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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Die Familie Arons. Salon-Diogenes. Die Reise ins Ausland.

Commilitonen hatten Niels Bryde in einige Familien der Handels- und Beamtenwelt eingeführt; in einer derselben fühlte er sich, sei es nun durch Zufall, Sympathie ober »weil es so sein sollte«, am meisten heimisch und besuchte sie deshalb am häufigsten; es war die Familie des reichen Großhändlers Arons. Der Sohn, Julius, war Herrn Brydes Studiengenosse, und beide fanden, trotzdem sie in verschiedener Weise begabt und ausgestattet waren, Gefallen an einander. Julius Arons war sehr schön und äußerst gutmüthig und ging stets sehr sorgfältig gekleidet, zeigte aber zum Studiren wenig Eifer, weshalb er auch von dem zweiten Examen zurückgetreten war. In seinem Äußern ähnelte er sehr der jüngsten seiner drei Schwestern, die Esther hieß und etwas über vierzehn Jahre alt war; im Übrigen waren die sämmtlichen Glieder der Familie sehr verschieden von einander. Esther war, wie alle behaupteten, stets in ein Buch versenkt, man hörte nicht ein Wort von ihr, wußte gar nicht, oh sie in der Stube war oder nicht. Desto besser wußte man es dafür von der ältesten Schwester, Rebekka; sie setzte ihr Licht nicht unter den Scheffel und ging, wie sich leider nicht läugnen läßt, auf etwas zu hohen ästhetischen Stelzen einher, welchem Beispiele dann auch die andere Schwester, Amalie, folgte, die nur ein Jahr jünger war. Rebekka hielt sich für den guten Kopf in der Familie, führte deshalb das Wort und ließ der Zunge, die ja der Klöppel in der Glocke ist, ihren Lauf.

Niels Bryde wurde aufgefordert, gegen ein entsprechendes Honorar mit Julius die gehörten Collegien zu repetiren. Die Familie Arons galt als ein gutes Haus, in das man sich gern Eintritt zu verschaffen suchte, und Niels ward er gewährt. Durch Steen Blichers Novellen kannten die beiden ältesten Schwestern Jütland und schwärmten für die Jütländischen Haiden und Zigeuner. Herr Bryde, der davon aus eigener Erfahrung reden konnte, wurde folglich sehr interessant. Die Zigeunerin mit dem Idiotenkinde und die Fata Morgana hatten für sie einen Reiz, wie nichts, was Kopenhagen ihnen darbot, hatten etwas wahrhaft Poetisches. Nichtsdestoweniger fand Amalie, es müßte entsetzlich sein, dort drüben zu leben, wo kein Theater wäre und jährlich kaum ein ordentlicher Ball veranstaltet würdet Ihre Schwärmerei galt nämlich einem Schauspieler bei dem königlichen Theater, dessen Porträt über ihrem Bette hing.

Niels studirte nun, wie gesagt, mit Julius Arons; diese Repetitionsstunden verschafften ihm ein Taschengeld, um die Kosten für Theaterbesuch und zur Anschaffung der Werke dieses oder jenes Dichters zu bestreiten. So kaufte er sich unter andern Goethes Werke, eigentlich nur um des Namens willen, und las sie nur bruchstückweise. Die lyrischen Gedichte und Werthers Leiden sprachen ihn an, aber das Übrige kam ihm breit und phantasielos vor; das war wenigstens seine damalige Ansicht. Faust ward verschlungen, das heißt der erste Theil; in dem, was vom zweiten Theil vorhanden war, schien ihm der Zusammenhang zu fehlen. Er hatte noch kein Verständnis für Goethe, und die jungen Fräulein Arons versicherten, daß sie den Muth zu sagen hätten, er wäre gar kein Dichter. »Ei ja, seine Mignon,« bemerkt« Amalie nachdenkend, »sie ist reizend! »Kennst du das Land?'« und darauf sagte sie den Anfang des Gedichtes her, und ihre Schwester erwiderte: »Nein, Schiller steht doch höher! Gedenkst du noch der Johanna: ›Lebt wohl, ihr Berge!‹« – – Wir dürfen die beiden Schwestern jedoch nicht nach dem hier Angeführten beurtheilen; in vielem Andren waren sie wirklich liebliche Mädchen, vernünftig und anmuthig.

Von den Bekanntschaften, die Niels Bryde bei dem Picknick des Herrn Meibum angeknüpft hatte, wurden nur zwei in der Art fortgesetzt, daß man einander beim Begegnen auf der Straße oder im Theater grüßte; die eine war die mit dem Maler, dem Genie auf den Schultern des älteren Geschlechts, die andere die mit dem Salon-Diogenes, wie er genannt wurde. Auf der Langenlinie, dieser Hauptpromenade der Kopenhagener, traf es sich an einem kalten Wintertage, daß Niels und Salon-Diogenes beim Betrachten eines eingefrorenen Schiffes zufälligerweise neben einander zu stehen kamen. Über die Lage des Schiffes tauschten sie die Gedanken aus, und Niels bediente sich im Gespräche des Ausdrucks: »Unser Herrgott dort oben!«

»Sie wähnen also, er sitzt dort oben?« versetzte der Student mit einem seltsamen Lächeln. »Sie glauben also an ihn?«

Unsern jungen Freund überfiel ein Schauder; dergleichen Worte hatte er noch nie vernommen. Sie waren nicht etwa als Scherz gesagt, und auch in einem solchen hätte die entsetzlichste Lästerung gelegen. »Sie glauben doch auch an ihn?« fragte er und hörte sein Herz stärker schlagen.

»Darüber bin ich hinweg,« erwiderte der Student lächelnd und sprach darauf von gleichgiltigen Dingen. Nach kurzem Geplauder trennten sie sich. Seit langer Zeit hatte Niels Bryde nichts so ergriffen und erfüllt wie diese hingeworfenen Worte. Er betrachtete diesen Menschen als einen völlig Abtrünnigen, der schon für die Hölle reif wäre, und dennoch besaß dieser Mensch Niels gegenüber eine ebenso unerklärliche Anziehungskraft, wie sie die Klapperschlange durch ihren Blick mit magischer Gewalt auf den Vogel ausübt, den sie sich zu ihrem Opfer erwählt. Später trafen sie sich eines Abends wieder im Theater, wo sie im Parterre einen Platz neben einander erhalten hatten; im Hinblick auf die neuere Literatur erklärte der Student, daß er sie nicht verfolgte: er läse nur Schriftsteller, die wenigstens zweitausend Jahre alt wären; eine Ausnahme hätte er freilich vor kurzem durch die Lectüre des Lebens Jesu von Strauß gemacht. Dieses Werk sollte doch Niels auch lesen, gerade weil er Geistlicher werden wollte, »es klärte auf«, sagte er.

Obgleich der Student keine weitere Angabe über den Inhalt des Buches machte, erhielt doch Niels Bryde von ihm eine Vorstellung, als müßte es eine Art »Cyprianus«, kurz ein unchristliches, teuflisches Buch sein. Der Student war bereit, es ihm zu leihen.

Tags darauf war es schon in seinen Händen. Auf den Blättern desselben war, wie er wußte, gar vieles in den Koth hinabgezogen, zu dem der fromme Kinderglaube als zu etwas Heiligem und Unantastbarem emporblickte. Ihm war, als hegte er in diesem Buche ein zerbrechliches Glas voller Gift, als hegte er die Schlange selber, die vom Baume der Erkenntnis hinabzischte, in seinem Zimmer. Er verbarg das Buch, niemand sollte sehen, daß er es besaß; es kam ihm vor, als beginge er durch Öffnung dieses Werkes eine Sünde gegen den heiligen Geist. Er las und las mit immer steigendem Interesse und hatte nicht die Empfindung, als ob der Teufel über ihn Herr würde; im Gegentheile, er wurde klüger, seine Gedanken schienen sich ihm höher emporzuschwingen; aber um keinen Preis der Welt hätte er es den Lieben daheim auf der Haide schreiben mögen, daß er Strauß läse.

Als er das Buch zurückgab, hatte er unbewußt ein Gefühl, als wäre er der höheren Geisterwelt von Engeln oder Teufeln, zu der er in seiner unklaren Auffassung und seinem geringen Verständnisse auch Salon-Diogenes rechnete, näher getreten, als wäre sie ihm klarer geworden. Hätte dieser ihn mit einer Umarmung empfangen, wie die Ältesten des Klosters die junge Novize begrüßen, so würde es ihn, der ja den Muth bewiesen, dieses Freidenker-Buch zu lesen, nicht überrascht haben.

»Jetzt habe ich es gelesen,« sagte Niels mit großem Ernst und tiefer Bedeutung, und der Student nahm das Buch ganz gleichgiltig und entgegnete: »So, Sie haben es schon ausgelesen.« Man hätte denken können, es handelte sich um ein Kochbuch oder das Allergleichgiltigste, von dessen Lectüre die Rede war; und Niels schied von ihm mit einem Gefühle, als wäre er schon ein Abtrünniger, der von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen, die da gut ist, die Augen aufzuthun.

In dem herannahenden Sommer wollte Niels Bryde die Lieben auf der Haide auf einige Wochen besuchen. Er freute sich schon aufrichtig darauf; ihm war, als läge schon ein halbes Menschenalter zwischen jetzt und der Zeit seines Abschiedes; alle die alten, theuren Erinnerungen wünschte er wieder aufzufrischen. Sollte der kindliche Glaube wohl auch wieder erwachen? Als Student durfte er dort drüben schon die Kanzel besteigen; welche Herzensfreude würde das für Mutter und Bodil geben! Er sah nach, welche Evangelien auf die Sonntage fielen, die er in der Heimat zuzubringen gedachte. Er wählte eins und schrieb seine erste Predigt; aber als sie auf dem Papiere stand, war sie durchaus keine frische Quelle, keine Ausströmung der Natur, die sich eigentlich in ihm regte. Es schien, als ob dadurch, daß er in Gedanken die Kanzel des alten Pfarrers bestieg, auch die Ausdrücke und die ganze Denk- und Redeweise des Greises auf ihn übergegangen wären. Freilich mußte die Predigt in dieser Fassung seinem Wohlthäter, seinem zweiten Vater ganz besonders gefallen, doch darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht; er war sich dessen gar nicht bewußt, daß er schon jetzt ein anderer war als zuvor. Trotzdem war die Freude, daß er die Heimat und die Lieben daselbst wiedersehen sollte, wahr und aufrichtig, und nicht weniger freuten sich alle Bewohner des Pfarrhauses auf diesen Besuch, hatten sie Niels doch fast anderthalb Jahre nicht gesehen. Briefe hatten sie zwar oft von ihm erhalten, aber was ist das geschriebene Wort gegen das lebendige, was das stete Zusammensein gegen den Austausch der Gedanken!

Gar häufig hatte Herr Schwan daran gedacht, Jütland auch einmal kennen zu lernen und seinen alten Repetenten zu besuchen. Jetzt bot sich ihm eine Gelegenheit wie ein Reisegefährte dar. Er und Niels beschlossen, die Reise in den bevorstehenden Sommerferien gemeinschaftlich zu machen. Dies war abgemacht, und niemandem fiel es ein, daß die Fahrt aufgegeben werden könnte, und doch war dies der Fall. Was bedeuten wohl unsere Entschlüsse und Pläne, wenn sie nicht von oben her eingegeben sind! Eine einzige Stunde im Hause des Großhändlers Arons brachte das Ganze zum Scheitern.

Der Großvater Arons, ein rechtschaffener, liebenswürdiger Greis, ein frommer, gläubiger Israelit von großer Herzensgüte, hatte Niels Bryde sehr gern und freute sich darüber, daß er mit seinem Enkel in freundschaftlichem Verkehre stand. Dieser hatte zum zweiten Male die Prüfung glücklich bestanden und sollte nun zur Aufmunterung und Belohnung seiner Anstrengung, die doch eigentlich nicht so groß gewesen war wie der Glückszufall, dem er seinen Erfolg verdankte, eine mehrwöchentliche Reise nach Hamburg, Dresden und Prag machen. Nun meinte Großvater, Julius könnte Herrn Bryde zur Begleitung einladen; sie würden dann nach der beiderseitigen Anstrengung auch beiderseitige Freude empfinden. Frohlockend ging Julius auf diesen Vorschlag ein; seine Mutter, eine vernünftige Frau, wenn man von der etwas blinden Liebe zu ihren Kindern absieht, fand ihn ebenfalls vortrefflich, da Herr Bryde sicherlich ein sittlich reiner junger Mann wäre und das Zusammensein mit einem solchen für Julius nur gut sein könnte.

Der Vorschlag überraschte Niels; er wurde verlegen. Das Vergnügen, welches ihm in Aussicht gestellt wurde, übertraf, wie er fühlte, jedes andere; aber herrlich war es ja freilich auch, wieder einmal hinaus auf die Haide zu kommen, worauf er sich schon so lange gefreut und es sich so köstlich ausgemalt hatte. Wie viel hatte er nicht den Lieben in der Heimat zu erzählen! Außerdem wollte er ja der Verabredung gemäß zusammen mit Herrn Schwan reisen. In bescheidener und herzlicher Weise dankte er für das ihm zugedachte große Vergnügen, auf das er leider verzichten müßte; die Ablehnung bewirkte, daß Julius noch eifriger in ihn drang; er wollte ihn durchaus zum Reisegefährten haben. Der alte Großvater schlug vor, Herr Bryde sollte sich die Sache erst noch einmal überlegen.

Herr Schwan sagte ohne Bedenken: »Reise mit nach Deutschland; nimm an, was dir nicht jeden Tag geboten wird. Vielleicht kommst du sonst nie in die Welt hinaus. Ergreife die günstige Gelegenheit! Im nächsten Jahre giebt es ja wieder einen Sommer und die Alten drüben werden noch manches Jahr erleben.«

»Weise das freundliche Anerbieten nicht von dir!« schrieb Japetus Mollerup, und seine Antwort sollte die entscheidende sein. »Wir sehnen uns alle nach dir, mein Sohn, aber es würde eine falsche Liebe zu dir sein, wollten wir uns die Freude des Wiedersehens nicht bis zum nächsten Jahre versparen und dir die herrliche Reise gönnen, auf der du, ohne dich in Unkosten zu stürzen, so viel zu sehen bekommen wirst. Es dient immer zur Belehrung und zum Nutzen, fremde Länder und Sitten kennen zu lernen. Einen Monat kannst du dich dreist deinen Studien entziehen; wenn du zurückkehrst, hast du frischere Kräfte und kannst das Versäumte bald wieder einholen. Reise mit Gott!«

Die Reise nach Deutschland war also entschieden. Die Studenten Arons und Bryde reisten mit dem Dampfschiff nach Kiel. Die Mutter, die Schwestern und einige Freundinnen standen am Ufer und schwenkten mit den Taschentüchern. Herr Schwan blickte aus dem Fenster seiner Dachkammer der Rauchwolke des Dampfschiffes nach, bis sie verschwand. »Jetzt geht es los,« sagte er und dachte dabei an die Seekrankheit, da das Meer in großer Bewegung war. »Jetzt geht es los!« sagen auch wir und denken dabei an neue Lebensströmungen.

Wenn fromme Wünsche und Segnungen uns sichtbar das Geleite geben könnten, dann würden die beiden Freunde eine ganze Schaar aus dem Pfarrhause auf der Haide bemerkt haben. Bodils und der Mutter Gedanken umschwebten sie täglich und sahen mit ihnen in unklaren Bildern all die Herrlichkeit an, die sich vor ihnen entrollte. Auf Augenblicke bangte ihnen mitunter bei dem Gedanken an die Gefahren, die sie in so weiter Ferne und während so langer Zeit laufen könnten, aber nicht einmal im Traume dachten sie an die eigentliche Gefahr, nämlich an die stürmischen Wogen der Jugend, durch deren Brandungen Niels hindurch mußte. Hier reiste kein Engel mit dem jungen Tobias, deren Geschichte er einst aus der Bibel vorgelesen und erklärt hatte, womit jedoch nicht das Geringste gegen Niels und noch viel weniger gegen Julius Arons gesagt sein soll.

Der Hamburger Brand hatte um den alten und neuen Jungfernstieg neue prächtige Häuser emporsteigen lassen. Unsere jungen Freunde nahmen ihre Wohnung im Victoria-Hotel und jubelten dort ein aus dem Herzen kommendes Victoria, als sie aus dem Fenster über das Alsterbassin blickten, auf dem sich die leichten Gondeln schaukelten und die Schwäne umherschwammen. Die Musik klang von dem Alsterpavillon herüber, und ein reges Volksgewimmel wogte draußen auf und ab. Es war doch eine herrliche Stadt, so lebhaft, so lebendig, so neu! Der Abend dämmerte bereits, als sie anlangten. Es trieb sie augenblicklich hinaus in das Volksgedränge, und nach ihrer Heimkunft nahmen sie am offenen Fenster Platz, die Cigarren dampften, und jeder hatte ein Glas Punsch vor sich. Die Gaslaterne bildeten einen förmlichen Feuerkranz um das helle, ruhige Alsterbassin und spiegelten sich in demselben. Neben der Windmühle am jenseitigen Ufer strahlten in einem kleinen öffentlichen Garten Guirlanden von Lampen und kreisenden Sonnen und Feuerrädern; Raketen stiegen empor und fielen wie leuchtende Cascaden hinab.

»Es ist wie eine orientalische Nacht!« sagte Niels, und Julius sprach von den schönen Houris und seine schwarzen Augen leuchteten; war er doch selbst ein Kind des Morgenlandes und schön, wenn auch noch ein halber Knabe. Um Mund und Kinn zeigte sich jedoch bereits ein feiner dunkler Flaum; die Augenbrauen und Haare waren kohlschwarz, die Haut fein und geröthet wie bei einem Mädchen.

Hamburg war eine Stadt der Pracht und der Freude; hier gedachten sie sich einige Tage aufzuhalten. Julius hatte hier mehrere Vettern, Schwestersöhne seiner Mutter, junge reiche Hamburger, und schon am nächsten Tage fuhren sie mit ihnen nach dem hügelreichen Blankenese hinaus, sahen prächtige Villen und ein Fischerdorf, welches sie lebhaft an die Fischerdörfer auf Seeland erinnerte; große Schiffe fuhren auf dem grauschimmernden Wasser der Elbe stromauf und stromab, und am jenseitigen Ufer erblickte man mit Haidekraut bewachsene Anhöhen, die schon zu Hannover gehörten. Der erste Blick in ein fremdes Königreich macht immer einen magischen Eindruck.

In den Pagoden Indiens tanzen die Bajaderen heilige Tänze, außerhalb Paris schwingen sich Grisetten und Studenten im lustigen Cancan. Dieselbe Stimme des Blutes pulsirt durch diese verschiedenen Tänze; derselbe Pulsschlag wird auch hier in Hamburg besonders an einer Stelle vernommen und dorthin müssen wir unsere jungen Freunde begleiten. »Selbst Maltheserritter kommen dorthin,« sagte einer der jungen Vettern, als Niels bei dem Worte »Tanzsaal« zu stutzen schien.

»Auf einer Reise muß man das Charakteristische jeder Stadt sehen,« sagte sich Niels selbst und begleitete die andern.

Der Tanzsaal war groß und elegant; die Gasflammen strahlten; anmuthige Balldamen und junge Stutzer in elegantester Tracht erblickte man rings umher; auch an älteren Herren fehlte es nicht; doch durch den seinen Flor des Salonlebens schimmerte die Flamme des Bacchanals hindurch. Die Vettern bewegten sich frei, auch Julius war in diesem Treiben wie zu Hause; Niels dagegen stand in stiller Betrachtung da, ohne daß man ihm indessen anmerken konnte, welches Gefühl in ihm herrschte, ohne daß man ahnte, daß ihn Theilnahmlosigkeit, Kälte und ein eigenthümliches Gefühl des Stolzes erfüllte. Ein Lächeln spielte um seinen Mund, und in seinem Herzen standen mit feurigen Buchstaben die pharisäischen Worte geschrieben: »Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie diese Menschen!«

Wer kennt sich selbst, wer kennt die Strömungen in der Tiefe seines Herzens!

Erst spät am Abend kehrten die Freunde wieder nach dem Hôtel zurück. Julius war wie ein offenes Buch, und war es auch nicht gerade ein solches, welches Bodil draußen auf der Haide für ein gutes erklärt hätte, so war es doch in einem fließenden, üppigen Stile geschrieben und verrieth die Musik jugendlicher Lebendigkeit. In der Offenherzigkeit, in der alles dargebracht wurde, lag etwas, das ihm eine einschmeichelnde, verlockende Gewalt verlieh. Was für Erfahrungen hatte Herr Julius nicht bereits eingesammelt und zwar schon seit dem letzten Schuljahre in Kopenhagen! Du armes Pfarrmütterchen auf der Haide, wie würdest du dich über diesen noch so jungen und so schönen und doch schon so »erschrecklich erfahrenen« Freund und Begleiter entsetzt haben, den dein Niels jetzt zur Seite hatte, von dem er sich nicht abwandte und den er ruhig anhörte, ohne ihm über seine Sünde und Gottlosigkeit eine Predigt zu halten. Was mochte nur in Niels Herzen vorgehen? Tiefe Strömungen, wechselnde Gedanken erfüllten es. Er schien in wenigen Stunden weiter in die Welt hinausgeschaut, tiefer in andere Seelen und in seine eigene hineingeblickt zu haben, als sonst in vielen Jahren; sein Blut glühte dabei. Er schlief erst gegen Morgen ein.

Und hiermit wollen wir Hamburg verlassen, um im Harzgebirge wieder aufzuathmen. Dort zwischen Tannen und Birken, wo die Ilse über Steinblöcke hinabstürzt, folgen wir unseren Reisenden hoch hinauf, wo einst die Priester der Druiden vor dem heiligen Feuer ihre Gesänge anstimmten und vermummte Heiden tanzten und umhersprangen, ein Anblick des Schreckens, ein Hexensabbath für die gläubigen Christen. Auf dem Brocken sahen sie bei herrlichem Wetter die Sonne aufgehen, das rothe Feuer, Gott selbst, wie auch noch heutigen Tages die Weisen des Menschengeschlechts glauben. Die ganze ausgedehnte Gegend unter ihnen war ein einziges Wolkenmeer, aber als sich die Sonne erhob, zeigte die Landschaft bildlich das Emporsteigen der Länder aus der Meerestiefe; zuerst trat ein Bergesgipfel hervor, dann tauchten dunkle Wälder, jetzt Wiesen und Fluren empor, bis alles duftend und erfrischt, als sei es erst an diesem Morgen geschaffen, in Pracht und Sonntagsschmuck vor ihren Augen da lag. Diese Morgenstunde erhob das Gemüth, wie der Kirchengesang den Frommen in Kraft und Herrlichkeit zu Gott erhebt. Sie empfanden es beide, sie sprachen es aus, wenn der Stil auch nicht so fließend wie in dem Hamburg geltenden Kapitel war; das Kapitel war auch kürzer und endete – – mit einem guten Appetit.

Beide kamen vortrefflich mit einander aus; Julius hatte so unendlich viele gute Eigenschaften, die sein Freund sah und erkannte; Niels fühlte sich von dem liebevollen Sinne, der jenen antrieb, auch seinen letzten Groschen für die Armuth herzugeben, gleichsam durchdrungen. Julius war hilfreich und stand treu dem zur Seite, dem nach seiner Ansicht Unrecht widerfuhr; ja er war recht, was man einen »aufrichtig guten Menschen« nennt, so ritterlich, so einnehmend in seiner Offenherzigkeit, aber freilich auch, falls uns Mütterchen im Pfarrhause fragen sollte, ein gefährlicher Freund für Niels, mit Rücksicht darauf nämlich, daß ein Verkündiger des Wortes auch ein Beispiel desselben sein muß. Sei jedoch unbesorgt, gutes Mütterchen, dein Gebet und deine Gedanken geleiten ihn als unsichtbare gute Engel, die für ihn zeugen können.

Die drei Madonnen von Raphael, Holbein und Murillo in der Bildergalerie zu Dresden wurden zu einem Streitpunkte zwischen den Freunden. Niels erklärte die jungfräuliche, auf Wolken schwebende Mutter Gottes, wie Raphael sie dargestellt hat, für die schönste von ihnen. Gehoben würde das Gemälde außerdem durch den Ausdruck in den ernstblickenden Augen des Jesuskindes, in denen eine ganze Welt läge, durch die frommen Gestalten der Heiligen und noch mehr durch die unvergleichlich schönen Engelskinder unten auf dem Bilde; etwas Herrlicheres könnte es nicht geben! – Holbeins Madonna wäre die Himmelskönigin, wie sie aus der mittelalterlichen Frömmigkeit des deutschen Familienlebens hervorträte, in der Murillos sähe er nur eine schöne junge Mutter.

Julius wies ihnen gerade eine umgekehrte Ordnung an. Raphaels Madonna verschwände ihm in den Wolken; Holbeins wäre ihm zu selbstbewußt, sie folgte sicherlich nur ihrer eigenen Ansicht; aber die Murillos wäre ein Weib, ein herrliches Weib! Er sprach sich über sie aus, wie es viele gethan haben und noch mehr thun werden. Aber Hamburg, der Brocken, die Madonnen und, nicht zu vergessen, die Eisenbahnfahrt, die erste in ihrem Leben, bildeten die unvergeßlichen Glanzpunkte der Reise, und hiermit haben wir den Reise-Erfolg, das heißt die Eindrücke auf ihr Seelenleben, das Psychologische, welches uns von beiden dargeboten wird, so ziemlich zusammengefaßt. Sollten wir dagegen Niels Brydes Tagebuch und was Julius seine »Erlebnisse« nannte wiedergeben, dann hätten wir die ganze sächsische Schweiz, Prag und auch Berlin zu beschreiben, wobei doch nur dieselben Saiten angeschlagen werden könnten, dieselben Accorde erklingen würden, die wir in Hamburg, auf dem Brocken und vor den drei Madonnen in Dresden vernahmen.

Wir sind mit den Freunden wieder in Kopenhagen; die ehrliche Frau Pfarrer hat ihren Niels, unversehrt von den Gefahren und Begebenheiten der Welt, im Vaterlande zurück. Er wohnte wieder in der Schwerdtfegerstraße bei Frau Jensen, und sie mußte ihm den ersten Tag, wie sie sich ausdrückte, selbst aufwarten, weil ihre Dienstmagd Anna Sophie seit diesem Morgen zu Bette läge; sie litte an Liebeskummer, der ihr Rückenschmerzen zugezogen hätte; sie wäre mit einem im Hause wohnenden Burschen verlobt, der zu Ostern Geselle werden sollte. Man kann auch Anfechtungen in der Schwerdtfegerstraße haben; das war die Moral.

Sehr häufig besuchte Niels Bryde die Familie des Großhändlers Arons. »Hast du auf Rebekka oder Amalie dein Auge gerichtet?« fragte Herr Schwan; »das mußt du mir unter allen Umständen sagen, sobald du es erst selbst weißt, denn ich werde dich täglich darnach fragen!« – »Ist es die Älteste oder die Mittlere?« fragte bald dieser, bald jener Commiliton. »Wir werden ja bald etwas Neues vernehmen,« sagte Frau Jensen; »es sollen niedliche Mädchen sein, und sie können sich ja taufen lassen. An Geld wird es dort nicht fehlen.« Man kannte Niels Bryde jedoch schlecht, er hatte keine Anfechtungen. Die Wissenschaften, besonders Physik und Astronomie, zogen ihn mehr an und erfüllten seine Gedanken in höherem Grade als irgend eines der jungen Mädchen. Er besuchte fleißig theologische Vorlesungen; sie sollten ihn dem Ziele entgegenführen, auf das die guten Pflegeeltern so sehnlichst hofften. Aber in seiner ganzen Denkweise war ein Umschwung eingetreten; das freie Denken und die rückhaltlose Offenheit der neuen Zeit riß in ihm mehr und mehr die Vorstellungen und Ansichten nieder, in denen er daheim ans der Haide aufgewachsen war. Es fehlte ihm auch keineswegs an Rednertalent; deshalb war er im Studentenvereine kein stiller Zuhörer, wenn er dort mit der Cigarre im Munde in einer Sophaecke saß und über allerlei Angelegenheiten der Religion oder des Staatslebens verhandelt wurde. Einen Hund hatte er sich ebenfalls angeschafft; im Hause des Großhändlers hatten zwei schöne junge Hunde das Licht der Welt erblickt; Julius wählte sich den einen, Niels den anderen.

»Lustig, lieber Lustig!« sagte Esther und streichelte das kleine, lebhafte Hündchen, dem sie den Namen Lustig beilegte.

»So soll es heißen!« versetzte Niels Bryde. Rebekka schlug dagegen nach der bekannten griechischen Dichterin den Namen Sappho vor, da das Hündchen jedoch ein Herr und nicht eine Dame war, behielt es den Namen Lustig. Später werden wir mehr von ihm hören.

Fast Nacht für Nacht saß Niels Bryde bis gegen Morgen bei seinen Büchern. Das war nöthig, sollte ein Erfolg erzielt werden; er war gewissenhaft, und so manches von dem, was man die Lust dieser Welt nennt, zog ihn an sich; außer seinen Kommilitonen und dem Gesellschaftsleben waren dies Concerte und Theater. Das Geld, welches er sich durch einige Unterrichtsstunden verdiente, reichte nicht hin, um an diesem allen Theil nehmen zu können er mußte deshalb täglich einige Stunden mehr geben und zu seinem eigenen Studium einen Theil der Nacht benutzen.

»Das ist sehr vernünftig, wenn man es ganz verrückt anfangen will,« sagte Herr Schwan. »Du wählst die Nacht zu deinen Studien, ich verwandte sie zum Herumtreiben, und deshalb bin ich noch immer ein Tagedieb. Meine Leidenschaft bestand einst darin, zur Nachtzeit in den Straßen Kopenhagens umherzustreifen.«

»Und was für eine Freude bereitete Ihnen das?« fragte Niels.

»Ei, sich zwischen Mitternacht und Morgen in den Straßen umherzutreiben, hat für die Phantasie einen ganz eigenen Reiz, und sie war in jenen Zeiten mein Fortbewegungsmittel. Jetzt liebe ich es mehr, im Bette zu liegen, aber damals vernahm ich bei meinen nächtlichen Streifzügen gleichsam, wie mir die Straßen ihr ganzes Leben erzählten. In der Sturmstraße glaubte ich Trommelwirbel und Kampfgeschrei zu hören, die Luft roch nach Pulver, u. f. w., u. s. w. Und zu welcher Wehmuth wurde ich in der Hüttengasse gestimmt, wo im Mittelalter die deutschen Kaufmannsdiener wohnten, mit Gewürzen handelten, sich nie verheirathen durften und in Armuth und Dürftigkeit lebten. Der Spottname, den man ihnen gab, deutete schon auf ihr zur Einsamkeit verurtheiltes Leben hin; Hagestolze wurden sie genannt. Oft dachte ich darüber nach, ob nicht etwa Gott Amor selbst in dieser Gasse wohnte. Amor blieb ja, so viel ich weiß, ein Hagestolz; die Geschichte mit Amor blieb doch ein bloßes ,Verhältnis', ohne Priester! Ja, an Amor dachte ich in der Hüttengasse.«

In dem Gesagten war mehr Ernst, als Niels sich vorstellte. Die Hüttengasse hatte Herrn Schwan einst wirklich wehmüthig und zugleich hoffnungsreich gestimmt. Das war eben sein Geheimnis, und wer hat ein solches nicht! Hinsichtlich Niels Bryde konnte es um diese Zeit auch als ein solches gelten, daß er Feuerbachs Werk »Über Philosophie und Christentum« las.

Im nächsten Sommer – es war nun schon das dritte Jahr, daß er in Kopenhagen weilte – wollte er die lieben Pflegeeltern und Bodil besuchen, und das gesunde, regelmäßige Leben, die freie Natur würde ihm gewiß wohl thun. Er wollte wieder die Flinte in die Hand nehmen; die ganze Romantik des Jagdlebens stand ihm wieder vor der Seele. Die Verabredung vom vorigen Jahre, daß ihn Herr Schwan begleiten sollte, galt noch immer. Als jedoch der Tag der Abreise kam, hatte Herr Schwan wieder einmal seine melancholische Stimmung und wollte, wie er sagte, in seiner Höhle bleiben.

»Ich halte Sie bei Ihrem Versprechen fest,« sagte Niels. »Die Reise und alle die neuen Eindrücke, die Jütland auf Sie machen wird, werden Ihnen Ihre alte Heiterkeit zurückgeben, Ihnen, der Sie für den Sonnenschein des Humors so empfänglich sind.«

»Und doch bringe ich es nie zum wahren Humor!« erwiderte er. »Dazu bin ich nun einmal nicht veranlagt, der Giebel meines Hauses zeigt nicht nach dieser Richtung. Mir geht es wie einzelnen Häusern, die in der Straße so dastehen, daß die Sonnenstrahlen nur auf sie zurückgeworfen werden können; nur der Wiederschein des weißen Nachbarhauses gegenüber mit seinen blanken Fensterscheiben strahlt ein helleres Licht in das Zimmer hinein, eine Art gemalten Sonnenscheins, aber ohne Wärme. Das ist nun einmal mein Loos und es ist närrisch genug, wie oft ich im Stande bin, mir einzubilden, ich wohne auf der Sonnenseite.«

Niels Bryde mußte bald erkennen, daß sich hier weder etwas sagen noch thun ließ und ihm nichts anderes übrig blieb, als allein zu reisen. Doch nein, Lustig machte die Reise mit; das Hündchen dachte nicht daran, welchem drohenden Ereignisse es entgegenging, noch mit was für einem Herrn es zu thun hatte. Das Wetter war gut; dehnte sich das Meer auch nicht wie ein klarer Wasserspiegel aus, so war es doch ohne Wellenschlag; ein leichter, frischer Wind und eine kaum merkbare Strömung versetzten es in eine schwache Bewegung. Sie wirkte doch so viel, daß hier und dort einige Damen und ein einzelner Herr mit halbleidenden Blicken still dasaßen. Jeder empfand das Zittern und die schnelle Fahrt des Schiffes, betrachtete die in seinen Augen hohen Wellen und war überzeugt, daß sie bald noch höher steigen würden und der Wind schon ziemlich stark wehte. Da war keiner, der nicht bereits empfunden hätte, wie übel sich ein Mensch auf dem wilden Meere fühlen kann.

Der Maler, das Genie »auf den Schultern«, befand sich ebenfalls an Bord; er erging sich hier gerade ebenso interessant wie damals bei Herrn Meibum. Er gab eine Definition des Genies. »Was ist Genie? Gährungsstoff! Der Hebel des Ganzen! Genie ist das, was die Meisten nicht haben, es ist ein Einer, der so viel als ein Zehner werth ist, aber nie fortgeliehen werden kann!« So weit kam er, dann ereilte ihn die Seekrankheit. Er und Niels Bryde sprachen auf dieser Fahrt nicht mehr zusammen.

In der Nähe der Insel Samsö fiel Lustig über Bord; Niels sah es und bat stürmisch den Steuermann und den Kapitän, die Fahrt zu unterbrechen; er hätte den Hund lieb und dieser müßte sonst ertrinken. Noch schwamm er dicht neben dem Schiffe.

»Um eines Hundes willen können wir die Fahrt nicht unterbrechen,« lautete die Antwort.

»Nun, dann um eines Menschen willen!« rief Niels Bryde heftig, sprang ohne Zögern in das Meer und schwamm auf den Hund zu.

Jetzt wurde die Fahrt unterbrochen und triefend kamen beide wieder an Bord.

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