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Selbstbetrachtungen

Jakob Wassermann: Selbstbetrachtungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorJakob Wassermann
titleSelbstbetrachtungen
publisherS. Fischer
year1933
senderBernhard.Tempel@freenet.de
submitted20050521
created20050911
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Jakob Wassermann

Selbstbetrachtungen

Marta zugeeignet

Der Schriftsteller findet sich heute in einer ganz andern sozialen und seelischen Lage als noch vor dreißig Jahren. Als ich meine ersten Arbeiten veröffentlichte, war man als Literat eine Luxusfigur, und das war noch der beste Fall, im schlimmsten stand man auf einer heimlichen Ächtungsliste. Das Verhältnis des Bismarckschen Deutschland zu seinen geistigen Repräsentanten war von einem unbesieglichen Mißtrauen bestimmt. Ich las neulich in den Erinnerungen eines Zeit- und Altersgenossen das amüsante Wort eines gebildeten Hocharistokraten: ein Dichter, sagte er, ist für mich erst vorhanden, wenn er fünfzig Jahre tot ist. Bezeichnend für eine Epoche des Alexandrinismus, der die Überlieferungen des achtzehnten Jahrhunderts und die unausschöpfliche Goethesche Welt zum Bildungsfutter geworden war, mit deren geistigen Waffen sie einen geistigen Terror ausübte. Man mußte schon hochbejahrt sein und nirgends Anstoß erregt haben, um offizielle Geltung zu erlangen, die gesellschaftliche Zugehörigkeit wie in Frankreich, die politische wie in England, die volksmäßige wie in Rußland war ein belächelter Traum, man war immer außerhalb des lebendigen Bezirks, immer in einer Fluchtbewegung; wir jungen Leute fühlten uns damals durchaus als Zaungäste der bürgerlichen Gesellschaft und waren es auch; wir saßen gleichsam am Katzentisch, und mit nicht besonders festlichen Mienen, wie sich denken läßt, so daß die Herrschaften an der großen Tafel den Lakaien bisweilen einen Wink gaben, sie sollten aufpassen, damit nicht die silbernen Messer und Gabeln unversehens verschwänden. Jede Zeitwende bricht mit den abgelebten Traditionen; ein kranker Organismus erliegt entweder, weil seine erneuernden Kräfte verkümmern, oder er rettet sich durch eine katastrophale Revolte dieser Kräfte. Erst seit der Erschütterung des gesellschaftlichen, politischen und sozialen Gefüges ist in diesem Bezug die Wandlung eingetreten. Der Prozeß ist noch im Fluß.

 

Wenn ich hier vom Schriftsteller spreche, so meine ich den formenden, deutenden, gestaltenden, der die in die Menschengemüter eingebrochene Verwirrung und Ratlosigkeit durch Bild und Wegweisung aufhebt oder wenigstens aufzuheben trachtet. Damit ist schon sehr bestimmtes Wirkungsfeld umrissen und bei den Empfangenden auch eine bestimmte Erwartung vorausgesetzt, die sich mit den Anschauungen früherer Zeiten nicht mehr deckt. Die Grenzverschiebung hat nach einer Seite hin stattgefunden, wo vordem ein angenommener und etwas hochmütiger Begriff von Kunst herrschte, in den nach und nach das brutale Leben eingedrungen ist und die beamteten Parkhüter vertrieben hat. Als man noch auf einer akademischen Unterscheidung zwischen Dichter und Schriftsteller bestand, glaubte man an eine Art göttliche Weihe des einen, damit man den ändern desto bequemer unter die profanen Handwerker reihen konnte. In der antiken Welt gab es den Schriftsteller im heutigen Sinne nicht; wo nicht Berufung war, kam es gar nicht zum Beruf, einer war Seher oder Lehrer oder beides, der Dichter jedenfalls beides und noch etwas dazu, was ihn dem Halbgott näherte, nicht durch seinen Anspruch, sondern im Gefühl der Nation und von der Ferne der Betrachtung aus. Ich würde niemals wagen, mich Dichter zu nennen, es liegt etwas so Überhebliches darin, als wollte man sich selber einen Propheten heißen; ist doch die Kenntnis des Handwerks auch bei Zünftigen oft so gering, daß man sich des Handwerks als solchen rühmen darf, wenn man es auch nur zu einiger Vollkommenheit darin gebracht hat. Das Wort Schriftsteller ist freilich ein ledernes, fast ein gemeines Wort, ich weiß nicht, aus welcher gottverlassenen Gegend und Zeit es stammt. Und gar Romanschriftsteller, wie umständlich, wie lehrhaft, man begreift, daß sich die Deutschen so schwer daran gewöhnt haben, daß es dergleichen geben soll und einer damit etwas vorstellt. Als ich anfing, Romane zu schreiben, war es eine in jedem Betracht fragwürdige, in manchem sogar anrüchige Beschäftigung, man konnte auch nicht hoffen, seinen Unterhalt damit zu verdienen, trotzdem es die Zeit war, in der Europa vom Ruhm der Zola, Maupassant, Dickens und Tolstoi widerhallte. Aber das waren Ausländer; Ausländer sind von vornherein gefeit; der Deutsche traut dem Deutschen nur widerwillig eine Besonderheit zu; darin ist er dem Juden verwandt. Man hatte als Werdender wenig Stützpunkte und geringe Aussicht, einen Widerstand zu besiegen, der seine wirksamsten Argumente aus dem Argwohn gegen alles Schrifttum, alle höhere Literatur bezog. Aber was schwebte mir vor? Was war der Antrieb? Zunächst vielleicht nur die stimmungshafte Zusammenfassung von Erlebnissen. Dazu ein tief wurzelndes Verlangen nach Rechenschaftsablegung, das in der Umwelt die Figurationen suchte, mit deren Hilfe sich Wege zu einer geläuterten Existenz finden ließen. Als drittes und mächtigstes der elementare Hang zum Bild, das nicht bloß die aufgesammelten und wie in einem Brennpunkt vereinigten Erfahrungen des eignen Lebens, sondern die der menschlichen Gesellschaft überhaupt widerspiegeln sollte. Kein Programm, kaum eine klare Vorstellung, nur dumpfe Erfülltheit, die sich rhythmisch auswirkte und um den gemäßen Ausdruck rang, um die prä-existente Form, die nur sichtbar gemacht werden mußte. Das allerdings, die Sichtbarmachung, erfordert ein ganzes Leben, und immer, wenn man einen Zipfel des Geheimnisses gefaßt zu haben glaubt, wird es noch unergründlicher.

 

Form und Form ist aber zweierlei; es gibt eine zufällige, aktuelle, dem Gebrauch dienende, und die geborene, gewachsene, organische Form, individuell, einmalig und nie wiederkehrend. Die zunehmende Popularität des Romans hat diese Kategorien allmählich verwischt. Es ist kein Gericht mehr da, wenigstens kein anerkanntes, weil die alten Gesetze nicht mehr anwendbar sind. Alle versuchen alles, so entsteht ein Chaos, aus dem sich neue Gesetze möglicherweise bilden. Als Grad- und Wertmesser bleibt dann nur die Wirkung übrig, aber da unser Gedächtnis für Wirkungen unzuverlässig ist, werden auch die Maße unzuverlässig, und die Fähigkeit zu Vergleichung und Rangunterscheidung verkümmert nicht nur, sondern es tritt auch eine gewisse Ausleseträgheit ein, die sich dem Geschmack, dem Eindruck, dem Augenblicksbedürfnis unterwirft und auf Urteil und Wertesetzung im Sinne der Kategorien verzichtet. Ein davon abgetrenntes Urteil hat aber keine reine Beweiskraft. Trotzdem, und das ist das Überraschende, ist die Welt zu keiner Zeit so reich an Büchern gewesen, die unableugbare Wahrheitszeugnisse darstellen, Zeugnisse in einem Prozeß, der Tag für Tag vor den Augen der gesamten Menschheit verhandelt wird und in dem sie Ankläger, Angeklagter und Richter zugleich ist. Es ist als wären zahllose Zungen gelöst worden, die vorher stumm waren, als wäre die Binde von zahllosen Augen gefallen, die vorher blind waren. Die Frage: Kunst oder Nichtkunst stellt sich unter diesen Umständen nicht mehr, wenigstens im Vordergrund nicht, eine andere stellt sich, die der Not, sittlichen, seelischen, geistigen, physischen Not. Ich kann ohne Übertreibung behaupten, daß mir fast jede Woche einmal ein Buch unterkommt, das mir einen vorher noch nicht enthüllten Lebensausschnitt bietet, und mehr noch, mir die Wurzeln eines Geschehens bloßlegt, das ich vorher nicht hätte verstehen können, und mehr noch, mich moralisch mitverantwortlich macht für Zustände und Verbrechen, die das Gewissen des gesamten Volks, ja unseres ganzen Kulturkreises beunruhigen. Sie haben zwar nicht die Gewalt der großen Kunstwerke, viele haben mit Literatur kaum noch etwas zu schaffen, darauf kommt es bei der unüberhörbaren Stimme, mit der sie sich vernehmen lassen, nicht mehr an. Die vorhandenen Begriffsbestimmungen werden stets durch die Erscheinungen gezwungen, sich zu erweitern; und so sind diese Bücher Beiträge zur Zeitgeschichte, Dokumente, Manifeste, Bekenntnisse, Aktenstücke aus dem "großen Prozeß". Am deutlichsten erkennt man zum Beispiel am jüngsten amerikanischen Schrifttum die Entstehung neuer Anschauungen, neuer Traditionen und eines neuen Stils. Es ist riesiges Material für einen Zukunftsbau, fruchtbarer Humus für künftiges Wachstum. Wenn ich dreihundert Jahre alt würde, könnte ich mich allenfalls überzeugen, ob ich mit dieser Prognose recht habe. Aber wer zu hören und zu lesen versteht, gewinnt aus den fragmentarischen Darstellungen mehr Einblick und Aufschluß als durch jahrzehntelange soziale Studien.

 

Die Vielzahl der Erscheinungen bewirkt natürlich, daß das einzelne Gebilde losgelöst dasteht, nicht mehr als Glied in der Kette, unbezogen auf das Totale und hauptsächlich auf die Entwicklung seines Schöpfers. Das Gefühl der Folge geht verloren. Merkwürdig, daß das Wort Folge das Wort Erfolg aus sich herausgebildet hat, das dann zu seinem Vernichter geworden ist. Erfolg ist nicht bloß ein Endpunkt, sondern bedeutet die Überbelichtung einer Tat oder eines Ziels und die Verdunkelung der Wege und Stationen, die dazu geführt haben. Eine Quelle beständigen Leidens für den, der sich seines stufenmäßigen Ganges bewußt ist und dem jede Stufe einen wichtigen Teil des Weges bedeutet. Es nimmt dann alles einen so zufälligen Charakter an, als ob man selber nur ein Kind des vorübergehenden Tags wäre und hinter dem jeweils letzten Produkt sich ein Vakuum ausdehnte. Das Einzige, was Bindung und Zusammenhang schafft, ist zur Not der Name, jedoch der Glaube, der sich auf den bloßen Namen stützt, ist Aberglaube. Es ist ein ungesunder Zustand des Kreditwesens, auch im Geistigen, wenn man sich immer wieder dort legitimieren soll, wo man bereits unwiderlegliche Beweise für seine Identität geliefert hat. Die Notwendigkeit des Ichseins ist ohnehin eine fortwährende innere Belastung: eine Erkenntnis, die zu den wesentlichsten der neueren Psychologie gehört und in das ganze Problem von Individualismus und Kollektivismus schlägt. Sie ist bei mir sehr früh entstanden, schon im Caspar Hauser bricht sie durch. Sonderbar, daß man das eigene Ich nur durch den Namen gültig fortsetzen kann. Das geistige Gesicht hat eben vorläufig noch keine so unverkennbare Prägung wie das physische; in unserm Paß ist kein Platz vorgesehen für die Werke. Da keine Kontinuität der Wirkung besteht, hat der Schaffende das Gefühl, als verschlinge der Name sein Werk, und wenn man nachprüft, muß man zugeben, daß die größten Taten der Geschichte viel mehr an Namen geknüpft sind als an Inhalte, das heißt, die Namen werden zu starren Masken, hinter denen kein Leben mehr ist. Ich bin fast sicher, daß jeder Ruhm eine Art von Maske ist und sich von einem tiefen Mißverständnis nährt, mit dem sich die Menschheit über einen unlösbaren Konflikt hinweghilft, dem zwischen der augenscheinlichen Unwirksamkeit auf die Vermehrung der Glücksmöglichkeiten.

 

Die Frage ist oft gestellt worden, ob Ruhmsucht zu den ursprünglichen Trieben der menschlichen Natur gehört. Jedenfalls unterscheidet sie sich grundsätzlich vom bloßen Geltungsbedürfnis und dessen stärkster Form, dem Ehrgeiz, auch dem edelsten. Es ist ein metaphysischer Hang, der ihr zutiefst innewohnt, die Sehnsucht nach Fortdauer des Wesens unter Verzicht auf Fortdauer des Seins, die als unerfüllbar erkannt wird. Der erste Gedanke meines erwachenden Bewußtseins war Ruhm, er verdrängte in meinem Kindesalter alle ändern Begierden, und wenn Goethe sagt, was man in der Jugend sich wünscht, hat man im Alter die Fülle, so erweist sich gerade hier die abgründige Ironie, die in dem Satz steckt, denn Ruhm ist durchaus die Illusion der ändern und erhöht das Daseinsgefühl dessen, der ihn besitzt, immer nur um so viel, als er mit seelischer Mehrleistung bezahlt. Dieser innere Einsatzzwang beraubt ihn der Möglichkeit, einen Zustand zu genießen oder Vorteil aus ihm zu ziehen, der stets in Gefahr ist, sich selbst aufzuheben, weil er ja im reinen Sein keine Entsprechung hat. Selbst die berechtig tsten Unsterblichkeitshoffnungen scheitern, wenn wir sie an der Unendlichkeit der Zeit messen; darüber habe ich in früheren Jahren oft mit meinem verstorbenen Freund Arthur Schnitzler debattiert; als ich mich eines Tages wieder heftig ins Zeug legte, hielt er mir ungeduldig entgegen: was wollen Sie denn mit Ihrem bißchen Unsterblichkeit? Gut, ich gebe Ihnen hundert Jahre; und die anderen fünfmalhunderttausend? Das brachte mich natürlich zum Schweigen, aber wenn ich in einer schönen Nacht den Sternenhimmel betrachte, will es mir in meiner Torheit noch immer scheinen, daß er mir die Gewähr gibt für eine andere Verwirklichung als die mit der Vernunft umspannbare.

Ich sprach von Mißverständnis der Wirkungen, und nun stoße ich auf das Wort Verwirklichung. Wieder ein Beweis für den Tiefsinn der Sprache, daß sie Wirkung, Wirklichkeit und Verwirklichung vom selben Stamm ableitet. Ich bin in den letzten Jahren häufig in die Lage gekommen, das von mir Geschaffene auf seine Wirkung wie auf seine Verwirklichung hin zu prüfen. Die maßlose Zerrüttung unserer Welt, die sich bei unzähligen Einzelnen in einer bis zur Psychose gesteigerten Existenzangst äußert und eine bis in den Kern jeder Gemeinschaft dringende geistige und moralische Unsicherheit erzeugt hat, ja sogar im Begriff ist, die Fundamente der Persönlichkeit zu untergraben und damit die Idee des Menschentums und die des Gottestums zu stürzen, veranlaßt viele, sich in ihrer quälenden Bedrängnis an den Schriftsteller zu wenden, der sie bewegt hat, sei es durch Bild und Gleichnis, sei es durch das Spiel und die Führung exemplarischer Figuren innerhalb einer zusammenfassenden Fiktion. Ich will die Ursachen nicht untersuchen, nehmen wir die Tatsache als gegeben an. In der Vorzeit hätten sich dieselben Menschen vielleicht an den Priester gewendet, heute fühlen sie sich von der Religion ebenso im Stich gelassen wie von der Wissenschaft, nicht ohne Grund, und so rufen sie den auf, der ihnen noch am wenigsten belastet erscheint von öffentlichen Vorurteilen, der sichtlich nichts zu tun hat mit den Verschwörungen der Gruppen und der sie eine Sprache gelehrt hat, die in der Verständigung der Seelen besteht. Da kommen sie und erschließen sich und wollen Rat und Weisung und schreiben flehende Briefe und erwarten mit Zuversicht, daß der Mann, der in einer gedichteten Welt alle Folgerungen für gedichtete Wesen gezogen, dasselbe auch in der wirklichen Welt und für sie tun müsse, denn diese Folgerungen sind ja die Lösungen und Auflösungen des zugeborenen Schicksals, oder anders ausgedrückt: die Antwort der überpersönlichen Mächte auf das persönliche Handeln und Sein. Sie sagen zu dem Mann oder geben ihm zu verstehen: da du so genau Bescheid weißt um die Empfindungen und Kämpfe deiner imaginären Geschöpfe, an die wir glauben müssen, weil sie, obschon gesteigert und einseitig übertrieben, unsern eignen Empfindungen und Kämpfen ähnlich sind, so muß es dir ein leichtes sein, auch uns in unserer lebendigen Wirklichkeit beizustehen. Das will der Mann auch, er will es ganz entschieden, er gibt sich viele Mühe, den leidenschaftlichen Forderungen zu genügen, er weist keinen ab, entläßt keinen ungehört, er antwortet auf jeden Ruf und jeden Brief, trotzdem sich ihm manchmal das Wort auf die Lippen drängt, das eine seiner Figuren zu einem verzweifelt Ringenden spricht: Verzeihen Sie mir, ich bin ein ohnmächtiger Mensch. Aber das wäre die glatte Bankrotterklärung. Ein solches Wort wird ja nicht zum Selbstschutz gesagt und als Gebrauchsausrede zum Fenster hinausgesprochen, es ist ein Mittel, den trostlosen Zustand, den es veranschaulicht, zu überwinden, eine Art seelischer Heilversuch mit demselben Stoff, der die Krankheit erregt. Nun gut, aber die Schwierigkeit, vor die sich der Mann gestellt sieht, wird ja dadurch nur noch größer. Er hat natürlich längst erkannt, daß es sich hier nicht mehr um die Wirkung handelt, die von ihm und seinem Werk ausgeht (Werk gleich "Gewirktem"), sondern um weit mehr, um die Verwirklichung. Die läßt sich aber nicht durch Rede und Lehre erzielen, durch Beratung und Wohlmeinung, nicht einmal durch den Einfluß einer läuternden Aura, obwohl das ein Anfangsweg dazu ist, sondern sie geht auf ganz andere Weise vor sich, nämlich durch das Medium der Phantasie. Es ließe sich so sagen: das Phantasiegeschaffene kann nur durch die Phantasie verwirklicht werden. Die dichterische Welt ist eine Welt des Beispiels. Es gibt nur eine einzige Nutzanwendung aus ihr, und die heißt Verwandlung. Daraus erhellt die ungeheure Schwierigkeit des Mannes, der sich plötzlich in seinem Geschaffenen wie in einem entstellenden Spiegel erblickt. Soll er dem verzweifelten Menschen, der zu ihm flüchtet, sagen: verwandle dich? Das wäre so überheblich wie absurd, schon deswegen, weil er die von ihm errichtete Beispielswelt weder als maßgebend hinstellen noch ihre Kenntnis in ihrem ganzen Umfange beim ändern voraussetzen darf. Was bleibt ihm also übrig als ein Ungefähres, ein Annäherndes, ein Obenhin, um so mehr als er doch beständig die Erfahrung macht, daß auch alles Lesen ein Annäherndes und Obenhin ist, selten wahrhaftes Eindringen und Durchdringen. Im Grunde wird immer wieder von ihm gefordert, daß er seine Beispielswelt noch eigens ausdeute, und das mutet ihn so an, wie wenn eine Geliebte, der er jedes erdenkliche Liebesopfer gebracht hat, von ihm nur begehrt, daß er ihr den Begriff Liebe definieren soll. Worauf es bei der Verwirklichung ankommt, ist, daß auch das Empfangen zum schöpferischen Akt wird, genau wie das Geben. Im achtzehnten Jahrhundert entstand, als Niederschlag einer ausschließlich ästhetischen Theorie, der Satz, es sei der Zweck der Tragödie, die damals als Krone der Dichtkunst galt, Furcht und Mitleid zu erregen. Uns bedeutet die Tragödie als Schulform längst nicht mehr so viel, und das Diktum von Furcht und Mitleid erscheint uns sehr unbeträchtlich, sehr schwächlich im Hinblick auf eine Existenz, die ohne Unterlaß und bis in ihre verborgensten Verästelungen in Furcht und Mitleid bebt. Unsere Vorväter waren glücklichere Leute, da sie diesen Zustand als erhobensten ihres Daseins in den fünften Akt des Trauerspiels verlegten. Wonach uns verlangt, das ist die Erlösung davon, Erlösung von Furcht und Mitleid. Was nützt schließlich der Anspruch auf Verwirklichung? Wenn der Mann, der Schriftsteller, die Augen seiner jungen Freunde und Freundinnen auf sich ruhen fühlt und in all den Augen die bange Frage liest: was sollen wir also tun?, kann er zuletzt die entscheidende Antwort nicht geben, und es verbleibt doch wieder das schuldvolle Bewußtsein der eignen Unzulänglichkeit.

Die Hauptursache des schmerzlichen Mißverständnisses, dem er so häufig begegnet, liegt freilich in der Gestalt, jener individuell und überindividuell begrenzten Figur oder Person, die er zum Träger eines bestimmten Weltgefühls, eines bestimmten Schicksals und Charakters macht. Alle Gestaltung ist doppelbödig, zweideutig, hinterhältig, und das schon dadurch, daß sie, zum Unterschied von der Fläche, die Dimension der Tiefe besitzt. Die Gestalt sagt immer noch etwas Geheimes aus, neben dem, was sie wirklich aussagt, und je mehr Geheimnis in ihr steckt, sei es durch Beziehung, sei es durch anscheinend einander widersprechende Eigenschaften, je mehr verkörpert sie sich mittels eines Phantasiereizes, den sie auf den Beschauer oder Leser ausübt. Sie ist die Synthese aller realen Möglichkeiten eines Charakters; die Summe dieser Möglichkeiten muß eine Seinswahrheit ergeben und in einer Vision gipfeln. Das Wort Gestalt erweckt auch die Vorstellung von Dichtigkeit, darum ist das deutsche Wort Dichtung so sinnlich und sinnvoll. Ich möchte das tückisch Verschichtete des Gestaltwesens an einem Beispiel darlegen, das ich am eignen Leib und Geist erlebt habe. Es handelt sich um den Betrug oder Verrat, den Etzel Andergast an seinem vergötterten Meister Kerkhoven begeht, indem er dessen Frau zu seiner Geliebten macht. Das enttäuschte viele, es verdroß, ja empörte sie; sie leugneten nicht bloß das Typische des Falles, der einen Generationsgegensatz in äußerster Zuspitzung enthält, verkannten nicht nur die Ausmaße einer elementaren Leidenschaft, sondern sprachen auch von Entartung im Hinblick auf die Figur und von billiger Romantik in bezug auf ihren Urheber. Solchen Beschuldigungen läßt sich schwer etwas entgegenhalten, zumal wenn die Veranlassung dazu auf einer zwingenden Eingebung beruht; wie soll ich es anders als durch die Gestalt und ihr Tun bewerkstelligen, daß was mich bezwungen hatte auch die Leser bezwingt? Entweder drückt sie etwas aus, was bis zu ihrer Erscheinung stumm in den Seelen geruht hat und nun ans Bewußtsein emporsteigt, ein Symbol, dann wird es sich gegen alle Zweifel durchsetzen, oder sie ist Hirngespinst, "Erfindung", Mache, dann kann sie ohnehin nichts vor dem Untergang und der baldigen Vergessenheit schützen. Was ist nun das Symbolische an Etzels "Verrat"? Zunächst dies, scheint mir, daß er die Frucht eines umgekehrten Idealismus ist, und zwar eines aufs äußerste, bis zur Grausamkeit und Selbstaufhebung gesteigerten. Er wird begangen aus dem unbewußten Trieb, sich mit dem geliebten Meister in jedem Sinn zu vernämlichen, und das geht unheimlicherweise so weit, daß er sich des einzigen Wesens glaubt bemächtigen zu müssen, das diesem lebensnotwendig ist. Hier sind Geheimnisse, die, weil sie kaum ausgesprochen werden können, sich ins Bild flüchten mußten, in die Szene, und denen nur ein erotischer Vorgang von allerallgemeinster, allermenschlichster Art die unerläßliche Verhüllung einerseits, die pragmatische Klarheit andererseits zu verleihen vermochte. Es ist einer jener Gipfelkonflikte, wo der Schriftsteller, nachdem er die Lebensvoraussetzungen dazu gegeben hat, alles der verwirklichenden Phantasie des Lesers überlassen muß, da ja alles Gedichtete letztlich sprachlos ist. Von einem Verrat im landläufigen Sinn kann gar nicht die Rede sein. Dies ist das Schicksal, das ihn treffen muß, das seiner ganzen Anlage nach auf ihn wartet, von der ersten Begegnung mit Kerkhoven an. Es ist schlechtweg der Sinn dieser Begegnung, denn dabei geht es um das Innerste des Menschen, um die Seele und die Seligkeit. Ehebruch, Lüge, Betrug, das sind sozusagen nur die trivialen Nebenprodukte dieses in verdünnter Luft und in einer gesteigerten Wirklichkeit sich abspielenden Kampfes. Erst in dem Augenblick, wo er sich in seinen übermäßig gespannten Erwartungen in bezug auf die Person Kerkhovens enttäuscht sieht, wo das Bild des bewunderten Menschen sich trübt und Kerkhoven im entscheidenden Lebensmoment nach seiner Meinung versagt, das heißt nicht der Seher ist, nicht der gottähnliche Weise, als den sich zu bewähren er ihn mit seiner zwanzigjährigen Hybris herausfordert, erst da ist das Unglück geschehen, erst da erfolgt der sittliche Zusammenbruch, erst da überläßt er sich seiner Leidenschaft, um sich bewußt in ihr zu zerstören. Man darf eines nicht vergessen: der Trieb, sich mit dem Vorbild zu i ndentifizieren, indem man die höchste Bewährung von ihm verlangt, die in einer märchenhaften Täuschung als Selbstbewährung erscheint, dieser Trieb meldet sich schon im Kind und erwächst dann zum geistig entscheidenden Jugenderlebnis. Das alles steckt in der Figur, hätte ich es mit dürren Worten sagen wollen, so wäre mir das nicht weiter schwer gefallen, aber die Phantasiewirkung wäre verlorengegangen, denn mit der gegebenen Erklärung ist alles zu Ende, muß man sie selbst erringen, so werden Seele und Geist zum Mitschaffen verpflichtet. Auch im täglichen Leben gibt uns ja jeder Mensch ein Rätsel auf, das wir im Zusammenhang seines Handelns und in der Vergleichung mit ändern Menschen zu lösen haben.

 

Selbstbetrachtung: Man steht vor einem Spiegel, und ein fremder Mensch schaut einen an. Er sagt: erkennst du dich denn? schließlich träumst du dich ja nur. Jeder Versuch, sich selbst zu sehen, scheitert an der Unabänderlichkeit des Ichseins, und jeder Versuch, sich selbst zu erkennen, an der Ungewißheit des Selbstseins. So wird auch das Dasein des ändern Menschen zu einer Ausstrahlung des ichgebundenen Wesens, eine Schlußfolgerung, in der die ganze Fragwürdigkeit und Gefährlichkeit unseres heutigen Weltzustandes enthalten ist, denn noch niemals ist der Mensch dem Menschen zugleich so nah und so fern gewesen. Bei diesem Problem hätte die eigentliche Selbsterforschung erst zu beginnen, aber eine solche Aufgabe kann ich nicht philosophisch und analytisch, sondern nur in der Art meiner Natur bewältigen, eben in Bild und Gestalt. Der Weg ist schwer genug. Er verlangt Opfer um Opfer, von denen Einsamkeit, Vereinsamung und unablässiger strenger Dienst noch die geringsten sind. Davon darf aber kein Aufhebens gemacht werden, auch von Lohn darf nicht gesprochen werden. Ruhm ist wie gesagt eine Selbsttäuschung des jugendlichen Geistes, eine edle und hilfreiche, ein Traum, man erfährt es erst spät, dessen wahrer Gehalt nicht in dem kindlichen Unsterblichkeitsverlangen liegt; dieses ist nur die Verkleidung für das Verlangen nach Liebe.

 

Um die Zeit, als ich München verließ und mein Domizil in Wien aufschlug, vor fünfunddreißig Jahren, erwachte eine neue Vorstellung vom Wesen der Kunst in mir, das heißt, ich begann an der Richtigkeit meiner bisherigen Arbeitsweise zu zweifeln und suchte in den Meisterwerken der Weltliteratur nach Gesetzen, die das Geschaffene oder zu Schaffende aus dem engen Bezirk des Stimmungshaften, Persönlichen und persönlich Erlebten heraushoben und ihm eine gewisse Dauerhaftigkeit und Allgemeingültigkeit verleihen sollten. Meine ersten Produkte hafteten ganz und gar an Gesehenem und Empfundenem (mit Ausnahme des Vorspiels zu den "Juden von Zirndorf", das einem visionären Rausch seine Entstehung verdankt), nicht an Beobachtetem, ein eigentlicher Beobachter war ich nie, dazu fehlte mir zwar nicht das Auge, aber die spezifische Form des Gedächtnisses, es blieb immer nur ein Eindruck, und ich war darauf angewiesen, daß der Eindruck oder eine Summe von Eindrücken zum Bild wurde. Ich erinnere mich, wie befremdend, ja fast erschreckend es auf mich wirkte, als Frank Wedekind einmal, während wir unter den Arkaden im Münchener Hofgarten saßen, mich aus dem Gang, der Fußstellung, der Hüftenbewegung vorübergehender Frauen und Mädchen über Charakter, Temperament und soziale Position jeder einzelnen belehrte. Das erschien mir als schiere Spiegelfechterei, erst später überzeugte ich mich, daß dem wirkliche "Beobachtungen" zugrunde lagen. Trotzdem bin ich mein Mißtrauen gegen bloße Beobachter nie ganz losgeworden; es sind meist Leute, die wohl zu sehen, aber nicht zu schauen fähig sind. Ich beobachte mich auch selbst nicht, das ist mir nicht gegeben, ich erfahre mich nur. Freilich, wenn ein großer Dichter zugleich ein großer Beobachter ist, kommen so erstaunliche Gebilde wie "Krieg und Frieden" zustande.

In meinen früheren Arbeiten herrschte in bezug auf das Handwerk völlige Unschuld, der Trieb, der sie hervorbrachte, war durchaus primitiv. Mit diesem Trieb bin ich geboren; es gibt Familienüberlieferungen aus meiner Kindheit, die schon den Siebenjährigen als einen sehr zu beargwöhnenden Geschichtenfabrikanten schildern. Ist es ein Urtrieb? einer, der in der Menschheit so tief wurzelt wie das Kriegführen oder das Seefahren? Vermutlich. Ich habe im "Junker Ernst" ein Bild des Seelenzustandes zu geben versucht, der eine solche Neigung im jugendlichen Menschen erzeugt und nährt. Man kann nur nicht viel darüber sagen, das Elementare ist schließlich unerklärbar.

 

Die Veränderung der Welt gab mir, wie erwähnt, neue Ausblicke und riß mich aus der Dämmerung eines rein instinktiven Hervorbringens, in dem ich die Gefahr der Zuchtlosigkeit erkannt hatte. Mit fünfundzwanzig Jahren genießt man noch alle Vorteile der Natur und der natürlichen Gaben; läßt man sich darin treiben und stützt sich zu sorglos auf diese Mitgift, so ist Selbstausbeutung und ein tödlicher Manierismus die unausbleibliche Folge. Wenige sind mit einer solchen Fülle des Lebens begnadet und stehen auf einer so breiten Realität (gleichsam auf jungfräulichem Boden der Kunst) wie die großen Russen, daß sie sich nur des unerschöpflichen Vorrats zu bedienen brauchen und gewissermaßen immer an der Quelle des Mythos sitzen. Wir westlichen Menschen mit den tausendjährigen Traditionen und der vielfach vorgebildeten Gestalt sind auf eine bestimmte Zucht angewiesen, eine bestimmte Ökonomie und vor allem auf ein sehr genaues Wissen um das bereits Vorhandene, zum allgemeinen Phantasiegut Gewordene, wenn das, was man Talent oder Genie heißt, nicht rasch und fruchtlos aufgezehrt werden soll. Man muß sich entscheiden, und meist in einem sehr frühen Zeitpunkt. Das Problem, das sich dabei stellt, ist immer das nämliche: bis zu welchem Grad der Intensität und der Erneuerung die äußere Welt, ihr gesamtes Erfahrungs- und Erlebnismaterial, der inneren Welt zugeführt und in ihr derart umgeschmolzen werden kann, daß die hieraus entstehenden konstruktiven und phantasiemäßigen Verkürzungen auf einer höheren Ebene zusammenfassen, was jene Unmittelbaren, die an den Quellen wohnen und noch über den unverbrauchten Reichtum eines ganzen Volkes verfügen, aus erster Hand besitzen. Darin liegt das eigentliche Problem der Form, das Problem des Künstlers schlechthin, und dieser enthüllt sich damit als spätgeborene Erscheinung. Ist es also so, daß man eines Tages nur die Wahl hat, entweder zum "Künstler" zu werden oder als Routinier, Selbstausbeuter und geistiger Selbsttöter zu enden? Ein drittes gibt es offenbar nicht, besonders in Deutschland nicht, wo das hilfreiche Medium einer Gesellschaft fehlt und der Schriftsteller nicht von einer nationalen Einheit getragen wird.

 

Ich bin als junger Mensch ein unermüdlicher Wanderer gewesen, beständig war ich unterwegs, schon im ersten Frühjahr meines Aufenthaltes in Österreich unternahm ich wochenlange Expeditionen, bei denen ich oft zehn Stunden täglich marschierte, denn zu Eisenbahnfahrten hatte ich zu wenig Geld. So lernte ich die Landschaft vom Böhmer Wald bis in den Karst und vom Marchfeld bis in die Dolomiten gründlich kennen, ich wurde auch zum passionierten Bergsteiger, und bereits um die Wende des Jahrhunderts setzte ich mich für den größten Teil des Jahres in dem weststeirischen Tal fest, wo ich jetzt ständig lebe. Es ist für mich die schönste Landschaft der Welt, die reichste, beseelteste, harmonischste. Im "Goldenen Spiegel" und im zweiten Teil von "Ulrike Woytich" ist sie der Schauplatz charakteristischer Begebnisse, eine Anzahl Studien, in denen ich versucht habe, ihren besonderen Geist und die besondere Art ihrer Menschen darzustellen, liegt noch in meiner Mappe, aber ich glaube nicht, daß die Landschaft, in der er lebt, den gestaltenden Schriftsteller zur Formung auffordern und reizen soll, sie mit seinen Geschöpfen zu bevölkern, wenn er nicht gerade ein Jeremias Gotthelf, ein Stifter oder ein Hamsun, also nicht nur als Individuum, sondern im Generationsschicksal in ihr verwurzelt ist. Als mithandelndes Element und sozusagen freistehendes Bild habe ich die Landschaft nur in meinen frühesten Erzählungen aufgenommen und wo sie mir, als heimatliche Erde, seelisch zugehörig war. Im Verlauf der fortschreitenden Erkenntnis der Phantasiewirkungen habe ich mehr und mehr getrachtet, das Gegenständliche der äußern Welt ins Rhythmische zu übersetzen und in die Charaktere zu verlegen, ein der dramatischen Form verwandtes Prinzip, das ich als Raum-Abbreviatur bezeichnen möchte, von dem ich aber natürlich nicht sagen kann, ob es auf andre Arbeitsmethoden anwendbar ist als auf meine. Bestimmend ist dabei ein Gesetz der Linienführung, das nicht minder gebieterisch ist als etwa das der Atemführung. Vieles was dem Außenstehenden als Absicht, als Kunstgriff oder als Unvermögen erscheint, ist nichts weiter als die Auswirkung der organischen Beschaffenheit, die sich in zwangsläufigen Überlegungen niederschlägt und infolgedessen oft wie eine Hilfskonstruktion aussieht.

Dabei bin ich vom Wesentlichen abgekommen, vom Einfluß nämlich, den die österreichische Landschaft auf meine Entwicklung gehabt hat. Ich kann ihn gar nicht hoch genug anschlagen, obgleich ich ihn im einzelnen nicht nachzuweisen vermöchte, denn damit ist ja nicht gedient, wenn ich sage, daß es ein im Widerspiel zu meiner ursprünglichen Anlage beruhigendes Element war, ein antichaotisches, zur Anschauung zwingendes, und dem Grenzenlosen, dem der in der Ebene geborene Mensch so leicht verfällt, entgegenwirkendes. Dies ist freilich ein Punkt, wo die Worte eine gefährliche Unbestimmtheit annehmen, man muß sich hüten, in sich und seinen Weg etwas hineinzugeheimnissen, was man gern drin sehen will, indessen scheint es mir doch ziemlich sicher, daß mein guter Genius mich richtig geführt hat, als er den Verworrenen, Maßlosen, Ungebundenen in diese gegliederte, melodisierte Welt versetzte. So hatte ich auch das Glück, ihrer edelsten Inkarnation zu begegnen; die langjährige Freundschaft mit Hofmannsthal war die Sinngebung der Überpflanzung, die das Schicksal mit mir vornahm. Ich habe in einer besondern Schrift dargelegt, von welcher entscheidenden Bedeutung der Umgang mit diesem einzigartigen Menschen war, dessen Geist, man erkennt es erst jetzt, weit über seiner Zeit, ja über dem Jahrhundert stand. Der Satz am Eingang des zweiten Teils von Etzel Andergast: "Eines der Grundgesetze, denen die Existenzen unterworfen sind, ist das der Begegnung", ist ein durch vielfache Erfahrung erhärteter Satz; es ist mir unvergeßlich, es war im Sommer 1898, ich hatte ein Jahr vorher "Die Juden von Zirndorf" veröffentlicht, wie Hofmannsthal eines Abends, in einer Gesellschaft von Freunden, auf mich zutrat, um mir zu sagen, welchen Eindruck das Buch auf ihn gemacht habe. Und zwar ohne Floskel; die Sicherheit seiner Formulierung erstaunte mich über die Maßen, ich hatte dergleichen nie gehört, einesteils war es so, daß ich mir wie in einen mächtigen geheimen Orden aufgenommen vorkam, denn zum ersten Male verspürte ich in Dingen der Kunst einen Aristokratismus, eine Souveränität, die mich, dem auf so noble und leichte Weise die Zugehörigkeit versichert wurde, mit Stolz erfüllten, andernteils wurde mir bewußt, daß es sich hier um eine auf profundes Wissen gegründete Disziplin handelte und daß die Form kein Professorenbegriff war, wie mich die Epoche naturalistischer Lebenswiedergabe glauben gemacht, sondern das sine quod non aller wahrhaften Gestalt und Gestaltung, vor allem, daß ich ihrer an diesem Punkt meines Werdens dringend bedurfte, um mich, nach der Verschwendung der ersten Fülle, vor der Gefahr der Selbstaufzehrung zu bewahren, einer Gefahr, die dem Genieblick des Freundes, seiner die Zeit- und Menschenalter umspannenden Weisheit nicht verborgen bleiben konnte.

 

Diese Erkenntnis, die sowohl Hemmung wie Antrieb enthielt, äußerte sich gegenüber dem ersten breiteren Erfolg, der mir zuteil wurde (es war die Geschichte der jungen Renate Fuchs, erschienen im Herbst 1900), als eine Art Angst. Ich begriff bald, daß auf diesem Weg kein Weiterkommen war, das Publikum erwartet Wiederholung, in der Erwartung liegt für den Autor ein moralischer Druck, und die geringste Nachgiebigkeit wird ihm zum Verhängnis. Nicht in der Aussicht auf eine sorgenfreie Existenz besteht die eigentliche Verführung, wenigstens bei mir war es nicht der Fall, es findet da eine viel raffiniertere Captatio statt, als ob man Anhänger, die man eben erst von seiner Mission überzeugt hat, um keinen Preis enttäuschen und im Stich lassen dürfe, wobei die Anonymität der Anhängerschaft das Gewicht der eingebildeten Forderung eher verstärkt als abschwächt. Es geht von den Anonymen, es geht von der Wirkung des Buches überhaupt eine Art Befehlsgewalt auf den Autor zurück, der er nur durch den Einsatz einer Persönlichkeit widerstehen kann, die sich immer wieder stärker zu erweisen hat als die Werbekraft des jeweils geschaffenen Werkes. Schon aus diesem Grund wird die Bildung des eigenen Charakters zur gebieterischen Pflicht und einem Teil der Lebensarbeit; da rächt sich jedes Versäumnis: der Geist wird zum Sklaven der Gelegenheit, und das Werk haucht allmählich seine Seele aus.

Mein Ziel stand mir ziemlich klar vor Augen, die technischen und geistigen Hilfsmittel, die sich mir boten, waren beschränkt. Was läßt sich an den Vorbildern lernen? Je höher sie stehen, je unnachahmlicher werden sie. Das Große, das Unnachahmliche an ihnen ist stets, und darin unterscheidet sich die literarische ganz wesentlich von der bildenden Kunst, ihre besondere, einmalige Welthaltung, der gegenüber das Handwerkliche zweiten Ranges ist. Ich zimmerte mir Theorien und gab mir Gesetze, prüfte jede Wirkung, untersuchte das Wesen der Figur, der Darstellung, der Fabel, des Aufbaus, des Dialogs, um schließlich zu finden, daß ich erst mich selber zu entdecken und aufzubauen habe und damit auch jenes Stück der inneren und der äußeren Welt, deren Gestaltungswert und Unverwechselbarkeit sich erst ergeben mußte und die allein mich in den Stand setzen konnte, etwas zu "schaffen". Ein schwieriger, ein äußerst langsamer Prozeß. Er fordert eine niemals erlahmende Geduld und Wachsamkeit; dazu kann man sich erziehen; er verlangt auch ein Spannungsverhältnis zur Umwelt, das aufsammelnd und zusammenfassend wirkt und von einer ebenso zerstörerischen wie ihrem Wesen nach unergründlichen Leidenschaft erhalten wird; dies ist Anlage und liegt im Blut. Das Merkwürdige ist, daß der eingeschlagene falsche Weg sofort ins Bodenlose und in die Verzweiflung führt, während der richtige automatisch Bezirk um Bezirk aufschließt und bei jedem Schritt die Vision bestätigt, die einen wie unter okkultem Zwang zu ihr hingeleitet hat.

 

Ich bin von Natur wahrscheinlich ein träger Mensch. Vor jeder Arbeitsstunde befällt mich eine dumpfe Beklemmung, ja eine Art Lampenfieber, und in früheren Jahren, als ich in Städten wohnte und mich nur in der Nacht sammeln konnte, erfand ich mir alle möglichen Ausflüchte und Abhaltungen, bevor ich endlich zur Feder griff. Darüber wurde es oft zwei, drei Uhr morgens. Der Fleiß, der schon damals zu den Hauptmerkmalen meiner Lebensführung gehörte und den vernünftig zu regeln mir ein eingeborener Ordnungs- und Programmtrieb half, dünkt mich bisweilen wie eine mysteriöse Krankheit oder geistige Anomalie, über die nachzudenken ich mir jedoch nie gestattet habe, da man nicht das Fundament in die Luft sprengen darf, das einen trägt. In den Jahren 1901 bis 1905 habe ich vielleicht das Zehnfache dessen geschrieben, was ich veröffentlicht habe. Unablässiges Versuchen und Experimentieren; eingehende historische Studien, um zu einem unanfechtbaren Begriff des Pragmatischen zu gelangen und die unzureichende Kenntnis der Welt zunächst von der Vergangenheit, also vom sichergestellten Material aus, zu beheben. Unter den zahllosen Entwürfen, halb- und ganzvollendeten Erzählungen befindet sich auch ein ausgewachsener Roman, Darstellung meiner Kindheits- und Jünglingserlebnisse, durch den erfundenen Namen des Helden nur wenig verhüllt und distanziert. Verfrühtes Mittel, zu einer objektiven Gestaltung zu gelangen und das beim jugendlichen Schriftsteller so störende Ich aus der dichterischen Welt auszuschalten. Es sollte mich entlasten, im Sinn der Phantasiefreiheit entselbsten, aber mein Freund Moritz Heimann, den ich, im Innersten unsicher, um sein Urteil bat, durchschaute das Zweckwidrige, ja Selbstbetrügerische dieses Tuns; mit seinen unbestechlichen Augen erkannte er, daß ich mir eine Brücke gebaut hatte, statt eine abzubrechen, und eine Eselsbrücke noch dazu; in einem Brief, den ich wie eine Reliquie aufbewahre, machte er mich neben allem andern darauf aufmerksam, daß ich mich gewissermaßen des eisernen Bestandes beraube, vom Baum die ungereifte Frucht pflücke. Trotzdem erschrak er, als ich daraufhin das Manuskript von der Druckerei zurückforderte, und wollte die Verantwortung für diesen Schritt, die ich ihm gar nicht zugemutet hatte, nicht übernehmen. Monatelang wußte ich dann nicht aus und ein und wurde an allem irre. Was ist schließlich viel erklärt, wenn ich sage, daß dieser aufreibende Kampf lediglich ein Kampf um die Form war? Es ist ein allzu weitschichtiger Begriff, und ich sehe nicht, wie ich ihn umgrenzen soll. Nenn ich es Schale für den gärenden Inhalt, den feuerflüssigen Stoff? Umriß für die zu Schatten verfließenden Gestalten? Nicht darum allein handelt es sich. Das zentrale Problem lag und liegt im Erreichen der Glaubhaftigkeit oder Glaubwürdigkeit und in der größtmöglichen Wirklichkeitsannäherung bei gleichzeitiger, dem Symbol Raum gebender Wirklichkeitsferne. Schwierigeres läßt sich nicht erdenken. In einer Zeit, die für wissend ausgeübte Kunst weder Sinn noch Neigung mehr hat, die ihr schuldvolles Antlitz mit heuchlerischer Verachtung von den ewigen Gesetzen abwendet, weil ihre trübe Gleichgültigkeit ihr als ein Schutz erscheint gegen die Last der Scham, die sie sich sonst aufbürden müßte, darf man kaum wagen, von solchem Gegenstand zu sprechen; ich tue es auch nur mit allem gebührenden Vorbehalt und schreibe meine Gedanken für mich selbst nieder und für ein halb Dutzend verborgene Leute, denen der barbarische Schrei des Augenblicks noch nicht das Hirn verödet und das Herz vereist hat.

Zeitroman, Zeitgemälde, das sind lauter Falschmeldungen und Fehlbezeichnungen, sie waren es für mich damals schon. Wozu es mich von Anfang an trieb, war allerdings das Gegenwartsbild, Spiegelung der mich umgebenden Welt; der Romancier ohne solche Heutigkeit war für mich ein Unding, ein Petrefakt. Aber die Heutigkeit mußte eben zum "Bild" erhöht sein, sie mußte noch eine andre Gewähr in sich tragen als die an den Tag und die Zeit gebundene. Ich stellte mir eine Synthese von Gedicht und Historie vor, von Chronik und Drama, von Begebenheit und Vision. Daß es hiezu nicht nur des entschlossenen Zielwillens, sondern auch einer jahrzehntelangen menschlichen Erfahrung bedurfte, darüber war ich nicht im Zweifel und betrachtete daher alles, was ich zwischen 1904 und 1920 schrieb, also bis gegen mein fünfzigstes Jahr, als Vorarbeit, den Alexanderroman, zu dem mich die geschichtlichen Studien allein vier Jahre kosteten, die "Schwestern", den "Caspar Hauser", die Novellen des goldenen Spiegels, den "Erwin Reiner", das "Gänsemännchen", den "Wahnschaffe", alles, alles. Daß darin der naive Anspruch steckte, der liebe Gott würde mich bei voller Schaffenskraft achtzig Jahre alt werden lassen, sei lediglich als psychologischesKuriosum am Rande vermerkt. Ich wußte nur so viel und wurde nicht müde, es mir vorzuhalten: die Klippe, an der ich stets würde scheitern müssen, war der Vorgang, die äußere Bewegung, kurzum die sogenannte Handlung. Nicht weil mir das Erfinden besonders schwer gefallen wäre, eher im Gegenteil, weil es mir nicht schwer genug fiel und weil mir das Vertrauen zu ihrer Bedeutsamkeit und charaktergebenden Kraft fehlte. Eine Handlung erfinden, das ist als wolle man die Welt,erfinden, da gerät man in die glühende Nähe des Schicksals, und was das Schicksal sich mit den Menschen erlaubt, darf der Dichter mit seinen Figuren doch nicht wagen, denn ehe er zur Wahrheit dringt, hat er sich mit der Wahrscheinlichkeit zu raufen; jene ist eine Seins-, diese eine Denkkategorie. Ich mußte also trachten, das schicksalsmäßige, das legitime Geschehen, das im weitesten Sinn Anekdotische sicherzustellen, da mir das bloß Entwicklungshafte einer bestimmten Figur in seiner linearen Unabsehbarkeit von Grund aus widerstrebte; ich konnte mich nur im Sphärischen entfalten. Zunächst mußte ich eine unangreifbare Wirklichkeit vor mir haben, eine bereits gegebene Tatsachenwirklichkeit, die als Gerüst dienen konnte, die war dann in der Anschauung zu verwandeln. So kam ich zu den historischen Erzählungen und weiterhin zu "Caspar Hauser", wo mir ein heimatlicher Mythos den Stützpunkt und das Motto von der Trägheit des Herzens die Möglichkeit der geistigen Uberwölbung und Zusammenfassung bot; so bildete die Beziehung Lovelace-Clarissa als vorhandene epische Legende und bereits typisch gewordenes Motiv den Kanevas zur Erwin Heiner-Handlung; so gab die Doppelehe Gottfried August Bürgers die Unterlage für die erotische Verstrickung Daniel Nothaffts im "Gänsemännchen"; so waren die Briefe van Goghs der erste Anstoß zum "Christian Wahnschaffe"; so wurde der Hauprozeß, der mich zwanzig Jahre lang beschäftigte, Keimzelle zum "Fall Maurizius". Keimzelle, nicht mehr. Denn es sind unendliche Metamorphosen, durch die das Urbild gegangen ist, so daß das zuletzt Entstandene nur noch mit ihm gemein hat, was der Erzblock, mit der fertigen Statue. Ich habe nie verstanden und werde es nie verstehen, warum man in unserer Öffentlichkeit immer mit einem Augurenzwinkern, ja mit einer Art verhehlter Abschätzigkeit auf derlei Zusammenhänge hinweist, als hätte sich der Romanschreiber durch diese Verfahren eine nicht ganz einwandfreie Erleichterung verschafft. Sie wissen nicht, daß das nur Erfundene in der Luft hängt, daß der Dichter überhaupt nicht Erfinder, sondern bloß Finder ist. Wovon soll ich mich nähren, nicht von der Wirklichkeit? Zu Besserem ist sie ohnehin nicht nütze. Das roh Stoffliche, ob es sich um das vermeintliche Modell zu einer Figur oder um ein historisches, um ein aktuelles Ereignis handelt, kann nur ein Abschreckungsmittel für jene sein, die ihre Eingebungen aus dem Federstiel saugen und deren Phantasie erlischt, wenn sie auf die große Unumstößlichkeit von Tatsachen trifft, die allerdings, zaubere ich nicht Sinn und Geist hinein, von heut auf morgen wie Laub verwelken. Oder erinnert sich einer unter euch noch des politischen Prozesses, der Dostojewski den Vorwand zu den "Dämonen" lieferte? Einstens Tagesgespräch, jetzt verklungen und vergessen, nur noch — Dichtung. Und wen interessiert es heute, zu erfahren, daß das Liebespaar, das Balzac in "Beatrix" geradezu photographierte, vor hundert Jahren europäische Berühmtheit genoß? Man könnte in dieser Hinsicht ein Sündenregister anfertigen, dessen Verfasser plötzlich bemerken würde, daß die Namen der Übeltäter durch Unsterblichkeit gefeit sind und die ihrer Opfer kein Gedenken in der Nachwelt hinterlassen haben. Wie unheimlich zeigt sich erst die Macht der Idee und der Gestalt, wenn das Schicksal, das man in eine wirkliche Person hineingedichtet hat, sich a posteriori in der Wirklichkeit erfüllt. Auch das geschieht zuweilen.

 

In den entscheidenden Jahren dieser Entwicklung fand ich wenig Zustimmung von außen. Auch diejenigen, die meinen Weg mit Wohlwollen und Hoffnung verfolgten, brachten mir kein ungeteiltes Vertrauen entgegen. Ich war eine sogenannte umstrittene Erscheinung, und für viele bin ich es geblieben. Folgerichtigkeit der Bewegung ist nicht eben das, was ohne weiteres einleuchtet oder gar gefallt. Dem Deutschen fehlt im allgemeinen der Sinn für das Konstruktive, er ist leichter vom direkt Redenden und vom ungehemmten Gefühlserguß zu überzeugen. Da mein ganzes Bestreben auf das Bild ging, galt ich für kühl; da ich den umschlossenen Charakter mit seinen Widersprüchen an Stelle eines sich selbst erklärenden Verhältnisses zur Welt zu setzen bemüht war, hieß ich lange Zeit ein Artist; da ich das Element der Leidenschaft dem Gesetz der Gestaltung unterordnete, wo es einzig zu seiner richtigen, nämlich kontrapunktischen Wirkung gelangen konnte, sollte ich ein "Verstandesmensch" sein. Das letztere bin ich leider in so geringem Grad, daß mir alles im Leben jämmerlich mißlingt, was ich durch den Intellekt allein fördern oder erreichen will. Ich kann nur sagen, daß ich niemals mit mir gespart habe, daß ich nie mit einem Teil vorlieb genommen habe für das Ganze. Das Ganze! Armes Relativum! eine winzige Kleinwelt im unermeßlichen Reich der Kunst. Chaos durch die Form zu bannen, auf nichts anderes kommt es an, für das Individuum, für die Nation, für die Menschheit.

Mir über Umfang und Tragweite meiner Begabung klar zu werden, trieb es mich wie gesagt schon sehr früh. Da es aber in der Jugend nur dumpfe, fast möchte ich sagen ungeistige Kräfte sind, die uns vorwärtsbewegen, ein allgemeines Gefühl der Welt, so als ob die Welt ein von der Person unermeßlich weit entferntes Ziel wäre, und ein nicht minder allgemeiner Spannungszustand, der zu seelischen Entladungen drängt, verbleibt als einziges Überwachungsorgan eigentlich nur der Instinkt. Die Wahl des Wegs, welchen Menschen man sich anvertraut, an welchen Stoffen man sich versucht, alles dies sind vornehmlich Fragen des Instinkts, und erst in zweiter Linie des Charakters oder gar des sogenannten Talents. Es ist wie wenn im Innern der Seele ein Signalapparat verborgen wäre, dessen Zeichen man erst zu verstehen lernen muß. Zur Selbstüberschätzung war ich wenig veranlagt. Es konnte bisweilen ein kurzer Rausch über mich kommen, dem aber die Ernüchterung um so sicherer folgte. Ich hatte immer viel Sinn für das Maß; zu vergleichen war mir angeboren, mich vor fremder Überlegenheit zu beugen ein Bedürfnis. Leichter übersah ich die Schwächen im Werk eines ändern, als daß ich an die Vorzüge des eigenen glaubte. Dies erhielt mich in beständiger innerer Unsicherheit und bewirkte oft eine schädliche Schwächung des Selbstbewußtseins. Nichts widerte mich so an wie das Schauspiel eines grellen Mißverhältnisses zwischen Anspruch und Leistung, ja, es konnte mich unter Umständen erregen wie eine mir zugefügte Beleidigung. Das hat sich bis heute nicht geändert, der Grund ist schwer zu erklären. Ich denke, es hängt mit jenem Gleichgewichtsbestreben zusammen, dessen höhere Form das Verlangen nach Gerechtigkeit ist und von dem noch die Rede sein wird.

Aus Furcht vor Übergriffen waren die Aufgaben, die ich mir anfangs stellte, sehr bescheiden. Sie beschränkten sich meist auf die gewissenhafte Nachzeichnung eines Erlebnisses und hielten sich, nach Überwindung einer phantastischen und gestaltlosen Frühperiode um mein zwanzigstes Jahr herum, eng an die Natur. Ich erinnere mich zum Beispiel einer Erzählung, "Barbin" betitelt, die ich in meiner Nürnberger Bohemezeit niederschrieb und die eigentlich eine Vorstudie zur Figur des Carovius im "Gänsemännchen" ist. Der Mann, der mir dazu Modell stand, hatte durch die höhnische Skepsis, die diabolische Unerbittlichkeit, mit der er mich zum hoffnungslosen Dilettanten stempelte, dessen Ehrgeiz und Bemühung kaum eines Achselzuckens wert war, einen ziemlich verhängnisvollen Einfluß auf mich gewonnen; der Versuch, ihn darzustellen, gleichsam leiblich mit allen seinen Schwächen und Lächerlichkeiten, seiner kleinbürgerlichen Überheblichkeit, seiner Lust am Bösen, seiner boshaften Freude an der Verneinung der Gegenwart, wobei er sich des bewährten Tricks bediente, eine möglichst entlegene Vergangenheit und ihre halb vergessenen Hervorbringungen zu unerreichbaren Mustern zu erheben, auf diese Weise sein verderbliches Wesen im Bild von mir zu scheiden und als Bild zu gewinnen, war ein geistiger Befreiungsakt, dessen wohltätige menschliche Wirkung mit der Erkenntnis eines Kunstgesetzes verbunden war, nämlich wie das Leiden zur Anschauung und die Anschauung zur Gestalt werden kann, die von Schmerz erlöst. Meine Mittel freilich waren noch armselig; das Produkt als Ganzes war ein matter Dostojewski-Aufguß; sogar die seltsame hysterische Geschwätzigkeit, mit der dieser große Schriftsteller die Handlungen seiner Figuren begleitet oder sie sich selbst charakterisieren läßt, war schwächliche Nachahmung.

In die Öffentlichkeit trat ich mit einer kleinen Erzählung: "Finsternis". Auch sie beruhte auf einem Erlebnis. Im Sommer des Jahres 1894 hatte ich mich obdachlos und ohne Geld im Schwarzwald herumgetrieben und mich eines Abends in der Nähe des Titisees im tiefen Wald verirrt; die Dunkelheit brach ein, völlige Schwärze umgab mich, in wachsender Angst, die pathologisch war und sich zum Gefühl der Todesgefahr steigerte, suchte ich einen Ausweg aus dem Grauen, denn mich einfach ins Moos zu werfen und den Anbruch des Tages abzuwarten, getraute ich mich nicht, die qualvollen Gesichte, die mir aus der Finsternis entgegentraten, ließen keine vernünftige Überlegung mehr zu. Dies und nichts weiter schilderte ich, nicht ganz ohne poetische Kraft, aber ohne Erhöhung, und daher blieb die Darstellung etwas plan und nüchtern. Unter Erhöhung verstehe ich die Loslösung vom Zufällig-Persönlichen und Privaten, die Versinnlichung auf feiner ändern Basis als der der gegebenen Wirklichkeit; jedoch davon ahnte ich zu jener Zeit noch wenig.

 

Das Übel unserer Literatur liegt nicht bloß im Fehlen einer geistigen Wechselseitigkeit und dem fortwährenden Bruch der Traditionen, sondern mehr noch in der Mißachtung, ja der Unkenntnis des Handwerks und seiner Disziplinen. Jeder meint, auf eigne Faust von vorne anfangen zu müssen, sozusagen am ersten Tag der Kunst, und er muß es auch, jeder in jedem Fall, da es nicht nur keinen Meister oder Lehrer gibt, der ihn führt und vor den überflüssigen Irrtümern und Irrwegen des Anfangs bewahrt, sondern weil auch die Anfänger Schule und Schulung als unter ihrer Würde betrachten und lieber ihre kraftlose Suppe allein kochen, als daß sie sich die Erfahrungen eines bewährten Kochs zunutze machen. Daran ändern auch Akademien, Penklubs und Schriftstellerverbände nichts, da es sich ja nicht um einen sozialen Übelstand handelt, Versorgung oder Repräsentation, sondern um einen geistigen, den Mangel an freiwilliger Unterordnung auf der einen Seite und lebendiger Verantwortung auf der ändern. Daß sich solcherart niemals eine konzertante Wirkung ergibt, sondern bestenfalls ein Nebeneinander von Solostimmen und -instrumenten, ist oft beklagt worden, ist aber bei der Disharmonie der Geister, dem Mangel eines gemeinsamen Fundaments, der Außenseitigkeit der Kunst überhaupt, unabwendbar. Voller Neid hatte ich gelesen, wie sich der junge Maupassant in die Zucht und Schule Flauberts begeben hatte; wird doch überliefert, daß der große Schriftsteller den Adepten geradezu methodisch zu exakter Beobachtung des geringsten Details erzog, anschauungsmäßig wie ausdrucksmäßig; ein Satz ist mir haften geblieben, den Flaubert gesagt haben soll: Betrachte ein Ding, ein Holzfeuer zum Beispiel, das du schildern willst, so lange, bis es keine Ähnlichkeit mehr mit irgendeinem ändern Holzfeuer auf Erden hat, mit einem Wort, bis es der Inbegriff des Holzfeuers geworden ist.

Ein Analogen für ein derartiges Verhältnis konnte ich bei uns nicht finden, konnte es auch nicht erdenken; wem war die geistige Macht, die Autorität, die Liebe verliehen, daß er, und mit so unvergleichlichem Erfolg, die Vorstellungskraft eines Jüngers zu bilden auf sich nähme. Zudem lag ich, um die Wahrheit zu gestehen, wie fast alle meiner Generation so tief im Bann individueller Bedingnisse, daß ich fest überzeugt war, bereits ein Selbst zu sein, während ich noch durchaus der Führung und Lehre bedurfte.

Nun lebte aber zu jener Zeit in Deutschland ein Mann, der die Erziehereigenschaften besaß, nach denen ich mich in meiner Unberatenheit und geistigen Dumpfheit sehnte, trotz aller vermeintlichen "Selbstheit"; die Geistesmacht, die Autorität und die Liebe besaß er. Dieser Mann hieß Moritz Heimann und war in seiner bürgerlichen Stellung Lektor im Fischerschen Verlag. Ich glaube, es war im Herbst 1900, als ich ihn kennenlernte. Er hatte ein paar Monate zuvor über meinen Roman "Die Juden von Zirndorf" in der "Neuen Rundschau" geschrieben, keineswegs enthusiastisch, wohl aber freundlich und ermunternd, wie Mann, der sich sagt: da ist einer, auf den man ein Auge haben muß. Damals waren die Hymnen und Superlative noch nicht das tägliche Brot der Lehrlinge; dafür wurden aber auch diejenigen, die den Anspruch auf Respekt durch die Arbeit eines Lebens erwiesen hatten, nicht immer wieder in der öffentlichen Meinung herabgesetzt, wurde nicht immer wieder die Totalität einer Leistung vergessen oder verschwiegen, um die einzelne abgetrennt zum Opfer der Klitterung zu machen, wodurch jede Einheit zerstört, jede Entwicklung verneint, jede Beziehung aufgehoben wird.

Es trat mir ein Mann über Mittelgröße entgegen, wohlproportionierten Körpers, mit Bewegungen und Gesten von einer natürlichen Eleganz und Freiheit, mit glattrasiertem Gesicht, starker, gebogener, die Züge beherrschender Nase, tiefgehöhlten, von dichten Brauen überbuschten Augen, die einen ruhigen, durchdringenden und gütigen Blick hatten, einem schmalen, ausdrucksvollen Mund, dessen Lippen im Schweigen fest aufeinander lagen, während sie beim Sprechen aussahen, als seien sie ganz vorzüglich dazu befähigt, Worte zu formen, und zwar bedeutende, merkwürdige und nur diesem Mund eigentümliche Worte. Wie der Mund zum Sprechen, so schienen die großen, fleischigen, abstehenden Ohren zum Zuhören gemacht zu sein. Und sie hörten gut. Ich habe nie wieder einen solchen Zuhörer getroffen.

Aus seinem Lektoramt hatte er eine Stellung von weitreichendem geistigen Einfluß gemacht. Unter seinen Obliegenheiten war das Lesen von Manuskripten die geringste, das hätten viele andere nicht schlechter besorgt, an Urteilenden ist Überfluß, die meisten nehmen es leicht. Ich selbst war einige Jahre vorher im Langenschen Verlag Lektor gewesen; die damit verbundene Verantwortlichkeit war meiner Jugend gar nicht zugekommen und schädigte mich moralisch, weil mir Befugnisse und Entscheidungen eingeräumt wurden, deren Tragweite ich nicht ermaß. Wenige machen sich klar oder wissen, was es mit der unterirdischen Literatur auf sich hat, die den großen Verlagshäusern unaufhörlich zuströmt; der Menge nach das Vielfache von dem, was in die Öffentlichkeit dringt, beschäftigt sie täglich zahllose Köpfe und Hände, die einen mit der Verfertigung, die andern mit der Erledigung. Da kommt alles Unausgegorene zum Vorschein, das in unruhigen und halbgebildeten Köpfen rumort, dilettantische Versuche, die nicht selten mit feierlicher Anmaßung auftreten, ungeformtes Leben, genialische Stümpereien und Niederschläge abstruser Eitelkeit, erquältes Scheinwesen und schwatzhafte Nichtigkeit, Indiskretion und Pamphlet, Conterfasson und das Stammeln unfertiger Talente. Es ist nicht nur eine geistige, es ist auch eine sittliche Aufgabe, dies alles gerecht und geduldig zu prüfen. Heimann erachtete es als seine selbstverständliche Pflicht, aber in den meisten Fällen ließ er es dabei nicht bewenden. Fand er sich von einer Arbeit berührt, erregte sie nur die kleinste Hoffnung und menschliche Teilnahme, so schrieb er dem Autor ausführlich oder bestellte ihn zu sich, sprach stundenlang mit ihm, setzte ihm die Fehler seines Werkes auseinander, wies auf zeitgenössische Muster hin, schlug Verbesserungen vor, und häufig trat er dann auch in den privaten Bezirk helfend und fördernd ein. Es gab Männer und Frauen darunter, deren geistige Kämpfe, seelische Nöte und wirtschaftliche Schwierigkeiten ihn wochen- und monatelang innig beschäftigten. Es konnte sein, daß diese Personen plötzlich wieder aus seinem Gesichtskreis verschwanden und er nie wieder etwas von ihnen hörte. Dadurch fühlte er sich weder verraten noch unbedankt. Ihn bereicherte auch dies. Nicht im Sinn der Erfahrung, sondern vielleicht als Bestätigung einer ungewöhnlich tiefen Intuition des Lebens, die ihn mild machte oder gnädig, ich weiß im Augenblick nicht das rechte Wort. Sein Tag war von Konferenzen und Audienzen ausgefüllt wie der eines großen Arztes oder Ministers; wenn man zu ihm in die Wohnung kam, saß oft ein halbes Dutzend männliche und weibliche Autoren um ihn herum, auch Maler, Musiker, Philosophen; Leute aus allen Teilen des Reiches oft, die sich eine weite Reise nicht verdrießen ließen, um ein paar Stunden mit ihm beisammen zu sein. Er war Präzeptor im wahrsten und umfassendsten Sinn, durch Neigung und Gabe, durch Bestimmung und durch sein Herz, und obwohl er auch ein Dichter von Rang war, der Prosa wie des Verses im hohen Grad mächtig, trat er hierin gleichsam vor sich selbst zurück, vor dem auserlesenen ändern in sich, dessen bedeutendere Mission er fühlte. Es gibt von ihm einige Erzählungen von einer Transparenz der Form, einer Finesse des Vortrags und Tiefe der seelischen Einsicht, die ihn durchaus zum Vorläufer einer neuen Stilart stempeln (ich möchte es die Befreiung der Fabel aus der traditionellen Engführung nennen), obschon er mit seinem innersten Willen und nach seiner ganzen Geistesanlage der Tradition, namentlich der deutschen, deren Weg für ihn von Wilhelm Meister über Keller und Mörike etwa zu Emil Strauß ging, aufs leidenschaftlichste verbunden war. Sooft er mir eine seiner Arbeiten vorlas, fertig oder als Fragment, war ich vor Bewunderung vollkommen stumm, innerlich wenigstens, zu ein paar Floskeln brachte ich es immerhin, und ein Stichwort genügte schon, ihn zur Entfaltung jener leuchtenden Beredsamkeit zu bringen, die einen umhüllen konnte wie ein schützender Mantel, in dessen Falten es erlaubt war, in ehrfürchtiger Zustimmung zu schweigen. In Wirklichkeit verhielt es sich so, daß mir in diesen Gebilden alles, was mir als Ziel vorschwebte, vorweggenommen und meine Mühe, es zu erreichen, überflüssig erschien. Das beunruhigte mich natürlich aufs äußerste, besonders wenn ich mit einem Buch öffentliche Beachtung und Anerkennung gefunden hatte, während er mit der mir größer erscheinenden Kapazität nach wie vor im Schatten stand. Es ist nicht leicht, die Gefühle zu zergliedern, die mich Jahre hindurch ihm gegenüber in einem Verhältnis unausgesprochener Abhängigkeit hielten, hervorgegangen aus einer Art von Beschämung, die nichts anderes war als das beständig verspürte Unvermögen, ihn zu entschädigen für eine Wirkung, die mir in wachsendem Maß beschieden war und deren er sich, aus Gründen, die ihm so unerforschlich dünkten wie mir, beraubt sah. Er, der so vieles verstand, wußte natürlich auch in diesem Punkt über mich Bescheid; es berührte sich mit schmerzlichen Konflikten in seinem eignen Innern und verurteilte ihn immer mehr zur Resignation, die ihn nicht verbittern konnte, weil er zu souverän und zu weise dazu war. Seine dramatischen Versuche hingegen entließen mich aus dem Bann der Unterordnung und heimlichen Rivalität, so daß ich auch in der Diskussion mehr Freiheit hatte; einesteils wegen der mir fremden Form, die mir ein freieres Urteil ermöglichte, andernteils, weil darin seine stärkste geistige Qualität wie nirgends sonst zum Ausdruck gelangte, nämlich eine geradezu geniale Dialektik, die zwar nicht hinreichte, seinen Stücken das Theater zu erobern (was ein unerfüllter Traum blieb), aber beim Selbstlesen und Vorlesen von einer höchst anregenden, ja berückenden Wirkung war, wozu die unvergleichliche Meisterschaft in der Behandlung der Sprache nicht wenig beitrug, dieselbe Meisterschaft, die sich in seinen Essays und philosophischen Aufsätzen und besonders in den Maximen auf ihrem Gipfel zeigt. Ich glaube, ich gehe nicht fehl, wenn ich in diesem Bezirk einen der letzten Klassiker der Deutschen in ihm sehe, den letzten Nachfahren von Jean Paul und Lichtenberg.

An ihm habe ich erlebt, daß ein schöpferischer Mensch aus Mangel an Erfolg keine Folge hatte. Seine großartige Persönlichkeit, der wahrhaft magische das heißt umwandelnde Einfluß, den er auf die Gemüter aller derer übte, die seinen Umgang suchten und genossen, genügte nicht, die Aufmerksamkeit des Publikums aufsein Werk zu lenken und ihn über einen esoterischen Kreis hinaus sichtbar zu machen. So ging er der Welt vorüber als ein Unbekannter und erlosch wie die Flamme auf einem hohen Berg, die sich fruchtlos in sich selbst aufzehrt, obschon ihr Licht Und ihre Glut etwas Anbetungswürdiges besaßen, als wären sie über dem Sitz eines Gottes entzündet worden. Woher diese Ungunst? dieses Mißverhältnis zwischen Sein und Wirkung? dieses Rätsel eines priesterliehen Lebens und Todes fast ohne Zeugenschaft und ganz ohne Nachklang, ohne Dank, ja ohne den Fetzen Zeitungsruhm, der noch über dem Grab des geringsten Literaten flattert? Es lag wohl an der Epoche spannungsloser Indolenz, in die seine reifen Mannesjahre fielen, denn die Zeit von 1900 bis zum Beginn des Krieges glich der tödlichen Verfettung eines Körpers, der der schärfsten Reizmittel bedurfte, um nur einer Bewegung fähig zu sein. Ferner lag es am Fehlen jener leichten Beimischung von Banalität, jenes Grans von Billigkeit, von Übertreibung, von Selbststeigerung, die ein Autor braucht, um sich durchzusetzen, und die man auch bei den größten Schriftstellern finden wird.

Ich wollte aber berichten, in welcher Weise mir Heimann zum Helfer wurde.

Es herrschte in unser beider Lebensgang und Lebenssituation viel Ähnlichkeit, vor allem die Herkunft aus jüdischem Kleinbürgertum und der frühe Kampf gegen Armut und Not. Nie ist mir die Verlogenheit und Verblasenheit der heutigen Rassentheorien, besonders sofern sie auf der Oberfläche der trüben politischen Wässer schwimmen, klarer bewußt gewesen als in meinem Verhältnis zu Heimann; der verhängnisvolle Unfug ist ja nicht jüngsten Datums. Heimanns ganzes Wesen war durch märkische Landschaft, norddeutsche Tradition, preußische Form (in einem alten Sinn von Zucht und Haltung) so anders gefärbt als das meine, das durchaus im süddeutschen Leben wurzelte, in heitrerer Luft, beweglicherem Volk, bunterer Geschichte, daß wir ganz gut die Repräsentanten zweier völlig verschiedener Stämme hätten sein können und von Bluts- oder Artverwandtschaft bis in eine ziemliche Tiefe hinein nicht die Spur zu entdecken war. Seine Stellung zum Judentum war ohne militante Regung, ohne Wehleidigkeit, ohne aufgetragenen Stolz, ohne Ressentiment, ohne Debattiersucht, überhaupt fast ohne Betonung. In dieser Hinsicht war er der Abkömmling einer humanen Ära (ich weiß, das Wort steht auf dem schwarzen Brett unserer Zivilisation), der seine Zugehörigkeitsgefühle zum Vaterland noch vor der allgemeinen Erkrankung des Volksgeistes empfangen hatte. Die Gelassenheit, mit der er diese Umtriebe und ihre demütigenden Wirkungen betrachtete, hatte etwas unendlich Überlegenes und war schon allein das Kennzeichen eines hohen Geistes. Später allerdings, so hatte ich den Eindruck, wurde seine Haltung darin ein wenig erschüttert, und wie einerseits eine mehr und mehr christliche Grundverfassung seiner Natur zutage trat, im Sinne des Urchristentums beinahe, neigte er andererseits zu einem jüdischen Mythos, der in ihm selbst lebte und den er auch dichterisch (im Drama "Das Weib des Akiba") gestaltete. Hinter diesen Wandlungen und Schwankungen lagen wohl sehr eigentümliche seelische Prozesse. Wir sprachen selten darüber. Es waren Übergänge, bei denen das Elementare in seiner Natur und dunkle Bindungsgesetze eine größere Rolle spielten als philosophische Erkenntnisse, so sehr er gewohnt war oder sich dazu erzogen hatte, diesen die erste Stimme bei seiner Lebensführung zu geben. Wie so viele hochentwickelte Juden unserer Zeit war er eben durch und durch Christ, in einer äußerst sublimierten Weise, und doch, von den Wurzeln her, dabei so geschliffen zart, daß es sogar für ihn nicht leicht war, eine solche Lebensstimmung und im tragischen Zwiespalt erworbene Haltung zu formulieren, denn jede Festsetzung erforderte ja erst die Überwindung der akuten Krise. Es ist ein Geschehen, dessen Klärung mit jedem Fall, der einem unterkommt, schwieriger wird. Jeder Fall ist ein Sonderfall und zugleich wieder ein genereller. Das Individuum möchte ihn ins Allgemeine erweitern, da es sonst kaum eine Rettung für sich sieht, und auch die ist traurig genug; gelangt es dann bis zu einem gewissen Punkt, so wird es von der Welt feindselig erinnert, daß es keine Ausnahme bilden darf. Es kann nur in sein eigenstes Inneres flüchten, und dort gibt es Erlösung nur durch die erschaffene Gestalt. Dazu aber gehört ein Schöpfer, und gerade das Problem des Schöpferischen war es, mit dem Heimann sein Leben lang blutig, ja bis zur Verblutung rang.

In deutscher Erde, deutscher Landschaft, deutscher Welt und Geschichte wurzelte er genau so wie ich, doch im Gegensatz zu mir ignorierte er jede Bezweiflung dieser für ihn ehrwürdigen und legitimen Tatsache. Ich befand mich im Zustand der Abwehr und Werbung, er gab sich einfach hin wie eine königliche Person, die mit dem Bewußtsein ihrer Würde das ihrer Selbstaufopferung vereint. Er haderte nicht, er ließ auch keinen Hader an sich kommen. Auch war ihm jede Eifersucht und jedes eifersüchtige Vergleichen fremd, schon deshalb, weil er wesentlich aufnehmend lebte und für alles, was er von außen empfing, von Menschen und von Geistern, eine demutvolle Dankbarkeit bezeigte. Das kreative Vermögen in ihm wohnte gleichsam in einer ändern Zelle als das rezeptive. Ihre Verbindung untereinander war oft wie die von zwei Leuten, die vor der Welt nicht miteinander verkehren und sich nur bisweilen heimlich und verstohlen treffen dürfen. So war seine Produktion stets ein Kompromiß mit den Pflichten gegen die Menschen, die ihn brauchten.

Von der ersten Begegnung an war ich bei meinen jeweiligen Aufenthalten täglich viele Stunden mit ihm beisammen, ja, diese Reisen, zwei- oder dreimal jährlich, hatten im Grunde keinen ändern Zweck, als mit ihm zu sein. Alles übrige war vorgeschützt. Ich habe schon erzählt, mit welcher Entschiedenheit er die verfrühte Darstellung meiner Kindheits- und Jugenderlebnisse ablehnte. Damals schrieb er mir ein Wort, das mich betroffen machte und mit dazu beitrug, daß ich gleichsam die Richtung meines Schauens veränderte: "Dieser Mangel an Verklärung! ist das die Geschichte einer Welt, durch die ein junges Menschenkind ging und an die ein gereiftes sich erinnert? Wen ginge das alles etwas an, der sich nicht für J. W. interessiert? Sich selber richten scheint aber eine Eitelkeit zu sein, und der Dichter muß über sie hinwegkommen." Ein Wort, das jetzt, nach fast dreißig Jahren, in einem viel umfassenderen Sinn, als ich zu jener Zeit ahnen konnte, allgemeine Wahrheit geworden ist, denn wer immer es heute unternimmt, Bild und Gestalt des Menschen zu geben, ist sich dessen bewußt, daß ihm das eigne Ich nicht mehr als den Vorwand liefern darf, sonst verliert er die Welt, um die er ringt: den Vorwand und, durch Selbsterforschung, das Maß der Bescheidung. Als ich im Frühjahr 1904 mit dem fertigen Alexandermanuskript zu ihm kam, las ich ihm, ich weiß nicht mehr, wieviel Abende und Nächte es dauerte, zunächst die ganze Arbeit vor, dann sprachen wir sie gründlich durch, er selbst schien zu den einschneidenden Kürzusgen, die er mir vorschlagen wollte, erst Mut fassen zu müssen, doch überzeugte er mich von ihrer Notwendigkeit mit solcher Geduld, solchem Nachdruck, solch brüderlichem Zureden, daß ich mich seinen Argumenten Schritt für Schritt beugte und sich meine anfängliche Bestürzung und Niedergeschlagenheit mit dem raschen Auftrieb, der meiner Natur in solchen Fällen immer eigen war, in Freude über das Neuzuformende verwandelte. Von den neunhundert Seiten der ursprünglichen Niederschrift blieben knapp vierhundert stehen, obwohl eines seiner tiefsinnigen Paradoxe lautete: "Ein langes Buch, das man kürzt, wird nicht kürzer, sondern länger." Aber kann man anders Schüler sein? Kann man anders lernen? Der Selbstverliebte kann sein Getanes niemals rein betrachten, und ein Werk beginnt erst zu existieren, wenn es in der Kälteregion gehärtet ist, die sein Urheber zwischen seinem schaffenden und seinem empfangenden Teil zu errichten imstande sein muß.

Die Schönheit des Heimannschen Charakters (ich kann nicht umhin, hier von Schönheit zu sprechen, da es sich um ein seltenes Ebenmaß geistiger Eigenschaften und eine Unermüdlichkeit im Dienen und Helfen handelte, die ich seitdem nie wieder erlebt habe) zeigte sich vor allem in seiner freudigen und stolzen Befriedigung, wenn ich (oder auch ein anderer seiner Freunde) mit einer neuen Arbeit bei ihm erschien, damit er sie höre und begutachte. Da wurde nichts auf die lange Bank geschoben, es gab keine Abhaltungen, keine wichtigen Geschäfte; körperliche Indispositionen, an denen er häufig litt, in den letzten Jahren immer mehr, erklärte er einfach für nicht störend, fangen wir gleich heute an, hieß es. Er hatte dann immer eine, ein klein wenig feierliche, ein klein wenig erregte und gespannte Miene wie jemand, dem ein bedeutendes Geschenk überreicht werden soll und der nur das eine fürchtet, daß er nicht den rechten Dank dafür finden wird. Die Art, wie er zuhörte, ist mir vollends unvergeßlich. Er war still wie eine Pflanze. Er verwandte kaum einen Blick vom Gesicht des Vorlesers. Er war ganz Auge, ganz Ohr, ganz Hingebung, ohne eine Sekunde zu erlahmen, auch, wenn es Mitternacht, wenn es Morgen wurde. Sagte ihm eine Stelle besonders zu, so legte er den Kopf in den Nacken, schloß die Augen für einen Moment, und auf seine Züge trat ein Ausdruck, als wäre ihm etwas ganz unerwartet Schönes und Herrliches passiert. Die Diskussion begann er niemals negierend, zuerst äußerte er sich in jedem Fall positiv und hielt mit Kritik so lange zurück, bis der andere allmählich vorbereitet war, auch das Abträgliche unverletzt zu hören. Ich habe ihn oft im Gespräch mit einfachen Menschen beobachtet, mit einem Schaffner, einem Briefträger, einem kleinen Angestellten; jeder der Betreffenden hätte ebensogut sein Kamerad, ja sein Gönner sein können, so gewinnend und so achtungsvoll war seine Haltung. Er war der Mensch der vollendeten Cortesia, ihr werdet nimmer seinesgleichen sehn.

 

In den Jahren nach dem Kriege erwarb ich mir die Freundschaft Ferruccio Busonis, die bis zu seinem frühen Tod dauerte. Ich habe das Bild des genialen Mannes, so wie das Hofmannsthals, in einer besonderen Schrift festzuhalten versucht. Was mich mit ihm verband, war eine rhythmische Übereinstimmung, das Unbedingte seines Wesens, die Passion seines Künstlertums, der seltsam rebellische Aristokratismus seines Geistes, – ein Widerspruch, der nur scheinbar ist und auf dem Kontrast zwischen einer glühenden Gegenwärtigkeit und schicksalsvollen Bindung an die Tradition, zwischen Elementarität und alter Form, zwischen lateinischer Helligkeit und deutscher Spekulation beruhte. Er erscheint mir manchmal im Traum als eine edle Gestalt, Jüngling mit schneeweißem Haar, wie um mich zu fragen, ob ich seiner gedenke und ob in meinem Herzen ein anderer an seine Stelle getreten sei. Denn er war sehr eifersüchtig; ein eifersüchtiger Gott, wie der Jehova des alten Testaments. Aber es ist niemand an seine Stelle getreten. Richard Dehmel, der unmittelbar nach Kriegsende starb, wahrscheinlich infolge der Strapazen, die ihm der Dienst eines fahrenden Poeten in der Etappe auferlegte, war der letzte, mit dem ich auf der physischen Höhe des Lebens Kameradschaft geschlossen hatte. Der Umgang mit ihm hatte trotz seines vulkanischen Temperaments etwas außerordentlich Beruhigendes. Man konnte stundenlang, nächtelang mit ihm beisammen sein, ohne sich zu spüren, alles schwieg, was einen quälte, man wurde innerlich still. Er war ein unvergeßlicher Wärmespender, etwas wie ein gutgeheizter menschlicher Kachelofen, oder auch wie ein großer schöner Bernhardinerhund, in dessen Gesellschaft man sich geborgen weiß. Unvergeßlich ist mir, wie wir eines Tages, am Anfang unserer Beziehung, in Berlin Unter den Linden gingen und in ein ziemlich intimes Gespräch über persönliche Erlebnisse kamen; auf irgendeine Bemerkung von mir, deren ich mich nicht mehr entsinne, blieb er plötzlich stehen und sagte mit einer unbeschreiblichen Zartheit im Ton: "Darauf könnte ich nur antworten, wenn wir auf du und du stünden." Wir reichten uns die Hände, und es blieb dabei. Seine Briefe hatten eine stürmische und schwungvolle Beredsamkeit; wenn ihm ein Buch nicht gefiel, war er aufrichtig bis zur Grobheit, aber wenn es ihm etwas bedeutete, verlor er in seinem Enthusiasmus alles Maß, so daß man gegen sich selbst mißtrauisch wurde. Übrigens war jeder Brief von ihm bloß durch die Handschrift etwas Einzigartiges; etwas so Kühnes, Festes, Klares und Monumentales an Schrift ist mir nie wieder vorgekommen. Durch den Krieg kamen wir ein wenig auseinander. Die Rolle des hinter der Front rezitierenden Dichters im Sinne von Kriegsleistung schien mir mit seinen Jahren wie mit seiner Würde nicht recht vereinbar. Vielleicht waren es uns unbekannte Beweggründe, die ihn dazu veranlaßten.

 

Räumt der Tod nicht mit den Freunden auf, so tut es das Leben. Altern heißt Freunde verlieren. Wenn mir junge Menschen ihre Liebe entgegenbringen, wie es zuweilen geschieht, bin ich glücklich, daß sie mich deren für wert halten, aber keine Gläubigkeit und Anhängerschaft eines Jüngers kann für die Wärme entschädigen, die der Kamerad spendet, der den Weg mit uns teilt und meinen Hauch versteht, auch wenn er mein Wort mißversteht. Die Vorsicht, die uns Menschen fliehen und abwehren heißt, ist ein Teil jener Melancholie, die wir als ein Geheimnis der Kreatur mit ins Grab nehmen. In meiner Jugend bedeutete jedes Freundschaftsverhältnis eine Entflammung meines ganzen Wesens, und wenn ich mich einmal einem Freund in die Hand gegeben hatte, war mein Vertrauen so grenzenlos wie die Enttäuschung, die unter solchen Umständen nicht ausbleiben konnte, katastrophal. Und doch war ich zu einer eigentlichen Hingebung im Sinn von Geständnissen oder Gefühlsentäußerung nicht fähig; es war immer eine Starre in mir, die sich nicht lösen konnte, Frucht jahrtausendealter Menschenangst vielleicht, denn ich glaube, daß keine andere Empfindung so unvernichtbar durch die Generationen geht wie die Angst, namentlich wenn sie das Trauma einer Sippe, eines Stammes gewesen ist, und ein Jahrtausend ist ja keine große Zeit im Nerven- und Blutsgedächtnis der Geschlechter. Die Unterlassungen, die ich begangen, oft nur ein versäumtes herzliches Wort, die Verfehlungen, oft nur eine unzeitgemäße, einem unreifen Wahrheitsfanatismus entsprungene Freimütigkeit, wurden mir dann immer zu spät bewußt, als sie nicht mehr gut zu machen waren. Von meinem sechzehnten Jahr an ganz auf mich selbst gestellt, war ich aufgewachsen wie ein Wilder, von den Gesetzen des Umgangs mit Menschen hatte ich keine Ahnung, jede Konvention war mir verhaßte Fessel, und es bedurfte trüber Erfahrungen und einer langen Periode der Selbsterziehung, bis ich mich in die Regeln der Welt fügen lernte und zu einer bürgerlichen Gesittung kam. In den ersten Jahren meiner Münchner Zeit erregte ich das Entsetzen aller Gesellschaftsmenschen und das heimliche Gelächter meiner Bekannten, doch in jener dürr-individualistischen Ära konnte sich ein junger Mensch noch etwas darauf zugute tun, wenn er soziale Pflichten und Bindungen verachtete und auf eine Einzigkeit pochte, die nur das traurige Ergebnis einer allgemeinen Geistesverfassung war; sie nannte sich liberal und war schon die Grimasse des Liberalismus und der Liberalität, l genau genommen bereits das Ende aller Freiheit. Dafür sind mir und den meisten meiner Generation erst sehr spät die Augen aufgegangen. Aber um auf Freunde und Freundschaft zurückzukommen, so war ich trotz der sonderbaren Hemmung, der Stummheit meines Wesens, stets zum Zuvieltun geneigt; den ändern zu spannen und in Atem zu halten, mich seiner Zeit zu bemächtigen und ihm die meine völlig zu schenken; dadurch geriet ich in Abhängigkeit und machte mich zu billig. Ich konnte nur sehr schwer von der Vorstellung, die ich von einem Menschen hatte, zum Begriff seines Wesens gelangen. Lebt man aber ausschließlich vom Phantasiebild, so übernimmt die Wirklichkeit über kurz oder lang die Rolle des Rächers, und so ist es auch mit allen Fehlanschauungen, die von daher stammen: werden sie nicht innerhalb des eigenen Erlebniskreises korrigiert, so geraten wir in die Schuld oder in die Lüge, oder, noch schlimmer, wir bürden in der Bemühung, uns davon rein zu waschen, Schuld und Lüge dem Partner auf, der doch nichts dafür kann, daß wir nicht imstande waren, seine wahre Natur zu begreifen. Eine meiner Tugenden ist Pünktlichkeit; sie kann zu krankhafter Befolgung, ja, zur Selbstquälerei ausarten, wenn ich an den Wartenden denke, der sich auf mich verläßt; eine bevorstehende Verabredung kostet mich manchmal die Arbeit eines ganzen Tages; allmählich habe ich mich überzeugt, daß darin eine Zuchtlosigkeit der Phantasie liegt; da mein Verhältnis zur vergehenden Zeit überhaupt ein schuldvolles ist, so als könne ich ihren Forderungen nie und nimmer genügen, und die Sinne bestimmte Erleichterungen von diesem Druck verlangen, wird das höhere, das Charakter-, das Lebensgebot von dem bloß eingebildeten als zu lästig in den Hintergrund gedrängt, wo es Konflikte heraufbeschwört. So hatte das Leben mit Freunden eine gefahrliche Seite für mich, es bedrohte schlechthin meine Existenz, weil ich das eine entscheidende, entschlossene Opfer nicht darbrachte, nicht darbringen konnte, ohne mich zu vergewaltigen, und im Bestreben, Entgelte dafür zu schaffen, mich seelisch aufrieb.

Die eigentliche Tragik der Freundschaft liegt natürlich nicht im Verlust durch den Tod, so grausam und schwer verwindbar er ist; da hat man sich mit dem elementaren Geschehen abzufinden und kann mit einem verklärten Bild weiterleben, das gegen Beschädigung und Mißverständnis gefeit ist. Der wunderbare Otto Brahm sagte mir einmal kurz vor seinem Ende: "Die meisten meiner Freunde hatten Ärger und Verdruß mit mir, ich konnte ihnen selten etwas recht machen; meinen Sie, daß ich mich auf die Erinnerung freuen darf, die sie an mich haben werden?" Auch Mißverständnis kann man hinnehmen, Zerwürfnis und Bruch sogar; es gibt Freundschaften, die beständige Reibung und Fehde brauchen, um sich zu erneuern. Das Bitterste ist das Absterben ohne Tod; die seelische Sklerose; wenn man weitergeht und sie bleiben stehen; wenn sie nicht wissen, daß sie stehengeblieben sind und den Anspruch erheben, als gingen sie noch im gleichen Schritt mit einem; wenn die Entfernung schließlich so groß wird, daß man ihre Stimme nicht mehr hört, und sie trotzdem die Fiktion aufrecht erhalten als befanden sie sich noch im vertrauten Gespräch mit einem; wenn unser Schweigen, unser Abgewendetsein, unser Vorwärtsgehen, das sie als Verrat und Beleidigung empfinden, sie zu immer neuen Anstrengungen nötigt, uns einzuholen, uns Zeichen zu geben, bis sie endlich verzichten und begreifen und man selber wieder allein ist: das sind schmerzliche Erlebnisse, damit muß man fertigwerden, nicht bloß einmal, sondern viele Male, denn vom fünfzehnten Jahr bis zum sechzigsten ist ein langer Weg, und der Verbrauch an Menschen, den wir uns gestatten, ist auch in einem friedlichen Dasein recht erheblich. Zum Trost kann man sich sagen, daß jeder, den ich verlasse, seinerseits wieder andere verläßt, was freilich nur ein Ausgleich im Gesamthaushalt und nicht Vermehrung meines Einzelglücks ist. Nach dem vierzigsten Jahr schließt man keine Freundschaft mehr, wenigstens keine, die die Mitte der Persönlichkeit trifft, und vollzöge sich der Vorgang der Vereinsamung nicht so allmählich, man ginge daran zugrunde, wie wenn mitten im Sommer Polarkälte einbräche. Der bloß gesellige und gesellschaftliche Umgang hebt die geistige Einsamkeit nicht auf, die jeden alternden Mann umgibt, der einmal erfahren hat, was es bedeutet, nicht einsam zu sein, nämlich die Grenzen des Ichs durch das Volumen eines ändern, ebenbürtigen Ichs zu erweitern. Demgegenüber stehen Liebe und Ehe, mögen sie noch so viel Glück produzieren, mit Ausnahme ihrer höchsten Entfaltungen und stärksten Spannungsauslösungen (und eine solche Ehe ist mir Gott sei Dank nach bittern Kämpfen zuteil geworden), doch in einer irdischeren Atmosphäre; sie sind vielmehr an die Realität der Existenz gebunden. Gegen die Einsamkeit— betrachtet man sie nur im mindesten als ein Übel, es nicht zu tun, kann man sich nicht früh genug erziehen — gibt es keine Hilfe, auch nicht die Illusion von der Imaginarität der Zeit. Ich habe bemerkt, und wahrscheinlich geht es vielen so, die nicht durch ihre Physis daran verhindert sind, daß zwischen der wirklichen Zahl meiner Jahre und meinem Lebensgefühl, soweit es zeitlich bedingt ist, eine illusionistische Differenz besteht, die zur Folge hat, daß ich die Wirklichkeit innerlich nicht annehme, ja nicht einmal recht an sie zu glauben vermag, so daß mich immer ein eigentümliches Erstaunen überkommt, wenn ich sie ausdrücklich zu bestätigen habe oder sie mir als unleugbar vorsage. Kein Selbstbetrug; kein Fluchtversuch vor der Tatsache des Alters und Alterns, sondern eher eine Art von Unschuldszustand gegenüber dem natürlichen Ablauf und die phantasiemäßige Weigerung von Seele und Geist, an der Vergänglichkeit des Körpers teilzunehmen. Im übrigen hängt die Schaffensfähigkeit des Mannes davon ab, wieviel er noch vom Jüngling in sich hat und bewahrt.

 

Sowohl in der äußeren wie auch in der inneren Dynamik meines Lebens kommt es häufig zu Störungen, deren Ursachen darin liegen, daß ich trotz der mir angeborenen großen Geduld immer wieder eine verhängnisvolle Ungeduld zu bekämpfen habe, die mich voreilige Entschlüsse fassen, mich zur unrechten Stunde, im Verlangen, Unausweichliches schnell hinter mich zu bringen, Verbindungen knüpfen läßt, die ich dann weiter zu schleppen habe und die mich nicht im geringsten fördern, ja auf alle Weise belasten. So entsteht durch Ungeduld ein Übel, dem man nur wieder durch Geduld abhelfen kann, und wenn ich nach der Quelle jener Ungeduld forsche, brauche ich nicht lang zu suchen, es ist die Gegenwirkung einer fast vierzigjährigen Arbeitszucht, während welcher ich, allerdings erst von einem bestimmten Punkt der Erkenntnis an, das äußerste Maß von Geduld zu üben hatte, das überhaupt möglich war. Ich erinnere mich an ein kritisches Jahr, wo alles in Frage für mich stand und ich zum Beispiel die Novelle "Adam Urbas" aus dem ersten Wendekreis neunzehnmal umarbeitete. Daran ist nichts zu rühmen und zu bewundern, es ist eben so, es ist das Gesetz, und wenn ich diese Erzählung heute lese oder vorlese, finde ich Fehler und Mängel an ihr, die mich unglücklich machen. Das Wesen der Geduld besteht in der Hoffnung auf die Erreichbarkeit einer höheren Form und Gestalt, das Wesen der Ungeduld in der Verzweiflung über die Unveränderlichkeit der niedrigen. Was mich veranlaßt, mit Menschen geduldig zu sein, ist immer die Vorstellung von der Möglichkeit der Verwandlung, obgleich mir die Erfahrung sagt, daß Verwandlung ein dichterisches Phänomen ist, nicht aber ein reales. Jeder steckt unrettbar in seinem Charakter und kehrt demgemäß immer zu sich selbst zurück, eine Wiederholung, die schon allein den klaren Beweis liefert, daß eine Wesensmetamorphose in den Bereich der Idee gehört. Ohne diese Idee freilich gibt es keine dichterische Welt, und wenn sich die beiden Kategorien in der Wirklichkeit bisweilen zu kreuzen scheinen, so berühren sie sich doch niemals, weil sie auf ganz verschiedenen Ebenen liegen. Damit ist der Geduld und der Ungeduld ihre Stellung in der Rangordnung der Eigenschaften deutlich angewiesen. Das Trivialwort von der himmlischen Geduld enthält eine außerordentliche Wahrheit; Geduld ist in der Tat "himmlischen" Ursprungs. Könnte einer, der sie in der höheren Sphäre besitzt, sie auch auf die niedrige übertragen, auf den Umgang mit Menschen, den Umgang mit sich selbst, das Verhalten gegen sein Schicksal auch, so wäre er auf dem Weg zur Vollkommenheit, ja zur Heiligkeit.

 

Um das Realerlebnis in die dichterische Sphäre zu übertragen, muß ich es von den Schlacken der Wirklichkeit befreien. Es muß sozusagen in meiner Brust reingeglüht werden. In allen Fällen handelt es sich dabei um eine Umwandlung von Materie in Geist. Der Weg von der Erfahrung zur Vision ist unermeßlich weit, aber wenn er nicht im Bruchteil einer Sekunde zurückgelegt wird, kann das Ziel nie erreicht werden. Vision ist nicht, wie viele glauben, ein umrißloses zerfließendes Bild, das noch halb in der Ahnung steckt, sondern eine Eingebung und Vorstellung von höchster Genauigkeit und so konzentriert wie ein Sonnenkörper, der alles Leben in feuerflüssigem Zustand enthält. Als primäres Phänomen geht sie allem Gedanklichen voraus, schließt es aber keimträchtig und entfaltungsbereit in sich ein. Man kann sie so wenig wie den Traum aus dem Willen erzeugen, sie ist durchaus Gnade, und der Grad ihrer Intensität entscheidet über die Wahrheit, die Plastik, die Fülle, die Bewegung der Gestalt. Da sie auf Schauen beruht und alles wahrhaft Geschaute unvergeßbar ist, bedarf sie keiner Gedächtnisstütze. Man braucht sich nicht an sie zu "erinnern", sie ist da, sie funktioniert ähnlich wie der Blutkreislauf, und das Organ ihrer Funktion ist die Phantasie. Die Aufgabe heißt nicht Überlegung und Anordnung, sondern: sie zu fassen und auszuschöpfen und vor allem, die Distanz festzustellen, in der man gegen sie zu verbleiben hat. Deshalb mache ich stets nur Notizen, die das Einzelne der Ausführung, niemals solche, die den Gang und die Haltung des Ganzen betreffen. Im Lauf der Zeit bin ich dahintergekommen, daß alle stimmungsmäßigen Einschläge die Reinheit des Urbildes trüben und ich daher für eine Art von Durchkältung der gefühlsbetonten Teile sorgen muß, was an sich schon automatisch durch die Rhythmisierung der freischweifenden Elemente geschieht, gleichsam aller Nebenprodukte der Phantasie, des Stils, der stofflichen Verknüpfungen, der Figurenwahl.

Bedrängt von Visionen zu sein, kann zur Krankheit des jugendlichen Geistes werden, Krankheit insofern, als die Verwirklichungsmöglichkeiten fehlen, weil ja die Phantasie in dieser Periode wegen mangelnden Erfahrungsgehaltes noch nicht produktiv ist. Auch ich litt an jener Krankheit, und zwar so, daß sie meine Erlebnisfähigkeit beeinträchtigte, das heißt das Realerlebnis wurde zuzeiten vom Phantasie-Erlebnis gänzlich verdrängt. Das hatte sein Gutes, wahrscheinlich hätte ich sonst dem Druck der feindseligen Wirklichkeit nicht standzuhalten vermocht; der Nachteil zeigte sich in einer Neigung zu gedanklichen und psychologischen Konstruktionen, deren Gefährlichkeit ich erst begriff, als ich mit meinen Stoffen und Motiven in einen luftleeren Raum geriet und voller Angst und Bestürzung wieder den Weg zur Natur suchen mußte, den ich nur verlassen hatte, weil er mich in die Gefangenschaft der bloßen Wahrnehmung, des engen persönlichen Erleidens zu führen schien. Die Kraft, dieses zu überwinden, was so viel bedeutet, als es zum Symbol zu machen, mit dessen Hilfe man die zugeborene Welt umfaßt, diese Kraft erlangt man sehr spät. Der Vorgang des Reifwerdens kam mir immer äußerst geheimnisvoll vor, noch gegen mein vierzigstes Jahr spürte ich meine Unreife wie jemand, der mit zusammengeschnürten Füßen tanzen soll und sich dabei zum Tänzer berufen fühlt. Bis man von dieser Fessel entbunden ist, besteht das Leben aus lauter Verheißung und Erwartung, aber ist man dann frei, so weiß man die Glieder und die Gelenke zunächst nicht zu gebrauchen. Ich sprach von Verlust der Natur und von der Rückkehr zu ihr; das klingt wie ein Gemeinplatz; geht man der Sache auf den Grund, so ist die Natur, die man zu besitzen vermeint und aus der heraus man wirkt, ein eigentümlich flüssiger und veränderlicher Zustand, denn daß wir immer wieder neue Form annehmen, die als "Natur" gilt, ist schicksalsbedingt, und in diesem Sinn müssen wir schmelzbar sein wie das Erz im Hochofen. Was mir vor zehn Jahren noch zum Erlebnis werden konnte, trifft heute auf eine andere Natur und rührt mich kaum mehr an; früher konnte ich ohne Modell nicht arbeiten, jetzt weiß ich, daß das Modell sich nur als Ersatz für das fehlende Urteil anbietet und als Zufallsbehelf die Konzeption lahmt. Nie kann das aus der unmittelbaren Wirklichkeit Entnommene einem Werk organisch einverleibt werden; was wir an ihm "wahr" nennen, beruht auf einer geisterhaften Übereinstimmung von Kräften, die von halluzinatorisch-architektonischer Beschaffenheit sind. Ein volles Jahrzehnt trug ich den Plan zu einem Caspar Hauser mit mir herum, machte Entwürfe über Entwürfe, aber das eigentliche innere Leben, ja die Seele erhielten Stoff und Figur erst, als eines Abends mein damals dreijähriger ältester Sohn ängstlich zu mir kam und flüsterte: "Das Finstere sitzt auf der Lampe und brüllt." Ich will damit nur andeuten, welche scheinbaren Geringfügigkeiten unter Umständen zum sogenannten Erlebnis werden können. Es sind einfach Gleichnisse, die lebenzeugend und lebendarstellend sind, und wenn ich das Gleichnis nicht habe, bin ich bloß ein armer Narr, der den Leuten Steine für Brot aufreden will. Eine andere brauchbare Wirklichkeit als die, deren Essenz und Frucht das Gleichnis ist, gibt es nicht, daher ist alles Gerede und Geschreibe über bürgerliche und proletarische Kunst und Literatur, wie es heute im Schwange ist, so nichtig und verlogen. Sie spotten ihrer selbst und wissen nicht wie.

 

Der Form, die ich durch- und zu Ende gelebt habe, muß ich mich entledigen können, sonst lieg ich starr in ihr drinnen wie in einem Sarg. Mit der Selbstwiederholung beginnt der leere Betrieb und der Tod des Gewissens; sie ist es auch, die den Schriftstellerberuf um seine vornehmsten geistigen Privilegien gebracht hat, da ja das Wort das verräterischste und verführerischste Element ist, das wir kennen. Ich gebe zu, daß es ungeheuer schwer ist, sich nicht zu wiederholen, gerade in den Formen, an die sich die Welt gewöhnt hat wie an eine Kleidermode. Man muß äußerst wachsam sein, sehr tief in sich und den Kreis einer idealen Aufnehmerschaft hineinhorchen können, um es überhaupt zu merken. Ich möchte so sagen: man muß die Gabe haben, des eignen eingelernten und mühelos gewordenen Gestus überdrüssig zu werden, dann kann man es erkennen. Das geringste Sichgenügen, die leiseste Regung von geistiger oder seelischer Lässigkeit richtet einen zugrunde. Erneuerung heißt aber nicht Umsturz; nichts darf zerstört werden, ich habe doch zu trachten, mit meiner Vergangenheit in die Zukunft hinüberzuleben; vonnöten ist also, daß ich mich ausbaue, mich ausweite, > mich immer tiefer beziehe und höher spanne und, was die Natur mir an Möglichkeiten verliehen hat, im Bereich des Ungewußten entdecke und nutze. Fortwährend stirbt mein Ich, fortwährend muß ich es wiedergebären. Bei meiner Arbeit bin ich allmählich zu einer Disziplin gekommen, von der ich annehme, daß sie dazu bestimmt ist, der erworbenen Fertigkeit entgegenzuwirken und das Abschnurren des Apparats zu verhindern. Ich schreibe ein und dieselbe Szene, ein und denselben Vorgang, ein und dieselbe Charakteristik, was es immer sei, fünfmal, achtmal, zwölfmal nieder, so lange bis die größte mir mögliche Sichtbarkeit und Genauigkeit erreicht ist. Die Überzeugung von dem jeweils Unzulänglichen entsteht aus dem Gefühl, fast aus einem Hautgefühl, das wie Ertaubt-heit der Epidermis ist. Es ist ein zwangsläufiges Tun, als müsse ich mich nach und nach und von Schicht zu Schicht von der Oberfläche aus zu der Gestalt durchgraben, die mir die Vision gezeigt hat. Ob nicht diese Art der "Wiederholung" ein Schutz ist gegen die verderbliche Selbstwiederholung? Damit hängt sicher auch die stete Auflockerung des erzählerischen Stils und der Diktion zusammen; sie ist eine instinktive Vorbeugungsmaßregel gegen Ermüdung und eingerostete Grundsätze, mittels deren sich ein nicht mehr lebendiges Gesicht den Schein des Lebens anlügt.

 

Ich komme auf das Problem der Verwandlung zurück, weil es allgemach das allerwichtigste für mich wird. Ein junger Freund, Philosoph und Musiker, dem ich vorlas, was ich darüber geschrieben hatte, äußerte sich enttäuscht und unzufrieden über den resignativen Ton, der meine Feststellung durchzog. Ich hatte ihm von den Hunderten von Briefen erzählt, die ich bloß in den letzten drei Monaten erhalten habe und die mir Einblick in viele Schicksale, in viel Verwirrung und Verzweiflung gewährten. Er sagte, die meisten dieser Zuschriften seien menschliche Dokumente ersten Ranges, nicht nur als erschütternde Beiträge zur Zeitgeschichte, durch ihren privaten und diskreten Charakter über jede Anzweiflung erhaben, sondern auch das, was ich mich weigerte in ihnen zu sehen, Zeichen und erste Keime der Verwandlung; was könne sich ein Schriftsteller besseres wünschen, als daß sich ihm die Seelen erschlössen und er eine Zuflucht bilde für die Not und Angst der verfinsterten Gemüter? Ich erwiderte ihm, die fünf-oder sechshundert bedeuten zu wenig gegen die Millionen, dies bestritt er und meinte, wenn ich diejenigen hinzurechne, bei denen Schüchternheit, Mutlosigkeit und Zweifel am eignen Gefühl den Entschluß nicht zur Ausführung kommen ließen, könne ich die Zahl verzehnfachen; aber an der Zahl sei nichts gelegen, die Tatsache sei wichtig, der Appell, die Bewegung, und so wie ich ihm den Vorgang geschildert, sei er durchaus ein geistiges Novum. Darin habe er vielleicht recht, entgegnete ich ihm, trotzdem könne man nicht von Verwandlung sprechen, sondern höchstens von Wandlung, nicht von Verwirklichung, sondern höchstens von Wirkung. Er leugnete es. Mit Heftigkeit wandte er sich gegen den Satz, daß die Wesensmetamorphose in den Bereich der Idee gehöre und daß ihr keine Wirklichkeit entspreche. Man könne einen Menschen doch bekehren, man könne seine Sinnesrichtung umbiegen, dafür gebe es Beispiele genug, nicht nur auf religiösem Gebiet, große Beispiele, wie das des Paulus, oder auf sozialem, wie das des Fürsten Krapotkin etwa, auch auf erotischem; eigentlich sei jede echte Liebe ein Akt der Verwandlung. Dies mußte ich einräumen, ob-schon ich ihm bemerkte, daß die Seltenheit solchen Geschehens, auch die Seltenheit dessen, was er echte Liebe nannte, nicht groß in Betracht komme gegen die Häufigkeit der Wandlung im umgekehrten Sinn. Darauf antwortete er etwas ungeduldig: wäre das Außerordentliche die Regel, so existierte es nicht einmal mehr in der Idee. Wie fast alle Diskussionen hatte auch diese kein Resultat. Es hängt mit der Langsamkeit aller Entwicklung zusammen, sowohl in der Natur als auch innerhalb -der Menschheit, daß jede Verwandlung sich auf zu weite Fristen erstreckt, als daß ihre einzelnen Stationen nachweisbar oder beobachtbar sein könnten. Den verwandelten Menschen zu fordern, die Verwandlung von ihm zu erwarten, ist die pure Überheblichkeit, vorwitziger Eingriff in den mysteriösesten aller Prozesse. Ich kann mein winziges Gran dazu beitragen, ja, das kann ich, meinen sterblichen Amöbenwillen kann ich mischen in das unsterbliche Sein der Allkreatur; mehr steht mir schwerlich zu. Der Anspruch auf die Verwandlung der ändern stößt vor allem auf die Frage nach der eignen Verwandlungsfähigkeit. Es darf eben kein Anspruch sein, es muß Leistung sein. Wer sich Bild und Gestalt zum Lebensziel setzt, muß sich selbst in Bild und Gestalt verwandeln können, sonst bleibt seine Wirklichkeit ohne Verwirklichung.

 

Freunde und Fremde, die mich besuchen, kommen meist aus dem Trubel der Städte, daher empfinden sie die Stille, die Weltentrücktheit meines Hauses wie etwas Unerlaubtes, als dürfe man so nicht leben, so abgetrennt, so fern von Aufruhr und Wirrwarr. Es ist freilich schön, geben mir Blick und Miene zu verstehen, aber werden die Gebirgsmauern rundum nicht allmählich zum Bollwerk gegen eine Welt, die jeden fordert, jeden braucht und von dem, der sich von ihr scheidet, um sich eine Existenz nach seinem Sinn zu bauen, auch ihrerseits sich löst? Andere wieder deuten nicht sehr taktvoll an, in einer so idyllischen Ruhe und Schönheit Buch um Buch zu schreiben, sei weiter kein Verdienst; während sie täglich den qualvollen Nerventod erlitten, sei es mir vergönnt, gleichsam mit Genien und Göttern Zwiesprach zu halten. Ich lasse sie bei ihren Gedanken und Reden; daß ich sie still bei mir für Toren erkläre, verschweige ich, auch meine Überzeugung, daß keiner von ihnen auch nur einen einzigen Herbst und Winter auf dem Posten bliebe. Andere wieder finden es gefährlich für den Schriftsteller, sich vom "Leben" zurückzuziehen und sich in einer reizenden Einöde zu vergraben (als sei der Schriftsteller ein Feuerwehrmann, der unbedingt zur Löscharbeit bereitstehen muß, als seien nicht genug Feuerwehrmänner da und der große Brand wachse nicht trotzdem undämmbar an). Auch diesen widerspreche ich nicht. Warum sollte ich auch? Es wäre ein fruchtloses Beginnen. Ich habe mir den Widerspruch abgewöhnt.

Ich weiß vollauf die Gnade zu würdigen, die mir das Schicksal gewährt hat, indem es mir diesen weltverlorenen Zufluchtsort als Stätte meiner Arbeit gab. Nach vielen Kämpfen, nach weiten Wegen und Umwegen, denn nichts, was man wirklich besitzt, kann lediglich Geschenk sein. Und wenn ich mich auch davor hüte, die Begeisterten zu ernüchtern und den Zweiflern ihre heimliche Nörgelei auszureden, so ist mir doch zu jeder Stunde bewußt, was es mit dieser Einsamkeit auf sich hat, der ich nun seit vierzehn Jahren verhaftet bin. Ich kenne ihre Hinterhalte und Drohungen so gut wie ihre Verführungen und Beglückungen; ich habe sie ja Tag für Tag an Leib und Seele erfahren. Es hat, in jedem Jahre, viele Monate gegeben, wo ich ohne das nahe Wort eines Freundes war, Briefe und Bücher mußten den lebendigen Umgang, Gesellschaft, Theater, den wärmenden Anteil derer ersetzen, die im gleichbewegten Kreis mit einem leben. In den Jahren kurz nach dem Krieg, als jede Reise noch ein zu fürchtendes Abenteuer war und die Nachbarländer chinesische Mauern um sich errichtet hatten, wollten die Winter oft kein Ende nehmen, niemals lag der Schnee so hoch, starrten die Bergwände so feindselig, lastete die Stille über dem Tal so kerkerhaft, es war, als habe sich die Natur ihrer majestätischen Parteilosigkeit entledigt, um teilzunehmen am Haß des Menschen gegen den Menschen.

Einsamkeit in einer Landschaft, und sei sie die paradiesischste, will zu ertragen gelernt sein. Und hier ist von keinem Paradies die Rede, nur von einem schöngebildeten Tal, dessen grandiosen Abschluß ein Gletscher bildet, der ihm auch in den heitersten Frühlings- und Sommerstunden etwas Erhabenes verleiht, das keine richtige Vertraulichkeit aufkommen läßt. So dicht bei der Natur zu wohnen, heißt, der ganzen Härte ihrer Launen preisgegeben zu sein; der Wald, der Fels, der See haben viele Gesichter, und nicht immer freundliche; wenn im Herbst die frühen Nebel einbrechen, wenn in den Märznächten das Eis birst mit Lauten wie von einem kranken Riesen, wenn nach vieltägigem Regen die Wasser von den Gipfeln rinnen, wenn die Dezemberstürme das Haus in seinen Grundfesten erzittern lassen, da scheint alle Bindung zwischen mir und der Menschenwelt zerrissen, es ist als hätte eine neue Sintflut mich von allen Lebewesen allein übrig gelassen, und nur mein Weib ist noch da als wissender Kamerad, einsam mit dem Einsamen und das Gewicht der Einsamkeit mit mir tragend. Es waren Stunden, wo die ununterbrochene tragische Stille, die auf den gelegentlichen Einkehrgast wie eine scharfe aber wohltuende Arznei wirkte, für uns zur bohrenden Qual wurde; da war dann eine Menschenstimme, die von weit her kam, von der fernen Straße, das Schlagen der Holzfäller im Forst wie ein Gruß aus der Welt. An eine Gewöhnung im banalen Sinn ist nicht zu denken, der ganze Organismus wird mit der Zeit in einen hohen Spannungszustand versetzt, in eine Empfindlichkeit und Hellhörigkeit, die dem, der sein Leben als Glied der Masse zubringt, krankhaft und unverständlich dünken muß; die geringste Kunde von außen gewinnt dramatische Bedeutsamkeit; alles Charakteristische des Weltgeschehens hebt sich klarer und wahrer aus dem Wust des Nebensächlichen; Vergangenheit scheidet sich schroffer von der Zukunft, der Augenblick ist stärker in die Zeit gekerbt, die Gegenwart spürbarer und hastloser; die Menschen, mit denen man in der Ferne verbunden ist, entfalten sich reiner im Bild, ihre Züge werden wesentlicher, Böses und Gutes hat stärkeren Widerklang, man lebt in einem Zustand zwischen Traum und zweitem Gesicht, manchmal ist es als wisse man alles Geschehen vorher, die Seele wird zur Prophetin, der Geist zum allgegenwärtigen Botschafter. Heißt dies "sich vom Leben zurückziehen"? Nein; es ist eine Kette von Schrecken und Erschütterungen, für die das Herz gestählt sein muß, wenn man nicht Bauer von Geburt ist; es heißt, besser sehen und hören und verantwortungsvoller fühlen; es heißt ununterbrochene Wachsamkeit und ein schmerzliches und beunruhigtes Mitleben in der Phantasie, das den, der es erleidet, unbedingt aufreiben würde, wenn er nicht die Möglichkeit hätte, sich in Form von Gestaltungen davon zu befreien. Aber dazu gehört Kraft, Geduld, Vertrauen und Selbststrenge, die Fähigkeit vor allem, es bei sich selber auszuhalten, zudem muß man beweisen können, daß man seine vorgeschriebene Zeit im Kampf abgedient hat, denn daß man sich etwas erspart und sichs ohne Tribut und Entgelt leichter macht, das duldet das Schicksal nicht, heute weniger als je; es scheint zu wissen, was es dem demokratischen Prinzip der Epoche schuldig ist.

 

Was ich über mich selbst geschrieben und gebeichtet, hatte ein naher Freund, der mich in jedem Herbst zu besuchen pflegte, mit großem Wohlgefallen, auch mit Teilnahme gelesen oder, soweit ich es ihm vorgelesen, mitangehört. Eines Tages sagte er: Alles ganz gut und schön, aber das Eigentliche und Wesentliche hat man nicht erfahren. Ich war ziemlich bestürzt und fragte, was er unter dem Eigentlichen und Wesentlichen verstehe. Er antwortete, ihm fehle die Geistesgeschichte des Mannes und Schriftstellers J. W. Er habe wohl über seine Jugend, seine menschlichen Beziehungen, seine Werke, das innere Verhältnis zu seinem Metier und noch manches andere recht wissenswerte Aufschlüsse gegeben, über seine geistigen Ahnen jedoch, seinen geistigen Weg, über das "Woher komm ich und wo steh ich" habe er nichts ausgesagt, oder doch so wenig, daß der höhere Leser, an den er sich doch mit diesen Aufzeichnungen wende, im wichtigsten Punkt unaufgeklärt bleibe. Ich muß ein etwas verdutztes Gesicht gemacht haben, denn er lachte und fuhr fort: Man möchte wissen, aus welchen Quellen du dich genährt hast; man möchte die Motive kennen, die du übernommen hast, und welche Veränderung sie unter deiner Hand erlitten haben; man möchte, um den Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, erfahren, auf welchen Schultern du stehst, da du doch an Originalgenies nicht glaubst und nie geglaubt hast. Ich sagte, nein, an Originalgenies glaubte ich bestimmt nicht, das täten nur gewisse Kritiker, die sich über jedes Buch, das ihnen unterkomme, so äußerten als habe es vordem überhaupt kein anderes Buch gegeben; aber was er von mir verlange, erschiene mir zu schwer; oder wenn nicht zu schwer, so doch zu langweilig; er könne nicht wollen, daß ich sämtliche Bücher und Autoren der Weltliteratur aufzähle, von Homer bis Tolstoi und von Plato bis Schopenhauer, die mich geführt, beeinflußt, entflammt haben, mich so gut wie jeden ändern, der sich nicht einbilde, alles sich selber zu verdanken; das verstehe sich doch am Rande, davon braucht man doch nicht zu reden. Er schüttelte den Kopf. Er antwortete, das verstehe sich freilich von selbst. Es könne für niemand einem Zweifel unterliegen, daß ein Mann wie J. W., sechzig jetzt, das ganze Geistesgut der Jahrhunderte, soweit es ihm überhaupt möglich gewesen, soweit es einem Menschen möglich ist, der gering gerechnet fünfzigtausend Stunden seines Lebens der produktiven Arbeit gewidmet, in sich aufgenommen habe. Aber, so sprach er weiter, mir fällt dabei etwas auf. Als ich dich kennenlernte, warst du rundum schon fertig; warst du fast ausschließlich damit beschäftigt, dir Material zuzuführen, Lebensstoff, historischen Stoff, wissenschaftlichen Stoff, kriminalistischen Stoff, und oft und oft habe ich mich gefragt: wann und wo hat er sich jenem scheinbar Unwirklichen hingegeben, das im Grunde das reine Wirkliche ist, das Überwirkliche, — den Werken selbst, und was haben sie in ihm gewirkt, die Werke, haben sie ihn zu der Gestalt, die er ist, geformt und wie, auf welchem Weg, was hat er sich von ihnen angeeignet, und wo ist es zu finden, wo liegt es in den Dingen, die er gemacht hat? Du willst dir wahrscheinlich nicht darüber klar werden, das Dumpfe in dir sträubt sich gegen die Helligkeit, kann sein, daß die Quellen, von denen ich sprach, bereits verschüttet sind, aber wollen wir nicht gemeinsam versuchen, den Schutt wegzuräumen? Auf diese Frage blieb ich die Antwort lange schuldig und dachte lange nach. Vielleicht hast du recht, erwiderte ich endlich, darin recht, daß alles vergraben ist, aber ich kann nicht einsehen, was es frommen soll, es auszugraben? oder würde es dir etwas bedeuten, wenn ich erzähle, daß ich zwischen meinem achten und zwölften Jahr den Don Quichotte mindestens siebenmal gelesen habe, so daß ich seitenlange Stücke auswendig hersagen konnte? – Natürlich würde es mir etwas bedeuten, fiel er mir ins Wort, du müßtest nur erst sagen oder ergründen können, was es dir bedeutet hat, welche Folgen es für dich gehabt hat. – Das ist eben das Schwere, mußte ich gestehen; den Zustand – eines Kindes, eines Knaben bei der Aufnahme eines so großen Gebildes rekonstruieren zu wollen, das nötigt zu willkürlichen Feststellungen, die schließlich mehr oder weniger schmeichelhafte Hypothesen sind. Ich fürchte mich davor. – Dennoch solltest dus versuchen, drängte er; hat denn nicht auch die Bibel einen ungeheuren Eindruck auf dich gemacht, das Alte Testament? Man sollte denken. Wann hast du sie zum erstenmal gelesen? – Ja, selbstverständlich, gab ich zu, und auf einmal erinnerte ich mich an vieles, vieles wurde mir gegenwärtig, zum Beispiel, wie unser alter, schrulliger, verhaßter Religionslehrer an einem bestimmten Tag im Jahr, dem Tag vor dem Osterfest, der ganzen Klasse eine breit ausgeführte Erzählung, die das Schicksal der Königin Esther behandelte, vorgelesen hatte, und eine andere, religiös gestimmte, märchenhaft gefärbte, deren Inhalt mir aber völlig entschwunden ist. Ich weiß nur, daß ich in atemloser Erregung auf der Bank saß, daß ich das Gefühl hatte, nie etwas Erhabeneres und Rührenderes gehört zu haben. Es ging mir durch und durch, ich war wie verhext. Vielleicht, so fügte ich hinzu, gibt es Wirkungen von Kunstwerken oder bloßen Geschichten, die im kindlichen Gemüt die spontane, tief sich einbohrende Begierde erwecken, solche Wirkungen selbst hervorzubringen; es ist ein Ton, ein Rhythmus, eine plötzlich erkannte Fähigkeit, mitzuschwingen, mitzuleiden, Ahnung vom Begriff und Wesen des Schicksals, der unvergeßliche Eindruck von der Gebärde einer Person, ein nachzitternder Hauch von heldenhaftem Tun und Erdulden, eine Landschaft, ein Traum, der dunkle Instinkt, es machen zu wollen, du verstehst, der Ursinn des Wortes Poet liegt ja drin, etwas "machen", das heißt bilden, Starres bewegen, totem Wort Leben einblasen, mitziehen, mitteilen, von eigner Empfindung andere überzeugen, und zwar auf Umwegen, durch List gleichsam, so daß sie es nicht merken und gefangen werden. So haben mich, als ich fünfzehn war, die schönen alten Sagen vom Herzog Ernst und den Haymonskindern "gefangen", aber nicht weniger die zahllosen scheußlichen Indianerbücher, die man für zehn Pfennig das Stück kaufen konnte und die unter uns Schuljungen von Hand zu Hand gingen. Der Hang zum Abenteuer ist ein elementarer Trieb, der Hang zum Fabulieren desgleichen; kann ein Junge nicht zur See gehen oder den Skalp eines Feindes erbeuten – du wirst zugeben, dies zu tun, kommt er selten in die Lage –, so wird, falls er Einbildungskraft besitzt, seine Sehnsucht produktiv und erschafft sich die geistige Spiegelung und Ersatzhandlung. Dabei winkt ihm noch der Lohn des "gefangenen" Hörers, des "Gefesselten", alle diese Bezeichnungen haben einen äußerst sinnlichen Untergrund. Ob die Prämie geistiger und seelischer oder sittlicher Art ist oder brutal stofflicher, macht schließlich nur einen Unterschied der Qualität aus, die Prämie will man gewinnen. Jede märchenerzählende Mutter gewinnt sie in der entzückten Aufmerksamkeit des lauschenden Kindes.

Mein Freund hatte mich ohne Unterbrechung angehört, wenn auch mit wiederholtem Kopfschütteln. Es ist merkwürdig, sagte er jetzt, wie du alle diese Wahrnehmungen und Beobachtungen ausschließlich in den Bezirk des Gefühls und der Phantasie verlegst. Damit kommen wir aber keinen Schritt weiter. Alles was du da vorgebracht hast über den Antrieb und den uranfänglichen Reiz, ist mir natürlich nicht unbekannt. Im großen und ganzen interessiert es mich nicht. Mich interessiert die andere Art des Werdens. Verstehst du nicht, was ich meine? Du sagst, du hast schon als Bub den Don Quichotte soundso oft gelesen. Schön. Mit welcher Folge? frag ich noch einmal. Mit welcher geistigen Folge, so will ich fragen. Könntest du nicht eine Formel dafür finden, was dir die Lektüre offenbart hat, denn ich bin sicher, sie hat dir etwas ganz Entscheidendes offenbart, hat unbewußt ganz entscheidende Ideenwurzeln in dir wachsen lassen, eine solche Liebesbeziehung zwischen einem Buch und einem Menschen kann unmöglich ohne Frucht bleiben. Denk einmal nach. Überwinde deine Abneigung gegen das Denken. – Ich mußte lachen. Ja, es ist wahr, versetzte ich zögernd, ich glaube, das Streben, das durch meine ganze Produktion geht, das Schicksalhafte dualistisch zu lösen, kommt von dorther. – Siehst du, rief er lebhaft, das ist schon was, aber erkläre mirs deutlicher. – Ist es nicht deutlich genug? erwiderte ich; der leidenschaftlich handelnde Don Quichotte und der gelassen betrachtende Sancho Pansa, zweifellos sind sie mir als Paarwesen, Einheit und Zweiheit zugleich, in Fleisch und Blut übergegangen. Gedankliches hat damit nur mittelbar zu tun; der Kampf zwischen dem großartig-törichten Idealisten und dem bäurisch-primitiven Realisten, mein Gott, das ist ja schon Gemeinplatz, ganze Bibliotheken sind darüber geschrieben worden; für mich war das Mimische maßgebend, das Dialogische, die unerschöpflichen Möglichkeiten der Abwandlung, so wie aus einem musikalischen Motiv wie durch ein Wunder immer neue Motive entstehen, die Verbildlichung auf lebendiger Szene, das Zusammentreffen, unerwartet und vorbereitet, Spruch und Widerspruch, Bewegung und Gegenbewegung, Punkt und Kontrapunkt und endlich das, was man Wahrheit nennt, was aber gar nicht Wahrheit ist, sondern eine durch rätselhafte Mittel erzeugte Vortäuschung von Lebensähnlichkeit. Das alles gab mir eine unerschütterliche Grundlage und Grundhaltung, die Formel, um die Welt auszusprechen und ihre dämonische Vielfachheit zu vereinfachen, daher die Gegensatzpaare in allen meinen Büchern: Agathon und Gudstikker, Alexander und Arrhi-däos, Caspar Hauser und Quandt, Nothafft und Philippine, Christian und Niels Engelschall, Etzel und Waremme. Es ist das ewige Ja und Nein der geistigen Welt, das sie darstellen, das Aufbauende und Zerstörende, Natur und Intellekt, Ormuzd und Ahriman, in vielen Fällen fast zu streng geteilt, wodurch die Selbstverständlichkeit, das naive Fürsichselbstsein der Gestalten litt. Als ich sechzehn alt war, bildeten die Bibel, Shakespeare und Schopenhauer meine einzige Lektüre, einen großen Teil meiner freien Zeit brachte ich mit einer Hamletübersetzung zu und tat mir auf dieses Unternehmen etwas zugute; nun, ich bin der Ansicht, daß es nicht ganz ungefährlich ist, wenn sich ein junger Mensch, dessen Gemüt von brennendem Ehrgeiz und unentfalteten Kräften erfüllt ist, ausschließlich mit den höchsten Hervorbringungen des Menschengeistes beschäftigt, er zieht sich dabei eine Art Bergkrankheit zu und verfällt leicht einem Dünkel, der das Verhältnis zwischen Anspruch und Leistung unausgleichbar macht. So stand ich lange Jahre dem verheißungsvollen Auftrieb meiner Epoche, es war die Zeit um 1890, mit seltsamem, beinah lächerlichem Hochmut gegenüber, verstand den Sinn des Neuen nicht und hielt mich, während ich den Beweis schuldig blieb, für etwas viel Besseres als all diese rebellischen Genies. – Das ist negativ, sagte der Freund, von Negativem will ich nichts wissen; ich denke mir, verzeih, daß ich darauf zurückkomme, die Bibel, die Davidsgeschichte, die Propheten, die Evangelien, das alles muß dich doch im Innersten betroffen haben, mehr als irgend etwas sonst, da ja darin wie für die Ewigkeit vorgebildet ist, was dein ganzes Streben ausmacht, die dramatische Epik, der exemplarische Vorgang, der gesetzgebende Typus der Erzählung und die überzeitliche Gestalt. – Gewiß, sagte ich, und die Sprache; die darfst du nicht vergessen. Das Deutsch der Lutherbibel geht in Mark und Blut über, und alles was es an Gesicht und Weisheit, an Figur und großem Schicksal übermittelt, geschieht und besteht durch seine monumentale Einfachheit und beispiellose Kraft. Da ist eine der Quellen ganz freigelegt. Ich entsinne mich, fuhr ich fort, es muß zwischen meinem sechzehnten und siebzehnten Jahr gewesen sein, als mir die Dorésche Bibel in die Hand geriet. Du kannst dir kaum vorstellen, was das für mich war. Ich stehe ja von Natur aus der bildenden Kunst, Malerei und Architektur, kühler gegenüber als den ändern Künsten, du hast es oft genug erfahren und beklagt, ich lebe weniger als du und deine Freunde durch die Augen und von den Augen, das gewährt dir ja auch wieder manche Belustigung, dieses am Naheliegenden Vorbeisehen meine ich; nun, ich wollte von den Illustrationen von Doré sprechen: sie erweckten in mir die bildnerische Lust, den bildnerischen Mut; sie gaben mir die äußere, schier greifbare Bestätigung des freien Rechts der Phantasie auf das innerlich Angeschaute und wie unermeßlich groß der Spielraum der Anschauung ist; man darf also, jubelte es in mir, es ist möglich, es kann ausgedrückt und gezeigt werden; sicherlich ging mir dabei auch ein Licht auf über das Wesen des Charakteristischen, der Typenunterscheidung, des strengen Gesetzes der Kontur. Vielleicht überschätze ich das; vielleicht hätte ein anderes Erlebnis denselben Dienst getan; im Alter der Empfängnisreife und der Formbarkeit ist das letztlich Bestimmende oft nur zufälliger Art; die Flamme will brennen, wo und wann sie sich entzündet, ist nicht gar so wichtig. – Das mag sein, aber du denkst immer ein wenig zu weitherzig über die Zusammenhänge, bemerkte der Freund tadelnd, es ist deine alte Neigung, die Grenzen zwischen dem Logisch-Pragmatischen und dem Inkommensurablen aufzuheben oder doch zu verwischen, ich kann da nicht mittun, bleiben wir nur beim Nachweis, bei den Zeugnissen, beim erlebten Leben. Ich sehe dich am Anfang deines Wegs versunken und verwühlt in Schmöker und in Herrlichkeiten, noch heute bereitet dir ja ein spannender Ladenhüter manchmal ebensoviel Vergnügen wie ein Meisterwerk, und du redest dich dann auf deine Müdigkeit aus, sei aufrichtig, es ist so; ungeleitet warst du, ganz führerlos seh ich dich, überall herumtastend, nach allem gierig langend, was dir Rausch und Bild und Steigerung verspricht, heute Gibbons Untergang Roms, morgen den Graf von Monte Christo, das muß einen wahren Salat in deinem Kopf gegeben haben, es wundert einen bloß, daß du schließlich doch auf das Richtige gestoßen bist, wennschon in Intervallen, mit unbeirrbarer Sicherheit immer das Förderliche ausfindig gemacht hast, genau das, was dir dienlich ist. – Es ist lange nicht so wunderbar, wie du glaubst, versetzte ich; das hat alles seinen zwangsmäßigen Gang und beruht auf der geistigen Not. Man ist wie ein Jäger im Urwald, der sich seine Beute suchen muß, weil er sonst verhungert. Was du von den Schmökern und Ladenhütern sagst, das stimmt so ziemlich, aber eben nicht ganz. Du kennst doch das Wort, daß sich auch noch in der Pfütze die Sterne spiegeln; so erging und ergeht es mir nicht selten mit den Schmökern und Ladenhütern, auch mit Gerichtssaalberichten und Prozeßakten, sie geben mir den Abschein eines Lebens, dessen ich sonst nicht habhaft werden kann, und geben es anspruchslos, ohne daß ich eine Verpflichtung übernehme, und was das Kriminalistische anlangt, darfst du nicht übersehen, in welch engem Räume es bei mir mit dem Schuldproblem steht. Ein Kunstwerk ist immer wie ein Prisma, das die Farben bricht, jene sind wie Fensterglas, durch das ich in eine Landschaft schaue, die, ob sie nüchtern oder phantastisch ist, etwas Unverfälschtes hat und mich augenblicklich zwingt, sie umzudichten, sie mir zu eigen zu machen, indes das Dichtwerk auf diese Weise, nämlich so, daß ich es in meiner Vorratskammer unterbringen darf, mir niemals zu eigen werden kann; je höher es steht, je weniger. Auf andere Weise natürlich, im Sinne des Erliegens, im Sinne von Weltzuwachs, im Sinne: das ist da, das ist gemacht und somit ein für allemal erledigt, nicht aber im Sinne von Material und Behelf. In diesem Sinn hilft mir das Dichterwerk nicht, im Gegenteil, es schaltet mich aus, es macht mich überflüssig. – Nein, wie sonderbar, rief der Freund lachend, wie verdreht! Da wären dir also all deine Meister, Tolstoi und Balzac und Dickens und Flaubert und die arabischen Erzählungen, da wären sie dir alle im Grunde entbehrlich gewesen, und du hättest dich am Ende mit ein paar Anekdotensammlungen, mit Casanovas Memoiren und dem Pitaval, begnügen können? Ich bitte dich, sag das nicht. – Ich sag das keineswegs, gab ich zurück, keineswegs, obwohl ich nicht einsehe, weshalb man Anekdoten verachten soll, zumal wenn sie gut sind, und Casanova, über den laß ich nichts kommen, und der Pitaval: eine Fundgrube. Du könntest ein paar hundert solcher Bücher nennen und würdest nicht erreichen, daß ich schamrot werde. Du hast meine Meister genannt; das waren sie in der Tat. Aber die Meister als täglicher Umgang und Pirschgesellschaft, nein, das kann sich nur ein sturer Kopf leisten, einer, der sich einbildet, man müsse mit Nektar und Ambrosia großgepäppelt werden und der Matterhorngipfel sei gerade die passende Lage für eine Villegiatur. Ich mißtraue solchen Leuten. Das mit den Meistern verhält sich so: ein jeder hat in unserm Lebensbezirk seine besondere Zeit, seine besondere Mission, seinen besonderen Ort. Man muß sozusagen graduiert sein für sie und für jeden ein eignes Schicksalsexamen bestanden haben, sonst liest und lebt man an ihnen vorbei. So gab es eine Zeit in meinem Leben, wo ich in Turgenjew vollständig vernarrt war, namentlich eine Novelle, die "Erste Liebe" betitelt ist, hatte es mir angetan, weder vorher noch nachher ist mir der hinter dem Werk stehende Mensch so verehrenswert erschienen, der Name hatte etwas Heiliges für mich, und was ich von ihm gelernt habe, kann ich ziemlich genau umschreiben, es ist das Atmosphärische, in das er seine Figuren stellt, vor dreißig Jahren nannte man es Stimmung, eine eigentümliche Mischung von Melancholie und leiser Skepsis, von Volkshaftigkeit und großer Welt bei ungemeiner Zartheit und Präzision der Linienführung; zu anderer Zeit habe ich Maupassant von der ersten bis zur letzten Seite verschlungen; hier war es die Härte des Griffels, die Grausamkeit des Auges, die mich faszinierten, aber es war der völlige Mangel an metaphysischem Vermögen, der meine Vorliebe nur kurz dauern ließ; es ist ja eine finstere Welt ohne Himmel, die er baut, freilich mit unheimlicher Genialität. Und wieder war eine Zeit, da entdeckte ich Dostojewski; ich kann ruhig sagen: entdeckte, denn damals, zu Anfang der neunziger Jahre, wußte man in Deutschland kaum etwas von ihm; ich weiß nicht mehr, aufweiche Weise mir der "Idiot" in die Hände geriet, es waren lauter einzelne Seiten aus einem Zeitungsabdruck, ich ging nach der Lektüre tage- und wochenlang herum wie betrunken, wie halluziniert, da war eine Macht, den Leser zu entselbsten, ein so satanischer Chiliasmus, wenn du die Wortverbindung erlaubst, daß ich zunächst in die schrecklichste Verwirrung gestürzt wurde und haltlos zwischen Haß und Vergötterung schwankte, denn das war kein Mensch mehr, das war ein Teufel, ein heiliger Teufel, der Vernichterapostel. Es ist klar, daß sich ein junger Mensch aus dem Druck einer Epoche, die eine solche Erscheinung gebiert, nur auf zweierlei Art retten kann: entweder er weigert sich, sie zu sehen und aufzunehmen, das ist die Regel, oder er findet sich mit ihr ab, indem er sie literarisiert, das heißt rein ästhetisch einordnet, sei es bewundernd, sei es ablehnend, und als eine Sache unter vielen zu den Akten legt. Weder das eine noch das andere vermochte ich. Da du mich kennst, brauchst du keine Begründung. Literatur war mir nicht etwas wie eine geistige Wohnungsausstattung, sondern ein Seinselement, sublimierter Niederschlag der seelisch-geistigen und sozialen Existenz. Nun, darüber kann man mehrerlei Meinung nicht sein, oder wir müßten die angeblich heraufkommende Barbarenära schon als angebrochen betrachten. Du stammst aus einer späteren Generation, kannst daher nichts von einem Buch wissen, das um das Jahr 1890 erschien, ein nordisches Buch, es hieß "Müde Seelen" und war von Arne Garborg; es übte eine schwer zu beschreibende Wirkung auf mich aus, vielleicht war es das erste Buch eines Lebenden, das mich hineinriß in meine eigene Zeit, mir die Augen öffnete für eine andere Prosa als die, die ich liebte und der ich nacheiferte, für eine Darstellung gegenwärtiger Menschen auch, Menschen, die ich plötzlich anzuschauen gezwungen war. Mit seinem grauen Licht und seiner schmerzlichen Untergangs-srimmung hatte der Roman etwas Prophetisches an sich, obwohl ich fürchte, daß er heute eine papierne Leiche ist.

 

Eines fällt mir auf, sagte der Freund nach kurzem Schweigen; wir sprechen da von russischen, französischen, englischen Werken und Autoren, von deutschen nicht. Du hast mir mal erzählt, wie eine militärische Arreststrafe, die dich drei Tage ins Kittchen brachte, die Veranlassung war, daß du die vielen hundert Seiten der "Promessi sposi" von Manzoni auf einen Sitz hintereinanderweg gelesen hast. Ich könnte es nicht, ich schwör es dir, und wenn man mich drei Wochen einsperrte; ich finde das Buch gräßlich langweilig. – Es war ungeheuer gemütlich, fiel ich ihm ins Wort, ich spürte nichts mehr von der Pritsche und den kalten Mauern und von Wasser und Brot, nie hat mich ein Buch in solchem Grad die erbärmliche Wirklichkeit vergessen lassen. Kommt hinzu, daß es da eine Schilderung der Pest gibt, unvergleichlich; sie gehört zu den Bildern, die gewissermaßen den eisernen Bestand der Phantasie ausmachen, die unveräußerliche Reserve. – Zugegeben, aber es handelt sich wieder um einen Nichtdeutschen, wandte mein Partner ein; ich bin doch kein Nationalist, alles andere kann man von mir behaupten, das nicht. Es steht auch nicht zur Rede, wenn man an die gewaltige deutsche Geisteswelt denkt, alle diese herrlichen Dichter und Denker und Träumer; keinen hast du auch nur erwähnt. Und wenn ich außerdem überlege, daß du die meisten deiner bevorzugten Lieblinge in entstellenden, oft unwürdigen Übersetzungen lesen mußtest, wird mir ganz traurig zumut. – Ich sagte: dies ist der heikelste Punkt unserer Erörterung, ich bin ordentlich in Verlegenheit, wie ich dir die schwierige Lage erklären soll, in der ich mich da immer befunden habe. Deinen Jammer wegen der Übersetzungen nehm ich nicht so bitter ernst; du weißt ja, es gibt eine Transparenz des Bildes, Transparenz der Form, die jeder Sprachverhunzung trotzt; die Gestalt vollends ist unzerstörbar; ferner hat das Fremdartige gerade durch die Übersetzung eine bestimmte dauernde Färbung angenommen, besonders bei den russischen Büchern, die, wenn das Unzulängliche nicht sinnstörend wird, nicht ganz ohne Reiz ist. Freilich Ursprache ist Ursprache, der dichterische Herzrhythmus geht verloren. Nun, und das Deutsche ... daran kann man sich wund denken. Als Gesamtes ist es kaum faßbar; kein Einzelner zeugt für das Gesamte, jeder nur für sich selbst; das Nationale wie das Gesellschaftliche hat keine Einheit; überwältigende Persönlichkeiten, die untereinander ohne Zusammenhang sind oder nur Gruppen und Schulen bilden; in der großen Epik, und die ist ja unser Gegenstand, ein Dutzend hohe Gipfel und sonst Flachland; das Universale, Weltgültige spärlich und einsam, das Provinzielle, Landschaftliche bei großer Tüchtigkeit und oft auch bedeutender Tiefe meist seltsam entlegen, seltsam eigensinnig und daher ohne Folge und Repräsentation. Gut, über ein Dutzend Repräsentanten geht es auch bei den ändern nicht hinaus, aber da ist nicht die Zerstücktheit wie bei uns, der ständige Bruch der Überlieferung, dieser Stolz auf Nachbar- und Ahnenlosigkeit, dieses Konglomerat von Stilen und Moden, diese Feindseligkeit der Heutigen gegen die Gestrigen, dieses völlige Vergessen der großen Leistung und die unaufhörliche Zwietracht zahlloser Duodezfürsten, auch im Reich der Kunst, von den Geringeren ganz zu schweigen.— Das siehst du so, weil du mitten drin steckst, sagte der Freund, weil es dein eignes Land und Arbeitsfeld ist; auch historisch genommen steckst du drin. Das führt uns aber allzu weit vom Thema ab. Ich bin zufrieden, wenn ich etwas über deine deutschen Gipfelerlebnisse erfahre, sie interessieren mich weitaus am stärksten. Du darfst mir aber nicht mit der Musik kommen, das würde ich als Fluchtversuch betrachten. Ich weiß, was dir die Musik gewesen ist und noch ist, daß sie dir den Sinn für das Architektonische und die Motivenführung erschlossen hat, andererseits trägt sie die Schuld an einer gewissen Weichheit und Verschwärmtheit, der du zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahr nicht zu deinem Vorteil unterlegen bist. Nein, ich will, daß du mir von den Wahlverwandtschaften sprichst, vom "Titan" oder "Hesperus", vom Grimmelshausen, von Ranke, von Görres und Eichendorff, von Grimms Märchen und Kellers Legenden, vom "Oberhof" und vom "Armen Spielmann", von "Kater Murr" und "Jürg Jenatsch", – meine Liste ist noch lange nicht zu Ende. – Ja; ja; gewiß, sagte ich, sehr bewegt von dieser Aufzählung einer Welt von Sternen; das alles ist meine Nahrung gewesen; das läßt sich nicht aus dem Gedächtnis wischen, die Dankbarkeit nicht, der Gewinn nicht. Zu vielem kam ich erst spät, später als andere; zu den "Wahlverwandtschaften" erst als ich dreißig war, dafür ging mir der Roman gleich durch und durch, und als das Wunder an Komposition, das er ist, wurde ich nicht satt, ihn zu studieren und seinen Bau zu untersuchen, dessen arglistige Einfachheit voller Geheimnisse ist. Allerdings, daraus lernte ich, was der Roman sein kann, ein symbolisches Gebilde mit überhöhter Wirklichkeit, das Figurale nicht im Innern verhaftet und versponnen, sondern wie bei den gotischen Domen, an der Fassade, und als ganze Gestalt schier ohne Stoff, wie von Geisterhand gemacht. Viele Gespräche zwischen mir und Hofmannsthal drehten sich um dieses Werk, du weißt es. Daß ich damals nicht Notizen darüber gemacht habe, verzeih ich mir nie. Ein paar Erwähnungen in den Tagebüchern, das ist alles. Hofmannsthal war es auch, der mich zur Lektüre der Arnimschen "Kronenwächter" veranlaßte, eins dieser mysteriösen deutschen Bücher, die wie durch Zauberei entstehen, losgelöst von aller Gegenwart, und von sich selber leben wie ihre Schöpfer. Ja, ein zauberisches Buch, die Deutschen kennen es natürlich kaum, es ist "Literatur", und doch außerhalb der Literatur, einmaliger Glücksfall; es gleicht einem gemalten Kirchenfenster von einem Meister des fünfzehnten Jahrhunderts, das deutsche Mittelalter ist mit seinen tiefsten und lebendigsten Zügen darin aufgefangen, wahrhaftig, es gibt im ganzen Schrifttum der Welt nichts Ähnliches an Phantasiekraft, nur der eigentliche Kern fehlt, der Mittelpunkt, die Seele vielleicht, oder die seelische Überbrückung der Zeiten, so daß etwas Archaisches daran haftet. Als ich das Hofmannsthal sagte, griff er es lebhaft auf, und ich entsinne mich, daß es eine seiner erleuchtetsten Stunden war, als er im Anschluß daran über das Wesen der deutschen Romantik sprach. – Ich möchte wohl dabei gewesen sein, sagte der Freund still vor sich hin, ich beneide dich drum. — Ich fuhr fort: er war es auch, der mich, oft und oft, vor Häufungen warnte, stilistischen und charakterisierenden, dem Zuviel an Schilderung, an Deutlichkeit, die dem Leser nichts erspart, und einmal sagte er mir das Wort: man darf nicht alles Korn vermahlen, das man auf seiner Mühle hat. Er war für Magerkeit, für Schmucklosigkeit und hauptsächlich für Präzision. Das, was er das präzise, das richtig sitzende Detail nannte; bewunderte er so sehr an den guten Franzosen. In der Beziehung und in allen Dingen des Geschmacks verdanke ich ihm viel, denn ein Schriftsteller ohne Geschmack ist nichts wert, mag er sonst bis zum Bersten voll Genie sein.

Zwischen dieser Unterhaltung und der nächsten, der abschließenden, verstrichen einige Tage. Ich spürte, daß ich dem Freund noch nicht genügt hatte, daß er noch von manchen unausgesprochenen Fragen beschwert war. Er wollte mich eben in meinen Bekenntnissen möglichst weit und hoch treiben, da er der Ansicht war, wenn man dergleichen einmal beginne, dürfe man nicht auf halbem Weg aussetzen. Der Versuch einer Selbsterforschung sei wahrscheinlich ein richtiger Instinkt gewesen, sagte er, ein dunkles inneres Bedürfnis, doch habe ich mir nicht klar gemacht, welche Verpflichtung ich mir dadurch auferlegt habe, welche Fülle der Forderungen daraus entstehen würden. An den Hauptpunkt hätte ich mich bisher nicht herangewagt, sagte er. Zweifellos lasse sich doch das Werk jedes Autors von Rang unter einer zentralen Idee zusammenfassen. Bei mir sei es die Idee der Gerechtigkeit. Er argwöhne sogar, dies habe sich bereits in meiner frühen Leidenschaft für den Don Quichotte angekündigt. Und weil er es gleich im Sinn gehabt, hätte er mich nach dem Einfluß der Bibel, des Alten Testaments gefragt. Natürlich könne er nicht wissen, und ich werde es wohl auch nicht sagen können, bis zu welchem Grade bewußtes Erlebnis und nachweisbare Erfahrung oder mitgeborene Anlage für diese Lebensverfassung und Geistesstrebung bestimmend war. Ich hoffe, du verübelst mir mein begehrliches Drängen nicht, schloß er seine Rede.

Das führt weit, mußte ich antworten, so weit, daß ich fürchte, deine Geduld zu ermüden. Wir müßten zuerst übereinkommen, was wir unter Gerechtigkeit zu verstehen haben; offenbar ist sie eine Gleichgewichtslage der Seele, wenn wir auf die eine Waagschale die Schuld und auf die andere die Sühne legen, oder das Verbrechen auf die eine, die Strafe auf die andere; oder das Leiden auf die eine und die Aufhebung des Leidens auf die andere. Und dann: ob ich selbst das Leiden, die Schuld trage oder der Nebenmensch, ob ich also mittelbaren oder unmittelbaren Anteil an der Wiedergutmachung habe; danach richten sich Befund, Urteil und der Schmerz über den fehlenden Ausgleich, der vollkommen unverwindbar ist. In allen Fällen ist es eine Frage von Maß und Gewicht, eine, mit der die innere Substanz des Menschen zu tun hat, sein Weltgefühl, sein Gottgefühl, sein Selbstgefühl, sein Vertrauen in die immanente Ordnung der Dinge. Es ist, möchte ich sagen, eine Lichtfrage; je nach der Überzeugung, die wir empirisch, persönlich oder außerpersönlich, von jener Verwaltung des Seelenguts gewinnen, die wir Gerechtigkeit heißen, ist unser Leben mit Helligkeit gesegnet oder zur Finsternis verdammt. Davon kann sich keine menschliche Kreatur freimachen. Das Maß von Gerechtigkeit, nach welchem in irgendeiner Gemeinschaft verfahren wird, sei es der Staat, sei es die Familie, sei es die Menschheit als Ganzes, ist das Regulativ für die Gesamtsumme von Freude, Aufschwung, Willigkeit, Dienst, Behagen, überhaupt von allem Glück, die sie zu produzieren vermag. Darin sind wir doch einer Meinung? Also. Daß die Gerechtigkeit, nicht bloß als Idee, als Inkarnation des göttlichen Wesens, sondern als sittliche Forderung von höchster ungestümster Dringlichkeit das moralische und legislative, politische und religiöse Fundament des Judentums bildet, kann nicht bestritten werden. Sollten sechzig Generationen imstande sein, dieses tiefeingebrannte Geist- und Seelenzeichen zu verwischen? Ich glaube nicht. Und was liegt näher zu denken, als daß eine solche Forderung, in grauer Vorzeit erhoben, eine solche Idee, in den Frühzeiten der Geschichte wirksam, schon damals ein langes Leidensgedächtnis, einen schweren Leidensweg voraussetzte? Sie war nicht bloß ein Ergebnis vergangener Leiden, sie war auch ein ahnungsvoll errichteter geistiger Schutz gegen die künftigen, an deren Ende, als Erlöser von allem Unrecht, der große Ausgleicher und Entschädiger, der Messias, stand. Nun folge mir einen Augenblick durch die letzten zwei Jahrtausende jüdischen Schicksals. Aber wozu brauch ich zwei, eines genügt, bleiben wir beim letzten. Es ist eine Straße des Kummers und der Tränen, wie es keine gab, seit menschliche Taten und Leiden aufgeschrieben werden. Man vergißt es, man löscht es in sich aus, es bleibt einem nichts anderes übrig, wie sollte man sonst weiterleben, der Einzelne will nicht teilhaben an den Missetaten der Zeitgenossen, der später Geborene nicht an denen der Vorfahren; ob hundert oder tausend oder dreimalhunderttausend auf dem Scheiterhaufen und unter Mörderhänden krepiert sind statt an Altersschwäche in ihren Betten, spielt vielleicht nach fünfhundert Jahren keine Rolle mehr, schon nach zwanzig nicht, manche beruhigen sich dann damit, daß der Menschheit überhaupt nicht zu helfen und Hopfen und Malz an ihr verloren ist. Dennoch wird alles Geschehen im Gruppen- und Stammesgedächtnis aufbewahrt und bildet den historischen und mythologischen Erlebniskern. Dieser steten Konfrontation mit dem Gewesenen waren die Juden mehr als jedes andere Volk ausgesetzt, da sich ihre ganze geistige Existenz immer zwischen Gesetz und Legende bewegt hat. Vergegenwärtige dir diese jahrhundertelange Dauer und Ansammlung von verbrecherischer Wut, mitleidloser Abschlachtung, seelischer und leiblicher Schändung, tückischer Verleumdung, systematischer Bluthetze ohne jegliche Gewissensregung, fanatischer Menschenjagd bis zur völligen Erschöpfung der Opfer, Orgien der Habgier und Grausamkeit unter dem Deckmantel der Religion und mit dem Hintersinn der Beseitigung geschäftlicher Konkurrenz; wahrlich, nur ein stumpfsinniges Vieh kann über die Tatsache hinwegleben, daß dieses christliche Europa ein von Menschenblut triefendes Schlachthaus vorstellt. Von Sühne und Ausgleich ist aber nichts zu merken und nie etwas zu merken gewesen; das armselige Almosen, gewährt in einer kurzen Periode der Humanisierung, kommt doch gar nicht in Betracht; der unergründliche Haß hat nie aufgehört zu glimmen, wenn er ihn nicht gerade versengte, atmete der Jude schon auf; die Mittel der Verfolgung sind raffinierter geworden; die Anklage lautet nicht mehr auf Brunnenvergiftung und Kreuzigung des Heilands, sie geht viel weiter, sie unterhöhlt die Existenz als solche, die Menschenrechte und Bürgerrechte als solche, sie dehnt, wo sie ganz konsequent ist, den Bannstrahl auf die Person des Heilands selbst aus; sie bedient sich einer liebedienerischen Wissenschaft, um die ohnehin unausrottbare Lüge zu verewigen; sie wird erhoben bei einem gewonnenen Krieg, im Gefühl des Übermuts, sie wird erhoben bei einem verlorenen Krieg, denn einer muß die Schuld tragen, und wer sollte sie tragen, wenn nicht der Jude; sie brandmarkt die Vergehungen Einzelner als Entartung der Gesamtheit: ihre anarchische Haltung, verständlich durch die Ausschaltung aus dem Gesetz; ihre Vervetterung und Solidarität noch, verständlich durch den sozialen Stacheldrahtverhau, der sie umgibt; ihre überwiegend wirtschaftlichen und merkantilen Interessen, verständlich durch jahrhundertelange Verbote und Sondermaßnahmen, die sie nur als Geldverleiher und fürstliche Bankiers zuließen; ihren Intellektualismus, der nicht minder die Frucht tausendjährigen Druckes und gänzlicher geistiger Vereinsamung unter den Nationen ist, wobei ihre einzige Rettung darin bestand, im Angesicht des Todes der Nichtswürdigkeit des Lebens nachzugrübeln; ihre Bemerkbarkeit, ihre Betriebsamkeit und Geriebenheit und jene aus uralter Angst und Verzweiflung in die Aktion umgeschlagene Radikalität, die alle Grade von der kleinen Frechheit und Aufsässigkeit bis zur Zerstörung des Bestehenden durchläuft; die angebliche physische Feigheit, die, soweit sie nicht wirklich Furcht und Zittern ist, ihnen durch die Jahrhunderterfahrung ins Herz gepreßt, nichts anderes ist als der verleumdete Ausdruck für die Tatsache, daß der Jude der Mensch der Gewaltlosigkeit ist; das Unvermögen schließlich, sich in einer größeren Gemeinschaft aufzulösen, als ob dies jemals offen, ohne Demütigungsabsicht und schmähliche Verklausulierung angeboten worden wäre (sogar bei den Verhandlungen Napoleons mit dem französischen Synhedrion waren nur Machtgier und schlecht verbrämter Eigennutz die Triebfedern des widerwilligen Befreiungsaktes). Da wird keine Ausnähme statuiert; bei allen Völkern des Erdballs gelten die wenigen Edlen und Vorzüglichen als Gradmesser für die Würdigkeit und Bildung der Gesamtheit, bei den Juden allein weist man auf die Niedrigsten hin, um das Urteil über alle zu fällen. Und der Herd der Umtriebe, das Zentrum der Infektion, ist nach wie vor Deutschland! Das schmerzt. Dieses wunderbare Land, dieses unvergleichliche Volk! Es ließe mich nicht ruhen, auch wenn ich kein Jude wäre; den Stachel würde ich nicht los, ich bin dessen sicher, den Vorwurf, den Gewissensruf, das Gefühl einer brandigen Wunde am Körper der Nation, Nun hat mich aber doch das Schicksal zum Juden gemacht, das heißt zu einem Menschen, der sein Alles dransetzt, Blut und Seele, Leben und Nachleben, um zur Gleichgewichtslage zu gelangen; wundert es dich da noch, daß die Idee der Gerechtigkeit über ihm hängt wie eine azurne Flamme?

 

Hier hielt ich inne. Ich wußte, daß der Freund sich gegen dieses Problem wenn nicht ablehnend so doch ziemlich zweifelnd verhielt. Er pflegte zu sagen, je besser man mich kenne, je unwahrscheinlicher dünke es einen, daß ich ein Jude sei, eher ließe sich an einen Abkömmling von Bauern denken, der äußerlich wie innerlich ebensoviel vom Nordländer wie vom Mittelmeermenschen habe. Ich hatte stets erwidert, auf Ausnahmehaftigkeit dürfe man selber nicht pochen, bei der Berufung darauf träten einem die "Mütter" entgegen, und die Zugehörigkeitserklärung zu einer Gemeinschaft, für die man verantwortlich gemacht werde, sei so lange Ehrensache, als keine Satisfaktion für das ihr angetane Unrecht erfolge. Manche bestünden vor der Welt durch ihren Geist, manche durch ihren Charakter, das heißt durch die Ganzheit ihres Seins; der Geist, wie ihn das neunzehnte Jahrhundert definiert und verstanden hatte, sei heute von seinem Thron verstoßen; nur noch als wesenentfaltende Macht könne er sich behaupten, in der stillschweigenden Voraussetzung, daß das Wesen Glied in der Kette sei und mitverantwortlicher, mittragender Teil eines Ganzen. Darauf kamen wir jetzt zurück. Der Freund wollte dieser Anschauung nicht entgegentreten, war es doch in gewissem Sinn auch die seine; er hielt mir nur vor, daß weder religiöse noch Stammes- und Familienbindungen mich wie so viele andere in meiner Jugend zum "Glied in der Kette" gemacht hätten, meine Entwicklungsjahre seien ja eine einzige Revolte dagegen gewesen, Fluchtversuch auf Fluchtversuch bis zum endlichen Gelingen. Er verwies mich auf die Briefe, die ich ein paar Tage zuvor aus dem Nachlaß eines kürzlich verstorbenen Jugendkameraden erhalten hatte, meine Briefe an diesen nämlich; die legten doch ein unumstößliches Zeugnis ab sowohl für meine damalige geistige (und auch leibliche) Not wie für die Herzlosigkeit, mit der mich sämtliche Sippen als einen aus der Art Geschlagenen im Stich gelassen. Aber das hat mir keinen so tiefen Eindruck gemacht, fügte er hinzu, wie die ergreifende Sehnsucht, mit der du in den Briefen von deiner Heimat sprichst, von den Jahren, die ihr gemeinsam in Nürnberg verlebt hattet. Du hast mir oft erzählt, wie ihr ganze Nachmittage lang vor dem Sebaldergrab gestanden seid und Abend für Abend hinauf auf die Burg zogt und Nacht für Nacht durch die alten Straßen und über die alten Brücken, und zu Anselm Feuerbachs Grab, und zu Caspar Hausers Turmverließ, und in den alten verräucherten Kneipen und Weinkellern gesessen seid und mit all den wunderbaren Originalen Umgang gepflogen habt, die es in eurer Stadt noch gab. Ich brauche ein Buch wie das "Gänsemännchen" gar nicht, sagte er, und viele deiner andern ebensowenig, um innerlich zu wissen, wieviel du dieser historischen Landschaft verdankst, wie entscheidend sie dich geprägt hat. Es ist eben eine der eigentümlichsten Legierungen in dir geschehen, die sich je ereignet haben, das steht fest. Der Traum und die Wirklichkeit sind sich in dir begegnet, der Osten und der Westen, das Alte und das Neue Testament, Jeremias und Veit Stoß, Spanien und Franken, zum Lachen merkwürdig. – Du tust mir viel Ehre an, sagte ich; wenn ich die nötige Verkleinerung vornehme, hast du in manchem recht. Daß dieses Nürnberg in gewisser Hinsicht mein geistiges Gesicht geformt hat, kann ich nicht leugnen. Und es ist wahr, daß es der Kreuzungspunkt verschiedener Strömungen für mich war, am sichtbarsten für alles, was an Traum und Märchen grenzt. Und dahinter mußt du dir das düstere Fürth denken, wo ich geboren und Kind gewesen bin, eine Stadt von so trostloser Nüchternheit, als läge sie im amerikanischen Mittelwesten, und hier wieder der Sitz einer der ältesten deutschen Judengemeinden mit weit zurückreichenden Traditionen, die sicherlich noch lebendig in mir waren, als ich mit zweiundzwanzig Jahren die tragische Figur des Sabatai Zewi zu gestalten versuchte, mehr noch die Wirkung, die sein Erscheinen auf die in dumpfeste Hoffnungslosigkeit versunkenen Juden des siebzehnten Jahrhunderts ausübte. Du siehst es: da lag der erste moralische Antrieb, das unüberhörbare innere Gebot, der Ruf nach Erlösung. Und dies ist auch eine sonderbare Überschneidung der Motive, daß die fränkisch-deutsche Caspar-Hauser-Gestalt an den Erlösungsgedanken den von der Trägheit des Herzens knüpfte; eines hat eben ins andere gewirkt, aber der Grundakkord ist der gleiche geblieben. Künstlerisch genommen, vom Prinzip des Schöpferischen aus betrachtet, ist die einzige Genugtuung die, daß man die große Galerie der Menschenbilder um einige wenige vermehrt hat (vielleicht, auch das weiß man nicht mit Sicherheit); ethisch angesehen, ist das Ergebnis zum Verzweifeln. Nicht als ob es nicht da und dort Ergriffene gäbe, Reuige und der Verwandlung Fähige, aber am Lauf der Welt ändert sich nichts, am Haß, an der Lüge, am Mißverständnis, am Wahn und an der Ungerechtigkeit nichts. Als ich vor zwölf Jahren das kleine Buch veröffentlichte, worin ich, mit allzu schwachen Mitteln, wie ich gern gestehe, die unheilvollen Folgen nachwies, die diese welthistorische Schande für mein eignes Leben gehabt hatte, schrieben mir Menschen aus den verschiedensten Kreisen des deutschen Volkes, Frauen und Mädchen, ehemalige Offiziere, Lehrer, Professoren, Beamte, von all dem hätten sie eigentlich keine Ahnung gehabt, ich hätte ihnen die Binde von den Augen gerissen, und sie gelobten mir, manche in feierlicher Weise, sich in Zukunft dafür einzusetzen, daß es anders werde. Es waren leere Worte. Es ist alles viel schlimmer geworden. Als ich in New York, oft und oft, durch die Straßen von Bronx ging, stierte mich jüdisches Elend in solchen Massen an, daß es den Augen schwer wurde zu schauen. Dieses Riesenghetto hat eine Bevölkerung von eindreiviertel Millionen Seelen; in jedem Jahr wandern davon etwa tausend zu Wohlhabenheit und hundert zum Reichtum ab; diese Minorität bildet den Zündstoff für den Ofen des Antisemitismus, die Millionen werden ohnehin drin verbrannt. Verbrannt wird auf alle Fälle. Wenn auch nicht mehr wirklich, so doch in effigie, was die Dinge vor Gott um kein Jota besser macht. In der Zeit des ersten Kreuzzugs war es ein einzelner Mönch, der es fertigbrachte, daß in den Rheinprovinzen sechzehntausend Juden massakriert wurden und Selbstmord begingen; warum vermag im Bösen ein Einzelner so viel, und im Guten ein Einzelner fast nichts? Es ist in großen und in kleinen Dingen so, das bricht den Mut in uns. Das Böse ist seiner Natur nach viel aktiver, daran mag es liegen, das meiste, was wir Tat nennen, steht ja auf der Messerschneide zwischen Gut und Böse; vielleicht ist darum die Erkenntnis Buddhas so tief und das buddhistische Ideal am weitesten von aller Tat entfernt. – Wenn man der Sache auf den Grund geht, bemerkte der Freund, steckt in der Leidenschaftlichkeit, mit der du dich in diese Zugehörigkeitsfrage verstrickt hast, auch ein gut Teil Donquichottismus, so münden die Nebenströme zuletzt wieder in das Bett der Hauptideen. Eigentlich bist du doch ein europäischer Mensch, angefüllt bis zum Rand mit europäischem Schicksal, geformt von europäischem Geist, was Rasse und Blut aus uns machen, ist ja unerforschlich, die innern Wirkungen von Klima, Landschaft, Sprache, Umwelt kann man nachweisen, sie lassen sich mit Händen greifen, schraub dich doch heraus aus dem schlimmen Zirkel, probiere es mit der Zukunft auf deine eigene Faust, statuier dich selbst als Ausnahme, und du wirst es sein. Glaub mir, damit kannst du viele aus demselben Zwangskonflikt befreien, oft fehlt zu einer bestimmten Lebensgestaltung nur die Formel, die Kräfte sind da. – Das sagt sich leicht, erwiderte ich, aber es gehört zu den schwersten Dingen, die es gibt. Was, vor allem, verstehst du unter einem europäischen Menschen, unter europäischem Geist? Es ist eine unhaltbar gewordene Fiktion. Man darf es ja heute kaum wagen, als Europäer zu denken, und als Europäer zu dichten, gilt beinahe als Verrat. Europa hat sich selbst aufgegeben, wie kann es uns tragen? Einmal war ein Moment, es ist noch nicht lange her, da war mir, als könnt ich mich befreien aus der rätselhaften Bindung, die dem Anruf von außen bisweilen mehr gehorcht als der Stimme von innen. Etwas widersetzt sich in mir, wenn man mich festlegen will, wenn die Leistung gemessen werden soll an der Gesinnung, namentlich von den Gleichstämmigen, die sich ja oft viel orthodoxer gebärden als die Gegner. Ich dachte mich darüber hinauszuschwingen in mein eignes erobertes Reich und wiegte mich einen Augenblick in dem Wahn, ich könnte damit Beispiel und Vorbild geben, genau wie du es meinst und wie es in einer vernünftigen und anständigen Welt selbstverständlich wäre. Es war unmöglich. Ungerechtigkeit schmiedet einen an die, die Unrecht leiden, und der Haß, der die Welt umnachtet, macht den Anruf von außen zu einer inneren Verpflichtung.

Der Freund sagte: Das alles will ich glauben, und doch trifft es nur insofern zu, als du eine private Person bist. Darüber hinaus bist du aber noch Schöpfer und besitzest alle Möglichkeiten des schöpferischen Menschen, die Widersprüche des Lebens aufzulösen, die Verkettungen zu lockern. Ich habe dir ja oft zugeschaut, wie du mit den schwersten Erlebnissen, unter denen andere zusammengebrochen wären, ganz in dir selbst fertiggeworden bist. Du gingst hin und schufst einen leeren Raum um dich, und in dem leeren Raum war eine unzugängliche Klause. Es ist in dir ein seelischer Selbsterhaltungstrieb, der jedem Angriff der Umwelt trotzt. Du bist mit der Siegfriedshaut versehen, deren verletzliche Stelle du mit jener instinktiven Schlauheit zu schützen verstehst, die allen Künstlern eigen ist. Dazu kommt deine sonderbare Art zu produzieren, die mich immer an das Wort von Mallarmé erinnert: L'inspiration c'est travailler tous les jours. Das gewährt dir den Ablaß. Durch die Flucht in die Klause rettest du dich. Durch die Spaltung deines Ichs in eine gegenwärtige und eine abwesende Hälfte kannst du alle Verantwortungen halbieren; allerdings, gelegentlich verdoppeln sie sich auch, aber nur, wenn deine Spezialvorsehung es so will und etwas damit vorhat. Du lachst, aber das ist der Punkt, auf den ich dich bringen wollte, diese Gabe des Halb- und Doppellebens, die merkwürdige Fähigkeit, seelische Gewichte immer so zu verschieben, daß die Schalen der Waage ganz von selbst in die Gleichlage kommen; damit bewirkst du in deinem Innern ebendas, was du in der Welt so leidenschaftlich, so vergeblich suchst: Gerechtigkeit. Soll ich dir vorlesen, was du selbst einmal über Gerechtigkeit geschrieben hast? Hör zu: "Ich ahne, daß es etwas dergleichen wie Gerechtigkeit gibt, vielleicht als bindende Kraft im kristallenen Element, nimmermehr aber im weiterwirkenden menschlichen Tun. Dies Kristallene aber ist hoch über uns, Worte fassen nur täppisch hin, und willst dus greifen, wirds Irrtum und Lüge, und willst dus nennen, mußt du still werden wie ein Wasser in der Ebene, in dem sich der Himmel spiegelt." Ist darin nicht alles enthalten?