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Sehr wunderbare Historie von der Melusina

Ludwig Tieck: Sehr wunderbare Historie von der Melusina - Kapitel 1
Quellenangabe
typefairy
booktitleSchriften, Dreizehnter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1800
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleSehr wunderbare Historie von der Melusina
pages104
created20131023
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Ludwig Tieck.

Sehr wunderbare Historie
von der
Melusina.


In drei Abtheilungen.

1800.

 


 

Erste Abtheilung.

Wie oftmals durch Gunst der Frauen Männer zu hohem Glück und Ehre gelangt sind, davon findet man in der Geschichte viele Beispiele, unter andern auch in folgender sehr wunderbaren Historie, die vielen nur ein Mährchen dünken möchte, weil einige Umstände zusammen treffen, die fast an das Unwahrscheinliche gränzen.

Zu alten Zeiten lebte in Frankreich ein Graf von Forst, er hatte viele Kinder, war arm und lebte in einem anmuthigen Walde. Dieser Graf hatte viele Noth seine Kinder adelich und nach ihrem Stande zu erziehn, weil es ihm am Vermögen fehlte. Sonderlich that ihm dieses um seinen jüngsten Sohn Reymund leid, der schon früh ein hochstrebendes Gemüth in sich spüren ließ, denn er sprach am liebsten von Rittern, die sich durch wunderbare Begebenheiten und große Thaten und den höchsten Ehren empor geschwungen hatten, auch ließ er sich vom Vater gern alte Geschichten erzählen, von solchen Leuten, die aus Armuth Fürsten und Könige geworden und wünschte sich ein gleiches Schicksal. Darüber wurde der Vater oft betrübt und führte ihm zu Gemüth, daß es nicht mehr die Zeit sei, an derlei 70 Wunderwerke zu glauben und er möchte sich nur früh in seinen beschränkten Stand finden lernen. Reymund aber sagte: lieber Herr Vater, es ist noch nicht aller Tage Abend, so können wir auch nicht wissen, was aus mir noch werden möchte. Worauf der Vater antwortete: Nun, Gott möge Dich segnen, mein Kind, denn ich sehe wohl, Dein Sinn steht nach hohen Dingen.

Nicht weit vom Walde hatte der Graf Emmerich seine großen, weitläuftigen und reichen Güter; dieser war der Mutter Bruder des armen Grafen von Forst und also sein naher Vetter und Verwandter. Dieser Herr war neben seinem Reichthum in vielen Wissenschaften wohlerfahren, sonderlich in der Kunst der Astronomie, denn er wußte alle Abtheilungen des Jahrs, Mondwechsel, auch Sonnen- und Mondfinsternisse, konnte alles daraus wahrsagen und die schwersten Rechnungen machen: auch war ihm durch astrologische Weisheit das Firmament mit seinen Sternen nur wie ein lieber Freund, den er um Rath fragen durfte, wußte auch genau anzugeben, wo die Planeten standen und wann sie auf- und wann sie untergehn, in Summa er war von allen Leuten im Lande wegen seiner Kenntnisse und großen Reichthums sehr hochgeachtet. Dieser Mann hatte nur zwei Kinder, einen Sohn, welcher Bertram hieß, und eine Tochter. Er rechnete mit seiner Kunst aus, und wußte es auch schon vorher, daß seinem armen Vetter, dem Grafen von Forst, die Erziehung seiner vielen Kinder zur Last falle, nahm sich also in seinem großmüthigen Herzen vor, eins davon zu sich zu nehmen. Machte also ein großes Gastmahl und lud dazu auch seinen Herrn Vetter ein, der auch 71 mit drei von seinen Söhnen kam, unter welchen sich Reymund, der jüngste, befand. Graf Emmerich sah, daß sich alle höflich betrugen und alle in guter Kleidung zu ihm kamen und war damit sehr zufrieden. Während der Mahlzeit warf er eine besondre Liebe auf Reymund, der sehr geschickt und artig sein Hütlein beim Beten vor das Gesicht zu halten wußte, wie wohl die andern sich auch andächtig bezeigten, nachher zierlich und sauber aß, seinem Herrn Vetter in allen Dingen aufwartete und sich überhaupt als ein feiner Gesell betrug.

Nachdem alle abgespeist hatten, gingen der Graf Emmerich und Graf Forst beiseit und Emmerich sagte zu seinem Vetter: ich danke Euch vielmals, mein Herr Vetter, daß Ihr zu meinem Gastgebot habt erscheinen wollen, auch alle so höflich und in neuen Kleidern gekommen seid, welches suchen werde, bei einer andern Gelegenheit zu vergelten. Ihr habt außerdem viele und wackre Kinder, und viele wohlerzogene Kinder besitzen, ist von je an für einen Segen des Himmels gerechnet worden; doch giebt es einen Fall, wo man sich lieber deren einige mit Freuden abthun möchte, wenn man nämlich sehr viele hat und sich selber dabei in Armuth befindet, denn alsdenn müssen die Kindlein der ihnen zukommenden Erziehung entbehren, wodurch sie nicht nur kein Vermögen, welches nicht sonderlich zu achten, bekommen, sondern selbst ihren zukünftigen guten und tugendhaften Lebenswandel verlieren. Will dieses übrigens nicht von Euch, Herr Vetter, gesagt haben, denn mir ist nicht unbekannt, daß einem so verständigen Manne fast alles möglich zu machen ist, wie Ihr es denn auch mit der That beweiset; wollte Euch 72 dennoch höflichst und inständigst um Euer jüngstes Söhnlein Reymund gebeten haben, mir solchen zur Erziehung zu überlassen, denn er hat mir doch gar zu artlich gedünkt, sowohl mit Beten, als saubern Mundwischen, auch allem übrigen gottgefälligen Betragen, will ihn wie meinen eignen Sohn halten, ihm auch Vermögen hinterlassen.

Als der Graf von Forst diese Rede seines Herrn Vettern verstanden hatte, überkam er eine große Freude und antwortete: mein Herr, Euer edles Herz, wie Eure weltbekannte große Wissenschaft leuchten gleich sehr aus dem, was Ihr gesagt, herfür, und so geschieht es denn auch zu meiner grösten Zufriedenheit, daß ich Euch mein jüngstes Söhnlein, den Reymund, ob er mir gleich das allerliebste Kind, übergebe und ausliefere, denn bei mir hat er, wie Ihr wißt, kein großes Glück zu hoffen, darum will ich ihm mit meiner väterlichen Liebe nicht im Wege stehn. Nehmt ihn hin, und möge er Euch nur am letzten Tage noch eben so gut gefallen, als am ersten, möge er in der Gottesfurcht aufwachsen, damit Euch Eure Wohlthätigkeit und Liebe zu ihm nicht dermaleinst gereut.

So gaben sie sich die Hände und waren mit einander einverstanden. Der Reymund wurde von dem Handel unterrichtet und weinte viel, welches dem Grafen Emmerich wieder sehr gefiel, weil er daraus seine Liebe zum Vater erkannte und sich auch dergleichen versprechen durfte. Endlich schieden sie und der Graf von Forst reiste nach seinem Walde zurück.

Der Reymund war von nun an immer in Gesellschaft seines Herrn Vetters, der Grafen Emmerich, bei dem er alle adlichen Sitten, auch reiten und stechen 73 lernte. Der Graf war ihm wegen seiner Tugenden so zugethan, daß er ihn fast seinem Sohne vorzog, worüber dieser aber auch nicht neidisch war, weil Reymund ihm höflich und freundlich begegnete, und überhaupt der Liebling des ganzen Hauses wurde. Wo er konnte, diente er jedermann, dabei war er niemals trotzig und hochmüthig, mit keinem zänkisch, sondern immer nachgebend. So wuchs er auf und der junge Graf Bertram war mit ihm von einem Alter.

Graf Emmerich war ein großer Freund von der Jagd und Reymund mußte ihn fast immer auf allen seinen Zügen begleiten. So waren sie auch eines Tages mit großer Gesellschaft in den Wald hinaus gezogen, mit Jägern und Hunden und allem Zubehör. So kam ein wildes Schwein daher, das sie alsbald niederlegen wollten, dieses aber haute viele von den Hunden zu Schanden, eilte wieder fort und zog die ganze Jagdgesellschaft nach sich in den Wald, so daß der Graf und Reymund allein zurück blieben. Es war schon Mondschein und Nacht in demselben Walde und nicht lange währte es, so waren sie verirrt, worauf Reymund zu seinem Herrn Vetter sagte: wir sind in der Nacht von unsern Leuten gekommen, haben auch die Hunde verloren, uns selber verirrt, darum wäre es wohl gut, einen Ort zu finden, wo wir unterkommen möchten. Worauf der Graf zur Antwort gab: Du rathest wohl, können wir es doch versuchen, denn der Himmel ist gestirnt und der Mond scheint helle genug. Darauf ritten sie im Holze hin und her, um einen geraden Weg zu finden, fanden ihn aber nicht und wurden verdrüßlich; endlich geriethen sie auf eine schöne Straße und Reymund sagte: dieses dürfte wohl die Straße nach unserm Schlosse sein; jetzt wollen wir nur einige von unsern Leuten aussuchen, die die Wege besser kennen: worauf der Graf mit den Worten erwiederte: es kann sein, ich will Deinem Rathe folgen.

Indem sie noch so ritten, betrachtete der Graf mit Aufmerksamkeit das Gestirn am Himmel, seufzte bei sich und sprach: O Gott, wie sind doch deine Wunder so groß und mannichfaltig, wie hast Du die Natur in solcher Gestalt zugerichtet und wie magst Du es zulassen, daß ein Mann durch seine Missethat zu so großem zeitlichen Glück und hohen Ehren gelangen möge? Komm hieher, mein Sohn, fuhr er gegen Reymund fort, und betrachte einmal die Gestalt des Himmels, sieh jenen röthlichen Stern, der herauf kommt und sich dem weißen nähert, sie machen zusammen ein wunderliches Licht und seltne Stellung und bedeuten, daß in dieser Stunde ein undankbarer Diener seinen Herrn und Wohlthäter erschlägt, und dadurch zu allem zeitlichen Glücke gelangt.

Wie ist dieses möglich, antwortete Reymund, daß Ihr es aus den Gestirnen erkennen mögt?

Die Natur, sagte Emmerich, ist wunderseltsam mannichfaltig und auch wieder sehr einfach, der Himmel ist ein Spiegel der Erde, die Erde des Himmels, ja ein jedes Ding spiegelt sich im andern wieder, erschafft jenes und wird erschaffen, dieselben Kräfte in vielen Gestalten, dieselben Bildungen aus verschiedenen Kräften, wie tausend Ströme die durcheinander fließen, sich verwirren und in schöner Ordnung regieren, wie tausend Geister, die sich spielend einer im andern bewegen und so die Welt im Wechsel darstellen und festhalten; mir und meinesgleichen ist die Kunst gegeben, den 75 Abgrund an der Höhe des Firmamentes zu erkennen, ich finde die Gestirne in mir und im Abgrunde wieder, unser Herz zieht die Liebe der Geister an sich und so mögen wir im großen Spiegel Vergangenes und Künftiges wahrnehmen.

Dieses ist zu verwundern, sagte Reymund; worauf sie weiter ritten und ein Feuer fanden, das die Hirten im Holze angezündet hatten. Sie stiegen von den Pferden ab, suchten Holz zusammen und legten es auf das Feuer, weil es in der Nacht sehr kalt war, um sich an der Flamme zu wärmen. Als sie noch damit beschäftigt waren, sich zu wärmen, hörten sie durch das Holz etwas kommen, mithin ergriff Reymund sein Schwert, und der Graf seinen Spieß, und sie konnten nicht damit geschwinde genug sein, denn es kam ein großes Schwein, klopfete mit seinen Zähnen an den Bäumen und schnaubete sehr. Da schrie Reymund seinem Vetter zu und sprach: O Herr Vetter, schont Euer Leben und steigt lieber in aller Eile einen Baum hinauf. Der Graf aber that dieses nicht, sondern sagte: Solches ist mir noch nie vorkommen noch widerfahren, soll mir auch, wenn es Gott will, niemals fürgehalten noch bewiesen werden, daß ich vor einem Schweine so schändlich fliehe, oder mich auf die Bäume begebe. Dem Reymund that es Leid, daß sein guter Rath nicht befolgt wurde; der Graf hielt hierauf den Spieß vor, das Schwein lief daran, schlug aber den Stich ab, indem es sich nur wenig verwundete, und den Grafen zur Erden niederwarf. Darauf nahm Reymund seines Herrn Vetters Spieß, wollte damit das Schwein niederlegen, fehlte aber und stieß damit in seines Herrn Vetters Leib, zog ihn aber gleich wieder heraus und brachte das 76 Schwein um, kehrte sich wieder zu seinem Herrn Vetter, fand ihn in Todesnöthen liegen und sah, wie er alsbald verschied.

Wie nun Reymund das jämmerliche Unglück, so er angerichtet, recht bedachte, fing er eine laute und bittere Klage an, raufte seine Haare aus, rang die Hände und weinte von Herzen, indem er ausrief:

Ach Glück! wie hast Du mich so arg belogen,
Reich machst Du arm, und Arme oft zu Reichen,
Dem magst Du Trost, dem andern Jammer reichen,
Dem bist Du Feind, und jenem dort gewogen.

Bös Glück! welch Leid hast Du mir zugewogen?
Ist noch ein Jammer meinem zu vergleichen?
Muß so der edle Vetter mein erbleichen?
Wollt' ihn erretten, wurde schlimm betrogen.

Ich stieß ihn undankbar in sein Verderben,
Das Auge mußte, so die Hand auch fehlen,
Der eigne Speer von seinem Blut geröthet:

O könnt' ich doch an seiner Seite sterben,
Denn so wird der Verdacht mich ewig quälen,
Ich habe gar mit Vorsatz ihn getödtet.

So klagte er in der Nacht und alle seine Sinne kamen in Verwirrung, er wußte nicht mehr, ob er die Mordthat mit Fleiß begangen hatte, und klagte sich selber auf das härteste an. Dann setzte er sich in Leid und Betrübniß wieder auf sein Pferd, wußte nicht wohin und ließ es ohne Lenkung und Führung freiwillig dahin gehn, wohin es nur wollte.

77 Es befand sich ein Brunnen im Walde, auf einem schönen freien Platz, der aus einem Felsen entsprang und den man gewöhnlich nur den Waldbrunnen nannte; hieher ging das Pferd mit Reymund, und beim Brunnen standen drei schöne Jungfrauen, die aber Reymund in seiner tiefen Betrübniß nicht bemerkte. Die jüngste und schönste von den dreien ging ihm entgegen, und sagte: nie ist mir ein solcher Ritter vorgekommen, der vor Damen vorbei reitet, ohne sie anzureden. Reymund aber trieb sein Klagen und Jammern weiter, so daß er gar nicht hörte, was sie sagte, worauf sie das Pferd beim Zügel fing und sprach: Ihr müßt wohl nicht aus adelichem Blute sein, denn sonst würdet Ihr uns nicht so stillschweigend vorüber reiten.

Nun erwachte Reymund erst aus seiner Betäubung und erschrak, als er ein so schönes Fräulein vor sich sah: er wußte nicht, war er lebend oder todt, oder war sie ein Gespenst, oder ein Fräulein. Er stieg aber alsbald mit der größten Behendigkeit von Pferde herunter und sagte: ich bitte, Ihr wollet mir verzeihen, denn ich bin wohl ein Ritter und aus adelichem Blut, aber meine Unglücksfälle haben mich dermaßen erschüttert, daß ich vor tiefster Betrübniß Artigkeit gegen Damen aus den Augen zu setzen mich genöthigt sehe.

Sie antwortete: lieber Reymund, Euer Klagen und Euer Unglück thun mir sehr leid. Worüber er sich verwunderte, daß sie seinen Namen wußte und sagte: Wie könnt Ihr doch meinen Namen wissen, da ich Euch nicht kenne? Wie ist es denn möglich, daß Ihr Euch mit dieser großen Schönheit, edlem Leibe und trefflichen Angesichte hier allein im Walde befindet? Und wie kömmt es, daß mir mein Gemüth sagt, es würde mir 78 durch Euch einiger Trost zukommen, ja daß ich schon, indem ich mit Euch rede, den süßen Klang der Stimme von diesen holdseligen Lippen vernehme, in zauberischer Gegenwart Eurer Lieblichkeit, meine Leiden gelindert fühle?

Das Fräulein sagte hierauf: theurer Reymund, habt Ihr gleich Euren Herrn Vetter und das Schwein umgebracht, und seid dadurch in große Noth gerathen, so ist dieses doch gegen Euren Willen geschehn und ich sage Euch hiermit, daß Euch Glück, Reichthum und Macht wird zu Theil werden, wie noch keinem jemals in Eurer Familie geschah, denn was Euer Herr Vetter geweissagt hat, das muß an Euch selber in Erfüllung gehn und es wird auch mit göttlicher Hülfe vollbracht werden.

Wie Reymund hörte, daß sie von göttlicher Hülfe sprach, wurde er noch beherzter, weil er nun glaubte, daß das Fräulein kein Gespenst, auch keine Heidin, sondern eine Christin sei, und sagte daher: aber mein schönstes Fräulein, wie wißt Ihr doch meinen Namen, oder welch ein Unglück mir begegnet ist, da ich Euch vorher niemals mit Augen gesehn habe, denn Ihr wart nicht zugegen, als das Unglück geschah, noch habe ich Euch vorher jemals bemerken können.

Sie sagte: tröstet Euch nur und seid allerdings unbekümmert, denn ich bin eben diejenige, durch welche das in Erfüllung gehn muß, was Euer Herr Vetter kurz vor seinem Tode geweissagt hat: zweifelt auch nicht daran, daß ich eine gute Christin sei, wie ich denn in der That merke, daß Ihr daran zweifelt, denn ich glaube alles, was einem guten Christen zu glauben zukommt, als daß Christus für unser Heil gestorben und an das 79 bittre Kreuz genagelt ist, daß er nach dreien Tagen auferstanden, item, daß er der eingeborne Sohn Gottes ist, und so weiter, gen Himmel gefahren, nebst allen Dingen, die zu unsrer heiligen Religion gehören. Darum vertraut mir nur, und Ihr sollt so weise, reich und mächtig werden, wie es noch keiner je in Eurem Geschlechte gewesen ist.

Als Reymund dies gehört hatte, bekam er seinen Muth und auch seine Farbe wieder, denn alle Zweifel waren nun bei ihm verschwunden; er antwortete daher: holdseligstes und schönstes Fräulein, nunmehr bin ich bereit, alles das zu thun, was Ihr mir gebieten werdet, denn ich sehe wohl, daß es eine Schickung Gottes ist, und nichts anders: darum sagt mir nur, was ich thun soll, und wenn es nicht mein Vermögen oder meine Kräfte übersteigt, soll es gewiß in Erfüllung gesetzt werden.

Worauf das Fräulein antwortete: Reymund, Ihr sollt mir schwören, daß Ihr mich zum ehelichen Gemal nehmen wollt, aber an keinem Sonnabend weder nach mir fragen dürft, noch Euch sonst um mich bekümmern, sondern diesen Tag muß ich ganz ausdrücklich für mich behalten, worauf ich Euch aber wieder schwöre, nichts zu thun, noch mich an selbigem Tage irgend an einen Ort zu verfügen, der Eurer Ehre nachtheilig sein könnte.

Reymund schwur sogleich und sie fuhr fort: wenn Ihr diesen Euren Schwur jemals brecht, so wird es Euch selbst zum Nachtheil gereichen, denn Ihr werdet dadurch an Gut und Ehre, an Land und Leuten merklich abnehmen; auch werdet Ihr mich selbst verlieren. Reymund schwur noch einmal und versprach, ihr 80 in allem zu gehorchen, worauf sie ihm sagte, daß er nach dem Schlosse zurück reiten möge, und sagen, daß er seinen Herrn Vetter im Walde verloren habe und nicht wisse, wohin der gekommen sei, man werde diesen hierauf suchen, finden und mit vielen Wehklagen begraben. Dann würden alle Vasallen erscheinen, den jungen Grafen Bertram für ihren Lehnsherrn erkennen, und die Lehn von ihm begehren, zu diesen solle er sich auch begeben und zum Lohn für seine Dienste nur so viel Landes bitten, als man mit einer Hirschhaut umschließen könne, welches ihm jener gewiß nicht versagen würde; er solle aber nicht vergessen, sich hierüber eine schriftliche Versicherung mit allen Siegeln ausfertigen zu lassen. Reymund würde hierauf einem Manne mit einer Hirschhaut begegnen, dem er sie abkaufen müsse, ohne zu handeln, diese müsse er in die dünnsten Riemen schneiden lassen, sie in einem Büschel zusammenlegen, und sich am Tage der Vergabung damit nach dem Waldbrunnen begeben, hier solle er mit dem Riemen dann so viel Land umfassen, als ihm nur möglich wäre. Nach allem diesen zeigte sie ihm noch den rechten Weg nach dem Schlosse und bestimmte ihm einen Tag, an welchem er sie wieder am Brunnen im Walde sprechen könne.

Reymund empfahl sich ihr, versprach alles auszurichten, wie sie es ihm befohlen und eilte alsdann nach dem Schlosse zurück. Als er des Morgens dort ankam, fragte ihn jedermann nach dem Grafen seinem Herrn; er aber sagte, er habe ihn im Walde verloren, wisse nichts von ihm, könne also auch keine Nachricht ertheilen. Endlich kamen des Grafen Diener alle von der Jagd wieder zurück, keiner von allen wußte vom Grafen. Da entstand im Hause ein großes Wehklagen, besonders von den 81 Kindern und der Gräfin ihrer Mutter. Die Diener wurden ausgeschickt, das Holz wurde durchsucht und endlich fand man auch den Leichnam neben dem todten Schwein. Sie brachten ihn in das Schloß und das Wehklagen und das Jammern vermehrten sich noch um ein Großes: wurde dem todten Grafen hierauf ein köstliches und ehrliches Begräbniß angestellt, die Glocken geläutet, alt und jung versammelt und in Thränen, der Mann allgemein bedauert, und Männer und Frauen, Geistliche und Weltliche in schönen Trauerkleidern zugegen, alle hoch und tiefbetrübt, vorzüglich Reymund, wie es ihm das Fräulein im Walde gerathen hatte.

Als der Graf begraben war, kamen alle Vasallen und Lehnsleute zu seinem Sohne, um die Lehn von ihm zu empfangen, unter diesen auch Reymund, der so, wie ihn Melusina unterwiesen hatte, nur um so viel Landes beim Waldbrunnen bat, als er mit einer Hirschhaut umschließen könne. Dem Bertram schien dies für seine langen und getreuen Dienste eine geringe Belohnung, hielt ihn überhaupt für im Kopfe verwirrt, und sagte ihm also mit verbißnem Lachen dieses Erdreich zu. Ließ hierüber auch ein Dokument mit seinem Siegel und Petschaft ausfertigen, so daß nachher kein Streiten darüber möglich war. Denselben Morgen noch kaufte Reymund die Hirschhaut, die er in einen langen und ganz dünnen Riemen schneiden ließ und als dies gethan war, ging er wieder zum Grafen Bertram, ihn zu bitten, ihm nunmehr die versprochne Gabe durch einige seiner Räthe überantworten zu lassen.

Sogleich wurden einige von den Räthen mit ausgeschickt, und Bertram lachte innerlich, daß jener sein Besitzthum einer Hirschhaut so eifrig betrieb. So 82 kamen die Räthe mit Reymunden zum Waldbrunnen, und verwunderten sich über die maßen als sie sahn, daß er die Hirschhaut zu einem ganz dünnen Riemen geschnitten hatte. Zwei unbekannte Männer nahmen hierauf den Riemen, steckten einen Pfahl in die Erde, und umzogen nun mit den Faden viel Holz, Wiesen und Felsen, den Waldbrunnen und eine große Weite des Thals, in welchem ein angenehmer Bach floß. Die Räthe waren gar sehr erstaunt, mußten aber den Vertrag halten, welchen Graf Bertram mit seinem Wappen untersiegelt hatte. Die Räthe kamen hierauf zum Grafen zurück und erzählten ihm, was vorgefallen, die Hirschhaut sei ganz in einen dünnen Riemen zerschnitten, zwei unbekannte Männer hätten damit viel des Gebiets beim Waldbrunnen umschlossen, es habe geschienen, als wenn der Riemen sich immer mehr auseinandergezogen, je weiter sie gegangen, auch sei ihnen das ganze Revier viel größer vorgekommen, als es ihnen wohl ehemals geschienen. Worauf der Graf antwortete: Es ist eine fremde Sache und mag wohl ein Gespenst sein, denn ich habe oft sagen hören, daß fremde Wunder bei dem Waldbrunnen geschehn sein, gebe Gott nur, daß es zu seinem Besten ausschlage, denn er ist doch unser Vetter und naher Verwandter, ist immer besser, als wenn er im Haupte verwirrt wäre, wie ich anfangs gedachte, so ist er aber klüger, als man von ihm denken mochte, dürfen es ihm auch nicht mit Gewalt wieder nehmen, weil er unsre Unterschrift und Siegel hat. Reymund ging hierauf selber noch zum Grafen, um ihm für die empfangene Gabe Dank zu sagen, der ihn auch sehr freundschaftlich empfing.

An dem bestimmten Morgen ging Reymund ganz in der Frühe wieder zum Waldbrunnen, wo er auch schon seine geliebte Melusina, seiner wartend, antraf, die ihm mit den Worten entgegen kam: sei mir gegrüßt, Reymund, Du bist ein weiser und vernünftiger Mann, denn Du hast alles so ausgerichtet, wie ich es Dir gerathen habe. Hierauf gingen sie in eine Kapelle, wo sie viel schönes Volk, Frauen, Ritter, Knechte, Priester und kostbar gekleidete Leute sahen. Reymund verwunderte sich und fragte, wo alles das Volk hergekommen sei? Melusina antwortete: wundere Dich nicht darüber, denn es ist alles das Deinige und sie sollen Dir auch ihre Ehrerbietung bezeigen. Hierauf wendete sie sich zu den Leuten und befahl ihnen, den Reymund als ihren Herrn anzuerkennen, und ihm Treue, Gehorsam und Liebe zu geloben, welches sie auch alle sogleich mit großer Freude und aller Unterwürfigkeit thaten.

Reymund wollte noch immer nicht seinen Augen trauen, dachte: wo krieg' ich all dergleichen Volk her? wobei er innerlich zu Gott betete, weil er meinte, es dürfte das ganze Wesen nur ein schlimmes Gespenst sein. Melusina weckte ihn bald aus diesen Gedanken, indem sie zu ihm sagte: Reymund, nicht eher sollst Du ganz meinen Stand und mein Wesen erkennen und erfahren, bis ich Dein ehliches Gemal bin. Worauf Reymund sagte: ich bin bereit, Euren Willen zu allen Zeiten zu erfüllen. Nun wohlan, sprach Melusina, so wollen wir unsre Hochzeit auf künftigen Mondtag ansetzen, doch muß es dabei eine ganz andere Gestalt haben und ehrlich zugehn, so daß wir alle Gebräuche erfüllen, die dabei üblich sind; lade daher Gäste und Zeugen ein, und sorge nicht, daß es an Speis und Trank, oder irgend einer Ergötzlichkeit fehlen dürfte, denn ich will alles besorgen.

84 Reymund ritt hierauf wieder nach dem Schlosse seines Vetters, des Grafen Bertram, zurück, er fand ihn bei seiner Frau Mutter, trat vor beide hin, machte einen zierlichen Reverenz und sagte: Gnädiger Herr Vetter, auch gnädige Frau, es ist billig, da ich Euer Verwandter und Diener bin, Euch meine Geheimnisse nicht länger verborgen zu halten, muß Euch also sagen, daß ich mir eine Frau nehmen will, und die Hochzeit am nächsten Mondtage beim Waldbrunnen zu feiern gesonnen bin, bitte Euch also beiderseits demüthig, mir die Ehre zu gönnen und dabei Eure persönliche hohe Gegenwart zu schenken.

Der Graf antwortete hierauf: Mein lieber Herr Vetter, Euch zu Ehren und zu Liebe will ich herzlich gern dahin kommen, auch mit anständigem Gefolge, hoffe auch, daß meine Frau Mutter mit mir gehen wird; doch muß ich fragen: wer ist Dero Frau Gemalin, oder von wannen ist sie, denn es wäre nicht gut, wenn sich mein Herr Vetter durch eine zu schnelle Heirath unglücklich machte. Aus welcher Gegend und von welchem Geschlechte ist sie? denn ich möchte auch gern wissen, ob sie denn wohl adlich sei, da ich Euch zu Ehren mit Gefolge und meiner Frau Mutter auf Eure Hochzeit kommen will.

Reymund antwortete: Herr Vetter, es kann nicht geschehn, es jetzt zu sagen, denn ich weiß es dermalen selber noch nicht, ich weiß auch nicht von wannen sie ist, oder was sonst ihr Wesen sein mag, begnügt Euch damit, sie Mondtags in ihrem Stande zu sehn.

Der Graf antwortete: Herr Vetter, das ist ziemlich wunderlich, daß Ihr ein Weib nehmt, welches Ihr selbst nicht kennt, ich fürchte, daß Ihr angeführt 85 werdet, wie es schon so manchem ergangen ist, und komme fast auf meine erste Vermuthung zurück, daß Ihr im Haupte verwirrt sein mögt. Ihr nehmt mir diesen meinen guten Rath nicht zum übeln, denn es geschieht nur deswegen, weil ich zu Eurer Hochzeit kommen soll und da fiele die Schande nachher auch mit auf mich.

Reymund antwortete: Herr Vetter, Eure Warnung nehme nicht sonderlich übel, weil Ihr meine Gemalin nicht kennt, die so schön und klug ist, daß sie ohne Zweifel von hoher Abkunft sein muß, bin übrigens im Haupte recht gescheidt, trotz dem Besten im ganzen Lande und zu jeder Probe erböthig, will übrigens die Frau selber heirathen und keinen andern dazu überreden, steht sie mir an, so ist es gut, ist sie mir schön und edel genug, so hat Niemand weiter etwas darnach zu fragen, gräme mich auch nicht übermäßig, wenn Ihr nicht zu meiner Hochzeit kommen wollt, denn ich werde schon andre und nicht minder gute Gäste zu finden wissen.

Es war nicht so gemeint, mein lieber Herr Vetter, antwortete hierauf der Graf behende, denn er furchte sich; ich und meine Frau Mutter und die meinigen wollen zur Hochzeit kommen, und rechnen es uns zu sonderbarer Ehre dazu geladen zu sein. Wofür sich denn Reymund mit vielen und höflichen Worten bedankte.

Am Mondtag Morgen ritt der Graf Bertram mit seiner Mutter und seinem Hofgesinde aus, nach dem Waldbrunnen zu; man unterredete sich unterwegs davon, wie man wohl keine Herberge finden dürfte, weder für Pferde noch Menschen, noch auch Speise und Trank in gehörigem Maaß, oder andre Ergötzlichkeit, indessen tröstete sich der Graf und meinte, ein schlimmer Tag würde bald vorübergehn. So zogen sie durch den Wald 86 und als sie auf den offnen Platz zu den Felsen kamen, zeigten sich zwischen den Bäumen viele schönen Zelter auf dem grünen Boden aufgebaut, allenthalben sah man einen großen Rauch aufsteigen vom Kochen und vom Braten, eine Menge Volks in schönen Kleidern war zugegen, die Zelter prangten mit Fähnlein und buntgemalten Wappen, liebliche Musik erscholl, die Köche waren bei den Backöfen und in den Küchen geschäftig, adliche Herrn und Damen sah man auf dem reizenden Plan hin und wieder spazieren. Alle dachten, es möchte wohl ein Gespenst sein, was sie sahen, als ihnen sechszig treffliche Ritter entgegen kamen und sie im Namen des Bräutigams und der Braut begrüßten, worauf sie sie zu Reymunden selber brachten, der ihnen vor allen übrigen Gästen die zugegen waren, die größte Ehre erwies.

Die Pferde wurden ihrerseits an die Krippen gezogen, wo man ihnen schönen Haber vorlegte, Frauen und Jungfrauen kamen der Gräfin entgegen, um sie zu empfangen, worüber sich diese nicht genug verwundern konnte, da sie sich an diesem seltsamen Orte dergleichen Aufnahme nicht versehn hatte. Reymund führte hierauf die Gäste in seine Wohnung, wo auch eine Kapelle war, reich mit mancherlei Kleinodien ausgeziert. Nun wurde zur Brautmesse geläutet, und das schöne Fräulein Melusina trat in allem ihrem Schmucke herfür, so daß aller Augen von ihrem Glanze wie von ihren Reizen geblendet wurden; ein feines Gewand schloß sich an den edlen Wuchs der Glieder, und wie die Sommerlüfte spielend um sie wehten, flossen in zarten Wellen die Falten des Gewandes, als wenn die Göttin aus dem Meere gestiegen wäre und so eben die letzten 87 Wogen von ihr niedergleiten wollten: ein Blumenkranz verschönte das Haupt, und den Busen trug sie frei, auf dessen Glanz die reichen Kleinodien mit unterschiedlichen Farben schimmerten. Nun erhoben sich auch die fröhlichen Saitenspiele, auch Musik mit Flöten und Posaunen, alle Sinne der Gäste waren geblendet und in Entzücken und der Graf Bertram sagte in seinem Herzen: dieses ist warlich eine Hochzeit, die sich sehen lassen darf.

Hierauf wurd Reymund in der Kapelle von einem vornehmen Bischoffe mit seiner geliebten Braut vermält. Dann verfügte man sich an die Tafel, wo die köstlichsten Speisen und die schönsten Weine für alle im Ueberflusse da waren. Allen gefiel das und es war keiner, der nicht mit Appetit das Essen zu sich genommen, denn es war überdies vortrefflich zubereitet. Nach der Tafel wurde man erst fröhlich, da fing auf dem Plan ein Stechen und Thurnieren an, bei welchem sich Reymund mit seiner Geschicklichkeit vorzüglich auszeichnete. Hier wurden viele köstliche Kleinodien gewonnen, welche die edle Melusina zu Preisen ausgesetzt hatte; die Damen empfanden über die Uebungen der jungen Ritter ein großes Vergnügen.

Am Abend war wieder ein herrliches Mahl zubereitet, man setzte sich wieder zu Tische, aß und trank und machte mit schönen Worten Spas, der selten ist. Darnach wurden die Tänze angefangen, die bis tief in die Nacht währten.

Als nun die Zeit gekommen war, daß die Braut zu Bett gebracht werden sollte, so wurde sie von schönen Frauen in das Schlafgemach geführt. Hier stand ein prächtiges Bett, das mit Lilien besteckt war, schöne 88 Teppiche und Vorhänge von der seltensten Stickerei zierten das Gemach, nicht minder treffliche Mahlereien. Hier sah man in den lebhaftesten Farben die nackte, badende Leda und den schneeweißen Schwan, der sich liebkosend an sie schmiegte, indeß sie verwundert und entzündet mit durstenden Lippen in der Luft nach erwiedernden Küssen suchte: hier entsprang die Göttin der Liebe aus der Flut und schwimmende Najaden brachten ihr Korallen und Lobgesänge entgegen. Dort war Mars im Netze mit der Venus in einer Stellung festgehalten, die die Blicke der lüsternen Götterschaar entzückte. Hier badete Galatea und die Wellen schmiegten sich zärtlich zu ihren Füßen und ein schelmischer Widerschein fing das Bildniß der lieblichen Gestalt auf. So waren noch andre treffliche Gemälde und Darstellungen und das Zimmer war außerdem reich und kostbar verziert. Die edlen Frauen entkleideten die Braut, wobei sie sich selber über ihre Schönheit verwunderten und dem Bräutigam Glück wünschten, worauf sie sie in das Bett legten. Nun wurde auch Reymund hereingeführt, der sich alsbald zu seiner Melusina begab, worauf der Bischoff hereintrat, um sie beide einzusegnen. Er erstaunte über die Trefflichkeit des schönen Gemachs und sagte: Ihr habt da gar herrliche Schildereien, edler Herr, es ist ein wahres Wunder für die Augen. Als er dieses gesagt hatte, segnete er sie ein und betete viele schöne Gebete über ihnen.

Einige von den ältern Gästen begaben sich nunmehr auch zur Ruhe, die jungen aber blieben beim Tanzen munter, andre lustwandelten einsam mit ihrer Geliebten in dem grünen Labyrinth der Büsche, andre Damen und Ritter versammelten sich in der Nähe des 89 Brautgemachs, um den Neuvermälten einige süße Lieder zu singen. Eine Stimme begann bei einem leisen Klang der Instrumente:

Wann die Rosenzeit gekommen,
Spielt um sie die warme Luft,
Ihnen ist die Furcht benommen,
Sie ergießen süßen Duft.

Winde buhlen mit den Rosen,
Willig bricht die Knospe los,
Eilt entgegen süßem Kosen,
Oeffnet lachend ihren Schoos.

Hierauf sang eine andre Stimme:

Zarte Arme zum Umarmen,
Lippen für den süßen Kuß,
Busen daran zu erwarmen,
Leib zum herrlichen Genuß.

Rosen, Lilien, sind verstreuet
Auf den wundersüßen Leib,
Und der Liebe Gunst erfreuet
Bräutigam und junges Weib.

Das Chor der Frauen sang lieblich, indessen die Instrumente ihre Töne erhoben:

Du bist nun ohne Hülfe eingefangen,
Und mußt dich, Braut, dem stärkern Mann ergeben,
Drum sei zufrieden, unterlaß dein Bangen,
Geküßt gieb Küsse wieder ohne Beben,
Die Zeit des Mädchenstandes ist vergangen,
Du lernst ein liebend und geliebtes Leben,
Drum magst du dich wohl seiner Weisung fügen,
Anfangs besiegt wirst du am Ende siegen.

90 Das Chor der Männer stimmte an:

Nein, keiner wird den Sieg von beiden haben,
Und beide werden schönen Sieg gewinnen,
Sie theilen ohne Neid die süßen Gaben,
Und jeder reißt des andern Geist von hinnen,
Sie kriegen nun, am Frieden sich zu laben,
Indessen sie auf neue Tücke sinnen,
Doch keiner hat des Friedens Ruh verschworen,
Aus Zwietracht wird die Eintracht hold geboren.

Nun vereinigten sich die verschiedenen Stimmen in einen einzigen Chor und sangen frohlockend:

Es streift die Liebe durch den Duft der Linden,
Der Glanz der Sterne küßt die Blum' im Stillen,
Sehnsucht und Lieb' des Himmels Räum' erfüllen,
Innbrünst'ger Wunsch seufzt in den nächtgen Winden.

In einen Kuß müßt ihr all' Sinne binden,
In einen durstgen Blick Begier und Willen,
Nun gilts nicht Seel' und Leib mehr zu verhüllen,
Und wundersüße Gaben sollt ihr finden.

Ein süß Erstaunen fesselt Herz und Sinnen.
Die Liebe brennt in Augen, Lippen, Händen,
Die Küsse küssen sich, nicht mehr verschieden.

Ungleiche Waffen? Wer wird da gewinnen?
Der Sieg will sich nach keiner Seite wenden,
Sie sind im Kämpfen einger als im Frieden. –

Dergleichen Lieder wurden noch mehr gesungen. Melusina lag indessen beim Reymund und sagte zu ihm mit lieblicher Stimme: ich bin nun ganz die deinige, mein herzliebster Gemal und Freund, und muß mich 91 in allen Dingen deinem Willen fügen, nur mußt du deinen Schwur, den du mir gethan, niemals brechen, sonst kommst du von Glück in Unglück, von Ehre in Elend. Reymund bestätigte ihr seine Treue noch einmal, worauf sie in dieser Nacht von ihm mit einem Sohne schwanger wurde, den sie nachher Uriens nannten.

Diese Hochzeit währte mit allen ihren Festlichkeiten zwei Wochen hindurch, nach welcher Zeit Melusina aus einem helfenbeinernen Schranke eine Menge kostbarer Kleinodien nahm und jedem der anwesenden Gäste ein herrliches Stück verehrte, vorzüglich aber dem Grafen und seiner Frau Mutter, auch die Dienerschaft wurde mit Geschenken bedacht, worauf sich denn alle Gäste wieder unter vielen Danksagungen entfernten. Auch der Graf Bertram und die Seinigen nahmen freundlichen Abschied, welche Reymund mit vielen von seinen Leuten zu Pferde begleitete. Der Graf hätte den Reymund gern nach dem Stande der Melusina gefragt, aber er furchte sich vor ihm, von wegen seiner neulichen Antwort; Reymund dankte ihnen nochmals für die erwiesene Ehre, beurlaubte sich mit aller Höflichkeit und ritt zurück. 92

 


 

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