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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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Zweiter Theil

I.

Der Brief. Der Hund des Kammerherrn. Herr Schwan.

Es war in den ersten Tagen des Octobers, der im Norden der Farbenmonat der Natur ist. Der Wald schimmerte roth und gelb, als wäre jeder Baum mit saftigen Äpfeln und Birnen bedeckt gewesen. Die zinnoberrothen Blätter, das gelbbraune Laub leuchtete an den Gebüschen und fiel Blatt für Blatt ab, wie das Menschenleben vor dem Hauch des Todes dahinsinkt; man weiß nicht, wie bald sich eines loslöst und welches es ist. In Farbenpracht und ernsten Gedanken stand das Jahr da, wie Jephtas Tochter, die in ihrem reichsten Gewande ihren Todesgang antrat. Über die Haide und die gepflügten Felder war, wie man bei den Strahlen der untergehenden Sonne und überhaupt nur bei dieser Beleuchtung wahrnehmen konnte, gleichsam ein meilenlanges Netz von Spinngeweben gebreitet; über den Boden der ganzen Gegend war ein Schleier geworfen, ein Zeichen von Fleiß und Ausdauer – zu welchem Zweck? Die weißen Wände des Pfarrhauses glänzten rosenroth in den letzten Sonnenstrahlen, so freundlich, so einladend, als läge es nicht an dem Rande der ernststimmenden, unermeßlichen Haide mit den vielen Grabhügeln vergessener Helden und Könige. Der Ernst, die Trauer, müssen wir sagen, die sich beim Untergang der Sonne über alles ergoß, harmonirte vollkommen mit der Stimmung in der sonst so trauten Heimat.

Hast du von der Rose des Abgrunds gehört, aus deren schimmeligen Blättern Seuchen und Krankheiten, Bosheit, Mißgunst und Haß dufteten? Jedes Matt hatte eine besondere häßliche Kraft in sich. In einer stürmischen Nacht brachen böse Geister diese Rose, flogen mit ihr über Länder und Städte, und jedes ihrer Blätter fiel dabei ab, und wo es die Erde berührte, zeigte sich dessen böse Kraft. Ein solches Blatt war hierher in die Heimat frommer Herzlichkeit getragen; ein solches Blatt war, wie es dem alten Pfarrer vorkam, ihm in der Gestalt eines Briefes von Niels in die Hand gelegt worden, von ihm, den er einst der bittersten Noth entrissen und als Sohn in sein Haus aufgenommen, für den er gearbeitet und auf den er gebaut hatte, alles in der Hoffnung und im Glauben an Gott. Der Brief sprach zwar die Anerkennung alles dessen aus, er war voller Dank und zeigte die innigste Ergebenheit, nur daß Niels seinem eigenen Willen folgte, nur daß er, wie Japetus sagte, seinen Verstand über Gottes Verstand setzte. Die alte Flau Pfarrer weinte und Bodil bat weniger mit Worten als mit dem Ausdruck ihres Auges, ihm doch nicht allzu böse sein zu wollen.

»O, die Klugheit, die Klugheit!« sagte die Frau Pfarrer, »sie ist nicht immer ein Segen; selig sind, die da geistlich arm sind!«

»Gerade von ihm hatte ich so viel Herrliches erwartet,« sagte Japetus; »wozu hat die Blume des Verstandes geführt, die ich mich freute schon in seinen Knabenjahren an ihm wahrzunehmen? Zu einer Frucht, die nicht im Sonnenschein des Herrn reifen wird.«

»Der Schlehendorn,« versetzte Bodil, »setzt am frühesten Blüten an, aber seine Früchte stehen den ganzen Sommer und Herbst, ohne zu reifen, und doch kommt auch ihre Zeit einmal; im Winter, wenn im Frost die Erde erstarrt, wenn Eis und Schnee den Boden deckt, dann reift seine Frucht.«

»Aber sie wird herb und bitter,« erwiderte Japetus.

»Doch wird sie gepreßt und gährt und giebt dann einen feurigen Wein,« entgegnete Bodil.

»Du willst ihn entschuldigen, aber er verdient es nicht! Volle sieben Wochen sind vergangen, seitdem er uns verließ und jetzt erst sendet er uns einen Brief, einen Brief, der Sünde und Ärgernis enthält. Hast du nicht schon in der Woche seiner Abreise an ihn geschrieben? Und ich weiß, welche Worte dir deine liebevolle Seele in die Feder gelegt hat; er ist ein Kind des Hochmuths, ein Kind des Teufels!« und des alten Mannes Lippen zitterten.

»Mein Vater!« rief Bodil, welche recht wohl fühlte, wie unrecht Niels gegen die Alten wie gegen sie selbst handelte, aber sich auch jedes herzlichen Wortes, jeder schönen That während ihres wochen- ja jahrelangen Zusammenlebens erinnerte. Eine außergewöhnliche Natur, wie sie im Pflegebruder erblickte, müßte sich, wie sie meinte, anders als die Alltagsmenschen entwickeln.

»Der verlorene Sohn kehrte zurück,« sagte Mutter, »aber Niels wendet sich von der Bibel ab und will ihren heiligen Beispielen nicht folgen.«

»Er ist noch gar jung, und, wie du selbst gesagt hast, Vater, ziehen durch des Menschen Herz Strömungen des Bösen wie des Guten. Auch in ihm wird es zur Klarheit kommen. Wir kennen ja seine heftige, aufbrausende Natur, wissen aber auch, daß der Grund gut und verheißungsvoll ist. Du weißt es und Mutter weiß es; glaubet mir, er wird schon zur Besinnung kommen.«

»Besinnung, reifliche Überlegung giebt sich ja eben in seinem Briefe zu erkennen,« erwiderte Japetus. »Er verräth Ruhe und Ernst, aus jedem Satze leuchtet ein klarer Wille hervor; aber alle seine Klugheit ist doch nur von dieser Welt. Es ist, als hätte ihm der Antichrist, um nicht zu sagen der Teufel selbst, alle diese Weisheit eingegeben.«

»O, mein Herr und Heiland!« rief die alte Frau und machte, indem sie das Haupt neigte, das Zeichen des Kreuzes.

Es war, wie gesagt, der erste Brief von Niels seit seiner Abreise; er war an den alten Pfarrer gerichtet und voll der tiefsten Erkenntlichkeit für das unendlich viele Gute, das man ihm, dem fremden, armen Kinde, erwiesen hatte. Zugleich war aber in ihm klar und bestimmt ausgesprochen, daß er seinem Charakter und Gewissen gemäß die theologische Laufbahn nicht einschlagen könnte. Länger als einen ganzen Monat hätte er geprüft und überlegt, was die Staatskirche und seine Mitchristen von ihm verlangten, hätte untersucht, gekämpft und die Überzeugung gewonnen, daß er handelte, wie er allein handeln dürfte und müßte.

Unter den verschiedenen Äußerungen im Briefe war besonders eine, die den alten Japetus namentlich ergriff; sie lautete:

»Eine der wichtigsten Lehren in der Bibel ist die von der Erbsünde. Nun lehrt aber die Wissenschaft, daß der Tod schon vor Erschaffung der Menschen in der Welt war; er ist also nicht der Sünden Sold. Die Blätter der Genesis und die Erdschichten haben nicht übereinstimmende Inschriften. Die Menschen schreiben die Genesis, die Naturkraft schrieb die Erdschichten. Die Erbsünde fällt demnach fort! Und da ich weiß, daß unsere Erde nur ein verschwindendes Atom im Weltraume ist, habe ich in meiner Seele nicht den Hochmuth zu wähnen, Gott würde gerade dieses Stäubchen wählen, um auf dasselbe hinabzusteigen und sich in Menschengestalt vor den Menschenaugen sehen zu lassen.«

Oft ruhten die Blicke des alten Pfarrers auf diesen hervorgehobenen Zeilen; seine Wangen glühten fieberhaft, Thränen traten ihm in die Augen. Niels Bryde stand vor ihm als der Antichrist, als der dem ewigen Feuer verfallene Geist der Verläugnung; und in seinem frommen Gemüth sprach es laut: Sollte er, der die Wunderwerke im Wassertropfen geschaffen, der die Ameise Weisheit gelehrt und in dem kleinen Rüssel der Fliege Adern, Nerven und Muskeln geordnet hat, sollte er zu diesen Wundern nicht auch das hinzufügen können, sich selbst Glieder und Kleidung vor den Augen der Menschen zu geben? Sollte ihn sein Wille nicht hinabgetrieben haben auf dieses Atom, welches die Erde heißt? Armer Niels, du baust mehr auf den Menschen als auf Gottes Verstand. Der leere Staub der Erdschichten redet für dich lauter als das ewige lebendige Wort, das alles ins Dasein rief! – Dummer Junge! Hochmüthige Seele! Eitelkeit!

Hat das wohl Kraft, hat das Gehalt,
Was die Welt uns schminket mit schöner Gestalt?
Es sind ja nur Schatten, nur Flimmer und Tand,
Es sind ja nur Blasen, nur äußres Gewand,
Es sind nur Skelette, nur Moder und Tod,
Es sind ja nur Schmerzen, nur Kummer und Noth;
O Eitelkeit, o Eitelkeit! Kingo.

Wie eine krumme Sichel ging der abnehmende Mond gegen Mitternacht über die Haide auf. Bodil war noch nicht schlafen gegangen; das Licht war tief niedergebrannt, sie sah es nicht. Sie stand mit der Stirn gegen den Fensterrahmen gelehnt, während die stillen Strömungen des Kummers das Bild des Bruders durch ihre Seele trugen, das Bild dessen, der auf Abwege gerathen war. Mild wie das Licht, das jetzt, im Abnehmen begriffen, über die öde Haide aufging, wurde ihre Seele durch die Erinnerung an ein Gedicht Ingemanns gestimmt, in dem er singt:

So bet' auch du für alle sünd'ge Seelen!
Ging nie ein Sünder zum Erlöser ein.
Du würdest selbst zu den Verlornen zählen.

Und der Erhörung gewiß erhob sie im Gebete ihre Gedanken zu Gott; als dieselben wieder zur Erde zurückkehrten, ging Bodil schnell zu ihrem Schrank und nahm Papier und Schreibzeug heraus. Sie putzte das Licht und setzte sich zum Schreiben nieder. Bittere Thränen entströmten ihren Augen, rollten ihr über die Wangen hinab und eine fiel auf das Geschriebene; tiefer neigte sich ihr Haupt, die Feder entfiel ihrer Hand. An diesem Abend wurde der Brief nicht beendet; er wäre auch gar nicht im Stande gewesen, die ganzen schweren Sorgen, den ganzen Kummer, der auf ihrem Herzen lag, in sich aufzunehmen.

Hast du schon von der Rose des Himmels gehört, deren schneeweiße Blätter Leben und Gesundheit, Friede, Milde und Liebe athmen? Alle Blätter haben ihre besondere, segensreiche Kraft und werden durch die Küsse der Engel über die ganze Erde verbreitet, und wo eines ihrer Blätter hinfällt, entsteht und gedeiht eine gute That. Der in dieser Nacht geweihte und am nächsten Tage vollendete Brief war ein solches, von ihren Thränen genetztes Blatt.

Aus derselben Höhe wie auf der Haide bei Bodil schien der abnehmende Mond mit eben so hellen Strahlen auf die um Mitternacht leeren Straßen Kopenhagens hinab, in denen noch hier und da die Laternen brannten, während die Wächter im Begriff standen, sie nach dem Befehl des Magistrats zu löschen, um jetzt, wo der Mond zu ihrer Ablösung erschien, das theure Öl zu sparen. Noch machten die Wächter ihre Runde. Eine einsame Lais schwebte im nordischen »Athen«, wie Kopenhagen genannt wird, wie eine Elfe auf zierlichen Pantoffeln um die Straßenecke; ein kleiner Hund bellte vor der Thür eines Hauses mit so sichtlicher Erbitterung, als wollte er sagen: »Soll ich etwa auch einen Hausschlüssel mit mir herumschleppen? Da drinnen haben sie auch nicht ein Quentchen Hundeverstand. Soll ich etwa klingeln können, wenn der Glockenzug zehnmal höher angebracht ist, als die Größe eines Hundes beträgt? Ihr scheint noch gar nicht zu wissen, wer ich bin. Die Herrin im Hause muß mir aufwarten, und ihr Mann trägt einen goldenen Schlüssel und noch dazu hinten.«

»Das ist der Hund des Kammerherrn,« erklärte der Wächter einem Herrn, der ihm aus einem Fenster wüthend zugerufen hätte:

»So schlagen Sie doch die Bestie vor den Kopf, man kann bei dem verdammten Gebell ja nicht schlafen!«

»Das geht mich nichts an,« entschuldigte sich der Wächter. »Er gehört dem Kammerherrn und ist ausgesperrt worden. Ich habe um seinetwillen wahrlich schon genug geklingelt, aber es will ihm niemand aufschließen.«

»Ja so, er gehört dem Kammerherrn!« sagte mit munterer Ironie Herr Schwan, als er mit seinem Pathen, Niels Bryde, gerade vorüberschritt. Sie befanden sich auf dem Heimwege aus einem Freundeskreise. »Mit einem vornehmen Hunde darf man nicht anbinden, sonst wird man von ihm wie von der Herrschaft gebissen.«

Herr Schwan war heute in prächtiger Laune, in der, die ihn unter der Jugend selbst wieder jung machte.

»Halt's Maul!« hatte Niels Bryde dem Hunde zugerufen. Dieser nahm sich die Mahnung jedoch nicht zu Herzen; es fehlte ihm nicht an Selbstständigkeit und er sagte seine Ansicht in seiner Sprache ganz unverholen. »Ich möchte nur wissen, ob er über das Haus schilt, oder ob seine Strafrede auf uns gemünzt ist. Was trägt er eigentlich vor?«

»Nichts, was uns zum Lobe gereichen könnte,« versetzte Herr Schwan. »Ich verstehe ihn ganz gut, kann mich vollkommen in seine Anschauungen versetzen, kann mich auf seinen Standpunkt stellen und in die Lage eines Hundes, eines so vornehmen Hundes, der die Haushaltung mit unter sich hat, hineindenken. Du kannst es mir glauben, daß er auf sie alle da drinnen wie auf uns hier draußen, auf dich und mich, kurz auf alles, was Mensch heißt, tief herniederschaut. Wir sind ja auch ganz etwas Absonderliches, haben gar nichts Verwandtes mit ihm! Schon von der Schule her weiß er vermuthlich, daß der Mensch erst ins Dasein kam, nachdem die ganze Welt mit allem, was da kreucht und fleucht, geschaffen worden. War auch nichts mehr nöthig, so müßte sich doch irgend ein Schnörkel, eine Art Punkt über dem J sehr schön ausnehmen, und dazu ward der Mensch erschaffen. ›Was für ein komischer Bursche!‹ sagten alle die andren Geschöpfe. ›Was ist denn das für ein Wesen, dieser Mensch? Er ist weder Thier noch Engel, weder das Eine noch das Andere. Etwas Fassungskraft kann man ihm nicht absprechen, er hat nicht viel weniger als wir. Der Biber lehrt ihn Häuser bauen, die Ameise und Biene, in einer bestimmten Staatsverfassung zu leben, aber vollkommen vermag er es doch nicht zu fassen. Vieler Hilfsmittel bedürfen die Menschen, um sich fortzuhelfen, während sie uns angeboren sind. Sie besitzen vorzügliche Werkzeuge, allein ich glaube doch nicht, daß der Adler seine Augen für ihre besten Brillen hingeben würde. Sie thun sich auf ihren Ortssinn etwas zu Gute, und doch würde der Storch nie sein altes Nest wiederfinden, besäße er nicht mehr als sie. Und was haben sie? Nichts als Hochmuth! Sie nennen sich Herren der Schöpfung, und doch kann ein Karrengaul mit einer ganzen Menschenfamilie durchgehen und ihnen Hals und Beine brechen.‹«

Niels lachte und meinte, Herr Schwan sollte ein Werk schreiben: »Das Hundeleben von einem höheren Standpunkte aus«; in ihm könnten die Menschen als lächerliche Zerrbilder umhertanzen, indem man nur ihre Kehrseite sähe. Die Zeit der Originale wäre vorüber.

»Vorüber!« rief Herr Schwan. »Nein, die Originale haben nur Dominos umgeworfen, sehen nur äußerlich gleich aus! Laß dich mit ihnen ein, schiebe den Domino etwas auf die Seite, und du wirst entdecken, daß wenigstens stets der Zehnte einen brauchbaren Charakter für das Lustspiel giebt. Ich traue mir zu, sie dir vorzuzeigen. Ich werde irgend einen Scherz ersinnen, in Folge dessen sie sich bei dir selbst einstellen sollen. Sie werden dir frei ins Haus geliefert werden; bereite dich immer darauf vor!«

Während dieses Gespräches waren sie in der Nähe der Wohnung des Herrn Schwan angelangt und hatten den Garnisonplatz erreicht, der damals ein wahrer Morast war. Große Steinhaufen lagen über den halben Platz hingeworfen; niedrige Gebäude von Fachwerk und hohe Speicher mit vielen Luken gaben ihm ein trübseliges Aussehen; ein großer als Fleischbude benutzter Holzschuppen mit davor hängenden Keulen und blutigen Geschlingen stand prunkend mitten auf der Übergangsstelle, wo der Schmutz gewöhnlich am tiefsten war. Deshalb erklärte Herr Schwan, an dieser ungangbaren Stelle müßte geschieden werden; aber Niels Bryde, den der Humor seines Pathen in heitere Stimmung versetzt hatte, wollte ihn durchaus bis vor seine Hausthür begleiten, und als sie sie erreicht, ging er noch mit ihm in seine Wohnung hinauf.

»Kirchengeschichte und Dogmatik wirst du diese Nacht schwerlich noch studiren,« meinte Herr Schwan und forderte ihn deshalb auf, noch eine Cigarre bei ihm zu rauchen.

»Kirchengeschichte und Dogmatik sind keine Früchte mehr auf meinem Brotbaum,« erwiderte Niels Bryde ernst. »Aber trotzdem hat der Baum darunter nicht gelitten. Ein Ausweg bleibt einem immer! Man kann ja Wächter werden,« fügte er lächelnd hinzu. »Unterrichten Sie mich in der Sprache der Thiere, die Sie, wie Sie heute Abend bewiesen haben, verstehen, und es kann ein höchst geistreiches Leben geben, gar nicht von den Einnahmen zu Ostern, Pfingsten, Weihnachten und an andren Festtagen zu reden. Glauben Sie nicht, daß ich hinreichende Stimme habe, um, wenn alles andre fehlschlägt, Nachtwächter zu werden?«

»Allein dort drüben in Jütland,« versetzte Herr Schwan, »möchte man schwerlich Gefallen an dieser städtischen Anstellung eines werdenden Bischofs oder Cultusministers finden.« »Ich will es Ihnen offen bekennen,« rief Niels plötzlich mit großem Ernste aus, »ich habe das Studium der Theologie aufgegeben.«

»Aufgegeben!« wiederholte Herr Schwan, der ja schon mehrere Wochen lang mit ihm verkehrt und geredet hatte, ohne hiervon etwas zu hören oder zu ahnen. »Und was sagen sie da drüben dazu?« fragte er verwundert und in schleppendem Tone.

»Sie sagen, ich hätte unrecht gethan, ich wäre undankbar! – Aber ich kann nicht anders handeln. Die Sache ist durchdacht und durchkämpft. Ich will Feldscherer werden, wie der Alte mir rieth, will ›an dem Körper herumflicken‹. Lassen Sie uns jedoch heut Abend nicht davon reden. Ich war in fröhlicher Stimmung und möchte es bleiben. Wir wollen die Sache ihren eigenen Gang gehen lassen! Ich werde selbst mich zu leiten und mir zu helfen verstehen; das muß jeder gesunde Mensch allein können.«

»Wenn aber die Liebe kommt?« wandte Herr Schwan ein. »Wenn man nicht länger allein bleiben kann?«

»Man muß sich aller fixen Ideen erwehren, und etwas anderes ist die Liebe doch nicht. Sie haben sich ja doch auch schon den längsten Theil Ihres Lebens von ihr frei erhalten und verdanken sicherlich diesem Umstande Ihren gewöhnlichen frischen Humor. Auch ich werde es im Stande sein, denn ich will es. Haben Sie es nicht gezeigt, daß Sie es konnten?«

»Nein,« entgegnete Herr Schwan mit einem ihm ungewöhnlichen Ernste. Er drückte seines Pathen Hand und lächelte dazu; eigentlich machte er ein Gesicht, welches verbergen sollte, daß er sich über das ihm entschlüpfte Wort ärgerte. Ihm kam gewiß die Wahrheit des alten Spruches in den Sinn: »Dein Geheimnis ist dein Gefangener; läßt du es dir entschlüpfen, bist du der seinige.«

Wie oft hatte es nicht geheißen: Herr Schwan hat nie an einen andern als an sich selbst gedacht; er sinnt auf nichts als ein Scherzwort, einen Sarkasmus zu sagen, oder den düstersten Menschenfeind zu spielen; er hat nie an das gedacht, wovon die jungen Lyriker beständig singen: an »sie«, nie an das, um dessen willen Werther sich das Leben nahm. Die Welt glaubt alles zu wissen und weiß doch so wenig.

»Ich habe dein Gemüth und deinen Muth gehabt und erinnere dich nur an Göthes Worte:

»Eines schickt sich nicht für Alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!«

»Auch Sie!« rief Niels und ergriff seine Hand. Es lag in diesen Worten ein Ausdruck von Verwunderung und Theilnahme. Eine Saite war berührt, die nicht erklingen durfte, nicht erklingen sollte, denn auch Herr Schwan sagte: »Ich will es!« – Es wurde hiervon auch kein Wort mehr geredet; wenn indessen Hundegebell als Sprache betrachtet werden könnte und Niels wie König Salomo die Sprache der Thiere verstanden hätte, so wäre es ihm möglich gewesen noch vor Schlafengehen von ihr zu hören, die jetzt nicht mehr wie damals dahinschwebte, jetzt nicht mehr schlank und jugendfrisch war, und die von jenen Tagen einzig und allein in ihren Augen noch einen Theil des Glanzes, aber nicht den Zauber bewahrt hatte, der den Strohhalm in einen blühenden Rosenzweig, ja, in ein wildes, hoch sich bäumendes Roß zu verwandeln vermag. »Armer Pathe!« dachte Niels. »Auch er hat sich an dem Lichte verbrannt. Ob Wachslicht oder Talglicht, die Flamme soll ja gleich wehe thun! Ich werde mich nie verlieben, nie bis zum Wahnsinnigwerden verlieben, das weiß ich; hienieden giebt es viel andres zu wirken und zu schaffen.«

Das waren Niels Brydes Gedanken, als er von Herrn Schwan Abschied nahm und er sich auf dem Heimwege plötzlich wieder gerade vor dem Hause des Kammerherrn befand. Der Nachtwächter schien zu schlafen. Der kleine Hund dagegen sprang noch immer, doch jetzt ohne zu bellen, leichtfüßig auf der Straße umher; er näherte sich Niels, beschnüffelte ihn, schien seine Bekanntschaft machen zu wollen, und ging ihm darauf nach. Niels jagte ihn zurück, umsonst; das Hündchen wollte ihm einmal das Geleite geben, und als er seine Hausthür erreicht hatte, schlüpfte es nicht voran hinein, sondern blieb ganz kläglich stehen, als ob es um Nachtlager bitten wollte.

»Nun, dann komm nur!« sagte Niels Bryde.

Der Mond leuchtete in das Zimmer hinein, und seine Strahlen fielen gerade auf das alte Porträt des hochadeligen Fräuleins, welches so verdrießlich aussah und das Loch in der Tapete verdeckte. Mit einem Freudengeheul stürzte Lustig auf seinen Herrn zu, empfing aber das fremde Hündchen mit unfreundlichem Knurren. Niels gebot Ruhe und Kameradschaft, setzte ihnen den Wassernapf vor und warf ihnen einige Stückchen Brot hin. Der fremde, feine Hund beroch das Brot, ließ es liegen, trank nur ein wenig Wasser und bald lag er neben Lustig friedlich auf der Decke unter dem Tische. Niels Bryde legte sich ebenfalls nieder und schlief sehr bald ein, ohne daß seine Gedanken nach dem Pfarrhofe auf der Haide und namentlich zu Bodil hinübergeschweift wären, zu ihr, die gerade in dieser Nacht um seinetwillen geweint, für ihn gebetet und ihre ganze warme Seele auf das weiße Blatt ausgeströmt hatte, welches ihr zärtliches Herz zu einem Schönheitsblatte, zu einer himmlischen Rose weihte. Er schlief so fest, wie er in vielen Nächten nicht gethan hatte, weil, wie wir später hören werden, starke Strömungen durch seine Seele gegangen waren.

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