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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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III.

Weiteres von Esther und einem alten Bekannten. Selbstprüfung.

In vielen Familien war Niels Bryde ein sehr gern gesehener Gast, »aber dessen kann man doch auch überdrüssig werden,« sagte Herr Schwan. »In einigen Häusern geht ja das ganze Leben in den Kindern auf, die alle helle Köpfe sind und nur Unglück bei dem Examen haben. In andren Familien denkt man nur an das Haushaltungsbuch; man kommt ungelegen, ehe das Rechenexempel gemacht ist. Niels nimmt das Angenehme und das Gefasel an einer Stelle, das hat seinen Vorzug.«

Das Aronssche Haus war ihm zu einer Heimat geworden; hier hatten ihn alle lieb, sogar der gute Kopf, Rebekka, die in ihren Ansichten etwas zähe war und mit Herrn Bruß und mit dem Maler, dem Genie von der Soireé des Herrn Meibum her, stets gegen ihn zu Felde zog. – Herr Bruß war immer nordischer geworden, predigte Edda-Christenthum und verkündete jedem, der nicht seinen Glauben hatte, den ewigen Tod. Der Maler gerieth über die Bedeutung einiger anderer Künstler unaufhörlich in Aufregung. Niels Bryde fand sie überaus langweilig und sprach es eines Tages offen aus. Die Antwort lautete: »Die Kunst ist immer langweilig, doch begreife ich nicht, daß es jemandem, wie Niels Bryde, an der Jungfräulichkeit fehlen kann.« Er wollte sagen: Unmittelbarkeit.

Solche kleine Reibereien hatte Niels Bryde dort im Hause gegen Rebekka, Herrn Bruß und das Genie häufig durchzukämpfen. In vielen das Religiöse nicht berührenden Punkten sprach Esther ebenfalls eine bestimmte Ansicht aus, die oft von Niels Brydes Anschauungen abweichend war. Allein trotzdem vermißte er etwas, wenn er sie nicht täglich in solcher Weise sprechen hörte.

An Kirkegaards Schriften, diese Tropfsteinquelle des Humors und Verstandes, deren Tendenz nach Herrn Schwans Auffassung darauf abzielt, orthodoxe, gothische Kirchenbogen zu bauen, an ihn, den manches Biederweib mit dem Verstande einer Nähterin zu verstehen vorgiebt und sich eine Kirkegaardsche Schleife auf die Schulter heftet, damit es Livrée tragen und sich auf seine Herrschaft berufen kann – alles die Worte des Herrn Schwan – daran konnte Esther sich nicht anschließen. Sie bewunderte den hochbegabten Mann, wurde es aber müde, sich über die seltsame Pflasterung der Sprache bis zum Eingang in den Tempel des Gedankens mühsam fortzuarbeiten; der Weg war zu lang, und das Grün, welches sie fand, war nicht frisch aufgesprossen.

Für Musik, sagten die Schwestern, die jeden Abend die italienische Oper besuchten, nur für sie schwärmten und eine Locke von Rossi's Haar besaßen, für Musik hätte Esther kein Verständnis. Und doch räumte sie ein, daß diese Musik gerade ihrer Stimme entspräche, daß Norma, wenn sie dem Vater ihre Sünde bekannte, in Thränen weinte. Rossinis Tonquelle, sagte sie, wäre Champagner; allein sie triebe es zu einem ganz anderen Tranke hin, zu der ewigen Naturquelle, wie Gluck, Beethoven und Mozart sie hervorsprudeln läßt. Sie liebte Hartmanns und Gade's Musik, sie drang ihr zu Herzen, und gleichwohl behaupteten die Schwestern, sie verstände gar nichts von Musik.

Esther besuchte auch die Ausstellung, schloß sich aber den Ansichten der anderen über sie nicht an, und da wir ihre Anschauungen nicht theilen, so wollen wir ihre Äußerungen mit Stillschweigen übergehen. Am höchsten schätzte sie die Bildhauerkunst, die den Dänen durch Thorwaldsen wie der Danebrog vom Himmel herabfiel.

Außerordentlich bewunderte sie Ohlenschläger, dessen Bedeutung für den Norden sie verstand; sie sprach es entschieden aus, daß die nordische Literatur durch ihn wieder im Laufe der Zeit auch für andere Länder der Erde Bedeutung gewinnen würde. Sie bemerkte indessen auch seine Mängel, oft gerade da, wo ihre Umgebung sich in Begeisterung verlor. Seine nordischen Frauengestalten erschienen ihr zu weich; Thora, Signa, Valborg wären zärtlich, rührend, sternklare christliche Frauen, die uns durch ihre ideale weibliche Erscheinung rührten, aber in Wirklichkeit hätten sie ihrer Ansicht nach so nicht sein können. Die Geschichte und die Heldenlieder zeigten sie uns in einem andern Lichte, und deshalb müßte die Darstellerin es in ihrer Kunst verstehen, nach dem historischen, wahren Vorbilde zu accentuiren. Ganz besonders hielt sie Eleonore Ulfeld in dem Drama »Dina« für verfehlt. Ihres Bedünkens dürfte ein Vorbild für Frauen – und als ein solches würde sie in der Geschichte wie in den Schulbüchern doch aufgestellt – nicht weich, zart und rührend sein. »Auch war es Eleonore nicht,« sagte sie, »ihre Liebe und Treue zu ihrem Gemahl unter den Kämpfen und Prüfungen des Lebens machen sie erst zu einem solchen Vorbilde. Sie besaß Willenskraft, verstand ihrem Willen in Worten Ausdruck zu geben, hatte menschliche Leidenschaften, Charakter.« – Esther verlangte in Dichtung wie in Darstellung die historische Eleonore Ulfeld. –

Dergleichen Urtheile aussprechen und noch dazu mit der Entschiedenheit, wie sie es that, hieß mit ganz Kopenhagen, »dem nordischen Athen« brechen. Klug war es von Esther, daß sie nur Niels Bryde gegenüber solche Urtheile fällte. Aber gerade diese offene Mittheilung ihrer Ansichten, in denen sie nicht mit dem Strome schwamm, während sie doch zugleich ihre Behauptungen nicht mit der Zähigkeit ihrer Schwester Rebekka aufrecht erhielt, zog ihn mehr und mehr zu ihr hin. Sie wurde ihm gleichsam ein Theil der Welt, den er nicht mehr entbehren konnte und deshalb besuchte er die Familie auch täglich.

Eines Tages las Esther, als er eben in das Zimmer trat, in Justinus Kerners »Seherin von Prevost«. Er nannte es ein hysterisches, überspanntes, ungesundes Machwerk und riß es ihr mit einer Grimasse aus der Hand.

»Haben Sie es gelesen?« fragte Esther. »Gewiß haben Sie es nicht anders gelesen, als Kritiker, die bereits eine vorgefaßte Meinung haben, ein Buch zu lesen pflegen; sie blättern, ›orientiren‹ sich darin. Dieses Buch befriedigt mich nicht vollkommen, versetzt mich jedoch in eine gehobene Stimmung. Sie glauben nicht an das Übernatürliche, glauben nicht recht an das Höchste in uns. Sie wollen durch die Sinne das Psychische erfassen, aber das vermag man nicht in der gewöhnlichen Weise des Ergreifens. Daß wir jedoch eine Seele, einen unsichtbaren Geist in uns tragen, das müssen Sie erkennen, denn er ist Ihr Ich, Ihr eigentliches Selbst. Haben Sie indessen nie empfunden, daß diese Seele gleichsam Gefühlsfäden hat, vermittelst deren sie sich auf Augenblicke über unsere gewöhnliche Sinneswelt zu erheben vermag? Ein gewisses Vorgefühl sagt uns bisweilen, was all unsere Klugheit nicht ausfindig zu machen im Stande ist. Sollte nicht das Gebet, wenn es so recht aus einem tiefbewegten Herzen emporsteigt, eine solche Kraft sein? Es gab eine Zeit, in der die Wissenschaft noch nichts von den Bahnen der Kometen wußte, deren Lauf zu den Zufälligkeiten gerechnet wurde, da er nichts mit den der Wissenschaft bekannten Gesetzen des großen Weltalls zu thun hatte. Seitdem hat man gelernt, daß sie ihre eigenen ebenso weise bestimmten Bahnen haben. Sollte nun nicht die Geisterwelt gleich den Kometen etwas ganz Natürliches und Erklärliches sein, wenn man auch noch nicht so weit gekommen ist, das ihr Eigenthümliche zu verstehen? Sollte ich in dem großen Wunderwerke, als welches das Weltall erscheint, nicht an eine höhere Geisteswelt mit ihren besonderen Gesetzen und Bahnen glauben, die mit dem rein materiellen Leben nichts zu schaffen haben? Wie soll ich mich nur gleich ausdrücken? Wenn in der großen Himmels-Mechanik die Kometen die Bahnen des Mondes, der Erde und der Sterne durchschneiden, sollte es da nicht für das nach unseren Begriffen Übernatürliche ebenfalls Bahnen geben, die das Gewöhnliche durchschneiden? Wie ein Wurm kriechen wir auf einem mächtigen Gebäude umher, und wenn wir uns auch denken, daß der Wurm jeden Stein, über welchen er hinfortkriecht, deutlich vor sich sieht, ja, alle seine chemischen Bestandtheile und ihre Zusammensetzung kennt, so vermag er doch nimmermehr einen ganzen Flügel zu überschauen, geschweige denn das ganze Gebäude; und geht es uns nicht ebenso? Zweifeln Sie nicht inmitten einer Welt von Wundern am Wunderwerke!«

»Aber wo bleibt da die Grenze für die Geisterwelt? Dann verirren wir uns vollkommen auf das Gebiet der Spukereien und der Doppelgängerei, wo es so weit geht, daß die Kleider mitspuken, indem sich das Gesicht stets in den gewöhnlichen Kleidungsstücken der spukenden Person zeigt!«

»Es giebt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als sich die Herren Philosophen träumen lassen, sagt Shakespeare in seinem Hamlet. Das sind Worte von tiefem Gehalt. Die Wissenschaft weiß gar wenig, und wo sie aufhört, fängt der Glaube an.«

»Oder der Aberglaube!« entgegnete Niels Bryde, »und er ist es, den man aus dem Acker des Glaubens ausrotten muß.«

»Sind Sie in dieser Richtung jedoch Botaniker genug, um die Kräuter von einander zu unterscheiden? Aus einem früheren Gespräche mit Ihnen glaubte ich entnehmen zu können, daß wir einander näher gekommen wären; allein Sie sind ja noch immer weit von dem Glauben an die Unsterblichkeit entfernt.«

»Nun wohl!« sagte Niels Bryde scherzend, »ich gebe Ihnen das Versprechen, Esther, daß ich mich, sterbe ich vor Ihnen und giebt es ein Fortleben und einen Eintritt in die körperliche Welt, offenbaren werde. Fürchten Sie sich nicht; ich werde mich Ihnen als einen Klang, als einen Ton zu erkennen geben, ich werde mich nicht in dem gewöhnlichen Geister-Burnus zeigen!«

»Wenn es mir nun aber an den geistigen Organen gebricht, die dazu gehören, eine solche Erscheinung wahrzunehmen?« erwiderte Esther. »Ihnen fehlt schon das Organ, sich dergleichen blos zu denken, und deshalb glaube ich, daß sich Ihre Bahn nach dem Tode in einer ganz andern Richtung als durch die Wirklichkeit dieser Erde bewegen wird. – Ein Klang, ein Ton!« wiederholte sie mit großem Ernst, »ja, so möchte auch ich mich meinen Lieben hienieden am liebsten zu erkennen geben!«

Nach Niels Brydes Überzeugung hatte Esther doch etwas Krankhaftes, das träte in einzelnen Ansichten hervor, wahrend er wieder in ihren Gesprächen über Kunst, Poesie und alles Schöne Wahrheit und Gesundheit fand. Natürlich, denn hier stimmte sein Urtheil mit dem ihrigen überein.

Wenige Wochen im nächsten Sommer ausgenommen, die Niels Bryde außerhalb Kopenhagens bei einem Freunde auf Besuch zubrachte, sahen, wie gesagt, er und Esther sich fast täglich; aber gerade in dieser Zeit fiel ein für die Familie Arons und namentlich für Esther höchst wichtiges Ereignis vor.

Der junge Graf Spul, jener Commilito, mit dem Niels, wie wir uns erinnern werden, in seine Fuchsjahre einmal vom »Runden Thurm« herabgekommen war, hatte ihn öfter zu sich nach Fünen eingeladen. Der Graf hatte während des Krieges in dem adligen Schützencorps gedient, hatte eine leichte Wunde erhalten und war von dem Freunde verbunden und gepflegt worden.

Der Besuch auf Fünen gehört jedoch nicht zu den großen Blättern in Niels Brydes Lebensgeschichte, oder doch nur insofern, als durch seinen Aufenthalt in Odense eine schmerzliche Saite in seinem Innern berührt wurde. Niels bekam hier wieder eine Persönlichkeit zu sehen, die wir nicht ganz vergessen dürfen, den armen Flickschneider. Noch lebte und litt er; hier, in der Irrenanstalt, wurde er, wie es in der Amtssprache hieß, versorgt. Was für ein Leben! Lieber nie geboren! Sein Leben war wie eine Buße für etwas, das er nie verbrochen hatte. Niels Bryde stattete ihm in Begleitung des Arztes der Anstalt einen Besuch ab, sah den Kranken und hörte von ihm berichten.

In dem sogenannten »grünen Garten«, der den Kranken, die nur an stillem Wahnsinn litten und unschädlich waren, zum Aufenthalt diente, durfte auch er spazieren gehen, wenn seine Nervenfäden nicht in gar zu wilden Schwingungen zitterten, denn dann saß er igelförmig zusammengerollt da. Die große Reinigungsmaschine des Gesetzes ginge ja, wie er sagte, einer Windhose gleich über Böse und Gute hinfort; sie hätte keine Gedanken, nur Gesetze. Die dürre, schattenartige Gestalt war womöglich noch dünner als sonst, alles Leben war verschwunden, der Kopf auf die Brust herabgebeugt. Gegen einen Baum gelehnt saß er auf einer Gartenbank und sah aus, als hätte man nur einige Kleidungsstücke auf sie hingeworfen und ein Paar Stiefel davorgestellt.

»Ich zerschmelze,« sagte er selbst; »aber ich bin auch der reine Schnee, und wenn ich geschmolzen bin, werden alle sehen, daß sich kein Ring in mir findet. Ich habe ihn nicht; ich nahm ihn nicht! Jetzt wirbelt alles im Kreise umher; es stürmt in meinem Gehirne. – Herr Jesus, du bist mein Schatz! Ich bin der Enkel des Schatzgräbers Peter, ich lasse meinen Schatz nicht los; aber jetzt liegt der Flugsand auf meinem Kopfe! Begraben, begraben, nie gefunden werden! Ich habe den Ring doch nicht!«

Das war der Pendelschlag des Wahnsinnes, wie er sich in seinen Worten verrieth. Niels Bryde redete ihn an, nannte Japetus Mollerup, Musikanten-Grethe und Silkeborg, der Kranke sah ihn an, verstand ihn aber nicht. Die Gefängnisstrafe eines Verbrechers ist nicht so drückend schwer wie die Seelenqualen, die der arme, unschuldige Mann fort und fort duldete. Ei nun, Niels Bryde hatte ja einmal früher die Erklärung abgegeben, das läge in seinen Nerven, in seiner Blutcirculation, in der ganzen Zusammensetzung seiner Maschine. Jetzt befriedigte ihn diese Erklärung nicht! In seiner Erinnerung an diese sonst so sonnenhellen Tage blieb dieser Besuch in dem Asyle des Flickschneiders das einzige finstre, unauslöschliche Bild.

Bei seiner Ankunft in Kopenhagen vernahm er, daß Esther gerade den Tag vorher zum Christenthume übergetreten war. Es hatte sie in tiefster Seele gedrängt, die Taufe zu empfangen; ohne diese betrachtete sie sich nicht als eine Christin, und eine solche zu sein, war für sie das Leben hier und jenseits. Ihr Übertritt machte einen tiefen Eindruck auf ihn und wurde für ihn eine Aufforderung zur Selbstprüfung.

Er erkannte ihre feste Überzeugung von der Göttlichkeit der Lehre nicht nur in deren Folgen, sondern auch der persönlichen Einheit Gottes und Christi. Er begriff vollkommen den seligen Trost, der in einer solchen Hingabe an den Glauben lag, den sie ja mit ihrem gesunden Verstande geprüft hatte, und der ihr also zur Überzeugung geworden war. Er dachte darüber ernster und tiefer nach als je zuvor. Als seine Lebensaufgabe betrachtete er, dem Wahren und Guten nachzujagen. Sein Begriff vom Glauben verlangte, daß dieser sich völlig auf Thatsachen stützte; aber in einem geistigeren Sinne, wie Esther den Begriff Glaube auffaßte, führte derselbe auch zur Hingabe hin, bevor der Mensch zur vollen Klarheit gelangt war. Glaube wurde ihm deshalb eben so wie Ewigkeit und Unendlichkeit zu einem übersinnlichen Begriffe, dem er keine Berechtigung zugestand, trotzdem er doch wußte, daß sich bei den Zahlengrößen dasselbe geltend macht, so daß eine anerkannte Wissenschaft, die Mathematik, ihre ganze Existenz hierauf baut.

Wie er ja selbst Esther zugestanden hatte, gab es eine frühere Zeit, in der er sich in jugendlichem Übermuthe über Gott und Unsterblichkeit zu erheben suchte; aber er hatte sich selbst untreu werden, hatte Gott und die Sehnsucht nach einem ewigen Leben fühlen und erkennen müssen. Auf die Persönlichkeit Christi waren seine Gedanken weniger gerichtet, doch sprach er die Überzeugung aus, daß man sich in unserer Zeit zu sehr an die Person und zu wenig an die Lehre, diese Quelle aus Gott, halte.

Wenn er in das Gedankenmeer seines vergangenen Lebens hinabtauchte und von den Anschauungen geleitet, die er sich jetzt angeeignet hatte, nachsann, dann mußte er allerdings einräumen, daß sich die Bibel und die Wissenschaft in vielem wunderbar begegnen. Er erinnerte sich der vielen Stadien, die sein Glaube und Wissen von Gott durchgemacht hatte, erst Verwerfung – dann Zugeständnis.

Niemand vermag das Dasein Gottes zu beweisen, aber auch niemand sein Nichtdasein. Die Gesetze des Daseins verlangen und beweisen uns Gott. Gott existirte und war Niels Bryde eine Thatsache geworden. Die Welt wurde dadurch geschaffen, daß die Stoffe, die Urmaterie, die kein Chemiker zu erklären oder zu ergründen im Stande ist, sich mischten; allein dazu gehörte eine treibende Kraft, sonst wäre alles nur zu einem Chaos geworden. Nur ein Luftzug gehörte dazu, – »Gottes Geist schwebte auf dem Wasser« – in diesen Worten der Bibel liegt das einzige, was dem Materialisten fehlt. Durch das Wort »Gott« löst die Bibel das große Räthsel; in gar mancher Stelle dieses Buches, fromm und einfältig ausgesprochen, liegt offenbar, wozu der Gelehrte erst durch anstrengendes Studium gelangt.

In den wasserarmen und quellenlosen Gegenden wächst zur Erquickung die Wassermelone, als wäre sie durch einen Gedanken der Vorsehung gerade dorthin gepflanzt. Wer pflanzte sie? Wer dachte an die Nahrung der noch ungeborenen Ameise und ließ die Blattlaus deshalb zu dem fruchtbarsten Geschlechte werden und sie ihre Eier in der Kälte des Winters legen, während sie während der Wärme des Sommers lebendige Junge gebiert? Eine solche Vorsehung für das Dasein des geringen Thieres giebt Bürgschaft dafür, daß sie in derselben Weise für das vornehmste Geschöpf hienieden, für den Menschen, vorhanden ist. Was die Lehre der Natur verheißt, spricht die Schrift in den Worten aus: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?« Matth. 6,26.

Durch die Bibel selbst war Esther zu der Überzeugung von der Einheit Christi und Gottes gelangt. – Niels Bryde selbst erkannte an, daß die Weisheitslehre der Braminen, die Resultate des philosophischen Denkens, die ergreifendsten Inspirationen der Dichter zusammengenommen nichts Heiligeres, Seligeres und Trostreicheres hervorgebracht haben als das Christenthum, und dieses wäre noch dazu kurz und klar, allen verständlich. Wäre diese Erkenntnis die Hauptsache, wozu bedürfte es dann noch des Glaubens an die Person Christi? – »Gerade dieser gehört dazu!« hatte Esther gesagt.

Eine religiöse Gedanken-Strömung ging durch Niels' Seele; Esther war der stille, klare Vollmond, dessen starke Strahlen diese Strömung hervorriefen. Er befand sich jetzt mehr auf dem Wege der Theologie als damals, wo sie ihm nur als Brotstudium galt. Die Bibel, in der er so oft als Kind gelesen und später die nöthigen Schriftstellen nachgeschlagen hatte, war die Quelle, die er, wie ihm Esther gerathen, aufsuchen müßte; in ihr stände das Wort lebendig und nicht bildlich.

Im Matthäus las er:

Matth. 26,43-44.

»Und der Hohepriester antwortete und sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagest, ob du seiest Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.«

»Jesus sprach zu ihm: Du sagest es. Doch sage ich euch: von nun an wird es geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels.«

Er antwortet also nicht: »Ich bin es«, sondern: »Du sagest es«, und legt seine Erscheinung und seine Göttlichkeit in die folgenden Worte, deren Einkleidung er dem Daniel Daniel 7,13. entlehnt hat, der da spricht:

»Ich sahe in diesem Gesicht des Nachts, und siehe, es kam einer in des Himmels Wolken, wie eines Menschen Sohn, bis zu dem Alten, und ward vor denselbigen gebracht.«

Hiervon die Ausdrücke: »Des Menschen Sohn«, »des Himmels Wolken«, bei den Propheten häufig vorkommende Worte.

In dem Evangelium Matthäi Matth. 16, 15-17. antwortet Simon Petrus auf des Erlösers Frage: »Wer saget denn ihr, daß ich sei?« eifrig und bestimmt: »Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« Und der Herr lobt ihn mit den Worten: »Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel.«

Er, der uns alle beten lehrte: »Unser Vater, der du bist im Himmel«, er, der Reinste und Beste, sollte der nicht in einem ganz besondern Sinne sagen können: »Mein Vater im Himmel?«

Beim Apostel Johannes steht geschrieben: »Im Anfange war das Wort« – »Und Gott war das Wort« – »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.« – Hierin war das Mysterium ausgesprochen, welches bei Esther zum lebendigen Glauben geworden war.

Kampf und Streit lebte in seiner Seele, das gewonnene Land hieß Gott, das erhoffte Unsterblichkeit. An letztere hatte er jedoch den Glauben nicht; sollte er im Stande sein, diesen wirklich einmal zu gewinnen, ja, dann würde auch jedes Mysterium gelöst werden. Jetzt war er bereits zu der klaren Erkenntnis gelangt, daß das Christenthum der größte Lichtstrahl wäre, der über die Erde aufgegangen, eine der mächtigsten Stützen in der Fürsorge des Allwaltenden für uns. Er beugte sich vor dem Gottmenschen und erkannte demnach in ihm, wie er sagte, die Möglichkeit, in seine Fußtapfen zu treten. – Wäre Niels Bryde die Unsterblichkeit erst eine eben so feste Gewißheit wie das Dasein Gottes, dann würde ihm ein so helles Licht gegeben sein, daß er hier bei jeder Gedankenversteinerung durchstrahlt würde. Dann würde das Wort – das Gott und Fleisch war – zu ihm kommen; dann würde ihm Glaube, »Erlösung«, zu Theil werden, von der die christliche Dogmatik lehrt: »Keine Naturmacht, keine Schranke der Zeit und des Raumes kann Christus hindern, den Weg in die Seelen zu finden. Da sein Reich auch in das Reich der Todten gekommen ist und noch immerdar in dasselbe kommt, so hat der Unterschied zwischen Lebenden und Todten, zwischen früh- und spätgebornen Geschlechtern, zwischen den Zeiten der Unwissenheit und denen der Wissenschaft nur verschwindende Bedeutung. Hiermit ist für die menschlichen Individuen jeder Fatalismus aufgehoben, indem sie selbst die Erlösung wählen oder zurückweisen.« Martensen.

Von neuem studirte Niels fleißig die materialistischen Schriften eines Feuerbach, Zeller, Vogt und anderer bedeutender Männer, und wenn er ihre Folgerungen auch nicht zu oberflächlich fand, so hatten sie für ihn doch keine Beweiskraft mehr. Nur noch einen einzigen Schritt aufwärts glaubte er zu bedürfen, nämlich die Erlangung der Gewißheit, daß es eine Unsterblichkeit gäbe. »Mit dieser und der Thatsache, daß es einen Gott giebt, muß ich das Übrige erreichen können!« sagte er. Esther würde dies nicht anerkannt, Bodil dagegen gebetet haben, daß es so geschehen möchte, und Herr Bruß hätte gesagt: »Verdammt, ewig verdammt!« Aber er war ja nur ein armes Menschenkind – begabt – und in Hochmuth vergraben!

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