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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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VII.

Auf dem Schlachtfelde.

Wochen und Tage lang war ein Angriff auf Sundewit und eine Landung bei Helgenäs, oberhalb der Stadt Aarhuus vorbereitet worden, als eines Morgens plötzlich die dänische Fahne von der Festung Fredericia herabwehte. General Wrangel, der damals in Jütland gerade eine Contribution von vier Millionen ausgeschrieben hatte, verließ auf höchsten Befehl ganz unerwartet und in größter Eile das Land. Bald erreichte diese frohe Nachricht die Insel Alsen.

Am achtundzwanzigsten Mai zogen die dänischen Truppen um die Mittagszeit über das Sundewit. Hier ist nicht der Ort, den Kampf Dänemarks um Schleswig zu schildern. Wir haben es hier nur mit dem Seelengemälde des Einzelnen zu thun, und nur deshalb richten wir unsere Blicke auf diese Tage der Prüfung und der Ehre, nur deshalb befinden wir uns in den Reihen der Kämpfenden. Niels Bryde war auf seinem Berufsfelde einer der Gewandtesten, Muthigsten und Gewissenhaftesten.

Mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel, unter Gesang und fröhlichem Geplauder ging es wie zu einem Feste über die Brücken. Die Truppen sehnten sich nach Kampf. In herrlichem Sonnenschein prangte das frische Grün der Wälder und Fluren und Hecken standen in lieblicher Frühlingspracht da. Die jungen Blätter der Buche waren noch von weichen Fransen wie zum Schutze gegen die scharfen Winde eingefaßt. Jeder Luftzug führte milde Sonnenwärme und erfrischenden Duft mit sich; an den Grabenrändern blühten die Schlüsselblumen, die Waldprimeln verbreiteten ihren stärkenden Hopfenduft, die wilde Krausemünze bedeckte in reicher Fülle die Felder, der Frühling schüttete sein ganzes Füllhorn aus, und der Gesang der Vögel stieg himmelwärts. Ein Storchpaar flog einträchtig neben einander nach einem Gehöfte bei der Düppel-Mühle, wo der Feind schlagfertig in gedeckter Stellung lag. Im Sonntagsschmuck stand die Natur da, Frühlingsfreude und Lebenslust verkündend! Ach, und wie viele Augen sollten sich, ehe die Sonne niedersank, heute noch schließen, wie manche rothe Wange erblassen, wie manches Herz nicht mehr schlagen.

Bald begann das Schießen; von der Düppel-Mühle her wurde das feindliche Feuer lebhaft unterhalten; die dänischen Soldaten gingen zum Sturmmarsche vor. Wie blinkten die Bajonette so lustig in der Sonne, bis der Pulverdampf ihr blitzartiges Leuchten umhüllte! Ehe noch das Centrum und der rechte Flügel des Feindes geworfen und nach Rübbel zurückgedrängt wurde, lagen Todte und Verwundete, Freunde und Feinde wie gemähtes und hingeworfenes Gras da. Kugeln und Granaten durchschnitten sausend die Luft; die Strohdächer loderten in Flammen auf; hier flog ein Protzkasten in die Luft, die Pferde bäumten sich und zerrissen die Geschirre und Stränge; dort sprengte eine Batterie vorwärts; hier wieder rückten Jäger im Sturmlauf heran; die Donnerbüchsen sandten zischend und pfeifend ihren Kugelregen aus. Nicht blos in den hintersten Reihen bewegte sich die Ambulanz, sondern erschien auch vorn, selbst mitten im Tirailleurgefechte, um die Verwundeten aufzunehmen. Niels Bryde war hier der leitende, sturmerregte Gedanke.

Es begann dunkel zu werden; der Kampf endete erst um halb zehn Uhr nachts. Die Ambulanz kehrte zurück, aber kein Niels Bryde befand sich bei ihr. Wer denkt im blutigen Kampfe an den Einzelnen. Als man ihn zuletzt gewahrt hatte, wollte er sich gerade nach einer Hecke begeben, von der aus dänische Soldaten auf den Feind feuerten.

Jetzt war es nicht mehr weit von Mitternacht, und der Mond schien hell; die Aufstellung der dänischen Truppen reichte bis Gravenstein.

Als Niels neben der Hecke stand, fühlte er plötzlich in der Brust einen fliegenartigen Stich. Er empfand ein eigenthümliches Zucken durch alle Glieder, schwankte, stürzte und sank in den tiefen Graben hinab, welcher von Brombeergestrüpp und dichten Haselstauden fast völlig verdeckt war. Es wurde ihm dunkel vor den Augen, die Gefühlsfäden, die ihn mit der Welt verbanden, lösten sich gleichsam. Er war in dem Übergangszustande begriffen, wieder ein Ding zu werden, wie er selber es genannt haben würde; da mit einem Male brachte das Höhere in uns seinen Puls wieder zum Schlagen, seine Augen wieder zum Sehen. Still und hell war es rings um ihn her; er glaubte den starken Pulverdampf noch wahrzunehmen und das Pfeifen der Kugeln zu hören, er erwartete jeden Augenblick von den Pferden der Vorüberjagenden zertreten zu werden. Entsetzen faßte ihn bei dem Gedanken, daß ihm ein siegestrunkener Feind das scharfe Bajonet in den Leib, vielleicht in die Augen jagen könnte. Schon glaubte er es über sich, dem Halbtodten, blinken zu sehen, der hier jeder Regung unfähig dalag. Unbedeutender als das Thier war er jetzt, wie die Pflanze an die Stelle gebunden, lebend von der Luft und dem fallenden Thau; des Todes Wurzel knüpfte ihn an die Erde. Seine Wunde brannte; waren alle Eindrücke von außen auch noch lebendig in ihm, so glitten sie doch verworren an ihm vorüber; aber über ihnen allen, über diesem ganzen Chaos, schwebte ein Gedanke, mächtiger als alle Eindrücke, eine Furcht, wie er sie noch nie gefühlt hatte, die Furcht vor der Vernichtung. Wie am Rande eines bodenlosen Abgrundes der Lebensfrohe von Schrecken und Entsetzen erfaßt wird, so durchbebte ihn jetzt ein tiefes Grauen. War es körperliche Schwäche, ein krankhafter Zustand, ein Fieber, oder war es die Angst, im nächsten Augenblicke vernichtet, hinweggeweht zu sein? Ohnmächtig, wie man es bei einem häßlichen Traume sein kann, lag er da, wie hingefällt, aller Kraft beraubt, er, der sich bis zu der Höhe erhoben, daß er Gott und die Unsterblichkeit hatte aufgeben können.

Wie ganz anders war gestern genau um dieselbe Zeit die Scene, die Stimmung, das Dasein gewesen! Da war er in Sonderburg mit Freunden und Kameraden bei festlichem Gelage versammelt, war es doch der Vorabend eines neuen Kampftages. Vaterlandslieder erschallten, bei vollen Gläsern wurden wohlgemeinte Toaste ausgebracht; Offenheit, Freude, jugendliches Vertrauen auf die rollende Glückskugel war das allgemeine Gefühl. – »Morgen ist vielleicht der Lebensfaden so mancher unter uns abgeschnitten, und das Ganze ist dann vorbei.« Dieser Gedanke fuhr ihm zwar einen Augenblick durch die Seele, aber er nahm ihn leicht und war guter Dinge. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß er vielleicht selbst nahe daran war, auf die schwarze Tafel des Todes geschrieben zu werden.

Einigen empfänglichen Kameraden gab er sein Wissen, seine Überzeugung zum Besten. »Der Mensch sowohl wie das Thier ist Maschine. Das Denken ist das Resultat der Organisation, wie die Töne des Leierkastens das Resultat der Walzen und Zapfen sind. Wir schreiben uns eine Seele zu; allein was ist sie anders als lediglich der Collectivname für die verschiedenen Functionen, die ausschließlich dem Centralnervensystem, welches wir das Gehirn nennen, angehören.« Wie der Laut durch die Erschütterung und Bewegung der Luft entsteht, so entsteht alles Denken, jede Stimmung oder jedes Gefühl durch die Thätigkeit des Gehirnes. Wird der Körper vernichtet, so hört die Function, oder mit anderen Worten »die Seele«, vollkommen auf zu sein. Seht, das ist das Ganze, was wir unser unsterbliches Theil nennen! Glaubt mir, wir sind nicht mehr Herren über uns und unsere Vernunft als wir Herren über die materiellen Theile sind, die sich von unserm Körper ablösen. Unsere Stimmungen hängen von der Circulation unseres Blutes ab, und deshalb glaube ich auch sagen zu dürfen, daß wir nicht mehr Zurechnungsfähigkeit als ein dressirtes Thier besitzen. Auch wir gewöhnen uns daran, den von uns erlassenen Gesetzen über das dem Gemeinwesen Entsprechende und Nothwendige zu gehorchen. Ich sage »von uns erlassenen«, nämlich von dem Menschen mit seinen Mitmenschen, der Einheit von Ich und Du, die die Gottheit selber ist. Wir ordnen uns diesen Gesetzen unter, um das zu erreichen, was wir für noch besser halten.«

All dieses, erst gestern noch vorgetragene und schon lange in ihm lebende Wissen war, als er jetzt hingestreckt, vergessen, ohnmächtig dalag, seine ganze Gedankensumme.

»Der Mensch ist eine Naturerscheinung, ein verschwindendes Product, ein flüchtiger Moment im Kreislaufe des Lebens.« In dieser Überzeugung, die er seit langer Zeit hegte, hatte er das Gelüst empfunden, sich über die Menge zu erheben, die in Gott und einem ewigen Leben ihre Stütze sucht; beides hatte er entbehren zu können geglaubt. Woher kam jetzt mit einem Male seine entsetzliche Angst vor der Vernichtung? War sie nur ein böser Fiebertraum, ein Resultat körperlicher Leiden? Rings umher lagen noch auf dem Felde zerstreut Sterbende, durch ihren Glauben getröstet und durch die Überzeugung von dem Dasein Gottes und der Unsterblichkeit der Seele gestärkt. Körperlich empfand er Durst, seine Zunge schmachtete nach einem Tropfen Wasser; aber sein geistiger Durst war doch noch brennender. Ein Tropfen aus dem Brunnen des Glaubens würde ihn am meisten erquickt und gestärkt haben.

Er dachte tief, aber nicht fromm; im Sterben hielt er sich an seinem Wissen vom »Sein oder Nichtsein« fest; er rankte sich nicht an dem Gebete des Herrn empor, sondern an den Lehrsätzen irdischer Klugheit. Er wiederholte es sich: »Der Mensch ist ein Product von Eltern und der Amme, von Art und Zeit, von Luft und Wetter, von Laut und Licht, von Nahrung und Kleidung!« Aber das Höhere in uns, der Gedanke? »Ist eine Erregung des Stoffes. Ohne Phosphor kein Gedanke! Die durch Elektrizität hervorgerufene Stofferregung bewirkt im Verein mit den Nerven die Gehirnempfindung, die wir Bewußtsein nennen.«

Seine Wunde brannte, er fühlte einen drückenden Schmerz im Kopf, sein ganzes Dasein war eine einzige Trauer, deren Höhepunkt der Gedanke war: Jetzt hörst du auf!

In unmittelbarer Nähe ließ sich ein Stöhnen vernehmen, welches von einem Pferde herrührte, das so eben verschied. Dort litt doch nur ein Körper; das Pferd hatte das Leben, dessen Höchstes das Wohlsein ist, kennen gelernt. Sein Tod trat zwar unter Schmerzen ein, aber nicht unter geistigen, nicht unter einer inneren Angst vor Vernichtung. Das Thier war weit glücklicher als er, der Mensch; der Herr der Schöpfung lag verlassen da, wie Orest von den Furien des Gedankens gepeitscht.

Er dachte an Esther, an Bodil und seine Mutter und wie durch sie getrieben dachte er an seinen Glauben in der Kindheit und an Gott – aber es war doch nur eine augenblickliche kühle Begeisterung. Von Feuerbach wußte er, daß die Gottesidee eine Schöpfung unserer Phantasie ist und daß das Vermögen, sich über diese, über alle Hoffnungen und über den eitlen Traum eines ewigen Seins zu erheben, unsere höchste Größe ist und bleibt. Allein dastehen zu können, ohne sich an einen Beschützer, ohne sich an das Wesen zu hängen, welches ein freier, unabhängiger Wille außerhalb der Summe alles Geschaffenen ist, – dieses Ziel, welches er bei leiblicher wie geistiger Gesundheit erreicht hatte, sollte er jetzt bei körperlicher Kraftlosigkeit wieder aufgeben! Das Denken vieler Jahre und die in ihnen gewonnene Kraft sollten in diesem Augenblicke fieberhafte, schmerzliche Geisteskrämpfe sein! Nein, auch dieser Zustand mußte durch den Willen selbst besiegt werden können, der Wille müßte der Verworrenheit der Gedanken Einhalt gebieten und er selbst aufgeben können, wonach er sich in diesem Augenblicke sehnte: Freunde, Schwestern, Eltern! Durch den Willen müßte er sich selbst genug sein können, obgleich er in dem großen All auf der wirbelnden Erdkugel hingestreckt lag, die viel, viel schneller als die Sonne, viel schneller als der Laut sich fortzubewegen vermag, dahinfliegt.

Er überließ sich dem Abgrunde des Nichts, erstickte jede Gedankenblase, die in ihm aufwallen wollte. »Vorbei! Dies also ist mein Dasein, mein Flug nach oben! Dies ist das Leben! – – in dem nassen Graben! – vergessen! – Alles nur Wasserblase in dem Erdschlamme! – Mag es denn sein! – vernichtet – vergessen! – Gras und Stroh, Thautropfen und Schlamm werden, das ist das Dasein in ewigem Kreislaufe – ewig, ewig!«

Plötzlich regte sich etwas in seiner Nähe; ein Kopf stieß an den seinigen, zwei Augen schauten ihn an. Es war sein Hund, Lustig, der ihn gesucht und gefunden hatte. Zu ihm, dem Menschen, der sich von Familie, Freunden, von der Seele, von Gott losgesagt hatte, kam das Thier, kam das Geschöpf, welches unter allen seinen Lieben am tiefsten stand, und brachte ihm Trost. Lustig drückte, als hatte er ihn in menschlicher Weise umarmen wollen, beide Vorderpfoten um seinen Hals, leckte ihm ins Gesicht, stieß ein lautes Geheul aus, jagte darauf im Kreise umher, wiederholte die Umarmung und sprang abermals davon, als wollte er Athem holen und neue Kräfte sammeln. Der Hund kam zu ihm –! War dies nur Instinkt? War dies nur die Function des Gehirnes, die Bewegung der Nerven und des Blutes, die zu diesem Schlüsse und zu dieser Handlung führten? Oder war es etwas Höheres, und sollte ihm dies das Thier hier zwischen Leben und Vernichtung verkünden?

Wie ein Lichtstrahl durchzuckte die Freude sein Gemüth; er hob seinen Kopf ein wenig in die Höhe und blickte in die großen, verständigen Augen des Hundes. Bei dieser Bewegung löste sich das geronnene Blut an seiner Wunde und begann von neuem zu strömen.

Niels Bryde sank zurück; aber sein letzter Gedanke erhob sich zu der Überzeugung: »Glücklich, wer im Tode den Glauben eines Kindes hat! – Ich habe ihn nicht! – – Ich habe Wissen – Wissen!«

»Es blies ein Jäger wohl in sein Horn,
Und alles, was er blies, das war verlor'n!«

Lang ausgestreckt lag er still da; winselnd saß sein Hund neben seinem Kopfe, und hell schien der Mond über das Schlachtfeld hin, über das große Blatt mit den Todeshieroglyphen, welches den Schlüssel zu der Frage barg:

»Sein oder Nichtsein?«

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