedoch meinem ursprünglichen Reiseplan untreu werden mußte und zweimal über Venedig kam, indes ich die Rückreise über Mailand, Verona und die italienischen Seen durch Tirol richten wollte.

Bei meiner Zurückkunft nach Wien zeigte sich sogleich die erste traurige Wirkung meiner Reise-Verwicklungen. Im Gefolge des Hofes hatte sich, wie gesagt, die Meinung verbreitet, ich sei Sekretär der Kaiserin geworden; das schrieben sie denn auch ihren Bekannten nach Wien und es ward dort zum allgemeinen Gerüchte. Ich hatte den Urlaub meiner vorgesetzten Behörde überschritten, die Verlängerung desselben durch Seine Majestät war entweder nicht eingelangt oder diente nur zur Bestätigung jenes Gerüchtes, kurz, eine wirkliche Konzipistenstelle, die in demselben Departement in dem ich diente, in Erledigung kam, wurde, nicht ohne Mitwirken meines elenden Bureau-Chefs, verbunden mit der Vorliebe des Kanzlei-Direktors, einem Jüngerdienenden aus dem Bureau dieses letztern verliehen. Man tröstete mich mit einem verzeihlichen Mißverständnis, die nächste Stelle jedoch könne mir nicht entgehen. Aber auch diese wurde einem im allgemeinen kürzer, aber speziell länger bei einer Hofbehörde Dienenden erteilt. Die dritte erhielt der gänzlich unfähige Bruder eines allerdings sehr fähigen Hofrates. Ich war empört und beschloß die Staatsdienste zu verlassen, glaubte jedoch meinem Gönner, dem Finanzminister Grafen Stadion davon die Anzeige machen zu müssen. Dieser erwiderte, wenn ich die Staatsdienste verlassen wolle, so könne ich es ohne seine Einwilligung tun, wenn ich aber diese begehre, so werde er sie mir nie erteilen. Bei den obwaltenden Zensur- und sonstigen Verhältnissen sei es in Österreich für jemanden von meiner Richtung unmöglich von der Literatur zu leben. Ich solle ausharren, für meine Beförderung werde Er sorgen. Da ich mich aber durch die erfahrenen amtlichen Mißhandlungen in jener Gemütsruhe gestört finde, die zur Vollendung eines poetischen Werkes erforderlich sei, so erteile er mir hiemit einen unbeschränkten Urlaub, den ich benützen könne, solange es meine Arbeit nötig mache. Als ich ihn bat mir diesen Urlaub schriftlich zu erteilen, überkam ihn der Ärger über das Benehmen der ihm untergeordneten Hofkammer gegen seinen Schützling und er trug mir auf, zum Präsidial-Sekretär dieser Hofkammer zu gehen und ihm zu sagen, der Finanz-Minister habe mir Urlaub erteilt, wenn er daran zweifle möge er kommen und sich anfragen, wo er den mündlichen Bescheid erhalten werde. Ich setzte das getreulich ins Werk, das Präsidium der Hofkammer fragte sich aber nicht an und behandelte mich fortwährend als einen unbefugt Abwesenden. Überhaupt ward ich jetzt das Opfer der Reibung zwischen zwei Behörden. Der Finanz-Minister Graf Stadion hatte, um sich die lästigen Details vom Halse zu halten, der ihm untergeordneten, mit der Ausführung seiner Maßregeln betrauten Hofkammer völlige Freiheit über ihre innern Angelegenheiten zugestanden. Sooft nun eine Stelle bei dieser Hofkammer in Erledigung kam, erließ Graf Stadion ein Ministerial-Schreiben, in dem er mich für dieselbe in Erinnerung brachte. Die Hofkammer aber, um ihre Selbstständigkeit zu wahren, verlieh jedesmal die Stelle einem andern. Ja die Hofräte, die mir am meisten wohlwollten, wurden vermöge dieses Gemeingeistes meine heftigsten Gegner. Erst nach ein paar Jahren, als eine Konzipisten-Stelle im Finanz-Ministerium selbst erledigt wurde, verlieh mir sie Graf Stadion augenblicklich und zwar die beste und nächste um seine Person mit der damit verbundenen Gehalts-Zulage. Es waren aber inzwischen die Hälfte aller kürzerdienenden Beamten meine Vormänner geworden, und ich wurde für immer in den mindern Bereichen des Dienstes festgehalten.

Überhaupt ist es merkwürdig, daß meine meisten Mißgeschicke mich gerade durch diejenigen trafen, die sich meiner annahmen und mein Wohl fördern wollten. Da war Graf Herberstein, der mich aus einer meinen Neigungen gemäßen Stellung in der Hofbibliothek wegnahm und in die Finanzverwaltung brachte, bald darauf aber durch seinen Tod mich ohne Anhaltspunkt in einem uferlosen Meere zurückließ. Da war Graf Wurmbrand, der redlich in Italien für mein Bestes sorgen wollte, mich aber dadurch in alle spätem Verwicklungen stürzte. Graf Stadion, der großartigste Mann, dem ich je begegnet bin, zwang mir die Theatergeschäfte auf und brachte mich in die Mitte seines Konflikts mit der mir unmittelbar vorgesetzten Hofkammer. Ein vierter, viel später endlich, der mir seine Geneigtheit schriftlich und mündlich zu erkennen gegeben hatte, als ich in einer Stelle-Bewerbung mit dem Schützling eines andern noch viel höhern Staatsmannes in Kompetenz trat, bestätigte, ämtlich über mich befragt, meine Brauchbarkeit und Verdienstlichkeit aufs wärmste, fügte aber – um dem Schützling des mächtigen Gönners den Weg frei zu halten – hinzu, daß ich auf meiner dermaligen Stelle als Archivsdirektor der Hofkammer unentbehrlich sei. Ich als Archivsdirektor der Hofkammer unentbehrlich! Für einen dritten mag das einen guten Spaß gegeben haben.

Damals nun suchte ich den mir vom Finanzminister erteilten Urlaub aufs beste zur Vollendung meines durch die italienische Reise unterbrochenen goldenen Vließes zu benützen. Aber es zeigte sich ein trauriger Umstand. Durch die Erschütterungen beim Tode meiner Mutter, die gewaltigen Reiseeindrücke in Italien, meine dortige Krankheit, die Widerlichkeiten bei der Rückkehr, war alles was ich für diese Arbeit vorbereitet und vorgedacht, rein weggewischt. Ich hatte alles vergessen. Vor allem den Standpunkt, aber auch alle Einzelnheiten deckte völliges Dunkel, letzteres um so mehr, als ich mich nie entschließen konnte derlei aufzuschreiben. Die Umrisse müssen im voraus klar sein, die Ausfüllung muß sich während der Arbeit erzeugen, nur so verbindet sich Stoff und Form zur völligen Lebendigkeit. Während ich in meiner Erinnerung fruchtlos suchte, stellte sich etwas Wunderliches ein. Ich hatte in der letzten Zeit mit meiner Mutter häufig Kompositionen großer Meister, für das Klavier eingerichtet, vierhändig gespielt. Bei all diesen Symphonieen Haydns, Mozarts, Beethovens dachte ich fortwährend auf mein goldenes Vließ und die Gedanken-Embryonen verschwammen mit den Tönen in ein ununterscheidbares Ganzes. Auch diesen Umstand hatte ich vergessen, oder war wenigstens weit entfernt darin ein Hilfsmittel zu suchen. Nun hatte ich schon früher die Bekanntschaft der Schriftstellerin Karoline Pichler gemacht und setzte sie auch jetzt fort. Ihre Tochter war eine gute Klavierspielerin und nach Tische setzten wir uns manchmal ans Instrument und spielten zu vier Händen. Da ereignete sich nun, daß wie wir auf jene Symphonien gerieten, die ich mit meiner Mutter gespielt hatte, mir alle Gedanken wieder daraus zurückkamen, die ich bei jenem ersten Spielen halb unbewußt hineingelegt hatte. Ich wußte auf einmal wieder was ich wollte, und wenn ich auch den eigentlich prägnanten Standpunkt der Anschauung nicht mehr rein gewinnen konnte, so hellte sich doch die Absicht und der Gang des Ganzen auf. Ich ging an die Arbeit, vollendete die Argonauten und schritt zur Medea.

Meine italienische Reise sollte aber wie eine Pandoren-Büchse ein neues Unglück gebären. Ich hatte in Italien mehrere lyrische Gedichte geschrieben, unter andern eines auf die Ruinen des campo vaccino, im Koliseum selbst mit Bleistift angefangen und dort auch zum größten Teile vollendet. Bei meiner Begeisterung für das Altertum, vermehrt durch den Eindruck dieser Statuen und Monumente, stellte sich das neue kirchliche oder vielmehr dem Alten aufgedrungene Pfäffische ziemlich in Schatten. Das übelste was man von dem Gedichte sagen kann ist, daß der Grundgedanke schon unzähliche Male da war und nur die topographische Aneinanderreihung sämtlicher, als mit Empfindung begabt angenommener Denkmäler, allenfalls eine neue Wendung genannt werden kann. Selbst den überkatholischen Grafen Stolberg hat auf dem campo vaccino dieselbe Empfindung angewandelt. Mein Wiener Verleger Wallishausser gab einen Almanach Aglaja heraus, für den er mich immer um Beiträge quälte. Ich gab ihm diese italienischen Gedichte und sie kamen in die Hände Schreyvogels, der sich der guten Sache zu Liebe als Zensor hatte aufnehmen lassen, um nämlich so viel zum Drucke zu erlauben als irgend möglich war. Er nahm keinen Anstand das Imprimatur zu erteilen, der Almanach wurde gedruckt, gebunden und es waren bereits vierhundert Exemplare ins Ausland versendet worden. Da ergab sich plötzlich ein literarischer Aufstand. Die damals noch in herbis befindliche kirchliche Partei hatte Ärgernis an meinen Ruinen des campo vaccino genommen. Das Gedicht wurde förmlich denunziert und der Sturm ging von allen Seiten.

Der Kaiser nahm vor allem übel, daß – wie denn höchstgestellte Personen die kleinen Umstände nie genau wissen können – daß also, indem ihm in Rom alle Ehre widerfahren war, jemand, der Rom in seinem Gefolge besucht hatte, sich derlei Äußerungen zuschulden kommen lasse. Auf welche Art ich erst bei der Abreise von Rom ins Gefolge des Kaisers, oder vielmehr in den Wagen des Grafen Wurmbrand gekommen bin, habe ich erst vorher auseinandergesetzt. Am eifrigsten war die Staatskanzlei. Fürst Metternich, der den dritten Gesang von Byrons Childe Harold, in dem doch ganz andere Dinge vorkamen, auswendig wußte und mit Begeisterung rezitierte, stand geradezu an der Spitze der Verfolgung, wenn nicht vielmehr seine elende Umgebung, die den ausgezeichneten Mann im Jahre 1848 zu so schmählichem Falle vorbereitete. Um sämtliche Teilnehmer nach Möglichkeit zu entschuldigen, muß ich eine Version beibringen, die mir viele Jahre später durch einen hohen Staatsmann des beteiligten fremden Hofes an die Hand gegeben worden ist. Mein Verleger hatte, ohne daß ich es wußte, oder mich darum kümmerte, seinen Almanach der Gemahlin des ebenso wegen seiner erleuchteten Kunstansichten als wegen seiner strengen Religiosität bekannten Kronprinzen eines benachbarten Hofes zugeeignet. Dieser nahm von dem Almanach um so mehr Notiz, als mein Verleger wahrscheinlich auf eine goldene Dose oder derlei als Gegengeschenk spekuliert hatte. Er fand sich nun von meinem Gedichte im höchsten Grade geärgert und ohne die Folgen seines übereilten Schrittes zu bedenken, ließ er an die höchsten Orte in Wien schreiben, wie die Zensur habe zugeben können, daß ein Almanach, in dem sich ein solches Gedicht (das meinige) befinde, seiner Gemahlin zugeeignet werde. Eine solche Insinuation einer hochstehenden und noch dazu nahe verwandten Persönlichkeit ließ sich nun freilich nicht ganz ignorieren. Daß die untergeordneten Schurken und Dummköpfe, die fürchten mochten, daß ich ihnen irgend einmal im Wege stehen könnte, alles taten um die Flamme zu schüren, versteht sich von selbst, oder vielmehr ich weiß es.

Die Zensur tat alles mögliche um ihren Fehler wieder gut zu machen. Mein Gedicht wurde aus sämtlichen noch in Wien befindlichen Exemplaren herausgerissen, zum großen Schaden des Verlegers, der seine Almanache neu binden lassen mußte. Leider aber verfehlte diese Verfügung ihren Zweck. Wie ich gesagt, waren vierhundert unverstümmelte Exemplare bereits ins Ausland versendet worden. Diese ließen nun die Liebhaber verbotener Schriften, und des Skandals überhaupt, mit großen Kosten sämtlich wieder zurückbringen. Wer sich kein gedrucktes Exemplar verschaffen konnte, schrieb wenigstens aus einem solchen mein Gedicht ab und nie hat irgend eine meiner Arbeiten eine solche Verbreitung in meinem Vaterlande erhalten als dieses Gedicht, das, wenn man es unbeachtet gelassen hätte, von dem verehrungswürdigen Publikum ohne Geschmack auf der Zunge gefressen worden wäre wie Gras.

Das war aber noch nicht alles. Durch ein von höchstem Orte ergangenes Handschreiben, in dem ich mit der in Steckbriefen gewöhnlichen Bezeichnung: ein sicherer Grillparzer höchst unsicher gemacht wurde, erhielt der Präsident der Polizei und Zensurshofstelle den Auftrag mich persönlich zur Verantwortung aufzufordern. Meine Verantwortung wäre nun ganz kurz gewesen. Das Gedicht hatte das Imprimatur der Zensur erhalten und so war ich als Schriftsteller vollkommen gedeckt. Dadurch fiel aber das Vergehen auf den Zensor, meinen Freund Schreyvogel zurück, und das mußte abgehalten werden. Ich schrieb daher in einem Aufsatze, den ich dem Polizeipräsidenten überreichte, alles zusammen was sich zur Rechtfertigung oder Milderung der Gedanken und Ausdrücke irgend sagen und aufbringen ließ.

Die erste Hitze mochte vergangen sein, die Sache blieb auf sich beruhen, selbst Schreyvogel wurde nicht angefochten. Aber von da an glaubte jeder Lump sich an mir reiben, mich angreifen und verlästern zu können. Jeder Wunsch und jede Aussicht wurde durch die stehende Formel von Oben »ja wenn er die Geschichte mit dem Papst nicht gehabt hätte« (so beliebte man sich auszudrücken) im Keime vereitelt, man hielt mich, wie einst der alte Graf Seilern für einen halben Jakobiner und Religionsspötter und es brauchte der traurigen Ereignisse des Jahres 1848 um die Regierung (auf wie lange?) zu überzeugen, daß sie keinen wärmern Anhänger ihrer Sache, als zugleich der Sache meines Vaterlandes, habe als mich, der zugleich als Mensch und Schriftsteller die gesteigerten Ansichten der Poesie und die gemäßigten Anforderungen des Lebens sehr gut von einander zu unterscheiden wisse.

Die damaligen Widerwärtigkeiten nun hemmten meinen Eifer in Ausführung meines dramatischen Gedichtes durchaus nicht. Ich erinnere mich noch daß ich die Verse, die Kreusa im zweiten Akte der Medea als ein Lieblingsliedchen Jasons hersagt, im Vorzimmer des Polizeipräsidenten, einer stürmischen Audienz harrend, mit Bleistift niedergeschrieben habe. Da ich aber wohl fühlte, daß die Aufregung des Ingrimms bald der Abspannung des Mißmuts Platz machen werde, so eilte ich soviel als möglich zum Schlusse und weiß noch, daß ich die beiden letzten Akte der Medea jeden in zwei Tagen geschrieben habe. Als ich zu Ende war fühlte ich mich völlig erschöpft und ohne das Stück zu überarbeiten, und ohne daß außer den Korrekturen im Verlauf des ersten Niederschreibens etwas geändert worden wäre, trug ich es im halb unleserlichen Konzept zu Schreyvogel hin. Dieser beobachtete, nachdem er es gelesen hatte, ein langes Stillschweigen, meinte aber endlich das wunderliche Ding müsse denn doch noch ein wenig liegen. Ich, mit meiner gewöhnlichen Unbekümmertheit um das äußerliche Schicksal meiner Arbeiten, suchte mir durch Zerstreuungen aller Art, aber auch durch Beschäftigung mit den Alten und mit Kants Philosophie, die mir erst seit kurzem bekannt geworden war, die lästigen Gedanken über Gegenwart und Zukunft aus dem Kopfe zu schlagen. Da kommt auf einmal Schreyvogel zu mir, umarmt mich und meint das goldene Vließ müsse unmittelbar in die Szene gesetzt werden. Was diese Änderung in seiner Ansicht bewirkt hat, weiß ich nicht. Hatte er anfangs das schlecht geschriebene Manuskript nicht gut lesen können, hatte er erst bei wiederholter Durchlesung sich meine Absicht bei der allerdings barocken aber von vornherein gewollten Vermengung des sogenannten Romantischen mit dem Klassischen deutlich gemacht, ich kann es nicht sagen, denn wir haben uns später nie darüber besprochen. Allerdings mochte es aber den ausgezeichneten Mann, dem ich so vieles verdankte, verdrossen haben, daß ich ihm meine Stücke als fertige und abgeschlossene zur Aufführung übergab, ohne sie vorher seiner Kritik zu unterziehen. Ich hätte nun allerdings ein Tor sein müssen, wenn mir die Bemerkungen eines solchen Freundes über das Einzelne gleichgültig gewesen wären, ich wußte aber aus Erfahrung, daß seine desiderata auf das Innere und das Wesen der Stücke gingen, und das wollte ich mir rein erhalten, auf die Gefahr einen Fehlgriff getan zu haben. Aus demselben Unabhängigkeitsgefühle bin ich allen literarischen Koterien fern geblieben. Nie hat ein Journalist oder eine Zelebrität von mir einen Brief erhalten, mit Ausnahme von zweien, als Antwort auf vorhergegangene von ihrer Seite. Ich stand immer allein da, wurde daher auch anfangs von allen Seiten angegriffen, und später ignoriert, was ich mit hochmütiger Schadenfreude hinnahm, obgleich es mir später die Lust an der Hervorbringung verkümmerte. Ich trage hier nur noch nach, daß ich bei der oben erwähnten Vermengung des Romantischen mit dem Klassischen nicht eine läppische Nachäfferei Shakespeares oder eines sonstigen Dichters der Mittelzeit im Sinne hatte, sondern die möglichste Unterscheidung von Kolchis und Griechenland, welcher Unterschied die Grundlage der Tragik in diesem Stücke ausmacht, weshalb auch der freie Vers und der Jambus, gleichsam als verschiedene Sprachen hier und dort in Anwendung kommen.

Dieses Monstrum sollte nun zur Aufführung gebracht werden. Mit Übergehung des elenden Theater-Hofrates wendete ich mich mit meinen Wünschen unmittelbar an Grafen Stadion, der mir bereitwillig entgegen kam, ja dessen Geneigtheit durch die mir kürzlich widerfahrnen Unbilden nur verstärkt schien. Die Rolle der Medea gehörte der Schröder. Daß ich aber während der Arbeit auf sie gedacht, oder, wie man sich auszudrücken pflegt, die Rolle für sie geschrieben, zeigt sich schon dadurch als lächerlich, weil ich mich in diesem Falle gehütet haben würde in den beiden Vorstücken die junge und schöne Medea vorzuführen, indes die Schröder sich dem fünfzigsten Jahre näherte, und nie hübsch gewesen war. Für die Rolle der Amme brauchte ich eine Persönlichkeit in Organ und sonstigem Beiwesen noch um einige Tinten dunkler als die gewaltige Kolchierin. Graf Stadion bewilligte mir eine Altsängerin der Oper, Madame Vogel, die auch recht gut spielte. Die helle Kreusa paßte für Madame Löwe, die, obschon, in gleichem Alter mit der Schröder, doch noch Reste einer unverwüstlichen Schönheit bewahrte. Ich habe überhaupt immer viel auf das Verhältnis der Figuren und die Bildlichkeit der Darstellung gehalten; das Talent setzte ich als Schuldigkeit voraus, aber das physisch Zusammenstimmende und Kontrastierende lag mir sehr am Herzen. Ut pictura poesis. Hierbei kam mir mein in der Jugend geübtes Talent zum Zeichnen, sowie für die Versifikation mein musikalisches Ohr zustatten. Ich habe mich nie mit der Metrik abgegeben. Auch die übrigen Rollen waren gut besetzt und das Stück ging mit würdiger Ausstattung in die Szene. Die Wirkung war, vielleicht mit Recht, eine ziemlich unbestimmte. Das Schlußstück erhielt sich durch die außerordentliche Darstellung der Schröder, die beiden Vorstücke verschwanden bald. Die übrigen deutschen Theater gaben überhaupt nur die dritte Abteilung, weil sich überall eine Schauspielerin fand, die sich der Medea für gewachsen hielt. Diese Medea ist das letzte meiner Stücke, welches einen Weg auf die nichtöstreichischen Bühnen unsers deutschen Vaterlandes gefunden hat. Was man den Geist der Zeit zu nennen beliebte, um welchen ich mich wenig kümmerte und dessen angebliche Fortschritte mir lächerlich waren, vor allem aber, daß ein Hauptbestandteil der Kunst, die Phantasie, aus den Zusehern, Schauspielern und Schriftstellern sich immer mehr zu verlieren anfing, ein Abgang den man durch doktrinäre, spekulative und demagogische Beimischungen zu ersetzen suchte – diese Verhältnisse haben die Wirkungen meiner spätem Stücke auf die östreichischen Lande beschränkt.

Ich habe immer viel auf das Urteil des Publikums gehalten. Über die Konzeption seines Stückes muß der dramatische Dichter mit sich selbst zu Rate gehen, ob er aber mit der Ausführung die allgemeine Menschennatur getroffen, darüber kann ihn nur das Publikum, als Repräsentant dieser Menschennatur belehren. Das Publikum ist kein Richter, sondern eine Jury, es spricht sein Verdikt als Gefallen oder Mißfallen aus. Nicht Gesetzkunde, sondern Unbefangenheit und Natürlichkeit machen seinen Rechtsanspruch aus. Von dieser Natürlichkeit, die im nördlichen Deutschland durch falsche Bildung und Nachbeterei sehr in den Hintergrund getreten ist, hat sich in Österreich ein großer Rest erhalten, verbunden mit einer Empfänglichkeit, die bei gehöriger Leitung durch den Dichter bis zum Verständnis im unglaublichen Grade gehoben werden kann. Das Gefallen eines solchen Publikums beweist wenig, denn es will vor allem unterhalten sein, sein Mißfallen aber ist im höchsten Grade belehrend. Diesmal begnügte es sich mit einem succes d'estime.

Diese Achtung oder wohl gar Vorliebe für den Dichter zeigte sich aber sehr wenig praktisch. Meine drei Trauerspiele, da sie zwei Theaterabende ausfüllten, sollten mir als zwei Stücke honoriert werden. Da erklärte nun Graf Stadion schon vor der Aufführung, mir die eine der beiden Hälften auf die gewöhnliche Art honorieren zu lassen, für die zweite wolle er ein Theatergesetz Kaiser Josephs, das nie widerrufen worden sei, von neuem in Anwendung bringen, ein Gesetz, zufolge dessen bei neuen Stücken der Verfasser die Wahl zwischen dem Honorar oder dem Ertrag der zweiten Einnahme haben sollte. Durch letzteres hoffte er dem Publikum, dem ich durch meine Ahnfrau und Sappho so viel Vergnügen verschafft hatte, Gelegenheit zu geben, mir seine kunstsinnige und patriotische Anhänglichkeit, allenfalls durch Überzahlung der Logen und Sperrsitze, auf eine tätige Art zu beweisen. So geschah es, der Tag erschien, aber von den siebzig oder achtzig abonnierten Logen des Hofburgtheaters waren nur drei genommen, die Hälfte der Sperrsitze leer, der übrige Schauplatz gefüllt, da aber die Beamten der Theaterdirektion für die Einnahme eines Fremden sich zu keiner gar so genauen Kontrolle verbunden glaubten, war der Ertrag des Abends so gering, daß er kaum die Hälfte des gewöhnlichen Honorars erreichte. Ich erwähne dies nur um das Wiener Publikum, das ich kurz vorher gelobt, und das mich beinahe der Undankbarkeit anklagte, wenn ich ihnen nicht alljährlich ein Stück brachte, darauf aufmerksam zu machen, daß sie mich jedesmal in Stich gelassen haben, wo ich von ihrer Anhänglichkeit mehr als leeres Händeklatschen in Anspruch nahm.

Der wenig durchgreifende Erfolg des goldenen Vließes, insofern er mit meinen eigenen Bedenklichkeiten zusammenfiel, hat mir übrigens in meinem Innern großen Schaden getan. Ich fühlte wohl, daß ich meine Kräfte überschätzt hatte und die harmlose Zuversicht, mit der ich an meine bisherigen Werke ging, fing an sich zu verlieren. Ich beschloß daher bei meinen künftigen Arbeiten mir das Ziel näher zu setzen, was mich vor der Hand um so mehr störte, als mir bereits ein Stoff im Kopfe herumging, der zwar an sich nicht so weitgreifend, doch wenigstens ungeheure Vorarbeiten nötig machte. Doch davon später.

Der Grund des mir erteilten Urlaubes war nunmehr erloschen und ich kehrte in die Geschäfte zurück. Um mir die Nähe der feindlich gesinnten Hofkammer zu ersparen, nahm mich Graf Stadion, obgleich in meiner bisherigen Eigenschaft als Praktikant, in eines seiner eigenen Bureaus bei dem ihm unmittelbar untergeordneten Finanz-Ministerium. Ich muß hier einen Umstand aus meinem Aufenthalt in Neapel nachtragen. Während meiner dortigen Anwesenheit kam der Hofrat im Finanz-Ministerium, Baron Kübeck auf ein paar Tage dahin, um dem Kaiser einen wichtigen Gegenstand vorzutragen. Graf Wurmbrand erzählte mir das, wie auch daß Baron Kübeck von mir gesprochen habe, ich möchte ihn doch besuchen. Ich tat das des nächsten Tages, erhielt aber im Vorzimmer den Bescheid, daß Baron Kübeck beschäftigt sei und niemand vorgelassen werden könne. Ich fand das natürlich, ging daher und kam nicht wieder. Ein paar Tage darauf, als jener schon wieder abgereist war, sagte mir Graf Wurmbrand: Sie hätten doch ein zweitesmal hingehen sollen, denn Baron Kübeck brauchte einen Hilfsarbeiter für die weitläuftigen Ausfertigungen und er hatte auf Sie gezählt. Und das sagte mir der gute Mann, der von Geschäften gar keine Vorstellung hatte, erst nach der Abreise des hochgestellten Staatsmannes. Er nahm mir dadurch die Gelegenheit in die Nähe desselben zu kommen, und wer den Weg und die gegenwärtige Stellung des Baron Kübeck kennt, weiß von welcher Bedeutung eine solche Nähe gewesen wäre.

Wer mich so viel von ämtlichen Aussichten oder Honoraren reden hört, dürfte wohl zu dem Schlüsse kommen, daß es mir an jenem hohen Sinne gefehlt habe, der den Künstler nur die Kunst im Auge halten und alles andere gering schätzen läßt. Vielleicht hat er recht; ich will mich aber auch nicht besser schildern als ich bin, sondern wie ich bin. Da ich aber einmal die Last des Staatsdienstes auf mich genommen hatte, wollte ich doch aus der Reihe der Handarbeiter herauskommen und durch eine bessere Stellung mir die Möglichkeit verschaffen in ein anderes Fach überzutreten, das meinen Neigungen mehr zusagte als der Dienst bei den Finanzen. Zugleich hat die immerwährende Zurücksetzung und jene insolence of office, mit der erbärmliche Menschen nur gar zu gern ihre Amts-Autorität gegen mich geltend machten, mein Gemüt verbittert. Als nun noch dazu die Abnahme meiner Geltung in der deutschen Literatur kam, bemächtigte sich meiner ein Gefühl der Verlassenheit, das bei einer hypochondrischen Anlage, endlich auch jener Stimmung gefährlich wird, die gerade zur Hervorbringung poetischer Arbeiten vor allem erforderlich ist. Was aber Geld und Geldeswert betrifft, so ist das eine Vorausnahme der Zukunft. Zur Zeit hat es mich wenig gekümmert. Jetzt aber im vorgerückten Alter, mit körperlichen Gebrechen behaftet, fühle ich oft nur zu sehr den Abgang jener Bequemlichkeiten und Erleichterungen, die beim weitern Vorschreiten endlich sogar zu Notwendigkeiten werden. Hätte ich mich verheiratet, wie ich vielleicht gesollt, ich müßte geradezu mit Nahrungssorgen kämpfen.

In meiner neuen ämtlichen Bestimmung kam ich unter unmittelbare Leitung des Bureau-Chefs Baron Pillersdorff, der im Jahre 1848 so viel von sich reden gemacht hat. Weit entfernt sei es von mir, daß ich die Rolle billige, die er in diesem letztern Jahre gespielt, ich teile vielmehr die allgemeine Verwerfung. Noch aber ist in mir das Gefühl der Bewunderung lebendig, das ich trotz meiner Abneigung gegen ämtliche Dinge, für Baron Pillersdorff damals fühlte, als ich mit ihm in geschäftliche Berührung kam. Dieser Scharfsinn, diese Ruhe, diese Gabe der Entwicklung und Darstellung, ja diese Festigkeit des Charakters solange die Sache sich hinter dem Schreibtische abmachen ließ sind mir in der Folge nicht wieder vorgekommen, und ich fühlte wohl, daß es ein Geschäfts-Genie gebe, das sich in der Reihe der menschlichen Befähigungen jeder andern Genialität würdig an die Seite setzen könne. Er, in Verbindung mit Baron Kübeck hat Licht und Ordnung in das Chaos der österreichischen Finanzen gebracht. Unter seiner Leitung zeigte der Staatshaushalt, im Jahre 1830 zum erstenmale seit Jahrzehnten, einen Überschuß der Einnahmen gegen die Ausgaben. In demselben Jahre war das Patent schon gedruckt, durch welches der Zinsfuß der Staatsschuld von 5 auf 4 Prozent herabgesetzt wurde, und wenn die Julirevolution in Frankreich um ein paar Monate später eintrat, so war die finanzielle Operation für alle künftigen Zeiten vollbracht. Eben im Jahre 1830 widersetzte er sich den Rüstungen, die das Land in eine neue Schuldenlast gestürzt haben und die, als man nach einigen Jahren die Kosten nicht mehr aufbringen konnte und sich zu Reduktionen genötigt sah, bei den spätem Katastrophen den Staat ohne Geld und ohne Soldaten gelassen haben. Er widersetzte sich dieser Maßregel, obwohl er wußte, daß er damit das Todesurteil seines Einflusses aussprach. Er wurde auch unmittelbar von der Leitung der Finanzen entfernt und als Vizepräsident zu einer andern Hofstelle versetzt, wo er mit der Revision fremder Konzepte und der Ausbesserung orthographischer Fehler die achtzehn schönsten Jahre seines Lebens zubrachte. Diese Versetzung war mit Unwürdigkeiten begleitet, die verdienten aufgezeichnet zu werden, aber nicht hierher gehören. Ob diese Ereignisse in ihm nicht einen Keim von Rachsucht, anderseits aber eine Abspannung erzeugt haben, die sich im Jahre 1848 als Wechsel von Schwäche und erkünstelter Energie darstellten, will ich nicht entscheiden.

Ich stand nie in besonderer Gunst bei Baron Pillersdorff. Nachdem er fruchtlos versucht hatte, mich in die höhern Geschäfte einzuweihen, behandelte er mich mit Achtung aber Gleichgültigkeit, demungeachtet drängt es mich, einer Zeit die alles vergißt, ins Gedächtnis zurückzurufen, daß der Mann, über den jetzt jeder Tropf abspricht, seiner Zeit der Ausgezeichnetste unter den Ausgezeichneten war, und dem Lande unendliche Dienste geleistet hat. Hier fällt mir ein Zug des Grafen Stadion ein, den ich nicht übergehen will. Graf Stadion, als Diplomat von Jugend auf, hatte, wie er selbst aufrichtig gestand, nur geringe finanzielle Kenntnisse. Seine Gegner, die ihm immer Verlegenheiten zu bereiten suchten, wollten schon früher dem Baron Pillersdorff eine andere Bestimmung geben. Nun war dem Grafen Baron Pillersdorff persönlich zuwider. Demungeachtet erklärte er jetzt, daß wenn man ihm diesen ausgezeichneten Hilfsarbeiter entziehe, er sein Amt niederlegen müsse, das er ohne ihn fortzuführen außerstande sei. Das ist groß, dünkt mich. Es hat aber keine Beziehung auf mich, aber ich schreibe meine Erinnerungen und da gehört meine Zeit ebenso gut hinein als ich. Oder vielmehr ich will mich amüsieren und es freut mich, Personen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die mir wohlgewollt haben, der Übelwollenden war ohnehin die größere Anzahl.

Wenn Baron Pillersdorffs Versuche mir Interesse an den Geschäften beizubringen, fruchtlos waren, so lag die Ursache zum Teile darin, daß mich ein neuer dramatischer Stoff eingenommen hatte. Das Schicksal Napoleons war damals neu und in jedermanns Gedächtnis. Ich hatte mit beinahe ausschließlicher Begierde alles gelesen, was über den außerordentlichen Mann von ihm selbst und von andern geschrieben worden war. Es tat mir leid, daß das weite Außereinanderliegen der entscheidenden Momente nicht allein für jetzt, sondern wohl auch für die Zukunft eine poetische Behandlung dieser Ereignisse unmöglich mache. Indem ich von diesen Eindrücken voll meine sonstigen historischen Erinnerungen durchmusterte, fiel mir eine obgleich entfernte Ähnlichkeit mit dem Böhmenkönige Ottokar II in die Augen. Beide wenn auch in ungeheuerm Abstande, tatkräftige Männer, Eroberer, ohne eigentliche Bösartigkeit durch die Umstände zur Härte, wohl gar Tyrannei fortgetrieben, nach vieljährigem Glück dasselbe traurige Ende, zuletzt der Umstand, daß den Wendepunkt von beider Schicksal die Trennung ihrer ersten Ehe und eine zweite Heirat gebildet hatte. Wenn nun zugleich aus dem Untergange Ottokars die Gründung der Habsburgischen Dynastie in Österreich hervorging, so war das für einen österreichischen Dichter eine unbezahlbare Gottesgabe und setzte dem Ganzen die Krone auf. Es war also nicht Napoleons Schicksal, das ich in Ottokar schildern wollte, aber schon eine entfernte Ähnlichkeit begeisterte mich. Zugleich bemerkte ich an meinem Stoffe das Eigentümliche, daß ich beinahe alle Ereignisse, die ich brauchte, in der Geschichte oder Sage bereitliegend vorfand. Um nun nicht ohne Not eigene Erfindungen einzumischen, fing ich eine ungeheure Leserei von allem an was ich über die damalige österreichische und böhmische Geschichte irgend auftreiben konnte. Ja selbst mit der mittelhochdeutschen Sprache – die damals noch nicht unter die Modeartikel gehörte und zu deren Verständnis alle Hilfsmittel fehlten – mußte ich mich befassen, da eine meiner Hauptquellen die gleichzeitige Reimchronik Ottokars von Hornek war. Ich war damals noch fleißig und notierte und exzerpierte in ganzen Massen.

Ich befand mich also auf dem Boden der historischen Tragödie, ehe noch Ludwig Tieck und seine Nachbeter darüber ihre Albernheiten ausgekramt haben. In der Tat Albernheiten. Der Dichter wählt historische Stoffe, weil er darin den Keim zu seinen eigenen Entwicklungen findet, vor allem aber um seinen Ereignissen und Personen eine Konsistenz, einen Schwerpunkt der Realität zu geben, damit auch der Anteil aus dem Reich des Traumes in das der Wirklichkeit übergehe. Wer würde auch einen erdichteten Eroberer ertragen können, der ein erdichtetes Land mit erdichteten Heldentaten eroberte. Namentlich was über das gewöhnlich Glaubliche hinausgeht, muß einen solchen Anhaltspunkt haben, wenn es nicht lächerlich werden soll. Alexander der Große oder Napoleon als erdichtete Personen würden der Spott aller Vernünftigen sein. Das eigentlich Historische aber, nämlich das wirklich Wahre, nicht bloß der Ereignisse, sondern auch der Motive und Entwicklungen gehört so wenig hierher, daß wenn heute Urkunden aufgefunden würden, die Wallensteins völlige Schuld oder völlige Unschuld bewiesen, Schillers Meisterwerk nicht aufhören würde, das zu sein, was es ist und unabhängig von der historischen Wahrheit bleiben wird für alle Zeiten. Shakespeare fand das was man damals history nannte, vor und hat es eben auch kultiviert. In allen seinen historischen Stücken ist aber seine eigene Zutat das Interessante: die komischen Personen in Heinrich IV. nebst dem unnachahmlichen Hotspur, die herzzerreißenden Szenen in König Johann u.s.w., zugleich aber muß man aussprechen, daß wenn er nicht seine auf Novellen und fabelhafte Sagen gegründeten Stücke geschrieben hätte, von seinen historischen wenig die Rede sein würde. Übrigens was ist denn Geschichte? Über welchen Charakter irgend einer historischen Person ist man denn einig? Der Geschichtschreiber weiß wenig, der Dichter aber muß alles wissen.

Dies scheint in Widerspruch mit dem Obigen zu stehen, wo ich einen Wert darauf gelegt habe, daß alle Ereignisse im Ottokar entweder durch die Geschichte oder wenigstens durch die Sage beglaubigt seien. Ich habe es aber auch nur als eine Kuriosität angeführt, obgleich anderseits das den Schluß bildende und in seinen Wirkungen bis in die Gegenwart reichende Faktum, die Gründung der habsburgischen Dynastie in Österreich, der Wahrhaftigkeit der Ereignisse ein patriotisches Interesse verlieh.

Der Stoff hatte sich gegliedert, die Begebenheiten waren eingereiht, die Komposition mußte ich eine vorzügliche nennen, demungeachtet ging ich nur schwer an die Ausführung; ich hatte es nämlich mit einer Form zu tun, die mir durchaus nicht empfehlenswert schien: dem historischen Drama. Ich hatte in meinen bisherigen Arbeiten immer die Ereignisse so nahe aneinander gedrängt als möglich, jetzt sollten entfernt liegende miteinander verbunden werden. Man hat viel über die drei Einheiten gespottet. Die Einheit der Handlung gibt jeder Vernünftige zu. Die Einheit des Ortes hängt mit der Einrichtung der alten Theater zusammen und wird nur bedeutend, wenn sie mit der dritten Einheit zusammenfällt. Diese dritte, die Einheit der Zeit hingegen ist höchst wichtig. Die Form des Drama ist die Gegenwart, welche es bekanntlich nicht gibt, sondern nur durch die ununterbrochene Folge des nacheinander Vorgehenden gebildet wird. Die Nicht-Unterbrechung ist daher das wesentliche Merkmal derselben. Zugleich ist die Zeit nicht nur die äußere Form der Handlung, sie gehört auch unter die Motive: Empfindungen und Leidenschaften werden stärker oder schwächer durch die Zeit. Wenn ich den Zuseher zwinge, die Stelle des Dichters zu vertreten und durch Reflexionen und Rückerinnerungen die weit entfernten Momente aneinander zu knüpfen, so verliert sich jene Unmittelbarkeit der Wirkung, welche die Stärke derselben bedingt und das Charakteristische des gegenwärtig Wirkenden ist. Der Eitelkeit des gegenwärtigen literarischen Publikums, welches mehr angeregt als befriedigt sein will, schmeichelt zwar dieses Mit-Geschäftigsein, dieses Deuten und Supplieren, in die aufnehmende Empfindung kömmt aber dadurch etwas Willkürliches, das dem Gefühle der Notwendigkeit entgegengesetzt ist, welche die innere Form des Drama ausmacht, wie die Gegenwart die äußere. Das Drama nähert sich dem Epos.

Was den Inhalt betrifft, so macht die Masse der Begebenheiten es unmöglich jeder einzelnen ihr Recht widerfahren zu lassen; die Motive müssen verstärkt, die Charaktere dem Übertriebenen näher gebracht werden, bekanntlich aber sind das Bunte und Grelle eben nicht Zeichen eines guten Geschmacks.

Zu meinem Tröste konnte ich mir übrigens sagen, daß mein Stoff wenigstens jenes Erfordernis habe, das eine historische Tragödie allein zulässig macht, daß nämlich die historisch oder sagenhaft beglaubigten Begebenheiten imstande wären eine gleiche Gemütswirkung hervorzubringen, als ob sie eigens zu diesem Zwecke erfunden wären.

Diese meine Bedenken und diesen meinen Trost werden freilich diejenigen lächerlich finden, für welche die Geschichte der sich selbst realisierende Begriff ist. Ich muß mir ihr Lachen gefallen lassen, oder vielmehr ich bin so frei, ihnen dieses Lachen im verstärkten Maße zurückzugeben.

Meinem Zögern wurde durch ein immer heftiger werdendes Halsübel ein Ende gemacht, das, ohne daß ich jedoch ärztliche Hilfe angewendet hätte, mich doch zwang, während eines ganzen Wintermonats mein Zimmer zu hüten. Oder vielmehr, nachdem die Abgeschiedenheit und Langeweile mich zum Beginn der Arbeit veranlaßt hatte, nahm ich mir vor bis zum Abschluß mein Zimmer nicht zu verlassen, ging mittags in das gegenüberliegende Gasthaus zum Jägerhorn essen, kehrte aber unmittelbar in meine vier Wände zurück, die ich mit meinen Gestalten bevölkerte. Ich darf des Anteils nicht vergessen den ein Mars Moravicus in folio, den ich mir als Quelle für den Ottokar beigelegt, auf das Zustandekommen jenes Durchbruchs allerdings genommen hat. Auf dem Titelblatte dieses Mährischen Mars war nämlich der Kriegsgott in voller Rüstung ungefähr so abgebildet wie ich mir die äußere Erscheinung Ottokars gedacht hatte. Diese Figur reizte mich an, meine Gestalten nach auswärts zu werfen, und auch während der Arbeit kehrte ich jedesmal zu ihr zurück, sooft sich meine Bilder zu schwächen schienen. Ebenso hatte, als ich an den Argonauten schrieb, die turmartige Wendeltreppe in dem Hofe eines uralten Nachbarhauses, in den eines der Fenster unserer damaligen Wohnung ging, meiner Phantasie zu einem willkommenen Stützpunkt gedient.

Ich machte nun meiner freiwilligen Gefangenschaft ein Ende und mein erster Gang war zur Theaterdirektion, der ich mein Stück überreichte und zwar im Konzept, da, indem ich den Stoff so lange in mir getragen, das Niederschreiben beinahe ohne Korrektur vonstatten ging. Diesmal war Schreyvogel gleich von vorneher einverstanden. Wir ließen das Stück abschreiben und gaben es zur Zensur, von der wir keine Anstände besorgten, da, wenn das regierende Haus eigens einen Schmeichler bezahlt hätte, dieser der Handlung keine günstigere Wendung geben konnte, als die dramatische Notwendigkeit von selber aufgedrungen hatte.

Jetzt erhielten auch meine ämtlichen Verhältnisse eine günstige Wendung. Der sogenannte Ministerial-Konzipist des Finanz-Ministeriums, nämlich der Konzeptsbeamte, der in der unmittelbaren Nähe des Finanz-Ministers, im eigenen Bureau desselben fungierte, wurde befördert und Graf Stadion verlieh mir augenblicklich diese Stelle, mit der außer dem gewöhnlichen Gehalte auch noch eine besondere Gratifikation von einigen hundert Gulden des Jahres verbunden war. Diese Beförderung erfreute mich um so mehr, als ich nun auch dem Hoftheater meinen Kontrakt als bestallter dramatischer Dichter zurückgeben konnte und von nun an freie Hand über meine Arbeiten hatte. Meine neuen Geschäfte waren höchst geringfügig, und erhielten erst einige Bedeutung in Verhinderungs- oder Krankheitsfällen des Ministerial-Sekretärs, weil man dann die eingelangten Geschäftsstücke dem Minister persönlich vorzulegen und von jedem den Inhalt in kurzem anzugeben hatte, in Folge dessen er die wichtigem zur eignen Lesung bei sich behielt, die andern aber zur Verteilung an die Departements zurückstellte. Auch dieser Teil der Geschäftsführung wurde nur dadurch beschwerlich, daß sich Graf Stadion, noch von seiner diplomatischen Laufbahn her, an eine sonderbare Verkehrung der Tageszeiten gewöhnt hatte. Er legte sich erst gegen Morgen zu Bette und stand auf, wenn die andern Leute sich zum Mittagmahl setzten. Da galt es denn ihm nach Mitternacht, wenn er aus den Gesellschaften nach Hause kam, über Akten und Geschäfte Rechenschaft zu geben, was in halber Schlaftrunkenheit nicht immer fließend vonstatten ging. Glücklicherweise war der Ministerial-Sekretär auf seine Sonnennähe so eifersüchtig, daß er so selten als möglich krank wurde und eine andere Abwesenheit sich nicht leicht zuschulden kommen ließ. Bei Reisen des Ministers aber, worunter besonders der Sommer-Aufenthalt auf seinen Gütern gehörte, fiel die ganze Last auf den Konzipisten, der ihn alsdann zu begleiten hatte, eine Last die durch die peinliche Mittel-Stellung zwischen angenehmen Gesellschafter und untergeordnetem Beamten bedeutend erschwert wurde. Außer diesen Ausnahmefällen bestand das Geschäft des Ministerial-Konzipisten nur in der Protokollierung der eingegangenen Stücke und ihrer Verteilung an die Departements. Mein Vorgänger hatte auch über diesen Teil seiner Amtsführung ein mysteriöses Dunkel zu verbreiten gewußt. Er lief zehnmal des Tages ab und zu. Man sah ihn nie ohne ein versperrtes Akten-Portfeuille unterm Arme. Ein beredtes Stillschweigen deutete an, daß er weiß Gott was für Geheimnisse wisse. Nun gab es allerdings im Finanz-Ministerium höchst wichtige und geheime Dinge, derlei kamen aber unmittelbar unter eigener Adresse und zu eigener Eröffnung an den Minister selbst, der klug genug war, sie erst nach der Bearbeitung und Ausführung, wenn sie aufgehört hatten geheim zu sein, an das Protokoll zur Einschaltung abzugeben. Da ich nun über diesen Umstand auf Befragen kein Hehl hatte, meine unbedeutenden Geschäfte so einfach und schnell als möglich abtat, so verschwand bald der Nimbus meines Amtes und alle, die meinen Vorgänger angestaunt und ob seiner Geschäftslast bedauert hatten, sagten von mir: ich hätte nichts zu tun; worin sie der Wahrheit so ziemlich nahe kamen. Des Haupt-Vorteils meiner Stellung, der Nähe des Ministers, sollte ich bald durch eigene Schuld verlustig gehen. Die Zeit meines eigentlichen Dienstes, der Sommer, kam und ich mußte den Grafen auf seine Güter begleiten. Human, wie er war, zog er den jeweiligen ämtlichen Begleiter auch in seinen Familienkreis und er hatte kein Hehl, wie es ihn erfreue, seiner Familie, statt meines bornierten Vorgängers, einen Dichter und Mann von Geist zuführen zu können.

In Wien bestehen über meine geselligen Talente die entgegengesetztesten Ansichten. Die einen finden mich höchst liebenswürdig, die andern unerträglich. Ob die ersten recht haben, weiß ich nicht, die letztern können unzweifelhafte Erfahrungen für sich anführen. Den Erklärungsgrund bildet, daß für mich das Schrecken aller Schrecken die Langeweile ist. Die vorzugsweise Beschäftigung mit Büchern, mit guten nämlich, erzeugt eine Gewohnheit interessiert zu sein, die sich endlich zum Bedürfnis steigert. Selbst mit geistlosen Menschen kann ich umgehen, wenn irgend ein Charakterzug ja eine unschuldige Verkehrtheit hervortritt, die einen Anknüpfungspunkt darbietet. Heiter zu sein, ja selbst Spaß zu machen fällt mir unter solchen Umständen nicht schwer, nur darf es nicht zu lange dauern oder sich zu oft wiederholen; wenn die Situation ausgekostet ist, hat der Reiz ein Ende. Unerläßliche Bedingung ist jedoch, daß ich mich unbefangen und ungehindert gehen lassen kann; treten Rücksichten ein, die diese Freiheit der Bewegung hemmen, dann wird mir der Zustand unleidlich. Gegenüber von unbedeutenden, gleichgiltigen oder wohl gar übelwollenden Personen weiß ich mir sehr gut zu helfen und zwischen der Ortsveränderung und der eigentlichen Grobheit liegen eine Menge Mittelstufen, deren ich mich in solchen Fällen schon mit Glück bedient habe. Sind es aber gute, wohlwollende, etwa gar Personen denen ich zu Dank verpflichtet bin, so gerate ich in einen Zustand der Abspannung, der sich nur durch die Willkürlichkeit der äußern Bewegung vom Schlafe unterscheidet. Dadurch daß ich mich dieses Mangels an Herrschaft über meine Stimmung, nicht vor andern, sondern vor mir selbst schäme, gerate ich immer tiefer hinein, ein geistiges Dunkel umgibt mich und ich weiß kaum mehr was ich tue oder sage.

Die Familie des Grafen bestand aus seiner Gemahlin, einer, wie man sagte, aristokratisch stolzen, aber höchst gutmütigen, nur auch ebenso bornierten Frau; aus zwei herangewachsenen Töchtern, die Geist haben mochten, sich aber immer in den Redeschranken wohlerzogener Komtessen hielten; einer Schwester oder Schwägerin, die etwas Spöttisches hatte, ohne durch ihr Wesen dazu berechtigt, oder aus jener Sphäre heraus zu sein, die selbst zum Gegenstande des Spottes macht; aus zwei Söhnen, von denen der eine später für kurze Zeit eine bedeutende Rolle gespielt hat, die aber damals ziemlich wilde Knaben von 14 bis 15 Jahren waren. Dazu kam ein Hofmeister, der in die Familien-Verhältnisse genug eingeweiht war um in das leerste Gewäsch ein Wort mit hineinwerfen zu können, der aber im Bewußtsein der Atmosphäre sich wohl hütete, irgend etwas allgemein Interessantes zur Sprache zu bringen, obwohl er ein zwar etwas verworrener, aber wirklich bedeutender Mensch war. Wenn sich nun noch Besuche von adelichen Familien aus der Nachbarschaft oder von Diplomaten zweiten Ranges, aus der ehemaligen Sphäre des Grafen einstellten, so gab das ein Gemenge und Getreibe, dem meine Kopfnerven durchaus nicht gewachsen waren. Als die leersten und geistlosesten zeigten sich die Diplomaten und ich mußte in der Folge oft seufzen wenn ich dieselben Namen in den politischen Verhandlungen früherer Zeit als Mitwirkende und Teilnehmer las. Sie unterhielten den Grafen mit einer ungesalzenen chronique scandaleuse aus ihrem Umgangskreise, man sah ihnen aber wohl an, daß sie auch bei ihrem gegenwärtigen Wirte nur Stoff zu Zwischenträgereien für die Unterhaltung der eben jetzt Verspotteten suchten. Der Graf wußte das so gut als ich, es kümmerte ihn aber nicht.

Er war überhaupt einer der charaktervollsten Männer seiner Zeit und übte über sich selbst eine unglaubliche Gewalt aus. Für das Gesellschaftliche war ihm freilich die Langeweile der Hof-Zirkel und der diplomatischen Salons eine gute Vorübung gewesen, demungeachtet aber blieb es bewundernswürdig wie er jeder Lage eine Seite abzugewinnen wußte um sich zu unterhalten, oder zu zerstreuen oder wenigstens die Zeit vorwärts zu schieben. Dieselbe Gewalt, die er über sich ausübte, forderte er aber auch, mit Recht, von jedem eigentlichen Manne und ich bin überzeugt, daß er mir mein knabenhaftes Herumtaumeln sehr übel nahm, obgleich er nie davon ein Zeichen gab. Gerade diese Güte aber war es, die mir jedes energische Herausreißen unmöglich machte. Wie nun auch immer, das Verhältnis gestaltete sich mir als unleidlich und als des nächsten Sommers die Zeit des Landaufenthaltes herankam, benützte ich eine leichte Unpäßlichkeit um mich der Begleitung zu entheben, eine Gelegenheit, welche ein untergeordneter Beamter, der dem Grafen nicht unangenehm war, mit Begierde ergriff. Der vortreffliche Mann hat mich über alles das wahrscheinlich mehr entschuldigt als ich mich selbst. Wie weit es aber doch etwa auf seine Gesinnung einwirkte, konnte nicht deutlich werden, da er bald darauf starb.

Ich habe hier scheinbar einen langen Zwischenraum seit Überreichung meines Ottokar übersprungen, der aber eigentlich keiner ist, denn zwei Jahre waren verflossen und ich stand mit meinem Stücke noch auf demselben Punkte. Es war bei der Zensur eingereicht worden, dort aber verschwunden. Es wußte niemand wo es hingekommen sei. Anfangs hieß es, es sei der Staatskanzlei mitgeteilt worden und befinde sich in den Händen des Hofrates Gentz. Ich ging denn zu Gentz.

Noch erinnere ich mich des widerlichen Eindrucks, den die Wohnung des Mannes auf mich machte. Der Fußboden des Wart-Salons war mit gefütterten Teppichen belegt, so daß man bei jedem Schritte wie in einen Sumpf einsank und eine Art Seekrankheit bekam. Auf allen Tischen und Kommoden standen Glasglocken mit eingemachten Früchten zum augenblicklichen Naschen für den sybaritischen Hausherrn, im Schlafzimmer endlich lag er selbst auf einem schneeweißen Bette im grauseidenen Schlafrocke. Rings herum Inventionen und Bequemlichkeiten. Da waren bewegliche Arme, die Tinte und Feder beim Bedarf näher brachten, ein Schreibpult das sich von selbst hin und her schob, ich glaube daß selbst der Nachttopf allenfalls durch den Druck einer Feder sich zum Gebrauch darreichte. Gentz empfing mich kalt aber höflich. Er hatte mein Stück allerdings empfangen und gelesen, aber bereits wieder abgegeben. Ich ging. Neuer Kreislauf, neue Ungewißheit, zuletzt Verschwinden aller weitern Spur.

In welche Lage mich das setzte, kann jedermann denken. Es fiel mir nicht einmal ein einen neuen Stoff zu wählen, denn wenn dieser loyal patriotische Anstände fand, was war irgend sonst durchzubringen.

Da kam endlich Hilfe von einer Seite wo mans am wenigsten erwartet hätte. Die jetzige Kaiserin-Mutter, damals regierende Kaiserin, befand sich unwohl. Der Dichter Mathäus Collin, einer der Lehrer des Herzogs von Reichstadt, kam zu ihr, wahrscheinlich um Bericht über die Fortschritte seines Zöglings abzustatten. Da ersucht ihn die gebildete Frau ihr Bücher zur Lektüre vorzuschlagen. Er nennt ihr einige Werke, die sie aber bereits kennt. Gehen Sie doch zur Theaterdirektion, sagt sie ihm, und fragen Sie an, ob nicht irgend ein interessantes Manuskript vorliege, bei der künftigen Aufführung werde ich es mit doppeltem Anteile sehn. Collin geht zur Theaterdirektion und erfährt, daß nichts als unbedeutende Blüetten da seien, die erst durch die Aufführung einen Wert bekommen. König Ottokars Glück und Ende könnte allenfalls Ihre Majestät interessieren, es liege aber seit zwei Jahren bei der Zensur und man könne es trotz aller Bemühungen nicht zurück erhalten. Collin nimmt seinen Weg auch zur Zensurshofstelle und als man dort den Zweck der Nachfrage erfährt, ist das Stück augenblicklich gefunden.

Collin liest es der Kaiserin vor, die nicht genug erstaunen kann, daß man das Stück verbieten wolle. In dem Augenblicke tritt ihr Gemahl ins Zimmer. Die Kaiserin teilt ihm ihre Verwunderung mit und wie sie in dem Stück nichts als Gutes und Löbliches gefunden. Wenn sich das so verhält, sagt der Kaiser, so mag Collin zur Zensur gehen und ihnen sagen, daß sie die Aufführung erlauben sollen. Collin, ein im höchsten Grade ehrenwerter Mann, hat den Vorgang vor niemand verhehlt und so habe auch ich ihn erfahren. Und so bedurfte es eines Zufalls um eine Arbeit, die mir, alles abgerechnet, eine mehr als jahrelange Sammler-Mühe gekostet, nicht aus der Reihe der Dinge verschwinden zu lassen.

Man ging nun an die Aufführung. Anschütz gab den Ottokar sehr gut. Die Schröder übernahm die kleine Rolle der Margarethe. Es fanden sich für alle andern passende Schauspieler. Noch erinnere ich mich der Wunderlichkeit, daß Heurteur der Darsteller des Rudolf von Habsburg, der alles bildlich nahm und wegen Unpäßlichkeit der Leseprobe nicht beiwohnen konnte, als er mich ein paar Tage darauf auf dem Glacis begegnete, anhielt, um mich über seine Auffassung der Rolle zu Rate zu ziehen. Nun, und wie wollen Sie den Rudolf spielen? fragte ich. Halb Kaiser Franz und halb Heiliger Florian, war seine Antwort. Sehr gut, versetzte ich. Wir gingen auseinander und Heurteur gab seine Rolle höchst befriedigend.

Als der Tag der Aufführung kam, gab es ein Gedränge, desgleichen man im Hofburgtheater weder früher noch später erlebt hat. Leider konnte ich die Ehre dieses Zulaufs nicht bloß mir anrechnen, es war vielmehr das Gerücht, daß das Stück von der Zensur verboten gewesen sei, was dem Publikum die Aussicht auf ein allfälliges Skandal eröffnete. Als nun alles höchst loyal und unverfänglich ablief, selbst die Versuche längst vergangene Ereignisse an neue und an gegenwärtig lebende Personen anzuknüpfen, nicht recht gelingen wollten, sah man sich in einem Teil seiner Erwartungen getäuscht. Zugleich war die Form des Historischen damals glücklicherweise noch nicht geläufig, man hatte sich noch nicht Rechenschaft gegeben, daß man derlei nicht wie ein Miniaturbild nahe vor das Auge, sondern wie ein Deckengemälde in einige Entfernung bringen müsse. Die, wegen Mangel des Raums, auf die Spitze getriebenen Situationen schienen übertrieben, man vermißte die stetige Folge des Natürlichen. Das Publikum war nämlich selbst noch natürlich, es hatte noch nicht jene Höhe erklommen, auf der ihm nichts gefällt als was ihm mißfällt, der Zustimmung aber den Anschein einer höhern Bildung gibt. Es wurde ungeheuer viel geklatscht, oder vielmehr, da das Gedränge das Klatschen unmöglich machte, gejubelt und gestampft, aber ich merkte wohl, daß der Eindruck nicht lebendig ins Innere gedrungen war. Der Beifall erhielt sich bei allen Wiederholungen, demungeachtet war es, als ob das Stück durchgefallen wäre, wenigstens wichen mir alle Freunde und Bekannten aus, als ob sie ein Gespräch über das neueste theatralische Ereignis gefürchtet hätten. Am übelsten waren die Bewunderer meiner Sappho zu sprechen, sie wendeten auf das eine Stück an, was von dem andern galt, als ob sie von der Verschiedenheit der Stoffe gar keine Vorstellung hätten und ich entfernte mich aus den wenigen Häusern, die ich bisher besucht hatte, um nur nicht sachunkundige Einwendungen in Einem fort berichtigen zu müssen.

Was bei den übrigen heimlich rumorte, sprachen in höchster Entrüstung die in Wien lebenden Böhmen aus. Die tschechische Nation ist gewohnt, den König Ottokar als den Glanzpunkt ihrer Geschichte zu betrachten. Darin haben sie ganz recht, wenn sie ihm aber durchaus löbliche Eigenschaften zuteilen, so widerlegt sie schon der Umstand, daß seine neuen Untertanen sich gegen ihn gewendet und seine alten ihn verlassen haben. Im ganzen dürfte meine Auffassung auch historisch ziemlich richtig gewesen sein. Wenn ich ihm etwas Zufahrendes und, wie ich es oben genannt, Wachstubenmäßiges gegeben hatte, so war es weil mir der Kaiser Napoleon vorschwebte, man kann aber nicht sagen, daß Ottokar nicht so gewesen ist, weil niemand weiß wie er wirklich war. Die Aufzeichnungen über ihn sind höchst dürftig. Indem ich vorzugsweise österreichischen Quellen folgte, geriet freilich – was übrigens schon die dramatische Notwendigkeit forderte – die Hauptfigur etwas ins Dunkle, aber vor ein paar Jahren hatte man ein Stück Ottokar von Kotzebue aufgeführt, in dem der Held zu einer Art Kinderschreck gemacht war, ohne daß jemand dabei ein Arges gehabt hätte.

Die Stimmung der Böhmen erzeugte sich übrigens nicht ohne Aufhetzerei und die Fäden gingen so ziemlich auf einen Staatskanzlei-Rat böhmischer Abkunft zusammen, der wohl auch seinen Anteil an den ursprünglichen Zensur-Hindernissen beigesteuert hatte. Man hatte ihm nämlich im Ministerium des Äußern das Fach der Zensur zugeteilt, weil, wie man glaubte, seine Unfähigkeit dort den geringsten Schaden anzurichten vermöge. Um ihn und die Art wie damals das Zensoramt ausgeübt wurde, zu zeichnen, will ich einen guten Spaß anführen, obwohl er mich selbst nichts angeht. Baron Hormayr, dem es nicht an Verstand und Witz, wohl aber an Rechtschaffenheit und eigentlichem Fleiß fehlte, hatte für sein eigenes historisches Taschenbuch einen Aufsatz: Philippine Welser geschrieben. Als derselbe dem obgedachten staatskanzleirätlichen Zensor in die Hände kam, erklärte er, darüber nicht aburteilen zu können. Da es sich um eine Mesalliance in dem kaiserlichen Hause handle, müsse vor allem der Chef des Hauses, der Kaiser selbst, befragt werden. Das ist allerdings richtig, versetzte Hormayr, wenn Sie den Erzherzog Ferdinand hindern wollen, die Philippine Welser zu heiraten. Sollte aber die Heirat schon vor dreihundert Jahren wirklich vor sich gegangen sein, so sehe ich nicht ein was der Chef des Hauses noch dazu oder davon wegtun könnte.

Die nationelle Aufregung, die von den böhmischen Studenten in Wien ausging, setzte sich aber auch nach Prag fort. Ich erhielt von dort anonyme Drohbriefe, von denen ich noch einen aufbewahre, wo schon auf der Adresse die Grobheiten beginnen, indes im innern mit der Hölle als Strafe für meine teuflischen Verleumdungen gedroht wird. Es ging so weit, daß als ich im nächsten Herbste eine Reise nach Deutschland beabsichtigte und dabei Prag als eine der interessantesten Städte nicht übergehen wollte, meine Freunde mir ernstlich abrieten, weil sie von der gereizten Stimmung eine Gefahr für mich befürchteten. Ich ging trotz Stimmung und Warnung über Prag und habe während eines dreitägigen Aufenthaltes wohl schiefe Gesichter gesehen, aber sonst nichts Unangenehmes erfahren.

So lächerlich mir einerseits diese Übertreibungen eines im Grunde löblichen Nationalgefühles waren, so weh tat es mir andrerseits, gerade des Löblichen der Grundlage wegen, ohne Absicht Anlaß gegeben zu haben, daß ein ehrenwerter, in denselben Staatsverband gehöriger Volksstamm sich meine harmlose Arbeit zu einer Verunglimpfung und Beleidigung formuliere. Ich wußte in der Tat nicht mehr was ich tun sollte. Wo ich hintrat, stieß ich an; und wo ich Dank erwartet hatte, machte man mich für fremde Absurditäten verantwortlich. Es ist ein Unglück für Österreich, in seinen Länderkomplex zwei der eitelsten Nationen dieser Erde einzuschließen, die Böhmen nämlich und die Ungarn. Damals schlummerte diese Eitelkeit noch und war in dem Streben nach einer allgemeinen Bildung eingehüllt, als aber in der Folge die deutsche Literatur die Nationalitäten hervorhob, wobei sie aber nicht die Deutschen zur Wahrung ihres Nationalcharakters ermuntern, sondern ihnen einen ganz neuen Charakter anbilden, sie aus einem ruhigen, verständigen, bescheidenen und pflichttreuen Volke zu Feuerfressern und Weltverschlingern machen wollte, da übersetzten Tschechen und Magyaren die deutsche Albernheit unmittelbar ins Böhmische und Ungrische, dünkten sich originell in der Nachahmung und erzeugten jene Ideenverwirrung, die im Jahre 1848 sich so blutig Bahn gebrochen hat. Sie vergaßen dabei, alles andere abgerechnet, daß ein Volksstamm kein Volk, so wie ein Idiom oder Dialekt keine Sprache ist, und wer nicht allein stehen kann, sich anschließen muß.

Da ich bei der damals in Deutschland herrschenden Erbitterung gegen Ostreich nicht hoffen konnte, für meinen durchaus östreichisch gehaltenen Ottokar einen Platz auf den übrigen deutschen Bühnen zu finden, und zugleich in der Heimat Rückfälle der Zensur fürchtete, so hatte ich zugleich mit der Aufführung mein Stück in Druck erscheinen lassen, wo sich denn das Merkwürdige begab, daß mein Verleger an einem Tage, dem der Aufführung nämlich, neunhundert Exemplare verkaufte, ein Absatz, der sich freilich in der Folge ins natürliche Verhältnis zurücklenkte.

Als von einem gedruckten Stücke, für das man daher kein Honorar zu bezahlen brauchte, bereitete auch ein zweites Wiener Theater, das an der Wien, die Aufführung vor. Wie diese beschaffen war, kann man daraus abnehmen, daß der mit der Rolle des Ottokar betraute Schauspieler, der jetzt in Berlin engagierte Herr Rott, am Tage nach der ersten Darstellung im Burgtheater, einen meiner Bekannten über den gestrigen Erfolg, vor allem aber über die Art fragte, wie Anschütz den Ottokar gehalten habe. Als ihm dieser sagte: streng, heftig, hart; erwiderte Rott, der das Stück noch gar nicht kannte: ich werde ihn mild geben. Ich muß noch eine Anekdote als hierher gehörig anführen, und zwar eine Zensur-Anekdote. Ein paar Jahre später fuhr ich mit dem Hietzinger Gesellschaftswagen von Hietzing nach Wien. Ich kam neben einen Hofrat der Zensurshofstelle zu sitzen, der mir schon früher als Polizeidirektor in Venedig während meines dortigen Aufenthaltes alle Freundlichkeiten erwiesen hatte und mir bis auf diesen Augenblick immer zugetan geblieben ist. Er begann das Gespräch mit der damals in Wien stereotypen Frage: warum ich denn gar so wenig schriebe? Ich erwiderte ihm: er als Beamter der Zensur müsse den Grund wohl am besten wissen. Ja, versetzte er, so seid ihr Herren! Ihr denkt euch immer die Zensur als gegen euch verschworen. Als Ihr Ottokar zwei Jahre liegen blieb, glaubten Sie wahrscheinlich, ein erbitterter Feind verhindere die Aufführung. Wissen Sie, wer es zurückgehalten hat? Ich, der ich, weiß Gott, Ihr Feind nicht bin. Aber, Herr Hofrat, versetzte ich, was haben Sie denn an dem Stücke Gefährliches gefunden? Gar nichts, sagte er, aber ich dachte mir: man kann doch nicht wissen –! Und das sprach der Mann im Tone der wohlwollendsten Gutmütigkeit, so daß man wohl sah, der mit den Angelegenheiten der Literatur betraute Beamte habe nicht die geringste Vorstellung von literarischem Eigentum, sowie daß die Arbeit des Dichters wenigstens ebenso viel Anspruch auf Geltung und Vergeltung habe, als die des Beamten oder des Handwerkers.

Daß unter diesen Umständen in dem damaligen Österreich für einen Dichter kein Platz sei, wurde mir immer deutlicher. Ich versank immer mehr in eine hypochondrische Stimmung, in der mich weder ein früher vorbereiteter Stoff zur Ausführung reizte, noch ein neuer hinzukam, welches letztere von da an der Grundtypus meiner poetischen Produktionskraft geblieben ist. Auf alte Stoffe zurückkommen hat aber immer etwas Gefährliches. Selbst die Fortschritte in der Bildung, die man in der Zwischenzeit gemacht hat, werden zu Hindernissen. Man fühlt sich genötigt am Plane zu ändern, was manchmal auf die Geschlossenheit der Form, manchmal sogar auf die Einheit der Anschauung von nachteiliger Wirkung ist.

Mir war damals zumute als ob ich nie mehr etwas schreiben würde. Dazu traten noch in Verwirrung gekommene Herzensangelegenheiten. Ich beschloß dem Zustande durch eine Reise ein Ende zu machen.

Was die Herzensangelegenheiten betrifft, so werde ich weder jetzt noch später ihrer im einzelnen Erwähnung machen, obwohl sie eine große, obwohl leider nicht förderliche Rolle in meinem Entwicklungsgange gespielt haben. Ich bin Herr meiner Geheimnisse, aber nicht der der andern. Wie jeder wohlbeschaffene Mensch fühlte ich mich von der schönern Hälfte der Menschheit angezogen, war mit mir aber viel zu wenig zufrieden, um zu glauben tiefe Eindrücke in kurzer Zeit hervorbringen zu können. War es aber die vage Vorstellung von Poesie und Dichter, oder selbst das Schwerflüssige meines Wesens, das, wenn es nicht abstößt, gerade aus Widerspruchsgeist anzieht, ich fand mich tief verwickelt, während ich noch glaubte in der ersten Annäherung zu sein. Das gab nun Glück und Unglück in nächster Nähe, obwohl letzteres in verstärktem Maße, da mein eigentliches Streben doch immer dahin ging, mich in jenem ungetrübten Zustande zu erhalten, der meiner eigentlichen Göttin, der Kunst, die Annäherung nicht erschwerte oder wohl gar unmöglich machte.

Eine Reise ist ein vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände. Diesesmal sollte das Ziel der meinigen Deutschland sein. Die deutschen Größen hatten zwar so ziemlich Abschied genommen, noch aber lebte einer, Goethe, den zu sprechen oder auch nur zu sehen mich im voraus glücklich machte. Ich war nie, wie damals der Modeton ging, ein blinder Anbeter Goethes, so wenig als irgend eines andern einzelnen Dichters. Da wo sie alle zusammentrafen schien mir die Poesie zu liegen, die einzelnen Abweichungen gaben ihnen teils den Reiz der Individualität, teils waren sie nicht frei von dem allgemeinen Los der Menschheit: zu irren nämlich. Besonders Goethe hatte sich seit Schillers Tode von der Poesie ab und den Wissenschaften zugewendet. Indem er seine Wärme in zu viele Dichtungen verteilte, wurde sie schwächer in jeder, seine neuesten poetischen Hervorbringungen waren lau oder kühl, und wenn er sich, der Haltung wegen, dem Antiken zuwendete, manieriert. Die Empfindungs-Mattigkeit, die er der damaligen Zeit mitteilte, hat vielleicht vor allem zum Verfall der Poesie beigetragen, indem sie der darauf folgenden Rohheit des Jungen Deutschlands, der Volkspoesie und des mittelhochdeutschen Unsinns Tür und Tor öffnete; das Publikum war froh nur wieder etwas Substantielles zwischen die Zähne zu bekommen. Nichtsdestoweniger ist er einer der größten Dichter aller Zeiten und der Vater unserer Poesie. Klopstock hatte den Anstoß gegeben, Lessing den Weg gezeigt, Goethe ist ihn gegangen. Vielleicht ist Schiller ein größeres Besitztum der deutschen Nation, denn ein Volk braucht starke, fortreißende Eindrücke, aber Goethe scheint der größere Dichter zu sein. Er füllt ein eigenes Blatt in der Entwicklung des menschlichen Geistes, indes Schiller zwischen Racine und Shakespeare in der Mitte steht. So wenig ich nun mit der neuesten Wirksamkeit Goethes einverstanden war und bei seinem damaligen ablehnenden Quietismus hoffen konnte, daß er den Dichter der Ahnfrau und des goldenen Vließes nur irgend einer Beachtung würdigen werde, so war mir doch als ob schon sein Anblick hinreichend wäre, mir neuen Mut in die Seele zu gießen. Dormit puer, non mortuus est.

Außer dieser echt katholischen Reliquien-Andacht zog mich auch noch der nur halb klare Gedanke nach Deutschland, mich umzusehen, ob da vielleicht ein Ort sei, wo man ungestörter der Poesie nachhängen könne, als in dem damaligen Wien.

Ich begab mich daher auf den Weg, und zwar allein, wie ich immer geliebt habe. In Prag genoß ich die verkörperten historischen Erinnerungen der herrlichen Stadt, und vorbereitete Stoffe aus der böhmischen Geschichte gingen auffordernd durch meinen Sinn. Von da über Teplitz nach Dresden und zwar mit dem Landkutscher, da es damals mit Reisegelegenheiten schlecht bestellt war. Den Weg verkürzte mir übrigens ein ältlicher Mann mit seiner jungen Frau, der unerschöpflich in dem Lobe von Prag war. Haben Sie die Gemäldesammlung gesehen? fragte er. Ich wußte gar nicht, daß es eine solche in Prag gab. Das sind Bilder! sagte er, besonders eines darunter von Raffael oder Gabriel, wie er heißt.

In Gießhübel hörte ich zuerst von einem, dem Anscheine nach vornehmen Manne den sächsischen Dialekt sprechen und ich glaubte vergehen zu müssen. Die östreichische Mundart ist plump, die sächsische aber abgeschmackt. Einen noch viel wunderlicheren Eindruck machte es auf mich, als ich in der Gegend von Meißen eine ziemlich hübsche Kellnerin mit einigen Fuhrleuten die gröbsten Zoten in dem reinsten Deutsch vorbringen hörte. In Dresden zog mich die Bildergalerie so an, daß ich ihr fast meine ganze achttägige Zeit widmete und erst am letzten Tage nach Tarant hinausfuhr, um doch auch etwas von der schönen Natur zu genießen. Winkler (Theodor Hell) nahm mich sehr gut auf. Sonst kannte ich niemand als Tieck, der mich in Wien besucht hatte, und Böttiger, mit dem ich zur Zeit der Sappho einmal Briefe gewechselt, wo denn mein Antwortschreiben sich in den anerkennendsten Ausdrücken erging, weil ich bei meinem schlechten Gedächtnisse und geringen Bekanntschaft mit der deutschen Literatur, ihn mit Bertuch in eine Person zusammenwarf, welch letzterer bei mir durch seine Übersetzung des Don Quixote und seine Andeutungen über die spanische Literatur in gutem Andenken stand. Höchst komisch war es, als ich ihn besuchte und statt seiner eine junge Frauensperson, vielleicht seine Tochter antraf, die eben des Vaters kleine antiquarische Sammlung reinigte. Sie hielt nämlich eben eine kleine, höchst obszöne Erzfigur mit einem für die Schamhaftigkeit viel zu kurzem Mantel in der Hand, an der sie unbefangen fortputzte, während sie mit mir sprach. Auch zu Tieck ging ich, der mich für den Abend auf die Vorlesung eines Shakespeareschen Stückes einlud. Tieck las vortrefflich, aber höchst ermüdend, da er zwischen den Akten keine Absätze machte und auch die redenden Personen weder durch die Namen, noch, mit Ausnahme der komischen Figuren, durch Abwechslung der Stimme bezeichnete. Die Hälfte seiner höchst gemischten Zuhörer nickte daher auf den Sitzen ein und wurden nur durch die Zeichen des Beifalls aufgeweckt, in welche sie lebhaft mit einstimmten. Mich selbst strengte die Vorlesung so an, daß ich darauf bei sinkender Nacht eine Stunde im Freien herumgehen mußte, um meine Geister für den Schlaf in Ruhe zu setzen. An einem der folgenden Abende ließ er mir die Wahl des zu lesenden Stückes. Um den Umfang seines deklamatorischen Talentes kennen zu lernen, wählte ich ein antikes. Er las den Ödip auf Kolonos von Sophokles. Da war aber das Merkwürdige, daß er bei Lesung des Titels das zweite O in Kolonos kurz aussprach, also nicht wußte daß es im Griechischen mit langem O geschrieben wird. Das Merkwürdigste aber, daß er nun auch durch das ganze Stock gegen Versmaß und Rhythmus immer Kolonos mit kurzem O las, als ob er den Text verbessert und nicht einen Bock geschossen hätte. Trotz seiner mannigfachen Gaben habe ich doch Tieck nie leiden mögen. Im Komisch-Parodischen ist er mitunter vortrefflich und wenn nicht das Formlose seiner Anlage wäre, er hätte ein guter Lustspieldichter werden können. Alles übrige ist gesucht und gemacht. Er und Jean Paul gehören unter die frühesten Verderber unserer Literatur.

Soll ich hier auch meine Meinung von Jean Paul niederschreiben, da sich später wohl keine Gelegenheit findet? Jean Paul hatte, im Gegensatz von Tieck, eine wirkliche und wahre Empfindung; er ging ihr aber als einem Genußmittel nach und verfiel dadurch in Empfindelei. Da nun zugleich seine Phantasie nicht gleichen Schritt hielt, so geriet er, sooft die Empfindung vorherrschte, in Nebelgestalten, und wenn er objektiv sein wollte, auf Gemeinheiten. Nur in seinen Stilleben gelang es ihm beide zu vereinigen und da ist er auch vortrefflich.

Wem es hart scheinen sollte, so begabte Schriftsteller als Kunstverderber bezeichnet zu sehen, der mag nur wissen, daß die jeweiligen Verderber der Kunst immer begabte Schriftsteller sind, da nur solche zur Billigung oder Nachahmung verlocken. Unbegabte verlacht man und sie verderben niemanden als sich selbst.

Von Dresden ging es nach Berlin. Ich kannte von den dortigen Literatoren niemanden, wohl aber ein paar Justiz-Kommissäre, vortreffliche Leute, die kurz vorher in Wien gewesen waren. Einer von ihnen war Vormund der Sängerin Sontag und ich machte die Bekanntschaft dieser halben Landsmännin eben erst in Berlin. Überhaupt bildete damals das Königstädter Theater die Hauptunterhaltung. Das königliche Schauspielhaus wurde, wenn ich mich recht erinnere, zur Zeit (im Jahre 1827 oder 28) eben erst gebaut und in dem prächtigen alten Opernhause waren die Milder und die Seidler schon bedeutend in der Abnahme. Ich war im Königstädter

Theater zugegen, als die Sontag nach ihrer ersten Pariser Reise zum erstenmale wieder auftrat. Das germanische Publikum empfing sie mit Pfeifen und Pochen. Fort mit der Französin! wurde von allen Seiten gerufen. La petite morveuse war aber durch nichts aus der Fassung zu bringen, sie spielte und sang, als ob all das Lärmen sie nichts anginge und am nächsten Abende war sie schon wieder der unbestrittene Liebling des Publikums. Das reizende Geschöpf von damals ist sie noch.

In die literarischen Bekanntschaften wurde ich durch einen mir bis dahin gleichfalls unbekannten Literator eingeführt, dessen erste Erscheinung aber mit einem höchst störenden kleinen Unglücksfalle begleitet war. Ich war eben am Rasieren, als mir der Kellner im König von Portugal, wo ich wohnte, einen Offizier anmeldete, der mich zu sprechen wünsche. Ich deckte daher schnell ein offenes Schnupftuch über das Rasiergeräte und empfing den Fremden, der in voller Uniform und mit Orden geschmückt, niemand anderer als Baron Lamotte Fouqué war. Wenn man gegenwärtig den Namen Fouqué nennt, so verziehen sich die Gesichter zu spöttischem Lächeln, damals aber war er in so hoher Geltung, daß ein großer Teil der Nation ihn dem Altmeister Goethe an die Seite setzte. Ich besitze noch ein gestochenes Porträt von ihm, das durch seine Inschriften und Embleme nicht weit von einer Apotheose entfernt ist. Überhaupt überfällt einen Deutschen, der das sechzigste Jahr überschritten hat, ein wunderliches Gefühl, wenn er die unzähligen Geschmacks-Wendungen, den immerwährenden Wechsel von philosophischen und sonstigen Überzeugungen sich zurückruft, die er in dieser Zeit erlebt, Überzeugungen, die von einer Überschwenglichkeit begleitet waren, die ihnen eine ewige Dauer zu versprechen schien, indes sie doch nach kaum mehr als zehen Jahren in nichts zerflossen waren. Goethe, Schiller und Lessing sind zwar, die einzigen aus unserer ganzen Literatur, geblieben bis diesen Tag, niemanden aber fällt ein zu glauben, daß der Wert dieser Heroen nicht bloß in ihrem Talent, sondern auch in ihren leitenden Grundsätzen lag. Man ändert, bessert, schreitet vor und immer glaubt man wieder das Rechte gefunden zu haben. Da überschleicht einen solchen Beobachter denn wohl gar der Zweifel, ob aus einer so wetterwendischen, in ihren Ansichten so unklaren, in ihren Überzeugungen so schwankenden Nation je etwas Vernünftiges werden könne? Das war der Grund warum ich im Jahre 1848 – doch davon zu seiner Zeit.

Gegenwärtig befinde ich mich in Berlin, Fouqué sitzt an meiner Seite, genießt eines nicht ganz unverdienten Ruhmes, und ist demungeachtet so natürlich, lieb und gut, als nur immer möglich. Ich mußte ihm versprechen mit ihm seinen kranken Freund Franz Horn zu besuchen und er erbot sich, mich in die literarische Mittwochsgesellschaft einzufahren. Als er ungefähr nach einer Stunde wieder ging, trat das Unglück ein. Ich wollte mein Rasiergerät wieder aufnehmen, über das ich ein Schnupftuch gebreitet hatte, vergaß daß das Messer geöffnet war und griff durch das Tuch in die Schneide, so daß ich mir das oberste Glied von dem Zeigefinger der rechten Hand vollkommen spaltete. Das Blut wurde schwer genug mit Wasser gestillt, man riet mir, ich glaube: Feuerschwamm auf die Wunde zu legen, die auch heilte, aber die getrennten Teile standen in zwei Hälften auseinander. Ich mußte chirurgische Hilfe ansprechen. Der Finger wurde von neuem zum Bluten gebracht und vereinigte sich endlich auch bei der Genesung. Die Narbe davon ist noch jetzt sichtbar. Dieser Umstand verbitterte mir ein wenig meinen Berliner Aufenthalt und war zum Teil Ursache, daß ich meine Reise nicht bis nach Hamburg fortsetzte, wie anfangs meine Absicht war. Ich fuhr nichtsdestoweniger fort, mir Berlin nach allen seinen Seiten anzueignen. Fouqué führte mich zu Franz Horn, der im Bette lag und aus dem Kranksein eine Art Geschäft zu machen schien. Über alles, was er dachte und sagte, war eine Mattigkeit verbreitet, die ich später auch in seinem Kommentar zu Shakespeare wiederfand. Er war der erste dieser Kommentatoren, die sich von Tieck bis Gervinus alle Mühe gegeben haben, diesen verständlichsten aller Dichter unverständlich zu machen. Wenn ich Shakespeare verständlich nenne, so meine ich nicht, daß man ihn demonstrieren könne. Demonstrieren kann man überhaupt keinen Natur- und daher auch keinen vollkommen natürlichen Kunst-Gegenstand. Aber denselben Hamlet, den Goethe sich fruchtlose Mühe gegeben hat zu deduzieren, versteht der Schneider in der vierten Galerie, das heißt, er findet es natürlich, daß die Menschen sich so und nicht anders benehmen und faßt das Ganze in eine erhöhte Empfindung auf. Eine Dichtung mitleben heißt aber sie verstehen. Wir mindern Poeten müssen uns an die Konsequenzen der Natur halten; die großen Dichter sind aber nur darum groß, weil sie auch die Inkongruenzen der Natur zur Geltung und Wirklichkeit zu bringen imstande sind.

Ich glaube es war auch Fouqué, der mich in die literarische Mittwochsgesellschaft einführte. Die Versammlung war nicht zahlreich, da der schönen Jahreszeit wegen die meisten sich von Berlin abwesend befanden. Ich lernte da Varnhagen und Chamisso kennen, der mir bis auf seine langen Haare sehr wohl gefiel. Varnhagen ging mit mir nach Hause. Als wir an seiner Wohnung vorüberkamen, meinte er, er wolle seiner Frau – jener später bekannten Rahel, von der ich aber damals nichts wußte – meine Bekanntschaft verschaffen. Ich hatte mich den ganzen Tag herumgetrieben und fühlte mich müde bis zum Sterben, war daher herzlich froh, als man uns an der Haustüre sagte, die Frau Legationsrätin sei nicht daheim. Als wir aber die Treppe hinuntergingen, kam uns die Frau entgegen und ich fügte mich in mein Schicksal. Nun fing aber die alternde, vielleicht nie hübsche, von Krankheit zusammengekrümmte, etwas einer Fee, um nicht zu sagen Hexe ähnliche Frau zu sprechen an, und ich war bezaubert. Meine Müdigkeit verflog, oder machte vielmehr einer Art Trunkenheit Platz. Sie sprach und sprach bis gegen Mitternacht, und ich weiß nicht mehr, haben sie mich fortgetrieben, oder ging ich von selbst fort. Ich habe nie in meinem Leben interessanter und besser reden gehört. Leider war es gegen das Ende meines Aufenthaltes und ich konnte daher den Besuch nicht wiederholen.

Schon in den erstem Tagen nach meiner Ankunft besuchte mich ein Herr Stiglitz. Ich weiß nicht war es derselbe Dichter, der später durch den Selbstmord seiner Frau eine so traurige Zelebrität erlangt hat, oder ein anderer gleichen Namens. Meine bis heute währende literarische Unschuld hat öfter zu Verstößen und Verwechslungen Anlaß gegeben. Dieser schien ein bevorzugter Schüler Hegels zu sein. Nach den ersten Höflichkeiten fragte er mich, ob ich den großen Philosophen nicht besuchen würde. Ich antwortete ihm, daß ich mich nicht getraue, da ich von der Wirksamkeit und dem System desselben nicht das Geringste wisse. Nun vertraute er mir, daß er mit Vorwissen Hegels komme, der meine Bekanntschaft zu machen wünsche. Ich ging daher hin und wiederholte dem Meister was ich dem Schüler gesagt hatte: der Grund worum ich ihn nicht früher besucht, wäre, weil man bei uns erst bis zum alten Kant gekommen und mir daher sein, Hegels, System ganz unbekannt sei. Um so besser, versetzte, höchst wunderlich, der Philosoph. Es schien als ob er besonders an meinem goldenen Vließ Interesse genommen habe, obwohl wir uns kaum darüber und überhaupt über Kunstgegenstände nur im allgemeinen besprachen. Ich fand Hegeln so angenehm, verständig und rekonziliant, als ich in der Folge sein System abstrus und absprechend gefunden habe. Er lud mich für den folgenden Tag zum Tee, wo ich seine schlicht-natürliche Frau kennen lernte und auch die niedliche Sontag fand, so daß der Abend unter heiterm Gespräch und Musik verging, ohne daß man durch irgend etwas an den Katheder gemahnt wurde. Eben da erfolgte eine zweite Einladung, ich weiß nicht mehr zu Mittag oder Abend, indem mich zugleich Hegel um Erlaubnis bat, einen meiner Landsleute beiziehen zu dürfen. Ich erwiderte, daß wem er die Ehre seiner Gesellschaft gönne, mir gleichfalls willkommen sein werde. Es zeigte sich am bestimmten Tage, daß damit Herr Saphir aus Wien gemeint war, der gerade damals sein Unwesen in Berlin trieb, sich aber dem Philosophen gegenüber sehr schweigselig und untergeordnet benahm. Man sagte mir, Hegel begünstigte ihn, teils aus Lust an seinen wirklich oft guten Späßen, teils aber auch um bei Gelegenheit durch ihn seine Gegner lächerlich zu machen. Es war das einzigemal, daß ich mit Herrn Saphir unter einem Dache gewesen bin.

Für mein leibliches Wohl, doch nicht ohne Geistigkeit, sorgten vier oder fünf Justizkommissäre, von denen ich zwei, wie ich schon früher sagte, in Wien kennen gelernt, mit den übrigen aber in Berlin durch jene ersten bekannt geworden war. Sie luden mich in der Reihe zu Gast, wo ich denn bemerken konnte, daß wenn man auch tagtäglich in Berlin frugaler lebe als in Wien, bei Gastmählern dagegen Wien offenbar die Segel streichen müsse. Da einer von ihnen Mitdirektor des Königstädter Theaters, ein zweiter aber Vormund der Sontag war, so fehlte auch die Liebliche höchst selten. Der eifrigste unter ihnen war der Justizkommissär Marchand, der samt seiner vortrefflichen Frau mich mit Vorsorge überhäufte. Wo irgend eine lokale Merkwürdigkeit war, führte er mich hin, unter andern in die Weinhandlung zu Lutter und Wegner, wo sonst der phantastische Hoffmann seine Abende zubrachte. Hoffmann selbst – auch eine mit Unrecht vergessene Zelebrität – war damals vor kurzem gestorben und seine Zechbrüder saßen stumm und vereinzelt. Endlich kam auch ihr Matador, der Schauspieler Ludwig Devrient. Als man mich ihm vorstellte, benahm er sich wie ein im Geiste Abwesender und auf meine spätere Frage: wo er wohne? sah er mich an, als über die Zumutung erstaunt, daß er selber wisse, wo er selber wohne. Erst nach ein paar Gläsern Wein kam er aus seinem Stumpfsinne zurück. Ich sah übrigens damals Devrient nicht spielen, weil, wie gesagt, das Schauspielhaus eben im Baue begriffen war. Ein paar Jahre darauf kam er nach Wien und auch da habe ich ihn nur in weniger bedeutenden Rollen gesehen, da bei bedeutendem das Theater allzu überfüllt war. Ich erinnere mich daher keines seinem großen Rufe entsprechenden Eindrucks. Nur eine physiologische Erscheinung muß ich als merkwürdig anfahren. Er gab den Franz Moor im Theater an der Wien und ich befand mich in einer der ersten Seitenlogen. Er und alle andern gaben mir bei meinem höchst schwachen Gesichte nur ziemlich nebelhafte Bilder. Da, bei der Szene wo der Vater ohnmächtig hinsinkt und der Sohn, weil er ihn tot glaubt, das Gesicht mit teuflischer Freude emporhebt, fahr ich zurück, weil ich glaubte Devrient springe in die Loge hinein, so bis ins einzelne sah ich plötzlich jeden seiner Züge, und die Deutlichkeit des Sehens verkehrte sich in das Gefühl der Annäherung.

Auch ein zweitesmal erinnere ich mich einer ähnlichen Erscheinung. Mich interessierte eine sehr schöne Frau, die in Wien auf dem sogenannten Stockameisen-Platze im dritten Stocke wohnte. Eines Tages als ich im Vorübergehen mich am Ende des Stephansplatzes, daher noch in ziemlicher Entfernung befand, erblickte ich an einem Fenster des mir wichtigen Hauses und dritten Stockwerks etwas Weißes, das ebenso gut ein Mann als eine Frau oder wohl gar ein Stück aufgehängte Wäsche sein konnte. Im nächsten Augenblicke aber sah ich die Züge der Frau mit einer solchen Porträtähnlichkeit, daß ich sie unmittelbar auf Elfenbein oder Leinwand hätte bringen können. Das hat in mir die Vermutung hervorgebracht, daß meine Kurzsichtigkeit nicht von einer Beschaffenheit der Linse, sondern von einer Schwäche des Augennervs herrühre, die sich durch Aufregung und Zuströmen des Blutes für Momente verliert. Diese Schwäche meines Auges, dem schwache Gläser nicht helfen und das scharfe nicht verträgt, hat beigetragen mich vom Besuche des Theaters immer mehr und mehr, und endlich ganz zu entwöhnen. Seit mehr als zehn Jahren besuche ich keines mehr.

Auch an Gelegenheit mit Höhergestellten in Beziehung zu kommen, fehlte es nicht. Man wollte mich in die Teezirkel eines Ministers, Stägemann, glaub ich, hieß er, einführen, was ich aber ablehnte, weil ich weder den Tee noch die Minister liebe. Dem Fürsten Wittgenstein, damaligen Oberaufseher der Theater, meine Aufwartung zu machen, wurde ich so oft aufgemuntert, daß ich fast glaube, es lag die Absicht vor mich mit dem Berliner Theater in eine Verbindung zu bringen. Ich ging aber nicht hin, da die Schaubühne im allgemeinen eine Schöne ist, der ich sehr gerne den Hof machen, die ich aber durchaus nicht heiraten will. Auch, so sehr mir Berlin gefiel, hätte es mir Wien nicht ersetzen können. Abgerechnet die Schönheit der Natur rings um die östreichische Kaiserstadt ist, wie in Wien zu wenig Bildung, in Berlin zu viel. Nun hat aber die deutsche Bildung das Eigentümliche, daß sie sich gar zu gern von dem gesunden Urteile und der natürlichen Empfindung entfernt. Auch war mir die Einstimmigkeit der literarischen Meinungen zuwider. Oft habe ich mich in Wien gefreut wenn mir jemand sagte, er finde Goethe langweilig und Shakespeare roh; nicht als ob ich ihm Recht gegeben hätte, sondern es war mir angenehm, daß ich bei meiner Frage nicht die Antwort schon voraus wußte. Nun herrscht zwar in Frankreich, oder herrschte noch vor kurzem dieselbe Einstimmigkeit; dort geht sie aber aus dem Charakter der Nation, wie eine Art Naturnotwendigkeit hervor, in Deutschland dagegen werden die Meinungen von Koterieen der Nation gegen ihre Natur – wie schon der ewige Wechsel zeigt – gewalttätig aufgedrungen.

Da ich schon dabei bin, so interessiert mich, mich selber zu fragen: worin denn der Grund dieser literarischen Feigheit der deutschen Nation oder vielmehr des deutschen Publikums d.h. des sogenannten gebildeten Teiles dieser in so vieler Hinsicht ausgezeichneten Nation allenfalls liegen mag? Mir scheint die Ursache in dem vielleicht durch das Klima bedingten Mangel eines starken Naturells, in der Sprödigkeit um nicht zu sagen Stumpfheit der Auffassungsorgane und der ihnen entsprechenden Begehrungen zu liegen, zufolge dessen das Wirkliche nur einen schwachen Eindruck auf sie macht. Oder wenn dieser Eindruck auch stark im ganzen wäre, so fehlt die Unterscheidung der Bestandteile, der unendlichen Mannigfaltigkeit die in jedem Einzelnen liegt. Dadurch werden sie zu Allgemeinheiten und Abstraktionen hingezogen, die, da sie im Geiste keine hinlängliche Rechtfertigung finden, im Wirklichen aber keinen Maßstab und kein Gegenbild haben, man ihnen geben und nehmen kann wie man will. Sobald man scheinbar ihren Verstand überzeugt hat, folgt das Naturell ohne Widerstand. Dem scheint zu widersprechen, daß in der Iffland-Kotzebueschen Zeit gerade die Darlegung der Einzelnheiten des bürgerlichen Lebens Glück machte. Aber solche gedrückte Organisationen erfreuen sich auch, wenn man ihnen Unterschiede bemerklich macht, die ihrer eigenen Auffassung entgangen wären, nur fehlt dann das geistige Band, die Erhebung der Seele, die erst den eigentlichen Kunstgenuß ausmacht. Diese Lenkbarkeit, gegenüber welcher das: Es gefällt mir, oder es gefällt mir nicht, keinen Grund ausmacht, ist was ich die Feigheit des deutschen Publikums genannt habe. Ein feiges Publikum aber erzeugt endlich notwendig eine unverschämte Literatur.

Als ich am Tage meiner Abreise von Berlin von meiner Landsmännin, der Sängerin Seidler Abschied nahm, fand ich dort einen sächsischen Grafen, der sich in den Kopf setzte, der schon etwas alternden, aber noch immer hübschen Frau den Hof zu machen. Er gab ihr glänzende Geschenke, die sie dankbar annahm, ohne daß er darum irgend weiter kam. Als er hörte, daß ich nach Leipzig gehe, erbot er sich mir zum Reisegesellschafter, was ich bereitwillig annahm. Des andern Tages machten wir uns auf den Weg, und zwar über Potsdam und Sanssouci, das ich mir eigens für diese Gelegenheit aufgespart hatte. Wir verfolgten dort alle Erinnerungen an Friedrich den Großen, der mir immer widerlich war, ohne deshalb weniger groß zu sein. Besonders, im Vergleich mit Napoleon, darum, weil seine Größe gerade im Unglück am leuchtendsten hervortrat, indes sie bei Napoleon sich jedesmal, und nur zu sehr, verdunkelte.

Von da machten wir uns auf den Weg nach Leipzig. Solange mein Geld währte, bestritt ich die Postpferde und die sonstigen Auslagen. Auf der Hälfte unserer Reise aber meinte ich, daß nun die Reihe an meinen Gefährten gekommen sei. Da fand sich nun aber zum beiderseitigen Schrecken, daß er ohne Groschen Geld war. Als ich nämlich in Berlin von der Seidler Abschied nahm, sagte ich, ich müsse zum Bankier gehen um Geld zu beheben. Nachdem ich aber meine Barschaft überzählt hatte, fand ich, daß sie für die halben Reisekosten hinreiche und beschloß erst in Leipzig von meinem Kreditbrief Gebrauch zu machen. Mein Graf, der sein Geld in Berlin vertan hatte, zweifelte nach meiner Äußerung bei der Seidler nicht, daß ich damit versehen sei, und beschloß echt edelmännisch mein Schuldner bis Leipzig zu bleiben. Nun war Not an Mann und mein Reisegefährte mußte seinen, wie es sich zeigte, höchst baufälligen Kredit anstrengen. Er fand aber doch, als in seinem Vaterlande und einer der besten Familien Sachsens angehörig, einmal einen Postmeister, der ihm Pferde auf künftige Zahlung gab, ein andermal jemanden, der ihm ein paar Taler borgte und so kamen wir wie ein paar Lumpe in Leipzig an. Dort war Messe und die Stadt überfüllt. Mein Graf verschaffte mir aber ein Stübchen im Hôtel de Bavière, dessen Eigentümer er mich unter Nennung meines Namens als einen Dichter aus Wien empfahl. Der Wirt aber kannte keinen Wiener Dichter als den Spaßmacher Castelli. Er nahm mich daher für diesen und behandelte mich als solchen mit vieler Aufmerksamkeit. Ich ließ mir das nach dem Vespasianischen Wahlspruch gern gefallen und befand mich sehr wohl dabei.

In Leipzig lernte ich den Professor Wendt, der mir durch die Verwechslung seines Namens mit dem ähnlich klingenden West, die Bekanntschaft Schreyvogls verschafft hatte, und den Justizrat Blümner, einen kenntnisreichen und sogar kunstverständigen Mann kennen. Mit ihnen und meinem kreditarmen aber gar nicht ungebildeten Reisegefährten brachte ich drei Tage recht angenehm zu.

Je näher die Zeit meiner Abreise heranrückte, um so schwerer wurde mir das Herz. Es ging nun nach Weimar. Einerseits freute ich mich darauf, andrerseits aber sank meine ohnehin nicht große Meinung von mir selbst Grad für Grad in mir selbst zusammen. Übrigens mußte es sein und ich fuhr in der Landkutsche ab. In Weißenfels, wo der damals als Dichter und Kunstrichter geschätzte und gefürchtete Adolf Müllner wohnte, hielten wir Mittag. Ich fuhr weiter, ohne ihn zu besuchen, obwohl mich sogar der Kellner im Wirtshause dazu aufforderte, mit dem Beisatze, daß der Herr Doktor sehr gern Fremde bei sich empfange. Der Mann hatte sich gar zu niederträchtig gegen mich benommen. Müllners Bosheit hinderte nicht, daß er doch so ziemlich der letzte sachkundige Kritiker in ästhetischen Dingen war. Es ist nämlich seitdem der Begriff von Kunst verloren gegangen, den Müllner wenigstens festhielt.

Endlich kam ich nach Weimar und kehrte in dem damals in ganz Deutschland bekannten Gasthofe zum Elephanten, gleichsam dem Vorzimmer zu Weimars lebender Walhalla, ein. Von da sandte ich den Kellner mit meiner Karte zu Goethe und ließ anfragen ob ich ihm aufwarten dürfe. Der Kellner brachte die Antwort zurück: der Herr Geheimerat habe Gäste bei sich und könne mich daher jetzt nicht sehen. Er erwarte mich für den Abend zum Tee.

Ich aß im Gasthause, durch meine Karte war mein Name bekannt geworden und der Geruch desselben verbreitete sich in der Stadt, so daß es an Bekanntschaften nicht fehlte.

Gegen Abend ging ich zu Goethe. Ich fand im Salon eine ziemlich große Gesellschaft, die des noch nicht sichtbar gewordenen Herrn Geheimerats wartete. Da sich darunter – und das waren eben die Gäste die Goethe mittags bei sich hatte – ein Hofrat Jakob oder Jakobs mit seiner ebenso jungen als schönen und ebenso schönen als gebildeten Tochter befand, derselben die sich später unter dem Namen Talvj einen literarischen Ruf gemacht hat, so verlor sich bald meine Bangigkeit und ich vergaß im Gespräche mit dem liebenswürdigen Mädchen beinahe, daß ich bei Goethe war. Endlich öffnete sich eine Seitentüre und er selbst trat ein. Schwarzgekleidet, den Ordensstern auf der Brust, gerader, beinahe steifer Haltung trat er unter uns wie ein Audienz gebender Monarch. Er sprach mit diesem und jenem ein paar Worte und kam endlich auch zu mir, der ich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers stand. Er fragte mich, ob bei uns die italienische Literatur sehr betrieben werde? Ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, die italienische Sprache sei allerdings sehr verbreitet, da alle Angestellten sie vorschriftsmäßig erlernen müßten. Die italienische Literatur dagegen werde völlig vernachlässigt und man wende sich aus Modeton vielmehr der englischen zu, welche bei aller Vortrefflichkeit, doch eine Beimischung von Derbheit habe, die für den gegenwärtigen Zustand der deutschen Kultur, vornehmlich der poetischen, mir nichts weniger als förderlich scheine. Ob ihm diese meine Äußerung gefallen habe oder nicht, kann ich nicht wissen, glaube aber fast letzteres, da gerade damals die Zeit seines Briefwechsels mit Lord Byron war. Er entfernte sich von mir, sprach mit andern, kam wieder zu mir zurück, redete, ich weiß nicht mehr von was, entfernte sich endlich und wir waren entlassen.

Ich gestehe, daß ich mit einer höchst unangenehmen Empfindung in mein Gasthaus zurückkehrte. Nicht als wäre meine Eitelkeit beleidigt gewesen. Goethe hatte mich im Gegenteile freundlicher und aufmerksamer behandelt als ich voraussetzte. Aber das Ideal meiner Jugend, den Dichter des Faust, Clavigo und Egmont als steifen Minister zu sehen, der seinen Gästen den Tee gesegnete, ließ mich aus all meinen Himmeln herabfallen. Wenn er mir Grobheiten gesagt und mich zur Türe hinausgeworfen hätte, wäre es mir fast lieber gewesen. Ich bereute fast, nach Weimar gegangen zu sein.

Demnach beschloß ich den nächstfolgenden Tag zur Besichtigung der Merkwürdigkeiten Weimars zu verwenden und bestellte im Gasthaus die Pferde für übermorgen. Des nächsten Vormittags kamen Besuche aller Art, darunter der freundliche und ehrenhafte Kanzler Müller, vor allen aber mein Landsmann, der seit mehreren Jahren in Weimar angestellte Kapellmeister Hummel. Er hatte Wien verlassen eh ich durch meine poetischen Arbeiten die Aufmerksamkeit auf mich gezogen, wir kannten uns daher von früher gar nicht. Nun war aber die Freude fast rührend, mit welcher der sonst im Umgange trockene Mann mich begrüßte und sich aneignete. Einerseits brachte ich ihm wohl die Erinnerung an seine schwerverlassene Vaterstadt zurück, dann mochte es ihm wohltun in Weimar, wo er nur abschätzige Urteile über die geistige Begabung Österreichs zu hören bekam, einen Landsmann literarisch geehrt und geachtet zu finden. Endlich bekam er Gelegenheit mit einem Wiener Wienerisch zu sprechen, welche Mundart er mitten unter Anderssprechenden rein und unverfälscht erhalten hatte. Ich weiß nicht, war es der Abstich, oder habe ich in meinem Leben nicht so schlecht deutsch sprechen gehört. Während wir den Besuch einzelner Merkwürdigkeiten Weimars verabredeten und Kanzler Müller, der meine Herabstimmung bemerkt haben mochte, mir versicherte, die Steifheit Goethes sei nichts als eigene Verlegenheit, sooft er mit einem Fremden das erstemal zusammentreffe, trat der Kellner ein und brachte eine Karte mit der Einladung zum Mittagmahl bei Goethe für den nächstfolgenden Tag. Ich mußte daher meinen Aufenthalt verlängern und bestellte die bereits für morgen besprochenen Pferde ab. Der Vormittag verging mit Besichtigung der literarisch berühmt gewordenen Örtlichkeiten der Stadt. Am meisten interessierte mich Schillers Haus, vor allem aber der Umstand, daß in des Dichters Arbeitszimmer, einem eigentlichen Dachstübchen im zweiten Stockwerke, ein Greis, der noch zu Schillers Zeit als Souffleur beim Theater gestanden haben soll, einen kleinen Knaben, seinen Enkel, im Lesen unterrichtete. Die offene und geistig angeregte Miene des Kleinen gab der Illusion Raum als ob aus der Studierstube Schillers dereinst ein neuer Schiller hervorgehen könnte; was freilich nicht eingetroffen ist.

Die Ordnung der Tage verwirrt sich mir. Ich glaube es war an diesem ersten, daß ich bei Hummel zu Mittage aß und zwar ganz allein mit seiner Familie. Ich fand da seine Gattin, die einst so hübsche Sängerin Mamsell Röckel, die mir in Pagenkleidern und prallenseidenen Trikots noch immer vor der Erinnerung schwebte. Jetzt war sie eine tüchtige, ehrenwerte Hausfrau, die mit ihrem Gatten an Freundlichkeit wetteiferte. Ich fühlte mich zur ganzen Familie mit Liebe hingezogen, so wie ich Hummel, trotz etwas Handwerksmäßigen in seiner Gesinnung, doch als den letzten unverfälschten Schüler Mozarts achtete und verehrte.

Abends ging ich mit Kanzler Müller ins Theater, wo man ein unbedeutendes Stück gab, in dem aber Graff spielte, der der erste Wallenstein Schillers gewesen war. Ich fand ihn durch nichts ausgezeichnet, und als man mir erzählte, daß nach jener ersten Vorstellung Schiller aufs Theater geeilt sei, Graff umarmt und ausgerufen habe: jetzt erst verstehe er seinen eigenen Wallenstein! dachte ich mir: um wie viel größer wäre der große Dichter geworden, wenn er je ein Publikum und echte Schauspieler gekannt hätte. Übrigens bleibt merkwürdig wie der im Grunde wenig objektive Schiller sich in der Darstellung so ganz und gar objektivieren läßt. Er wurde bildlich während er nur beredt zu sein glaubte. Ein Beweis mehr für sein unvergleichliches Talent. Bei Goethe ist gerade das Gegenteil. Während er vorzugsweise objektiv genannt wird und es großenteils auch ist, verlieren seine Gestalten in der Darstellung. Seine Bildlichkeit ist nur für die Imagination, in der Wirklichkeit verliert sich der zarte poetische Anhauch mit einer Art Notwendigkeit. Das sind übrigens spätere Reflexionen, die gar nicht hierher gehören.

Endlich kam der verhängnisvolle Tag mit seiner Mittagsstunde und ich ging zu Goethe. Die außer mir geladenen Gäste waren schon versammelt, und zwar ausschließlich Herren, da die liebenswürdige Talvj schon am Morgen nach jenem Tee-Abende mit ihrem Vater abgereist, und Goethes Schwiegertochter, die mir mit ihrer frühgeschiedenen Tochter später so wert geworden ist, damals von Weimar abwesend war. Als ich im Zimmer vorschritt, kam mir Goethe entgegen und war so liebenswürdig und warm, als er neulich steif und kalt gewesen war. Das Innerste meines Wesens begann sich zu bewegen. Als es aber zu Tische ging und der Mann, der mir die Verkörperung der deutschen Poesie, der mir in der Entfernung und dem unermeßlichen Abstande beinahe zu einer mythischen Person geworden war, meine Hand ergriff um mich ins Speisezimmer zu führen, da kam einmal wieder der Knabe in mir zum Vorschein, und ich brach in Tränen aus. Goethe gab sich alle Mühe um meine Albernheit zu maskieren. Ich saß bei Tisch an seiner Seite und er war so heiter und gesprächig, als man ihn, nach späterer Versicherung der Gäste, seit langem nicht gesehen hatte. Das von ihm belebte Gespräch ward allgemein. Goethe wandte sich aber auch oft einzeln zu mir. Was er aber sprach, außer einem guten Spaß über Müllners Mitternachtsblatt, weiß ich nicht mehr. Ich habe leider über diese Reise nichts aufgeschrieben. Oder vielmehr ich fing an ein Tagebuch zu halten. Als mir aber durch meine Verwundung in Berlin das Schreiben anfangs unmöglich, später schwer wurde, entstand eine große Lücke. Das verleidete mir zum Teil die Fortsetzung, zum Teil währte die Schwierigkeit des Schreibens selbst noch in Weimar fort. Ich beschloß daher unmittelbar nach der Rückkunft in Wien, bei noch frischer Erinnerung das Fehlende nachzutragen. Als sich aber dort, wie man sehen wird, sogleich eine andere Beschäftigung aufdrang, kam die Sache in Vergessenheit und ich habe von diesem, ich hätte bald gesagt: wichtigsten Moment meines Lebens, nichts als die allgemeinen Eindrücke im Gedächtnis behalten. Von den Tisch-Ereignissen ist mir nur noch als charakteristisch erinnerlich, daß ich im Eifer des Gespräches, nach löblicher Gewohnheit, in dem neben mir liegenden Stücke Brot krümmelte und dadurch unschöne Brosamen erzeugte. Da tippte denn Goethe mit dem Finger auf jedes einzelne und legte sie auf ein regelmäßiges Häufchen zusammen. Spät erst bemerkte ich es und unterließ denn meine Handarbeit. Beim Abschied forderte mich Goethe auf, des nächsten Vormittags zu kommen um mich zeichnen zu lassen. Er hatte nämlich die Gewohnheit alle jene von seinen Besuchern, die ihn interessierten, von einem eigens dazu bestellten Zeichner in schwarzer Kreide porträtieren zu lassen. Diese Bildnisse wurden in einen Rahmen, der zu diesem Zwecke im Besuchzimmer hing, eingefügt und allwöchentlich der Reihe nach gewechselt. Mir wurde auch diese Ehre zu teil.

Als ich mich des andern Vormittags einstellte, war der Maler noch nicht gekommen. Man wies mich daher zu Goethe, der in seinem Hausgärtchen auf und nieder ging. Nun wurde mir die Ursache seiner steifen Körperhaltung gegenüber von Fremden klar. Das Alter war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Wie er so im Gärtchen hinschritt, bemerkte man wohl ein gedrücktes Vorneigen des Oberleibs mit Kopf und Nacken. Das wollte er nun vor Fremden verbergen und daher jenes gezwungene Emporrichten, das eine unangenehme Wirkung machte. Sein Anblick in dieser natürlichen Stellung, mit einem langen Hausrock bekleidet, ein kleines Schirm-Käppchen auf den weißen Haaren hatte etwas unendlich Rührendes. Er sah halb wie ein König aus und halb wie ein Vater. Wir sprachen im Auf und Niedergehen. Er erwähnte meiner Sappho, die er zu billigen schien, worin er freilich gewissermaßen sich selbst lobte, denn ich hatte so ziemlich mit seinem Kalbe gepflügt. Als ich meine vereinzelte Stellung in Wien beklagte, sagte er, was wir seitdem gedruckt von ihm gelesen haben: daß der Mensch nur in Gesellschaft Gleicher oder Ähnlicher wirken könne. Wenn Er und Schiller das geworden wären, als was die Welt sie anerkennt, verdankten sie es großenteils dieser fördernden und sich ergänzenden Wechselwirkung. Inzwischen kam der Maler. Wir gingen ins Haus und ich wurde gezeichnet. Goethe war in sein Zimmer gegangen, von wo er von Zeit zu Zeit herauskam und sich von den Fortschritten des Bildes überzeugte, mit dem er nach der Vollendung zufrieden war. Nach Verabschiedung des Malers ließ Goethe durch seinen Sohn mehrere Schaustücke von seinen Schätzen herbeibringen. Da war sein Briefwechsel mit Lord Byron; alles was sich auf seine Bekanntschaft mit der Kaiserin und dem Kaiser von Österreich in Karlsbad bezog; endlich das kaiserlich östreichische Privilegium gegen den Nachdruck für seine gesammelten Werke. Auf letzteres schien er große Stücke zu halten, entweder weil ihm die konservative Haltung Östreichs gefiel, oder, im Abstich der sonstigen literarischen Vorgänge in diesem Lande, als Kuriosum. Diese Schätze waren, halb orientalisch, jedes Zusammengehörige einzeln in ein seidenes Tuch eingeschlagen und Goethe benahm sich ihnen gegenüber mit einer Art Ehrfurcht. Endlich wurde ich aufs liebevollste entlassen.

Im Laufe des Tages forderte mich Kanzler Müller auf, gegen Abend Goethe zu besuchen. Ich würde ihn allein treffen und mein Besuch ihm durchaus nicht unangenehm sein. Erst später fiel mir auf, daß Müller das nicht ohne Goethes Vorwissen gesagt haben konnte.

Nun begab sich meine zweite Weimarische Dummheit. Ich fürchtete mich, mit Goethe einen ganzen Abend allein zu sein, und ging, nach manchem Wanken und Schwanken, nicht hin.

Diese Furcht bestand aus mehreren Elementen. Einmal schien mir in dem ganzen Bereich meines Wissens nichts was würdig gewesen wäre, Goethen gegenüber vorgebracht zu werden. Dann habe ich meine eigenen Arbeiten erst später im Vergleich mit den Zeitgenossen schätzen gelernt, im Abstande von dem Frühergewesenen, namentlich hier in der Vaterstadt der deutschen Poesie, kamen sie mir höchst roh und unbedeutend vor. Endlich habe ich schon gesagt, daß ich Wien mit dem Gefühle eines gänzlichen Versiegens meines poetischen Talentes verlassen hatte, welches Gefühl sich in Weimar bis zur eigentlichen Niedergedrücktheit vermehrte. Goethen aber Klagelieder vorzusingen und von ihm durch nichts verbürgte Tröstungen entgegenzunehmen, schien mir doch gar zu erbärmlich.

In diesem Unsinn war übrigens doch auch ein Körnchen Sinn. Goethes damalige Abneigung gegen alles Heftige und Gewaltsame war mir bekannt. Nun war ich aber der Meinung, daß Ruhe und Gemessenheit nur demjenigen anstehe, der imstande ist einen so ungeheuren Gehalt hineinzulegen, als Goethe in der Iphigenie und im Tasso getan hat. Zugleich meinte ich, daß jeder die Eigenschaften ins Spiel bringen müsse, in denen er seine Stärke hat. Das waren nun bei mir damals warme Empfindung und starke Phantasie. Die Gründe einer solchen Abweichung von seinen Ansichten ihm selbst gegenüber zu verteidigen, fühlte ich mich, auf meinem damaligen Standpunkte der unbefangenen Anschauung, viel zu schwach; seine Darlegung aber mit einer geheuchelten Billigung oder einem lügenhaften Stillschweigen hinzunehmen, dazu hatte ich vor ihm viel zu viel Ehrfurcht.

Wie nun immer, ich ging nicht hin, und das hat Goethen verstimmt. Mit Recht mochte es ihm auffallen, daß ich die dargebotene Gelegenheit mich über meine Arbeiten und mich selbst aufzuklären, so gleichgültig versäumte. Oder er kam der Wahrheit näher und meinte, daß die Ahnfrau und die Vorliebe für ähnliche, ihm widerliche Ausbrüche bei mir noch nicht erloschen sei. Oder er durchsah meine ganze Stimmung und urteilte, daß Unmännlichkeit des Charakters auch ein bedeutendes Talent zu Grunde richten müsse. Er war von da an viel kälter gegen mich.

Was aber jene Unmännlichkeit betrifft, so gestehe ich, und habe schon gestanden meine Schwäche sooft ich mich einer verworrenen Masse von kleinen Beziehungen, vor allem aber dem Wohlwollen, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit gegenüber befinde. Sooft ich mir das Widerstrebende scharf begrenzen konnte, so wie im Ablehnen des Schlechten und im Beharren auf der Überzeugung habe ich früher und später eine Festigkeit bewiesen; die man freilich auch Hartnäckigkeit nennen könnte.

Im allgemeinen aber kann man wohl aussprechen: Nur aus der Verbindung eines Charakters mit einem Talente geht das hervor was man Genie nennt.

An einem dieser Tage wurde ich auch zum Großherzoge beschieden, den ich im sogenannten römischen Hause in all seiner Schlichtheit und Natürlichkeit antraf. Er unterhielt sich über eine Stunde mit mir und meine Schilderung der östreichischen Zustände schien ihn zu interessieren. Nicht er, aber die meisten übrigen ließen einen Wunsch durchblicken, mich für das Weimarer Theater zu gewinnen, ein Wunsch der nicht zugleich der meinige war.

Als ich am vierten Tage meines Aufenthalts von Goethe Abschied nahm war er freundlich aber abgekühlt. Er wunderte sich, daß ich schon so früh Weimar verlasse und fügte hinzu, daß wenn ich später von mir Nachricht geben wolle, es sie sämtlich erfreuen werde. Also »sie« in vielfacher Zahl, nicht ihn. Er ist mir auch in der Folge nicht gerecht geworden, insofern ich mich nämlich denn doch, trotz allem Anstande, für den Besten halte, der nach ihm und Schiller gekommen ist. Daß das alles meine Liebe und Ehrfurcht für ihn nicht vermindert hat, brauche ich wohl nicht zu sagen.

Am Tage meiner Abreise gab mir das sämtliche Weimar einen Abschiedsschmaus, zu dem Goethe auch seinen Sohn hinausgeschickt hatte. Es ging sehr lebhaft her und auf mein Wohl und eine glückliche Reise wurde vehement getrunken. Ich war damals eine deutsche Zelebrität. Das Interessanteste war mir mein Landsmann Hummel, der sich zum Schluß ans Klavier setzte und phantasierte, wobei er die Melodie des sächsischen Posthorns zum Thema nahm. Ich habe ihn weder früher noch später so hinreißend spielen gehört.

Endlich saß ich im Wagen und fuhr über Jena nach Kahle. In Jena wurden Pferde gewechselt. Da aber eben Ferienzeit war, sah ich nur einige Studenten in ihrer damals noch höchst wunderlichen Tracht. Vor Kahle wäre ich bald in die Saale gefallen. Ich war bei hereinbrechendem Abend im Wagen eingeschlafen und, der Postillion ahmte mein Beispiel nach. Plötzlich erweckte mich ein lautes Geschrei. Es kam von einem Manne, der in die Zügel der Pferde griff, die bereits mit den Vorderfüßen auf dem Abhange standen, der hoch und steil in den Fluß hinuntergeht.

Man hatte mir die Verbindung mit Süddeutschland von Kahle aus als leicht dargestellt. Ich hatte aber alle Mühe, dort oder in der Nähe mit einer ungeheuren Diligence zusammenzutreffen, in der ich auf gräßlichen Wegen als einziger Passagier in der Nacht den Thüringer Wald passierte. Auch in Koburg mußte ich einen Tag verweilen, wo ich mich gräßlich langweilte, ohne bei meiner geringen literarischen Topographie zu wissen, daß sich der Dichter Rückert dort aufhielt, der mir am Ende vielleicht noch übel genommen hat, daß ich ihn nicht besuchte. Endlich traf ich mit einem leidlichen Eilwagen zusammen, der mich bis nach München brachte.

München war damals im Entstehen. Von all den jetzigen Prachtgebäuden war erst die Glyptothek fertig und zwar auch erst von außen. Von den Deckengemälden im Innern war erst der Göttersaal im Angriff. Ich hatte den Genuß mit Cornelius auf den Gerüsten herumzusteigen und in ihm den einzigen Maler kennen zu lernen, bei dem das deutliche Bewußtsein der Idee der Gediegenheit der Verwirklichung nicht im Wege stand.

In ein nahes Verhältnis kam ich mit dem damaligen Minister Schenk, einem liebenswürdigen und poetisch begabten Manne. In seinem Hause, in dem er damals eine nicht mehr ganz jugendliche aber höchst anziehende Verwandte beherbergte, habe ich sehr glückliche Stunden verlebt. König Ludwig hat weder damals noch später von mir Notiz genommen.

Der Aufenthalt in München und die Reiseeindrücke überhaupt hatten meinem Stumpfsinn ein Ende gemacht; und, in Wien angekommen, beschloß ich sogleich an ein neues dramatisches Werk zu gehen, das ich statt eines langweiligen Verkehrs durch Briefe, Goethen zueignen wollte.

Es sollte überhaupt eine ganz neue Epoche in meinem literarischen Treiben eintreten. Ich hatte mir eine ziemliche Anzahl Stoffe aufgezeichnet, die alle durchdacht und alle bis auf die Einzelnheiten, obgleich nur im Kopfe, dramatisch gegliedert waren. Diese wollte ich nun einen nach dem andern vornehmen, jedes Jahr ein Stück schreiben und dem hypochondrischen Grübeln für immer den Abschied geben.

Daß ich vor allen denjenigen Stoff wählte, der mir die wenigsten Zensur-Schwierigkeiten darzubieten schien, war, nach den gemachten Erfahrungen, natürlich. Es war die Sage vom Palatin Bancbanus, dem treuen Diener seines Herrn, obwohl der Stoff mich vielleicht weniger anzog als die übrigen. Ich war auf ihn folgender Weise gekommen.

Als die damals regierende Kaiserin zur Königin von Ungarn gekrönt werden sollte, kam ihr Obersthofmeister Graf Dietrichstein zu mir und forderte mich im Namen der Kaiserin auf, ein Stück zu schreiben, das bei ihrer Krönung in Preßburg gespielt werden könnte. Mir war nicht unlieb durch einen solchen Anlaß von außen aus meinem Schwanken von einem Stoff zum andern und überhaupt zur Tätigkeit gebracht zu werden. Ich nahm daher die ungarischen Geschichtschreiber Bonfinius und Istvanfius vor und hatte auch bald eine passende Fabel gefunden. Es war die Geschichte jenes Aufruhrs der gegen den König Stephan und seine baierische Gemahlin Gisela, teils wegen der Bemühungen dieser letzteren für das Christentum, teils aus alter Abneigung gegen die Deutschen, entstand. Alles Licht wäre auf die Königin Gisela gefallen, die bei der Stillung des Aufruhrs, wobei sie sich auch die Liebe des Volkes erwarb, eine ähnliche Rolle gespielt hätte, wie im »treuen Diener« der Palatin Bancbanus.

Als ich jedoch die Sache näher betrachtete, fanden sich bedeutende Schwierigkeiten. Einmal schien es wunderlich, zur Feier eines Krönungsfestes die Geschichte eines Aufruhrs zu wählen. Dann wären in meinem Stücke zwei Kalender-Heilige vorgekommen: der heilige König Stephan und sein Sohn Emeram; eine Profanation, welche die Zensur nie zugegeben hätte. Ich erklärte daher dem Grafen Dietrichstein auf seine Anfrage: ich hätte keinen passenden Stoff gefunden. Man ließ demnach für die Gelegenheit von einem höchst subordinierten Schriftsteller ein anderes Stück schreiben, dessen loyale Anspielungen sehr beklatscht wurden.

Bei Durchgehung der ungarischen Chronisten geriet ich auf den Palatin Bancbanus, dessen Geschichte ich darum eine Sage genannt habe, weil dasselbe Ereignis in zwei Epochen mit geringen Verschiedenheiten zweimal vorkommt, und daher wahrscheinlich nichts als eine Einkleidung für die Abneigung der Ungarn gegen die Deutschen ist.

Man hat dem Stücke vorgeworfen, daß es eine Apologie der knechtischen Unterwürfigkeit sei; ich hatte dabei den Heroismus der Pflichttreue im Sinn, der ein Heroismus ist so gut als jeder andere. Im französischen Revolutionskriege ist die Aufopferung der Vendeer so erhebend als die Begeisterung der Republikaner. Bancbanus hat dem Könige sein Wort gegeben die Ruhe der Lande aufrecht zu erhalten, und er hält sein Wort, trotz allem was den Menschen in ihm wankend machen und erschüttern sollte. Seine Gesinnungen können übrigens nicht für die des Verfassers gelten, da Bancbanus bei allen seinen Charakter-Vorzügen zugleich als ein ziemlich bornierter alter Mann geschildert ist.

Das Stück erfuhr gar keine Hindernisse von Seite der Zensur und wurde, ohne daß fast ein Wort gestrichen worden wäre, mit ungeheuerm Beifall aufgeführt. Am Schluß des dritten Aufzuges begehrte das Publikum den Verfasser. Als dieser nicht erschien währte das Klatschen und Rufen, beinahe bis zur Respektwidrigkeit gegen den anwesenden Hof, den ganzen Zwischenakt durch. Nach dem vierten Aufzuge ließ mich der Oberstkämmerer und als solcher, oberster Leiter des Theaters, Graf Czernin rufen um mir im Auftrage Seiner Majestät zu sagen, daß dem Kaiser mein Stück sehr gefalle, und daß, wenn das Publikum mich zum Schluß wieder zu sehen begehre, ich mich demselben zeigen sollte. So geschah es. Der Beifall wollte nicht enden, ich erschien auf der Bühne und stattete durch eine stumme Verbeugung meinen Dank ab. Meine Freude über den Erfolg war nur mäßig, da das Stück bei mir kein inneres Bedürfnis befriedigte.

Des nächsten Vormittags wurde ich zum Präsidenten der Polizeihofstelle Grafen Sedlnitzky berufen. Mir schwante nichts Gutes und ich ging. Der Graf empfing mich sehr freundlich, aber in einiger Verlegenheit. Er sagte mir, er habe den Auftrag von Seiner Majestät mir zu eröffnen, daß Höchstdemselben mein Stück sehr wohl gefallen habe. Ich versetzte, daß ich dasselbe schon gestern durch den Grafen Czernin erfahren hätte. Graf Sedlnitzky fuhr fort: das Stück habe Seiner Majestät so sehr gefallen, daß sie alleiniger Besitzer desselben zu sein wünschten. Ich fragte: wie das zu verstehen sei? Die Antwort war: ich soll mein ursprüngliches Manuskript abgeben, dem Theater würden die Souffleurbücher und einzelnen Rollen abgefordert und das Ganze in der Privatbibliothek des Kaisers aufgestellt werden, der alleiniger Besitzer des Stückes zu sein wünsche, weil es ihm gar so gut gefallen habe. Man werde mir jeden Vorteil ersetzen, der mir aus der Aufführung auf andern Bühnen oder aus der Drucklegung zufließen könnte, es wäre vielmehr die Meinung, daß ich in meinen Forderungen nicht allzu ängstlich sein sollte; seine Majestät seien sogar zu Opfern bereit. Auf meine Entgegnung: man werde mich doch nicht für so erbärmlich halten, daß ich eine meiner Arbeiten für Geld vom Erdboden verschwinden lassen wollte, erwiderte man mir: die Frage ob? wünschten Seine Majestät ganz außer der Verhandlung gelassen, es handle sich nur um das: Wie? – Ich führe das alles wörtlich genau an.

Da man mir mein Stück im Notfalle auch ohne Einwilligung wegnehmen konnte, dachte ich auf Auskunftsmittel. Ich sagte daher der Wahrheit gemäß, daß ich gar nicht mehr Herr über mein Stück sei. Ich selbst hätte mein Manuskript abschreiben lassen, beim Theater sei es wiederholt kopiert worden. Jedermann wisse, daß die mit der Kopiatur betrauten Souffleure der Theater einen heimlichen Handel mit widerrechtlich genommenen Abschriften trieben. Der Kaiser könne sein Geld ausgeben, ohne daß das Stück, und zwar ohne meine Schuld, der Öffentlichkeit entzogen werde. Ich sah mit welcher Freude der Präsident diese meine Äußerung aufnahm, wie denn überhaupt in dem ganzen Vorgange ebenso gut ein Tadel gegen die Zensur, die mein Stück erlaubt, als gegen mich selbst, der es geschrieben hatte, verborgen lag. Er forderte mich auf, diese meine Bemerkungen schriftlich aufzusetzen und ihm zur weiteren Beförderung zu überreichen.

Das geschah. Ich setzte meine innern und jene äußern Gründe auseinander und übergab die Schrift dem Präsidenten. Als ich nach einiger Zeit wiederholt des Erfolges wegen nachfragen wollte, wurde ich nicht mehr vorgelassen, indes man mich vorher mit Zuvorkommenheit empfangen hatte. Die Sache war eingeschlafen. Das Stück wurde noch ein paarmal gegeben und dann zurückgelegt. Als ich es für den Druck einreichte, erhielt ich das Imprimatur, ohne daß ein Wort gestrichen worden wäre.

Was dem Kaiser an diesem bis zum Übermaß loyalen Stücke mißfallen, oder wer ihm, nachdem er es selbst mit Beifall angesehen, etwas darüber ins Ohr gesetzt habe, ist mir bis auf diesen Augenblick ein Geheimnis geblieben. Personen, die, ohne zur nächsten Umgebung des Kaisers zu gehören, doch mit dieser Umgebung genau bekannt waren, haben nichts darüber erfahren können. Nur so viel weiß ich, daß der Polizeipräsident selber völlig im Dunkeln war, woher auch seine Verlegenheit entstand. Wie viel in dem ganzen Vorgang Aufmunterung zu künftiger poetischer Produktion lag, überlasse ich jedem zu beurteilen.

Bei meiner Zurückkunft aus Deutschland hatte ich mir vorgenommen, meine erste poetische Arbeit Goethen zuzueignen und deshalb unterlassen, ihm, nach seiner Erlaubnis, zu schreiben. Als es nun an den Druck des treuen Dieners ging, fand ich das Stück viel zu roh und gewalttätig, als daß ich glauben konnte, daß es auf ihn einen guten Eindruck machen werde. Ich unterließ daher die Dedikation und da ich auch vorher unterlassen hatte, ihm zu schreiben, so mochte Goethe wohl denken, mein Besuch in Weimar sei nur eine Sache der Mode und der Neugier gewesen, und ich fühlte nicht jene Liebe und tiefe Verehrung für ihn, die ich bewahren werde bis ans Ende meiner Tage. Er hat in der Folge dieser und jener in Schriften und Gesprächen erwähnt; meiner nie. Es scheint, er warf mich mit dem übrigen Gesindel zusammen.

Um diese Zeit – ich weiß nicht mehr die Folge der Jahre – trat auch eine Änderung in meiner ämtlichen Bestimmung ein. Ich führe sie nur an, um die Art und Weise zu bezeichnen, wie ich immer in meinem Vaterlande behandelt wurde. Ich war in meiner Anstellung als Ministerial-Konzipist an die Person des Finanz-Ministers angewiesen, und bezog in dieser Eigenschaft eine jährliche Gehalts-Zulage. Nach dem Tode des Grafen Stadion kam ein neuer Finanz-Minister, ein gutartiger, rechtschaffener, aber höchst bornierter Mann, eigentlich nur ein Namensträger für den Vizepräsidenten Baron Pillersdorff, der die Geschäfte leitete. Dieser herzensgute Mann, der gegen jedermann wohlwollend war, hatte eine eigene Abneigung gegen mich gefaßt. Ich weiß nicht war die Ursache, daß ich in früherer Zeit unfreiwilliger Zeuge der geringschätzigen Art sein mußte, mit der ihn sein damaliger Vorgesetzter Graf Stadion behandelte, oder war es der Nachklang einer Polizei-Geschichte, die ich früher übergangen habe, jetzt aber doch als charakteristisch für die damalige Zeit, anfahren muß.

In Wien bestand seit mehreren Jahren eine lustige Gesellschaft, die sich und ihren Versammlungsort die Ludlams Höhle nannte. Anfangs, höchst zufällig durch das Zusammenkommen einzelner Literatoren in einem Gasthofe gegründet, fanden sich bald ohne Wahl Gesellschafter aller Art ein, so daß das Ganze den Charakter von niedriger, ja obszöner Spaßmacherei bekam. Die Bessern darunter änderten ihr Lokal, schlossen die räudigen Schafe aus und verfaßten sogenannte Statuten, die nichts als die Abhaltung der Unanständigkeit bezweckten. Die neue Gesellschaft fand großen Anklang und bald gehörten alle bessern Maler, Musiker und Literatoren der Residenz ihr an. Die Leute besaßen auch teils durch natürliche Anlage, teils durch lange Gewohnheit eine Virtuosität im nicht unanständigen Spaß, daß es etwas Ähnliches, wenigstens in Deutschland, wahrscheinlich nie gegeben hat. Vorlesungen, improvisierte Parodieen am nämlichen Abend im Theater neu aufgeführter Stücke, Gesang, Musik, unschuldiger Spott ließen die Stunden im Flug vorübergehen. Durchreisende Künstler und Literatoren suchten und fanden Zutritt, und haben noch lange später gestanden, gleich vergnügte Abende niemals und nirgends zugebracht zu haben. Mein Altersgenosse Baron Zedlitz, der damals noch im Gegensatz seiner jetzigen diplomatischen Richtung stand, hatte sich gleichfalls aufnehmen lassen und nun drang alles so sehr in mich, ein Gleiches zu tun, daß die Weigerung beinahe zur Unhöflichkeit geworden wäre. Ich ging einmal hin, die Sache anzusehen, wurde durch Akklamation zum Mitgliede aufgenommen und brachte von da an einige vergnügte Abende dort zu. Vorgelesen habe ich in der Gesellschaft nichts als jene Vision, die ich bei der Genesung des Kaisers Franz von einer schweren Krankheit schrieb und die, im höchst loyalen Sinne, eine unglaubliche Wirkung in der ganzen Monarchie hervorgebracht hat. Übrigens währte meine Mitgliedschaft nicht länger als sechs oder acht Wochen, ja ich glaube, daß mein und Zedlitzens Beitritt die Katastrophe herbeigeführt oder doch beschleunigt hat.

Es war damals ein Polizeidirektor in Wien, den ich wohl einen Schurken nennen darf, da er wenig später, wegen Geldunterschlagung, sich selbst den Tod gegeben hat. Er hatte damals eine Beförderung im Sinn und da er den Widerwillen, um nicht zu sagen, die Furcht des Kaisers vor allem Geheimen kannte, so beschloß er, um sich ein Verdienst zu machen, die Ludlams Höhle als geheime Gesellschaft zu behandeln und als solche aufzuheben. Schon der Lärm, den die Mitglieder an ihren Versammlungsabenden machten, schloß jeden Verdacht des Geheimen aus. Ja man hatte ihnen sogar Geldbeträge, die sie von dem Überschuß der eingegangenen Strafgelder, für wohltätige Anstalten alljährlich abführten, als von dieser Gesellschaft herrührend ämtlich quittiert.

Trotz dem allen wurde das Versammlungslokal in einem Gasthause bei tiefer Nacht von Polizeibeamten überfallen, die Türen gesprengt, die vorhandenen Schriften und Musikalien weggenommen und im Triumphe davongetragen. Am darauf folgenden frühen Morgen fanden sich bei mehreren Mitgliedern, aber wohlgemerkt nur bei Schriftstellern, worunter auch ich gehörte, gleicherweise Polizeibeamte ein, welche die Schriften versiegelten, Protokolle aufnahmen und mit einer Wichtigkeit die Verhöre betrieben, als ob das Heil des Staates in Gefahr stünde. Ich durfte denselben Tag meine Wohnung nicht verlassen, ja nicht einmal meinen Bedienten ins Gasthaus um Essen schicken. Ein Polizeidiener holte das Mittagsmahl, das wir, ich mit dem Zurückgebliebenen der beiden Beamten, mein Bedienter mit dem im Vorzimmer aufgestellten Polizeidiener gemeinschaftlich verzehrten.

Obschon die Polizeibehörde noch am Abende des nämlichen Tages merkte, daß sie eine Dummheit begangen habe, trieb sie es doch bis zum wirklichen Urteilsspruche, der, als über ein schweres Polizei-Vergehen, die bürgerliche Stellung der in der Gesellschaft befindlichen Beamten gefährdet hätte. Das Urteil wurde nun zwar von der politischen Oberbehörde als lächerlich kassiert; für die Ängstlichen und Schwarzseher blieb aber immer ein Makel auf denjenigen kleben, die der Gesellschaft angehört hatten.

Jetzt erst erinnere ich mich, daß der Ekel über die bei dieser Gelegenheit erfahrenen Unwürdigkeiten ein Hauptgrund der Reise gewesen war, die ich unmittelbar darauf nach Deutschland unternahm.

Unter die Ängstlichen und Schwarzseher, deren ich oben erwähnt habe, gehörte nun auch mein Vorgesetzter, der Finanzminister. Wenigstens als ich mich, da eben Staatspapiere nach Brüssel zu überbringen waren, zur Reise erbot, lehnte er es gegen den Kanzleidirektor ab, und zwar darum, weil ich ein Mitglied der Ludlam gewesen sei. Diese Abneigung hatte zur Folge, daß, indes allen vom Grafen Stadion hinterlassenen Ministerialbeamten ihre Gehaltszulagen ohne Weigerung ausgezahlt wurden, der neue Minister nur bei mir eine Ausnahme machte und ich nach Verlauf jedes Quartals Vorbitter und Protektionen bedurft hätte um zum Genuß des Meinigen zu kommen. Ich konnte diese Zulage aber um so weniger entbehren, als ich im Vertrauen auf diese Mehr-Einnahme die ständige Unterstützung meines zweiten Bruders mit seiner Familie auf mich genommen hatte, der durch eigene Schuld in die betrübtesten Umstände geraten war. Während ich auf allen Seiten nach Auswegen suchte, starb der Archivsdirektor der Finanzhofstelle. Sein Gehalt betrug genau so viel als mein bisheriger zusammen mit der Zulage. Ich ergriff dieses Auskunftsmittel und setzte mich um diese Stelle in Bewerbung, die ich auch erhielt, weil keiner meiner Kollegen sie mochte. Ihr Antritt war nämlich zugleich auch ein Ausscheiden aus jenem Geschäftsbereich, der zu höhern Beförderungen berechtigte, gewissermaßen ein Abschneiden jeder weiteren Aussicht. Eben deshalb bezog mein Vorgänger im Archiv außer jenem festen Gehalte noch eine Personal-Zulage, um, bei den eben berührten Verhältnissen einen Beamten, der die philosophischen und Rechtsstudien zurückgelegt hatte, zu vermögen mit dieser letzten Hoffnung für das ganze Leben sich zu begnügen. Auch diese Zulage wurde mir zugesagt, mit dem Beisatze jedoch, daß erst nach drei oder viermonatlicher Dienstleistung man mit Berufung auf meine gezeigte Geschäftstüchtigkeit bei Seiner Majestät auf diese Gehaltsvermehrung antragen könne. So trat ich denn mein neues Amt an, das mir anfangs durch die feindliche Gesinnung meiner Untergebenen, von denen die Ältest-Dienenden sich selbst um die Direktorsstelle beworben hatten, sehr sauer gemacht wurde.

Als die Zeit herankam bei Seiner Majestät um jene Zulage einzuschreiten, hatte sich ein neues Unglück begeben.

Die Vaterlandsliebe war geradezu mit meinem Innersten verwachsen. Außer dem, was davon in jedem wohlgeschaffenen Menschen natürlich ist, bildete auch der unbefangen heitere, wenig ausgebildete aber für alles empfängliche Sinn des Österreichers ein mir gemäßes wohltätig warmes Element. Ich hatte mich deshalb auch mit dem übrigen Deutschland nicht ganz befreunden können. Diese Liebe des Vaterlandes trug ich nun auch gar zu gern auf die regierende Familie, als die Repräsentanten desselben über. So wenig Gutes mir bis dahin noch von ihnen widerfahren war, so brauchte es doch unendlich lange bis ich mit einem oder dem andern von ihnen in mir selbst aufs Reine kam. Um diese Zeit war der Kronprinz, nachmalige Kaiser Ferdinand schwer erkrankt. Die Meinungen über diesen jungen Prinzen waren sehr geteilt. Die einen dachten gering von seinen Fähigkeiten, die andern schlossen aus seinem Schweigen bei der staatsrätlichen Verhandlung unbeliebter Maßregeln auf oppositionelle volksfreundliche Gesinnungen. Über seine vollkommene Gutmütigkeit war jedermann einig. Als er nun schwer krank darniederlag, machte ich meiner Besorgnis und meinen Hoffnungen in einigen Strophen Luft, wie es denn überhaupt meine Gewohnheit war, zur Lyrik nur als einem Mittel der Selbst-Erleichterung Zuflucht zu nehmen, weshalb ich mich auch für einen eigentlich lyrischen Dichter nicht geben kann. Der Sinn des Gedichtes war, der Wahrheit gemäß, daß erst die Zukunft seine geistigen Eigenschaften enthüllen müsse, vor der Hand mache es uns glücklich zu wissen, daß er den höchsten Vorzug des Menschen, die Güte, die in ihrem vollendeten Ausdruck selbst eine Weisheit sei, ganz und vollkommen besitze. Mir entging nicht, daß diese Wendung übeln Deutungen ausgesetzt sein könnte; ich schrieb das Gedicht aber auch für mich und dachte auf keine Veröffentlichung. Als es vollendet auf meinem Arbeitstische lag, besuchte mich ein Freund, der, ohne selbst Literator zu sein, doch mit allen Literatoren Wiens in Verbindung stand. Ich wurde abgerufen und in der Zwischenzeit las er ziemlich unbescheidenerweise das offen daliegende Gedicht. Er war, vielleicht gerade weil die Darstellung inner den Grenzen der Wahrheit blieb, ganz entzückt und sprach davon in diesem Sinne zu seinen literarischen Freunden. Diese begehrten es nun auch zu hören, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Ich las es abends im Gasthause vor, wo wir ein abgesondertes Zimmer innehatten und nun drang alles, vorzüglich aber der Redakteur der damals bestehenden Wiener Zeitschrift in mich, es drucken zu lassen. Einerseits beruhigte mich die ausnahmslose Billigung so vieler ganz gescheiter Leute über die Furcht einer möglichen übeln Deutung, andererseits mußte das Gedicht der Zensur vorgelegt werden, die wenn sie ein Arges fand es ohnehin verbieten würde. Es wurde daher ausgemacht, daß es der Redakteur der Wiener Zeitschrift dem uns allen wohlbekannten Zensor nicht ämtlich, sondern als Freund überreichen und wenn dieser Bedenken fände, das Gedicht wieder zurücknehmen sollte. Das geschah. Der Zensor, selbst Dichter und durch einige Zeit Theater-Direktor, erklärte die Bewilligung zum Druck nicht auf sich nehmen zu können. Als aber der Redakteur der Zeitung das Gedicht wieder zurückverlangte, entgegnete jener, das laufe gegen seine Pflicht, er müsse es der höhern Behörde vorlegen. Ob das nun unverständiges Bestreben die Drucklegung zu fördern oder Schurkerei war, weiß ich nicht. Die Druckbewilligung wurde verweigert, zugleich aber das Gedicht in unzählichen Abschriften verbreitet. Gerade diejenigen, die von dem Prinzen übel dachten, sahen in meinen Versen eine beabsichtigte Verspottung desselben. Feile Schufte schrieben in gleichfalls abschriftlich verbreiteten Knittelreimen gegen mich und mein Gedicht. Es war ein literarisch dynastischer Aufruhr. Unter diesen Umständen gelangte der Vortrag der Finanzhofstelle mit dem Einraten auf meine Gehaltszulage an Seine Majestät.

Es ist in Österreich die Gewohnheit, daß diejenigen, für welche eine sogenannte Gnadensache Seiner Majestät zur Entschlußfassung vorgelegt wird, sich persönlich dem Kaiser in besonderer Audienz vorstellen. Teils konnte ich nicht, teils wollte ich gerade in meinem Falle von dieser Übung nicht abweichen. Man hatte mir den Kaiser als höchst erzürnt über mein Gedicht vorgestellt. Mir lag daran, wenn er sich etwa in diesem Sinne äußern sollte, seine falsche Ansicht nach Möglichkeit zu berichtigen.

Ich meldete mich zur Audienz und wurde angenommen. Es war das einzigemal daß ich den Kaiser Franz sprach. Bei meinem Eintritt in den Vorsaal zischelten sich mehrere heimlich in die Ohren; ein hochgestellter Geistlicher, sonst mein vertrauter Freund, tat alles Mögliche, meine Nähe zu vermeiden, ja einer der beim Eingang in das Arbeitszimmer des Kaisers aufgestellten Gardisten, sprach allerlei von der übeln Stimmung desselben und seiner Strenge im Zorn, was offenbar auf mich gemünzt war. Ich dachte mit Goethes Georg im Götz von Berlichingen: Guckt ihr–! Endlich wurde ich, der allerletzte oder einer der letzten eingelassen. Der Kaiser empfing mich sehr gütig. Als ich meinen Namen und den Gegenstand meiner Bitte nannte, fragte er – obschon er es wahrscheinlich so gut wußte als ich – »Sind Sie der nämliche, der der Autor ist?« Ich bejahte und setzte meine Gründe und Ansprüche auf die mit der Archivsdirektorsstelle verbundene Gehaltszulage auseinander. Der Kaiser hörte mich ruhig an und sagte: Ihr Gesuch ist ganz billig, da Sie ganz in dem Falle Ihres Vorgängers sind. Endlich entließ er mich mit den Worten: »Sei'n Sie nur fleißig und halten Sie Ihre Leute zusammen.« Da der Kaiser meines Gedichts nicht erwähnte, fühlte ich mich auch meinerseits nicht berufen, darüber ein Wort zu verlieren, und ging. So mild aber seine Worte waren, so wenig waren es seine Handlungen. Er hatte schon damals den mich angehenden Vortrag der Finanzhofstelle unter diejenigen Aktenstücke gelegt, die er entschlossen war während seines ganzen Lebens nicht zu entscheiden. Erst länger als ein Jahr nach seinem Tode wurde es mit Mühe unter den Rückständen aufgefunden, die aus ähnlichen Ursachen sich angehäuft hatten. Aber auch als es sich jetzt fand, hatte bereits ein Staatsrat, auch einer meiner Maul-Freunde und Gönner, sein Mütchen an mir, oder vielleicht nur an der Finanzhofstelle, die seinen Sohn nicht nach Wunsch beförderte, ämtlich gekühlt, indem er statt der Gehalts-Zulage auf eine Gehalts-Vermehrung einriet, durch welche ich freilich aber 200 Gulden jährlich verlor; ein Verlust der mir erst später unter dem Ministerium des Baron Kübeck gutgemacht worden ist.

Auch der Hauptbeleidigte, der Kronprinz, war gegen mich so sehr erzürnt, als seine wirkliche Gutmütigkeit ihm erlaubte. Es befand sich damals eben der Bauchredner Alexandre, ein ziemlich gebildeter Mann, in Wien, mit dem ich zufällig bekannt wurde. Er machte seine Künste auch bei Hofe und in einem Gespräche mit dem Kronprinzen erwähnte er auch meines Gedichtes und wie er wisse, daß ich gar keine üble Absicht dabei gehabt habe. Er hat sie allerdings gehabt, sagte der Prinz; man hat ihn aufmerksam gemacht, und dennoch wollte er es drucken lassen. Als Alexandre mir das erzählte, dachte ich wieder mit Götz von Berlichingen: »Kaiser! Kaiser! Räuber beschützen deine Kinder.« Obwohl ein Bauchredner eigentlich kein Räuber ist. Wer dem Kronprinzen jene böswillige Lüge gesagt hat, weiß ich freilich nicht.

Ich stand nunmehr, sowohl mit dem gegenwärtigen, als mit dem künftigen Kaiser in dem übelsten Verhältnisse, was für keinen Fall erfreulich ist.

Ganz literarisch untätig war ich in der Zwischenzeit nicht gewesen. Die Ereignisse bei Gelegenheit meines Ottokar und des treuen Dieners hatten mich belehrt, daß historische Stoffe zu behandeln in den österreichischen Landen höchst gefährlich sei. Reine Empfindungs- und Leidenschafts- Tragödien aber verlieren ihr Interesse bei des Dichters zunehmenden Jahren. Man kann mir einwenden, ich hätte mich über die engen östreichischen Verhältnisse wegsetzen und für die Welt oder doch für Deutschland schreiben sollen. Aber ich war nun einmal eingefleischter Österreicher und hatte bei jedem meiner Stücke die Aufführung, und zwar in meiner Vaterstadt, im Auge. Ein gelesenes Drama ist ein Buch, statt einer lebendigen Handlung. Wenige Leser haben die Gabe sich jene Objektivierung, jene Wirklichkeit hinzuzudenken, welche das Wesen des Drama ausmacht, wenigstens seinen Unterschied von den übrigen Dichtungsarten.

Da fiel mir einmal der erste Akt von »Traum ein Leben« in die Hände, welches Stück ich schon in meiner frühesten Zeit begonnen, aber weggelegt hatte, weil der mit der Rolle des Zanga beteilte Schauspieler statt des Negers durchaus einen Weißen haben wollte. Das Bunte, Stoßweise des Stoffes war eben geeignet, mir selber einen Anstoß in meiner Verdrossenheit zu geben.

Es ist hier vielleicht der Ort über das Gewalttätige zu sprechen, das sich in meinen meisten Dramen findet und das man leicht für Effektmacherei halten könnte. Ich wollte allerdings Effekt machen, aber nicht auf das Publikum sondern auf mich selbst. Die ruhige Freude am Schaffen ist mir versagt. Ich lebte immer in meinen Träumen und Entwürfen, ging aber nur schwer an die Ausführung, weil ich wußte, daß ich es mir nicht zu Dank machen würde. Die schonungsloseste Selbstkritik, die sich in früherer Zeit unmittelbar nach der Vollendung Platz machte, fing jetzt schon an sich während der Arbeit einzustellen. Es war daher immer entweder die Schwierigkeit der Aufgabe, oder die Heftigkeit des Anlaufs was die Lust am Vollenden vor dem Schlüsse nicht erkalten ließ. Zugleich war ich kein Freund der neuem Bildungsdichter, selbst Schiller und Goethe mitgerechnet; nebst Shakespeare zogen mich die Spanier, Calderon und Lope de Vega an; nicht was durch die Erweisbarkeit Billigung; was durch seine bloße Existenz Glauben erzwingt, das schien mir die wahre Aufgabe der dramatischen Poesie zu sein. Eine gefährliche Richtung, der ich vielleicht nicht gewachsen war. Sich immer auf dem Standpunkte der Anschauung zu erhalten, wird schwer in unserer auf Untersuchung gestellten Zeit. Als ich mit meinem Mondkalbe fertig war, übergab ich es meinem Freunde Schreyvogel zur Aufführung. Dieser war gar nicht gut darauf zu sprechen. Er zweifelte an der Möglichkeit einer Wirkung auf dem Theater, die bei mir völlig ausgemacht war; hatte ich es doch aufführen gesehen, als ich es schrieb. Dieses Mißfallen war um so sonderbarer, als vor mehreren Jahren, als ich Schreyvogeln die erste Idee mitteilte, er davon ganz entzückt schien. Der vortreffliche Mann wurde aber leicht ängstlich, wenn ihm ein Neues vorkam wozu er kein Gegenbild in den klassischen Mustern fand. Auch mochte der Titel »Traum ein Leben« ihn stören, da es sich dadurch gleichsam als ein Seitenstück zu Calderons »Leben ein Traum« anzukündigen schien, das Schreyvogel selbst für die deutsche Bühne bearbeitet hatte. Bei seiner großen und gerechten Verehrung für Calderon mochte ihm diese Gegenüberstellung als Kunstrichter und als Bearbeiter mißfallen.

Da ich gar nicht willens war mit Schreyvogel in Konflikt zu geraten, legte ich das Stück ruhig hin. Hatte es doch seinen Zweck, mich zu beschäftigen und zu zerstreuen, vollkommen erreicht.

Ich habe schon gesagt daß ich über die Zeitfolge der Ereignisse in großer Verwirrung bin. Die Ursache davon ist, daß ich bis auf den gegenwärtigen Augenblick immer bestrebt war, sie zu vergessen. Ich fühlte mich, vielleicht etwas hypochondrischer Weise, so von allen Seiten bedrängt und eingeengt, daß ich kein Hilfsmittel wußte, als die marternden Gedankenfäden abzureißen und mich in eine neue Reihe zu versetzen. Das hat mir übrigens auch sonst unendlich geschadet. Es hat das ursprünglich Stetige meines Wesens, um mich Kantisch auszudrücken, zum Fließenden gemacht, und selbst mein Gedächtnis, das in der Jugend gut war, wurde durch das immerwährende Abreißen und Neu-Anknüpfen untreu und schwach. Ich möchte jedem der etwas Tüchtiges werden will, anraten, die unangenehmen Gedanken fortzudenken bis sie im Verstande eine Lösung finden. Nichts ist gefährlicher als die Zerstreuung.

Also ich glaube es war um diese Zeit, daß ich von Beethoven angegangen wurde, ihm einen Operntext zu schreiben. Ich habe die Geschichte meiner Bekanntschaft mit Beethoven und dieses Operntextes in einem besonderen Aufsatze beschrieben, ich erwähne daher hier nur so viel, daß mein Verleger Wallishausser, der ein gutes Geschäft zu machen glaubte, mir mein Autorrecht auf diesen Operntext abkaufte und mir dadurch die Möglichkeit einer Reise verschaffte.

Sie ging diesmal nach Paris und London. Außer meinem gewöhnlichen Reisezwecke, einmal freier Atem zu holen, war es diesmal auch der Wunsch mir von diesen oft erwähnten Weltstädten eine deutliche Vorstellung zu verschaffen. Ich ging, wieder allein, über München, Stuttgart, Straßburg nach Paris. In Stuttgart machte ich die Bekanntschaft Uhlands, des letzten deutschen Dichters, der bei sich zu Hause ebenso liebenswürdig ist, als in der Fremde schweigselig und neblicht. In Paris hütete ich mich die französischen Schriftsteller zu besuchen. Diese Leute sind ungemein von sich eingenommen, weil ihnen nicht deutlich wird, daß sie zwei Dritteile ihres Ruhmes dem Umstande verdanken, daß sie französisch, also in der Weltsprache, schreiben. Da sie nun zugleich von fremden Literaturen, großenteils mit Recht, nichts wissen, so kommt man mit ihnen immer in die Stellung eines Handwerksburschen, der auf seiner Wanderung bei einem fremden Meister vorspricht. Mit Alexander Dumas wurde ich durch einen deutschen Arzt bekannt. Er lud mich zum Frühstück, zu dem auch Victor Hugo gebeten war, der aber nicht kam. Dumas hatte durch seine damalige Mätresse, spätere Frau, die Schauspielerin Ida, die in Straßburg erzogen war, eine dunkle Idee von der »Ahnfrau«, für die er, als selbst dem genre romantique angehörig, einen großen Respekt bezeigte. Er galt übrigens unter seinen Kollegen für einen Kenner der deutschen Literatur. Seine Egeria hierin war eben jene MlleMademoiselle. Anmerkung des Korrekteurs. Ida, die auch nur ein paar deutsche Worte wußte, indes er selbst nicht ein einziges verstand. Dieser Ruf der Kennerschaft fremder Literaturen ist übrigens in Paris leicht zu erwerben. Ich saß einmal im théâtre français zwischen zwei Herren, die in mir leicht den Deutschen erkannten. Sie sprachen daher von deutscher Poesie, indem sie dabei auf einen etwas seitwärts von uns auf der vordern Bank sitzenden Mann wiesen, den sie als einen grand connoisseur de littérature allemande bezeichneten. Während sie nun von Schillair und Goëthe sprachen, wendete sich der Kenner um und verbesserte: on prononce Gouthe.

Wenn ich in Wien nie ins Theater ging, ging ich beinahe täglich in Paris. Der Unterschied interessierte mich. Das théâtre français war damals ganz im Verfall. Talma war tot und die Rachel noch nicht erschienen. Die Mars spielte nur noch bei einzelnen Gelegenheiten. Ich sah sie in den falschen Vertraulichkeiten, einer ihrer Glanzrollen, wo ich mir aber sagen mußte, daß Mad. Löwe in Wien mir besser gefallen hatte, selbst was die Haltung und die Feinheit des Spiels betrifft. Dagegen war sie in der blinden Gabriele, deren sentimentale Jugendlichkeit mit ihren sehr vorgerückten Jahren im schreiendsten Kontrast hätte stehen sollen, unübertrefflich. Das übrige war mittelmäßig und wenn sie tragierten widerlich. Ligier ist ein gräßlicher Mensch. Am besten gerieten ihnen noch neuere Tragödien, aber eine von Racine, die sie gaben, sah sich an wie ausgewaschener Kattun.

Desto besser waren die kleinen Theater. Was der Franzose selbst beobachten kann, das stellt er mit Meisterschaft dar, aber das Stilisieren und Idealisieren gelingt ihm durchaus nicht.

Auch die große Oper ist höchst interessant, schon wegen der Vollendung der Mittel, wenn man auch mit dem Zwecke nicht immer einverstanden sein sollte. Eine Darstellung wie die von Meyerbeers Hugenotten, die damals neu waren, hat man außer Paris wohl nie gesehen. In Wien mußte ich mir die Oper auf zwei Abende einteilen, in Paris habe ich sie fünf oder sechsmal von Anfang bis zu Ende mit immer steigendem Interesse gesehen.

Überhaupt lassen die französischen Darsteller eine Ermüdung nicht aufkommen. Sie übertreiben, aber sie reißen hin. Es ist als ob man eine Landschaft durch ein rotes Glas ansähe; die Farbe ist nicht mehr natürlich, aber die Einheit der Färbung erzeugt eben auch eine Harmonie. Die Kunst ist etwas anderes als die Natur. Voltairs genre ennuyeux hat seinen Wohnsitz in Deutschland.

Ich machte die Bekanntschaft Meyerbeers, der sich sehr liebenswürdig benahm und mir eben wiederholt Platz zu den überfüllten Aufführungen seiner Hugenotten verschaffte. Auch Thalberg war da, für mich der Klavierspieler par excellence.

Mit Alexandre Dumas hatte ich ein eigenes Unglück. Es war damals eben zwölfmal mit ungeheurem Beifall sein neuestes Trauerspiel Don Juan de Maraña aufgeführt worden. Dumas lud mich ein der dreizehnten Vorstellung beizuwohnen, er gab mir sogar eine Anweisung auf einen Sperrsitz, den man aber an der Kassa nicht respektierte. Das Stück war, trotz einigen Zügen von Talent, das Absurdeste was man sehen konnte. Hochromantisch, oder phantastisch. Es kam eine Geister-Redoute von Toten vor, die der Held des Stückes alle umgebracht hatte. Eine Szene spielte im Himmel, wo Engel der Jungfrau Maria räucherten, die aber nur bei den ersten Vorstellungen sichtbar war, in den spätern als in der Kulisse befindlich angenommen wurde. Das Stück hatte mit Beihilfe der Freunde und bezahlten Klatscher einen Ungeheuern Erfolg durch zwölf Darstellungen. Bei der dreizehnten, der ich beiwohnte, mochte die Beifalls-Assekuranz der Direktion zu kostspielig oder überflüssig scheinen. Das unbefangene bezahlende Publikum gewann die Oberhand und das Stück wurde so entsetzlich ausgepfiffen, daß es von da an nicht mehr auf den Brettern erschien. Selbst dieses Auspfeifen wurde mit einer Art richterlicher Haltung ausgeübt, wenigstens kamen Pöbelhaftigkeiten nicht vor, wie bei ähnlichen Anlässen in Wien. Der Kunstsinn des Franzosen ist nicht immer auf der rechten Fährte, was ihm aber im Wege steht ist doch immer nur eine falsche Ansicht, nie die Gemeinheit.

Von den Menschen in Paris waren mir die interessantesten zwei deutsche Landsleute, Börne und Heine. Mit ersterem kam ich in ein fast freundschaftliches Verhältnis. Börne war gewiß ein ehrlicher Mann und das politisch Aufreizende in seinen Schriften, oder vielmehr das auf den höchsten Grad Gesteigerte derselben, kam wahrscheinlich nur daher, daß er die Deutschen für so dickhäutig hielt, daß man mit Prügeln dreinschlagen müsse, um nur die Spur eines geringen Eindruckes zurückzulassen. Er glaubte, ohne Gefahr für die Ruhe Deutschlands sich seinem Tyrannenhaß humoristisch überlassen zu können. Es ging aber dabei wie bei Patienten von harten Naturen. Man verstärkt die Dosen und steigert die Mittel; lange Zeit ohne Erfolg. Bis endlich die letzte Arzenei wirkt, und nun zugleich die Wirkung der früheren sich bis zum Übermaße Luft macht. Hätte er ein Jahr Achtundvierzig für möglich gehalten, er wäre etwa vorsichtiger gewesen.

Ich ging öfter zu ihm nach Auteuil hinaus und er kam mir zu Liebe nach Paris. Bis auf seinen wunderlichen Haß gegen Goethe fanden wir uns recht gut zusammen. Aber auch dieser Haß war nur gegen Goethes sogenannten Aristokratismus gerichtet. Als eben damals in Deutschland ein neuer Faust erschien, den der Verfasser Börnen zuschickte, zeigte sich in der Indignation über dieses Gegenübertreten der hohe Wert, den Börne auf den größten unserer Dichter legte. Das Schlimmste für unsere Zusammenkünfte war, daß man bei Börne immer deutsche Flüchtlinge antraf, die ihren Unsinn im Tone von anno Achtundvierzig anbrachten. So geschah es mir einmal, daß als ich einmal meiner Unzufriedenheit über die damaligen österreichischen Zustände in Gegenwart eines solchen Exilierten Luft machte, des nächsten Tages unser ganzes Gespräch mit Nennung meines Namens in einer Pariser Zeitung erschien. Ich weiß nicht ob die östreichische Gesandtschaft von dem Blatte Notiz genommen hat. Börne selbst konnte sich in meine Stellung nicht finden. Als ich eines Tages bei ihm in Auteuil gefrühstückt hatte, forderte er mich auf mit ihm in Paris zu Mittag zu essen. Wir waren bis zum Eingange des bestimmten Gasthofes gekommen, als er mir sagte, ich würde mich köstlich amüsieren. Es sei ein Gastmahl von Refugiés aller Nationen. Man würde Reden halten, meine Gesundheit, einen Toast auf die Befreiung des Menschengeschlechtes trinken u.s.w. Worauf ich, Abschied nehmend, erwiderte, er möge sich nur allein diese Unterhaltung verschaffen, ich würde in einem anderen Gasthause essen.

Heine fand ich in Fülle der Gesundheit, aber, wie es schien, eben in sehr beschränkter ökonomischer Lage. Er bewohnte in der cité bergère zwei kleine Zimmer, in deren erstem sich zwei Weibsbilder mit Betten und Kissen zu schaffen machten. Das zweite noch kleinere, Heines Arbeitszimmer, bekam durch die Spärlichkeit der Möbel fast das Ansehen des Geräumigen oder doch des Geräumten. Seine ganze ostensible Bibliothek bestand in einem, wie er selbst sagte, entlehnten Buche. Er hielt mich anfangs für den Schriftsteller Custine, mit dem ich Ähnlichkeit haben sollte. Bei Nennung meines Namens zeigte er große Freude und sagte mir viel Schmeichelhaftes, das er wahrscheinlich in der nächsten Stunde vergessen hat. In der gegenwärtigen Stunde aber unterhielten wir uns vortrefflich. Ich habe kaum je einen deutschen Literator verständiger reden gehört. Er hatte aber mit Börne und überhaupt mit den selbst Verständigeren unter den Deutschen das gemein, daß er bei aller Mißbilligung des Einzelnen einen großen Respekt für das Ganze der deutschen Literatur hatte, ja sie allen andern voransetzte. Ich aber kenne kein Ganzes als welches aus Einzelnen besteht. Diesen aber fehlt der Nerv und der Charakter. Ich will mit jemanden zu tun haben wenn ich ein Buch lese. Dieses Sichselbstaufgeben hätte noch einen Wert wenn es ein Aufgehen in den Gegenstand wäre. Aber auch der Gegenstand wird aus seiner ursprünglichen Prägnanz gerissen und zu Ansichten sublimiert, wo man sich denn in einer Mittelwelt befindet, in der die Schatten Geister und die Geister Schatten sind. Ich ehre die deutsche Literatur, wenn ich mich aber erfrischen will, greife ich doch zu einer fremden.

So sehr mir Heine im Gespräch unter vier Augen gefiel, ebensosehr mißfiel er mir, als wir ein paar Tage später bei Rothschild zu Mittage waren. Man sah wohl daß die Hauswirte Heinen fürchteten, und diese Furcht mißbrauchte er um sich bei jeder Gelegenheit verdeckt über sie lustig zu machen. Man muß aber bei niemand essen, dem man nicht wohlwill, und wenn man jemand verächtlich findet muß man nicht bei ihm essen. Es setzte sich daher auch von da an unser Verhältnis nicht fort. Unter den Gästen bei Rothschild befand sich auch Rossini. Ich hatte ihn vor Jahren flüchtig in Italien gesehen. Jetzt war er ganz Franzose geworden, sprach die fremde Sprache wie ein Eingeborener und war unerschöpflich an Witz und Einfällen. Seine Feinschmeckerei ist bekannt. Er war, obwohl Hausfreund, diesmal vornehmlich geladen um die Proben einer anzukaufenden Partie Champagner zu versuchen, worin er als ein vorzüglicher Kenner galt. Beim Nachhausegehen gingen wir eine Strecke mitsammen. Ich fragte ihn ob das Gerücht wahr sei, daß er für die Krönung des Kaisers von Österreich zum König von Italien eine Oper schreibe. Musikalisch merkwürdig war mir seine Antwort. Wenn man Ihnen jemals sagt, erwiderte er, daß Rossini wieder etwas schreibe, so glauben Sie's nicht. Erstens habe ich genug geschrieben, dann gibt es niemand mehr der singen kann.

Im übrigen habe ich in Paris gesehen was jedermann sieht, es ist daher darüber nichts zu sagen.

Als die Abreise nach London heranrückte, stellten sich gewaltige Bedenken wegen der Sprache ein. Ich hatte nämlich das Englische ohne Meister, bloß aus Grammatik und Wörterbuch gelernt, nie ein Wort englisch gesprochen, ja auch nie anders als im Vorübergehen englisch sprechen gehört. In den letzten Tagen ehe ich von Wien abging, beeiferte sich ein artiges Fräulein meiner Bekanntschaft mich in etwas mit der Aussprache bekannt zu machen, eine Bemühung, die ein Engländer, den ich in Paris fand und von Wien her kannte, einigermaßen fortsetzte. Aber das alles zeigte mir nur wie himmelweit ich von dem sprachlichen Chinesentum der Engländer entfernt sei. Da übrigens mein ganzes Wesen aus Bedenken und Unbesonnenheit zusammengesetzt ist, so beschloß ich erst im Strome selbst das Schwimmen zu versuchen.

Ich ging nach Boulogne um von da nach Dover überzusetzen. In Boulogne aber fand sich ein englisches Dampfschiff, welches sich erbot um einen geringen Preis die Reisenden unmittelbar nach London zu bringen. Obwohl auf diese Art die Gelegenheit verloren ging, das Stück Land zwischen Dover und London kennen zu lernen, so war doch die Abkürzung der Reise zu verführerisch, um so mehr als ich ohnehin beschlossen hatte von der Hauptstadt Exkursionen, wohl gar bis Schottland zu machen. Ich schiffte mich also ein, überstand bei nicht stürmischer aber ziemlich bewegter See eine Nacht, die ich, trotz des kalten Windes, auf dem Verdeck zubrachte, da schon der Dunst der überfüllten Kajüten mir Anmahnungen des Seeübels hervorrief. Des andern Morgens gab ich sehr niederschlagende Proben meiner Aussprache des Englischen. Ich begehrte nämlich beim Frühstück Butter, und man brachte mir – Wasser. Die durchwachte Nacht und die gestörten Eingeweide verkümmerten mir in etwas den Eindruck der sich allmählich nähernden Weltstadt.

Im Zollhause angekommen, zeigte sich ein neues Mißgeschick. Ich hatte in Boulogne mit einem Franzosen gemeinschaftliche Sache gemacht. Da das Dampfschiff Esmerald mit einem zweiten konkurrierte und sie sich wechselseitig im Preise herabsteigerten, so daß das Fährgeld halb im Lizitationswege abgemacht wurde, der Franzose übrigens noch weniger englisch verstand als ich, nämlich gar nichts, so kamen wir überein, daß ich für beide die Fahrbillette lösen, er dagegen das gemeinschaftliche Gepäcke besorgen sollte, zu welchem Ende ich ihm eine Karte mit meinem Namen gab.

Im Zollhause wurden die einzelnen Reisenden namentlich aufgerufen, in ein Nebenzimmer geführt, wo sie nach vorgängiger Visitation ihr Gepäcke erhielten. Schon war mein Franzose, endlich die ganze übrige Gesellschaft abgefertigt und mein Name erschien noch immer nicht. Da, als schon eine neue Dampfschiffs-Bemannung in den Saal trat, drängte ich mich neben dem Namens-Aufrufer ins Amtszimmer, wo mein Koffer noch allein am Boden stand. Der windige Franzose hatte wahrscheinlich meine Karte weggeworfen oder verloren und mein Name erschien daher gar nicht auf der Gepäcks- Liste. Glücklicherweise stand dieser Name auf dem Deckel meines Koffers und die Identität desselben mit meinem Passe verschaffte mir endlich meine Habseligkeiten, was bei der bekannten Strenge der englischen Zollvorschriften für ein nicht geringes Glück gelten konnte.

Das war aber noch nicht genug. Schon im Paß-Bureau hatte ich erfahren, daß der Deutsche, der ein Kosthaus für Fremde hielt, und an den ich eine Adresse von Wien mitbrachte, Bankrutt gemacht und sich von London entfernt hatte. Wo sollte ich nun hin in der mir ganz unbekannten Riesenstadt? Zum Glücke erinnerte ich mich, daß mir in Paris ein dänischer Hauptmann Czerning derselbe der später als Kriegsminister eine Rolle spielte – eine wie er es nannte, Not-Adresse gegeben hatte, an eine Mistreß Williams, die in Russel-Street, Bloomsbury-Square, ein Kosthaus mindern Ranges hielt. Dahin ließ ich mich bringen, wobei mich der Cab-Führer durch halb London kutschierte, um das Fahrgeld so hoch als möglich zu steigern. Ich fand die Hausfrau und ihre beiden hübschen Töchter höchst angenehm, nur daß sie mein Englisch und ich das Französisch der ältesten Tochter nicht verstand. Doch merkten sie endlich, daß ich ein Zimmer wollte, was mir denn in möglichst bescheidenen Dimensionen zuteil wurde.

Des andern Tages begann ich meine Wanderungen, und zwar ohne Führer, dergleichen in unserm bescheidenen Hotel nicht zu haben war. Ich studierte meinen Weg auf dem Plane von London, dessen darauf bezüglichen Teil ich mir auf ein handgroßes Blatt nachzeichnete. Da es sich um die Pulsader von London, eine breite gerade Straße, handelte, die zur Bank führt, so bot die Richtung keine Schwierigkeit, ja ich fand endlich auch die Seitenstraße Bishopgate-street in der der Bankier wohnte, an den ich adressiert war. Denn vor allem englisches Geld holen war mein Zweck. In Bishopgate-street wußte aber niemand das Haus des Bankiers, obschon es einer der ersten von London war. Ich trat daher mit meiner Nachfrage in einen Spezereiladen; aber auch dort hatte man die Namen Louze and Civet nie gehört. Da holte endlich der Herr des Ladens einen Handels-Schematismus von der Wand und es fand sich daß das Komtoir des Bankiers unmittelbar gegenüber lag. Und das wußte niemand von seinen nächsten Nachbarn. Aber so sind die Engländer überhaupt. Jeder kennt nur das womit er in unmittelbarem Verkehr steht. Ein Bewohner der City z.B. ist im Westende ebenso ein Fremdling wie ein eben angekommener Fremder. Das gibt den Londnern bei Nachfragen auch häufig den Anschein der Ungefälligkeit. Aber sie wissen das Gefragte selbst nicht. Freilich machen sie dabei keine Entschuldigungen, sondern wenden sich um und gehen ihrer Wege. Was sie wissen erklären sie mit der gefälligsten Umständlichkeit, ohne sich übrigens in die leicht erklärliche Absicht des vielleicht aus Unkunde mangelhaft Fragenden hineinzudenken, sondern sie beantworten einfach das Wort der Frage. So suchte ich einmal den St. James Palast und als ich ganz in der angegebenen Richtung ein prächtiges Gebäude fand, fragte ich einen Vorübergehenden ob das der St. James Palast sei. Er erwiderte das Gebäude gehöre dem Herzog von Sutherland, blieb gefällig stehen, erzählte mir eine Menge Wunderlichkeiten des Besitzers und nahm endlich Abschied ohne mir zu sagen, daß dreißig Schritte weiter der St. James Palast liege, wie ich denn gleich später fand. Aber ich hatte auf das Haus des Herzogs von Sutherland hingewiesen, darüber gab er mir Auskünfte; daß mir eigentlich um den königlichen Palast zu tun sei, fiel ihm nicht ein.

Meine Kenntnis Londons wurde mir übrigens sehr dadurch erleichtert, daß ein junger Mann aus Wien, namens Figdor, der für sein Handlungshaus Wollgeschäfte betrieb, meine Anwesenheit, ich weiß nicht wie, erfahren hatte, mich aufsuchte und mich teils in die nähern Umgebungen führte, teils die größern Industrie-Etablissements kennen lehrte, die, so gleichgiltig sie mir sonst überall in der Welt sind, doch in London einen solchen Charakter von Großartigkeit und Weltumfassung haben, daß sie fast den Eindruck von Epopeen machen. Zufällig fand sich eben Figdors Vater und seine höchst liebenswürdige Schwester zum Besuch bei dem jungen Manne, in deren Gesellschaft ich mich wie zu Hause fühlte.

Figdor der Vater veranlaßte einmal einen komischen Auftritt, der mich eine interessante Persönlichkeit, wenigstens vom Ansehen kennen lehrte. Es war damals eben im Parlament die irische Zehentbill in Verhandlung. Ich versäumte keinen Tag, oder vielmehr keine Nacht, der Diskussion, die oft bis vier Uhr morgens währte, beizuwohnen. Bei meinen für die Aussprache des Englischen ungeübten Ohre, verstand ich zwar kaum die Hälfte der Reden, aber schon als Schauspiel war das Ganze hinreißend. Ich weiß nicht wie die Parlamentshäuser jetzt eingerichtet sind, aber damals war der Saal des Unterhauses lang und verhältnismäßig schmal. Die beiden Parteien waren sich daher wie Kriegsheere ganz nahe und die Redner traten wie homerische Helden vor und schleuderten die Speere ihrer Worte in die feindliche Schar. Am besten, wenigstens am lebhaftesten sprach Shiel. Der Minister Peel kalt aber fließend und mit der Kraft der Überzeugung. OConnell und die meisten übrigen hatten weniger Fluß der Rede als ich voraussetzte und die gedruckten Verhandlungen glauben machen. Die vielen hear, hear! der Versammlung, die nach einer Art Melodie abgesungen werden, sind häufig nur ein Bestreben der Partei das Stocken des Redners zu verkleiden und ihm Zeit zur Anknüpfung zu geben. Das Ganze ist großartig und hinreißend. Meistens ging ich allein, wo ich denn nur mit Hilfe der Police-Männer den Rückweg in meine Wohnung fand. Eines Abends begleiteten mich die beiden Figdor. Das Gedränge war groß und wir mußten lange im Vorsaale warten. Auf einmal entfernt sich der Vater Figdor und kommt bald darauf ganz kleinlaut zurück. Später zeigte sich, daß er sich zu dem Türhüter begeben und einen Vorzug für uns unter der Angabe beansprucht hatte, es befinde sich ein deutscher Literator da, der ein Bekannter des Herrn Bulwer sei. Ich wußte von dem allen nichts und war wie aus den Wolken gefallen als bald darauf der Türhüter mit einem elegant gekleideten und wunderhübschen jungen Manne zu uns trat und mir sagte: Hier ist Herr Bulwer, und zu letzterem: hier ist der deutsche Gentleman, Ihr Freund. Bulwer ersparte mir die Verlegenheit, indem er seinen Arm um meine Schultern schlang, mit mir im Vorsaale auf und nieder ging und mir sagte: heute sei der Saal zu überfüllt um mich einzuführen, aber morgen – will sagen: niemals – möchte ich wieder kommen u.s.w. Er verließ uns wie taumelnd und machte auf mich ganz den Eindruck eines Betrunkenen. Bald aber erfuhr ich, daß er eben eine Rede gehalten, und was ich für Trunkenheit nahm, war die Nachwirkung der aufgeregten Lebensgeister. Ich unterließ um so mehr ihm meinen Namen zu sagen, als er ihn ja doch nicht gekannt hätte. Wenn ein Deutscher nicht Schiller oder Goethe heißt, geht er unbekannt durch die ganze Welt.

Das Theater war, wie natürlich, ein Hauptgegenstand meiner Aufmerksamkeit. Im Trauerspiele, sämtlich Shakespearische Stücke, war mir die Sprache nicht hinderlich, da mir jedes Wort, vom vielfältigen Lesen her, beiwohnte. Desto weniger aber erbaute mich das Spiel. Macready polterte und übertrieb. Einer der beiden Kemble, der, vom Theater bereits zurückgezogen, im Julius Caesar Gastrollen gab, schien mir farblos. Die Weiber waren letzteres im höchsten Grade. Das war in Coventgarden und Drurylane. Nur in der English opera habe ich einmal Romeo und Julie in den beiden Hauptpersonen übervortrefflich darstellen gesehen. Julietta war Miß Ellen Tree, den Namen Romeos habe ich vergessen.

Das englische ernste Theater muß aber notwendig zugrunde gehen. Die vornehme oder auch nur bessere Welt geht um acht Uhr abends zu Tisch und das Theater beginnt um sieben Uhr. Den Anfang auf später zu verlegen, oder, da man gewöhnlich zwei Stücke gibt, das Trauerspiel nach der Posse aufzuführen, geht schon darum nicht, weil der Pöbel sich das Recht nicht nehmen läßt, um neun Uhr um den halben Preis ins Theater zu gehen, ein Recht, das er so streng ausübt, daß er bei längern Trauerspielen mitten in der tragischen Katastrophe in Parterre und Logen hineinpoltert. Es müßten daher Shakespeares Stücke entweder nach neun Uhr vor einer unruhigen und gelangweilten Menge, oder wie jetzt um sieben Uhr vor halbleerem Hause aufgeführt werden. Zugleich aber tritt der Mangel an Pietät überall hervor. So habe ich in Coventgarden einer Vorstellung beigewohnt, wo nach Richard dem Dritten die französische Oper die Jüdin als Schauspiel bearbeitet, aufgeführt wurde. Da in der Jüdin ganze Schwadronen von Pferden mitspielten, so mußte am Proszenium auf halbe Mannshöhe eine Verschränkung von starkem Eisendraht angebracht werden. Und da das wohl viel Mühe und Zeit brauchte, so geschah die Vorrichtung schon vor Anfang beider Vorstellungen und Shakespeares Richard der Dritte wurde hinter diesem eisernen Zaun gespielt.

Warum man das gemeine Volk an Wochentagen (an Sonntagen wird ohnehin nicht gespielt) so sorgfältig von ernsthaften Stücken ausschließe, ward mir deutlich in einer Vorstellung am Pfingstmontage, dem einzigen halben Feiertage des englischen Kalenders. Man gab auch diesmal ein Shakespearisches Stück und eine elende Posse mit Musik. Das wegen des arbeitslosen halben Feiertages massenhaft versammelte Volk machte nun während des Shakespeareschen Trauerspieles einen solchen Lärm, daß man nicht etwa nur die Schauspieler nicht verstand, sondern auch nicht hören konnte, ob sie überhaupt sprächen oder nicht. Die entgegengesetzten Seiten der Galerie führten über das Parterre weg Gespräche untereinander, zankten, schrieen, begehrten daß dieser oder jener hinausgeworfen werde. In einem Branntweinhaus voll Betrunkener kann es nicht anders hergehen. Kaum ließ sich aber der erste Ton der Musik zur zweiten elenden Posse hören, als eine Totenstille eintrat, die nur von Zeit zu Zeit durch Ausbrüche des lebhaftesten Beifalls unterbrochen wurde. Überhaupt ist der Engländer bei einem völlig unmusikalischen Ohre, der größte Liebhaber der Musik. Alle öffentlichen Anstalten tun das Möglichste um das gemeine Volk auszuschließen. So haben die Eigentümer der zoological gardens, wie mir einer der Direktoren selbst gestand, nur darum ein Eintrittsgeld festgesetzt, weil sie fürchten, daß der Pöbel die Tiere reizen, quälen, ja böswillig beschädigen werde. Anderseits scheinen mir alle diese Ausschließungs-Maßregeln ja die ganze puritanische Sonntagsfeier wieder nur da, um denselben Pöbel absichtlich in seiner Roheit zu erhalten.

So wenig mich die englischen Schauspieler in der Tragödie befriedigten, um so besser fand ich sie, gegen meine Erwartung, im Lustspiele. Sie haben weniger gute Komiker als die Franzosen, aber bessere komische Schauspieler. Ihre Laune hat etwas Männliches, man merkt ihren heitern Menschen an, daß sie auch ernsthaft sein können, wenn es not tut, und das ist es was den Humor vom Witz und Spaß unterscheidet. Nur verstand ich unglücklicherweise von dem was sie sprachen, anfangs kaum ein Wort. Ich merkte daher, daß die Schule für die Sprache, als die man das Theater preist, vor der Hand für mich eine zu hohe sei.

Ich begab mich daher in die Gerichtsverhandlungen und da fand ich was ich suchte. Die plädierenden Advokaten, besonders die Jüngern, sprechen langsam um sich besinnen zu können. Da nun zugleich der Engländer auf seine häßliche Sprache so stolz ist, als kaum eine andere Nation und sich daher Mühe gibt, sie so gut als möglich zu sprechen, so war mir der Gerichtssaal eine wahrhafte Sprachschule und ich brachte es auch so weit, daß in der zweiten Hälfte meines Aufenthaltes mich jedermann verstand, nur ich die andern nicht, wenn sie nicht langsam sprachen wie meine Advokaten.

Auch sonst waren mir diese Gerichtsverhandlungen im höchsten Grade interessant. Das Publikum wohnte denselben nicht mit der Neugierde der Franzosen, sondern mit einer Art kirchlicher Pietät bei. In der Untersuchung eines Unzuchtfalles, der so öffentlich verhandelt wurde, wie alle übrigen, tat der alte, ernste, in seine Perücke vermummte Richter, zur Konstatierung der fleischlichen Umstände Fragen an die Zeugen, die überall sonst in der Welt wieherndes Gelächter erregt haben würden. Hier aber fiel niemanden ein nur den Mund zu verziehen. Man merkte, daß das Gefühl von Recht und Gericht die geistige Atmosphäre der Versammlung bildete. Und dieses selbstrichterlichen Gefühls wegen, tut es mir leid, daß die Geschwornengerichte in meinem Vaterlande wieder abgestellt worden sind.

Der Sommer des Jahres 1836 war einer der kältesten und regnerischten des laufenden Jahrhundertes. Das Reisen ins Innere von England wurde dadurch beinahe unmöglich gemacht. Von Eisenbahnen bestanden damals nur einzelne Anfänge. Die Landkutschen waren in der Inseite zu teuer, und die Außenseite, des häufigen Regens halber, nicht verwendbar. Vor allem hätten mich die Universitäten interessiert, als direkt den deutschen entgegengesetzt, die mir ihres Prinzips der Vielwisserei wegen, zuwider waren; obwohl das Exklusive der englischen auch nichts Gutes sein mag. Aber dazu gehörten Bekanntschaften, die ich nicht machen wollte, obgleich es mir an Adressen und Empfehlungen nicht mangelte. Schlösser und Landeskultur zu betrachten, hinderte das Wetter. Die gotischen Baudenkmäler, die mich in meiner Jugend entzückt hatten, waren mir durch die Übertreibungen meiner deutschen Landsleute so widerlich geworden, daß mir noch jetzt eine gotische Kirche unmittelbar den Eindruck des aszetischen, ketzer-verfolgerischen, absurd-dummen macht. Ich trieb mich daher in London herum, das, im Gegensatz von Paris, anfangs wenig imponiert, aber allmählich zum Riesenhaften und Bewältigenden anwächst.

Endlich kam der Tag der Abreise. Ich hatte mir vorgenommen, die Hauptpunkte von Holland zu sehen und dann über Belgien nach Hause zu reisen. Bei der damals feindlichen Stellung beider Länder aber war die Überschreitung der Grenze mit unendlichen Schwierigkeiten verbunden. Ich entschied mich daher für Belgien und ging mit dem Dampfboote nach Antwerpen. Von da auf Brüssel und Lüttich, wo ich zum erstenmale eine längere Strecke Eisenbahn befuhr (schon in London gab es ein kleines Endchen in der Richtung nach Greenwich). Den weitern Weg weiß ich nicht mehr. Wer mir den Vorwurf macht, daß ich wie ein Mantelsack reiste, tut mir nicht Unrecht. Mir war aber immer das Reisen zuwider, nur die Nachwirkung tat mir wohl.

Unterdessen war in meinem Vaterlande Kaiser Franz zu seinen Vätern versammelt worden und an seiner Stelle regierte Kaiser Ferdinand, oder vielmehr an dessen Stelle sein Oheim Erzherzog Ludwig. Ungefähr um diese Zeit wurde der Dienstplatz eines Bibliothekars der Wiener Universitäts-Bibliothek erledigt. Mir war die Gelegenheit erwünscht, von dem Aktenwesen loszukommen und ich setzte mich dafür in Bewerbung. Eigentlich war es nur ein Dienst-Tausch, da mit beiden Stellen der nämliche Gehalt verbunden war. Ich mußte der Übung gemäß dem Stellvertreter des Kaisers, Erzherzog Ludwig meine persönliche Aufwartung machen. Man machte mich im voraus aufmerksam, daß der Erzherzog die Gewohnheit habe den Bittsteller anzuhören ohne selbst ein Wort zu sprechen, daß sein Stillschweigen aber gar kein Vorzeichen einer ungünstigen Entscheidung sei. Wie war ich daher am Audienztage erstaunt, als mir der Erzherzog entgegen trat, mich freundlich anredete, sich mit mir längere Zeit unterhielt und mich endlich ebenso wohlwollend entließ. Die Stelle selbst aber erhielt nicht ich, sondern, trotz dieser hoffnungerregenden Freundlichkeit, ein Schreibersknecht der Hofbibliothek, der mir an Dienstjahren und Gehalt um die Hälfte nachstand, aber von einem dortigen Vorgesetzten empfohlen war, der selbst einer Empfehlung bedurft hätte um jemanden andern empfehlen zu können. Dieser selbe Vorstand gehörte übrigens unter meine begeistertsten Freunde und Bewunderer. Im allgemeinen herrschte rücksichtlich meiner eine Art Blödsinn, vermöge dessen man glaubte mit Lob und Wertschätzung mich vollkommen abgefunden zu haben. Ich kehrte daher zu meinen Akten zurück, die mir täglich widerlicher wurden, indes sie mich anfangs wenigstens historisch interessiert hatten.

Auch ein neuer dramatischer Stoff fand sich, oder vielmehr ein alter, den ich wieder aufnahm: Hero und Leander. Eine wunderschöne Frau reizte mich, ihre Gestalt, wenn auch nicht ihr Wesen, durch alle diese Wechselfälle durchzuführen. Der etwas prätios klingende Titel: des Meeres und der Liebe Wellen, sollte im voraus auf die romantische oder vielmehr menschlich allgemeine Behandlung der antiken Fabel hindeuten. Mein Interesse konzentrierte sich auf die Hauptfigur und deshalb schob ich die übrigen Personen, ja, gegen das Ende selbst die Führung der Begebenheit mehr zur Seite als billig. Aber gerade diese letzten Akte habe ich mit der eigentlichsten Durchempfindung, jedoch wieder nur der Hauptperson, geschrieben. Daß der vierte Akt die Zuseher ein wenig langweile, lag sogar in meiner Absicht, sollte doch ein längerer Zeitverlauf ausgedrückt werden. Aber auch sonst ist nicht alles wie es sein sollte. Man kann eben nicht immer was man will.

Als es zur Aufführung kam, erhielten die drei ersten Akte begeisterten Beifall, die zwei letzten gingen leer aus. Erst nach mehreren Jahren gelang es einer begabten Schauspielerin das Ganze zu Ehren zu bringen, ohne übrigens meine Überzeugung von den Kompositions-Fehlern dieser letztern Akte aufzuheben. In Deutschland wurde es nirgends gegeben. Es fehlte nämlich, wie an Dichtern, so auch allgemach an Schauspielern und endlich sogar an einem Publikum.

Hugo von Hofmannsthal

Rede auf Grillparzer

Für die deutsche Grillparzer-Gedenkfeier zu Hannover, den 7. Mai 1922

Was ist das, daß wir heute hier zusammentreten, um einen der berühmtesten Dichter unseres Volkes zu feiern, dessen Ruhm doch unangefochten dasteht und durch die festlichen Anstalten, die wir hier an einem Punkte des großen vielstämmigen Vaterlandes vorbereitet haben, weder ungemein gemehrt, noch tiefer begründet werden kann? – Indem wir uns darauf hinwenden, dieser Frage zu antworten, geschieht in uns diese Einsicht: eines großen Menschen Ruhm ist keineswegs einem Hort Goldes zu vergleichen, der gesichert daliegt, wofern nur welche darüber wachen, daß ihm nichts entfremdet werde – sondern ein solcher Ruhm ist selber ein lebendiges Geisteswesen; er ist ein Aufforderndes, ein edler beflügelter Teil des gesamten Volksgeistes, der sich als lebend meldet, um dem Ganzen in besondern Nöten zu Hilfe zu kommen oder es in erhabenen Zeiten freudig zu umschweben. Wenn es nun über Volksgenossen kommt, daß sie eines ihrer Großen stark und sehnlich gedenken müssen, und wenn dies über Berge und Flüsse hinweg und sogar über Grenzschranken, doch aber innerhalb der Grenzen des großen deutschen Vaterlandes geschieht, so wie hier, daß an norddeutscher Stätte dessen feierlich gedacht werde, der in Österreich gelebt und gedichtet hat, so geht hervor, daß zuweilen eine deutsche Volksgliedschaft wie einen Ruf zu sich dringen fühlt, einer anderen edelste Kraft an sich zu ziehen, nicht anders wie in einem bemühten Leibe Erquickung von Brust zu Haupt aufsteigen, von Haupt zu Glied sich niedersenken kann.

So ziehen seit weit mehr als hundert Jahren alle Deutschen die höchste Kraft, Milde, geschmeidige Weltklugheit des fränkischen Stammes aus dem einen Wesen Goethe an sich, und aus unserem Österreich ist die gesänftigte tiefe Herzensgewalt des bayrischen Stammes in den Tönen Haydns, Mozarts, Schuberts über das ganze Deutschland seit ebenso langer Zeit wie Balsam geflossen; da aber nun unser größter Dichter, fünfzig Jahre nach seinem Tode, von versammelten vielen Volksgenossen anderer Stämme soll gefeiert werden, so geschieht uns noch Höheres: weil der Dichtkunst ja unter den Künsten der erste Rang zuerkannt wird von den bewußten, dem Geiste zugewandten Menschen.

Dunkel ist das meiste um uns, und verworren was zutage liegt, aber doch kann eines großen Volkes Lebenszeit nie dürr und vereinsamt sein – da ja doch das übergewaltige Leben des Ganzen immer vorhanden; aber es stockt wie Blut in den Adern, das freudige Fließen von Vergangenheit zu Gegenwart ist unterbunden, wenn die Geschicke dumpf und zweifelswürdig daliegen: da kann nur die innige Betrachtung einer einzelnen großen Gestalt uns aufrichten. Das Allgemeine, wie wir es zu erkennen glauben, ist trügerisch und wesenlos; in wenigen Wesen aber lebt das Menschengeschlecht ganz; ihnen ist nicht leicht zu begegnen, aber wir suchen beständig nach ihren Spuren, und sie in ihren geistigen Werken zu gewahren ist unser höchster Lebensgewinn.

Grillparzers Lebensgang war still und einsam, und doch ist er aus dem geselligsten der deutschen Stämme hervorgegangen. Vom Vater her ist das Blut bäurisch, und eine bäurische Schweigsamkeit, auch gegen die Nächsten, ist ihm überkommen; von der Mutter her eine Schwermut, die beredt wurde in der Klage und in der Selbstanklage und sich linderte oder steigerte in der Musik. Ihm war sein eigener Name verhaßt, er schämte sich, wenn er ihn ausgesprochen hörte, er schien ihm wie ein Spottname; uns dünkt er schön durch einen edlen Gehalt, wie ein Gesicht durch seinen Ausdruck schön wird. Auch von der Mutter her war die Abkunft bäurisch, obwohl diese Familie seit etlichen Geschlechterfolgen in der Stadt seßhaft war. Stellt man den Vaters- und den Mutternamen zusammen, Grillparzer und Sonnleithner, so meint man in eine österreichische Dorflandschaft hineinzublicken, und sieht linker und rechter Hand die weichgeformten Hügelhänge, da und dort ein dunkles Waldstück, den Gehöften zugehörig, und in der Ferne blitzend die Donau. Er war ein Beamter nach seinem bürgerlichen Geschäft und ein Dichter nach seinem Beruf. Er errang früh eine große Geltung in Österreich sowohl als im übrigen Deutschland; später, wie die Zeiten und das, was sie für ihren geistigen Inhalt ansehen, wechselten, denen er immer widerstrebte und ihr unruhiges, seichtes Gehaben verachtete, blieb er dem Namen nach berühmt, in der Tat unbeachtet und beinahe ungekannt. Ob er ein Christ gewesen und inwieweit, ist nicht leicht geantwortet. Der Seele nach war er ein Christ so gut wie Goethe und Schiller, denn es ist das Christentum, das unseren Seelen ihre Beschaffenheit und Bewußtheit gegeben hat. Zudem war er ein süddeutscher Katholik durch die Zugehörigkeit zu einer Lebensluft, die alle Poren durchdringt, und doppelt die seinen, der ein empfängliches Wesen war. Dem Bekenntnis nach war er ein Freigeist, wenn wir das Wort mit dem edleren und reineren Beiklang gebrauchen, der ihm bis in die ersten Zeiten des vorigen Jahrhunderts geblieben ist. Daß er von einer tiefen Gottgläubigkeit gewesen ist, das nicht zu erkennen, ist fast nicht möglich, wenn man denkt, was seine letzten Worte waren, die er uns hinterließ: die Gestalt des Kaisers Rudolf, die Reden der Libussa und die Erzählung des armen Spielmanns, freilich nicht Worte in der alltäglichen Bedeutung des Begriffes, aber deutbare, sinnbildliche Reden, richtige letzte Sprüche eines großen Lehrers, in denen er sein Selbst vergeistigt uns in die Seele legt. Als er diese gestalteten Worte aussprach, die er der Nachwelt bestimmte und in seinem Schreibschrank eingeschlossen liegen ließ, war er ein vereinsamter Greis, aber ein gewaltiges Wesen. Groß war in den Stunden, in denen er seiner höchsten Kräfte Herr war, in ihm die Strenge, Bewußtheit und Klarheit des Geistes; eine mächtige Erfahrung schmiegte sich an ihn. Die Zeit, die ihn noch umgab, war ihm ein Nichts. Aber mit dem Lande, dem er zugehörte, mit dem unzerstörbaren Wesen des Volkes, mit dem Weben der großen Geschicke – mit all dem wußte er sich verbunden. Man darf im greisen zögernden Rudolf, im einsamen armen Spielmann nicht alles für Sich-Kleindünken nehmen. Es waltet in diesen Dingen eine erhabene Ironie, mit der verglichen die Ironie der Romantiker nur ein unmündig verlegenes Gehaben ist, Ironie von Jünglingen, die noch meinen, den Zwiespalt des Lebens genießen zu dürfen, wo dem Greise ganz anders furchtbar das zerklüftete menschliche Dasein vor Augen liegt.

Als ein solcher einsamer aber gewaltiger Greis bleibe er in unser Gedächtnis eingegraben, eine Gestalt von großem Ernst, uns Österreichern zu besonderem Stolz und eindringlichem Trost, und wenn uns die Züge des Antlitzes geisterhaft verschwimmen mit denen des Habsburgerkaisers auf dem Hradschin und andererseits mit denen des einsam auf seiner Geige stümpernden Sonderlings, oder auch gar mit denen der verlöschenden Seherin Libussa, so sei's; es ist kein Zufall, wie ein großer Dichter zuletzt sich der Erinnerung des Volkes eindrückt, auch hierin erkennen wir das Walten einer Macht, die dort, wohin der Zufall nicht reicht, unsere eigentliche Geschicke formt; vor ihr beugen wir uns und empfangen aus ihrer Hand, was mehr ist als biographische Erkenntnisse und Messungen, das Bild des Lebens, worin das Schicksal sich ausprägt. Hierher zählen wir Schillers frühes, jähes Wegsterben, wie die stark geschwenkte Fackel jäh abbrennt, aber auch Goethes nach außen fürstlich-geselliges, im tiefsten einsames Greisenalter, für das man, um es zu schildern, zu den Namen von Zauberern, Merlin und Klingsor, gegriffen hat; auch Kleists jäher Zusammenbruch gehört hierher, auch Hölderlins langer, sanfter Wahnsinn. Dies sind unsere wahren heroischen Mythen, an denen unser Gemüt tiefer und gespannter wird, wie anderen Geschlechtern ihres an ihrem Homer und Plutarch.

Er war ein geborener Dramatiker; sein erster Schritt trägt ihn in den Mittelpunkt jedes ersonnenen Wesens, und er wohnt in diesen wie in seinem eigenen. Darum hat er sich selber mit sicherem Gefühl den Platz zugewiesen zunächst Goethe, dem Gestalter, und Schiller, dem Erfinder großer Lebenslagen, aber beiden nachgeordnet. Die Nachwelt gönnt ihm den Platz, die so vieler anderer Ansprüche für ewig verworfen hat; aber sie sieht einen neben ihm, dessen ganzen Wert er noch nicht erkannte: Kleist.

Der Streit, ob Klassiker, ob Romantiker, der die Zeitgenossen seiner Jugend bewegte, findet auf ihn keinen Bezug. Alle die abgeleiteten und künstlichen Gegensätze, in denen sie sich ergötzten: Künstler und Philister, Frömmigkeit und Weltverstand, das schöne Alte und das häßliche Neue, sind ihm fremd. Wie sollte der Landsmann Haydns und Schuberts zwischen Volk und Künstler unterscheiden, der Verehrer und Schüler Mozarts zwischen Frömmigkeit und Verstand! Und wie sollte der Österreicher zwischen Altem und Neuem unterscheiden, da um ihn die herrlichen Denkmäler vergangener Zeit eins ins andere übergingen, das im dreizehnten Jahrhundert Angehobene in den Werken des siebzehnten seine Schwingung fortsetzte und bis in die Gegenwart hineinschwang, indem die Saiten weitersangen, wo die Steine zu reden aufgehört hatten. Die Romantiker machen den Geist zum Spielzeug der Einbildungskraft, die Jungdeutschen dann machen aus dem Gemüt die Magd ihres kalten, seichten Verstandes. Grillparzer hält Geist und Gemüt zusammen: ihrer beider Zusammenklang, den seltenen, nennt er Sammlung, und er kennt keinen höheren Begriff als diesen. Indem er lebt, tut sich eine Schule nach der andern auf. Aber wie wenige sind zu lernen fähig, und er war es. Mit Ernst und Stetigkeit geht er seinen eigenen Weg, aber wahre Lehrer treten ihm auf jeder Lebensstufe entgegen, freilich keine Lebenden, sondern Tote, die wahren gereinigten Begleiter dessen, der in der Stille den Weg des echten Künstlers sucht. Lessing nennen wir zuerst unter ihnen; in der Anlage der dramatischen Verwicklung schuldet er ihm viel; auch sein Vers bis in die späten Werke hinein ist am »Nathan« vielleicht mehr noch gebildet als an Schillers Sprache, an der ein Zuviel von Schwung und Prunk seiner Natur, die wählerisch und streng war, widerstehen mußte. Von Goethe ist es der »Egmont« vielleicht neben dem ersten »Faust«, dem er sich am tiefsten verschuldet bekannt hätte; Shakespeare nenne ich erst gar nicht, seinem Einfluß hat sich kein Deutscher entzogen. Den Euripides muß ich aber nennen, an dem ihm die Mischung des Seelengemäldes mit dem schönen geformten Mythischen reizend war. Aus den großen Spaniern machte er das Studium seines reifen Mannesalters: daß alles Gefühlte gleich Tat wird, alles Geschehen gleich Bild, dies Unerreichbare bezauberte ihn an diesen und hielt ihn ewig in ihrem Bann. Vielleicht darf ich einen noch nennen, dessen Spur ich hie und da zu merken glaube, in der zarten geistigen Abgrenzung der Figuren: den Terenz. Die toten Meister antworten wohl, aber nur dem, der zu fragen versteht. Aus sich selber mußte er in stetem Nachdenken die hohe Einsicht in die Kunstgesetze gewinnen; wie die Erfindung der Handlung übereinzubringen mit dem Eigenleben der Charaktere – das, was der Komposition in der Malerei gleichkommt und was zu bewältigen die Hände der Neueren meist zu schwach sind, die sich im besten Fall mit dem allzu breiten Charaktergemälde begnügen – und wie auch das Zarte und Verflochtene, sodann das Besondere und Jähe, das im Innern der Figuren sich vollzieht, mit sparsamen aber unübersehbaren Zügen nach außen gebracht werde, daß alles im mimischen, sinnfälligem Geschehen fortfließe, alles wahrhaft ein Theater sei, darin ist er Meister geworden unter den Deutschen und übertrifft an Sicherheit auch noch den Kleist, dem zuweilen hierin auch das Erstaunliche gleichsam wie im Traum gelingt, der aber dann wieder mit gewaltsamem Eigensinn jäh sich selber vom Ziel wegreißt. Hierin freilich kommt ihm zugute, daß er ein Wiener war: immer hatte er eine lebendige Bühne vor sich, wo alles, vom Tragisch-Höchsten bis zum Platt-Gewöhnlichen, zum sinnfälligen Bild sich formte, alles in der Gebärde des Schauspielers zusammenlief. Ihm war Theater ein mit allen Sinnen zu fassendes Schauspiel, nicht ein geträumtes Gedicht, noch ein gelesenes Buch. Ja noch die aufnehmende Menge, die das Haus in allen Räumen füllt, der bunte Haufe, der hier, und nur hier, zur fühlenden erregten Einheit wird, sie gehörte ihm dazu, sie war ihm Lehrmeisterin, Natur, wie die sinnende Natur in seiner Brust selber. An das volkstümliche Theater lehnte sein hohes Theater sich an, ja es war mit jenem aus genau einer Wurzel gewachsen; auch die Oper ist immer nahe, die rührenden und geistreich ersonnenen Situationen von Metastasios Libretti, die wunderbare klingende Zauberei der »Zauberflöte«; fließend ist die Grenze zwischen seinem Geschaffenen und all diesem. Nur die lustige Person, die so nahelag, bleibt verbannt aus seinen Stücken, darin ist er bei allem Reichtum der Phantasie zu sehr ein Sohn des achtzehnten Jahrhunderts mit seinem verstandesmäßig gereinigten Geschmack. Auch von der Mundart hält er sich zurück, die seinen Frauengestalten leicht und lieblich über die Lippen springen würde; er verharrt beim Hochdeutschen, worin, nach Jacob Grimms Wort, aufgeht, was in den Dialekten sich entgegentritt. Aber das volkstümliche Wiener Theater ist sich seiner brüderlichen Nähe, der geheimen, nie ausgesprochenen, nie aber auch verleugneten Zugehörigkeit im stillen bewußt: in Ferdinand Raimunds rührender Gestalt tritt es ihm leibhaftig entgegen, streckt ihm die Hände hin mit scheuer Liebe, mit einem Etwas von Eifersucht: es ist, als wären diese Begegnungen selber eine Allegorie und Erdichtungen der zarten Feder Raimunds, der die rührendsten, unvergänglichsten Allegorien unseres Theaters entflossen sind. Wunderbar ist das Verhältnis zwischen diesen beiden, es kann nicht in Worten auseinandergelegt, nur in der Anschauung genossen werden – wo aber Grillparzer aus wahrer Erkenntnis geehrt wird, da ist Raimunds Gestalt von der seinen untrennbar.

Grillparzer verbindet meisterlich die Züge, die zu einem Charakter passen, und bringt meisterlich die Charaktere und die Handlung überein. Wir erinnern uns, wenn wir an seine Stücke denken, anders als bei Goethe, stärker noch an das Geschehen als an die Figuren; hier ist er wahrer Dramatiker, Shakespeare und den Spaniern näher als etwa Schiller, dessen Stärke die Hinsetzung großer Kontraste, die sich in gewaltigen Reden entladen. – Kleist ist ihm hier wieder ganz nahe, der im »Käthchen«, im »Prinzen von Homburg« die Charaktere plötzlich enthüllt durch Situationen von unvergeßlicher Besonderheit. – Den stärksten geistigen Gehalt legt Grillparzer nicht in die Rhythmen, sondern in die Erfindung, die recht eigentlich für die Bühne ersonnen ist; in ihr läßt er dann die Figuren das Notwendige, Entscheidende sagen, oft sparsam und beinahe nüchtern. Nur manchmal, dann aber unwiderstehlich, trifft er die Seele mit einer sehr warmen vollen Rede, wie mit einem vollen Blick. Er läßt seine Figuren herankommen, zögert ihnen ihr Tiefstes heraus. Wie anders als Schiller, der sie in einem Feuersturm ihr Inneres auswerfen läßt, oder gar der vielen Geistes aber geringer Gestaltung mächtige Hebbel, der uns durch Luken und Fugen in sie hineinzuschauen zwingt, zudringlicher als wir uns wünschen und nicht beglückend.

Grillparzers Figuren ziehen uns leise aber unwiderstehlich in sich, und sie scheinen es nicht zu wollen – es ist, als wollten sie sich an uns vorüberdrücken. Wer denkt nicht, indem ich dieses ausspreche, an den armen Spielmann. Aber ist nicht die Esther genau so? Schon wollte der König an ihr vorüber. Da – an einem »fast nicht«, an einem »kaum noch« bleiben sie aneinander hängen, und das Schicksal knüpft sein Gewebe an. Bei Rudolf II. aber scheint es allen, als wollte die Welt über ihn hinweg: er aber weiß, sie kann nicht. So ist hier die Natur darin nachgeahmt, worin ihr nachzuahmen am schwersten ist: in ihrer Bescheidenheit.

Darin liegt des dramatischen Dichters hoher Rang mitbegründet, daß er schöne und besondere Bezüge herstelle zwischen seinen Gestalten. Wer vergißt je die hinreißende Musik der Freundschaft zwischen Hamlet und Horatio, zwischen Antonio und Bassanio, um aus Shakespeares Fülle nur eines zu nennen, das juwelenhaft hervorblickt; wie schön aber stehen Jugend und Alter zueinander im Küchenjungen Leon und dem weisen Bischof Gregor, wie schön steht nach wenigen Sekunden, aus völliger Fremdheit, Esther zum König Ahasver; edel und besonders stehen Kaiser Rudolf und der Herzog von Braunschweig gegeneinander, höchst geheimnisvoll und ungemein steht Rudolf zu Don Cäsar. Die schönsten Bezüge aber tun sich auf zwischen Mann und Weib, und so vielfältig, dabei aber doch gehalten und nie ans Äußerste, aller Maße Entratende gehend, wohin Kleist so schnell gelangt: Hero und Leander, Edrita und Leon, König Alfons und Rahel, Jason und Medea, Primislaus und Libussa – hier ist der volle ewige Strahl wie durch ein zauberisches Prisma in die wechselnden Farben auseinandergelegt! – und welche Situationen: die Liebenden, durchs Meer getrennt; die märchenhafte Brautwahl des Perserkönigs, die mythische Reise von Kolchis nach Korinth; welche Erfindungen, das, was zuletzt das Herz betreffen soll, zu allen Sinnen sprechen zu lassen, wie märchenbunt und tiefsinnig ausgesonnen in der »Libussa«, wie geistreich schnell und gefährlich sich verwickelnd in der »Jüdin von Toledo«, worin ich nicht der Spanier nur, auch Lessings Schüler, den einzigen des Lehrers würdigen, immer wieder erkenne. Die Stärke des Österreichers aber ist die dichterisch-theatralische Erfindung, aus immer neuen überraschenden Gliedern, wie ein reichströmendes Bühnenleben ihrer unzählige auf breitem Rücken dahinträgt, zum Teil uralter Überlieferung entnommenen, zum Teil mit frischem Griff dem Leben abgewonnen. Hier ist Grillparzer dem jungen Goethe nahe, dem unerschöpfliche theatralische Erfindungskraft, der Nähe eines lebendigen Theaters entbehrend, dann allmählich abgedorrt ist, bis er sie im zweiten »Faust«, als Phantasmagorie mehr denn als wirkliches Theater, noch einmal gewaltig hervortreten ließ. Aber gleichbürtig steht hier Raimund daneben, dem geistreiche, oft wahrhaft tiefsinnige Bezüge zwischen den Figuren, kühne und schlagende Gegensätze bezeugen, wie hoch er in Wahrheit als Theaterdichter zu stellen ist: wenn wir an das Gegeneinanderstehen von Flottwell und Valentin denken, von Rappelkopf und seinem gespenstischen Ebenbild, oder wie die Jugend und der alte Wurzel einander gegenübergebracht sind, oder in einem Stück die wüste Schenke des Harfenisten Nachtigall und in einem andern das »stille Haus« und der melodische Abschied, den seine Inwohner von ihm nehmen.

Da wir von Grillparzer hier als einem der großen Dichter der Nation reden, so wird die Frage sich auf die Lippen drängen, ob wir erhabene Züge aufweisen können in seiner Schöpfung – denn nicht ohne diese Merkzeichen darf das sein, was wir der Jugend als höchstes Beispiel hinstellen. Den Begriff des Erhabenen dürfen wir uns nicht verwirren dadurch, daß wir ihn nur gepaart mit dem Riesenhaften und Furchteinflößenden suchen. Das Furchtbare finden wir nicht in seinem Werk: keine Begegnung Hamlets mit dem Geist, auch nicht die ärgere mit der verderbten Mutter; nichts was sich neben Othellos und Jagos Zwiegespräche stellen ließe; auch nicht die Höllentöne aus dem »Don Juan«, noch die riesigen aus Beethovens letzten Werken. Aber er hatte ein großes Herz. Seine Gedichte sind von jener gehaltenen strengen Trauer, von der man gesagt hat, die Fähigkeit zu ihr sei der Maßstab für die Tiefe und Weite des Geistes. Er befreit sich in ihnen nur notdürftig von der furchtbaren Bedrängnis des Lebens, in den Gestalten erst, die ihm aus der Fingerspitze quollen, befreit er sich ganz: denn sie, wie um sich selber zu retten, gibt er dem vollen Druck des Lebens preis. Er gibt ihnen viel von sich selber mit. Fast alle sehen sie uns mit dem gleichen klaren Blick an, wie er selbst in den Gedichten, in der Beschreibung seines eigenen Lebens, in den Tagebüchern das Auge aufschlägt. Ihre Rede gleicht der seinen in diesem, daß sie wahrhaftig ist; seine Worte sind wahr, und das mehr, als bei Dichtern die Regel ist. Seine Klagen sind wahr, sein Nachdenken ist wahr – er dachte nur, wo es ihn zu denken trieb, er kannte keine Routine, auch nicht die des großen Talents, keine Aufreizung der eigenen Kräfte, wovon selbst Schiller nicht ganz frei geblieben ist. Solcher Art sind seine Figuren wahr in sich und auch wahr in ihrem Schicksal, wogegen einem Kleist es widerfährt, daß er die Verhältnisse gewaltsam fortzieht zu einer Handlung, mit deren Gedanken man sich bloß zu spielen erlaubt hätte. – Darum aber auch findet sich in Grillparzers Werken hie und da, und nicht selten, jener höchste Zug, den wir das Erhabene nennen müssen: der »unmittelbare Strahl, der aus dem Charakter schießt, das, was aus dem Tiefsten kommt und am weitesten reicht, jener Zug der letzten Aufrichtigkeit, worin die schicksalhafte Not einer reinen Seele offenbar wird«. Er besitzt – seltene Gabe! – er besitzt, was ihm zunächst. Ein fast erschreckend Naturnahes tritt manchmal hervor: so im vierten Aufzug der »Hero«, im ersten und zweiten der »Jüdin von Toledo«, auf vielen Seiten des »Armen Spielmanns«. Das gleiche überwältigt uns beim jungen Goethe, der »Urfaust« ist fast nur aus solchen Zügen geschaffen, beim mittleren Goethe dann tritt es zurück. Viel ist auch Bekenntnis in Grillparzers Werken, das sich nicht dem ersten Blick als solches preisgibt; geheimnisvoll und schön die Hindeutung auf sein eigenes Leben, auf das eigentliche Schicksal, nicht auf das, das Hinz und Kunz kennen und bereden: so, wie Libussa aus zaubervoller Einsamkeit ins Leben zweimal gezwungen wird, zuletzt als widerwillige und doch kundige Seherin. In Rudolf II. dann fließt alles zusammen: das besondere Schicksal und das Geschick des geschichtlichen Ganzen und der Dynastie, Herrschertum und geistiger Vorrang, Verantwortlichkeit und Unberührbarkeit. Der Gemütszustand dieser drei letzten Figuren – der Kaiser, der Spielmann, die Seherin – gehört zu denen, die sich nicht umschreiben lassen: denn es wohnt ihm das Schöpferische inne, das der Einordnungen spottet. Diese Figuren sind Heilige, Wissende und Liebende, nicht nach den Maßen des Alltags, noch nach den Maßen derer, die alles mit Worten wie mit Zahlen zu messen meinen, sondern nach den bleibenden Maßen der Dichter. Der Orden, den Rudolf seinem Freunde Braunschweig umhängt, ist der Orden derer, in deren Herzen der Geist Herrscher geworden ist. Es sind Gestalten ohnegleichen in der deutschen Literatur, und nicht nur in der deutschen. Sie scheinen weniger oder mehr gedichtet als fast alle großen erdichteten Gestalten, die wir kennen. Sie leben völlig für sich und doch scheinen sie nicht gänzlich abgetrennt von ihrem Schöpfer: er lebt und leidet noch im Geist mit ihnen, und darum bezaubern sie uns mit seiner ganzen Macht.

Was mußte er freilich an Redeschwall erdulden von den Zeitgenossen: seine Gedichte seien arm an Ideen und darum müsse er hinter einem Hebbel oder einem Gutzkow zurückstehen, die so viele Ideen und Probleme in ihre Werke versponnen hätten, geschweige denn wie weit hinter einem Schiller, der alle großen Ideen des Jahrhunderts dramatisch ausgesprochen. Freilich deuten die Zeitgenossen immer auf Probleme hin, überall sehen sie, nach Hegels Redeweise, Prozesse anhängig. Aber ihre Probleme waren sehr oft nur Täuschungen eines unreifen Verstandes, Gesichtsfehler, Hysterien, Unerfahrenheiten; er aber hat vieles zu Ende gelebt und durchschaut die Zustände wirklich. Wer nicht gestalten kann, schleppt den Prozeß der Begriffe von einer Instanz zur andern. In der Gestalt erst ist das Problem erledigt. In dieser Verkennung hat er einen Gefährten gehabt: den edlen Stifter, der mit seinen reinen Gestalten tiefere Fragen beantwortet, als jenen zu stellen in den Sinn gekommen wäre: denn um tief und bedeutend zu fragen, muß man auch anderswo stehen als im Vorhof, den der Lärm der Zeit erfüllt.

Unter Ideen aber, wenn man das Wort mit Ernst gebrauchen will, ist weit etwas anderes zu verstehen als der gemeine und gestaltlose Begriff, den die heutige Gemeinsprache damit verbindet, wo das edle Wort nichts anderes mehr besagt als die erbärmlichen sogenannten Zeitgedanken, die platten, von Myriaden Zungen abgeschliffenen Schlag-Stückworte, die wie Schmeißfliegen den Wanderer eine Strecke Wegs umschwirren und dann wieder plötzlich von ihm ablassen und auf Nimmerwiedersehen ins Gebüsch verschwinden. Was das Wort bedeute und welche Würde ihm innewohne, dahin gibt uns Schillers hohe Kunstsprache, wie er sie in seinen Ästhetischen Schriften anwendet, einen Fingerzeig, wo freilich der Gebrauch des Wortes kein scharf gesicherter und gegen das Wort »Ideal« die Grenze verschwimmend ist, wo aber durchaus der hohe antike Begriff noch fühlbar bleibt und das Grundwort eidos – Bild – durchschimmert. Im gleichen Sinn wird der Begriff, den Künstler mit dem Wort verbinden, uns faßlich, wenn wir lesen, wie Raffael an den Baldassar Castiglione schreibt: Da es in dieser Welt an schönen Frauen Mangel habe, so bediene er sich dafür einer gewissen Idee, die er in seinem Geist trage. Der Dichter denkt, indem er das Menschliche tief sieht. Darüber entsteht in ihm von den Grundverhältnissen des Daseins eine Idee, und mit solchen Ideen, die Gestalten sind, bringt er in das schwanke und wirre Weltwesen die herrliche Ordnung, die aus seinen Gedichten widerstrahlt. Nicht anders ist es zu verstehen, wenn im Prolog zu »Faust« der Herr seine Engel heißt, das, was in schwankender Erscheinung schwebt, mit dauernden Gedanken zu befestigen. An solchen, den einzigen dichterischen Ideen, sind Grillparzers Werke überaus reich. Wunderbar und vielfältig tritt uns die Idee der Verantwortung entgegen; rührend die Idee der Einsamkeit. Die Idee der Ehe durchstrahlt »Das Goldene Vlies« mit deutlichem Licht. Die Ideen der Tat und der Nicht-Tat treten im Traumstück einander gegenüber, in der »Libussa« die Ideen des Herrschertums und der Untertanenpflicht, in »Weh dem, der lügt« wird die Idee selbst in ihrer Reinheit und Unbedingtheit konfrontiert mit dem Weltwesen, das ihr keinen Platz verstatten will. Wir rühren vor dem Schluß dieser Rede noch an eines, wodurch die seltenste Meisterschaft sich bezeugt: daß jedes seiner Dramen, nicht dem Gegenstand nach, was ja selbstverständlich, sondern dem Stil nach ein Gebilde völlig für sich ist. Jedes, dränge man in der Betrachtung tief genug und dürfte sich in der Darlegung genug ausbreiten, erschiene innerhalb der dramatischen Gattung als die Vertretung einer Gattung für sich. Wir können aber hier nur auf das deutlich und schnell ins Auge Fallende flüchtig hinweisen.

Die »Ahnfrau« in ihrer Vermischung des Volkstümlichen, des Gespenster- und Räuberstückes mit der spanischen Trochäenform, die dem Stück das Atemlose, Fliegende und zugleich das Entfernte gab, machte ihn mit einem Schlag zum berühmten Dichter; nie wieder aber hat er auf die gleiche oder ähnliche Mischung der dichterischen Elemente zurückgegriffen. Das »Goldene Vlies« sodann knüpft wohl an Euripides und auch an Schillers Stil an, verbindet aber in einer ganz neuen Weise das Mythische mit einer Zergliederung der Seelen, die ganz der neueren Zeit angehört. Die »Hero«, tragische Idylle, steht ohnegleichen. Der »Traum ein Leben« ist das Zauberstück der Wiener Volksbühne, unerhört veredelt und vergeistigt, aber auch diese wunderbare Stilform, der der örtliche Genius zuzulächeln scheint, hat er nie wieder aufgenommen. »Weh dem, der lügt« – denn ich kann hier nicht alle seine Gedichte der Zeit nach aufzählen – ist das Seltenste vom Seltenen: reizendes idyllisches Gemälde ferner Vorzeit und zugleich hohes Lustspiel, von jener Gattung, welche die im Kunsturteil behutsamen und genauen Franzosen als »comique sérieux« bezeichnen; wovon dieses Stück neben der »Minna von Barnhelm« die beiden unvergänglichen Beispiele, allein für die ganze Gattung stehend, Ausbeute von anderthalb Jahrhunderten; der »Zerbrochene Krug« gehört nicht ganz auf die gleiche Linie. In den drei letzten Stücken aber ist auch in diesem Betracht wieder das Höchste erreicht, die ganze Kunstkraft eines langen Lebens geläutert und zusammengenommen: im »Bruderzwist« ist zum einzigen Mal – denn Schillers Tragödien sind, den »Wallenstein« ausgenommen, und auch den nur zur Hälfte ausgenommen, nicht historische Stücke im Sinn, den wir damit verbinden – unter besondersten Bedingungen das fast Unglaubliche gelungen: den historischen Gehalt einer vergangenen, im wesentlichen aber noch fortwirkenden Epoche ganz zu geben, und ihn in Gestalten zu geben.

Nur einem Österreicher vielleicht, und allein für das siebzehnte Jahrhundert, zwischen dem und uns noch geheime Fäden liefen bis auf den gestrigen Tag, konnte dies gelingen. In der »Jüdin von Toledo« dann ist ganz Neues erreicht: die Anekdote, das private Schicksal, das Novellenhafte, mit einer unvergleichlichen Beseelung und Gestaltung giltig hingestellt als Tragödie, der nichts Privates und Zufälliges anhaftet. In der »Libussa« endlich ist das Märchen mit nachdenklichem Sinn geformt, und mit Politischem so gut wie mit Allgemeinem, Ewigen verknüpft. Beide diese wunderbar angebahnten Pfade ist niemand nachgegangen.

In diesen Formungen liegen hohe dichterische Ideen, denen nachzudenken man reif sein muß. Solche Ideen zu haben ist die Sache des Starken; und hierin, in der Kraft, stelle ich ihn neben Lessing, der ein großer Gestalter war, wie in der einzelnen Rede so im Aufbau des Ganzen, und neben Kleist, derer beider Figuren noch heute lebendig auf uns einreden, unkränkbar durch die Zeit. Große Kraft war ihm selber innewohnend und allem, was er hinterlassen hat, eine Kraft strenger, in sich geschlossener Art, von solcher Art, wie uns ahnet, daß sie im menschlichen Gemüt die Trägerin des echten Glaubens und des echten Vollbringens ist. Solcher Beschaffenheit auch ist sein Ruhm, wie ja beim gleichen Wesen alles sich gleicht. Er war früh gewonnen und von ihm nicht hochgeschätzt. Dafür haucht, was jetzt davon da ist, das Aroma einer unverweslichen Kraft aus, unfühlbar freilich denen im ewigen Vorhof – aber wen es treibt, tiefer in Vergangen-Gegenwärtiges, das ist in das eigentliche Leben der Nation einzudringen, der ist diesen Krafthauch einzuatmen gezwungen und das Heiligtum der Nation ist von ihm erfüllt; denn es gibt ein solches, und da es nicht aus Steinen erbaut ist, so ist es unzerstörbar und jeder Kränkung entrückt. Grillparzers Ruhm ist seine Kraft; seine Kraft ist sein Ruhm, beide sind da, Glauben erzwingend und Leben spendend, nicht an jedem Kreuzweg, aber überall dort, wo wir ihrer bedürfen. Er ist von den wenigen, die in uns aufstehen, wenn wir uns zu einem höheren Begriff unseres Selbst erheben.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.