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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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XI.

Unfriede in der Heimat. Silkeborg wird erbaut.

»Wie hilflos, wie elend ist doch dieses Kind!« sagte Bodil, indem sie das arme Zigeunerweib mit seiner lebenden Last beklagte. »Solch ein elendes Geschöpf würde rettungslos zu Grunde gehen, wäre nicht die Liebe der Mutter so groß.«

»Das ist ein Naturtrieb,« entgegnete Niels; »derselbe findet sich bei dem Thiere in nicht geringerem Grade als bei dem Menschen. Die Henne kämpft für ihre Küchlein; versuche es einmal, dem Ohrwurm seine Jungen auseinanderzuwerfen, er wird sie augenblicklich wieder sammeln. Das ist der Naturtrieb, das ist eines der großen Triebräder in der Maschinerie. Du siehst mich an? Ei, glaube doch nur nicht, daß wir etwas andres sind! Nur durch die Zusammenstellung der Stoffe entsteht das ganze Kunstwerk.«

»Ich verstehe dich durchaus nicht,« versetzte Bodil, »und kümmere mich auch gar nicht um dergleichen Dinge.«

»Aber das mußt du,« sagte Niels; »man muß wissen, was der Verstand zu fassen vermag, und was ein aufgeklärter Mensch wissen muß.« Und nun begann er von den Urstoffen zu erzählen, von denen, wie er sagte, bis jetzt einundsechszig wären, die sich nicht mischen ließen. »Die vier eigentlichen Elemente des Lebens,« fuhr er darauf fort, »sind Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Kohlensäure. Wenn – –«

»Das ist leicht möglich,« sagte Bodil lächelnd. »Ich bin auf diesem Felde nicht zu Hause. Du bist ein gewaltiger Gelehrter geworden, aber wir armen Frauen dürfen ja keinen Blick in das Reich der Gelehrsamkeit hineinwerfen.« Sie wollte dieses Gespräch nicht fortsetzen, hörte aber unwillkürlich gespannt auf seine Worte. In all dem Neuen, das er erzählte, und in der Beredtsamkeit, mit der er es vortrug, lag in der That etwas Fesselndes. Er entwickelte den ewigen Kreislauf der Dinge, erzählte, daß die erdigen Theile, die in Folge chemischer Auflösung in die Pflanzen übergingen, in ihnen zur Nahrung für die Thiere verarbeitet würden, welche dadurch wieder Fähigkeit erhielten, den Menschen als Nahrungsmittel und Wärmestoff zu dienen. Alles hätte Wärme nöthig, sie setzte erst die Maschinerie in Bewegung. Bei der Auflösung fielen dann die Theile wieder auseinander und die Gasarten kehrten zu ihrem Ursprunge zurück.

»Und der Geist zu Gott!« sagte Bodil.

»Zu dem großen Ganzen, zu dem Gott-All,« rief Niels; »nach dem Glauben der Griechen bleibt der alte Pan der letzte, der die Götter überlebt!«

»Was sind das für gottlose Reden, die du da führst!« sagte mit ernster, lauter Stimme der alte Japetus Mollerup, welcher hinzugekommen war und, ohne bemerkt zu werden, einen Theil seiner letzten Bemerkungen gehört hatte. »Öffne dem Teufel nicht die Thüre, sonst kehrt er mit all seinem bösen Treiben sofort bei uns ein!« Und mit einem finstern Blick auf Niels ging er an ihnen vorüber.

Aber noch an demselben Abend ward das Gespräch zwischen Niels und Bodil fortgesetzt; letztere war betrübt, des Bruders Äußerungen erfüllten ihr Gemüth mit Unruhe. Sie wollte in dem Gesagten so gern nur die jugendliche Lust sehen, Klugheit und Gelehrsamkeit zur Schau zu tragen, und deshalb konnte sie, als sie wieder allein bei einander weilten und er den abgerissenen Faden des früheren Gespräches von Neuem aufnahm, sich des Geständnisses nicht erwehren: »Du hast heut vieles gesagt, das mich betrübte oder mir unverständlich war. Schließlich war es mir, als ob mir Gott in allem Geschaffenen verschwände.«

»Kommen wir doch durch dieses erst zu ihm!« sagte der Bruder.

»Durch die Schöpfung und durch die Offenbarung! Mir fehlt die Gabe, mich darüber deutlich auszusprechen, mich klar auszudrücken. Mein Herz verlangt einen persönlichen Gott, der mir nahe ist und mich zu hören vermag. Die Wissenschaft stellt ihn mir so fern, daß er vor mir verschwindet. Du, der du selbst Gottes Wort verkündigen und es vor den Menschen leuchten lassen willst, greife nicht nach dem Irrlicht der Wissenschaft, das uns täuscht und in den Abgrund führt. Das Reich dieser Welt und das Reich jener Welt sind einander, glaube ich, völlig entgegengesetzt, und man muß entweder den einen oder den andern Weg wandern.«

»Nach meinem Glauben sind sie durchaus freundlich gesinnte Nachbarreiche; sie selbst gerathen nicht in Streit, aber ihre einfältigen Grenzwächter fangen Streit an, weil es ihnen an wahrer Aufklärung fehlt. Laß uns nur danach streben, die Wahrheit zu finden und uns an sie zu halten, dann werden sich die alten Mythen und Geschichten als das ergeben, was sie in Wahrheit sind!«

»Ich befürchte, daß du in deinem Suchen nach dem, was du das Wahre nennst, im Hinblick darauf, daß du Geistlicher werden willst, einen sündigen Weg gehst. Denkst du, wie du jetzt sprichst, dann wirst du Vielen Anstoß und Ärgernis geben. Du darfst die Kanzel nicht wählen.«

»Daran habe ich selbst schon gedacht,« erwiderte Niels mit einem leisen Lächeln. »Deine Gedanken weichen nicht sehr von den meinigen ab.«

»Der Gott, den die Wissenschaft mir zeigt, ist formlos!« rief Bodil; »er ist lediglich die Kraft des Verstandes und des Willens, eine so große Kraft, daß ich mich nicht an sie zu halten wage. Meine Natur verlangt den christlichen, lebendigen Gott, der ein Auge hat für mich und die Welt und ein Ohr für meine Freuden und Leiden. Die Naturkraft in ihrer ordnenden Weisheit kann mich und meine kleine Welt in mir und um mich nicht bemerken; ich bin ein Nichts in dem Kreise der großen Gesetze.«

Ein neues Element, ein neckisches Wesen, schien Bodil sich bei dem Bruder geltend gemacht zu haben; diese Annahme sagte ihr am meisten zu. Es kam ihr so vor, als griffe er mit harter, schonungsloser Hand in alles hinein, was ihr heilig und unantastbar war; und in der That regt sich in uns Menschen oft eine dämonische Macht, oder mit anderen Worten, ist das Böse in uns stärker als das Gute. Eitelkeit, Gedankenlosigkeit und Mangel an Schonung wirken bestimmend auf uns ein. Niels liebte seine Schwester und schätzte ihren Verstand und ihr Herz, und doch richtete er gerade gegen diese die Strömungen, die sein Gemüth bewegten.

War der alte Japetus Mollerup anwesend, so wurden dergleichen Reden und Vorträge allerdings nicht gehalten; aber die Färbung, die das junge Gemüth angenommen hatte, mußte trotzdem bei jeder Gelegenheit in Worten und Ansichten hervorleuchten.

»Du hast dir einige wunderliche Ausdrücke angewöhnt, Niels,« sagte in solchen Fällen der alte Pfarrer, »die solltest du dir wieder abgewöhnen!« und gewöhnlich war das Ende, daß Niels schwieg oder das Zimmer verließ. Diese Auftritte wiederholten sich, und die arme Bodil mußte sich dann von Niels sagen lassen, das ginge zu weit, er wäre doch kein Kind mehr und hätte nicht die Geduld, alles zu ertragen. Die Erde wäre nun einmal nicht flach, und er wäre kein zweiter Montanus. Thränen traten Bodil in die Augen; sie erkannte und fühlte, wie sehr sich Vater und Niels in ihren Gedanken von einander unterschieden, – ach nur allzu sehr – aber hier müßte und sollte Niels doch dem alten Manne nachgeben.

Alles hat seine Zeit, so auch hier. Das Leben Jesu von Strauß wurde eines Tages erwähnt, und als der alte Pfarrer, der es nicht kannte, es als die verkörperte Sünde bezeichnete, vertheidigte Niels dasselbe zwar rücksichtsvoll, aber doch bestimmt und meinte, auch das Heiligste müßte eine Besprechung dulden können.

»Nein!« rief der Alte heftig und erhob sich, während er die Farbe wechselte, – und mit etwas schärferer Stimme fügte er hinzu, »wenigstens in meinem Hause, und hier bin ich doch wohl noch der Herr, wird sie nicht geduldet werden.« Schmerzlich betrübt schaute Bodil vor sich hin; Mutter zitterte an allen Gliedern, denn in solcher Erregung hatte sie den Vater nicht oft gesehen.

Erst den Tag darauf kam es zwischen ihm und Niels zu einem Gespräche.

»Ich habe bemerkt, daß du in vielem von dem alten Glauben und der alten Denkweise abgewichen bist und mit dem Strome dahintreibst. Ich weiß wohl, daß du ein Kind der neueren Zeit bist, während ich noch der alten angehöre. Aber es giebt etwas, das zu allen Zeiten stets dasselbe ist und bleibt, das Reich der Wahrheit, und wo ist dieses wohl reiner und seliger zu finden als in der Lehre unserer Religion? Die Bibel ist hier wie jenseits der Schatz unseres Reichthums; aber ich habe bemerkt, daß du dieses Buch nicht in allem und jedem in solcher Weise beurtheilst. Der Hochmuth des Verstandes ist über dich gekommen, obgleich du dich unserer menschlichen Schwachheit schon bewußt sein könntest.«

»Es erkennt gewiß niemand,« erwiderte der Sohn, »den großen Schatz, der für uns alle in der Bibel liegt, mehr als ich. Sie enthält Gedanken für alle Zeiten und alle Geschlechter, die so klar, so einfach ausgesprochen sind; es liegt in ihr eine Lebenspoesie – –«

»Poesie!« rief der alte Pfarrer.

»Unter Poesie verstehe ich nicht die klingende Schelle des Wortes, sondern den Herzschlag in Freude und Glückseligkeit, in Furcht und in Zittern!«

»Wagst du zu behaupten, daß auch nur ein einziges Wort im neuen Testamente nicht von Gott ist? Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.«

»Ich weiß, daß Christus persönlich nichts niedergeschrieben hat. Wir haben alles durch seine Jünger, und ich bin überzeugt, daß sie die Wahrheit reden können und wollen. Die Begebenheiten selbst werden übereinstimmend erzählt, wenn auch in der eigenthümlichen Weise eines jeden Einzelnen; in verschiedenen Ausdrucksweisen leuchten uns in den Evangelien dieselben Wahrheiten entgegen, da sie etwas von der Natur eines jeden Evangelisten an sich tragen. Sollten wir deshalb nicht sagen dürfen, daß dabei ein menschlicher Zusatz vorkommen könnte? Schon das Wort selbst kann verschieden übersetzt werden.«

»Du liesest also nur, wie du willst? Die Religion willst du nach deiner Bequemlichkeit einrichten, willst sie nach deinem Geschmack und Belieben destilliren und vortragen?«

»Die heiligen Wahrheiten der Religion sind unantastbar,« sagte Niels ernst und ehrerbietig. »Was das Wichtigste, die Hauptsache anbelangt, darin sind wir einig. Wer den Lehren unseres Glaubens folgt, wird durch die Wirkungen derselben von ihrer Göttlichkeit überzeugt werden.«

»Was ist das Wichtigste, was ist die Hauptsache?« rief der alte Mann; »nicht ein Buchstabe darf umgesetzt oder fortgeworfen werden!« Er stockte, ein Kampf fand in seiner Seele statt, und während desselben ergriff Niels das Wort, als läge darin eine Aufforderung, eine Nöthigung, sich zu erklären.

»Ich weiß sehr wohl, daß an den klaren Aussprüchen der Bibel nichts verändert werden darf, allein es kommen in ihr doch Dinge vor, die, so unwesentlich sie auch an sich sind, doch mit der Wahrheit nicht übereinstimmen. Vier Weltenden können an einer Kugel nicht angegeben werden; eben so wenig kann, wenn die Erde freischwebend ist, von einer Veste die Rede sein; des Himmels Veste ist ebenfalls ein veralteter Ausdruck. Vieles kann nur als bildliche Redeweise betrachtet werden; wie zum Beispiel, daß Gott im Weltraum auf einem Throne sitze. Das ist ja doch nur der Ausdruck des Orients für Größe und Macht! Copernikus hat den Beweis beigebracht, daß Josua in Bildern gesprochen habe. Könnten, wie geschrieben steht, Sonne und Mond plötzlich am Himmel still stehen, als griffe einer mit fester Hand in ein künstliches Werk und brächte eines der Triebräder zum Stehen, so müßte es ja Zerstörung und Untergang zur Folge haben.«

»Er, der die Weltkugeln in den Raum hinausrollte, sollte nicht einem dieser Atome zurufen können: Stehe still!« erwiderte der Alte. »Die Gelehrsamkeit tappt noch umher, die Weisen aller Jahrhunderte haben einander widersprochen, aber die Gottesmänner der heiligen Schrift, sie, die der heilige Geist in alle Wahrheit führte, hatten nie einen Zweifel! – Was in aller Welt ist plötzlich in dich gefahren, Niels! Kannst du denn nicht begreifen, daß du mit dergleichen Gedanken und einem solchen Glauben nie ein Verkündiger des Wortes Gottes werden kannst und darfst? So wahr ich lebe,« – bei diesen Worten erhob sich der alte Mann, seine Wangen überzog glühende Röthe, seine Augen blitzten und Kummer so wie Zorn leuchtete aus jeder seiner Mienen hervor, – »wirst du nicht ein ganz anderer Mensch, so will und muß ich bei deiner Ordination, oder sobald du die Kanzel zu besteigen gedenkst, gegen dich auftreten und dich vor der ganzen Gemeinde im Namen des dreieinigen Gottes fragen, ob du deine jetzigen Ansichten geändert hast und an die ganze Schrift und alle Bekenntnisschriften glaubst?«

»Ich werde nie ein Lügner werden! Wollte ich mich dazu hergeben, würde ich dieses Gespräch nicht geführt haben,« entgegnete Niels mit einer Heftigkeit, die den Alten noch mehr erbitterte.

»Geh' lieber hin und werde Feldscherer!« versetzte dieser, »flicke an dem Körper und halte ihn zusammen; das ist das Wichtigere. Ein Christ bist du nicht und kannst den Glauben, den du nur halb hast, nicht verkündigen.«

»Da wir einmal bis zu diesem Punkte gekommen sind,« sagte Niels mit lauter, fester Stimme, »so gestehe ich ein, daß ich es nicht kann. Ich würde nach meiner Überzeugung nicht aufrichtig auf Formen schwören können, die mir zwar unwesentlich vorkommen, es aber doch vielen, die wieder auf mich ihr Vertrauen setzen sollen, nicht sind. Wir blicken, glaube ich, zu demselben Stern empor, aber durch verschiedene Gläser, jeder von uns sieht ihn je nach seinem Augenmaß an einer anderen Stelle; steht doch schon das linke Auge den Stern an einer anderen Stelle als das rechte.«

»Das gehört hier nicht hin,« entgegnete der alte Pfarrer, »und ich trage auch kein Verlangen, deinem gottlosen Geschwätz mein Ohr länger zu leihen; das paßt sich weder für mein Alter noch für meinen Beruf:«

Er verließ das Zimmer; Niels blieb mit einem Lächeln um den Mund zurück, fühlte aber auch, wie wir nicht läugnen können, seine Seele schmerzlich berührt. Er empfand, daß der Herzensfaden zwischen ihm und dem Greise zerschnitten war.

Ein so lebhafter Austausch ihrer abweichenden religiösen Ansichten kam zwar nicht öfter vor, aber ihre Unterredungen zeigten nicht mehr ihre frühere Übereinstimmung und Herzlichkeit. In der Heimat, in der sonst Vertrauen und Eintracht herrschte, war Unfriede ausgebrochen, und Bodil litt am meisten dabei. Ihr bereitete es schweren Kummer, daß der Bruder die geistliche Laufbahn nun entschieden aufgegeben hatte.

»Kannst du wirklich durch ein einziges unüberlegtes Wort so viel Gutes und Segensreiches von dir stoßen, kannst du deine alten Eltern so tief betrüben?«

»Ich kann nicht anders,« erwiderte er mit Heftigkeit, »und ich bin froh, daß es bei mir so früh zum Durchbruch und zur Klarheit gekommen ist. Ich werfe nichts fort, was in der Wahrheit wurzelt. Ärgert dich dein Auge oder deine Hand, so wirf sie von dir! – Leiblich wie geistig thut man es in der Überzeugung, etwas Größeres zu gewinnen. Ich habe von einem alten Freibeuter gelesen, der seinen Leuten, während sie sich der Küste des Landes, das er erobern wollte, näherten, feierlich gelobte, daß demjenigen, dessen Hand zuerst den Rasen auf ihr berühren würde, der ganze schöne Landstrich gehören sollte. Und kräftiger theilten die Ruderer die Wellen, ein Boot schoß an dem andern vorüber; da ergriff einer plötzlich seine Streitaxt, hieb sich die linke Hand ab und warf sie über die Köpfe der andren fort, und die Hand fiel auf den Rasen, berührte ihn, und das gewonnene Land wurde dem Manne zuerkannt. Das Gleichnis hinkt vielleicht wie alle Gleichnisse, aber du wirst mich verstehen. Um dort, wohin es mich zieht, zu siegen und zu gewinnen, bin ich im Stande auch das Nächste, das Nothwendige fortzuwerfen.«

»Deine Heftigkeit reißt dich wieder hin. Sie war es, die dich dazu trieb, in das Meer zu springen und dein Leben zu wagen, um die Leute zur Rettung deines Hundes zu zwingen. Dieselbe auflodernde Heftigkeit war es, die uns das Kind der Zigeunerin in das Haus brachte.«

»Mein Wille rettete meinen Hund.« unterbrach er sie; »mein Wille bestrafte die Diebin – ich beging kein Unrecht, sie mußte sich beugen! Eine innere Stimme sagte mir: ›Dies ist das Richtige!‹ und ihr gehorche ich. Sie ist der Gott in mir, der Funke, die Gasflamme, die den Gang der Maschine beleuchtet und sie in Bewegung hält, bis die Zapfen abgenutzt sind und das Ganze zusammenfällt.«

Niels Bryde verließ bald die Heimat; der Abschied von dem Vater war still und peinlich, Mutter weinte, Bodil schlich sich zum Hofe hinaus, stand am Zaun und rief ihm Lebewohl zu. Niels lächelte und nickte und Lustig, der zu den Füßen seines Herrn saß, blickte munter auf die vor ihm liegende Gegend.

In dem alten Vorwerk unten am Aalwehr, wo Herr Schött wohnte, sollte der Kutscher einige Briefe aus dem Pfarrhause abgeben; die Pferde erhielten hier frisches Wasser und ein Stück Brot, wodurch der Aufenthalt verlängert wurde. Niels Bryde begab sich in das Hauptgebäude, welches noch aus alten Zeiten her »das Schloß« genannt wurde. Hier traf er in dem großen Saale fast hundert Menschen an, Maurer- und Zimmergesellen nebst den erforderlichen Handlangern, die, wie es eben anging, auf Körben und Tonnen dasaßen und ihre Mahlzeit hielten; Krüge und Flaschen standen überall auf dem Fußboden umher. Eine großartige Papierfabrik sollte hier drüben angelegt und für die reiche Wassermasse der Gudenau benutzt werden. Noch konnte sich niemand eine rechte Vorstellung von der großen Bedeutung machen, welche dieses neue Gebäude erhalten sollte, noch niemand denken, daß es der Keim zu einer neuen Stadt mitten in dieser Gegend war und aus ihm neues Leben auf der Haide erblühen sollte. Es war im Jahre 1844. Schnell wie eine amerikanische Stadt wuchs Dänemarks jüngstes Städtchen empor, während Niels Bryde ein neues Leben des Zweifels und des Kampfes durchzumachen hatte.

Die Handwerker erhoben sich und gingen wieder an ihre Arbeit. Niels stieg in den Wagen, und während die Axt des Zimmermanns schallend auf das Gebälk, welches errichtet werden sollte, niederfiel, knallte die Peitsche ihr »Vorwärts«.

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