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Seespeck

Ernst Barlach: Seespeck - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorErnst Barlach
titleSeespeck
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1991
isbn3499129450
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090316
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Fünftes Kapitel

Dem Fischer Seespeck war das Liegen auf der Bärenhaut einer allgemeinen Getrostheit lieb und wert. Die Wedeler Geschäfte seines Bruders hatten aber die Eigenheit, ihm diese Bärenhaut zu verleiden. Er bekam schlaflose Nächte und ließ es sich sehr verdrießen, daß eine Jugend wie die ihre so schön gemeinsam, die zunehmenden Jahre aber so einsam und unersprießlich für den einzig-geliebten Bruder werden sollten. Indessen scheuchten ihn solche Gedanken nur zuweilen auf; als aber das redlich gepflegte Vermögen endlich doch verzehrt war, ließ er die Zeit für einen tüchtigen Schritt zugunsten seines Bruders sich erfüllen und erging sich mit seinem Nachbarn, dem alten Zimmermann, in einer halbstündigen Unterhaltung über alte und neue Dinge in dessen Leben. Nach kurzer und ausschöpfender Tätigkeit an diesem wahren Brunnen von Erfahrungen wußte er genug und berief seinen Bruder zu einer Zusammenkunft in Hamburg, zu einem tüchtigen Zungen- und Magenwerk, das sie bis tief in die Nacht wach erhielt und sie -- wie üblich bei den Seespecks -- wieder tief in die äußersten Jugendjahre heimlockte. Eigentlich hatte Fischer Seespeck dabei das Gefühl, daß etwas Wichtiges versäumt würde, aber schließlich meinte er, zu Anfang der Unterhaltung das Menschenmögliche an der Schmiedung neuer und vernünftiger Lebenspläne seines Bruders beigebracht zu haben. Sie gingen in vollem Sturm der Herzen und Lippen zu Bett, aber als Fischer Seespeck, wie befohlen, zu früher Bahnstunde geweckt wurde, fand er sich in so mißlicher Verfassung, daß er vorzog, ohne seinen Bruder zu wecken, leise das Zimmer zu verlassen. Er bezahlte die Kosten der Nacht und überraschte den Kellner mit einem außergewöhnlich hohen Trinkgeld, mit dessen Darreichung er als Erklärung die Bitte verband, man möge seinem »kleinen Bruder«, dem einmal etwas Menschliches geschehen sei und den er zum Ausschlafen ins trockene Bett gelegt hätte, ganz gewiß nichts merken lassen. So entzog er sich in diesem Hause, wo er bekannt war, einem geringen Übel von Nachrede und besorgte seinem Bruder, der nie wieder herkommen würde, als er zu später Stunde aufstand, einen etwas vertrackten Abgang, da er sich über die fatale Dienstzudringlichkeit des Personals nicht genug wundern konnte. ›Wie einen Heiligen bei Weggang aus einem Bordell, so verspotten sie mich mit ihren Komplimenten‹, dachte er. Und dann stand er auf der Straße.

Er folgte dem Rat seines Bruders und trat mit einer Gewehrfabrik in Verbindung, für die er im Lande hin und her Holz aufkaufte. Daneben machte er andre Geschäfte auf eigene Faust. Bei diesen Geschäften war er freilich meistens nicht derjenige, der sich ins Fäustchen lachen durfte, und ließ sich nicht selten durch das Drum und Dran der Dinge zu schlecht überlegten Händeln bestimmen. Wenn er sich aber zu Dingen hergab, so wußte er auch, wenn er wollte, eine gewisse Tüchtigkeit aufzubringen, und darum schlängelte er sich so leidlich durch einige Jahre hindurch, kaufte sein Eschenholz für die Gewehrkolben und diesen oder jenen kleinen Föhrenbestand für Kistenfabriken, manchen Schlag Nutzholz für Möbeltischler und Sägewerke. Seine Wohnung hatte er in einem Berliner Vorort, zwei Zimmer, dunkel und lang wie ein paar Särge, aber in diesem Doppelgrab fühlte er sich an manchen Tagen, wenn er verschnaufte, wohl bestattet, abgeschlossen wie vormals in dem Wedeler Maschinenladen. Hätte er ein Grabkreuz über sich gewußt -- so war ihm oft zu Sinne --, wollte er darauf gemalt wissen: »Hier ruht in Frieden Seespecks Doppelgänger.« Und in der Tat kam ihm sein ganzes Dasein oftmals wie ein einziges Doppelgehen seines unbekannt wo weilenden Selbst vor. Aber das waren nun schon keine Grübeleien mehr, sondern wie ein Wiegen und Schaukeln seines Herzens und Gefühls in zwei prüfenden Händen, die es vorsichtig von einer zur andern gleiten ließen, leise wogen und wendeten und in Sachtheit wieder bargen. ›Klug werden langweilt‹, dachte er, ›dumm bleiben ist auch eine Kunst, wenn es richtig gemacht sein soll.‹ Verse zu schreiben hatte er ganz verworfen, dafür fanden sich in seinen Notizbüchern neben Raum- und Festmeterrechnungen zuweilen einige Seiten mit Versuchen, die »Ersparnisse seiner Augen« zu sichern, wie er Erinnerungen an irgendwelche fast beiläufigen Dinge nannte; aber es waren weder Handlungen noch Gedanken. Ihm schien, es wären Schatten von ihm selbst, dem eigentlichen Seespeck, und doch waren es nichts als Stücke dieser Erde, als Teile eines Weltwinkels, ein Stück Sein, vom Sein des Ganzen, das er so besaß, als ob er es selbst wäre.

An einem Herbstabend fand er sich allein im Eisenbahnwagen auf der Fahrt durchs Mecklenburgische, als ein Herr einstieg und, bevor er sich niederließ, eine Anzahl Papiere aus der Tasche zog und in den Gepäcknetzen verteilte. Seespeck sah ihm zu und dachte grade, daß ein Staatsstürzer bei Verbreitung revolutionärer Aufrufe vielleicht genau so bürgerbieder dreinschauen möchte wie sein Reisegefährte, denn, wollte er weiterspinnen -- das ist ja grade das Prickelnde an der Natur, daß sie in den Erscheinungen keineswegs Plakate ihrer Veranstaltungen gibt, sogar oft Verhüllungen und Irreführungen --, als er schon eins der dünnen Hefte in seinen Händen fühlte. Es waren Geschäftsanzeigen des Herrn Schneidermeister Lampe aus Rostock, hübsch mit Abbildungen und mit allerlei Verheißungen ausgestattet. Herr Lampe war ein gutes Haus, das konnte man aus seinem Prospekt entnehmen, daß er aber darüber hinaus etwas war, fiel Seespeck während der abendlichen Unterhaltung gewissermaßen in Intervallen der Überraschung auf. Von Stück zu Stück ließen sich die Strecken zwischen den einzelnen Stationen die Räder über den Rücken rollen; schienen bald schiebend zu fördern, bald wölbend zu hindern, und von einer Station eines angenehmen Aufhorchens kam Seespeck zur andern einer Befriedigung über die ergiebige Langsamkeit der Fahrt. Herr Lampe kannte Seespeck. Nicht etwa mit Namen oder von Angesicht, sondern aus einem Wissen, das sich beliebig belehrt aus zuverlässigen Nachschlagebüchern irgendwo im Kontor seines Geistes. Da war über Menschen wie Seespeck Material in Hülle und Fülle, er wußte natürlich, daß Seespeck reiste, aber er wußte auch, daß er auf seiner Landstraße nach eigener Art vorwärtskam und auf der allgemeinen Heerstraße ein Fremdling war. Seine Fragen waren alle so gestellt, daß Seespeck nicht nötig hatte -- wie sonst wohl oft bei gelegentlichen Gesprächen -- eine Lüge zu sagen, um nur mit keiner Wahrheit Verwirrung zu erregen. Nein, Herr Lampe langte mit gelassenem Griff nach seinem Puls und informierte sich über die Zustände seines Patienten, wie man sich im leichten Geplauder über gemeinsame Bekannte auf dem Laufenden hält. Er selbst reiste in Geschäften auf die Güter und in die kleinen Städte des Landes, seine Kunden wußte er zu erwischen, wenn er schon halbwegs erwartet war, und mit Pferd und Wagen erweiterte er die Maschen seines Netzes über dasjenige der Eisenbahn hinaus. Während sie über viele Dinge redeten, mußte Seespeck sich fragen, warum sich die Unterhaltung überhaupt lohne, denn was sie sich zu sagen hatten, war von geringer Wichtigkeit. Schließlich fand er, sein Gefallen an Lampe entspränge aus dem sonderbaren Gemisch von Fremd- und Bekanntsein, aus dem gelinden lächerlichen Ärger über diesen gutmütigen Spott einer Schicksalslaune, die von ungefähr zwei Menschen entdecken läßt, daß sie, ohne verwandt zu sein, doch fatale und intime Familienerinnerungen gemeinsam haben. Es schien, als wären sie, ohne grade Freunde zu sein, durch langjährigen Umgang aneinander abgeschliffen oder ineinander eingespielt. Über Holz wußte Herr Lampe viel zu sagen. Er konnte darin für beschlagener gelten als Seespeck selbst und zählte ihm an den Fingern Hofbesitzer und Erbpächter her, die es verlohnte zu besuchen. Ja, er lud ihn ein, diesen selben Abend mit ihm auf die Klus zu fahren, wo er erwartet würde und wo Seespeck gleichfalls willkommen sein müsse. Seespeck willigte ein. Hinter Doberan stiegen sie, angehaucht von aufgeregt rauschender Kühle aus der doppelt finsteren Nacht hoher Baumwipfel, aus. Ein Mann stand bei seinen Pferden und gab auf eine Anrede Antwort in einem Ton, als sei Lampe eines von seinen guten und klugen Tieren, mit dem es sich auf dem kameradschaftlichen Fuße umgehen ließe. Laternen brannten und machten für Seespecks Augen die Dunkelheit umher raumlos und wesenslos, aber der Nachtwind strömte von seiner Seite gleichmäßig auf sie ein und machte ihnen die Fahrt, wie er in das Hufeklappern und Räderrollen drang, zu einer langgezogenen Bahn eines immer gleichen Rhythmus durchs schweigende und hohle Unbekannte. Von einer Anhöhe aber sahen sie, während vorher die Welt fürs Auge verschwunden schien, nun doch ihren Schleier wie aus mattem Grau zwischen Himmel und Erde gehängt. Das war das Meer und ein Zipfelchen davon das Haff. Zwischen beide hindurch senkte sich die Brücke des Dunkels, wurde schmal und ergraute leicht und immer mehr wie überspült vom Grau des schleierhaften Neuen, das von sich ein Raunen ausgehen ließ und einen Rhythmus absonderte, der sie mit ihrem eigenen in einer bahnlosen Unendlichkeit aufsog. Im tiefen Sand entspannte sich der Trieb des Vorwärtskommens, und so versanken sie immer mehr im Breiten und Leichten. Nach einer für Seespeck ebenso kurzen wie langen Weile hielten sie an und kamen zu Fuß von hinten an ein Haus, das sie in großer Entfernung von einem Dorfe auf dem steilen Ufer liegen sahen. Das war die Klus.

Es schien verlassen, Herr Lampe pochte vergebens, doch war die äußere Tür unverschlossen, und sie drangen ein und fanden rechter Hand vom Flur die dunkle Küche. Glücklicherweise hatten sie Streichhölzer in den Taschen und konnten die Stätte belichten, so brannten sie fleißig ein Hölzchen nach dem andern an, schachteten sich auch in den Keller hinein und fanden, wie Herr Lampe klagte: »Alles ausgeraubt!«

Aber ganz so schlimm war es ja nicht. Eine langstielige Bratpfanne war zurückgeblieben, und so fand sich auch eine Flasche Brennsprit. Seespeck, den das Abenteuer warm machte, ließ in der Bratpfanne einen Spritsee seine samtblauen Feuergewächse aufsprießen und seine gelben Glutzungen durstig in die Luft recken und lecken. Mit beiden Armen hielt er ihn sich weit vom Leibe und klomm auf Lampes Rat eine äußere überdachte Treppe zu den oberen Häuslichkeiten hinan, aber auch hier kam er nicht weiter als bis auf eine Art Vordiele, erhellte aber ein paar Wände mit einer Art von Phantasiemalerei, einem Gedankensalat in Kohle und Tusche, ohne Ehrfurcht vor der Gestalt und den Bedingungen des Raumes wie von einem Besessenen hingeschleudert, der, wie es durch Seespecks Kopf blitzte, in sich eine Glut in ein Gefäß bergen mochte, ähnlich wie die Bratpfanne mit dem Flammengewoge in seinen Händen. Er stieß mit dem Stiefel gegen die innere Tür und überließ es Herrn Lampe, vom Fuß der Treppe die dazu notwendige Aufforderung zur Übergabe der Festung an den unsichtbaren Verteidiger zu richten, denn die Treppe war für ihn in ihrer Steile und Dunkelheit ein verschlossenes Tor und aufgezogene Zugbrücke zu gleicher Zeit. Es war umsonst, und Seespeck wurde von siegreichem Schweigen zurückgeschlagen. So machte er mit seinem Brandpanier kehrt und stieg in aller Feierlichkeit der Vorsicht zu Herrn Lampe nieder.

Während sie nun im Dunkeln vor dem Hause hin- und hertraten, ward Seespeck das Geheimnis des Hauses enthüllt. Die Klus gehörte dem ›Doktor‹, vernahm er, der hier auszuruhen pflegte. Gewisse Tage der Woche seien unverbindlich für ihn und einige Freunde -- wie Herr Lampe schlichtweg sagte -- festgelegt, zum Beispiel der Sonnabend Abend wie heute, und so könne er sich wohl darüber beruhigen, daß niemand gekommen wäre, nicht aber darüber, daß Vorräte offenbar beiseite geschafft wären. Der Hausschlüssel fehlte, sowohl im Schloß wie an seinem Versteckplatz unterm Stein am Flaggenmast. Herr Lampe wußte dieser Gestaltung der Dinge gar keinen Sinn abzugewinnen. Er war hungrig und müde geworden, verwarf aber Seespecks Vorschlag, im Dorf Unterkunft zu suchen, mit einer wehleidigen Bestimmtheit. Der Doktor wünsche das nicht, erklärte er, ohne daß es Seespeck klar wurde, warum. So schlug er denn gradezu vor, einzubrechen und -- ob der Doktor hierüber auch bestimmte Wünsche geäußert habe?

Aber bevor Herr Lampe sich auf eine Antwort besonnen hatte, bog die wahre, schwarze Mächtigkeit einer männlichen Gestalt um die Ecke und verharrte im Banne einer offenbaren Überraschtheit, ja, es bannte ihn sogar ein wenig rückwärts, und es schien Seespeck, wenn hier der schweigende Feind von vorher erschienen wäre, daß es ein Schattenfeind sein müsse, dem mit brennender Bratpfanne mit Erfolg begegnet werden könne. Aber als ob die schwarze Herrschaftlichkeit von hinten her Rückenstärkung gefunden, trat er plötzlich imponierend vor und fragte in gediegener aber völlig frei beherrschter Weltmännlichkeit nach dem Begehr der beiden andern. »Wir wollen zum Doktor«, antwortete Herr Lampe, »es ist doch der Tag und ...« »Bitte folgen Sie mir, meine Herren« -- damit und mit Gnädigkeit und Dienstfertigkeit zugleich lud der Fremde sie ein, ihm ins Haus zu folgen. Dem Klang seiner Sprache nach mußte es ein Österreicher sein, aber dabei war ein Posaunen-Erz in seiner Stimme, das Seespeck jede Versuchung zu solchen Bestimmungen überflüssig scheinen ließ.

Er stieg mit Entschuldigung vor ihnen die Treppe hinauf, oder vielmehr schien er sie mit seiner schweren Last unter sich hinabzustampfen. Er schloß die innere Tür auf und zündete eine Lampe an. Dann bog er die Schultern, die das Stübchen sprengen zu wollen schienen, mitsamt dem hängenden Haargestrüpp des Kopfes zu seinen Gästen nieder und erklärte, daß er seit einigen Tagen hier oben »arbeite« und -- nun ja -- es täte ihm leid, daß unten alles ausgeräumt worden, sie möchten es sich nur bequem machen, und forderte sie zum Sitzen auf. Es war Däubler, den Seespeck hier zum erstenmal sah. Er bemerkte nicht die greuliche Unordnung der Stube, er sah nur dies mondmilde Gesicht aus seiner Haarwolke scheinen, er bemerkte kaum die Schicksalsanklage einer lächerlichen Kleidung am Leibe eines Hünen, der im Katechismus über Hosen und Jacken ganz Ignorant schien -- er spürte die Majestät dieses mächtigen Leibes wie aus Lumpen hervorscheinen, und wieder machte ihn eine Grandezza betroffen und belustigte ihn zugleich, weil sie ihm plötzlich von Unbehilflichkeit überschauert schien. Er fand nach wenig Worten, die Däubler über sein Leben in der Klus sagte, daß er sich unten zu wohnen gefürchtet und sich hier oben mitsamt Schreibpapieren, Trinkgeräten und allerlei Eßwaren und Rauchmitteln gradezu verkrochen hätte -- heute abend hatte ihn ein Bedürfnis ins Dorf getrieben, und so waren die neuen Gäste des Doktors von Ungastlichkeit begrüßt worden.

Es war offenbar, daß Däubler in Herrn Lampes Vorstellung in nächster Nähe der Tanzbären stand; und gewiß: Däublers Augen bargen die Verschmitztheit eines Tieres, wenn er im Gespräch zuweilen Herrn Lampes Blicke kreuzte. So blickten Wildaugen, die dazu im Dschungel großer Städte geworden waren. Da waren die Flucht- und Furchtschnelle des Rehs, das Mißtrauen des Bibers, die Lichtlosigkeit im Auge der Ratte, die ihren Hunger im unterirdischen Nagen unsichtbar und unsagbar stillen muß.

Er nahm Herrn Lampes Auseinandersetzungen entgegen mit gesenktem Kopf, horchte mit höflich empfangender Miene, als spräche er: »Sie können sagen, was sie wollen, ich respektiere alles«, schien trinkgelddurstig auf jeden dieser Wortgroschen. Aber dann -- ergriff er selbst das Wort wie ein Panier von Gottes Gnaden. Das steckte er zum weithin sichtbaren Wallen irgendwo auf eine Hügelkrone, weil er selbst, da es ihm diesen selben Abend danach war, Burgen aufführte, Mauern aushob und Altäre unterbaute. Alles vor den Augen der erstaunten beiden, die keineswegs auf ein solches Schauspiel gefaßt waren. Dazu legte er eine Anzahl unterirdische und überhimmlische Gänge an. Er schmiß seine Faust, die zart und klein war, und hämmerte einen Zauberschlag in die Luft, -- und siehe, die Welt erstarrte, schrumpfte und gestaltete sich zum geometrischen Bilde, das balancierte er nun auf der flachen Hand, und weil es noch glühte vom Schrumpfprozeß, ließ er es zur Abkühlung zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten in der Luft stehen, und daran hinderten ihn nicht seine dunkelsäumigen Hemdwülste als völlig zeitwidrige Ausläufer aus den Ärmeln, noch seine zerrüttete Kragenzier. Er handhabte das Weltkristall zwischen seinen Fingerspitzen wie ein rohes Ei. Es ward leer geblasen und wieder voll gedeutet, und so ließ er sie die neue Welt seines Geistes mit Händen greifen.

Dies alles hatte aber Herrn Lampes Hunger nicht aus der Welt geschafft, wie sie nun einstweilen war, und Däubler war auf die mindeste Anregung zu jedem Nachgeben bereit. Er hatte den Schlüssel für die unteren Räume zur Hand und wandte nichts gegen die Plünderung seiner Klause ein, ja, er hätte selbst Hand angelegt, wenn ihm alles dieses nicht so unnützlich zu Gesicht gestanden hätte, daß Seespeck, in dem das Haushältertemperament gespornt war, aus einer Art Mitleid, aber auch, um ihn in irgendeiner Form für das Weltkristallexperiment zu entschädigen, alle solche Wagnisse zu unterlassen bat. Er fühlte, daß Däubler herzlich gern abstand. Unten wurde die Hängelampe angezündet und ein Feuer im Ofen entfacht, Kartoffeln überm Sprit gekocht und Speck und Schinken mit Eiern in der Bratpfanne zu einem Gericht zusammen zerschmolzen. Es dampfte gewaltig in dem feuchtkalten Hause, und der Weltanschauungs-Dichter und Prophet Däubler tafelte mit dem Schneider und dem Doppelgänger, der sein wahres Selbst nicht finden konnte, wie ein Gott im Inkognito mit Fuhrleuten eines Wirtshauses auf der allgemeinen Heerstraße des Lebens.

Und wie gern tafelte er! Wie er mit Fleisch umsprang, als gälte es das gelungene Experiment seiner Inkarnation vor der gesamten zweifelnden Wissenschaft! Wie behende er zur Schüssel griff und rechts und links nagte, knusperte, teilte und gebratene Materie durch den Zauber der Zähne zu Geist umschuf, denn Nehmen und Geben verstand sein Mund gleich gut. Wie sein Appetit löwenähnlich auf der Lauer lag, wie er die Tatzen dirigierte zum Empfangen und Erlangen! ›Er bereitet seinen Selbstmord durch Platzen vor‹, dachte Seespeck, mitten in Däublers Sprüche hinein -- ›aber er ist sorglos und schuldunbewußt, er schmaust sich durch die Zeit wie durch einen Schlaraffenbrei und steht doch bei allem hoch darüber, er befaßt sich mit dem Essen bloß aus Schicksal, aus Langerweile und Überdruß an der Zeit -- ‹ denn Däubler gab etwas Großes über die Zeit aus seinem Munde, als Umwertung eines letzten fetten Happens -- seine Zeit zu mindern und sie sich zu verekeln.

Und da er gesättigt war, senkte er sich rückwärts gegen die Lehne, faltete seine Hände überm Bauch und erklärte zum Schluß laut und deutlich, daß die Welt eine nicht zu billigende Veranstaltung wäre. Das sei nun schließlich so zu verstehen ... und war drauf und dran, derweil Seespeck das Geschirr in die Küche trug, Herrn Lampe seine Offenbarungen zu entsiegeln, als draußen die Tür aufging und das Rauschen des Meeres verstärkt von dem Schnaufen aus der Brust eines hastig atmenden Menschen als der Doppelodem eines Sturmes hereindrang. Sie begrüßten den Doktor, und Seespeck sah einen bäurisch-kantigen, lutherhaften Kopf auf einem nicht eigentlich fetten, sondern mehr wie mit der Axt aus einem kurzen Klotz zugehauenen Körper. Er war prall und fest wie ein schmales Eichenfaß gebaut, und er erwirkte sich neben der knochenlosen Majestät Däublers beim ersten Anblick die Achtung vor einem Pulverfaß, ohne daß man freilich mit absoluter Gewißheit aussagen konnte, ob es grade gefüllt oder leer war. Und doch war seiner Erscheinung wie der Däublers eine Lächerlichkeit gesellt, als ob ein Affe hinter ihm stände und seine Grimassen zöge. Als er Seespeck die Hand gab, hatte dieser das Gefühl, eine tote, fette Kröte ergriffen zu haben, und ließ sie erschreckt fallen. Aber der Blick des Doktors machte ihn freudig bestürzt, das war hinter den Gläsern eines Kneifers hervor keine Prüfung, sondern eine beinahe einfältige Dankäußerung über sein Dasein gewesen, und er fühlte augenblicklich, daß er sich hier, ohne den Mund aufgemacht zu haben, ein Zutrauen zu einem Wert erzwungen hatte, über den er sich keine Gedanken machte. Herr Lampe, das sah er ebenso schnell, galt hier als subalterner Vertrauensmann. Man genierte sich gar nicht vor ihm, und doch saß er eigentlich am Musikantentisch. Er durfte fragen und sagen, was er wollte, aber man überging ihn dabei nach Laune gnadenlos, ohne ihn dadurch aus einer stillfrommen Zufriedenheit aufzustören. Seespeck mußte sich im Laufe des Abends oft darüber ärgern, daß er alles verschluckte, was ihm an Demütigungen geboten wurde, gleich als ob seine Gegenwart etwa der eines stubenreinen Hündchens gleichzuachten war.

Verhandelt ward zwischen Däubler und Doktor die ewige Frage von der Welt, wie sie wäre und wie sie sein müßte, aber wie sehr sie dabei ins Zeug gingen, so fuhren sie doch beide, wenn auch auf wilder See, gemeinsam in einem Boot mit schwerem Ballast und behüteten es beim Kreuzen auf der Stelle vor jeder Gefährdung. Vorwärts kamen sie dabei nicht, gingen aber auch nicht unter. Nach und nach aber entschwand die Frage über das Ziel, und eine andere über die Kommandogewalt an Bord tat sich auf. Der Doktor gehörte der revolutionären Partei an und hatte in Däubler einen zukünftigen Parteisekretär zu sehen geglaubt. Ihre Bekanntschaft war ziemlich frisch, und so war er über der Freude an der glänzenden Redekraft Däublers wie an seinem Prophetenzorn und seiner Umgestaltergeste allen weiteren Bedenken ausgewichen. Diese Bedenken überfielen ihn aber nun zu einer Zeit, wo er sie nicht mehr wirken lassen mochte. »Was wollen Sie eigentlich in der Welt?« rief er jetzt zornig, »Sie haben eine Schwungbrettnatur, statt sich ans Feste zu halten, nehmen Sie es zum Anlaß, ins Bodenlose zu stürzen, Verehrter! Es ist grade, als ob man Sie in der See baden sieht, Sie ersäufen Ihren fetten Leib im salzigen Überall, all Ihr Beschwören und Prophezeien ist das Erbrechen Ihres Individuums im Absoluten. Was reden Sie ewig von Inkarnation des Geistes -- exkarnieren sollten Sie sich, das ist der wahre Sinn Ihres Lebens. Ihr Predigen ist ja Liturgie!« »Wollen Sie leugnen«, fuhr Däubler dagegen auf, »daß ich als Parteisekretär, wie er sein soll, nicht alle meine Knochen beiseite legen müßte?« In dem Doktor fing es an überzukochen. Er ging zum Klavier und winkte Herrn Lampe heran. Und Lampe spielte. Er spielte, während Däubler an den Nägeln nagte und der Doktor seinen Ärger durch die Nüstern abließ und durch die Ohren Beruhigung einsog. Seespeck wußte nicht, was er zu dem Spiel sagen sollte.

›Damit läßt sich nun ein Strudel im Kopfe eines solchen Menschen beschwören‹, dachte er etwas verwundert, augenscheinlich war der Doktor ins höhere Reich gehoben, ihn ergriff, was nicht zu verderben war, als Rhythmus, das, was sich von der Empfängnis des Stückes her über alle Zeiten erhalten hatte, wie Offenbarung selbst am Gassenhauer noch heute. Bald aber glaubte Seespeck zu merken, daß Lampe ein besserer Musiker war, als der er sich gab. Sicherlich bequemte er sich dem niedrigen musikalischen Niveau des Doktors an und ließ ihn sich nach Vermögen am billigsten Kram erlaben. Seespeck mußte an seine Vorstellungen denken, mit denen er Lampe bei Verteilung seiner Drucksachen im Bahnwagen zugeschaut hatte. Daß ihm der Vergleich mit einem politischen Wühler und Schürer überhaupt gekommen war, schien anzudeuten, daß ein Inneres seines Wesens doch wohl aus irgendeinem Fenster in dieser hausbackenen Schneiderfassade herausschaue. Nach und nach schien nun aber Lampe des Doktors überdrüssig zu werden, wie eben ein Erwachsener wohl eine Zeitlang mit einem Kinde spielt, dann aber seinen wichtigeren Geschäften nachgeht. So ward sein Spiel zum Ernst, und Seespeck argwöhnte -- fast zum Spott. Er machte seine Türen auf, lüftete allerlei Vorhänge und ließ wie ganz nebenbei polierte Ecken und noble Stücke seines musikalischen Hausrats hervorscheinen, aber mit einer Miene, als wollte er sagen: »Ihr Schafsköpfe wißt ja nicht einmal, was das bedeutet.« -- Seespeck, in seinen Zweifeln, ob er recht höre, suchte mit den Augen Däublers Bestätigung, aber Däubler kaute noch immer an seinen Nägeln und war damit vollauf in Anspruch genommen.

»Nun hören Sie lieber auf«, sagte schließlich der Doktor, »nun wird das Wasser trübe«, und Lampe brach mitten im Spiele ab, zufrieden auch mit diesem Peitschenhieb. Er gestand dem Doktor, daß Seespeck eigentlich zu Geschäften mitgekommen sei -- und der Doktor fiel in ein ausdauerndes Lachen über diesen Streich, denn seine paar Bäume, belehrte er Seespeck, müsse er stehlen, wenn er sie haben wollte, zu handeln gäbe es nichts, worauf Lampe den Namen eines Herrn Magnus Wiedewald aufwarf, den man morgen früh besuchen könne, mit ihm werde es sich handeln lassen. Wie Seespeck weiter erfuhr, war der junge Wiedewald der Schöpfer der Malereien im Oberstock, eine von des Doktors Kreaturen. So hatte nämlich der alte Vater Magnus geurteilt und damit den unheilvollen Einfluß des Doktors auf seinen Sohn bitter getadelt. Jetzt war der Junge längst, wie er meinte, so weit auf der abschüssigen Bahn gekommen, daß an kein Halten und Retten zu denken sei, ein Mischmasch von Maler, Bildhauer und Schriftsteller -- nichts Rechtes und nichts Ganzes. Däubler kaute immer noch an seinen Nägeln, aber es schien doch, als ob sein Verdruß mehr durch die Bitterkeit der Nägel als von früheren Kränkungen gespeist würde.

Dann begann er plötzlich, sehr schön über Malerei zu reden, und dabei beobachtete Seespeck sein Gesicht, dem bei aller Milde wie dem Mond Krater und Klüfte nicht erspart waren. Über den Augen herrschte eine wahrhaft felsige Stirn, und den weichen Mund unterbaute ein bartbewucherter Quaderblock von Kinn. Das Merkwürdigste an ihm war aber der Stern, der ihm mitten im Gesicht stand, wie ein schwer erkennbarer Schlüssel zu dem Geheimnis dieser Natur. Die oberen Zacken dieses Sterns zogen in schrägen Schwüngen der Augbrauen und kreuzten sich über dem Nasenrücken unter der Stirn und verliefen zu unteren Zacken als Falten zwischen Nase und Backen im umgekehrten Sinn des oberen Schwunges am Bart. Und der Bart im Verein mit dem Haargewüst schien nur dies bedeutende Menschengesicht mit dem Stempel des Himmlischen von der Umwelt durch einen mächtigen Raum feierlich scheiden zu sollen.

»Sie müssen aber doch«, sagte der Doktor, nachdem Däubler geendet hatte, »Sie müssen aber doch einen Broterwerb haben!« »Ich?« fragte Däubler zurück, Lampe aber, halb hergewandt, tupfte mit dem Zeigefinger der Rechten ein paar Noten her, die klangen durch den kleinen Raum wie hoffnungslose Herztöne. »Ja, natürlich«, bestand der Doktor, »Sie wollen doch leben -- und irgend etwas muß man dazu schon tun.« Däubler ließ seinen Kopf auf den sehr schrägen Abhang seiner Brust sinken, wie es Seespeck schien, hätte er ihn am liebsten auf die Wölbung des Bauches rollen lassen. Sein rechter Arm hängte sich über den Sattel der Sofalehne, und sein ganzer Oberleib schien sich in der Kluft und Geborgenheit dieses Sitzes für ewig zu verstauen. Er schwieg mit Würde. »Nicht?« fragte der Doktor hart. »Womit erwerben? Was soll man tun?« verstand sich endlich Däubler gegenzufragen, und als der Doktor gesagt hatte: »Nun, ich habe Ihnen doch Anträge gemacht«, tat er den wahrhaft monumentalen Vorschlag, er wolle ihm sein Epos, soweit es fertiggestellt, beiläufig erst fünfzehntausend Verse, vorlesen. »Das würde Ihnen nichts einbringen und mir zu viel Zeit kosten«, wehrte der Doktor ab, rückte dann näher und wollte derselben Angelegenheit von andrer Seite einen Anstoß geben. Aber Däubler wehrte ab. »Wollen Sie es verantworten, wenn es überhaupt nicht beendet wird?« Er meinte das Epos. Und fuhr auf des Doktors erstauntes »Wieso? -- warum?« fort: »Ich habe geglaubt, Sie hätten mir diese Stätte«, er stieß die Locken in der Richtung des oberen Zimmers in die Luft -- »zum Schaffen angeboten, denn vor allem -- das stelle ich hiermit vor sämtlichen Anwesenden fest, hat das Werk zu gedeihen. Von allem andern will ich nichts wissen.« Nun entstand eine Pause. Lampes Finger irrten immer noch über die Tasten. In drei Tönen, in immer dem gleichen Schritt humpelte ein Mensch über Steine, über immer die gleichen Steine, die niemals ein Ende nehmen würden. »Ich --« sagte Däubler, brach ab und sah streng in die leere Sofaecke zur Linken. Seespecks Herz klopfte, denn er ahnte den verzweifelten Sinn der unterdrückten Sätze. Man hörte aber nur als leises Getröpfel auf den Erguß eines Fasses voll Anklagen ins Leere -- die Worte: »kann nicht mehr.« »Aber was hat das alles mit dem Zimmer oben zu tun«, fing nach einiger Zeit der Doktor wieder an. »Arbeiten Sie nur, aber essen Sie nicht zu viel, Sie sollen sich ja nicht gerade in die Form eines schönen Jünglings werfen, das steht Ihnen doch nicht. Kommen Sie morgen mal in die Stadt, ich muß Sie untersuchen, Sie werden krank, hier oben allein.« Er sah seinen Gast von der Seite an und bemerkte zu seiner Zufriedenheit, daß er ein wenig gerückt war, um einen lockeren Sitz zu gewinnen, als hätte er es nun nicht mehr nötig, diesen Zufluchtsort zur Barrikade zu machen. Hier fiel Seespeck etwas ein, das er etwa so in Worten ausgedrückt haben würde: »Wir sollten ihn nicht ganz wie unseresgleichen behandeln, nicht mit seinen Unerträglichkeiten rechten, die klaffen, wo überall seine Hoheit und Niedrigkeit nicht schließt, wo seine Verkleidung seiner Prinzlichkeit eine Blöße gibt oder sein Geist seinen Leib zur Unform verzerrt.« Der Doktor klarte in seiner Seele sichtlich auf. Es war nicht zu verwundern, daß beide, er und Seespeck, beim höhnischen Lampenlicht ihre Gedanken über Däublers Äußeres hatten. »So wie Sie tun«, fing er an, halb zu strafen, halb zu preisen, »wie Sie sich in Fett vertun, in Muskeln verwahrlosen, machen Sie Ihre Verkleidung als Mensch lächerlich. Er ist wahrhaftig nicht von hier«, wandte er sich an Seespeck, »zu Hause hängen die herrlichsten Röcke und warten, daß er ihnen zuruft: macht mich zur Gestalt in Ehren, umwandelt mich mit dem Glanz meiner Natürlichkeit, laßt mich scheinen, was ich bin. Dann schnippst er mit dem Finger, und sein Leib wird zum Aas, schnippst abermals -- und umflügelt sich mit dem Gesaus von Strahl-Falten, gestaltet sich zum Turm in Winden und schüttelt sein Haupt, daß die Locken wie Glocken schallen.«

Lampe war inzwischen im stillen vom Klavier an die Herstellung eines heißen Getränks gegangen, wozu er die trockenen und festen Notwendigkeiten aus allen möglichen Verstecken zusammenklaubte.

»Wissen Sie noch, Däubler«, fuhr der Doktor fort, »wie Sie in unserer letzten Kneipnacht in Wismar im Sturm vor dem Georgsturm standen und ihn anbrüllten: ›Du sollst den Hochturm in den Nordsturm recken...‹ und so weiter?« Däubler verbesserte: »Ich soll den Großturm in den Vollsturm recken. Es hat der Geist sein Gleichnis in der Form erkoren, nicht umsonst sind hohe Türme unsere Ideale, nicht umsonst gestalten wir ragende Schönheit, kantige Aufbäumung zu Ewigkeitssymbolen. ›Der Georgsturm‹, sagten Sie damals, ›sollte der Däublerturm heißen, der mit den breiten Schultern und dem kurzen Hals.‹ Das ist schon die Verklärung meiner Diesseitsgestalt, meine Vertürmung, möchte man sagen. Nicht umsonst gibt es Türme, die wie der von Pisa bei aller Schwere und Wucht wie niedergeschwebt, wie Erscheinungen wirken, die leise knirschend mit steinernen Zehen den Erdboden berühren und heiligen.«

»Schließlich wird dann der Däublerturm zum Däubler?« setzte der Doktor in Spaß oder Spott um, was Däublers heiliger Ernst gewesen.

›Ach Gott‹, dachte Seespeck, ›hier ist also der Ausrichter einer letzten Erhöhung ein Verspotteter. Aufrichter, Aufrecker, Hochstrecker, Turmweiser, -- ein nicht ernst genommenes Ungetüm.‹ -- »Hören Sie«, sagte der Doktor nach dem ersten Punsch zu Lampe, »das Getränk ist gut, aber nehmen Sie morgen Maß zu einem Anzug für Däubler, verstehen Sie, einen, worin er Platz hat. Daß Sie Ihre Freunde so aussuchen, weil Ihnen ihre abgelegten Anzüge passen werden, kann Ihnen niemand nachsagen«, sagte er zu Däubler, »bei mir stimmt es gewiß nicht.« Und so mußte Däubler den neuen Anzug mit Stillschweigen zu einer Phantasie des Doktors bezahlen, in der sein langer Leib in des Doktors kurzer Kleidung von einer Leidensstation der Lächerlichkeit zur andern geführt wurde, bis er am Ende gekreuzigt ward.

Es wehte stärker, und die See machte ihnen allen dreien Ohrensausen, ein Ohrensausen mit spürbaren Pulsschlägen von brechenden Wellen. Däubler wollte vorm Schlafengehen einen Augenblick ans Ufer und fragte Seespeck, ob es ihm auch beliebe. So gingen sie beide hinaus, aber der Wind stopfte ihnen die Worte, die sie zu sprechen gedachten, in die Kehlen zurück, aber er stürzte sich auf Däublers Haupthaar und spielte es zur Flamme empor, so sah er einem Zaubermeister gleich, auf dessen Haupt der schwarze Geist als Phantom sichtbarlich spukte. Als sie zurückkamen, waren die Gläser schon abgeräumt, der Doktor in seiner Kammer, Lampe barg sich aufs Sofa und riet Seespeck, die Matratze, die er ihm verschafft hatte, vor den Ofen zu legen. Däubler wandelte über ihnen hin und her, und Seespeck legte von Zeit zu Zeit eine Kohle ins Feuer. So durchwachte er den größten Teil der Nacht, nicht ohne im geheimen recht herzhaft zu lachen, denn das stürmische Schnarchen des Doktors nebenan schien mit Lampes Schlaflauten im Duett einen gravitätischen Ernst ohne Sinn und Verstand zu verhandeln; sie parlamentierten friedlich miteinander und durcheinander in Schnarch- und Knurr-, Japp- und Schmatzlauten und schienen höchst zufrieden, jeder mit seiner und des andern unergründlicher Geistlosigkeit eine so schöne Unterhaltung in eine gedankenlose Ewigkeit hinein spinnen zu wollen. Aus der Doktorkammer klang von Zeit zu Zeit wie Ausströmen tiefer Selbstbewunderung ein weicher, sanfter Fragelaut, nicht lauter als das bequeme Vorbeischwirren einer Fliege am Ohr, und aus Lampes Brust sog sich die Antwort voll zu einer harzigen, verstandlosen Unverständlichkeit, die ihren Ausweg aus Mund oder Nase nach unentschiedenen Versuchen an beiden Toren glücklich vollführte. Wenn Seespeck die Ohren der Ofentüre näherbrachte, zog durch die schmalen Luftlöcher ein scharfes Sausen, laut genug, um im Schwirren geschliffener Stahlflügel die Geräusche seiner Schlafkameraden wie fliegende, wollige Säcke zu zerfetzen. Aber in die Höhlen der Pausen hinein füllte sich immer wieder der Dröhnbaß des Meeres, und Seespeck dachte zufrieden: ›Da habe ich endlich ein Stück oder mehr von meinem Doppelgänger gefunden‹ und dabei schien ihm Däubler und das Meer ein Einziges zu sein.

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