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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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VII.

Frau Jensen. Mutter Börre. »High Life« im zweiten Stock.

»Am Zollamt stieg ein Matrose ans Land, juchhei,« und zwar einer, der sich auf das weite Meer der Wissenschaft hinauszuwagen im Begriff stand, von dessen Küsten er sich noch nie weit entfernt hatte.

Ein ganz eigenes Gefühl überschlich Niels bei der Rückkehr in seine Vaterstadt, von der er mit Ausnahme des »Runden Thurms« und der Regenz gar wenig kannte; freilich, seinen Pathen, den Herrn Schwan, kannte er ja und dieser stand auch bei der Landung an dem Packhofe zu Niels Brydes Empfang, denn von nun an müssen wir ihn nach seinem Vatersnamen nennen, wie er in seinem Testimonium angegeben war. Er wäre groß und schön geworden, sagte Herr Schwan, hochgeboren wäre er durch seine hoch oben auf dem Thurme erfolgte Geburt, und sein Aussehen zeigte, daß er auch wohlgeboren wäre. »Solche Witzlinge sind wir Kopenhagener einmal; an dergleichen Redensarten mußt du dich jetzt gewöhnen; es wird noch weit schlimmer kommen.«

Er führte Niels sofort nach der Schwerdtfegerstraße zu Frau Jensen, die, wie sie sich ausdrückte, als eine verlassene Witwe dasaß; sechszehn Jahre war sie »ohne Resultat« verheirathet gewesen; das waren ihre eigenen Worte. Der Eingang zu dem Zimmer des Herrn Studenten führte zwar durch die Küche, aber das brachte die sonst reine und nette und gut unterhaltene Wohnung einmal mit sich.

»Sehen Sie, hier habe ich eine kleine Gardine,« sagte sie, »hinter der Sie Ihre Kleidungsstücke aufhängen können, damit sie nicht staubig werden, und hier ist ein kleines Büchergestell. Es ist etwas schief, weil es eigentlich für eine Giebelstube, die keine geraden Wände hatte, angefertigt wurde. – Ei, da haben Sie auch ein Buch für mich!« rief sie bei dem Anblicke eines Buches aus, das er vor sich auf den Tisch legte. »Es hat einen so schönen groben Druck; ich vermag nur noch grobe Bücher zu lesen, weil mein Gesicht in Folge des vielen Weinens im Anfange meiner Witwenzeit abgenommen hat. Ich will wünschen, daß Sie nie dergleichen erfahren mögen! Ich könnte ja allerdings meinen Stand recht gut verändern, denn an Anträgen fehlt es mir nicht, aber, wenn mein zweiter Mann auch stürbe, dann wieder als verlassene Witwe dazusitzen, das ist nicht einladend, und da kann man es ja lieber sein lassen, wenn man Charakter hat!«

Endlich war im Zimmer alles in Ordnung; sogar ein großes Ölgemälde hatte die verlassene Witwe aus ihrem Zimmer in das des »Studenten« gehängt. Er müßte, sagte sie, die »Jungfrau« haben; es sollte ein Edelfräulein aus vornehmer Familie sein, das niemand kannte. Das alte Porträt sah durchaus nicht freundlich, im Gegentheil, eher streng aus, als ob die Jungfrau erzürnt darüber wäre, daß sie im Zimmer eines Studenten hängen sollte; aber diese Stelle war ihr nun einmal angewiesen, um ein Loch in der Tapete zu bedecken.

Und das Examen begann und endete gut. In allen Fächern erhielt er das Prädikat »laudabilis«, ja in der Mathematik sogar »laudabilis prae caeteris«, und doch war nur ein alter jütländischer Pfarrer sein Lehrer gewesen. Aber Niels Bryde war ein mathematischer Kopf, er besaß vollkommen die Fähigkeit, die Zahlengrößen und mathemathischen Lehrsätze zu bewältigen. Es ist eine ganz falsche Behauptung, daß sich eine reiche Phantasie nur bei einem geringen Denkvermögen vorfindet; wer das sagt, hat vielleicht selbst nicht viel von beiden.

Etwas hoch, etwas eng und in einer der am wenigsten luftigen Straßen eingepfercht wohnte unser Student; hier war es so ganz anders als im Pfarrhause und auf der Haide, wo der frische Wind über das Haidekraut dahin wehte. Dafür besaß Kopenhagen jedoch wieder andere Vorzüge und Herrlichkeiten. Die neuen Commilitonen, das eigenthümliche Studentenleben, das sich ihm mit einem Male in seinem ganzen Reize zeigte, sprachen Niels in hohem Grade an, wie sehr sein Herz auch an der Heimat in Jütland hing; das leuchtete auch aus jedem Briefe hervor, den er dorthin sandte.

Mutter war sehr erfreut, daß er an Herrn Schwan einen Anhalt hatte; derselbe wäre ja ein älterer Mann, in das dortige Leben und Treiben eingeweiht und würde sicherlich über seinen Pathen wachen und ihm mit Rath und That beistehen. Auch wäre es ein Glück, daß Niels zu einer so braven Frau, wie die ehrliche Jensen, gekommen wäre. Das ganze Pfarrhaus war stolz darauf, daß der »Sohn«, wie man ihn nannte, die beste Censur erhalten hätte; ja in einem der schwierigsten Fächer, in den Berechnungen, wie Mutter sich ausdrückte, wäre ihm sogar eine besondere Auszeichnung und noch dazu auf Lateinisch, zu Theil geworden; nur Vater und Bodil wären im Stande, diese merkwürdigen Worte nachzusprechen. Damit meinte sie das prae ceteris.

Mit dem ersten Schiffe, welches von Aarhuus nach Kopenhagen ging, wurden Niels Bryde reichliche Eßwaaren, namentlich guter Käse und Butter, und der Frau Jensen ein köstlicher Schinken gesandt, weil sie so gut gegen Niels wäre. Und das war sie in der That und überdies höchst mittheilsam. Von jeder Freude und jedem Kummer, die sie in ihrer kleinen Wirtschaft hatte, setzte sie ihren Studenten in Kenntnis. Schon die Dienstmagd, Anna Sophie, gab zu beiden unaufhörlich Veranlassung.

»Vielen Verstand hat sie nicht, Herr Student,« sagte Frau Jensen. »Da sende ich sie neulich zum Gewürzkrämer, und nun geht sie, wie sie selbst erzählt, in Gedanken immer gerade aus und sieht den Mond an. Bildet sie sich nicht wahrhaftig ein, daß er ihr folgt? Und als sie den Mond wieder aus dem Laden ansieht, da steht er still und steht, bis sie hinauskommt. Und als sie nun heimwärts ging, und ihn im Auge behielt, da kam er mit bis zu uns. Nein, so was zu glauben, daß der Mond ihr in den Kramladen folgt und draußen stehen bleibt und wartet!«

Auch andere Aufklärungen verschaffte Frau Jensen ihrem Studenten, denn so viel sah sie ein, daß er ein ganz ehrlicher und verständiger Mensch war, der des Abends, wie ein gesetzter Bürger, zur rechten Zeit nach Hause kam, wenn nicht das Theater zu lange dauerte. Denn die Weltluft, die Niels Bryde zuerst mit fortriß, war der Besuch des Theaters; aber das wäre ja, sagte Frau Jensen, ein unschuldiges und bildendes Vergnügen. Sie selbst ginge nicht in das Theater; seit dem Tode ihres Mannes wäre sie drei volle Jahre nicht darin gewesen. Jetzt dächte sie jedoch wieder daran, es einmal zu besuchen. Gerade in diesen Tagen sollte ein Trauerfest zum Gedächtnis eines verstorbenen Künstlers veranstaltet werden, und diese günstige Gelegenheit wollte sich Frau Jensen nicht entgehen lassen. Wollte sie in das Theater, so wäre es doch gerade das Richtige, mit einem Trauerfeste zu beginnen. – Sie ging wirklich, verließ aber das Theater schon lange vor Schluß der Vorstellung.

»Es war gar nicht erheiternd,« sagte sie; »sie gaben aber auch ein gar zu trauriges Trauerspiel,« und sie hätte wahrlich an ihrem eigenen Kummer genug zu tragen. Was sie indessen vorzüglich aus dem Theater vertrieben hätte, wäre ein häßlicher Mensch gewesen, mit dem sie in der Loge zusammengetroffen, ein sehr »pressanter« junger Mann, unter welcher Bezeichnung sie »aufdringlich« verstand. »Ich weiß nicht, ob die Sache dort drüben in Jütland bekannt ist,« sagte sie erklärend, »aber hier bekommt man in der Apotheke sogenannte Pfeffermünzkügelchen, die angenehm riechen. Das sind Liebeskügelchen; giebt eine Mannsperson solche einem Frauenzimmer und ißt dieses sie, so wird es in jenen verliebt. So soll es wirklich einer Jungfrau ergangen sein; obgleich sie nur ein paar von seinen Pfeffermünzkügelchen annahm, verliebte sie sich in ihn. – Da saß ich nun in der Loge in meinem schwarzen Sonntagsanzuge, den Sie hier sehen; das Trauerspiel, sowie mein eigenes Loos hatten mich ganz um meine gute Laune gebracht. ›Meine liebe Frau,‹ sagte er und hielt mir eine Düte mit diesen weißen Kügelchen hin. Ich nahm eins, ließ es jedoch fallen; gleich darauf bot er mir wieder eins, das bald denselben Weg ging; aber da er mich schließlich bat, die ganze Düte zu behalten, und ich doch nicht ewig dasitzen und Kügelchen fortwerfen konnte, so erhob ich mich und ging, ihn und das Ganze verlassend, meiner Wege. Ich wollte mich nicht bethören lassen.«

Das war der Grund, weshalb Frau Jensen dem Trauerfeste nicht bis zu Ende beiwohnte; die Lust, ferner hinzugehen, war nach ihrer eigenen Erklärung dadurch nicht gesteigert, aber ebensowenig ausgerottet. Sie fühlte sich dann und wann versucht, wenn auch nicht gleich Niels ein- bis zweimal wöchentlich, so doch ein- bis zweimal jährlich hinzugehen, und dazu bedurfte es dann noch einer besonderen Veranlassung. So besuchte sie das Theater das erste Mal lediglich, weil, wie sie entschuldigend sagte, die Tochter des Höfers auftreten sollte. »Sie ist ein niedliches, schnippisches Mädchen, mit einer reizenden Stimme. Ist sie doch, bei Gott, bei dem königlichen Theater! Aber sie singt nicht einzeln, sondern immer nur im Ganzen, wenn sie alle auf einmal anfangen.« Frau Jensen wollte sagen, sie wäre Choristin. Ihr galt der nächste Theaterbesuch.

Niels Bryde wurde jedoch von der ganzen Herrlichkeit der Poesie und des Humors, die ihm eine neue Welt aufschloß, dorthin getrieben; hier und bei seinen Büchern verlebte er die glücklichsten Stunden. Er studirte fleißig und besuchte die Collegien mit gleichem Eifer; ganz besonders zogen ihn die Vorlesungen über Physik und Astronomie an. Ihm war, als ob die unsichtbare Wünschelruthe des Gedankens ihm dadurch, daß sie auf diese hinwies, unermeßliche Schätze verhieße. Trotzdem wurden Griechisch und Lateinisch, sowie das Studium der Genesis in hebräischer Sprache nicht als Stiefkinder behandelt. Er lebte fast immer in den Werken des Geistes, in den todten auf seinem Arbeitstische und in den lebendigen auf der Bühne. Keine Noth drückte ihn, dafür sorgten die guten Pflegeeltern; auch war er der vielen Unannehmlichkeiten überhoben, die man, wie Frau Jensen sagte, hätte, wenn man als einsame Witwe dasäße, und all der lästigen Sorgen, die selbst eine kleine Wirthschaft mit sich brächte, und darin hatte sie ganz Recht. Allein jetzt kennen wir sie und können uns deshalb mit Niels außerhalb der Schwerdtfegerstraße umsehen.

Natürlicherweise waren die Regenz und der »Runde Thurm« nicht die letzten Plätze, die er besuchte. In der Regenz regte sich zwar noch immer dasselbe frische Leben wie sonst, aber unter den Studenten befand sich selbstverständlich nicht ein einziger mehr aus dem Bekanntenkreise seiner Kindheit. Sie waren als Geistliche, Ärzte, Amtsrichter im Lande zerstreut ober standen anderen Ämtern ähnlicher Art vor. Der »Runde Thurm« zeigte ihm dagegen, als er in ihn hineintrat, sogleich eine alte Bekannte. Es war Mutter Börre, die Händlerin mit rosarothen Zuckerferkeln, die ihr eigenes Skelett verlauft hatte. Sie erkannte Niels nicht und sah ihn kaum an; täglich gingen ja Studenten auf den Thurm hinauf, die sie nichts kümmerten.

»Sie erkennen mich, wie es scheint, nicht,« sagte Niels, »und doch haben Sie mich hier einst täglich entlang gehen sehen und mit mir gesprochen.«

Sie betrachtete ihn von oben bis unten; er mußte sich noch deutlicher erklären.

»Herr Gott,« rief sie endlich aus, »das ist ja Niels, der Schuhputzer!«

Diese Bezeichnung klang in den Ohren des Studenten doch etwas verletzend; aber er faßte sich und drückte ihr die Hand.

»Wer hätte das gedacht!« fuhr sie fort. »Wie gut Er gekleidet ist! Und Student! Das ist eine große Freude für Seine Eltern in ihrem Grabe!«

Sie nahm die Brille ab und wischte sich die Augen. Ihr ginge es noch immer wie sonst; sie lebte von der Hand in den Mund, und das wäre schwer bei der jetzigen allgemeinen Preissteigerung. Niels Bryde mußte mit anhören, wieviel sie für Butter und Brot und Torf geben müßte, und daß sie, wenn die Äpfelzeit käme, stets die besten hätte und auch eine neue Art Brustzucker, der für Studenten, die viel und gebeugt dasäßen, sehr gut wäre.

Das Gespräch war höchst gemüthlich; sie fand, daß Niels durchaus nicht stolz geworden wäre, und hatte gewissermaßen Recht; nur fand es nicht in dem seine Bestätigung, was wir gleich zu erzählen haben.

Oben auf dem Thurme traf Niels einen jungen Grafen Spuhl, mit dem er gleichzeitig die Universität bezogen hatte. Sie gingen zusammen den Thurm hinab und sprachen laut mit einander. Sie schritten an Mutter Börre dicht vorüber, und diese rief, als Niels sie nicht zu bemerken schien, laut und herzlich: »Lebe wohl, guter Niels!« Diese vertraute Anrede setzte ihn in Verlegenheit; er erröthete und grüßte linkisch.

»Kennt Sie die Alte?« fragte der Graf.

»Ja, von Kindheit an,« erwiderte Niels; »sie redet mich noch immer ›guter Niels‹ oder ›kleiner Niels‹ an; sie sieht in mir immer noch den Knaben.«

Sie sprachen darauf von anderen Dingen und trennten sich endlich; aber Niels Bryde schämte sich über sich selbst. Es peinigte ihn, daß er aus falscher Scham Mutter Börre gleichsam hatte verläugnen wollen. Es fiel ihm ein, wie ihm daheim in Jütland, wenn er von Jesus im Garten zu Gethsemane las, wo Petrus aus Furcht seinen Herrn und Meister verläugnete, dies so undenkbar und schlecht vorgekommen wäre. Wie menschlich ging es doch dort in Ängsten und Gefahren zu! Er selbst dagegen hatte sich, lediglich weil er an der Seite eines jungen Edelmannes einherging, der Bekanntschaft der armen Frau geschämt, die im Portale des Thurmes saß und Zuckerferkel verkaufte, als ob seine Ehre durch die Bekanntschaft mit ihr gelitten hätte. Er sagte sich selbst: »Du verläugnetest sie bereits, ehe sie, gleichsam zur Strafe von Gott, ihre Stimme erhob und rief: ›Lebe wohl, guter Niels!‹ Hättest du ihr freundlich zugenickt, so wärest du nicht verdienterweise gedemüthigt worden. Und wie das doch zu demüthigen im Stande ist!« dachte er. »Ich habe etwas von einem Lumpen in mir! Den Lumpen will ich mir austreiben!«

Und ein fester Wille war ihm beschieden. Er begann mehr auf sich selbst zu achten, aber auch auf andere.

»Jetzt werde ich dich, in die Welt einführen,« sagte Herr Schwan eines Tages mit einem Ausdruck, der eine vortreffliche Laune verrieth. »Du sollst bei einem Manne meines Schlages, bei Herrn Meibum, einem Junggesellen ohne Rang und Titel, der aber stolz in der Belle-Etage wohnt, in meiner Begleitung das high life kennen lernen. Er hat sich in allen Geistesrichtungen versucht, ist Maler, Schauspieler und Zeitungsredacteur, Bräutigam und verabschiedeter Bräutigam gewesen und hat von dem allen gelebt. Jetzt hat er einige hundert Thaler geerbt und deshalb giebt er höchst vernünftigerweise ein großes Fest in einer unserer ersten Restaurationen. Verwandte Seelen und allerlei Straßenbekannte sind eingeladen. Ich gehöre nun beiden Arten an und darf folglich wie beim Kartenspiel einen Begleiter mitbringen, vor allem einen von deiner Gattung, der sich, wie du, mit »Tausend und Eine Nacht« groß gezogen, doch in der Mathematik prae ceteris errungen hat.«

Und Niels begleitete Herrn Schwan zum Kopenhagener Picknick des Herrn Meibum.

Eine hell erleuchtete Treppe machte gleich bei der Ankunft einen guten Eindruck auf die Gäste. Eine lange Reihe von Zimmern, in denen silberne Armleuchter ein Meer von Licht ausstrahlten, versetzten in eine recht festliche Stimmung. An der ersten Thür stand Herr Meibum selbst in Damentracht mit Turban und Schönheitspflaster. Er wäre die Wirthin, sagte er mit erkünstelter feiner Stimme, und im gleichen Tone rief er höchst ausdrucksvoll Namen und Titel jedes einzelnen Gastes aus; besonders betonte er einen Kapitän bei der Bürgerwehr und einige Secretärfrauen; unter den Männern war der vornehmste ein Secretär im Geschäfte eines Lohnkutschers. Auch die Frau eines Juweliers zählte zu den Gästen, die sämmtliche Busennadeln ihres Mannes auf dem Kopfe und den halben Laden von goldenen Ketten auf der Brust trug und außerdem frischgewaschene Glacéhandschuhe anhatte, die etwas stockfleckig aussahen.

Im Saale war ein Theater errichtet; auf ihm sollten zwei Originalstücke aufgeführt werden, die vorher weder gegeben noch gedruckt waren; das eine war von Herrn Meibum und hieß: »Das hinterlistige Mädchen« oder »Kleine Töpfe haben auch Ohren«; das andere war von einem Anonymus, das heißt ebenfalls von Herrn Meibum und hieß: »In Moll« oder »Comala schläft«.

Den Herren wurde Punsch, den Damen Limonade vorgesetzt. Das Butterbrot war etwas zähe und hart. Zur Entschuldigung gab Herr Meibum an, er hätte selbst alles geschnitten und belegt, was drei volle Tage in Anspruch genommen; eine Wirthin hätte ein saures Amt zu versehen. Zwei Violinen und eine Flöte bildeten das Orchester, und das Interessanteste dabei war, daß die Flöte von einem wirklichen Fräulein geblasen wurde. Niels hörte jedoch nicht viel von der Musik; er hatte die Bekanntschaft eines jungen Malers gemacht, der gerade augenblicklich passende Gelegenheit fand, sich über die Kunst und sich selbst auszusprechen. Er wurde melodramatisch; wir müssen einmal seine Ergüsse mit anhören.

»Als Studie,« sagte er, »ist die Natur, da sie stets correct ist, ja ganz gut, aber auch nicht mehr; das Genie muß sie revidiren. Die größeren Meister haben das auch gethan. Richten wir doch nur unsere Blicke auf die Bildhauerkunst, da haben wir Thorwaldsen, gut für seine Zeit, sehr gut, Praxiteles, gut für seine Zeit! Wir, das jüngere Geschlecht, die wir auf den Schultern des älteren stehen – Sie werden mir doch einräumen, daß der auf den Schultern eines anderen Stehende höher ist als der ihn Tragende – unsere Genies, die der Zukunft,« – hier, sagte er nicht wir – »sind höher als jene; unsere Genies übersehen die Mißgriffe jener, übersehen sie mit Achtung! Ich bin nun nicht Bildhauer, diese Kunst ist mir zu kalt und begrenzt; eine Figur, ja selbst eine Gruppe ist nur ›Stückwerk!‹ Die Welt offenbart sich in Farben, sie gehören dazu! Nun kommt das Genie und giebt auf einer Fläche Länge und Tiefe an –! Die Welt an sich, die Geschichte, die Dichtkunst, die Allegorie, alles wird Leben. Der Marmor steht unbeweglich, das Gemälde bewegt sich; ein Dichterwerk bedarf stundenlanger Lectüre, ehe man über seinen Zweck Klarheit erlangt, das Gemälde dagegen – bah, da steht es, so sieht es aus! Das ist Genie! Den Weg schlage ich ein.«

Da ging der Vorhang auf. Die Jungfrau war wirklich hinterlistig, aber auch erschrecklich langweilig, trotzdem Herr Meibum mitspielte, der doch in seinen jungen Jahren Mitglied der königlichen Theatergesellschaft gewesen war. In jener Stellung war er als eines der Hinterbeine des Löwen in der Zauberflöte aufgetreten und hatte später auf kleineren Theatern als Hamlet geglänzt, welchen Erfolg er durch längeres Pausiren oder, wie er sagte, dadurch erlangt hatte, daß er an der rechten Stelle den Mund gehalten, denn das wäre die eigentliche Zaubermacht der Schauspielerkunst. – Sämmtliche Mitspieler wurden selbstverständlich herausgerufen, Herr Meibum dreimal, und bei dem letzten Male erging er sich in einem Impromptu, welches er den Tag zuvor niedergeschrieben hatte, über den erleuchteten Geschmack des Publikums und seine eigene Unbedeutendheit; und beides war eine Lüge, aber so geht es ja einmal zu. Niels sah und hörte mit nicht ganz ungetheilter Aufmerksamkeit zu, indem er sie halb der Vorstellung und halb dem Publikum zuwandte; zur Rechten hatte er Herrn Schwan, zur Linken dagegen einen Studenten, einen jener nur vereinzelt Vorkommenden, vor deren philosophisch erleuchtetem, weltumfassendem Blicke die Menschheit nur aus Lumpen besteht. Im Anschluß an die Sage läßt Öhlenschläger in einem seiner Trauerspiele einen Hünen auftreten, der so stolz ist, daß er nie gelacht hat; in dem geschriebenen Wort klingt es ja ganz erhaben, aber der Anblick auf der Bühne erregt Lachen. Hier war etwas von diesem Hünenbewußtsein, aber Niels lachte nicht; er sah mit halber Bewunderung den jungen Mann an, den Herr Schwan einen Salon-Diogenes nannte, und der bei dem schlechtesten Theile der Vorstellung rief: »Gut, sehr gut, besser als das Beste!« und dabei lachte, und selbst dieses Lachen war unendlich tief. Hinter ihm saß ein junger Kaufmann, der unaufhörlich und stets in Gegensätzen redete; sein Vergnügen bestand darin, von dem Allergewöhnlichsten in pathetischen oder hochtrabenden Ausdrücken zu sprechen.

In der Pause zwischen den beiden Stücken gab es Eis und Gelée, aber auf den Tellern war so wenig, daß es fast so aussah, als würden nur die Überreste fast ganz verzehrter Portionen umhergereicht. Der Abend endigte mit einem Sprichwörterspiel und Moquirstuhl, geistreich und mit Küssen; der glückliche Niels wurde von dem Flöte blasenden Fräulein dazu erkoren, mit ihr »Polnisch betteln zu gehen«, von jeder Dame einen Kuß zu empfangen und ihn ihr zurückzugeben. Das war »high-life« in der Belle-Etage, ein großes Picknick.

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