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Sein oder Nichtsein

Hans Christian Andersen: Sein oder Nichtsein - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleSein oder Nichtsein
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8eb1d140
created20061210
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»To be or not to be: that is the question.«

Shakespeare.

Erster Theil.

I.

Der alte Pfarrer, der »Bruder des Generals« und mehrere merkwürdige Personen.

»Bring mir ein gutes Buch mit,« sagte des Pfarrers Tochter.

»Und mir bringe einen schlechten Knaben, ein Kind böser Leute, mit, aus dem ich einen guten Christen machen kann,« sagte die Pfarrersfrau, als Vater schon im Wagen saß; und die beiden Frauen ihn fest in den Mantel hüllten, um ihn gegen den scharfen Westwind zu schützen.

Der alte Pfarrer Japetus Mollerup sollte Kopenhagen, wo er schon seit dreißig Jahren nicht gewesen war, einmal wiedersehen; jetzt kam man leicht hinüber, jetzt ging das Dampfschiff von Aarhuus nach der Hauptstadt. – Noch immer war der Alte lebensvoll und warmherzig, ein Verkündiger des Wortes im alten Glauben und in alter Innigkeit. Sollen wir übrigens auch seine Schwäche anführen, so bestand sie darin, daß er zuviel Tabak rauchte und zwar schlechten Tabak. Das läßt sich nun einmal nicht läugnen. Tabaksrauch war der erste Eindruck, den man von ihm empfing. Er war in jedes seiner Kleidungsstücke, ja in jeden Faden dergestalt eingedrungen, daß, selbst wenn sie über das Weltmeer gesandt wären, sie doch den Duft des durchdringenden, stinkenden Knasters »bester Qualität« behalten hätten. Da freilich, wo er sich in Kopenhagen zuerst zu zeigen gedachte, würde man schwerlich darüber eine Bemerkung haben fallen lassen. Sein Besuch galt einem Studenten, einem Verwandten, der in der »Regenz « gerade auf demselben Gange wohnte, wo Japetus Mollerup selbst mit seinem Stubenburschen in seinen Studententagen gehaust hatte.

In beiden Stuben war hier alles aufgeräumt, geordnet, abgestaubt und niedlich gemacht; Röcke und Beinkleider hingen verhängt in einem Winkel, die Bücher standen in Reih und Glied, und der Tisch, auf dem sonst Papiere, Collegienhefte, Teller mit Butterbrot, Tintenfässer und Halskragen umherlagen, war mit einem reinen Tuche bedeckt. Das alles hatte der Student, der heute den Wirth machte, selbst gethan, denn es war noch so vieles andere zu besorgen, was nur von Paul, dem gemeinschaftlichen Aufwärter mehrerer Studenten, ausgeführt werden konnte. Er bekleidete, wie die witzigen Köpfe in der Regenz sagten, einen hohen Posten, ja er war ein Mann, der die höchste Stellung in des Königs Hauptstadt einnahm. Er war oben auf dem runden Thurme bei dem astronomischen Observatorium Pförtner oder Thürhüter, wie sie es auch nannten; dort wohnte er hoch über allen Gewaltigen dieser Erde, wenn man die Thurmwächter ausnimmt. Jeden Morgen stieg er von seiner Höhe hinab, um die Stiefeln der Studenten zu putzen und ihre Kleider auszuklopfen; des Nachmittags machte er ihre Besorgungen in der Stadt, wobei er an seinem kleinen Sohne Niels, einem lebhaften und aufgeweckten Knaben, der sogar schon, wie wir bald sehen werden, ein halber Lateiner war, einen getreuen Mithelfer hatte. Heute gab es, wie gesagt, viel zu laufen. Eine ganze Flasche Punschextract, feiner Käse, zweierlei Wurstsorten, Schlackwurst und Lübecker Wurst und dergleichen mehr sollten geholt werden.

Der Ehrengast des Festabends, der alte Japetus, war selbst der Erste, der sich einstellte, und zwar in Staatskleidern, von einem jütländischen Bauernschneider, der im ganzen Kreise umherwanderte und Herren wie Knechte bekleidete, nach alter Mode zugeschnitten. Der alte Pfarrer sah sehr stattlich aus; das schwarze Käppchen auf dem silberweißen Haare stand ihm gut; das ganze Gesicht strahlte ihm vor Freude, als er jetzt wieder in der alten Stube stand und sich von seinem Schwestersohne und den Söhnen guter Freunde von dort drüben in Jütland umringt sah. Es wäre herrlich, sagte er, mit der Jugend wieder einmal in dem alten rothen Hause zusammen zu sein.

Ja, schön ist es, als alter Mann unter der Jugend jung sein zu können.

Der ganze hier versammelte Kreis bestand bis auf einen, der unter den Studenten als eine Art Altmeister gelten konnte, aus Jütländern. – Er war, und deshalb befand er sich ebenfalls hier, ein Freund des Schwestersohnes und war dereinst von dem alten Pfarrer zur Universität vorbereitet worden. »Der Bruder des Generals« wurde er genannt. Wer war er denn eigentlich und wer war der General? Ei nun, dieser war nur General in der Verkürzung. Generalkriegscommissär ist doch ein gar zu erschrecklich langes Wort und bedeutet nicht einmal so viel wie General und deshalb ließ er sich kurzweg »General« und seine Frau »Generalin« nennen. Durch sie war er erst etwas geworden. Er war nicht auf dem Alltagswege vorwärtsgekommen, sondern auf dem Ehestandswege. Der Bruder war dagegen gar keinen Weg gegangen, er war eine Art Genie. Sein Vermögen und was noch schlimmer ist, seine Zukunft, die ihm eine gute Laufbahn versprach, hatte er in Erfindungen, besonders in Luftballons, zugesetzt, und sie hatten es dahin gebracht, daß alles, was er hatte, in nichts aufging. Von der Natur war er dazu bestimmt, ein Kunstliebhaber, ein Mäcen zu sein, für das Schöne zu leben, aber davon kann man nicht leben, das frißt einen noch eher auf. Jetzt ernährte er sich kümmerlich als Corrector und durch den Ankauf guter alter Bücher und Kupferstiche auf Auctionen, die er dann wieder Sammlern abtrat. Gewöhnlich war er mit einem prächtigen Humor gesegnet, und dann betrachtete er die Dinge dieser Welt nur von ihrer heiteren Seite, machte sich über sie und sich selbst und seinen Bruder, den »General«, lustig. Aber es kamen auch Zeiten, in denen er sich in der allerdüstersten Gemüthsstimmung befand, geistig und körperlich angegriffen, ja vollkommen krank war, und so lange dieser Zustand dauerte, war er völlig menschenscheu und schloß sich in sein Zimmer ein. War dieser Anfall jedoch vorüber, so wurde er noch einmal so lustig und lachte darüber, wie er sich selbst so plagen könnte. – An diesem Abend war er unter allen der lebhafteste.

Der Punsch wurde eingeschenkt; der alte Pfarrer hielt sich indeß streng an das eine Glas und duldete nicht, daß es wieder gefüllt wurde. Er erklärte es für eine Lust, in Kopenhagen zu sein, in der belebten Zeit mit zu leben. Kopenhagen hätte große Vorzüge. Allein die hohen Häuser hier, die engen Straßen, die Nachbarn gegenüber, die Familien oben und unten erinnerten ihn doch zu sehr an die Arche Noahs.

»Auch hier kann man frisch und frei wohnen,« sagte der Bruder des Generals, der eigentlich Herr Schwan hieß, wie wir ihn von nun an nennen wollen. »Ich hoffe, mein alter Freund wird die vielen Treppen nicht scheuen und sich meine einfache Wohnung ebenfalls ansehen. Liegt sie auch im Hinterhause, so hat man von ihr aus doch eine Aussicht, wie sie in Venedig nicht besser sein kann. Der große Kanal von der Knüppelbrücke bis an das Zollamt geht gerade unter meinen Fenstern vorüber; der Rhein hat kein so klares und grünes Wasser, wie das, welches hier strömt, und dann überschaut man den Holm, die Docks, Häuser, Thürme, Schiff an Schiff.«

»Ei, der Tausend!« versetzte der Pfarrer, »das muß ich sehen, und gewiß werde ich dich besuchen. Womit beschäftigst du dich indessen jetzt? Hast du irgend eine besondere Arbeit?«

»Hauptsächlich beschäftigen mich die Sternschnuppen,« entgegnete Herr Schwan. »Die Ideen fallen noch immer blitzgleich auf mich hernieder und verschwinden auch ebenso wieder. Ich denke an eine Tragödie, die ich nimmer schreibe; ich sammle Stoff zu einem Volksbuch, das es nie zum Druck bringen wird.«

»Und die Tragödie, die du nimmer schreibst?«

»Ei nun, das ist eine Tragödie, in der niemand stirbt, in der jedoch der Hauptheld so gequält wird, wie man nur gequält werden kann, ohne daß es dabei an das Leben geht; geht es erst daran, dann ist es ja auch mit der Qual und der Tragödie zu Ende. »Ambrosius Stub« heißt mein Trauerspiel. Es handelt sich um jenen armen dänischen Dichter, der die frischen klangvollen Lieder sang, um ihn, der als Lustigmacher zu den Gelagen der adligen Herren auf der Insel Fünen umherzog und von Leuten, die geistig unter seinen Stiefelabsätzen standen, als Narr und Eulenspiegel behandelt wurde. Aber das Trauerspiel wird nicht niedergeschrieben; jetzt habe ich es in mir und habe so das Vergnügen, ohne das Gefasel der Anderen darüber anhören zu brauchen.«

»Aber bringe es doch zu Papier, selbst wenn du es später liegen lassest,« sagte der alte Pfarrer.

»Was hätte das für einen Zweck? Wie viel liegt nicht bereits vergessen und vergraben da, wovon sich das ganze neue Geschlecht nichts träumen läßt! Vielleicht wäre es eine gute That, ein Buch unter dem Titel »Rettungsanstalt für vergessene Schriftsteller« herauszugeben und das alte Gute, welches unverdienterweise in Vergessenheit gerathen ist, von neuem aufzutischen! Sehen Sie, das ist auch so eine Idee, eine jener schnell verschwindenden Sternschnuppen. Aber wir sprachen gerade von Ihrem Besuche bei mir. Wir könnten vielleicht gleich eine Stunde zur Besichtigung der Wohnung festsetzen; sie ist eine Art Vogelbauer, ein Luftballon, old curiosity shop

»Dort sieht es in der That aus wie in Hoffmanns Hirnschädel!« sagte einer aus der Gesellschaft, »Hoffmann in Callots Manier!«

»Ich werde mich schon hinfinden!« wiederholte der Pfarrer.

»Hier ist übrigens der beste Begleiter,« sagte Herr Schwan, als der kleine Niels, der Sohn jenes Pauls vom »Runden Thurme« mit einer Karaffe frischen Wassers eintrat. »Er ist mein Pathe,« fuhr er fort; »habe ich nicht bei dir Gevatter gestanden, mein Junge?«

Und Niels nickte lächelnd.

»Er kann seine »Tausend und eine Nacht« auswendig und etwas Latein noch obendrein.«

»Sonst dürfte er diese gelehrten Hallen auch nicht betreten,« ließ sich ein anderer vernehmen.

Man sah augenblicklich, daß der Kleine lebhaft und aufgeweckt war; die jungen Leute hatten sich mit ihm abgegeben, hatten Leselust und Auffassungsvermögen in ihm geweckt. Ganze lange Verse, ja sogar eine lateinische Ode des Horaz wußte er auswendig. Eines Tages hatte man ihm die Ode »Maecenas atavis edite regibus« gezeigt und gesagt: »Kannst du den Burschen hier auswendig lernen und ihn vom »Runden Thurme« in deinem Kopfe mit herunterbringen, so bist du ein ganzer Lateiner und sollst das hohe Vorrecht erhalten, hier auf dem Boden der Gelehrsamkeit erscheinen zu dürfen, um uns Butter und Heringe zu holen.«

Der Knabe las und lernte die Ode, und seit dieser Zeit hieß er der Lateiner, und jeder Student betrachtete sich als seinen Mäcen. »Ja, er ist der jüngste Lateiner hier im Hause,« wurde erzählt und ihm ein halbes Glas Punsch überreicht. Er mußte seinen Horaz aufsagen und that es laut und richtig.

»Er wird schon noch sein Glück machen,« sagte Herr Schwan, »nicht weil er mein Pathe, sondern weil er von hoher Geburt ist, und das thut viel. Er ist so hoch geboren, wie irgend jemand geboren sein kann; seine Wiege stand oben auf dem »Runden Thurme«, auf dem er noch mit seinem Vater wohnt und auf die Sterne Acht giebt. Die Mutter ist todt und von dannen.«

Am nächsten Vormittage sollte sich Niels zur bestimmten Stunde in dem alten Wirthshause, in welchem Pfarrer Japetus Mollerup wohnte, einfinden und ihn mit dem Schlage elf Uhr von dort zu Herrn Schwan führen; so lautete die Verabredung, und auf Niels konnte man sich verlassen.

Es war erst neun Uhr abends, als der alte Pfarrer aufbrach, denn er sehnte sich nach Ruhe. Aber morgen! – ja, was wird der morgende Tag bringen? Daran dachte er, als er sich in seinem alten Wirthshause zu Bette legte; daran dachte der kleine Niels, der mit seinem Vater in den »Runden Thurm« hinaufging, hoch hinauf über alle Häuser zu dem kleinen Stübchen, in dem sie wohnten.

Was der morgende Tag bringen wird? Ach, es ist immer gut, daß man es nicht weiß. – Hier wurde es ein Tag des Verhängnisses in mehr als einer Bedeutung.

Herr Schwan wohnte, wie gesagt, in einem Hinterhause der Amalienstraße, in der Nähe der Stelle, wo sich jetzt das Casinogebäude erhebt. Eine schmale, nicht sehr reinliche Küchentreppe führte zu ihm über einen engen Gang hinauf, der durch verschiedene, auf ihn hinausgestellte Sachen wie Kasten mit Sand, Plättbreter und alte Holzkörbe noch enger wurde. Behaglich war es hier nicht, alles deutete auf einen Umzug oder auch wohl auf einen allgemeinen Scheuertag; aber hier war es jeden Tag so, und zugleich herrschte im ganzen Hause eine Art Dämmerung. Desto heller strahlte es dagegen in dem kleinen Zimmer des Herrn Schwan, wenn man nur erst hineingekommen war; trotz all seiner Einfachheit hatte es etwas freundlich Einladendes. Die Wände selbst waren mit Bildern und Versen beklebt, wie man es wohl noch auf alten Bettschirmen sieht; alberne, aus den Zeitungen geschnittene Annoncen, Anekdoten und Gedichte waren zwischen illuminirten wie nichtilluminirten Kupferstichen die Kreuz und die Quer angebracht. An jeder Seite des einzigen, aber sehr großen Fensters, über welches sich eine frische Epheuranke guirlandenartig hinzog, erhob sich ein Regal mit Büchern vom Fußboden bis zur Decke. Von hier aus hatte man die Aussicht über die Speicher der Kaufmannschaft, über die Salzsee, den Nyholm mit seinen Krahnen, seinen großen Gebäuden, grünen Bäumen und Rasenplätzen und über eine Lagune nach der Ostsee hin, auf der die Schiffe mit vollen Segeln heranschwebten.

Herr Schwan stand mit einem Lächeln da, als ob er sagen wollte: »Dies alles ist mir unterthänig! Ich brauche nicht ins Ausland zu reisen; was vom Auslande kommt, muß alles an mir vorüber!« Er sah sich in seinem kleinen Zimmer um, die Thüre zum Schlafzimmer war geöffnet und überall war es rein und nett, daß es der Wirthin zur Ehre gereichte; man vergaß die Scheuervorbereitungen auf dem Gange. Ein blendend weißes Tuch war über einen Tisch gebreitet, und auf ihm stand ein Teller mit Brezeln und Theekuchen. Was aber am meisten in die Augen fiel, war ein kleiner, alter, geschnitzter Schrank, der sehr schön angestrichen und oben mit Nippsachen und Spielzeug besetzt war. Man hätte glauben sollen, Herr Schwan hätte das Spielzeug sämmtlicher Kinder seiner Straße in Verwahrung genommen.

Und die Uhr schlug elf, aber noch immer nicht zeigte sich Japetus Mollerup, der alte Pfarrer; auch der kleine Niels, der ihn hierher führen sollte und sonst so zuverlässig und pünktlich war, stellte sich nicht ein. Die Dienstmagd der Wirthin, von der Herr Schwan das heiße Wasser zu seinem Kaffee und Thee erhielt, hatte sich schon dreimal erkundigt, ob sie die Chocolade bringen sollte; denn der Pfarrer sollte großartig bewirthet werden, und Chocolade, das wußte man aus alten Zeiten, war sein Lieblingsgetränk. Aber wo blieb er nur, und wo blieb Niels?

Jetzt schlug es zwölf – sollten sie vielleicht gar nicht kommen?

Endlich ließen sich Tritte auf der Treppe vernehmen, es klopfte an die Thür – es war der Pfarrer, aber allein, ohne Begleiter. Niels wäre nicht bei ihm gewesen; vergebens hätte er dagesessen und bis zwölf gewartet; dann hätte es ihm zu lange gedauert, und er sich selbst auf den Weg gemacht und ihn auch richtig gefunden.

Was konnte Schuld daran sein, daß der sonst so pünktliche Niels nicht kam? Sicherlich war doch dieser Auftrag heute Morgen sein erster und einziger Gedanke gewesen, und ebenso seines Vaters Gedanke, und trotzdem –; wie konnte sich dies nur aufklären? Dahinter lag etwas, wovon weder der Pfarrer noch Herr Schwan eine Ahnung hatte, wovon aber jeder von ihnen berührt wurde.

Ein geistreicher Professor sagte in einer seiner Vorlesungen, als er einen klaren Begriff von der kunstreichen Zusammensetzung des menschlichen Körpers geben wollte: »Das Gehirn ist der Sitz der Seele, das heißt, es ist der Geschäftsinhaber; das Rückenmark ist nur das große Hauptcomptoir, von dem aus die ihm ertheilten Befehle ausgeführt werden; von dort laufen die elektromagnetischen Fäden der Nerven aus. Der Geschäftsinhaber befiehlt: ich will hier oder dort hin, und nun wird die Maschinerie in Bewegung gesetzt, die Glieder verrichten ihre Arbeit, und damit hat der Verstand auch nicht das Geringste zu thun. Er denkt gar nicht daran: jetzt muß der Fuß gehoben und weiter gesetzt, jetzt muß die Wendung gemacht werden; die Glieder gehorchen einfach dem ertheilten Befehle, bis ihnen ein neuer Befehl zugeht. Aber inzwischen giebt sich die Seele anderer Thätigkeit hin, denkt an Vergangenes und Zukünftiges.« Das erleben wir jede Stunde; aber an das ganze Wunder, denn ein solches ist es doch, sind wir so gewohnt, daß wir gar nicht darüber nachdenken, wenigstens that Paul vom »Runden Thurme« es nicht, als er des Morgens auf die Straße hinaustrat und zweifelhaft stehen blieb, ob er nach rechts oder erst nach links gehen sollte; nach beiden Richtungen hin hatte er Besorgungen. Er stand, wie gesagt, einen Augenblick still. Die Seele hatte den Gliedern noch keinen entschiedenen Befehl gegeben, ob der Weg nach dieser oder jener Seite eingeschlagen werden sollte, ob sie nach rechts oder links gehen wollte; beides lag gleich nahe da, und ..... ja, es muß doch wohl noch ein höherer Befehl vorhanden sein als der, welchen unsere Seele zu geben hat. Paul wählte den Weg linker Hand und veranlaßte dadurch eine Begebenheit von der größten Bedeutung für ihn, seinen Sohn und für uns alle, die diese Blätter lesen.

Wie viel hängt nicht von der Bestimmung eines einzigen Augenblicks, wie viel von der Wahl des rechten oder linken Weges ab! Jetzt war der Befehl ertheilt, die Füße befanden sich in Gang. Ein großer Anschlagzettel, auf dem ein Ochse abgebildet war, hing drüben an der Ecke; der mußte angesehen werden; nur einer Secunde bedurfte es dazu, aber auf diese Secunde kam es an! Darauf bog der Mann um die Ecke und ging die Querstraße entlang, und gerade dort fiel, so genau wie Menschen es nicht hätten berechnen können, ein Fenster aus den Händen einer Dienstmagd vom dritten Stockwerk hinab und traf Paul auf den Kopf, so daß er zu Boden stürzte, nicht todt, aber doch mit einem Loche im Kopfe, groß genug, daß die Seele hinausfliegen konnte. Es sammelten sich Leute; Paul wurde zu einem Barbier und von dort in das Krankenhaus getragen, wo ihn zufälligerweise einer der jungen Ärzte, der in der Regenz verkehrte, erkannte.

Als Niels den alten Pfarrer in seinem Gasthause aufsuchen wollte und eben aus dem Hause hinaustrat, kam ein Knabe aus der Nachbarschaft und sah ihn starr an.

»Weshalb siehst du mich denn so an, Junge?«

»Weil dein Vater von einem Fenster todtgeschlagen ist! Das weißt du doch schon?«

»An allem, was du sagst, ist nicht ein wahres Wort.«

»Glaubst du etwa, ich werde in solchen Sachen lügen?«

Auf diese Weise wurde er von dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt. Er erschrak zwar, glaubte aber doch nicht an die Wahrheit der Mittheilung und wäre sicherlich nach dem Wirthshause gegangen, wenn nicht Mutter Börre, die alte »Apfelfrau«, die unter der Thurmhalle saß und Obst verkaufte, den andern Knaben näher ausgefragt und durch ihr Entsetzen Niels völlig in Angst gesetzt hätte. Jetzt, sagte sie zu ihm, wäre nicht Zeit, nach dem Wirthshause zu gehen. Er sollte den Pfarrer Pfarrer sein lassen und sich erkundigen, wie es mit seinem Vater stände. Gewiß wäre ein Unglück geschehen, denn darauf müßte man sich immer gefaßt machen. Und nun lief Niels nach dem Krankenhause; als er dort ankam, war sein Vater schon todt. –

Japetus Mollerup und Herr Schwan saßen in lebhaftem Gespräche bei einander und hatten die letzte Tasse Chocolade geleert. Niels könnte nicht krank geworden sein, meinte Herr Schwan, denn dann wäre sein Vater gekommen; es müßte sich um etwas ganz anderes als um Krankheit handeln. »Vielleicht,« bemerkte Herr Schwan, »sind ein paar Hunde in jeder Straße, denn die sind sein Tod. Er ist im Stande, einen langen Umweg zu machen, um nur nicht einem Hunde zu nahe zu kommen. Sonst muthig und unerschrocken, ist er doch einem Hunde gegenüber eine vollkommene Memme.«

Da öffnete sich die Thür, und Niels trat verweint und jammernd ein. »Mein Vater ist todtgeschlagen!« waren die ersten Worte, die er sagte, und nur durch sein Schluchzen hindurch vernahmen sie endlich das ganze Unglück.

Es ist betrübend, ein armes, von Trauer ergriffenes Kind zu sehen, betrübend zu wissen, daß es völlig verlassen ist und dies nicht einmal in seinem ganzen Umfange begreift.

»Du armer Junge,« sagte der alte Pfarrer und fragte nach seiner Familie und an wem er jetzt hier in der Stadt einen Anhalt hätte.

»Er hat gar keinen Anhalt,« versetzte Herr Schwan. »Ich bin sein Pathe, das wird wohl die nächste Verwandtschaft sein. Nun, trockne dir die Thränen ab, das Weinen hilft nichts. Hier muß der Herr selber helfen.«

»Er hat gar keinen Anhalt?« wiederholte der Pfarrer, »ist ganz auf sich allein angewiesen? Gottes Wege sind unerforschlich!« – und der alte Mann sah ihn mit bekümmerter Miene an.

Niels war wirklich ganz verlassen. Gute Menschen oder das Armenwesen, die wir hier jedoch nicht als Gegensätze bezeichnen wollen, mußten sich seiner annehmen.

Der Mama Worte bei der Abreise: »Bringe mir einen schlechten Knaben mit, aus dem ich einen guten Christen machen kann,« traten lebendig vor des Pfarrers Seele. Niels war allerdings kein schlechter Knabe, war nicht böser Leute Kind, wie seine Frau verlangt hatte. Das alte brave Ehepaar wollte etwas Gutes in dieser Richtung thun, gerade das Nämliche, was ein oder zwei Jahre später durch den »Rettungsverein für verwahrloste Kinder« verwirklicht wurde.

Japetus Mollerup war Niels schon seit dem vorhergehenden Abend wohlgeneigt. Der Knabe verrieth Leben und Fassungsvermögen, und es deutete auf ein gutes Gedächtnis hin, daß er ohne Kenntnis der lateinischen Sprache eine Ode des Horaz hersagen konnte; und nun stand er so verlassen, in so tiefer Trauer da! Wäre er nur ein verwahrlostes Kind, »ein schlechter Knabe« gewesen, dann hätte ihn der Pfarrer augenblicklich zu sich genommen; jetzt war er jedoch noch unschlüssig aus reiner Gewissenhaftigkeit. Zwar wußte er, daß Mutter mit seiner Entscheidung und Handlungsweise in jeder Beziehung zufrieden sein würde. Ohne es zu wissen, schloß sie sich den Schülern des Pythagoras an, die, was der Meister vortrug, unbedingt glaubten, und sich bei zweifelhaften Dingen mit einem: αυτοσ εφα (er hat es selbst gesagt) seinem Ausspruche fügten. Was der Vater in der Pfarrei sagte, war das einzig Richtige, wenn sie es auch selbst nicht begriff; sollte er nun hier seine Macht und Alleinherrschaft geltend machen? Er überlegte hin und her und theilte darauf Herrn Schwan mit, wie sich seine Gedanken kreuzten.

»Das ist gut, das ist sehr gut,« erwiderte dieser, als er die Verabredung vernommen und gefaßt hatte, aber er lachte darauf ganz laut über die buchstäbliche Deutung der Worte.

»Sie wollen also durchaus einen schlechten Jungen haben,« sagte er, »ein etwas moralisch verdorbenes Kind? Unser Herrgott gönnt es Ihnen besser. Ist es nicht, als hätte er Sie mit dem, was Sie suchten, selbst überrascht, hätte es Ihnen aber in guter Gestalt gegeben? Nun soll freilich durchaus ein Fehler dabei sein, damit Sie doch auch etwas auszumerzen haben. Nun, der ist auch vorhanden. Er hat etwas Koboldartiges in sich; es geht ihm wie dem Spritzkuchen, er will immer gleich oben hinaus; nicht wahr, Niels? Sei dem nun, wie ihm wolle; Sie werden Freude an ihm haben, und ich höre nicht eher auf, mit Worten auf Sie einzudringen, bis Sie ihn nehmen. Ich habe als Pathe das Taufgelübde abgelegt, für sein Christenthum zu sorgen, wenn seine Eltern ihn verlassen sollten, und deshalb werde ich immer von neuem bitten.«

Japetus Mollerup überlegte wieder, meinte dies und meinte das, ohne seinen Gedanken Worte zu geben. Herr Schwan war unermüdlich, ihn im Scherz und Ernst zu bestürmen. »Niemand weiß, in welche Hände der Knabe hier in der Stadt fallen kann; gute Anlagen gleichen einem sehr guten Acker, nur muß dieser ordentlich gepflügt werden und die rechte Saat erhalten, sonst – – – doch genug des Geredes; der Junge ist ehrlich und ein Kobold steckt in ihm.«

Ein paar schwere Thränen in den Augen des Knaben verliehen der Goldmünze der Theilnahme ihr volles Gewicht, und der Entschluß war gefaßt. Der alte Pfarrer fühlte, daß er es gegen seine Frau wie sein Gewissen verantworten könnte, dieses Kind anzunehmen.

Niels sollte also Kopenhagen verlassen, sollte nach Jütland versetzt werden, hinein in das stille Pfarrhofsleben auf der Haide.

Es wäre bei allem Unglück doch auch ein Glück ohne Gleichen, versicherten sie alle, und auch in seinem jungen Herzen leuchtete es hell auf. Das Neue, das Unerwartete erfüllte ihn, und nachdem er am Sarge seines Vaters aufrichtig geweint hatte, strahlte die Sonne wieder in sein kindliches Gemüth. Den Freunden auf der Regenz sagte er Lebewohl, sagte es dem »Runden Thurme« mit seiner Heimat dort oben. Ja, er barg wie in einer Summe sein ganzes Leben und Dasein, und deshalb müssen wir vor der Abreise noch einmal mit ihm dort hinauf, wo alle Gedankenkeime für die Zukunft geschlummert haben, müssen wie er diese Heimat kennen, aus der ihm ein Schatz der Erinnerung wie auf der Haide so später in seinem bewegten Leben blieb.

Wir wollen mit auf den runden Thurm hinaufsteigen und werden dann, ehe wir ihn verlassen, ein klareres Bild von dem kleinen Niels haben.

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