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Sehr wunderbare Historie von der Melusina

Ludwig Tieck: Sehr wunderbare Historie von der Melusina - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleSchriften, Dreizehnter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1800
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleSehr wunderbare Historie von der Melusina
pages104
created20131023
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Abtheilung.

Als Geoffroy abreisen wollte, kam ein Bote zu ihm mit einem Brief von seinen Eltern, worin sie ihm meldeten, daß sie gesund wären, auch Nachrichten von ihren Söhnen hätten, die sehr erfreulich, dabei sei ihr Sohn Freymund im Kloster Malliers, nahe bei ihnen, ein Mönch geworden, um Gott für alle zu bitten. Wie Geoffroy las, daß sein Bruder Freymund ein Mönch geworden sei, ward er so zornig und wüthend, daß er nicht anders, wie ein wilder Eber schäumte, und alle die zugegen waren, vor Furcht schwiegen und nicht wußten, was sie sagen sollten. Er rief aus: die schelmischen und nichtswürdigen Mönche haben meinen Bruder bezaubert und betrogen, daß er nicht, wie wir alle gethan haben, die Ritterschaft ergreifen will; muß ich mich mit Riesen herumschlagen, und soll er indessen ein Mönch werden? Nun warlich, es soll ihnen und dem Abte übel gerathen, denn ich will sie alle zusammen verderben und verbrennen!

Ueber diese Rede entsetzten sich alle; den Boten aus dem Lande Norhemen aber befahl er seiner an dieser Stelle zu warten, denn er werde bald wieder kommen. So ritt er im Grimme fort und kam bald auf seinem Wege nach dem Kloster Malliers. Wie der Abt und die 123 Mönche ihn kommen sahn, gingen sie ihm höflich entgegen, um ihn zu begrüßen und ihm Willkommen zu sagen, aber Geoffroy fuhr sie gleich zornwüthig an und schnaubte ihnen entgegen: Ihr bösen Mönche, warum habt Ihr meinen Bruder also verführt, daß er ein Mönch geworden und die Ritterschaft verläugnet hat? Daran habt Ihr übel gethan und ich will Euch bestrafen, denn Ihr sollt alle Euer Leben hergeben.

Ueber diese Rede erschraken der Abt und die Mönche; der Abt erwiederte: wir haben mit nichten Euren Bruder verführt, er ist aus freiem Willen und aus Andacht in unser Kloster gekommen, hier steht er gegenwärtig und Ihr könnt ihn selbst darum fragen.

Freymund sagte hierauf: lieber Bruder, ich schwöre Dir, daß mich Niemand überredet hat, sondern daß ich hierin bloß meinem eigenen Triebe gefolgt bin, so ist es meine eigne Schuld, daß ich bin ein Mönch geworden, denn ich tauge nicht zum Ritter, ich habe in mir ein Verlangen zum gottseligen Leben gespürt, so habe ich denn nichts bessers gewußt, als mich hieher zu begeben, wo ich für alle und auch für Dich beten will.

Geoffroy aber blieb in seinem Zorn und kein Zureden und Bitten vermochte etwas über ihn; er stieg von seinem Pferde ab, besetzte das Kloster mit seinen Leuten, ließ einen großen Haufen Heu, Stroh und Holz auf einen Platz bringen, zündete dieses gegen den Wind an, und verbrannte so seinen leiblichen Bruder nebst hundert Mönchen, die alle in die Kirche geflohen waren.

Als die That vollbracht war, sah Geoffroy ein, daß er Unrecht gethan hatte; er bereute sie heftig, weil er glaubte, sich an Gott versündigt zu haben, schalt und 124 fluchte auf sich selber, und verwünschte sich in den Abgrund der Erden hinein, daß er niemals mehr das Tageslicht erblicken möchte, doch war es nun zu spät mit seiner Reue und seinem Wehklagen. Setzte sich deshalb wieder zu Pferde, und ritt nach der Stelle in größter Eile zurück, wo er den Boten aus dem Lande Norhemen gelassen hatte, fuhr mit ihm in einem Schiffe ab, der Wind war günstig und so ging die Fahrt nach dem Lande Norhemen glücklich von Statten.

Reymund und Melusina saßen bei Tische und nahmen eine fröhliche Mahlzeit in schöner Häuslichkeit und Freundlichkeit zu sich, als ein Bote mit verwirrten Mienen und thränenden Augen zu ihnen hereintrat, und ihnen sagte, er habe eine erschreckliche Neuigkeit zu sagen, wolle sie aber nicht gerne vorbringen. Reymund sagte: er solle sie sagen, denn er habe sich nun schon in Gottes Namen auf etwas Betrübtes gefaßt gemacht; so sprach auch Melusina, denn sie wußten noch nicht, was vorgefallen war. Drauf sagte der Bote: so muß ich Euch nur Meldung thun, daß eins von Euren Kindern nicht mehr am Leben. So segne ihn der Herr, antwortete Reymund, doch welcher von meinen Kindern ist es? Der Bote sagte: es ist Freymund. Reymund war sehr betrübt, doch sprach er weiter: Gott hat ihn zu sich genommen; doch ist er selig gestorben, sind ihm alle christlichen Rechte widerfahren? Der Bote antwortete. Nein, er konnte kein christliches Recht bekommen, denn er ist mit allen andern Mönchen im Kloster zu Malliers verbrannt worden.

Darüber entsetzte sich Reymund und rief aus: Bote, nimm Dich in Acht, daß Du keine Lügen vorbringst, denn dergleichen sollte Dir übel gelohnt werden; 125 wer hat sich unterstehn dürfen, ihn und das Kloster zu verbrennen?

Der Bote sagte demüthig: gnädiger Herr, es sei ferne von mir, daß ich mit Lügen umgehn sollte, dergleichen habe ich in meinem ganzen Leben nicht gethan, und werde nun nicht mit Euch den Anfang machen. Nein, Geoffroy mit dem Zahn hat in seiner Bosheit das Kloster sammt allen Mönchen verbrannt, dazu seinen leiblichen Bruder, weil er erzürnt gewesen, daß er ein Mönch geworden und geglaubt, der Abt und die Mönche hätten ihn mit List dazu überredet. Hierauf erzählte er den ganzen Vorgang, was Geoffroy gesprochen und was ihm der Abt erwiedert, und wie der Geoffroy sich nicht daran gekehrt, sondern in seinem Zorn das ganze Kloster sammt allen Mönchen verbrannt habe.

Da entsetzte sich Reymund recht in seinem innersten Herzen, wurde auch voll Grimms und im ganzen Gemüthe bewegt, deshalb stieg er plötzlich zu Pferde, um selbst nach der Brandstelle des Klosters Malliers hinzureiten. Unterwegs hörte er von allen Leuten ein großes Klagen über den Geoffroy, daß er das schöne Kloster also verderbt habe, sammt allen Mönchen. Er kam selber an den Ort, wo das herrliche Gebäude gestanden hatte, und sah nun die betrübten rauchenden Trümmern vor sich. Er wurde hierauf sehr zornig und schwur, daß, wenn er den Geoffroy habhaft werden könne, er ihn auch eines gewaltsamen Todes wolle sterben lassen. So ritt er wieder im allerheftigsten Zorne nach seinem Hause zurück.

Er stieg vom Pferde ab, ging in seine Kammer, 126 schloß sich ein, setzte sich in höchster Betrübniß nieder, seufzte, weinte und klagte:

Ach Gott! so hat Geoffroy im bösen Muthe
Den eignen Bruder Freymund umgebracht,
Der wollte Mönch sein, dienen Gott, der Gute,
Doch starb er bald, und ruht in schwarzer Nacht.
Ich selber habe mich befleckt mit Blute
Und meinen eignen Vetter todt gemacht,
Ich wollte damals nur das Schwein verderben,
Und ließ am eignen Spieß den Vetter sterben.

Drum hat der mit dem Zahne dies verbrochen,
Der wüthete so wie ein wildes Schwein,
Ich hatte erst den Vetter mein erstochen,
Und ein Meerwunder muß meine Gattin sein;
Sie hat mir Reichthum, Ehre, Glück versprochen,
Ich zeugte Söhne, zehne nannt ich mein,
Davon ist mir der liebste nun verbrannt,
Das that des eignen wilden Bruders Hand.

Und wie Geoffroy nun wüthend angefangen,
So wird er auch niemals das Gute thun,
Hätt' ich ihn hier, so müßt' er warlich hangen,
Nie könnt' ich eh, bis er gestorben, ruhn;
Den Bruder morden! frevles Unterfangen!
Nein, strafen muß ich ihn, hin fahr' er nun,
Boshafter wird er stets, gottloser werden,
Am besten man vertilgt ihn von der Erden.

Als Reymund in diesen schweren Klagen war, schloß Melusina mit einem Schlüssel die Kammerthür auf, und ging mit ihren Rittern, Frauen und Jungfrauen 127 zu ihm hinein, um ihn zu trösten, worauf sie ihn auf dem Bette liegend fanden, indem seine Grimmigkeit noch durch den plötzlichen Anblick seiner Gemalin vermehrt wurde. Melusina trat lieblich auf ihn zu und sagte: Nicht, Reymund, mußt Du Dich über Dinge also sehr betrüben, die Du nicht verschuldet, und welche Du nicht mehr ändern kannst, betrübe Dich, aber sei geduldig in Deinem Gram und empfiehl Gott Dich und Deinen Schmerz, der wird alles nach seinem Willen vollbringen und er verlangt vielleicht jetzt, daß wir auf unsre Sünden und schlimmen Leidenschaften achten und sie ablegen sollen. Unser Sohn Geoffroy hat gesündigt, aber er wird seine Missethat beweinen und Buße thun, und Gott wird ihm nach seiner unendlichen Barmherzigkeit vergeben, denn er will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er leben bleibe.

So vernünftig und schön Melusina sprach, so schaute sie Reymund doch mit boshaften Augen an, war seiner selbst im Zorn nicht mächtig und sagte laut und vor allen Gegenwärtigen: O Du Schlange und giftiger Wurm, kömmst Du hieher, mir eine solche Rede zu halten und bist nur ein liederlicher Fisch? Ja, ich habe gesehn, daß Du ein Meerwunder bist und kein menschliches Geschöpf, darum müssen die Kinder von Dir Bösewichter werden, es ist Deine Schlangenart, die in ihnen zum Vorschein kommt, sieh nur, welchen schönen Anfang der Geoffroy mit dem Zahne gemacht hat! hat er nicht meinen liebsten Sohn, und den Abt, und dazu alle Mönche verbrannt?

Während dieser Worte verwandelte Melusina ihre schöne Farbe und wurde ganz todtenblaß; mit einer Stimme, die allen durch das Herz drang, sprach sie 128 hierauf: Ach Reymund! wie lässest Du Dich so sehr von der Unvernunft dahinreißen! welche Worte hast Du gesprochen? Ist mein Schmerz nicht so groß, wie der Deinige? Mein Leiden nicht dem Deinigen gleich? O wie hielt ich Dich lieb und werth! wie vertraute ich Dir mein Heil und meine Wohlfarth! aber Du hast Dein Gelübde gebrochen und so muß nun auch eintreffen, was ich Dir dazumal vorhergesagt, daß Du mich verlieren würdest. O Reymund, Deine Wohlfarth, Dein Glück, alle Deine Freude und Ehre muß leider nun ein Ende nehmen.

Mehr konnte sie nicht sprechen, sondern sie fiel nach diesen Worten ohnmächtig zur Erde nieder. Die Herren und Diener erschraken sehr und liefen eilig hinzu, ihr beizustehn, worauf sie auch wieder zu sich kam und mit höchstkläglicher Stimme sagte:

Ach Gott! ach! Herr! o Reymund! wehe mir!
Die Zeit ist da, ich scheide nun von Dir,
Wie mußt' ich doch von Deinem Werth, Geberden
Also im Herzen mein bezaubert werden?
O weh! mein Leiden sei Gott angesagt!
O weh! es sei dem höchsten Herrn geklagt!
O wehe mir, daß ich beim Bronnen rein und kalt,
Dich fand, mein Reymund dort im grünen Wald!
O weh, daß ich gefühlt nach Dir Verlangen,
Weh mir, daß ich den schönen Leib umfangen!
Der Stunde weh, da ich mein Leib und Leben
In Deine Macht Dir gänzlich übergeben!
Ha Deine Falschheit und Verrätherei,
Dein Unverstand bricht alles nur entzwei, 129
Dein zornger Grimm, Dein boshaft schlimmer Mund
Richt' mich und Dich, mein Wohlfarth ganz zu Grund,
Ich komme nun in Arbeit, Angst und Noth,
Und kann nicht hoffen, daß der bald'ge Tod
Von meinen Quaalen mich befreien mag,
Sie währen fort bis an den jüngsten Tag.
Gottloser Schalk! untreuer Bösewicht!
So weiß Dein Herz nicht, was Dein Mund verspricht?
Wie hältst Du mir Dein heiliges Versprechen?
Wie magst Du so Dein Wort und Schwören brechen?
Gern wollt' ich Dir, untreuer Mann, verzeihn,
Wenn Du nur noch verschwiegen konntest sein,
Du hattest mich am Bade schon gewahrt,
Es war verziehn, denn keinem offenbart
Als Dir, war noch mein Schmach und großes Leid,
Nun ist es offenbar, nun kommt die Zeit
Der Angst, der Pein, der Quaal und Herzenswehen,
Wo Glück, Lieb, Heil und Wohlfarth muß vergehen.
Hätt'st Du den Eid gehalten treu und wahr,
So blieb ich bei Dir, Reymund, immerdar,
Bis endlich uns der bittre Tod geschieden,
In Erde ruhte dann mein Leib im Frieden,
Die Seele wär' aus Leid im Freud gekommen,
Aus Fegefeur in Himmelslicht genommen.
Nun aber bleiben Leib und Seel beisammen
Bis glüht der jüngste Tag in seinen Flammen,
In Dir nimmt seinen Anfang schweres Leiden,
Auch Du nimmst Abschied nun von Deinen Freuden,
Vermindert und zertheilet wird Dein Land,
Kommt niemals wieder unter eine Hand,
Unglück trifft manche, die von Dir abstammen,
Und auch wir beide bleiben nicht beisammen, 130
Ich muß von Dir, von Schloß und Kindern scheiden,
Und künftig Mann und Schloß und Kinder meiden.

Die trauernde Melusina wandte sich hierauf zu drei Landesherren, führte sie zu Reymund und fuhr in ihrer Rede fort:

Reymund, bei Dir ist meines Bleibens nicht,
Doch nimm in Acht, was, wenn ich fort, geschicht,
Horribel, unser Sohn mit dreien Augen,
Ist bös und kann in dieser Welt nicht taugen,
Erwächst er groß, wird er das Land verderben
Mit Krieg und Hunger, laßt ihn vorher sterben.
Daß Geoffroy hat den Abt, die Mönch verbrannt,
Erfahre, daß auch hierin Gottes Hand,
Sie schlugen ihre Regel in die Schanz
Und hielten nicht des Klosters Observanz,
Auch wird den Geoffroy schwere Reue plagen
Er wird alsdann frommüthig in sich schlagen,
Ein neues Kloster baun, das schöner ist,
Worauf er auch zum Dienste Jesu Christ
Mehr Mönche wird zum frommen Werk einsetzen,
Sie unterhalten auch von seinen Schätzen.
Es wird mir schwer von meinem Schloß zu scheiden,
Das ich gebaut anmuthig und mit Freuden,
Ich möchte fast in Thränen drum vergehn,
Doch kann's nicht anders sein, es muß geschehn.
Ach Reymund! wars nicht Lust und Freudigkeit
Als wir so schön beisammen allezeit?
Aus Freud wird Leid, aus Scherzen wird nun Schmerz,
Aus Stärke Ohnmacht, das zerbricht mein Herz.
Wie hatten wir so schönes Wohlgefallen,
Das wandelt sich nunmehr in Mißgefallen, 131
Wohlfarth wird Gram, zu Sorge Sicherheit,
Zu Unglück Glück, Freiheit wird Dienstbarkeit.
So dreht sich denn des Glückes Kugel rund,
Kehrt all in's Gegentheil in einer Stund,
Doch ist es Reymund Deine eigne Schuld,
Daß Du verleurst des Glückes Lieb' und Huld.
Ich muß zu meinen Leiden von Dir scheiden,
Doch mag Dir Gott die Missethat verzeihn,
Daß ich aus Lust in Gram, in Schmerz aus Freuden
Bis an den jüngsten Tag muß immer sein;
Nun muß ich wieder fort, in Angst eingehen,
In der ich, Arme, einmal schon gewesen,
Und wieder muß die Quaal an mir geschehen,
Und niemand darf und kann mich nun erlösen.

Wie Reymund diese Klagen anhörte und sah, daß sich seine geliebteste Gemalin zum Hinscheiden fertig machte, überfiel ihn eine solche innerliche Angst, daß er nicht ein Wort zu sprechen vermochte; er meinte, das Herz im Leibe müßte ihm vor großem Weh zerspringen und er würde sterben, begehrte auch nicht länger zu leben und wünschte sich den Tod. Er stand auf und ging mit kläglichen Geberden zu Melusina, küßte sie mit höchster Betrübniß und weinte bitterlich. Vor großem unaussprechlichen Herzeleid, das sie beide des Scheidens halber hatten, fielen sie nieder auf die Erde. Die Landesherren und Hofbediente, Frauen und Jungfrauen waren ebenfalls sehr traurig, huben sie beide auf, weinten und alles Volk mit ihnen. Reymund fiel vor Melusina nieder auf die Knie, und bat sie unter Schluchzen und Herzensangst um Vergebung, daß er seine Gelübde so böslich gebrochen hätte. Melusina antwortete: 132 ich kann dem Verhängniß nicht Einhalt thun, welches es nun so beschlossen hat, darum müssen wir uns drein ergeben. Vergiß nun Deinen Sohn Freymund, aber gedenke Deines Sohnes Reymund, der einst an Deines Bruders statt Graf zu Forst werden soll. Auch Deines jüngsten Sohnes, Dietrich, nimm Dich an, der noch an der Brust der Amme liegt, denn er soll einst ein tapfrer Ritter werden.

Nachdem Melusina diese Worte gesprochen hatte, schwang sie sich auf das Fenster, wandte sich noch einmal um und sagte:

Gesegn' Dich Gott, mein Herz und wahrer Freund:
Gesegn' Dich Gott, holdseligster Gemal!
Gesegn' Dich Gott, Du liebstes Kleinod mein!
Gesegn' Dich Gott, Du schöne Kreatur!
Gesegn' Dich Gott, Du meine schönste Freude!
Gesegn' Dich Gott, Du Lust in dieser Welt!
Ach segn' Dich Gott, mein liebster Trost und Hort!
Auch Euch gesegne Gott, mein liebes Volk!
Gesegn' Dich Gott, Lusinia, schönes Schloß,
Das ich gebaut und selbst gestiftet hier!
Gesegn' Dich Gott, Du Preis von dieser Welt!
Gesegn' Dich Gott, Reymund, mein liebster Freund,
Leb' ewig wohl, zu tausend gute Nacht!

Mit diesen letzten Worten schoß Melusina zum Fenster hinaus und verwandelte sich vor den Augen alles Volks, denn sie wurde von den Hüften an wiederum ein feindlicher, langer und ungeheurer Wurm. So umfuhr sie in der Luft das Schloß, indem sie aus der Höhe herunter ein entsetzliches Geschrei ausstieß, das so 133 seltsam und unerhört klang, daß allen das Herz im Leibe bebte, und sie sich vor nichts so furchten, als diesen Ton noch einmal zu hören, so zerschmetternd und zerreissend klang es, so tiefbetrübt, als sollte nun gar die ganze Welt vergehen, als wär alle Lust erstorben und sollte der Jammer nun auf Erden auf immer einheimisch sein. Dreimal ließ sie dieses entsetzliche Geschrei von sich hören, dann vernahm man nichts mehr und sie war verschwunden.

Reymund stand bei den Seinen in großen Leiden und schwerer Quaal, er schrie und weinte bitterlich, raufte sich die Haare aus und wünschte niemals geboren zu sein; da er wieder vor seinem großen Herzeleid sprechen konnte, rief er ihr die Worte nach:

Nun so gesegn' Dich der allmächt'ge Gott,
Mein schönes Weib und Freundin, Ehrenkrone!
Gesegn' Dich Gott, mein Reichthum, meine Freude!
Gesegn' Dich Gott, Du meine liebste Lust!
Gesegn' Dich Gott, mein einziges Verlangen!
Gesegn' Dich Gott, Du Frau von hohem Preis!
Gesegn' Dich der allmächtge, ewge Herr
Und unser theurer Heiland Jesus Christus!
Ach alle meine Tage sind vergangen,
Da ich Dich ferner nicht erblicken soll.

Reymund klagte so sehr, daß alle die Seinigen mit ihm klagen und weinen mußten. Doch gab es einige ältre Leute, die sehr redlich waren und ihn zu trösten suchten, weil sie auf das Wohl des Landes ihre Absicht gerichtet hatten. Sie hielten ihm herrliche Beispiele vor, von andern großen Männern, die vieles Unglück 134 erlitten, sich aber nachher getröstet hatten. Einer von den allerredlichsten aber erinnerte ihn an den Befehl seiner abgeschiedenen Gemalin Melusina, seinen Sohn Horribel mit den drei Augen nicht leben zu lassen, weil dieser sonst das ganze Land verderben würde. Reymund antwortete: lieben Freunde, überlaßt mich nur meinem Schmerze und thut übrigens nach Eurem Wohlgefallen und wie Euch meine edle Gemalin Melusina befohlen hat.

Hiemit entfernte sich Reymund und verschloß sich in einer einsamen Kammer, wo er trauerte und weinte und ein solches Wehklagen trieb, daß es nicht zu sagen ist. Die Herren und Diener aber nahmen den kleinen Sohn Horribel, der schon als Knabe ein sehr böses Gemüth in sich spüren ließ, und sperrten ihn zum Besten des ganzen Landes in einen abgelegenen Keller, worauf sie so viel brennendes Stroh hineinwarfen, daß der junge Bösewicht ersticken mußte; so war das Land für die Zukunft gerettet. Nachdem sie dieses vollbracht hatten, nahmen sie den Leichnam und legten ihn heimlich in ein Bette, sagten er wäre todt, und begruben ihn öffentlich nach einigen Tagen, als wenn er eines ordentlichen Todes gestorben wäre.

Reymund hatte noch zwei junge Kinder, die ihre Ammen hatten und die Brust sogen. In der Nacht sahen die Ammen oftmals, wenn es finster war, daß Melusina in die Kammer kam, in welcher die Kinder schliefen, eins nach dem andern aufhub, nämlich den Reymund und den Dieterich, sie am Feuer wärmte und lieblich säugte und dann wieder sie liebkosend in ihre Wiegen legte. Darnach war Melusina wieder verschwunden, und die Dienerinnen wagten es aus Furcht 135 nicht, zu ihr zu gehn, wann sie zugegen war, doch nahm das Kind Dieterich so sehr zu, daß alle Menschen, die es nur sahen, darüber erstaunen mußten.

Geoffroy war indessen mit dem Schiffe und seinem Boten glücklich in das Land Norhemen angelangt. Gleich beim Schiffaussteigen kamen ihm die betrübten Landesherren entgegen, empfingen ihn sehr freundlich, bewillkommten ihn mit größter Höflichkeit, und erzählten so grausame Thaten von dem Riesen, die der ungeheure Wüthrich an jedem Tage verrichtete, wohl oft an einem Tage an die hundert Ritter erwürge, das Volk nicht anders als nach tausenden umbringe, das Land verwüste, das Vieh verderbe, und so weiter, daß Geoffroy antwortete: ei, meine Herren, dieses ist ja kein Mensch, sondern ein rechter eingefleischter Teufel, doch wenn ich ihn anders nur finde, so hoffe ich ihn mit Gottes Hülfe zu überwinden, bin auch deswegen ausdrücklich hergekommen, denn ich habe schon vorher, obgleich nicht so umständlich, von seinen Freveleien gehört. Gebt mir deshalb nur einen Boten mit, der mir den Weg zu diesem Unmenschen zeigt.

Die Landesherren schafften ihm bald einen Boten, der des Wegs kundig war und auch die Wohnung des Riesen wußte, worauf Geoffroy sehr kurz, aber doch mit seiner möglichsten Höflichkeit von den Landesherren Abschied nahm. So ritten sie beide, er und der Bote nach dem Berge zu, wo der Riese seine Wohnung hatte. Da sprach der Bote: Hier auf diesem Berge hat nun der Riese seine Wohnung. Du mußt mich zu ihm führen, antwortete Geoffroy, denn dazu bist Du mir mitgegeben, und so ritten sie auch den Berg hinan, und als sie oben waren, sah sich der Bote um, und erblickte den großen 136 und mächtigen Riesen, der an einem Baume, auf einem Marmorsteine saß.

Als der Bote sah, daß der Riese so gar nahe bei ihm war, zitterte er vor Furcht an Händen und Füßen, wobei er ohne Unterlaß die Farbe verwandelte. Geoffroy, der sich nicht umgesehn hatte, merkte daraus, daß der Riese etwa in der Nähe sein müsse, er sagte daher lächelnd zum Boten: fürchtet Euch nur nicht, mein lieber Freund, denn ich bin gekommen, diesen Riesen umzubringen und Euch alle zu erlösen. Der Bote sagte: Herr, ich bin Euch als ein Bote mitgegeben worden, denenselben den Riesen zu zeigen, da ist er nun vor uns gegenwärtig, und sitzt auf einem Marmorsteine, nun verleihe Euch Gott der Herr Kraft und Stärke, denn hier kehr' ich um, und möchte um alle Schätze in der Welt, um alles Gold und Silber nicht weiter mit denenselben hinauf reiten; also, Gott befohlen, denn ich war bloß dafür gedungen, Euch den Riesen zu zeigen, und da ist er.

Der Riese Grimhold sah, daß zwei Leute zu ihm den Berg hinan ritten, blieb also sitzen, um zu sehn, was es geben solle, denn er dachte wohl, daß sie sich an ihn machen und eins mit ihm wagen wollten. Geoffroy bat den Boten lächelnd, daß er doch noch bleiben und ihrem Gefechte zusehn möchte, indem er bald wahrnehmen würde, welcher unter ihnen beiden der beste sei. Der Bote aber sprach: was seh' ich doch an Dero Fechten, will lieber wieder nach Hause gehn, indem ich das nunmehr vollbracht habe, was mir ist anbefohlen worden. Geoffroy aber redete ihm wieder zu und sagte nochmals: lieber Freund, laß es Dir nicht leid sein, noch eine kleine Weile zu verziehn, denn Du wirst alsbald gewahr werden, welchen Ausgang es nimmt, worauf Du dann dem 137 übrigen Volke sagen kannst, wie es sich begeben hat, und wer oben oder unten gelegen; willst Du dieses aber nicht thun, so denke ich Dir selber eins zu versetzen, daß Du wohl hier bleiben mußt.

Der Bote antwortete und sprach: gnädiger Herr, Ihr bittet so, daß man Euch nichts abschlagen kann, doch wollte ich gebeten haben, das Ding nicht lang zu machen, weil ich mich gar zu sehr vor dem Riesen fürchte, denn er kommt mir nicht wie ein Mensch, sondern wie der leibhaftige Teufel vor. Wenn Ihr so dächtet, wie ich, so würdet Ihr gegen den großen ungeheuren Riesenkerl nicht so unbedachtsam Euer junges Leben wagen. Geoffroy aber sagte: sorgt für mich nicht, denn ich will dem Leben des Riesen bald ein Ende machen.

Geoffroy schied nun von dem Boten und kam an den Berg. Da ihn Grimhold ganz allein herauf reiten sah, verwunderte er sich sehr, daß sich ein einzelner Mann dergleichen unterstehn sollte, doch gedachte er wieder, es werde vielleicht ein Unterhändler zwischen ihm und dem Lande sein, daher stand er auf, ging ihm an dem Berge auf einer schönen Wiese entgegen und nahm eine lange hölzerne Stange in seine Hand, mit der er wie mit einem Stäblein spielte. Wie nun Geoffroy nahe genug gekommen war, so schrie ihn der Riese an: Wer, oder von wannen seid Ihr, daß Ihr es wagt, so gegen mich den Berg herauf zu reiten? Was habt Ihr hier zu schaffen und zu suchen? Geoffroy schrie ihn wieder an: Du großer Schreihals, mein Gewerbe ist ganz kürzlich dieses, daß ich Dir Deinen gottlosen Kopf vom Leibe herunter hauen will, weiter habe ich hier 138 nichts zu suchen, darum halte Dich bereit, solches in Gottes Namen zu erleiden.

Da fing der Riese an zu spotten und sagte: ei, mein kleiner Herr, laßt mir doch noch mein armes Leben, nehmet mich lieber gefangen und verkauft mich für Geld, damit ich doch nur meinen Leib behalte. Wie Geoffroy merkte, daß er seiner spottete, schrie er ihn wieder an: Nun warte, Du großer Hund, alsbald sollst Du für Dein Spaßmachen den Lohn bekommen. Plötzlich ergriff er seinen Schild, legte die Lanze ein und rennte mit solcher Gewalt auf den Riesen los, daß, wenn dieser nicht von seinem stählernen Harnisch wäre geschützt worden, er ihn durch und durch gestoßen hätte; aber der Stoß traf den Riesen doch so gewaltig, daß er zur Erden fiel und den Hintern und die Beine dem Himmel zukehrte. Er sprang aber geschwinde wieder auf und wollte nach Geoffroy mit seiner Stange schlagen; wie dieser das merkte, sprang er schnell vom Pferde herunter, in Besorgniß, er möchte ihn und das Pferd zu gleicher Zeit zu Tode schlagen. Der Riese betrachtete hierauf den Geoffroy und verwunderte sich sehr über dessen Stärke, und sagte zu ihm: ich weiß nicht, wer oder von wannen Ihr seid, Ihr habt mir einen so starken Stoß gegeben, daß ich meine Füße und meinen Hintern dem Himmel habe zukehren müssen, solches ist mir zuvor in meinem Leben noch nicht begegnet, wenn Ihr also ein frommer Ritter seid, so begehre ich von Euch, mir Euren Namen nicht zu verschweigen.

Geoffroy antwortete: ich heiße Geoffroy mit dem Zahn und bin weit und breit bekannt. Der Riese sagte: ich habe schon viel von Euch gehört, Ihr seid 139 also derselbe, der einen andern Riesen, meiner Mutter Bruder, erschlagen hat, und nun hieher zu mir gekommen seid, um Euren Lohn dafür zu empfangen, den ich Euch auch alsobald richtig auszahlen will. Damit nahm der Riese die Stange und schlug mit großer Gewalt gegen Geoffroy, in der Meinung, ihn zu treffen, Geoffroy aber sprang geschwind zurücke und die Stange fuhr einen Schuh tief in den Felsen hinein. Zu gleicher Zeit gab Geoffroy dem Riesen mit seinem Schwert einen solchen Hieb durch seinen stählernen Harnisch, daß die Ringe davon fielen und das rothe Blut durch den Harnisch abwärts stoß. Darauf wurde der Riese über die maßen wüthig, er nahm seine Stange und holte damit einen mächtigen Hieb aus, aber Geoffroy sprang wieder zurücke, und der Streich war so gewaltig, daß die Stange drei Schuhe tief in den Felsen hinein fuhr, wovon ihm auch der Arm heftig erschütterte und seine Stange in Stücke zersprang. Darüber ward Geoffroy sehr froh und lief wieder gegen den Riesen, und führte einen so starken Hieb auf dessen Helm, daß er ihn davon betäubte. Wie der Riese nun wehrlos war, so brauchte er seine Faust und versetzte damit dem Geoffroy einen so harten Schlag auf seinen Helm, daß er ihn damit beinah von Sinnen brachte, doch erholte er sich bald und gab dem Riesen noch einen Hieb, daß ihm der Panzer versehrt wurde, er ihm eine tiefe Wunde beibrachte und das Blut zu seinen Füßen niederströmte. Darüber fing der Riese an gräßlich zu fluchen und seine heidnischen Götter zum Beistand herbeizurufen. Dann sprang er auf Geoffroy zu und packte ihn um den Leib, hierauf rangen die beiden aus allen Kräften und Geoffroy war so mächtig, daß dem Riesen der Athem 140 verging, ihn seine Wunden sehr schmerzten und er beinahe ohnmächtig geworden wäre. Hierauf wollte Geoffroy wieder nach seinem Schwerte laufen, um ihm vollends den Rest zu geben, aber der Riese nahm dieses Augenblickes wahr und nahm mit großer Schande die Flucht in den Felsen hinein.

Der Riese war hinter dem Felsen in ein finstres Loch gesprungen und Geoffroy konnte ihn nicht wiederfinden, so sehr er auch suchte, er setzte sich also wieder zu Pferde und ritt zu seinem Boten zurück, der seiner in großen Aengsten erwartet hatte. Dieser freute sich sehr, als er ihn sah, und Geoffroy erzählte ihm den ganzen Verlauf des Zweikampfs, denn jener hatte sich doch aus Furcht entfernt, als er gesehn, wie der Riese zu handthieren angefangen. Er sah nun auch, wie dem Geoffroy sein Helm voll Beulen und sein guter Schild zerschlagen war, woraus er wohl abnehmen konnte, daß er nicht leichte Arbeit gehabt hatte. Indem sie noch mit einander sprachen, kamen die Landesherren und eine große Menge Volks herbei, die sich über den Sieg Geoffroy's höchlich erfreuten; doch wurden sie wieder bekümmert, als sie hörten, daß der Riese nicht ganz todt, sondern in den Felsen entronnen sei, und wenn er von seinen Wunden wieder aufkäme, so möchte er hernach schlimmer werden, als er zuvor gewesen.

Einer von den Landesherren fragte ihn hierauf, ob sich der Riese bei ihm etwa erkundigt habe, wer, oder von wannen er sei. Geoffroy antwortete: ja, er hat recht eigentlich darnach gefragt und ich habe ihm solches auch nicht verschwiegen. Darauf sagte dieser Herr: tapfrer Ritter, Ihr könnt versichert sein, daß dieser Riese nicht wieder aus seinem Berge hervor kommt, 141 so lange Ihr hier gegenwärtig bei uns bleibt, denn er hat es durch eine Weissagung, daß er von Eurer Hand sterben werde. Darauf schwur Geoffroy einen Eid, nicht eher von dem Lande zu weichen, bis er den Riesen wieder gefunden und ihn vollends getödtet hätte.

Ein andrer Landesherr fuhr hierauf fort: Herr Ritter, in jenem Berge sind überhaupt viele Gespenster, und fremde Dinge, die man wohl recht seltsam nennen könnte. Wir sind ehedem von einem Könige Helmas regiert worden, derselbe hatte eine schöne und weise Gemalin Persina genannt, welcher er einen Eid schwören mußte, sie in ihrem Wochenbette nicht zu besuchen, er brach aber diesen Eid und sah nach der Frau im Kindbette, worauf er auf sonderbare Weise von ihr und von den Kindern plötzlich getrennt wurde. Die drei Prinzessinnen haben darauf ihren Vater in diesem Felsen verschlossen, und wohin nachher die Mutter mit den Töchtern gekommen, hat Niemand erfahren können, seitdem aber der König im Felsen verschlossen, hat sich hier immer ein Riese aufgehalten und den Berg gehütet. Dieser ist der fünfte und alle haben uns unsägliche Drangsal angethan, das Land verwüstet und alle Menschen so sie nur erwischt, jämmerlich erschlagen, dabei hat es keiner gewagt, sich ihnen zu widersetzen. Jetzt aber hoffen wir, daß Euer tapfrer Arm uns von der Furcht erlösen wird. Geoffroy schwur ihnen nochmals, nicht vom Lande zu weichen, bis er den Riesen gar umgebracht, und hiemit ritten sie alle nach Hause.

Die Sonne war kaum aufgegangen, als Geoffroy sich wieder auf den Weg nach dem Gebirge machte. Er kam an den Felsen, wohinein der Riese geflohen 142 war, suchte lange die Schluft, und fand sie endlich, worauf er von seinem Pferde stieg, und mit seinem Spieß in die Oeffnung hinunter langte. Er sagte: daß er nun hinab steigen wollte, um den Riesen umzubringen, weil er überdies ein Heide und Ungläubiger sei. Die Landesherren wünschten ihm Glück und den Beistand des Himmels: Geoffroy machte hierauf ein Kreuz für sich und ließ sich an seinem Speer in den finstern Felsen hinunter. Unten ging er lange herum, fand aber den Riesen nicht, endlich ersah er einen Schein, nahm seinen Spieß und fühlte damit so lange, bis er auf eine Thür traf, in diese ging er hinein und trat in einen kostbaren Saal, wo er viele Reichthümer fand, die Wände waren mit Gold und allen Arten von Edelgesteinen ausgeschmückt, in der Mitte aber stand ein erhabenes Grabmal, welches auf sechs güldenen Pfeilern ruhte, und mit den köstlichsten Edelsteinen, die in demselben Berge reichlich wuchsen, häufig besetzt war. Auf dem herrlichen Grabmal lag die Gestalt eines Königs aus Chalcedonen gearbeitet, der auch von Edelsteinen glänzte, neben ihm war das Bildniß seiner Gemalin, welche eine Tafel in ihren Händen hielt, worauf geschrieben stand:

Dies ist der König Helmas, hier begraben,
Der mich zu seiner Gattin einst erwählte,
Doch mußt' ich einen Eid zuvor noch haben,
Den er treulos des Wortes brach, dann fehlte,
Statt Lieb' und Treu, um mein Gemüth zu laben,
Er mich und meine Kinder lange quälte;
Er schwur, so ihm es sollte wohlergehen,
In meinem Wochenbett mich nie zu sehen. 143

Als er mir diesen hohen Eid geschworen,
Ich mich durch Himmels Huld gesegnet fühlte,
Drei schöne Töchter hatt' ich mir geboren,
Doch der Gemal den theuren Eid nicht hielte,
Drauf ging ich ihm, die Kinder auch verloren,
Die ich zu meinem Trost bei mir behielte,
Ich habe sie an meiner Brust gesogen
Und sie nachher zur Weisheit auferzogen.

Als sie gekommen zu Verstand und Jahren,
Sprach ich zu ihnen von der Treue Bruch,
Die ich vordem von dem Gemal erfahren,
Die jüngste, Melusina, fein und klug,
Sprach gleich von Rache, und die Schwestern waren
Behende zu bestrafen den Betrug,
Worauf sie ihren Vater unverdrossen
Hieher in diesen wüsten Felsen schlossen.

Er hat sein Leben endlich hier gelassen,
Worauf ich ihn hier in sein Grab bestellt,
Auch hab' ich dieses Bildniß fert'gen lassen,
Das diese Tafel in den Händen hält,
Damit ein jeder weiß, der kömmt, wasmaßen
Er vordem war ein mächtger Fürst der Welt,
Ich weiß, daß keiner hieher kommen möchte
Es sei er stammt von unserem Geschlechte.

Den Riesen hab' ich auch zur Wacht gegeben,
Damit kein Fremder dieses Grab betritt,
Ein jeder büßt sogleich mit seinem Leben
Wer frechen Muthes das Gebirg beschritt.
Nur einem unsers Stamm's ist es gegeben,
Zu kommen unversehrt, er führet mit 144
Im Innern eine Macht und Eigenschaft,
Der nichts vermag des Riesen große Kraft.

Mit Straf' hab' ich die Töchter heimgesucht,
Weil sie sich an dem Vater so vergangen,
Die jüngste, Melusin, ward so verflucht,
Daß sie den Schweif von einer großen Schlangen
Sonnabends führt; wer sie zum Weibe sucht,
Muß schwören, sie des Tags nie zu verlangen,
Zu lassen sie in ihren stillen Zimmern
Und sich nicht um ihr Wesen zu bekümmern.

Wenn ihr Gemal den Schwur ihr treu gehalten
So sollte sie in Glücke wie in Freuden
Recht lange froh auf dieser Erden walten,
Im Tode endlich spät nur von ihm scheiden;
Die zweite konnt' ich nicht so umgestalten,
Doch mußte sie auch die Verwünschung leiden,
Meliora heißt sie, sie ist schön gebaut,
Wie jeder sieht, der einst ihr Wesen schaut.

Ich habe sie in das Armensche Land,
Um dort auf immer ein Gespenst zu sein,
Ein hoch und steil Gebirg hinauf gebannt,
Dort sperrt' ich sie in festen Schlössern ein,
Ein Sperber ist ihr dorten zuerkannt,
Den muß ein jeder, den das Glück führt ein,
Bewachen fort drei Tag und auch drei Nächte,
Ohn' daß ein Schlaf ihn überraschen möchte.

Kömmt einer nun zu sehn die seltnen Sachen,
Der vornehm ist, geborner Rittersmann,
Muß er drei Tag' und Nächt' beim Sperber wachen;
Doch kömmt der Schlaf ihm nur ein Stündchen an, 145
So wird er nie im Leben wieder lachen,
Er ist alsdann wohl ein verlorner Mann,
Er bleibt alldort zum jüngsten Tag gefangen,
Verschlossen unter Pein und Angst und Bangen.

Doch wer drei Tag' und auch drei Nächte wacht,
Kann von der Fürstin eine Gab' begehren,
Und wenn er sich als weiser Mann bedacht,
Wird sie ihm selbst das Größte gern gewähren,
Nur nehme sich der Rittersmann in Acht,
Nicht ihres schönen Leibes zu begehren,
Es sind ja dorten Gold und Edelstein,
Rubin und Perlen, alles ist wohl sein.

Auf einem Berge wohnt das ältste Kind,
Plantina ist mit Namen sie genannt,
Und auf dem Fels gar große Schätze sind,
Es liegt der Berg im Arragonschen Land,
Bis einer unsern Stamms den Schatz gewinnt,
Dann ist der Zauber von ihr abgewandt;
Ein solcher Mann erobert auch zugleich
Jerusalem, das ganze heil'ge Reich.

Die Buße mußt' ich auf die Kinder legen,
Weil sie zu großer Ding' sich unterfingen,
Und ihrer ungezähmten Thorheit wegen,
Daß sie so schwer am Vater sich vergingen,
Ihn durften sie in diesem Berge hegen
Bis er gestorben, also bösen Dingen
Folgt alsbald auf dem Fuß die Strafe nach,
Und Gott's Gerechtigkeit bleibt immer wach.

Mein Name ist Persina, der Gemal
Hat sich an mir wohl groß und schwer vergangen, 146
Doch blieb die Lieb' im Herzen doch zumal,
Zu ihm gerichtet Sehnsucht und Verlangen,
Drum gab ich auch die Kinder in die Quaal,
Weil sie ihn schmerzlich hielten eingefangen:
An Eltern darf kein Kind die Hände legen,
Es folgt der Fluch, wer also sich verwegen.

Als Geoffroy diese außerordentlichen Dinge auf der Tafel gelesen hatte; konnte er sich nicht genug darüber verwundern, denn er sah ganz deutlich, daß die Melusina, von welcher in der Schrift gesprochen wurde, seine leibliche Mutter, mithin der König Helmas sein Großvater, und Persina seine Großmutter gewesen sei. Doch ging er wieder aus der Kammer heraus und suchte den Riesen allenthalben; er kam an einen großen Thurm, wo er hineinging, und unten ein Gefängniß gewahr wurde, wo mancher redliche Mann gefangen lag, und sich alle Gefangenen über Geoffroy's Ankunft sehr verwunderten. Einer darunter sagte: mein sehr werther Herr, geht ja fort von hier und verbergt Euch in einer Höhle, damit Euch der Riese nicht sieht und gewahr wird, denn wenn Euch der ungeheure Riese findet, so müßt Ihr Euer Leben verlieren und erschlagen werden.

Geoffroy fing aber hierüber an zu lachen und sagte: ich suche eben diesen Riesen, denn ich möchte mich gar gerne mit ihm schlagen. Da sagte ein andrer Gefangener: nun, Ihr werdet ihn bald sehn, denn er wird gewiß gleich kommen, und dann wird es Euch gereuen, Ihr müßt umkommen, denn er ist gar zu erschrecklich.

Indem sie noch sprachen, kam der Riese, eilte geschwind in eine Kammer und schlug die Thür sehr eilig 147 hinter sich zu. Geoffroy sah ihn, sprang nach und trat so stark wider die Thür, daß sie in Stücke zersprang. Der Riese hatte einen Hammer bei sich, mit welchem er so heftig auf Geoffroy's Helm schlug, daß, wenn der Helm nicht so gar gut gewesen wäre, er damit den Geoffroy erschlagen hätte. Geoffroy aber besann sich schnell, und gab ihm mit dem Schwerte einen so gewaltigen Hieb, daß der Riese sogleich zur Erde fiel. Darauf that der Riese einen so erschrecklichen Schrei, daß der ganze Thurm erbebte und er sogleich todt war. Hierauf steckte Geoffroy sein Schwert ein, ging wieder zu den Gefangenen und fragte sie: ob sie aus dem Lande Norhemen gebürtig wären. Sie sagten: Ja. Er fragte ferner: warum sie dorten gefangen säßen. Sie sagten: um Schatzung und Tribut, die wir dem Riesen schuldig sind. Geoffroy sagte: so danket Gott, daß er es mir vergönnt hat, diesen Riesen ganz und gar umzubringen. Ueber diese Nachricht wurden die Gefangenen sehr froh und lobten Gott, wobei sie Geoffroy baten, ihnen doch aus dem Gefängnisse zu helfen. Geoffroy wollt' es von Herzen gern thun, aber keiner wußte, wo die Schlüssel lagen; endlich fand sie der tapfre Ritter, nachdem er allenthalben gesucht, schloß alsbald die Thüren auf, und ließ die Gefangenen heraus, deren mehr als zweihundert waren. Geoffroy erlaubte ihnen von den Edelgesteinen und dem Silber und Golde zu nehmen, welches im Berge sei, denn er begehre nichts davon für sich selber, wofür sie ihm noch mehr dankten.

Sie beschlossen darauf, den Riesen aus der unterirrdischen Schluft hervor an das Tageslicht zu ziehn, und ihn allen Leuten im Lande zu zeigen, welches sie 148 auch sogleich in's Werk richteten: die Gefangenen nahmen einen großen Karren, schroteten den ungeheuren Riesen darauf, banden ihn so, daß er aufrecht saß, gleich als wenn er lebte, und fuhren ihn so durch das ganze Land. Als das Volk im Lande den ungeheuren Riesen sah, konnten sie sich nicht genug verwundern, sie dankten alle laut Gott von Herzen, daß er sie durch Geoffroy von einem solchen ungeschlachten Bösewicht erlöst hatte. Bei diesem bedankten sich auch die Landesherren höflich für den ihnen und dem Reiche erwiesenen Dienst, auch das Volk erzeigte ihm die größte Ehre und alle baten ihn inständigst, bei ihnen als ihr König und Herr zu bleiben, welches er aber nicht annahm, sondern bald darauf von dannen zog, denn er trug ein Verlangen, seinen Vater und seine Mutter wieder zu sehn.

Er setzte sich also zu Schiffe und fuhr nach seinem Vaterlande. Als sein Vater Reymund seine Zurückkunft erfahren hatte, ritt er ihm entgegen; denn es war schon bekannt geworden, welche große Thaten er in dem Lande Norhemen ausgeübt hatte, deswegen legte Reymund seinen Kummer um seine geliebte Melusina ein wenig bei Seite. Als er mit seinem Sohn allein war, erzählte er ihm sein ganzes gehabtes Unglück unter Vergießung vieler Thränen. Als Geoffroy das hörte, erschrak er heftig und merkte, daß alles dies von seiner Missethat hergekommen sei, indem er seinen Bruder Freymund im Kloster Malliers verbrannt habe; doch sammelte er sich wieder und erzählte, welche Tafel, Schrift und Nachrichten er in dem bezauberten Berge gefunden habe, woraus Reymund merkte, von welchem hohen Geschlechte seine Gemalin Melusina abgestammt 149 sei. Geoffroy erfuhr nun zugleich von seinem Vater, daß sein Bruder, der Graf von Forst, ihn zuerst dahin vermocht habe, die Melusina an einem Sonnabend zu belauschen und so sein theures Gelübde zu brechen, worauf Geoffroy einen hohen Eid schwur, daß der Graf von Forst dafür sterben solle. Ritt auch eilig hinweg, und Reymund blieb in größter Betrübniß zurück, da sein Sohn Geoffroy wieder eine neue Missethat begehn wollte.

Geoffroy kam bald vor dem Schlosse des Grafen von Forst an, er stieg sogleich von seinem Pferde und ging in das Schloß hinein, ohne daß ihn einer gewahr wurde, worauf er in den Saal kam, wo sein Vetter war. So wie ihn Geoffroy sah, schrie er ihn ungestüm an und zog sein Schwert: Bösewicht, Du mußt hier Dein Leben lassen, weil ich durch Dich meine Mutter verloren habe. Der Graf war sich wohl bewußt, was er gethan hatte, erschrak also und wollte ihm entfliehen, sprang auch zum Fenster hinaus, fiel aber auf die harten Felsen und war todt. So hatte Geoffroy das Unrecht gerochen, welches jener an seiner Mutter verübt hatte. Zugleich kam dadurch die Grafschaft an seinen jüngern Bruder Reymund.

Sein Vater hörte den Tod seines Bruders, und grämte sich sehr, daß sein Sohn von neuem eine solche Missethat begangen hatte; er nahm sich vor, nicht mehr zu regieren, sondern nach Rom zu wallfahrten, seiner Sünden wegen Buße zu thun, sich alsdann von der Welt abzusondern, in ein Kloster zu gehn und dort sein bekümmertes Leben zu beschließen. Geoffroy kam zurück, und sah die große Traurigkeit seines Vaters, fiel auf seine Kniee, bekannte seine Missethaten und bat 150 um seines Vaters Vergebung. Reymund verzieh ihm und ertheilte ihm seinen Segen, worauf er zu ihm sagte: doch, mein Sohn, mußt Du vor allen Dingen das Kloster Malliers wieder auferbauen, und mehr Mönche darein setzen und stiften, als vorher gewesen sind, sonst kann Dir Deine Schuld nicht verziehn werden. Welches Geoffroy versprach und sich Reymund darauf zu seiner Reise nach Rom rüstete; doch berief er noch vorher alle Vasallen und ließ sie seinem Sohne Geoffroy huldigen. Darauf schied Reymund auch von seinen übrigen Kindern, setzte sich zu Schiffe und fuhr nach Rom.

Geoffroy baute indessen das Kloster Malliers wieder auf und machte es schöner, als es zuvor gewesen war, stiftete auch mehr Mönche zum Gottesdienst, worüber sich alles Volk im Lande sehr verwunderte, daß er das Kloster erst verbrannt hatte und nun wieder so herrlich neu errichtete.

Reymund kam in Rom an und beichtete vor dem allerheiligsten Vater Pabst, welcher ihm eine gelinde Buße auferlegte. Dann nahm er Abschied, nachdem er dem Pabste vorher gesagt, er wolle nach unsrer lieben Frauen zu Montserrate in Arragonien gehn, und dort ein Einsiedler werden, weil daselbst ein schöner Gottesdienst sei. Er kam in Montserrate an, ließ sich Kleider eines Einsiedlers machen und diente allhier Gott in strenger Andacht und vielen Bußübungen.

Geoffroy reiste nun auch nach Rom, um seine Buße vor dem allerheiligsten Vater abzulegen, auch zugleich von ihm zu erfahren, wo sein Vater Reymund geblieben sei, welcher nicht wieder kam. Der Pabst 151 berichtete ihm: daß sein Vater zu Montserrate, im Gebirge, ein Einsiedler geworden; dabei legte er ihm eine harte Buße auf, weil er so schwere Missethaten begangen hatte, verordnete auch: daß er im Kloster Malliers hundert und zwanzig Mönche einsetzen und stiften müsse, wenn er für seine Sünden Vergebung von Gott erlangen wolle. Geoffroy versprach alles zu thun, ließ sich die Absolution ertheilen und reiste hierauf ab, um seinen alten betrübten Vater in der Einsiedelei im fernen, seltsamen Gebirge zu Montserrate aufzusuchen.

Geoffroy reiste zu seinem Vater, um ihn zu bewegen, in die Welt zurück zu kehren, aber der alte Reymund wollte in seiner Einsiedelei bleiben, und so schied Geoffroy ungern von ihm, nachdem er einige Tage bei ihm gewesen, und seinen Gottesdienst mit angesehn hatte. Es währte nicht lange, so fühlte sich Reymund zum Tode matt, darum kam Geoffroy noch einmal zu ihm, wartete sein Ende ab und ließ ihn dann herrlich und mit großem Gepränge zur Erden bestatten. Nachher machte Geoffroy das Kloster Malliers zu dem schönsten im Lande und setzte auch die Anzahl Mönche hinein, die ihm der Pabst vorgeschrieben hatte.

Im Königreiche Armenien hatte Gyot indessen lange regiert, war alt geworden und hatte nach seinem Tode das Reich seinem jungen und tapfern Sohne hinterlassen, welcher auch Gyot genannt wurde.

    Ein steil und hohes Schloß
Lag in demselben Land,
Und drinnen Schätze groß
Wie jedermann bekannt. 152

    Im Schloß war ein Gesichte,
Gar schön und wundersam,
Das manchem armen Wichte
Zu Leid und Unheil kam.

    Wer gern die Schätze wollte,
Die auf dem Schloß da lagen
Von Gold und Stein, der sollte
Ein seltsam Ding drum wagen.

    Ein Sperber saß wohl dorten,
Den er bewachen soll,
An einsam hohen Orten
Drei Tag und Nächte wohl.

    Und keiner durfte schlafen
Bei Tag' und in der Nacht,
Sonst folgten harte Strafen,
Daß er so schlecht gewacht.

    Wem dieses mocht gelingen,
Der konnte wohl begehren,
Von allen seltnen Dingen,
Man mußte sie gewähren.

    Beim Sperber war in Ehren
Ein trefflich schönes Weib,
Konnt einer all's begehren,
Nicht ihren schönen Leib.

    Gyot, der junge König
Rüst sich im kecken Muth,
Er dünkte sich nicht wenig
Zum Abentheuer gut. 153

    Er sprach zu sich im Herzen:
Gelingt der Zeitvertreib,
So fodr' ich ohne Scherzen
Doch nur das edle Weib.

    Zog aus mit vielen Leuten
Und mit Gefolge groß,
Da sahen sie von weiten
Das wundersame Schloß.

    Auf grüner Wiese milde
Ließ er die Diener sein,
Und ging mit Schwert und Schilde
Keck in's Burgthor hinein.

    Da kam ein alter Mann,
Gar klein und krumm und bleich,
War schneeweiß angethan,
Sein Bart war licht zugleich.

    Der sprach: was sucht ihr hier?
Still blieb der König stehen,
Und sprach: ich komme schier
Um die Gesicht' zu sehen.

    Der Alte ernsthaft sprach:
Kommt ihr zu diesen Dingen,
So folgt mir kecklich nach
Will euch zu ihnen bringen.

    Der Alte ging voraus,
Der junge hinterdrein,
Sie treten in das Haus
Und in den Saal hinein.

    Es glänzt der Saal von Pracht,
Von Gold und Edelstein,
Wo ihm entgegen lacht
Der grün' und rothe Schein.

    Es war im schönen Zimmer
Von tausend Farben Glanz
Wie nur ein einzger Schimmer,
Es war ein Kleinod ganz.

    Der König sprach: zu Hause,
Hab' ich viel Säle licht,
Doch gegen diese Klause
Ist alles nur ein Wicht.

    Auf einer güldnen Stangen
Sah er den Sperber dann.
Tragt ihr nun noch Verlangen,
So sprach der alte Mann,

    Das Abentheu'r zu wagen,
Der Sperber sitzet hie,
In Nächten und drei Tagen,
Dürfet ihr schlafen nie.

    Könnt ihr nicht Schlaf vertreiben,
Und euch erhalten wach,
So müßt ihr allhier bleiben
Bis an den jüngsten Tag.

    Doch könnt ihr es vollbringen
So steht euch dafür frei,
Zu nehmen von den Dingen,
Was es auch immer sei. 155

    Doch eins ist untersaget,
Das ist der Fürstin Leib.
Nun geht mein Herr und waget
Den edlen Zeitvertreib.

    Der König sprach: ich habe
Zum Wachen mich gestellt,
Ich bitte um die Gabe,
Die meistens mir gefällt.

    Er dacht' in seinem Sinne
Nur an das schöne Weib,
Und wenn ich die gewinne,
Bitt' ich um ihren Leib.

    Der Alte ging zurücke,
Es blieb der Junge da,
Und wagte nun sein Glücke,
Er blieb dem Sperber nah.

    Er schaut bei Tag wie Nachte,
Nur diesen Sperber an,
Und unermüdet wachte
Der übermüth'ge Mann.

    Nie ward es Nacht und dunkel
Beim Sperber im Kastell,
So glänzte der Karfunkel
Roth durch die Zimmer hell.

    Darzu erklangen schöne
Gesänge durch den Saal,
Es sangen in die Töne
Auch Vögel drein zumal. 156

    Und Speise war zugegen
Und auch der süße Wein;
Nur durft' er sich nicht legen,
Mußt' immer wachend sein.

    Noch waren viele Zimmer,
In die ging er hinein,
In allen glänzt der Schimmer
Von Gold und Edelstein.

    Gold waren alle Wände
Und bunte Blumen drauf,
Es rankten aller Ende
Sich Zweig' und Kränz' hinauf.

    Und Rubin und Smaragden,
Demant und auch Sapphir
Sah man erschimmernd prachten,
Als Blumen herrlich hier.

    Auch war in Farben schöne
Dort in dem Glanz und Schein,
Die sangen zarte Töne,
Wohl tausend Vögelein.

    Auch Ritter abgebildet
Im wahren Conterfei,
Gehelmt und auch beschildet
Und wer ein jeder sei.

    Darneben war geschrieben,
War keiner blieben wach,
Drum waren sie geblieben
Bis an den jüngsten Tag. 157

    Drei andre Bilder standen,
Von Rittern, und dabei
Die Schrift von welchen Landen
Und Namens jeder sei.

    Die hatten Tag und Nacht
Und ohne zu ermüden
Den Sperber wohl bewacht,
Drum waren sie geschieden.

    Und hatten Gaben viele
Mit sich hinweggenommen,
Gar mannlich bis zum Ziele,
Glücklich zurück gekommen.

    Wie er dies all betrachtet,
Ging er zum Sperber wieder,
Den er drauf wohl beachtet,
Und stark sind seine Glieder.

    Drei Tage sind vergangen,
Der vierte Morgen kam,
Worauf die Angst und Bangen,
Sein Amt ein Ende nahm.

    Mit lächelnden Geberden
Mit Schmuck in schöner Seide
Tritt nunmehr zu dem werthen
Im allerschönsten Kleide

    Die Fürstin in den Saal,
Das überschöne Weib,
Er sieht der Augen Stral
Und ihren schlanken Leib. 158

    Sie sprach: ein schön Gelingen
Hat euch das Glück bescheert,
Erwählt nun von den Dingen
Was euer Herz begehrt.

    Der sah nur ihre Schöne
Und stand in sich entzückt,
Er sprach: das Ende kröne
Was mir so wohl geglückt.

    Drum mag ich keine Steine,
Was frommte mir das Gold,
Ich wünsche nur das eine,
Das seid ihr Fürstin hold.

    Drum will ich nichts begehren,
O wunderschönes Weib,
Doch sollt ihr mir gewähren
Den schlanken süßen Leib.

    Mit zornigen Geberden,
Sprach drauf die Prinzessin:
Mein Leib kann euch nicht werden,
Wählt anderen Gewinn.

    Der König sprach: an Schätzen,
An Edelstein und Gold,
Mag jeder sich ergötzen,
Ich hab' es nie gewollt.

    Drum will ich keine Gabe,
Als nur den zarten Leib,
Ihr seid die schönste Habe,
O edles holdes Weib. 159

    Sie sprach: ihr seid vermessen
Und redet wie ein Thor,
Habt alle Punkt vergessen,
Die man euch sagt' zuvor.

    Verändert euren Sinn,
Kein Mann darf meine werden,
Ihr habt des nicht Gewinn,
So lang ihr lebt auf Erden.

    Es schadet eurem Glücke,
Es schadet eurer Macht,
Drum kehrt, mein Freund, zurücke,
Seid witzig und bedacht.

    Was ist die Weisheit nütze?
Verderben mag mein Leib,
Sprach jener drauf in Hitze,
Ich will euch, goldnes Weib.

    Sie sprach: ihr habt gesprochen,
Und gleicht dem Reymund sehr,
Der auch den Schwur gebrochen,
Zu Kränkung seiner Ehr.

    Ihr habt die Gab' verloren
Wie er das Weib verlor,
Er hatte falsch geschworen,
Ihr seid ein junger Thor.

    Und was ich nunmehr sage,
Das trifft gewißlich ein,
Von heut soll Gram und Plage
Nur euer Erbtheil sein, 160

    Dein Vater, Gyot hieß er,
War meiner Schwester Sohn,
Und als er starb, da ließ er
Dir seinen mächtgen Thron.

    Der Schwestern waren drei,
Und Melusina eine,
Sie machte Reymund frei,
Und wurde drauf die seine.

    Wir hatten uns verbündet,
Am Vater uns zu rächen
Und haben schwer gesündet,
Ich mag davon nicht sprechen.

    Die Mutter hieß Persina,
Sie straft das Unterfangen,
Samstag's wird Melusina
Zu einer wüsten Schlangen.

    Sie den Tag nie zu sehn
Hat Reymund ihr geschworen,
Er bricht den Eid, die Wehn
Sind da, sie geht verloren.

    So sind wir alle drei
Gespenster für das Wüthen,
Ich muß im Schlosse frei
Den schönen Sperber hüten.

    Die dritte ist Plantina,
Sie ward wie wir verflucht,
Wie ich und Melusina
Von Strafe heimgesucht. 161

    Weil sie wie wir gewüthet,
Ist Arragon ihr Land,
Wo sie die Schätze hütet
Auf einen Berg gebannt.

    Von unserm Stamme ihr
Habt euch nun schwer vergangen,
So daß euch für und für
Folgt Angst und Pein und Bang

    Der König sah die Schöne,
In seinem jungen Muth
Hört er nicht ihre Töne,
Er fühlt nur seine Gluth.

    Er schaut die zarten Glieder,
Den edlen schönen Bau,
Und ihn entzündet wieder
Das holde Bild der Frau.

    Er springt und will sie fassen
Um ihren schlanken Leib,
Doch schnell muß er sie lassen,
Es schwand das süße Weib.

    Gespenster stehn im Saal,
Die schlagen auf den dreisten
In wilder Wuth zumal
Mit ihren grimmen Fäusten.

    Der König rief: Erbarmen,
Ihr schlagt mich ja zu todt!
Sie hörten nicht den Armen,
Und brachten ihn in Noth. 162

    Sie stießen ihn wohl mächtig
Hinaus dann vor das Thor,
So daß er lag ohnmächtig
In bitterm Schmerz davor.

    Halb todt schleicht zu den Seinen,
Der Fürst, im Antlitz bleich,
Die Herrn und Diener weinen,
Sie fragen ihn zugleich:

    Ist euch bei Tag und Nacht,
Das schwere Amt gelungen?
Habt ihr dort gut gewacht,
Den großen Schatz errungen?

    Er sprach: zu bösem Glück
Hatt' ich es unternommen,
Bin hin zum Schloß, zurück
Zu meinem Leid gekommen.

    Er ging, sein Regiment
Nahm nun von Stund' an ab,
Der Feind das Reich zertrennt,
Jung geht er in sein Grab. 163

 


 

    Es hatte auch Persina,
Im Arragoner Land
Die Tochter, hieß Plantina,
Auf einen Berg verbannt,

    Die mußten ob Schätzen theuer
Dort wohnen und sie hüten,
Und Wurm und Ungeheuer
Lief um den Berg mit Wüthen.

    Es waren grause Schlangen,
Unthier und wilde Drachen,
Die trugen all Verlangen,
Die Schätze zu bewachen.

    Es kamen viele Ritter,
Den'n nicht der Weg gelungen,
Sie wurden allsammt bitter
Von dem Gewürm verschlungen.

    So kam von Engelland
Auch einst ein tapfrer Mann,
Er war als Freund verwandt
Dem herrlichen Tristan,

    Mitglied der Tafelrunde,
Von König Arturs Leuten,
Er wollt zu guter Stunde
Die reichen Schätz' erbeuten,

    Mit Kraft und kühnem Muthe
Hinauf zum Berge gehen,
Er wollt' mit Leib und Blute
Das Abentheur bestehen. 164

    Der Bote ritt im Zagen
Mit ihm den Berg hinauf,
Allein im schnellen Jagen
Nahm er rückwärts den Lauf.

    Der Degen blieb alleine
Und war in großer Noth,
Er sprach: ich seh das eine,
Das ist mein naher Tod.

    Wo ich die Augen wende
Ist Dampf und wildes Wüthen
Und Würmer ohne Ende,
Die diesen Berg behüten.

    Frisch auf und sei gerüstet,
Behalt den Muth, du Schwert,
Weil mich des Kampfs gelüstet,
Die Sache ist es werth.

    So ging er ohne Zagen,
Ihm sprangen Würm entgegen,
Doch kein Thier durfte wagen
Zu stehn dem tapfern Degen.

    Er schlägt sie alle nieder
Und dringt den Berg hinauf,
Es kommen andre wieder
Und sperren seinen Lauf.

    Ein schmaler Pfad sich wandte
Zum steilen Berg hinan,
Wo manche wilde Bande
Bedroht den werthen Mann. 165

    Er ging auf lauter Schlangen,
Auf Natter und Skorpion,
Er hat sich's unterfangen
Und spricht dem Grausal Hohn.

    Schmal sind und steil die Wege,
Kaum Platz für seinen Schritt,
Weit hallen seine Schläge,
Laut klingt sein erzner Tritt.

    Da woll'n zwei wilde Drachen,
Im Sprung her zu ihm dringen,
Der zahnbewehrte Rachen
Klafft weit, ihn zu verschlingen.

    Es rasseln ihre Flügel,
Und scharf sind ihre Klauen,
Womit sie in den Hügel
Und harten Felsen hauen.

    An seinem Schild sie klirren,
Nicht bebt der tapfre Mann,
Er läßt sich gar nicht irren
Und schreitet risch hinan.

    Der Drachen Auge blicket
Ihn an mit rother Glut,
Doch bleibt sein Schwert gezücket,
Im Busen scharf der Muth.

    Mit zwei gewaltgen Schlägen
Haut er die Häupter runter.
Drauf stößt der wackre Degen
Zum Abgrund sie hinunter. 166

    Den Weg ging er nun weiter
Zum steilen Berg hinan,
Der wurde nirgends breiter
Nur enger wird die Bahn.

    Ein Bär kam ihm entgegen
Gar groß und ungeheuer,
Auf engen Felsen-Wegen,
Ein schlimmes Abentheuer.

    Der Bär hat scharfe Klauen,
Und ist im Grimme wild,
Die in den Harnisch hauen
Ihm zerren ab den Schild.

    Der Ritter muß sich wehren,
Er kämpft mit Mannes Muth,
Er trifft das Maul des Bären,
Weit spritzt das dunkle Blut.

    Der Bär aufbrüllt im Grimme
Und richtet sich empor,
Weit tönt die rauhe Stimme,
Er springt zum Ritter vor.

    Der schreitet keck entgegen,
Und gab ihm manchen Schlag,
Bald vor dem kühnen Degen
Die große Tatze lag. 167

    Der Bär thut auf ihn dringen
In allergrimmster Wuth,
Es mußte mit ihm ringen
Der edle Ritter gut.

    Der Harnisch reißt und trennet
Sich ab dem Ritter werth,
Mit Schrecken das erkennet,
Verliert zugleich sein Schwert.

    Der Dolch muß ihn bewehren,
Den nimmt er tapferlich
Und giebt damit dem Bären
Gar manchen scharfen Stich.

    Worauf des Bären Stimme
Noch einmal brüllt empor,
Er zuckt in seinem Grimme,
Das Leben er verlor.

    Der Held sucht seinen Degen,
Er faßt ihn freudig an,
Und höher steigt verwegen,
Der wunderkühne Mann.

    Ein jeder Schritt war Kämpfen,
Streit jeder Athemzug,
Die Ungeheur zu dämpfen,
Fand er da Kampf genug. 168

    Er hört ein fern Getöse
Und tritt beherzt hinzu,
Da hielt der Wurm, der böse
Im Schatten seine Ruh.

    Vor einer Thür von Stahl,
Lag breit das schlimm Gewürm,
Drinn war der Schatz im Saal,
Der Wurm der letzte Schirm.

    Er schlief, sein Athem brauset,
Er selber ein Gebirge,
Der Ritter sieht, ihm grauset,
Tritt zu, daß er ihn würge.

    So wie er schnarcht geht Feuer
Aus seinem offnen Schlund,
Es glänzt das Ungeheuer
Von vielen Farben bunt.

    Die Zähne große Steine,
Den'n keine Waffen halten,
Die scharfbeklauten Beine,
Können wohl Felsen spalten.

    Mit Brüllen thut er wachen
Und grimmt den Ritter an,
Sperrt seinen grausen Rachen
Thorweit dem tapfern Mann. 169

    Das Schwert thut kühnlich blitzen,
Ihn schirmt das Schild zugleich,
Doch mag es ihm nicht nützen,
Das Thier fühlt keinen Streich.

    Es faßt mit seinem Munde
Das Schwert im Augenblicke,
Zerbeißt es auch zur Stunde,
Speit wieder aus die Stücke.

    Drauf schrie's, es bebt der Wald,
Und an den Mann sich drang,
Den es im Schlund alsbald
Mit leichter Müh verschlang.

    Den Freunden bracht der Bote
Die Kund nach Engelland,
Von dieses Ritters Tode,
Der sich dem unterwand

    Plantina zu erlösen,
Die auf dem Schlosse harrt,
Doch leider von dem bösen
Gewürm verschlungen ward.

 


 

Geoffroy erhielt von diesem Thiere, auch von dem Tode des Ritters aus Engelland Nachricht, wunderte 170 sich, daß es ein solches Ungeheuer in der Welt geben könne und nahm sich vor, es zu bekämpfen, und das wunderliche Abentheuer zu bestehn. Er rüstete sich, zog aus, ward aber unterwegs so gefährlich krank, daß ihm kein Arzt helfen mochte: als er dieses merkte, sagte er: ich habe zwei Riesen umgebracht, aber dieses wilde Thier wird meinem Schwert entgehen, will mich daher zu Gott wenden, und alle weltlichen Gedanken fahren lassen.

Legte sich hiemit auf sein Sterbebette, beichtete, machte sein Testament, bezahlte seine Schulden, und empfing alle Christliche Rechte, worauf der tapfre Mann selig und in dem Herrn verschied.

Dieses ist die Geschichte von der Melusina, die wohl recht ein Spiegel alles menschliches Glückes genannt werden kann.

 


 

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