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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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X.

Das Idiotenkind. »Bareske Alako.«

Bodil und Niels Bryde schritten über die Haide auf das Gebüsch zu. Lustig, gelbbraun wie eine gut ausgebackene Salzbretzel und leicht wie ein Reh, sprang, von dem Ausfluge ins Freie froh erregt, voran. Die Freude leuchtete ihm aus den klugen braunen Augen und der Schwanz, mit dem der Hund besonders seiner frohen Stimmung Ausdruck verleiht, war in unaufhörlicher Bewegung.

»Ein prächtiger Hund,« sagte Niels Bryde, »und den hätte ich sollen sterben, zu Grunde gehen lassen! Nein, er soll noch in dieser lichten Welt eine Zeit lang umherspringen und sich ergötzen!«

»Sein Leben konnte uns das deinige geraubt haben; ich weiß es. So in das Meer hineinzuspringen! Du hättest unter die Räder des Dampfschiffes kommen können!«

»Nein, ich sprang vom Hinterdeck aus hinab. Eine Viertelstunde kann ich mich bei so ruhiger See, wie sie damals war, schon über dem Wasser halten. Ich wußte, daß man einen Menschen nicht ertrinken lassen würde, nach Gesetz und Recht dürfte man es nicht einmal; es war also nichts dabei zu wagen. Und in einem solchen Augenblicke stellt man auch keine Überlegungen an, man will – und ich wollte Lustig behalten.«

»Wie viel Verstand besitzt doch solch ein Thier, oft mehr als mancher Mensch! Es ist sonderbar zu denken, daß ein solches Geschöpf sein Dasein nur für dieses Leben empfing. Es beweist Hingebung und Treue und hat unläugbar Tugenden; hier kann doch nicht mehr von bloßem Instinkte die Rede sein.«

»Wer verheißt und sichert dir eine höhere Stufe der Unsterblichkeit als die des Thieres zu?« entgegnete der Bruder lächelnd.

»Das thut meine unsterbliche Seele, das thut Religion und Bibel.«

»Und bist du deiner Sache gewiß?«

»Ich habe nie daran gezweifelt, ich bin dessen sicher, daß ich auferstehen werde!«

»Als was? Das ist die Frage! In der irdischen Welt geht alles zu Grunde und ersteht in neuen Gestalten wieder; aber nicht, wie du es dir denkst, nein, ganz anders! Es findet ein ewiger Kreislauf statt. Die Chemie beweist uns, daß sich in allen geschaffenen Dingen dieselben Stoffe vorfinden, in ihrer Zusammensetzung die eine oder die andere Kraft äußern und sich auf diese Weise entweder zu einem Steine oder zu einer Pflanze oder zu einem Thiere gestalten, die, sobald sie hier ihre Bestimmung erreicht haben, wieder aufgelöst werden und die Stoffe zurückgeben.«

»Und die Seele geht zu Gott zurück, der sie verlieh!« versetzte Bodil. »Diesen Glauben kann alle deine Gelehrsamkeit nicht umstoßen.«

»Von uns Menschen ist es eigentlich ein unendlicher Hochmuth, ewig leben zu wollen und zwar mit Erinnerung und Bewußtsein. Was giebt uns das Recht dazu? Etwa unsere Klugheit, unsere Entwickelung? Sich nur den Ameisenhaufen an; die erste Kenntnis von der Klugheit dieser kleinen Thiere erhielt ich einst von dir selbst, du bewiesest mir, daß der Haufen kein planlos aufgewühlter Erdklumpen wäre. Und nun gar die Bienen! Wußten sie nicht eher als irgend ein Mathematiker, daß das Sechseck diejenige Form ist, welche bei der Zusammensetzung den kleinsten Flächenraum einnimmt, und bauten auf Grund dieses Lehrsatzes ihre Tausende von Zellen!«

Bodil sah ihn ernst an. »Du hast Recht und doch nicht ganz Recht! Bon der Schöpfung an sind alle Fähigkeiten des Thieres vollkommen entwickelt; es erreicht in seiner kurzen Lebenszeit sein Ziel auf Erden vollständig; die Menschen dagegen nehmen von Geschlecht zu Geschlecht an Klugheit zu.«

»Wie hoch meinst du wohl, daß wir über den Ägyptern und Indiern stehen?« wandte der Bruder ein. »Wir alle haben die gleiche Begrenzung wie das Thier, je nach der Mischung der Stoffe.«

»Ach, du mit deinen Stoffen! Du machst uns zu Maschinen! Du sagst Dinge, die du selber nicht meinst; du willst nur zeigen, wie hoch du an Klugheit über mir stehst; aber im Glauben, hoffe ich, stehen wir gleich.«

»In ihm stehst du hoch über mir, ja hoch über der Wahrheit, vollständig mitten im Aberglauben!« Mit einem Male hielt er inne und sah umher.

Lustig spitzte die Ohren, hielt den Schwanz unbeweglich, jagte darauf in vollem Lauf auf eine kleine Anhöhe von übereinander gehäuftem Haidetorf zu und begann dann heftig zu bellen. Sie gingen auf die Stelle zu, und seltsam genug, das von Niels Bryde zuletzt ausgesprochene Wort »Aberglaube« hätte für andere als unsere beide sich hier leicht geltend machen können.

In der durch das Torfstechen entstandenen Höhlung lag oder stand ein ganz wunderliches zwerghaftes Wesen in blauem Unterrocke; ein zerrissenes rothes Tuch diente ihm als Leibgürtel; eine alte, rothe, eines Kobolds würdige Mütze saß auf dem unförmlich großen Kopfe; kleine schwarze Augen glotzten funkelnd aus dem braunrothen Gesichte heraus, um welches das dunkle Haar struppig herabhing; ein unverständlicher Laut drang über die Lippen des Zwerges hervor.

»Was ist das?« rief Niels Bryde.

»Ist das ein Mensch?« sagte Bodil.

»Ja, ein winziges Menschenkind!« erwiderte ganz in der Nähe eine Stimme. »Es ist mein kleiner Junge, mein schmutziges Freundchen.« Und aus dem Haidekraut und Gebüsche erhob sich mühsam eine große starkknochige Frau. Niels erkannte sie: es war die Zigeunerin mit ihrem Idiotenkinde. Sie hatte das arme verkrüppelte Geschöpf in die Höhlung neben dem Torfstiche gelegt, weil sie sich ein wenig unwohl gefühlt hatte. Eine giftige Schlange hatte sie in den Fuß gestochen, das Bein war angeschwollen, und es risse ihr in demselben, wie sie sagte, daß es ihr fast das Herz abstieße. Jetzt hätte sie nasse Erde umgeschlagen, und die würde, wie sie meinte, die schmerzhafte Entzündung bis Sonnenuntergang aus dem Beine herausziehen. Ihr Gesicht glühte fieberhaft, ihre Augen verriethen, wie große Schmerzen sie noch immer empfand, und als sie den Fuß erhob, war dieser und das Bein noch stark geschwollen.

»Ihr könnt hier nicht auf der Haide bleiben,« sagte Niels Bryde, »kommt mit nach dem Pfarrhause. Es ist für Euch freilich kein kurzer Weg dorthin, aber wir wollen Euch Beistand leisten.«

Im Haidekraut, sagte sie, hätte sie so manche Nacht gelegen, und nun begann sie, als sie Theilnahme bemerkte, mehr im Volksdialecte ohne alle Zusätze in ihrer eigenen Sprache zu reden. Draußen oder drinnen, meinte sie, wäre gleich gut, allein, da der Frost sie schüttele, zöge sie doch ein Obdach vor.

»Kann der kleine Knirps gehen?« fragte Niels Bryde.

»Ach,« sagte die Frau, »ihm geht es schlimmer wie mir. Ihm sind die Füße abgestorben. Er wird nie gehen lernen, ich muß seine Beine abgeben, es bleibt nur nichts andres übrig.«

Die Frau war kaum im Stande, sich selbst zu tragen, geschweige denn den Knaben; sie bat jedoch, ihr den Jungen auf den Rücken zu binden und erklärte sich für fähig, mit ihm hinterher humpeln zu können. Auf der Tenne würde sie doch im Trocknen schlafen, denn in der Nacht würde es regnen, das sagte ihr ihre große Zehe am gesunden Fuße.

Da sie das Kind gleichwohl nicht zu tragen vermochte, nahm Niels Bryde es auf den Arm.

»Wie schwer der Junge ist!« sagte er.

»Ich habe es ihm auch nie an etwas fehlen lassen,« entgegnete die Frau, »doch ist er für einen zehnjährigen Jungen nur klein.« Sein Körper glich dem eines vierjährigen Kindes. Das Idiotenkind richtete seine schwarzen glänzenden Augen starr auf Niels und in dem Gefühle, daß man ihm kein Leid zufügen würde, schloß es sie endlich, um zu schlafen.

Die Frau humpelte unter großen Schmerzen hinterher, aber noch eine Strecke vom Hause sank sie in die Kniee und blieb ohnmächtig liegen. Bodil holte Leute herbei und brachte Wasser und Essig mit. Die Frau wurde in einer kleinen Kammer neben dem Stalle, in der sogenannten Geschirrkammer, auf ein altes Unterbett gelegt, ihr Fuß gebadet und eingehüllt, und als dieser Samariterdienst ausgeübt war, und eine der Mägde den Auftrag erhalten hatte, dem Knaben, dem man Brei und Milch gegeben hatte, behilflich zu sein, da er nicht selbst zu essen im Stande war, verließen Bruder und Schwester die Kammer.

Am folgenden Tage kam Musikanten-Grethe nach dem Pfarrhofe hinüber und wie einst die wandernden Troubadours in der Provence ihre Harfen stets mit sich führten, hatte sie ihre Harmonika bei sich. In ihrer Begleitung erschien auch ihr anderes Geschwisterkind, die kleine Karen, die sich bei dem Stadtschultheiß, bei dem sie zuerst als Kindermädchen, jetzt aber als Stubenmädchen diente, sehr gut aufführte. Als Kind war Karen ein wahrer Springinsfeld gewesen, jetzt aber war sie von Jahr zu Jahr nachsinnender geworden, womit sie schwermüthig meinten. Das, hieß es, paßte nicht zu ihrem jungen Alter und würde wohl wieder vorübergehen. Um sie einigermaßen aus ihrer düsteren Stimmung zu reißen, war sie zu ihrer Tante auf Besuch geschickt, und deshalb kamen beide nach dem Pfarrhofe hinüber. Alle meinten es gut mit der kleinen Karen, aber ihre alte Gesprächigkeit und ihren Frohsinn hatte sie völlig verloren.

Sie besuchten die kranke Zigeunerin in ihrer Kammer; die kleine Karen futterte den armen Jungen, der sich wie ein vierjähriges Kind benahm. Musikanten-Grethe zog ihre Harmonika hervor, spielte eine Melodie und der Kleine machte immer verwundertere Augen, ein Lächeln zeigte sich um seinen Mund und er stieß ein freudiges Geheul aus.

»Er lacht, mein kleiner Tyrann!« sagte die Zigeunerin; »das Ding hat einen merkwürdigen Klang, woher hast du es?«

»Ich besitze es schon seit vielen Jahren,« entgegnete Musikanten-Grethe, »es ist ein Erbstück und macht mein ganzes Glück und meine Freude aus. Mit dieser Harmonika kann ich mich wieder gesund spielen, wenn ich krank im Bette liege. Vielleicht hilft sie auch dir!« Und nun spielte sie mehrere Stücke. Man hätte sich wahrlich zu der Annahme versucht fühlen können, daß in diesen Tönen wirklich eine Heilkraft läge. Die Zigeunerin wurde lebhafter und gesprächiger; Musikanten-Grethe hatte Freude an ihrem Instrumente.

»Sie vermag weit über die Haide fortzutönen; sie gleicht einem guten Freunde, den man stets bei sich hat und mit dem man beständig reden kann. Du sprichst nicht so viel, liebe Karen,« sagte sie scherzend zu dieser, »das hast du dir ganz abgewöhnt, aber das ist keine gute Angewöhnung. Nun sollt ihr ein gepfeffertes und gesalzenes Stück zu hören bekommen,« rief sie plötzlich und begann eine lustige Melodie.

Bald darauf humpelte die Zigeunerin in die Küche; die Geschwulst des Fußes hatte abgenommen, das Fieber war vorüber. Die Leute sprachen mit ihr von den Widerwärtigkeiten ihres Wanderlebens und von dem Wechselbalge, welchen sie mit sich schleppte, es müßte ein Kobold sein, ein untergeschobenes Kind.

»Von dem Vater hat es die Augen!« rief die Frau in einer Sprache, die die Leute ganz gut verstanden, und erklärte, sie wollte jetzt das Land wieder verlassen, um mit ihrem Manne, der mit ihr aus einem Blute stammte, zusammenzutreffen. Er wäre dort unten in Böhmen und in der Walachei ein mächtiger Anführer gewesen und hätte über mehr Leute geherrscht, als irgend ein Herr auf einem jütländischen Edelsitze, aber er wäre in Östreich ganz schuldlos eingesperrt worden, während sie mit ihrem kranken Söhnchen nach Norden hinaufgezogen, wo sie selbst am Saume eines Waldes nicht weit von hier geboren wäre. Hier, versicherte sie, wäre sie schon früher oft gewesen und verstände deshalb auch die Sprache so ziemlich, wie sie aus ihren Worten hören konnten.

Alle lauschten ihr zu; die Küchenmagd sprach ihr Entsetzen darüber aus, daß ein Mensch sich wie ein wilder Vogel ohne Dach über dem Kopfe umhertreiben könnte, und Musikanten-Grethe spielte ein Lied von einem »Schloß in Östreich«, welches sehr gut paßte, da ja die Zigeunerin dorthin wollte.

Die kleine Karen mußte jetzt aufbrechen, um zeitig nach Hause zu kommen, und da Musikanten-Grethe sie eine Strecke begleiten wollte, sah sie sich nach ihrer Harmonika um, die sie auf das Gesims zwischen zwei irdene Schüsseln gelehnt hatte. Oft hatte sie dieselbe dort schon hingesetzt und immer unversehrt wiedergefunden, aber diesmal war sie verschwunden.

»Ich habe sie nicht,« sagte die Zigeunerin und hob zum Entsetzen der Mägde ihre Röcke hoch empor.

»Die Harmonika muß irgend wohin versteckt worden sein, um nachher bei Seite geschafft werden zu können,« sagte Niels Bryde, aber umsonst wurde die ganze Küche durchsucht.

Die kleine Karen fühlte sich plötzlich unwohl und wurde blaß wie eine Leiche. Auf die arme Musikanten-Grethe stürmte viel Kummer auf einmal ein. Glücklicherweise erholte sich Karen bald wieder, allein ihre Harmonika fand Musikanten-Grethe nicht.

In aller Frühe zog die Zigeunerin mit ihrem kleinen Tyrannen fort. Ihr Weg führte sie an Musikanten-Grethens Hütte vorüber. Die Ärmste hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, sie hatte in der That ihr Liebstes und Bestes, was ihr eigentliches Leben ausmachte, verloren. Sie stand in der Hausthür, schaute die Zigeunerin an und fragte mit betrübter Stimme: »Habt Ihr sie genommen? Gebt sie mir wieder! Mir ist sie mein Kind, mein Trost und meine Freude! Ich spielte Euch etwas vor, um Euren Kleinen zu erheitern, um Euch Eure eigenen Sorgen einen Augenblick vergessen zu lassen. Handelt christlich gegen mich, geht nicht fort mit meinem ganzen Reichthum!«

Die Zigeunerin blickte sie grinsend an. Sie wäre zwar eine puro, sagte sie, aber sie gäbe sich nicht mit purra ab. Sie setzte das Kind auf die Erde, richtete sich in ihrer ganzen Höhe empor und schwur, sie wollte im Zuchthause verfaulen, wenn sich das Gestohlene an ihrem Körper vorfände. Den Knaben wollte sie nicht tragen, während sie den Eid ablegte; das verlangte ihr Glaubensbekenntnis, sagte sie.

Eine halbe Meile weiter mitten auf der Haide setzte sie sich nieder und löste die zusammengebundenen Beine des Idiotenkindes. Zwischen diese hatte sie einen, in Lappen gewickelten Gegenstand geschnürt; sie zog ihn hervor, schaute mit spähenden Blicken nach allen Seiten über die Haide hin, lächelte darauf und brachte die Harmonika zum Vorschein. Nicht an ihrem Körper, sondern an dem des Kindes hatte sie sich befunden und zwar da, wo man sie schwerlich gesucht hätte, zwischen den welken Beinen desselben. Sie versuchte sie zu spielen. Ein scharfer Laut drang hervor, der sie im ersten Augenblicke zu erschrecken schien, aber bald entlockte sie ihr volle melodische Töne. Sie lächelte freudig dabei, und auch der Knabe blinzelte vergnügt mit den Augen. Sie tändelte mit ihrem Kinde, küßte es zärtlich und spielte ihm dann wieder etwas auf der Harmonika vor; als sie indessen aufblickte, stand Lustig, Brydes Hund, vor ihr und starrte sie unverwandt an. Sofort warf sie die Harmonika in das Haidekraut, pfiff mit dem Munde und begann eine Art Gesang, in dem sie die lang aushallenden Töne des Instrumentes täuschend nachzuahmen verstand; dabei knickte sie einige Büschel des Haidekrautes ein, um sich die Stelle zu merken. Lauter und lauter erhob sie die Stimme und blickte in die Ferne, ob jemand käme, und richtig, sie entdeckte Niels Bryde. Er war, noch ehe sie den Pfarrhof verlassen, auf die Jagd gegangen. Er kam näher und sie that, als ob sie die gehörten Melodien der Harmonika ihrem Kinde vorsänge.

»Ja, ja, wir verstehen auch das Instrument zu spielen!« sagte sie, als Niels Bryde auf sie zuging. »Hatte es nicht diesen Klang?«

»Etwas bessere Töne brachte es doch hervor,« versetzte er. »Wo habt Ihr es hin gelegt? Wo ist das gestohlene Gut?«

»Ich Ärmste!« erwiderte sie. »Ihr verlangt doch nicht, daß ich elendes Weib mich und den Jungen ausziehen soll! Ihr findet doch nichts!« Das war das Einzige, was er aus ihrer Rede verstand, in die sie diesmal weit mehr fremde Ausdrücke eingemischt hatte. Sie wollte Lustig, der sich knurrend näherte, streicheln. Niels gab dem Hunde ein Zeichen, die offenbar versteckte Harmonika zu suchen und zu bringen; sofort witterte er überall umher.

»Ihr verdientet eine ordentliche Tracht Prügel, Ihr – schändliches Weib!« rief Niels. »So lohnt Ihr also die Gastfreiheit? Wißt Ihr nicht, daß Ihr hier weit mehr gestohlen habt als ein Lamm oder ein paar Gänse? Ihr habt das Instrument gestohlen, ich weiß es. Ihr habt der armen alten Frau ihren liebsten Schatz, das einzige Gut geraubt, mit dem sie sich etwas verdienen konnte. Es ist hier! Ich hörte die Klänge der Harmonika; Ihr habt sie allzu schlecht nachgeahmt, und seht nur dorthin. Lustig scharrt im Haidekraute, er wird uns das gestohlene Gut zeigen.«

Die Harmonika wurde gefunden. Ein Stoß gegen die Schulter unter dem verächtlichen Zurufe: »Packe sie sich ihrer Wege!« war die einzige Strafe, die dem Weibe zu Theil wurde; nach einem Augenblicke fügte Niels jedoch noch hinzu: »Laß sie sich nie wieder im Pfarrhofe blicken, wenn ich da bin, sonst soll sie die Reitpeitsche zu schmecken bekommen! Mit dem Pfarrer ist in solchen Dingen übrigens auch nicht zu scherzen, und bis zum Amtsrichter haben wir keinen weiten Weg.«

Die Zigeunerin grinste und blickte ihn mit ihren dunklen Vogelaugen höhnisch an. Sie sagte zwar kein Wort, aber dieses Grinsen, dieser Blick reizte Niels Bryde.

»Ihr lacht!« rief er. »Hütet Euch! Ich will Euch lehren, was es zu sagen hat, einem armen Weibe ihr Einzigstes und Bestes zu nehmen!«

Ihr könnte er nichts nehmen, erwiderte sie mit höhnisch herausforderndem Tone; sie hätte nichts, das er davontragen möchte. Niels verstand ihre Worte; ein Gedanke blitzte plötzlich in ihm auf.

»Das Liebste und Beste, das Ihr habt, Euer einziges Gut will ich nehmen.« Mit diesen Worten ergriff er ihr Kind, nahm es auf seinen Arm, warf das Gewehr über die Schulter und ging schnell fort.

»Mein Kind, mein Kind!« schrie die Frau, streckte die Hände nach ihm aus und bat heulend, es ihr zurückzugeben. Als er sie heftig zurückstieß, schaute sie ihn mit einem Blicke an, wie ihn der gereizte Raubvogel in seiner Gefangenschaft zu werfen pflegt. Rakk dero, murmelte sie kaum hörbar. Ihre und Niels Brydes Blicke begegneten sich; es war, als verständen sie einander. Sie warf sich auf die Erde, während er in heftig aufloderndem Zorne weiter schritt. Das Kind legte theilnahmslos sein schweres Haupt gegen seine Schulter.

Kaum war Niels eine kurze Strecke gegangen, als ihm schon seine Bürde schwer zu werden begann. Er machte deshalb Halt und blickte zurück, aber er sah nichts als die Haide um sich, die Zigeunerin ließ sich nicht blicken. War dieselbe stehen geblieben oder weiter gegangen? Hatte er sich darin geirrt, daß sie sich von ihrem Kinde nicht trennen, sondern bald genug kommen würde, es zu holen? Überließ sie ihm etwa seinen Fang? Er könnte dann wahrlich eine schöne Jagdbeute heimbringen. Er betrachtete den »Kleinen Tyrannen«, der gerade die schwarzen, glasichten Augen aufschlug und ihn ansah. Da fiel ihm mit einem Male sein häßlicher Traum ein, in dem ihn dieses Ungethüm mit Fledermausflügeln an sich gepreßt und überwältigt hatte. Schauder überlief ihn; unheimlich ekelhaft wurde ihm das Geschöpf, welches er trug. Er hätte es fast von sich geworfen, doch der Gedanke, daß sie dies erwartet und sich darauf verlassen hätte, hielt ihn zurück. Er wollte sich überwinden, wollte einen Traum nicht auf sich einwirken lassen; sie kam sicherlich. Das Muttergefühl würde sich nicht verläugnen. Rasch schritt er nun vorwärts und erreichte bald den Garten des Pfarrhauses.

Bodil trat gerade aus der Thüre desselben heraus und sah den Bruder verwundert und erstaunt an. Er erklärte ihr das Geschehene, sie aber schüttelte den Kopf über seinen heftigen Sinn, lächelte darauf und drückte ihm die Hand. Auch sie theilte die Ansicht, die Zigeunerin würde schon kommen und ihr Kind abholen, fügte jedoch hinzu: »Wenn sie nur nicht des Nachts kommt und hier auf dem Pfarrhofe irgend etwas Böses anstiftet. Sie stammt aus einem rachgierigen, boshaften Volke; wir müssen sorgfältig aufpassen!« – Die Alten sollten von dem Vorfalle nicht sofort in Kenntnis gesetzt werden.

»Du glaubst doch nicht, das Mensch könnte sich einfallen lassen, uns das Gehöft in Brand zu stecken?« fragte Niels.

»Wir stehen in Gottes Hand,« versetzte Bodil; allein in einer Angst, der sie nicht Worte zu leihen wagte, führte sie ihn mit dem Idiotenkinde in ihr eigenes Zimmer.

Eine Stunde verstrich und wieder eine, aber keine Zigeunerin erschien. Nach dem Mittagstische vertraute Bodil das Geschehene der Mutter an, die in wahres Entsetzen darüber gerieth, daß ihnen Niels dieses Unglück in das Haus gebracht hätte. Von nun an würden die Kühe keine Milch mehr geben, die Pferde Rotz und Koller bekommen, ja selbst die Menschen und das ganze Haus würden ihren Fluch empfinden, – es wäre ja ganz entsetzlich.

Bodil mußte all ihre Beredtsamkeit aufbieten, sie auf die Bibel verweisen und ihr endlich ihre und Niels Überzeugung aussprechen, daß die Zigeunerin ihr Kind nicht in Stich lassen würde. Allmählich ließ sich denn auch Mutter, die immer auf Vaters und der Kinder Ansicht einging, einigermaßen trösten und versprach sogar, weder mit dem Vater noch mit irgend einem andern im Hause bis auf Weiteres von der Sache zu reden.

Niels ärgerte sich, daß er seiner Heftigkeit so die Zügel hatte schießen lassen, wollte es sich aber nicht einmal selbst eingestehen. Rings um das Gehöft spähte er unaufhörlich umher. Bodil erhielt den Auftrag, Musikanten-Grethe ihre Harmonika zu bringen, weswegen sie am Nachmittage nach ihrer Hütte hinüberging.

Die Hausthüre war verschlossen; im Innern des Hauses schien alles still und wie ausgestorben zu sein. Bodil klopfte an, niemand antwortete. Da zog sie die Harmonika hervor, spielte unter dem Fenster einige Töne, stärker und immer stärker, und mit einem Male zeigte sich an den Scheiben ein Gesicht. Es war Musikanten-Grethe; sie wäre, wie sie sagte, aus Kummer zu Bett gegangen, aber mit Tönen der Freude aus ihm hervorgerufen. Ihr Entzücken war stürmisch; sie drückte die Harmonika an ihren Mund, küßte sie zärtlich und rief:

»Mein lieber, guter Singvogel! Meine herrliche Violine! O Fräulein, wie glücklich haben Sie mich altes Menschenkind gemacht! Wo war sie nur? Wie sind Sie zu ihr gekommen?«

Und Bodil erzählte ihr nun, daß die Zigeunerin sie gestohlen, Niels sie ihr aber draußen auf der Haide wieder abgenommen hätte.

Spät am Abend, als alle Leute im Pfarrhause schon zu Bett gegangen, hatte man von der Zigeunerin noch immer nichts vernommen; sollte sie wirklich froh sein, sich von ihrer Last erlöst zu sehen? Der »Kleine Tyrann« hatte gut gegessen und getrunken; jetzt schlief er in Bodils Zimmer und athmete widerlich röchelnd. Der ganze Vorfall hatte etwas Unheimliches; was würde die Nacht bringen? Einen Augenblick lang wurde Niels von seiner Phantasie eben so heftig gequält, wie einst im Traume von dem Wechselbalge; aber bald überwand er dieses Gefühl. »Man hat ja Augen und Ohren,« sagte er zu sich selbst, »ich werde einen solchen Feind schon vom Hause fern halten!« Er untersuchte seine Flinte und brachte einen tüchtigen Stock herbei; aus dem Schlafen konnte diese Nacht doch nicht viel werden. Draußen war alles still. Nach Mitternacht wurde der Hund unruhig. Niels öffnete das Fenster – es war eine schöne mondhelle Nacht, nichts regte sich draußen. Der Hund knurrte; leise ging Niels mit seiner Flinte in den Garten hinaus, spähte rings umher, ging dann bis auf das Feld, aber alles war still und lautlos, nur ein Vogel schrie in weiter Ferne. In Bodils Zimmer sah er noch Licht; also auch sie schlief nicht. Von Neuem erfaßte ihn Ärger; wäre jetzt die Zigeunerin plötzlich vor ihn getreten, so würde er sich wieder seiner Heftigkeit überlassen haben. Länger als eine Stunde blieb er lauschend im Freien.

Halb ausgekleidet hatte sich Bodil auf das Bett gelegt; sie konnte nicht schlafen; sie sah fort und fort das Idiotenkind an, das mit offenen Augen da lag und sie wie ein alter Mensch anstarrte; wie ein Kind kam es ihr gar nicht vor. Sie sprang auf, kleidete sich an und ging in den Garten hinaus; der Tag begann bereits zu grauen. Niels hatte so eben sein Zimmer wieder aufgesucht. Bodil schritt bis an den an das Feld stoßenden Gartenzaun heran und stehe da, dicht vor demselben stand, an eine alte Weide gelehnt, die Zigeunerin da.

»Fräulein,« sagte sie mit gedämpfter Stimme, »sprechen Sie leise! – Seien Sie freundlich gegen mich Ärmste!« Sie streckte die Hände aus und sah sie mit stehendem Blicke an. »Mein Kind ist in Ihrer Gewalt. Es wird dem Hause weder Vortheil noch Freude bringen! Geben Sie es mir zurück! Ich bin schon so an dasselbe gewöhnt, daß ich mich nicht weiter schleppen kann, ohne das Bündel mit demselben zu tragen. Es geht mir mit ihm wie mit meinem kranken Beine; wie sehr es mich auch schmerzt, kann ich es mir doch nicht abhauen lassen.«

So viel verstand Bodil aus ihrer leisen Rede, die, um verständlicher zu werden, mehr als sonst in der Volkssprache gehalten war, wenn die Zigeunerin auch noch hier und da einzelne fremdländische Worte und Ausdrücke einfließen ließ.

»Ja, ja!« versetzte Bodil mit eben so gedämpfter Stimme. Ihr Herz klopfte heftig. Sie gab dem Weibe durch einen Wink zu verstehen, daß sie ihre Bitte erfüllen wollte. »Ihr sollt es wieder bekommen. Mein Bruder war überzeugt, daß Ihr es holen würdet. Er wollte Euch nur selbst empfinden lassen, wie schmerzlich die arme Musikanten-Grethe der Verlust des Instrumentes berühren mußte, das ihr so unendlich lieb und werth ist.«

Und Bodil kehrte auf ihr Zimmer zurück, hob die Mißgeburt aus dem Bette, hüllte sie ein, nahm noch etwas Brot nebst einem Stück Schinken mit und stand damit bald wieder draußen bei der Zigeunerin, die in leidenschaftlicher Freude ihr Kind ergriff, es küßte, auf den Rücken band und mit Dank und freudig blitzenden Augen in nordöstlicher Richtung auf den Wald zu wanderte. Wohin? Gestern ging von hier aus die Wanderung gerade in entgegengesetzter Richtung über die Halbe hin. Schritt sie etwa planlos umher? Ging sie, wie der Wind weht? Nein, in dem einzigen kurzen Schlummer, dem sie sich seit gestern überlassen, hatte ihr ein Traum oder ihre Einbildung wieder recht lebhaft das Eine vor die Seele geführt, was sie ganz besonders immer wieder zu dieser Gegend zurückführte, in der sie geboren war. Wie die Zugvögel kehrte sie zu bestimmten Zeiten, bei ihr indessen in Zwischenräumen von Jahren, wieder hierher zurück, wenn ein Traum oder ein plötzlicher Gedanke es ihr eingab. Hier allein, das war ihre feste Überzeugung, war das zu finden, was den Zauber lösen konnte, der ihr unglückliches Kind in Banden hielt.

In dem südlich von Silkeborg gelegenen Walde, durch den damals die Landstraße nach Westen führte, stand ein berühmter alter Baum, der Stammsitz der ältesten Dryade im Walde, von dem Volke »Herbergsmutter« genannt, ein Name, der ihm wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt in seinem Wuchse gegeben war. Unten an der Wurzel dick, war er etwas höher hinauf schmal, so daß man sich darunter die Beine vorstellen konnte; der nun wieder unförmlich dicke Stamm bildete den Leib; über demselben streckten sich zwei gewaltige Zweige aus und mußten für die Arme gelten, und jetzt erst erhob sich der eigentliche Stamm mit der ausgebreiteten Krone. Bei schlechtem Wetter flüchteten sich die Hirten unter ihn, und da die Gegend ringsum unbewohnt war, rasteten die »Fahrenden Leute« unter ihm und schlugen auch wohl ihr Nachtlager daselbst auf. Die »Herbergsmutter« gewährte einen vortrefflichen Zufluchtsort. Mehrere Menschen konnten im vollen Platzregen unter ihm im Trocknen ruhen.

Zu ihm wanderte die Zigeunerin; dort war sie geboren, dort war der Rettung bringende Schatz, den sie suchte, vielleicht verloren und konnte möglicherweise wieder aufgefunden werben. Er war ihr mehr werth als alle Schätze, nach denen »Peter Goldgräber« einst gegraben. Hier oder im tiefen Thale müßte er zu finden sein, müßte er durchaus gefunden werden können, das wußte sie von ihrer »Madrum«, die von ungemischtem Zigeunerblut war, eine echte Tochter des Geschlechtes vom Himalaya.

Erst in den letzten Jahren ist in Folge der tieferen Sprachforschungen und der genaueren Kenntnis Indiens der Beweis geliefert worden, daß jenes wandernde Geschlecht der Abkömmling eines Indischen Volkes ist, daß die Sprache der Zigeuner aus der vollendetsten aller Sprachen, aus dem Sanskrit stammt. Von dem Himalaya, von den Ufern des Ganges her kam das Urvolk dieses Landes, von den Hindus verdrängt und geringer als die Kaste der Sudras geachtet. Sie wanderten von der Landschaft Assam aus, deren Namen von ihnen in der Sage von der Stadt ihrer Heimat, Assas im Lande Assaria, noch immer bewahrt wird; dorthin wird sie dereinst, und das ist die einzige religiöse Sage, die dieses unglückliche Geschlecht besitzt, Alako zurückführen. Baro Devel, der große Gott, sandte seinen Sohn, Alako, in Menschengestalt auf die Erde, um seinen Willen in Gesetzen zu offenbaren und sie niederschreiben zu lassen, und als dies geschehen war, stieg der Sohn wieder in sein Reich empor, in den Mond, wohin er die Todten beruft. Alakos Bild ist ein aufrechtstehender Mann, der in der rechten Hand eine Schreibfeder, in der linken ein Schwert hält. Dieses in einen ungefähr faustgroßen Stein geschnittene Bild, Bareske Alako genannt, wird von jedem mächtigen Zigeuneranführer aufbewahrt.

Ein solches Götterbild hatte die Mutter der Zigeunerin getragen und sorgfältig über dasselbe gewacht. Aber als sie hier im Norden Jütlands ihre Tochter gebar, war es unter dem grünen Dache der Herbergsmutter oder im tiefen Thale verloren, verschwunden und von ihr nie wieder aufgefunden worden. Sie war eine echte »Madrum« mit goldenen Münzen im Haare und einem Messer im Gürtel gewesen, die mehr als Schwefel und Teufelsdreck in der Tasche mit sich führte; in ihr lag der Stein mit Alakos Bild. Sie kam mit ihrem Manne von Westen her; die Nacht vorher hatten sie in einem einsamen Gehöft auf der Haide im tiefen Thale geschlafen. Ihre Mutter fühlte sich unwohl, glaubte aber, es würde vorübergehen; deshalb zog das Paar nach Osten weiter, um Freunde zu treffen, mit denen sie eine Zusammenkunft verabredet hatten. Die Frau stützte sich auf ihren Mann, erreichte glücklich das schützende Laubdach der Herbergsmutter und gebar hier ihr Kind. Der Himmel war bewölkt, der Wald dicht; es war stockfinstere Nacht; sie griff nach Alakos Bilde, dem schweren Steine, den sie stets bei sich trug; er war verschwunden. Auf der Wanderung hatte sie sich so leidend und unwohl gefühlt, daß sie den Augenblick seines Verlustes nicht bemerkt hatte. Der Schreck über das Verschwinden des Steines belebte sie wieder, sie fühlte alle ihre Kräfte zurückgekehrt und suchte, nachdem der Mann ein großes Feuer angezündet hatte, das weit in den Wald hineinleuchtete, rings umher. Sie wollte sich wieder aufmachen, den Weg zurück, den sie gegangen waren, bis nach jenem Gehöft, in dem sie das letzte Mal übernachtet hatten; allein die Füße versagten ihr den Dienst, und es war stockfinstere Nacht.

Erst am nächsten Tage gegen Mittag vermochte sie sich aufzuraffen, ihr neugeborenes Kind auf dem Rücken tragend; es wurde für sie wie für ihren Mann eine schwere, langsame Wanderung. Die Luft war schwül, als sie vom Walde her über die Bergrücken dahinschritten. Eine von verbranntem Haidekraut herrührende Rauchwolke stieg empor und von der Höhe sahen sie, daß unten im tiefen Thal die Haide in vollen Flammen stand. Das Feuer verbreitete sich immer weiter, machte bisweilen einen Sprung und setzte die Wachholderbüsche in Brand, die augenblicklich aufloderten. Das Feuer umfaßte die ganze Strecke im Thale, in der das Gehöft lag, nach dem sie auf dem Wege waren. In der Dämmerung leuchtete das Feuer, als ob schon das ganze Thal in Flammen stände, und jedenfalls würde es auch dahin gekommen sein, wenn nicht allmählich der Moor den Flammen eine Grenze gesetzt oder der Sandboden keinen Brennstoff mehr dargeboten hatte. Der Rauch nahm immer größere Ausdehnung an, die Flammen schossen vorwärts und trieben Auerhähne, Hasen und allerhand Wild vor sich her auf die Beiden zu, die langsam weiter schritten. Glühend roth leuchteten die Flammen in den Rauchwolken auf und spiegelten sich in den zahlreichen Gewässern. Die einfältigen Leute der Umgegend waren, wie »Madrum« oft erzählt hatte, keine Freunde der Zigeuner. Sie überfielen die Beiden gewaltthätig und mörderisch unter der Behauptung, sie trugen die Schuld an dem Unglück, sie hätten das Haidekraut angezündet. Sie schlugen und verstümmelten den Zigeuner der Art, daß er seinen Wunden erlag; die Frau mit ihrem noch nicht einen Tag alten Kinde wurde festgenommen und saß – natürlich ganz unschuldig – Jahr und Tag zu Viborg im Zuchthause. Dies alles wußte sie von ihrer Mutter selbst, die sie einst gerade so getragen hatte, wie sie jetzt ihr Idiotenkind trug und immer trug. Als dieselbe aus Viborg entlassen wurde, suchte sie sofort wieder den alten Baum auf; von dort ging sie durch den Wald über die Hügel in das tiefe Thal bis zu dem erwähnten Gehöft hinab, fand aber kein Götterbild und verließ dann das dänische Land für immer. Ihr Fortgang war jedoch nach ihrer eigenen Erklärung wie die Reise einer vornehmen Dame gewesen. Sie war nach Westen durch die sandigen Landstriche an der Meeresküste gewandert. Dort war sie mit Bärenführern zusammengetroffen. Hoch oben auf dem Höcker eines Kameeles hatte sie mit ihrem Kinde auf der Bagage zwischen Trommel und Trompeten, Affen vor sich und Affen hinter sich, stolz dagesessen; langsam schreitend trug sie das Kameel durch den tiefen Sand. – Die Tochter wuchs heran; sie hatte der Mutter blitzende Augen und ihr Haar war schwarz wie die Waldschnecke. Sie bekam einen Liebsten und wurde vor Gott sein Weib. Viele Jahre lang begegneten sich Mutter und Tochter nicht; als jedoch die Tochter schon ihr krankes Kind mit sich trug, welches dem Anscheine nach unheilbar war, trafen sie sich an der Donau unten in Serbien im Schatten einiger Wallnußbäume. Die Madrum ertheilte ihr Rath, erzählte von dem verlorenen Bareske Alato, von der »Herbergsmutter«, kurz theilte ihr alles mit, was wir hier so eben gehört haben. Sie beschrieb ihr jede Örtlichkeit, jeden Weg und Steg hier oben in Jütland so deutlich, daß es ihr vorkam, als kennte sie die Gegend und hätte sie schon früher durchwandert. Ein Traum bestärkte sie in ihrer Hoffnung, hier doch noch Hilfe für ihr krankes Kind zu finden. Sie zog nach Jütland und suchte den südlich von Silkeborg gelegenen Wald auf. Die Herbergsmutter stand noch da; ihre Krone war zwar gefallen, allein noch immer gewahrte man den ganzen mächtigen Stamm, die Füße, den Leib und die ausgebreiteten Arme; die Hirten und »Fahrenden Leute« benutzten ihn noch nach wie vor als Zufluchtsort. Allein weder hier noch im tiefen Thale war zu finden, was die Zigeunerin suchte. Jahr und Tag währte ihr erster Aufenthalt in dieser Gegend; jetzt war sie hier zum dritten Male erschienen.

Ein Sturm hatte während ihrer Abwesenheit die ausgestreckten Zweige abgebrochen; ohne Arme stand nun die Herbergsmutter da, ein seltsamer, aufgeschwollener Gespensterbaum. Voller Zuversicht und Vertrauen, als wäre der Schatz erst diesen Morgen verloren gegangen, begann sie zu suchen und in der Erde zu graben – vergebens. Hier war er auch freilich nicht verloren; der Fundort befand sich im tiefen Thale, wo der Stein schon vor vielen Jahren entdeckt und in fremde Hände gerathen war. Noch vorgestern, als die Zigeunerin die Harmonika gestohlen hatte, stand sie der nahe, die ihr den Gegenstand ihres Suchens hätte geben können und auch gewiß gegeben hätte, sobald sie gewußt, welchen Werth das arme Weib auf ihn legte. Die kleine Karen, die immer so gedankenvoll einherging, stammte ja aus einer ärmlichen Hütte im tiefen Thale. Schon als Kind hatte sie den dunklen Stein mit dem seltsamen Bilde gefunden; die Mutter hatte ihn für einen Zauberstein erklärt, der Glück brächte, wenn man ihn, ohne von ihm zu reden, aufbewahrte. Seit Jahren hatte nun der Stein in ihrem Kasten gelegen, und das hatte die Zigeunerin in ihren Träumen nicht gesehen.

In einem großen Halbkreise durchwühlte die Zigeunerin den Boden unter dem Baume und wischte jeden Stein, den sie fand, ab und betrachtete ihn. Der »Kleine Tyrann« saß in dem abgefallenen welken Laube, das sie in einen Haufen zusammengetragen hatte; er befand sich in sehr übler Laune, brummte und stieß, so gut er es vermochte, Schelt- und Schimpfworte aus, bis ein Vogel über ihm ein krächzendes Geschrei erschallen ließ. Augenblicklich schwieg der Knabe und schaute wie die Katze, wenn sie auf Raub ausgeht, mit lauernden Blicken um sich her. Das Suchen der Zigeunerin war aber, wie wir wissen, vergebens.

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