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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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IV.

Herr Schwan.

»Hier scheinen wieder Studien zum theologischen Examen getrieben zu werden,« sagte Herr Schwan eines Tages, als er seinen Pathen besuchte und auf dem Tische die Bibel, Martensens Dogmatik und ein Exemplar des Augustinus aufgeschlagen bemerkte.

»Sie würden hier eben so gut den Alcoran und die Zendavesta finden,« erwiderte Niels und deutete auf eine Seite des Tisches hin, auf der allerlei Schriften von Vogt, Zeller, Schleiden, Liebig und mehrerer anderer durcheinander lagen.

»Was ist denn nun in aller Welt das Ergebnis deines Materialismus?« versetzte Herr Schwan, »denn in dem steckst du nun doch. Vielleicht einmal ein gutes Lustspiel: das Fatum wird zur Mischung der Stoffe, man muß nach ihrer Zusammensetzung handeln; man ist Maschine und bleibt Maschine. Der Schuft, der Räuber, der Mörder sind alle höchst ehrenwerthe Leute, denn sie können nicht anders sein, als sie nach der Mischung der Stoffe sind, und doch setzt man sie in das Gefängnis und raubt ihnen die süße Gewohnheit des Daseins. Aber an den Richtern liegt die Schuld ebenfalls nicht; auch sie sind aus Stoffen zusammengesetzt, die sie antreiben, die Gesetzesübertreter zu verurtheilen, sie hängen und köpfen zu lassen; die Richter sind auch unschuldig. Das ist das Tragische an den Stoffen, und das giebt uns Stoff zu einem Lustspiel, die Extreme berühren einander!«

»Über diesen Standpunkt, den Sie mir noch zutrauen, bin ich weit hinaus!« versetzte Niels Bryde; »aber ich wünschte wirklich, daß Sie Ihre Auffassung vom Fatum, nach der es auf der Mischung der Stoffe beruht, der Welt in einem Lustspiele verkündeten. Schreiben Sie es! Unser Zeitalter verlangt sehnlich nach einer Dichtung der Gegenwart, nach einem Narcißbilde seiner selbst, welches in der Gemäldegalerie der Ewigkeit aufgehängt und »das neunzehnte Jahrhundert« genannt werden könnte.«

»Mir ist bange, daß ich die Stoffe dazu nicht in mir habe,« erwiderte Herr Schwan. »Die Ideen habe ich vielleicht in hinreichender Menge, aber ich besitze noch nicht die Kenntnis, welche die Materie verlangt. Auch ist mir bange, zu früh zu kommen; das Publikum oder wenigstens die Zeitungsredacteure, die großen Omnibusführer, müssen mit dabei sein.«

»Weshalb schreiben Sie nicht nieder, was Sie sagen, was Sie denken?« fragte Niels.

»Ei, mir geht es wie Jeppe, ich kann »aus drei Ursachen« nicht; aber nicht etwa wie er »aus Mangel an Muth«, »aus Furcht vor dem Meister Erich« oder »aus zu gutem Gemüthe«; o nein, erstens komme ich vor lauter Arbeit nicht dazu; dann kann ich das Gedachte und Gesagte nicht so lange behalten, bis ich es aus der Feder los bin, und endlich will ich gern in Ruhe und Frieden leben. Wäre ich wirklich ein Genie und zeigte es in einer Weise, daß mir die Unmittelbarkeit in ihrer ersten Freude Palmen streute, so müßte ich darauf gefaßt sein, daß dieselbe Unmittelbarkeit morgen das »Kreuzige, Kreuzige ihn!« über mich ausriefe.«

»Sie reden fast, Herr Schwan, als wären Sie ein anonymer Schriftsteller, der eine schändliche Behandlung erfahren hat. Sie haben doch nicht etwa das neue Lustspiel ›Lauter Zauber‹ geschrieben? Das Stück war tüchtig, merkwürdig, so geistvoll, daß man einige dramatische Unbeholfenheiten hätte vergessen sollen; allein das große Publikum der lieben Hauptstadt pfiff es nicht nur aus, sondern verspottete und begeiferte es auch noch. Und doch wurde es von den hervorragendsten Talenten gespielt und mit Liebe gespielt. Kein geniales Talent gab seine Rolle darin mit muthwilliger Bosheit, keines spielte über die Lampen hinaus, als hätte es sagen wollen: ›Das Ganze ist nichts als Gewäsch, darüber können wir getrost einig sein!‹«

»Für das Theater schreibe ich erst in der andren Welt, wo das Publikum sich einer Prüfung unterwerfen muß, ehe ihm der Eintritt gestattet wird; dort muß der Logenschließer wenigstens Professor der Ästhetik sein.«

»Man darf sein Pfund nicht vergraben, das predigt selbst die Bibel im Gleichnisse. – Dumme Kritik verdampft, und begeifert sie auch einen Schriftsteller, so ist das zwar widerwärtig, allein der Geifer verdunstet gleichfalls. Er hat die Eigenschaften jedes anderen Schmutzes; man darf ihn nicht anrühren, so lange er naß ist; bleibt er einen Tag lang unberührt, so löst er sich in Staub und Asche auf!«

»Das ist sehr richtig; aber würde ich diesen Tag über gepeinigt und geplagt, so bekäme ich die Gelbsucht vor lauter Ärger! Nein, ich bin zum Glück aus solchem Stoff zusammengesetzt, daß ich mich in der Kunst glücklich fühlen kann, ohne deshalb selbst als Künstler aufzutreten. Gönnte man mir nur, in der Kunst glücklich zu sein, die mir lieb und heilig ist; aber die andern dulden das nicht! Alle wollen über die Kunst urtheilen, und die Menge sagt, auf diesem Gebiete habe jeder gleiches Recht, weil die Kunst Geschmackssache sei. Ich dagegen behaupte: sie ist Gedankensache! Sie reden von Kunst, wie von Wind und Wetter und in Wind und Wetter und heiliger Einfalt. Ich darf auch meine Ansicht äußern, sagt der Höker und sein Weib, der geistige Höker, und ist er nun noch ein ehrenwerther Beamter, ein geachteter Mann, wie es auch der Holzhauer in seinem Geschäfte sein kann, dann muß man vor dem Urtheile des achtbaren Mannes Achtung haben. Das Publikum, ei, das ist ein Mann von großem Ansehen, es kann Orden und Kammerherrnschlüssel besitzen, das heißt Ehre vorne und Ehre hinten; es ist ein mächtiger Herr, vor dem man sich verbeugt, obgleich es oft ein völlig – um Verzeihung, ich will lieber nicht aussprechen, was ich denke! Das Publikum, ›dieser Herr Masse‹, dem, ohne eine Prüfung abgelegt zu haben, gestattet wird, das Theater zu besuchen und das sich darin gewöhnlich an den Pranger stellt, es lacht falsch, es klatscht falsch und verdirbt das Talent. Aus den Klängen des Orchesters vernimmt mein Ohr oft deutlich den Ruf: Publikum dumm, dumm, dumm! Es müßte ein besonderer Text untergelegt werden!«

»Allein so ist sicherlich das Publikum in allen Ländern und zu allen Zeiten beschaffen!« entgegnete Niels Bryde. »Das Publikum gleicht einem Strom, der die Farbe wechselt, je nach den Ufern, die sich in ihm abspiegeln, und nach dem, was er selber mit sich führt; er rollt und rollt; es ist nie dasselbe Wasser und doch stets derselbe Strom. Oft brandet er gegen die mächtige Klippe, und nun zeiget sich Schlamm an ihr; aber der Schlamm rührt vom Strome her, nicht vom Felsen.«

»Mit der Zeit gelangt alles, wenn man es nur so lange aushalten kann, zur Klarheit,« sagte Herr Schwan, »das Tüchtige zu seinem Rechte, das Böse zu dem seinigen. Ich glaube mit Göthe:

›Alle Schuld rächt sich auf Erden!‹

sonst hätte ich es gewiß unterlassen, mein einziges Buch zu schreiben und meine juridische Erkenntnis abzugeben über ›Unsere heimischen Verhältnisse in der Gegenwart.‹«

»Ihr einzige« Buch!« rief Niels Bryde. »So haben Sie denn endlich eins geschrieben!«

»Ich habe zwei geschrieben,« sagte Herr Schwan, »Das jüngste Gericht im Großen‹ und ›Das jüngste Gericht im Kleinen‹. Diesen Titel führen die Bücher zwar nicht, sie sind auch noch nicht fertig, und ich erlebe es auch nicht, daß sie fertig werden. Aber dasjenige von ihnen, welches den eigentlichen Gegenstand unseres Gespräches bildet, enthält Aufzeichnungen, welche ich über die Persönlichkeiten und Ereignisse in unserer Heimat während meiner Zeit niedergeschrieben habe, die man jetzt nur durch die Brille der Parteien oder Verhältnisse betrachtet. Ich gebe das geschriebene Blatt, unmittelbar wie es mir aus dem Munde gekommen ist, die Wahrheit ohne Glacehandschuhe, aber auch ohne bösen Willen. Ich glaube und hoffe, Gott selbst werde mir bezeugen, daß Herrn Schwans Erzählungen vollkommen ehrlich und richtig sind. Jetzt soll das Manuscript erst noch ein halbes Jahrhundert nach meinem Tode daliegen, und dann – ja, ja, ihr guten Leutchen, ihr wißt nicht, wer von euch in dem ›Buch des Herrn Schwan‹ steht, und was ich an das Licht bringe! – Ich habe Klein und Groß all ihres Putzes entkleidet, so daß sie getrost zu Bette gehen können, falls sie nämlich ein gutes Gewissen haben!« fügte er mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu.

»Das wäre also ›das jüngste Gericht im Großen‹, aber nun das im ›Kleinen‹? Wo liegt der Schauplatz desselben?«

»Im Theater! Und dort bedarf man des jüngsten Gerichtes sowohl für das Personal wie für das Publikum, über das ich mich vorhin ohne alle Schmeichelei aussprach. Gelegentlich sollst du einen Bissen davon abbekommen.«

»Schon im voraus meinen besten Dank!« sagte Niels Bryde, »aber schwerlich werden ich und die Welt etwas von Ihrem kleinen und Ihrem großen Gerichte zu hören bekommen. Sie sollten das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden lesen und sich zu Herzen nehmen! – Sie sind in Wahrheit eine Dichternatur!«

»Noch mehr, eine Natur, die sogar länger als neun Jahr alles im Pulte behalten kann,« erwiderte Herr Schwan und wies auf seine Stirn. »Fallen Papierschnitzel heraus, so wandern sie in den Papierkorb! Ich will kein Poet sein, selbst wenn ich dafür goldene Berge und grüne Wälder bekommen könnte, das heißt ein leidliches Auskommen, so lange ich lebte, und Berühmtheit, wenn ich todt wäre. Einem wahren Dichter muß wie dem armen Aale zu Muthe sein, den man, nachdem man ihm die Haut abgezogen, wieder in den Mühlbach geworfen hat. Bei seiner Lebenszähigkeit kann er darin ja weiter leben, aber er muß die andren, die Schuppenfische, nun unaufhörlich sagen hören: ›Nein, wie empfindlich er ist! Das kann er nicht einmal vertragen!‹ – Mißgunst und Mitleid sind die beiden Pole unseres Charakters; wir dulden nicht, daß sich jemand über den Strom der Gewöhnlichkeit erhebe. Thut er es, dann nur nieder mit ihm! Sinkt er zu tief in den Morast hinein, ei ja, dann werden die Herzen gerührt, dann heben wir ihn wieder ein wenig empor! – Der Verstand, das heißt nach dem Maßstabe eines jeden Einzelnen, ist unser Dalai-Lama; wir verdauen ehrerbietigst alles, was wir für Theile desselben halten. Wir können bei der Darstellung eines Lustspiels unsere herzliche Freude empfinden und von Anfang bis zum Ende lachen, fällt aber der Vorhang, so werden wir mit einem Male kritisch und finden es unwürdig, daß man gelacht hat, und nun pfeift man. Kann da wohl jemand Lust fühlen, sich in diesen Strom zu stürzen? Wird man Poet, so verliert man seine Aalhaut. Lebt man noch dazu in einer kleinen Straße, wo nur wenige Auserwählte das Recht besitzen, auf dem geistigen Trottoir einherzuschreiten, dann thut man am wohlsten, ein ewiges Dolce far niente zu feiern oder zu der richterlichen Gewalt überzugehen, um in ihr seine Verständigkeit als Taxator des Guten und Bösen zu zeigen. Noch nie war ein Urtheil so unrichtig, daß es nicht, wenn es nur in schöne Worte eingekleidet war, Nachahmung gefunden hätte!«

»Sie kamen in ausgezeichneter Laune hierher,« sagte Niels Bryde; »reden Sie sich jetzt nicht aus ihr heraus und in düstere Stimmung hinein! Sie scheint mir jetzt schon Ihre Augenbrauen zu beschatten. Sie sind einer der Menschen, deren innere Maschinerie in geistiger Hinsicht ich gern kennen möchte. Diese Nervenschwingungen in Dur und Moll müssen durch Strömungen von außen her erregt werden!«

»Aber wenn es in der Saite selbst läge!« versetzte Herr Schwan, mit einem Male ganz in die befürchtete Stimmung versunken. »Es liegt mehr in dem Bernstein selbst als in dem Reiben, daß sich das Phänomen zeigt. Es liegt in der sympathetischen Tinte und nicht in der Wärme, daß das einmal Geschriebene und dann Verschwundene wieder zum Vorschein kommt. Jeder Mensch, selbst die mittheilsamste Natur, hat einen geheimen Winkel; in ihm befindet sich der Resonanzboden, an dem alle Saiten befestigt sind, und aus ihm kommt des Menschen Moll und Dur. Ich habe ebenfalls meinen geheimen Winkel – und in ihm stehen viele Inschriften, die ich nur beim Laternenschein der schlechten Laune lese.«

»Und diese Inschriften,« sagte Niels Bryde, »wie lauten sie zum Beispiel?«

»Glaube niemandem, nicht einmal dir selbst! – Hat dir jemand Unrecht gethan, so sei vor ihm auf deiner Hut, denn er wird um seines eigenen Gewissens willen einen wirklichen Fehler bei dir aufsuchen und ihn zu seiner eigenen Entschuldigung enthüllen. – Der Zufall herrscht öfter als der Verstand. – Weiber und Bänder sollst du nicht bei Licht kaufen, du kannst dich sonst nicht auf die Farben verlassen! Letzteres ist jetzt schon halb zum Sprichwort geworden, und ähnlicher Art kann man sich eine ganze Menge bilden, besonders wenn man schon seine gute Aalhaut abgestreift hat und durch den Strom schwimmt.«

Wirklich hatte sich Herr Schwan in seine schlechte Laune, in seine Schwermuth hineingeredet. Er drückte seinem jungen Freunde die Hand, ging nach Hause, verschloß seine Thür, warf sich auf das Sopha und ließ die Mollsaite in dem geheimen Kämmerlein seines Herzens heftiger und immer heftiger vibriren.

Durch die Märchendichtung sind vor allen Dingen zwei Begriffe des dänischen Volksglaubens personificirt und auf die Bühne gebracht: der Schlaf mit seinen Träumen in der Gestalt des Ole Sandmann, und die Erinnerung mit ihrer Macht als Fliedermutter, die als die Dryade des alten Fliederbaumes im Garten erscheint. Aber auch die Illusionen haben ihre Personification, wie sie uns der Dichter im Volksglauben zeigen will, und zwar ist es hier besonders das Irrlicht. Während Ole Sandmann den armen Herrn Schwan floh, und Fliedermutter ihr fliedergeblümtes Gewand über ihn breitete, war das Irrlicht doch die Hauptfigur, war der Herr der Illusionen, der Dämon mit den glänzenden Laterna-Magicabildern. Ja, dieser Dämon hatte ihn verzaubert, er, der uns in den Sumpf hinauslockt, der rothe Mann mit der Laterne auf dem Kopfe, er, der wie die Flamme schwankend und alles verzehrend ist, hatte den armen Herrn Schwan von der Beamtenlaufbahn auf die Bahn der Erfindungen gelockt, hatte Zemires Beschützerin durch seine Beleuchtung in ein Schönheitsideal verwandelt, während ihre Zunge doch nur Espenlaub, ihre Geistreichheit Geplapper war. Herr Schwan hatte an die Menschen im Glanze des Irrlichts geglaubt und sein Vermögen dabei zugesetzt, ja sein Genie, seine Kraft, seine Tüchtigkeit und seine Begabung hatten durch den Dämon eine ganz falsche Beleuchtung erhalten; derselbe hatte ihn auf den Lehnstuhl der Ironie geworfen und sich wie ein Alp auf seine Brust gesetzt, so daß Herr Schwan hinter verschlossenen Thüren in bitterstem Seelenschmerze jammerte. – Seine Stimmung in solchen Stunden heißer Qualen pflegte er dann bildlich auszudrücken. Einmal sagte er:

»Die hohen Götter sammelten eine Menge Zwiebeln, drücken auf jede den Kuß der Begeisterung und verliehen ihr dadurch die Kraft, in Schönheit zu blühen; aber darauf beschließen es sich die hohen Götter noch einmal und am nächsten Morgen nahmen sie nur einige Zwiebeln, steckten sie hier und da in die Erde, und diese wuchsen zu ihrer und der Welt Freude. Die anderen wurden hingeworfen, lagen da und trieben wilde Schößlinge ohne Blüte, siechten dahin, lösten sich wieder in ihre Bestandtheile auf und alles war verloren!«

Schließlich wurde Herr Schwan ein vollkommener Fatalist, und daß dies das Allervernünftigste wäre, bewies er nicht etwa aus Mahomeds Lehre, sondern sogar aus christlichen Schriftstellern. »Einige Menschen sind zum Glück vorausbestimmt, andere dazu, Mißgeschick aller Art zu erleiden.« Er eignete sich Calvins Worte an: »Ich glaube mit Augustin, daß es von Gott entschieden zum Verderben bestimmte Menschen giebt, und daß sich solches auch vollzieht, weil er es eben will!« Herr Schwan betrachtete unsere Wege als abgemessen, betrachtete alles als vorausbestimmt. Die Bibel sagte ja ganz bestimmt: »Alle Haare auf unserm Haupte sind gezählt!« – »Nicht ein Sperling fällt ohne den Willen unseres himmlischen Vaters zur Erde.« Mahomeds Bekenner hätten in ihrer geoffenbarten Religion den Lichtstrahl der Wahrheit: »Unser Schicksal ist vorausbestimmtl« Und mit diesem Glauben warf sich Herr Schwan auf sein Bett, bis Leib und Seele wieder in Gleichgewicht kamen. Dann konnte in einem Augenblicke wieder ein hell leuchtender Stern, ein Sonnenstrahl, die Aussicht aus dem Fenster über das Meer eine ganze Verwandlung in ihm hervorbringen, dann stand der farbige Regenbogen der guten Laune lustig auf der Schwermuth schwarzen Wolke. Schaarenweise wie die Zugvögel jagte dann eine Idee die andere; das sang und klang um ihn her, und Herr Schwan lachte wieder über sich selbst und die ganze Welt.

In seiner früheren, rein materialistischen Befangenheit hatte Niels Bryde diese Stimmungen auf einen kleinen Klumpen Fett oder auf eine unbedeutende Blutstockung an irgend einer Stelle im Gehirn zurückgeführt; ist doch die ganze künstliche Menschen-Maschine von so wenigem abhängig! – Es macht uns jedoch Freude mittheilen zu können, daß noch vor Ende des Jahres ein äußerer Umstand die Folge hatte, daß die gute Laune in ihm – und wir wollen hoffen für immer – herrschend wurde, und da mir nun gerade einmal bei Herrn Schwan sind, wollen wir, ehe wir ganz von ihm scheiden, von seinem Glücke hören.

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