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Seespeck

Ernst Barlach: Seespeck - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorErnst Barlach
titleSeespeck
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1991
isbn3499129450
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090316
projectid9ab088cc
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Viertes Kapitel

Lieber Herr Seespeck!

Da ich nun genesen bin, sollen auch Sie es erfahren, und hoffentlich freuen Sie sich ein bißchen mit uns allen. Sie ahnen nicht, wie wir zwischen Furcht und Hoffnung geschwebt haben, aber es ist ja nun glücklich vorüber, und es geht wieder bergauf. Viel haben wir füreinander und durcheinander ertragen, auch das soll vergessen werden, denn es war wohl kaum alles selbstverschuldet, wenn wir uns wehegetan und einmal vergessen haben, daß Sorgen für andre zu hegen eine böse Probe ist, die man schwer besteht, wenn man nicht immer wieder festhält: was ich um einen anderen leide, daran hat er keine Schuld, und das darf ich ihm nicht noch zu seinem Eigenen dazutun. So schafft man einander oft doppeltes Leiden. Auch Sie müssen vergessen, was wir beide miteinander hatten -- hören Sie? Ich war es nicht, die Sie um etwas bat, es war die Angst, die mich dazu brachte, und so mußte ich ein Wort hören, bloß um mich zu beruhigen. -- Ich vergesse es auch, so ist es aus der Welt, beides, das, worum ich bat, und das Wort, das Sie antworteten. Es genügt, daß Sie bedenken, wie durchaus verkehrt mein Ansinnen war...

Seespeck las diesen Brief mühsam beim Schein einer Laterne, die sich am Mast eines Bootes auf der Elbe langsam hin- und herwendete, je wie es ein Drängen der Luft oder die veränderte Lage des Bootes anregten. Er hatte die Leute, denen es gehörte, bei der Flucht aus dem Pfarrhause getroffen, einen Vater mit seinen zwei Söhnen, die es ihm ohne Verwunderung geglaubt hatten, daß er nach »drüben« gehöre, und es ganz natürlich fanden, daß er mitgegangen war, wenn er auch für die Nacht, die sie fischend auf ihrem Kutter verbringen wollten, mitgefangen bleiben mußte. »Drüben« lag übrigens sein Heimatstädtchen, und da er über die Leute dort Bescheid wußte, wenn er auch kaum etwas anderes als Namen nennen konnte, so war alles in Ordnung.

Es waren Vielbetreiber, diese drei, sie waren auf der Heimkehr von irgendeinem herbstlichen Marktfest, wo sie mit selbstgebackenem Marzipanplunder und allerlei zuckrigem Gemachte ihren Budenverkauf gehalten hatten, und während das Gepäck mit der Bahn heimwärts ging, sparten sie den ganzen Umweg über Hamburg mit ihrem Kutter, den sie früher hier verankert hatten. Der Vater war eigentlich nur ein Männchen, ein verwachsener, ausgelaugter, trübäugiger, niemals munterer, aber dafür auch nie ermüdeter Rest von einem Mann, ein Überbleibsel aus der Urbevölkerung, Kokabe mit Namen, aber meistens höhnisch Kokub geheißen, seine Söhne Hannes und Hermann aber waren wohlgeformte Burschen, wenngleich der letztere mit seiner immer verstockten Nase mehr und mehr einem trotteligen Wesen zutrieb und eigentlich nur zu brauchen war, wenn man ihn mit dem gewohnten Stallgeruch umhüllte und ihn in der Familienwärme bei Behagen und Laune erhielt. Er hatte übrigens gleich nach der Ankunft auf dem Kutter auf einem Petroleumkocher aus Speck und Eiern einen fettigen Fladen hergerichtet, der aber nach Petroleumdunst roch und sicher stark mit Fingerschmutz legiert war. Diese Hantierung war im offenen Bootsbauch vor sich gegangen, und ebenda von kühler Nachtluft angehaucht, wurde die Speise mit Taschenmesserstichen, Löffelhieben oder nur mit Fingerzangen aus der heißen Pfanne genossen. Seespeck hatte sich entschuldigt und war dem Boote auf die gewölbte Bretterbrust getreten, dem Vorderdeck, das am Mast begann und von der dünnen Leuchte ebenso kümmerlich wie die offene Hälfte des Bootes beschienen wurde. Hier las er seinen Brief. Er war noch länger, aber endlich kam folgender Schluß: »Ich muß wohl, wenn ich zurück bin, noch eingezogener leben als bisher. Aber hoffentlich können wir Sie doch einmal bitten, uns zu besuchen. Da ich morgen reise, muß ich Ihnen hiermit schriftlich Lebewohl sagen.«

›Diktiert‹, dachte Seespeck, indem er ihn wieder einsteckte, ›aber sie hat sich doch gewehrt, immerhin ein Abschied von Grete.‹ Er wollte gerade anfangen, die Sonderlichkeit seiner Lage zu überdenken, als zwischen den Dreien und der Pfanne eine Messerklinge hörbar in ihre Scheide schnappte und zugleich das Kratzen in dem Gefäß sich verminderte. Hermann, dem die Bissen in Gedanken zu schmecken fortfuhren, sorgte ernsthaft, indem er die Pfanne gegen die Laterne drehte und die Brocken zu Häufchen schaufelte, für eine kurze Verlängerung eines wünschenswerten Zustandes. Aber Vater Kobabe sah schon prüfend zwischen sich und seinem Ältesten nach Osten in die Finsternis hinaus, denn sie lagen hier an der Stelle der Elbe, wo das Fahrwasser für große Schiffe von drüben in kräftiger Schräge den Fluß überquert, und da es jetzt ums Netzeauswerfen gehen sollte, konnte es nicht schaden zu wissen, ob man das Boot ohne Besorgung einer Störung eine Zeitlang allein liegenlassen könnte. Aber es war auf- und abwärts kein fahrendes Schiff zu sehen, und nur leises Beben lag in der Luft, ein Klopfen ängstlicher Taubenherzen im Ohre: so kam ein Getrippel von Schaufelradschlägen von fern übers Wasser gezogen. Was sonst auf dem Strom lag, hier und da, hatte sein Lichtlein über sich wie ein glimmendes Seemannsvertrauen auf ein Weiterwalten einer guten Weltregierung und schien in aller schwimmenden Gelassenheit Sorge und Leben in unbewußten Schlaftiefen geborgen zu haben. Ein Hundegebell gellerte in die Stille hinein, aber die Stille ließ sich nicht reizen, und die Echos des Unendlichen blieben ungeweckt im Raume hängen. Kobabe und seine Söhne stiegen ins kleine Boot, und Seespeck, der gut ruderte, half ihnen bei der Arbeit, das Netz zu versenken, während man langsam auf der Flut vorwärtsglitt, ein Stück Beuteholz, das ihnen beim Zurückfahren entgegentrieb, wurde ins Boot geborgen, und als alle wieder im Kutter standen, hatte man einige Stunden Zeit zu schlafen. Wer also wollte, mochte dem Fahrzeug durch die Luke im hohlen Verdeck in den warmen Busen kriechen, und die beiden Jungen versenkten sich, schnell verständigt, in dem schwarzen Loch, während der Alte und Seespeck, obwohl fröstelnd, draußen bei einem sparsamen Gespräch auszuhalten gesonnen schienen.

Seespeck fühlte sich verpflichtet, mit einigen Fragen hin- und herzustoßen, um irgendeinen Gegenstand, bei dem es sich warm werden ließe, aufzustöbern, und sprach endlich von den beiden Söhnen seines Gastgebers und ließ von dem Drum und Dran seines Gewerbes die merkwürdigsten Umstände verraten. Endlich, als es auch hierin nichts Neues mehr für ihn zu geben schien und er meinte, das Thema wechseln zu müssen, fragte er ihn, ob er nicht noch andere Kinder hätte, und da er ja in dem alten Städtchen, das auch Kobabes Wohnort war, wohlbekannt zu sein vorgegeben hatte, so mußte diesem eine solche Frage wohl als eine Aufforderung zu Vertraulichkeiten erscheinen, denn er hatte allerdings noch ein Kind, ein größeres Mädchen, das in dem starken Verdacht des Mordes an einem Neugeborenen gerichtlich eingezogen worden, aber endlich gegen eine Kaution, die der Vater stellen mußte, einstweilen losgelassen war. Er stockte wohl zuerst ein wenig, aber so direkt aufgefordert, ergriff er die günstige Gelegenheit, die Sache seiner Tochter zu führen, die in den Augen seiner Mitbürger schlecht genug stand. Aber er blieb nicht beim Beschönigen und Abstreiten einer solchen Tat, denn am Ende wußte er selbst am genauesten, wie wenig er damit ausrichtete, und ehe sich Seespeck dessen versah, hatte dieses Männchen, diese Jahrmarktsratte, die überall nagte und wagte, wo ein Bissen zu erschnappen war, eine Art Faustkämpferhaltung gegen ihn angenommen. Wie verfänglich er sich auch Seespecks Frage ausgelegt hatte -- jetzt ließ er plötzlich sein Schneckenhäuschen hinter sich und wagte sich gegen alle Klugheit weit vor. Er ließ einmal das ewige Behüten seines guten Glaubens an seine Tochter hinter sich, und Seespeck war es, als würde er von Kobabe für ein Wunschergebnis, eine unwirkliche und doch körperliche Beichtgelegenheit angesehen, dem man nach Laune Rede und Antwort stehen dürfe und das nach Erfüllung seines Zwecks als Erscheinung spurlos verschwinden und verschwiegen bleiben würde. Er hätte am liebsten abgewehrt, aber der kleine Mann drängte sich so eng an ihn, daß er nach dem Tau greifen mußte, das den Mast am Seitenbord hielt, und fürchtete, ihn mit Ablenken ernsthaft zu erzürnen. Außer sich war er schon jetzt, und seine Hände kneteten an Seespecks Arm und Schulter auf und ab. Es war wie ein Mord selbst, den er an einem verhaßten Gefühl, das ihn quälte, beging, und er schien nicht schnell genug die Tat vollbringen zu können, grade als ob er den Empfänger dieser Erlösung in den Strom stürzen wolle.

Was er sagte, war in Worten fast unwichtig, er sprach davon, daß er ihr Vater wäre, daß sie seine Tochter sei und daß er hohe Zinsen für die Kaution, die er leihweise bekommen, zahlen müsse, aber wie auch sein gegenwärtiges Leben beschaffen sei und wie sich sein Dasein einmal zukünftig noch trauriger gestalten möge, in nichts sei ihm leichter zumute, als in dieser Sache. Hier sei alles wohlgeordnet, denn es sei ja seine Tochter und er sei ihr Vater, und das sei ein für allemal genug Grund, etwas Gewordenes nicht ungeschehen zu wünschen. Was er -- Seespeck -- denn dazu sage? Und Seespeck war flau genug zumute, um nicht aus vollem Herzen Beifall zu geben, da es der beste Weg war, dieses vampyrhafte Männlein satt zu machen, dem er durch Zufall oder Gnade zur Stillung eines Heißhungers nach Trost an diesen einsamen Ort gesandt schien. So ließ es denn ab von Seespeck, und sein Anfall verlor sich im Gewohnten, wie das Hundegebell ohne Nachhall im Weiten getan. Sie traten noch eine Zeitlang auf dem engen Raum hin und her, ließen eine gegenseitige Unbefangenheit wie ein Vergessen ausdünsten und schienen nach kurzem einer von dem andern nichts zu wollen oder zu wissen, so daß sie sich offen angähnten. Damit war die Erwägung reif geworden, daß es das Beste sei, zur Ruhe zu gehen, und bevor sich die Schollen bei wendender Flut beunruhigt fühlen und bei dem kurzen Wirrwar auf dem Flußgrunde ins Netz verfangen konnten, wies Kobabe seinem Gast bei einem Kerzenlichte unterm Deck nahe am Mast eine schmale Ruhestatt quer von Wand zu Wand des Schiffes an.

Hier lag er und schlief mitnichten, aber mit der Absicht, über Nacht als Schläfer zu gelten, und ließ die Stunden und die späteren Fischereivorgänge gleich dem leisen Zug der Flut hinter den dünnen Brettern zu Kopf und Füßen an sich vorübergleiten. Als das Schifflein zu schwanken und in der Flutwende zu treiben begann, glitten die drei Kobabeschen Schatten zur Luke hinaus, Seespeck hörte ein gelindes Scharren an der Außenwand, ein Plätschern von Rudern, und blieb mit dem Mast im Rücken im stickigen Raum als regungsloser Schatten-Kamerad des Unsichtbaren liegen. Er ließ das Summen einer späten Mücke wie leisen Geigenstrich in sich klingen und fühlte nur undeutlich, wie nach längerem die drei Kobabeschen Schatten sich wiederum zu stummer Kameradschaft einfanden. Und er mußte sich nach wer weiß wie langem Dasein im Lichtlosen bei grauendem Morgen zum Besonderen werden sehen und als Wesen im Licht von den anderen Wesen bei ihm abheben. Kaffee, gähnte Kobabe, als ein allgemeines Lösen aus dem Schlaf begann, wollten sie lieber zu Hause haben, und so fröstelte man in den Morgen hinein und segelte in einen nebelblauen Wind durch Nebenräume ans jenseitige Ufer und stahl sich in die kleine Au bis zum Liegeplatz hinauf. Dort stand eine Karre für den Fischkorb, und nach einem halbstündigen Trotteln durch feuchtes Gras ging es die Hafenstraße hinauf, über den Markt ins Kobabe-Haus, ein erbärmliches Ladengebäude mit schlechtriechenden und dunklen Hinterzimmern.

Sie luden Seespeck, der bei so früher Morgenstunde nirgendwohin zu gehen wußte, zum Kaffee ein, und Seespeck ließ sich das Getränk der Frau wohl munden. Sie nahm ihn mit guter Manier an ihren Tisch und befleißigte sich einer Gastfreundlichkeit in gemessenen Grenzen. Seespeck musterte sie mit einer gewissen Verwunderung, denn abgesehen von ihren schlechten Zähnen und der abstoßenden Wirkung eines kranken Zahnfleisches, das sie bei einem gutmütigen Lächeln immerfort sehen ließ, schien sie mit ihrer stattlichen Figur und etwas schwächlich-sanftem, aber wohlgebildetem Gesicht schlecht zu ihrem Manne zu passen. Ihre Tochter ließ auch nicht lange auf sich warten, und sie musterte Seespeck mit versteckter Neugierde. Sie war kleiner als ihre Mutter, aber gefällig von Gestalt und hatte dieselbe Gutmütigkeit in den Wölbungen ihres recht hübschen Gesichts. Dabei war sie, wenn man bedachte, daß sie durch die Ankunft ihrer Brüder und ihres Vaters ungewöhnlich früh aus dem Bett gelockt war und auf keine Begegnung mit einem Fremden gefaßt sein konnte, doch vorteilhaft genug gekleidet und wußte ihre leichte Überraschung mit einem rasch errafften Tüchlein gewandt auszumerzen. Seespeck blieb eine halbe Stunde länger, als er sonst imstande gewesen wäre, ohne übrigens andere Worte als Guten Tag und Adieu mit ihr zu wechseln. Ja, er machte einen kleinen Anlauf, seine Übernächtigkeit mit einigen Scherzen aufzufrischen, und ließ sich das Ansetzen ihres Aufmerkens ganz gern als Ermunterung gefallen. Daß ihr Lächeln etwas Angenehmes für ihn hatte, hinderte ihn nicht zu sehen, daß sie dabei die Unterlippe mit dem Kinn weiter vorschob, als schön war, und daß damit ein flüchtiger Ausdruck von Verachtung, ins Hämische verlaufend, hervorspielte. Daß diese scheinbare Verachtung über der unverwüstlichen Jugend, die sie durchsetzte und umhüllte, etwas Aufreizendes hatte, war Seespeck bald klar; wenn ein Mann in ihrer Gesellschaft war, mußte ihm schnell der Wunsch kommen, der Ursache dieses besonderen Zuges nachzugraben, eine Offenheit bei ihr aufzudecken, gewissermaßen ihre Beichte zu hören. Es erzeugte ein leichtes Gefühl von Qual, nicht zu wissen, was hinter ihren Kulissen vorging, und der Wunsch war schnell zur Hand, man möchte bei dem Vorgang, der erwartet wurde, die Hand im Spiele haben. Ihre Haltung war schlecht, sie hing auf dem Stuhl und lehnte gegen den Tisch, als sei das alles nicht das Rechte für sie, doch sah man, daß sie einigermaßen wußte, was sich schickte. Seespeck dankte für alle Gefälligkeiten und nahm sich vor, gelegentlich dem Laden etwas zuzuwenden. Heute wollte er seine alte Heimat einmal wieder grüßen und trat auf das holprige Pflaster als ein Unbekannter, aber voller Bekanntschaft mit Straßen und Häusern und mit dem stillen Wunsch, als heimisch gelten zu dürfen.

Der Nebel hing noch über den Dächern, und der Kirchturm enthauchte eher dem Gräberacker, als daß er ihn mit seiner Last belud. Seine Umrisse waren im Dunst aufgelöst, seine körperliche Wucht im trübhellen Novembermorgen aufgelockert und zur luftigen Verdichtung geworden. Aber Seespeck sah nicht den Gegenwartswert, er fand nur einen Vergangenheitssinn. Er ließ die vielen Dampfer im weißlichen Dunstversteck hinter den Marschen ihre Baßsignale durcheinander, füreinander und widereinander, fern und nah, wie vorsichtige Fragen und besonnene Antworten wechseln, aber er hörte nur sein und seines Bruders Kindergeschwätz vormals am Brunnen im Hofe des Pastorats, er umging wie ein Betrunkener, vorsichtig, als trete er auf geträumten Boden, die niedrige Planke rund um diesen Garten, stand vor dem Krämerladen, wo er einmal für einen Groschen Süßholz, sein erstes im Leben, gekauft hatte, und machte einen langen Hals nach dem Fenster im Nachbarsgarten, in dessen Stube ein großes Mädchen ihm auf ihrem Schrank ein Versteck für den großen Vorrat geboten hatte. Er ging bis zum Mittag um und ließ den Vorschlag seines entthronten Bürgergewissens, durch ein Telegramm an seinen Chef und schnelle Abreise seine Sache noch einmal beim Gewohnten zu erhalten, höhnisch abblitzen.

Am Nachmittage besuchte er den alten Pessim, einen früheren Freund seines Vaters, einen sozusagen abgetakelten, nämlich pensionierten, früheren Lehrer, in seinem Dorf-Häuschen und saß in seinem Pfeifenqualm bis tief in die Dämmerung hinein, machte auch erst dann Anstalten zu gehen, als der Laternenmann die Leuchte vor dem Hause anzündete und der Schein an der Hinterwand des Zimmers ihm wie ein Plakat ohne Inhalt so etwas wie Unruhe über den unsichern Stand der eigenen Geschäfte einflößte. Er ließ den Zug, den er vorgegeben hatte, nehmen zu wollen, sein keuchendes Erinnern an Hamburg, selbst unangestrengt durch seinen Entschluß zum Bleiben, mit seinen Dampfgebärden sich erschöpfen und ließ sich im Wirtshaus zum Roland zur Nacht häuslich nieder, nachdem er das feuchte Pflaster auf dem Markt mit Behagen lange studiert und gefunden hatte, daß dieses trübe Klima seiner Heimat doch die schönsten Seidentöne aus dem gemeinsten Feldstein hervorzaubere. Übrigens der Name des alten Pessim war ein Beiname, eine Verhunzung seines rechten, den ihm Eme und Ador gegeben hatten, welche beide er diesen Abend im Roland kennenlernte. Es waren zwei Unzertrennliche, Seel- und Magenfreunde, mit Vornamen Emil und Adolf geheißen, Verwandte der Forstmeisterin Diekmann, junge Leute, die im Begriffe waren, am Orte ein Manufakturwarengeschäft zu gründen. Sie sahen aus, wie jedermann überall aussieht, und waren so gescheit wie der Durchschnitt, nur daß ihnen die gewisse holsteinische Springlebendigkeit, das Draufgängertum zu jeder Tagesstunde und bei jedem windigen Anlaß, einen Vorteil bot, der ihren Anspruch auf Beachtung ausnutzte. Gemeinsam ausgebildet, hatten sie gemeinsam eine Zeit in Paris verlebt und dort gemeinsam eine Geliebte besessen. Diese hatte Emil ihren aimé und Adolf ihren adoré geheißen, und sie selbst hatten diesen Scherz zum Dauerwitz gemacht, indem sie sich fortan Eme und Ador riefen. Leuten, die es wissen mochten, ein Geheimnis aus dem Herkommen solcher Namen zu machen, hielten sie für unnötig. Noch weniger verheimlichten sie andere originelle Umstände ihrer Freundschaft; so behaupteten sie, sich wie im Geschäftlichen auch in der Lebensführung überhaupt aufs glücklichste zu ergänzen. Wenn nämlich Eme, der ein wenig herzleidend war, seine schlechte Zeit hatte, so mußte auch Ador aus Freundschaft enthaltsam leben, was bei dessen schwachem Magen auch für ihn aufs beste anschlug. Denn seinerseits aus Rücksicht auf seine oder seines Magens Verstimmung sich ehrbar zu halten, ging schon nicht gut an aus Rücksicht auf Eme, der, wenn die Dinge gut standen, seinen Kameraden beim Ludern nicht vermissen durfte. So behauptete er, daß sein gutes Herz ihm einen bösen Magen mache, daß aber Emes böses Herz den Magen wieder in gute Ordnung bringe.

An diesem Abend standen die Dinge, was die Herzen angeht, unvergleichlich gut, wenn auch Ador offenbar Magenschmerzen hatte. Man macht zuzeiten so bereitwillig Bekanntschaft, wie man sich bei Tisch Schüsseln reicht, und fängt wohl mit einem »Guten Abend« ein Gespräch an, das erst mit »Guten Morgen« beendet wird. Seespeck gefiel den beiden, denn er hörte geduldig zu, und er ließ sich die beiden gefallen, weil er als »geborener Wedeler« den Fremden einen guten Begriff von Land und Leuten beibringen wollte und es nicht lassen konnte, der guten Kleinstadt vorerst ein wenig gegen das »unglaublich großartige Paris« zu Hilfe zu kommen. Wie es aber so geht, wenn zwei gegen einen stehen, so siegte Paris schließlich auf der ganzen Front, und das war eine Front, die sich von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens erstreckte. Nach der zweiten Flasche bekam Seespeck sein zweites Gesicht, und dann pflegte er nicht mehr diejenigen zu sehen, die da gegenübersaßen, sondern die er, um dem Überdruß des Kritisierens zu entgehen, an Haupt und Gliedern schöpferisch umgestaltete; ließ er ihnen auch zur Unterscheidung ihre Namen, so waren Eme und Ador schnell grundgescheite Leute geworden, die sich nur schlecht ausdrückten und sich somit selbst im Wege standen, also Mitmenschen, denen man Sympathie schuldig war. Immerhin, als sie ihm bewiesen, und zwar mit Beweisen von der Klarheit des wogenden Zigarrenrauchs rundum, wie man ein Nest wie Wedel durch Tatkraft und Unternehmungslust hochbringen könne, versagte Seespecks zweites Gesicht doch ein wenig, und er sah die beiden Glattschädel mit abstehenden Ohren von früher vor sich im dunstigen Gaslicht hängen, aber er verbiß sich den Willen zur Nüchternheit mit der Stärke, wie sie aus Flaschen kommt, und schob nur schnell einen Gedanken wie eine Notiz an einen sichern Ort. In der Gewalt seines zweiten Gesichts hätte er es mit noch ganz andern Leuten beliebig lange ausgehalten. Da saßen zum Beispiel, lange über die ersten Flaschen hinaus, mehrere Wedeler Bürger zusammen, die gegeneinander vertrauliche Vermutungen über die Art ihres häuslichen Empfanges anstellten, unter ihnen ein reckenhafter, ein wenig flegelhaft von seinem Temperament hin- und hergerissener Herr, in dessen Springflutstrom von Rede seine Zigarre hin- und herwirbelte, wie der braune Schwanz eines zwischen den Zähnen gefangenen Tieres zappeln könnte. Es war der Wedeler Posthalter, ein jüngerer Sohn, den Abenteurerlust in Amerika hatte verschwinden lassen und der als Verlorener Sohn, der alles außer seinem Selbstvertrauen eingebüßt hatte, eines schönen Tages zurückkehrte. Ohne viel Zeit zu vertun, hatte er schnell das vielleicht nicht schönste, aber liebenswürdigste Mädchen der Stadt geheiratet, und weil kein anderes Geschäft ihn daran hinderte, denn er hatte überhaupt nichts Rechtes gelernt, wurde er ins Geschäft seines Schwiegervaters übernommen und machte seine Sache so brav wie jener. Jetzt war er längst Inhaber des Geschäfts und hatte große Kinder. Von ihm wußte Seespeck, daß sein Vater in seinem Elternhaus aus- und eingegangen war. Auch die Kumpanei des Posthalters schien ihm durch das zweite Gesicht wenigstens in einzelnen Exemplaren von bester Beschaffenheit. Aber weil er nun einmal in der Front gegen Paris stand und überhaupt keine Tischwechsler-Natur war, so ließ er die Bekanntschaft mit Eme und Ador wie ein von Matrosen und Steuerleuten abwechselnd gesteuertes Schiff seinen Kurs in die Nacht hinein weiterverfolgen. Wenn dieser Kurs überhaupt ein Ende fand, wenigstens für heute, so war Adors Magen der Anlaß; das Schiff lief auf, wie auf einen Felsen, mit dessen Dasein man überhaupt nicht gerechnet hatte, und obwohl die guten Herzen das Äußerste taten, das Fahrzeug wieder flott zu kriegen, so war es doch um vier Uhr ein volles Wrack.

Als Seespeck spät am Tage aus seinem Fenster sah, fand er sich Auge in Auge mit der Rolandsfigur, die in vollem Sonnenlichte stand. Man konnte Überschüsse an Laune an ihn loswerden; er schien ebenso bereit, mit dem Schwert den ersten besten zu köpfen, wie er selbst, mit brechendem Rückgrat und lebenssatt, das Schwert herumbot, ob nicht jemand die Arbeit an seinem Kopfe freundlichst übernehmen wolle. Sie musterten sich gegenseitig, schwere Köpfe hatten sie beide, und wenn Seespeck auch nicht hintenüber lehnte, so lag das vielleicht nur daran, daß er nicht auf freiem Markt und oben auf einem Sockel stand. Am Ende fand er es probat, es auch mit Sonnenschein und frischkühler Witterung zu versuchen, und fand dabei zum guten Glück den Gedanken von gestern nacht an sicherm Ort unversehrt wieder. Warum sollte er nicht, dachte er, da er ein Wedeler gewesen, wieder einer werden, und warum sollte er es nicht wie Amor und Ede -- nein doch -- Eme und Ador machen und ..., nun ja, man mußte ja wenigstens so tun, als ob man etwas täte. Das waren so die leichten Gedanken seines schweren Kopfes, und sie leiteten ihn auf verständige Wege. Gegen Abend fand er sich nach einer kurzen, aber komplizierten Eisenbahnfahrt in dem Städtchen, wo sein Bruder als Fischereipächter in guten Umständen lebte. Stadtfischer Seespeck hatte immer noch etwas Geld in Verwahrung oder Verwaltung, das seinem jüngeren Bruder aus dem väterlichen Nachlaß gehörte, und da dieser sich nun selbständig machen wollte, so durfte er es, was er bisher nie gewagt, getrost zurückverlangen. Dazu war er gekommen. Der Stadtfischer stand grade, als Seespeck durch das Hoftor eingetreten war, in halber Figur sichtbar am Ende des breiten Ganges längs der Viehställe. Dort hinten zog die Au, die später über Wedel floß, hart am Grundstück vorüber, dort lagen die Fischkästen im Wasser, die sich aus den umliegenden Seen bevölkerten, und der Fischpächter stand breitspurig auf dem Schaukelboden, einen Ketscher in den Händen, und wählte und wühlte zwischen den schleimig-schweren Karpfen und Brachsen, die er in eine vom Knecht bewachte Butte warf; er hantierte mit Beihilfe des ganzen Leibes, sogar der Zunge, und war mit voller Seele bei der Sache. Seine Korpulenz gab ihm ein gefährliches Übergewicht, dagegen führte ihn seine kindhafte Lebendigkeit immer wieder ins Gleichgewicht zurück. Diese Kindhaftigkeit hatte er auch im Gesicht, eine gewisse Unschuldigkeit und rührende Hilflosigkeit des Ausdrucks, eine Schwervertrautheit mit den Geschäften, die ihm doch so gewohnt sein mußten, denen er aber immer wieder wie neuen Aufgaben gegenüberzustehen schien. Die Butte war mit blechblanken, wie von Sprungfedern bewegten Fischkörpern gefüllt und kam nun auf die Waage und von dort in eine flache Tonne, die zur Fahrt an die Bahn bereits mit mehreren andern auf einem Wagen lag. Nun hatte der Stadtfischer Zeit, seine arbeitende Zunge zum Sprechen anzuhalten, und nun begrüßte er wie vorher mit Nicken den Bruder mit Worten und Handschlag. Und während der Knecht die Fischkästen verschloß, die Geräte wegstellte und den Deckel der Tonne festhakte, standen sie und sprachen hin und her. Und bald hörte Seespeck des langen und breiten von dem unleidlichen Betragen der Nachbarin, die ihre Übergriffe, wie der Fischer sagte, mit Lügen und Meineiden verfocht. »Sie schwört einen Meineid um den dummen Mistberg« sagte er, grade als der Knecht mit den Pferden aus dem Stall kam. »Ja« -- sagte sein Bruder bequem heraus -- »das hab' ich ja auch schon mal getan, auch wegen einer Art von Mist.« Der Stadtfischer hatte auf seiner Landkarte von Stirn über der linken Braue eine trichterförmige Vertiefung in der Haut, durch die er die Sachen, die ihm schwer eingingen, wie durch einen Strudel ins Gehirn sog, wenigstens wurde der Trichter nur sichtbar, wenn wie jetzt fatale Vorfälle auftauchten. Er sah mit halbem Auge nach dem Knecht, der wie ahnungslos an dem Geschirr der Pferde schnallte, und machte ein kurzes Räuspern, einen Besenstrich, als wollte er mit solchem Geräusch die Worte seines Bruders wegfegen. »Unsinn -- Blödsinn«, fügte er leise hinzu. Aber Seespeck antwortete im alten Ton, als hätte der Knecht keine Ohren: »Na, Du weißt doch -- damals ...« und hätte noch weitergesprochen, wenn er nicht von seinem Bruder unterbrochen und von ihm ins Haus gezogen wäre. Da traten sie durch die Küchenpforte ein, gingen durch die Schlafstube und standen nun erst in der Vorderstube mit den Fenstern nach der Straße. Natürlich gab es einen freudigen Familienskandal bei der Begrüßung mit Kindern und Schwägerin, aber als sie endlich alle saßen, stand auch schon der Knecht wieder da und verlangte den Frachtbrief für die Bahn von seinem Herrn, der sich zu diesem Geschäft umständlich mit seinem Leibe zwischen den Möbeln durch an den Schreibtisch lavierte. Da wandte sich Seespeck wie beiläufig an den wartenden Knecht und fragte ihn, ob er auch schon einen Meineid auf dem Gewissen hätte -- wie etwa der Amtsverwalter Tiedke, der im Schlaf etwas beschworen hätte, was er bloß geträumt hatte, und nun jahrelang noch seine Leute damit ärgerte, daß er sich nachredete, er habe einen Meineid geleistet. Stadtfischer Seespeck hatte zu Anfang dieses verwunderlichen Gesprächs zwar wieder seinen Besen sausen lassen, aber bei dem Schluß fing er an, mit den Schultern zu wackeln, das löste bei ihm ein asthmatisches Lachen aus, und er drehte sich mühsam und doch weit ausladend, die Feder in der Hand, um, und verbat sich hustend die Störung. »Ach wat«, antwortete Seespeck und lachte gleichfalls, »wie klönt jo man tosam -- nich, Fritz?« Und Fritz grinste, empfing sein Papier und ging. Die Geldangelegenheit wurde am Abend erst besprochen, denn Fischer Seespeck mußte bei allen Geschäften Zeit haben. Etwas Geld, sagte er, aber er sagte nicht wieviel -- könnte er seinem Bruder natürlich geben, den Rest, und er ließ es auf sich beruhen, welchen Rest er meinte, könnte er dann ja immer noch haben. Dann aber fing er von dem Meineid an zu sprechen und verlangte unter starker Beteiligung seines Gehirntrichters eine Aufklärung. »Na, Du weißt doch«, antwortete Seespeck, »daß Du den -- den Schmilinski oder so wegen Verleumdung belangtest.« -- Fischer Seespeck wurde blau vor Zorn und sah doch so kindlich erstaunt aus, als handle es sich um Murmeln. »Du --« sagte sein Bruder, »Du mußt wissen, ich habe einen Bandwurm im Leibe, das ist die ganze Sache, dann kommt man auf solche Dinge.« Dabei getraute er sich nicht, seinen Bruder anzublicken, einen Bruder, der seinen Bruder einen falschen Eid schwören ließ, ein Koloß von einem guten Jungen, der ein Leben wie einer seiner Fische führte, in Ahnungslosigkeit dahinschwamm und in seinem Bürgertum nichts von Himmelshöhe noch Lebenstiefe wußte, -- der nicht wußte, wo aus und ein war bei wahr und falsch. Sollte er ihn zwicken? Man konnte es aufschieben -- vielleicht später! »So, Du willst also Wedel hochbringen?« sagte der Stadtfischer nach einer Pause, »sieh nur zu, daß Du zu dem Anfang Deinen Bandwurm loswirst.« »Ich will Dir was sagen«, antwortete ihm Seespeck, »ich glaube ja, daß Dir mein Bandwurm auf die Nerven fällt, wenn ich Dir also einen Gefallen tun kann, so sollst Du mir eine Gefälligkeit erweisen, iß nicht so viel, zum Donnerwetter, Du siehst aus, als ob Du diese Nacht noch einen Baller bekommst.« Die Frau, die mit ihrer Handarbeit danebensaß, blickte nieder und wurde rot. ›Warum wird sie rot‹, dachte Seespeck und vermutete, daß dieser Gegenstand wohl schon öfter unter ihnen beredet wäre. Man könne auch sonst sein Teil denken, wenn man wolle, und dabei kam ihm eine Vorstellung, daß er selbst mit Aufgebot aller Selbstbeherrschung nur ganz knapp am Rotwerden vorbeikam. Aber Fischer Seespeck, der immer rot war, vertrug in diesem gewissen Punkte keinen Spaß. Er wurde ungewöhnlich ernst, fast feierlich, übrigens eine Feierlichkeit, wie sie etwa Füchse der ersten Semester auf Couleurbildern zeigen, wo sie es noch nicht so recht gewohnt sind und sich halb und halb lächerlich vorkommen. Aber ehe er etwas sagen konnte, erhob sich seine Frau, und während sie ihr Nähzeug zusammenraffte, gab sie ihrem Schwager recht und dankte ihm, alles in dem leisen Ton des bittersten Verdrusses, dem man seit langem einen Maulkorb vorgebunden. »Er steht morgens früh auf und geht in die Ställe«, setzte sie hinzu, »aber um sechs ist er schon bei Kortüm.« Kortüm war der Krämer, der, wie diese Art von Geschäftsleuten, auch Spirituosen schenkte. »Morgens um sechs«, wiederholte sie im Abgehen, »und dann geht das über Tag so weiter bis zehn.« Damit war sie fort. Wenn seine Frau so großartig wurde, dann wurde Fischer Seespeck klein, er suchte abzulenken, und auch sein Bruder glaubte, daß es für heute wohl genug sei. Sie klöhnten ganz friedsam und tauschten, was ihr Bestes war, Kinder-Erinnerungen aus; denn das war ein Spiel der Seele, bei dem der Stadtfischer gewissermaßen zum sanften Heinrich wurde, es war, als erzählte er sich selber, wie seinem Kinde, die Wundergeschichten der Kindheit, und Seespeck wünschte oft, er könnte diese Gespräche stenographieren und ein Buch daraus machen, mit so süßen und sehnsüchtigen Sprüchen beschwor er die Empfindungen seiner früheren Tage. Er wußte noch »alles« und wußte das alles so von innen heraus, so stark war ihm das Gesehene, Gehörte, Gerochene mystisches Erlebnis gewesen, daß es Seespeck oft so schien, als wäre sein wahrer Bruder von damals tot und spräche verzaubert aus einem plumpen Dickwanst zu ihm wie durch ein Medium. Er dachte an seinen »Bandwurm« und lächelte in Gedanken über alle Begriffe von Schuld, Verdienst, Gut und Schlimm wie über einen lächerlichen Trödel. So saßen sie ohne Getränke bis spät in die Nacht hinein. Am nächsten Tage nahm er sein Geld und fuhr nach Hamburg, um seine Beziehungen zu lösen, und war nach einigen Tagen wieder in Wedel.

Er mietete in der Kuhstraße eine Ladenwohnung. Hinter den Schaufenstern ließ er einige landwirtschaftliche Maschinen stehen, die er von einer Fabrik in Vertrieb übernahm und die ihn mit gönnerhaftem Schwindel bei den Leuten einführten. Durch sie erfuhr man, daß Seespeck zum redlichen und mühvollen Gelderwerb auf der Welt sei, und daß weiter nichts dahinterstäke. Sie waren seine Trabanten, die ihn vor dem Beredetwerden bewahrten, und waren brauchbare Subjekte. Ob sie als Objekte Wert hatten, läßt sich verneinen, denn keines von ihnen ist verkauft worden. In den Hinterzimmern richtete sich Seespeck häuslich ein, und da er, wie man sich wohl sagen konnte, seine Tätigkeit auf das Land tragen mußte, so wunderte sich niemand darüber, daß der Laden zumeist abgeschlossen war, weil Herrn Seespeck seine Geschäfte auswärts festhielten. Frau Muckenheim, eine hexenhafte alte Frau, die seine Wohnung des Morgens besorgte, gab sich mit andern Problemen, als ob sie pünktlich oder unpünktlich entlohnt wurde, überhaupt nicht ab, sie hatte an ihre zwölf lebenden Kinder genug zu denken und war sechsfach verschwiegen wie die Gräber ihrer sechs toten Kinder. Eme und Ador fanden sich bald mit dem wunderlichen Treiben ihres »Freundes« ab, sie hatten auch nur ein einziges Problem -- und daß Seespeck es nicht sein würde, der Wedel hochbrächte, sahen sie bald. Sie meinten sogar, daß Wedel ihn herunterbringen würde, und so kam Weihnachten heran, und Seespeck fühlte sich im Orte ganz nach Wunsch und Willen wie ein Ziegelstein eines Hauses vermauert.

In den auslaufenden oder einführenden Straßen Wedels wohnen die Krämer, und vor ihren Läden stehen oft lange Reihen von Fuhrwerken von den umliegenden Gütern. Pferde und Wagen haben Geduld, bis die Kutscher alle ihre Besorgungen gemacht haben und bis all das Bier und der Kümmel getrunken ist, der so einem Wagenzug bei der Ausfahrt erst den rechten Riß und Zuck und das forsche Donnergepolter schafft. Ist dies wilde Heer glücklich auf die Landstraße hinausgetost und stehen Wedels Gassen alle unversehrt an ihrer Stelle, dann will sich eine schwere Stille herabsenken auf die schrägen Dächer wie ein Aschenregen nach einem Vulkanausbruch. Tag und Nacht, möchte man sagen, geht eine schwarze Gestalt um im Städtchen. Das ist die Gemeindeschwester, unermüdlich auf Kontrollgängen zu den Ziehmüttern unehelicher Kinder. Hermann Kobabe geht mit der Fischbutte hin und her; an den Häusern sieht man ein paarmal im Monat den Leichenwagen stehen, den das Geschäft des Posthalters stellt, ebenso wie seine Hochzeitskutschen von seinen zwei Postillonen gefahren werden. Wenn Seespeck den einen von ihnen, den Pausbäckigen, in dem schwarzen Habit auf dem Hochsitz vor der Vorderwand des Leichenwagens thronen sah, den roten, runden Kopf mit dem Dreispitz wie einen fleischig-saftigen Widerspruch gegen alle Todesgedanken siegreich über dem Ganzen, oder den alten, totenköpfigen Mahlmann in weißen Handschuhen den Hochzeitswagen lenken, dann war er wohl der erste im Städtchen, der sich aus dergleichen Aufzügen ein paar humoristische Symbole angelte. Und erst, nachdem er Eme und Adors Witz auf diese sonderbare Fügung gehetzt hatte, fingen die Hochzeitsleute an, bei Bestellung ihrer Traukutsche den dicken Sötbeer auszubedingen.

Der Posthalter aber stopfte die Hände in die Hosentaschen, als hielte er in den Fäusten etwas Lebendiges, dem er die Luft abdrückte, daß es nicht schreien konnte. Er liebte solche Späße und ermunterte Sötbeer, seinen Schnauzbart rasieren zu lassen und sich mit Hilfe einer tüchtigen Lockenperücke zu einem echten und gerechten Amor zuzustutzen, wozu allem Sötbeer geringschätzig lächelte. Dann wurde der Posthalter wohl weitschweifig und verfiel in ein ziemlich zotiges Phantasieren, alles auf Kosten Sötbeers. Mahlmann ließ er ungeschoren, denn wenn der lächelte, und er lächelte immer, wenn es am Platze schien, dann war es einem wie ein Stich ins Herz, man wurde betroffen und verlor alle Lust auf das zweite Mal; man fragte sich, ob er etwa über jemand lache, der hinter einem stände und Fratzen schnitte.

Aber etwas Neues als Erscheinung ließ sich in dieser Zeit doch im Lande sehen, das war ein schwarzer Musikant, ein echter Nigger von »drüben«, den sich der Stadtmusiker engagiert hatte, und wenn der unter der Haustür stand, schwärzte sein bloßes Gesicht die ganze Straße wie ein Tintenklecks die matte Bleistiftzeichnung. Kinder spielen überall, und man könnte denken, je mehr Geschrei sie machen, desto rötere Backen und stärkere Knochen kriegen sie. Sie waren aber die einzigen, die nicht so recht an Seespeck glaubten, wenn er auch mit einer ganzen Reihe Auserwählter angebunden hatte und alle diese kleinen Verhältnisse die Jahre hindurch, sei es mit Späßen, sei es bloß mit Fratzen oder in den delikatesten Fällen, nämlich bei den Verschämten und Furchtsamen, mit Augenverhör über den Bestand des gegenseitigen Vertrauens, ernähren mußte. Sonst bekümmerte sich niemand um ihn als die Steuerbehörde. Seine Wohnstube dehnte sich in seiner Anschauung bis Uetersen nordwärts, bis Buxtehude südwärts, bis Pinneberg westwärts und bis Gr.-Borstel ostwärts. Seine Mahlzeiten ließ er mehr an sich herankommen, als daß er ihnen nachgelaufen wäre. Manchmal trieb er langsam wie ein Schiff mit der Flut am Strand nach Blankenese hinauf, von Laune oder Sentimentalität aus der Bahn gelenkt, so daß der Zickzack- oder Bogenweg sich seltsam übers Land zog, sich in sich selbst verschlang und verknäulte. Hier ergänzte er seine Vorräte, die er feigerweise in Wedel nicht zu kaufen wagte. Und das wurde dann alles in allem sein Tagewerk.

Tagelang lag er dann versteckt in seinem Bau, kochte selbst und las oder simulierte stillvergnügt im Verborgenen der allgemeinen Unentbehrtheit; dann war der Kirchturm die einzige Stimme, der er lauschte. Zu andern Zeiten war es anders, dann ließ er sich beim Auszug die Morgensonne ins Gesicht scheinen und die Abendsonne bei der Heimkehr, und bei dem allen war er kein bewußter Genießer; ohne sich Rechenschaft zu geben über den Ertrag, lag er im Tauschhandel mit allem Elementaren wie Wind und Wetter oder dem großen Tagesgeschehen und den Erlebnissen der Stunde und der Zeit. Er war Seespeck bei Ausgang und kein Seespeck bei der Rückkehr. Dann war der Tag durch ihn hindurchgeglitten und hatte sein Bewußtsein, sein Ungenügen wie durch einen ungefüllten Tod in das verwandelt, was er sein Jenseits nannte, ein Nichtbegehren, Nichtmehrwissen von eigenem Ich. Aber wieder zu andern Zeiten und in andern Dingen war es wieder anders, ... und hier wird Seespecks Fall bedenklich.

Er hatte eben seine Augen nicht in der Tasche, und was so auf den Straßen, in den Häusern, auswärts und in der Nachbarschaft an menschlichen Wesen vorkam, das holte er sich mit den Augen wie mit dem geistigen Fangorgan an seine Seele. Wir sprechen von den Wesen, darin das Frauenhafte des Universums sich gestaltet hat, und das wußte Seespeck seit langem, aber es wurde ihm in den Wedeler Jahren so recht deutlich, daß da zwischen diesen rätselhaft gefügten Schwingungen, die diese Wesen einschließen, Weltgeheimnisse sich verfangen haben mußten, denen man nachspüren kann, ohne je zu ermüden.

Und es wurde dem guten Seespeck in seinem Busen oftmals bange bei all diesen Blickerlebnissen. Was sollte es heißen, wenn er sich gestehen mußte, daß seine Augen oder seine Sinne dicht an die äußerste Grenze gekommen schienen, wo bei seinem weiteren Vordringen das blanke nackte Sein ohne Schein und Schleier sich zeigen mußte? Er wurde mit der Zeit so erfahren, daß er viele Gestalten in ihren einfachsten Formeln besaß, und man könnte leicht einige Dutzend weibliche Porträts hersetzen, die alle keine weitere Mühe als einige sparsame Kurven kosten würden. Oder man könnte sie als Fügungen weniger Flächen und Kanten bezeichnen, darin jedes dennoch als Einziges und in tausend Ewigkeiten so nicht dagewesene Unerklärlichkeit zu erkennen wäre, als Kristallisationen eines Wesens. Was war es, das ihm das Herz schwer machte, wenn er, solch ein nahendes Wunder mit den Augen empfangend, einem schon verschwindenden nicht entsagen mochte? Wenn ein paar Längen- und Querteilungen ihm wie ein Stück sichtbarer Musik übers Pflaster zu wallen schienen? Wie betroffen machte ihn Schönheit! Und Schönheit war ihm das Bißchen, das scheinbar geringe Wenige, was ihm zum Inbegriff des Ganzen wurde. Zu mehr. Er fing eine Chiffre mit den Augen auf und übersetzte sie im Geheimsten seines Ich, dort ergab sich eine Unfaßbarkeit an Schönheit. Was aber nun da auf seinen Füßen entschlüpfte, seine Wünsche, sein Lebenszwecklein forttrug, das schien ihm alles Schellengeläute an einem Gerippe und wurde, je länger gehört, desto unharmonischer. Die Harmonie, die hatte er gegriffen, das war sein Teil, sein Eigentum. Das war voll Wert und bekam seinen Edelrost mit der Dauer, der es nur wunderbarer machte. Es war dem Gewöhnlichen abgezwungen, aus dem Langweiligen hervorgeblitzt. Getrost glaubte dann wohl Seespeck in seiner Verwirrung, Weltseele zu erkennen, an individuellem Leib- und Menschentum ruchbar und hörbar und augenscheinlich gemacht. Meta Kobabe, die ihm näher oder ferner immer wieder aufstieß, hatte den Anfang in Wedel gemacht. Mochte die eine Kindesmörderin sein! Aber sie war doch auch ein Stück sehnsüchtiger Freudeninbrunst, die er nicht ohne Erschütterung spüren konnte. Andre folgten ihr, ohne sie zu verdrängen, man sollte denken, daß ein Straßengänger, der auf dem Markt bei einer Begegnung einen Stich ins Herz empfunden hat, recht ins Tiefste, dadurch bei einer Begegnung in der Wasserstraße vor einem gleichen Stich sicher gewesen wäre. Dem war nicht so. Die Schulauer Mieke hatte es ihm angetan, aber auch die Holmer Wiesche. Die Mieke war, es darf nicht verschleiert werden, eine Küchenkönigin, in ihrem Gesicht hatte sich die Farbe der sprühenden Flammen gefangen, in ihren Augen der blaue Rauch des Torffeuers, und im Haar spiegelte sich wie abgefärbt die alte, braunrötliche, duff gewordene Kachelwand des Herdes. Sie war leise im Hin und Her, und wenn bei ihrem tüchtigen Gewicht im Schreiten die Diele leise beberte, dann schien es Seespeck, als ob den Boden und die Wände bei der Berührung ihrer weichen Füße dieselben Schauer überliefen, die auch ihn wie ein scharfes Frösteln ankamen. Die Wiesche war anders; sie war aus Holm, er begegnete ihr später bei ihren Verwandten, den Leuten vom Wirtshaus im Jenseits. Dieses Jenseits wurde von den Diesseitigen so genannt, weil es am andern Ufer einsam lag, und war da ein Ausflugsort für Sonn- und Festtagspublikum und ein gelegenes Quartier für Entenjäger aus Wedel. Hier waren sie und Anna, genannt die schöne Anna, beides Verwandte, die eine des Wirtes, die andre der Wirtin, Seespecks Gesellschaft an langen Winterabenden, wenn er, der auf dem Wasser in dieser Gegend allmählich ganz heimisch geworden war, seine Straße hinüber wie durch Geruch gefunden hatte. Die Wiesche war ganz jung und schien auf ihre Kinderhaftigkeit zu pochen, wenn es lustig und ein wenig mehr, schon einen Grad gefährlich, wurde. Ihre Fünfzehnjährigkeit war erstaunlich ahnungslos, aber die war schon fast dahin, und ihre nahende Sechzehnjährigkeit war voll von einer tolpatschigen Ahnungsseligkeit, die ihr Anna Schön, genannt die schöne Anna, bisweilen gutmeinend und mit Scheltworten aufmutzte, wie man einen jungen Hund an seine Reinlichkeitssünde erinnert. Sie versprach eine Gestalt wie ein Heldenweib, aber noch konnte Seespeck sie mit zwei Fäusten an den Armen wie ein Kind regieren, wenn er sie einmal vom Steg ins Boot hob. Dann war die schöne Anna stets dabei, und die beiden Kusinen bewachten einander gegenseitig. Die Anna, die wohl nicht so schön war wie ihr Ruf, hatte doch die ganze Anmut eines steifen, in leise schwingenden Linien zusammengefaßten Schnitzbildes. Sie hatte ein festes Wesen, und es konnte Seespeck unterlaufen, daß ihn im Heimrudern auf dem dunklen Wasser über sie so etwas wie eine Rührung anwandelte, und er dachte: ›Die könntest du nun heiraten und würdest es nie bereuen‹, so klar stand sie in ihrer Redlichkeit und Vollendung vor seinen Augen. Treu wie Gold, hätte man schwärmen mögen und dazusetzen: fein wie Silber. Sie hatte sozusagen zwei Väter, einen gesetzlichen und dann ihren wirklichen, denn sie war einem Ehebruch entsprossen, und der wahre Vater besuchte sie ab und an und brachte sie mit seinen Kindern zusammen wie mit ihren Geschwistern.

Wenn er durch diese Winterschauer herüberruderte, stak des Halbmondes blankes Beil im Himmel fest und nicht weit davon, wunderlich groß, wie ein Mondjunges anzusehen, der Abendplanet. Eisschollen stießen gegen den Bord, und das ziehende Wasser schauderte wie das Leben selbst in Winterkälte. Daraus zog der Mond mit durchdringendem leisem Tasten und dem Kitzeln dünner Strahlen gespensterhaftes Leben hervor, Jenseitsgefunkel. Aber das alles verfloß vor Seespecks Gedanken, denn grade gegen Osten, auf den steigenden Orion los, ging sein Kurs. Der Sternkaiser ragte schon über der weiten blanken Wüste, und nur der rechte Fuß war noch unterm Horizont. Sein himmeldurchstürmendes Drohen fuhr vor ihm majestätischer als je, und alles am Himmel stand starr im Reigenaufzug, streng eingeteilt nach Nord, Süd und Westen, angetreten zum Vollzug der allnächtlich großen Tanzfigur, deren ungeheuer langsamer Schwung den Orion bis drei Uhr nachts an den leeren Platz bringen sollte, den vor einer Stunde die Sonne verlassen hatte, und in welcher der Wagen den Himmel rückwärts empor über den Polarstern wegrollen und seine Deichsel, den großen Zeiger des Himmels, nach dem heiligen Osten richten mußte, wo die Sonne wieder hervorkommt. Gegen den Orion ging die Fahrt und gegen die Ebbe und gegen den grausamen Wind, der wie schneidender Atem der Majestät vor ihm heranbläst. Wie hinter den Sternen hervor klang das Schreien unsichtbar fliegender wilder Gänse, Stimmen wie stoßweis erpreßt vom Anprall querfliegender Baßnoten. Dann murmelte Seespeck wohl, warm vom Rudern, vor sich hin: »Die kalte Herrlichkeit der Orion-Nacht bekleidet den Mechanismus des Ultra-Begreiflichen, wer aber schaut und staunt, dem wird Schauen und Staunen und er sich selbst zur Unbegreiflichkeit. -- Ich will aber heute Grog trinken.«

Im Jenseits war das Schwein geschlachtet, und diesen Abend sollten Würste gemacht werden. Die Mädchen schleppten Kübel mit Fett und Fleisch, und Jan, der Wirt, stand wie ein Heldentenor an der Wurstmaschine. Seespeck gesellte sich zu ihm, und sie gossen um die Wette Grog in den Schlund und drehten mit fettglänzenden Fäusten an der Kurbel. Über ihnen und um sie heulte die Winternacht, aber das Grammophon am Ofen übertönte alles mit dem Gebet aus Lohengrin.

Ein schweres Stück ist es, hiernach von des Posthalters ältester Tochter zu sprechen. Um die Zeit, wo Seespeck zwischen Eisschollen hindurch auf den Orion lossteuerte, dachte er noch nicht an sie, ja, er hatte sie kaum gesehen. Sie war verlobt mit einem jungen Nichtstuer aus gutem Hause, und diese Verlobung wurde von ihren Eltern mit einer Beklemmung angesehen, die auf die Tochter übergriff. Und von ihr auf ihren Verlobten. Langsam kam es ihm zum Gefühl, daß man, um zu heiraten, ein Mann sein müsse, der noch etwas Anderes versteht, als in Sympathie auf der Stundenmühle zu mahlen und zum Beschluß mit dem Mehl einen leckern Kuchen zu backen und gemeinsam zu verzehren. Er erschoß sich, aber sie war schwanger, und vermutlich erschoß er sich, weil sie schwanger war. Das alles war für den Zigarrenstummel zwischen des Posthalters Zähnen eine gute Gelegenheit, noch munterer zu tanzen, und für das jüngere Fräulein in der Posthalterei, das seiner Puppen schrecklich überdrüssig geworden war, bedeutete es die wunderbare Neuordnung ihres Lebens. Sie leistete, so viel sie es vermochte, ihrer Schwester bei allen Beschwerden und Kümmernissen ihrer kommenden Mutterschaft Beistand, ja, es konnte scheinen, daß sie die echte Mutter sein würde, trotz der andern, denn sie schaukelte die Hoffnungen der Familie, Hoffnungen, die das ganze Städtchen natürlich als eitel Verzweiflung erkannte, Tag und Nacht in einem zukunftsfröhlichen Herzen und steckte ihre Schwester und Mutter mit ihrer Herzhaftigkeit immer wieder an. Natürlich erhob sich ein allgemeines Geraune über diese Sache. Viele bezweifelten überhaupt, daß sie so heikel sei, und fragten spöttisch die andern, ob man seine Tochter nach dem Tode ihres Verlobten nicht einmal in die Welt hinausschicken müsse, bloß um sie zu »zerstreuen«, etwas Anderes und Bestimmtes würde man niemals erfahren. Aber der Posthalter schickte seine Tochter nicht in die Welt hinaus, und so gewann langsam und sicher die Erwartung immer mehr Boden, daß im Hause der Eltern die Geburt eines unehelichen Kindes geschehen würde. Das alles vermochte Seespeck nicht neugierig zu machen; was seine Augen nicht einstecken konnten, glitt an ihm ab. Das mag man deuten, wie man will, gewiß ist, daß er die Posthalterstochter nicht auf der Straße zu sehen bekam, obgleich er fast täglich an ihrem Hause vorüber mußte, und also wußte seine Seele nichts von ihr. Übrigens traf er um diese Zeit auf Weihnachtsurlaub einen jüngeren Schulkameraden aus Wedel, einen Zollamtsassistenten, einen offenen und ehrlichen Menschen, der nichts sein nannte, als seine Uniform als Äußeres und seine redliche Seele als Inventar. Seespeck suchte ihn mehrere Male im Roland auf, denn er machte sich nichts aus dem Kultus, den man mit Eme und Ador zu treiben anfing. Da er wenig wortgewandt war, so wußte er nicht viel gegen sie auszurichten, weil er aber kürzlich Reserveoffizier geworden, ließen sie sich seine gleichsam gähnende Nichtachtung, so lange er in Hörweite war, ohne Murren gefallen. War er dann gegangen, so lobten sie ihn, wie man eine Seifenblase preist, die ihren Glanz in wenigen Sekunden aufbraucht, und nach seiner Abreise war er für sie geplatzt.

Den Weihnachtsabend verlebte Seespeck bei dem alten Pessim. Dieser hatte einen Sohn, der ein wildes Genie sein mußte und im Laufe der Zeit auf schlimme Wege gekommen schien. Es hieß, er säße im Gefängnis, aber da der Alte nicht davon sprach, so stellte Seespeck keine Fragen danach, vergönnte sich aber doch, da er den Alten bisweilen über Briefen fand, die er für solche seines Sohnes hielt, gegen Eme und Ador davon wie von geheimnisvollen literarischen Wertstücken großzutun, die einmal den Ruhm Wedels begründen würden. Hier, in diesen Papieren, deutete er an, und schien dabei fahrlässig die Erwartungen Wedels von ihrer beiden Anstalten zu seiner Größe als unwichtig auszuschalten, müsse man den Hebel sehen, der das Städtchen hochheben würde, wozu allem sie die Augenbrauen aufzogen und auf geistreiche Art Stroh zu kauen begannen. Nun, an diesem Abend beim alten Pessim dachte Seespeck bisweilen, wenn er den Glanz der Lampe auf seinem Schädel sah, daß darin wie in einem Tonnengewölbe ein Geist, wie ein Däumling klein, nackt und einsam hocke und lausche auf das Getöse, das von draußen mit Klopfen und Rauschen durch die Wand dröhne. Es gab hier keinen Lichterbaum und keine Bescherung, nur heißes Getränk, und während sich der Alte den ersten Teil des Abends vorgenommen zu haben schien, das angestrengte Lauschen des Däumlings in seinem Schädel nicht zu stören, fiel er im zweiten Teil mit dem Nachdruck einer seewärts gehenden Ebbe in seine eigentümliche Gewohnheit des »Einkochens« und ergoß seine langgestauten Ergründungen, manchmal in Wirbeln, manchmal in Stürzen, meistens aber in gleitender Gelassenheit immer ergiebig im schweren Fließen. Er nannte es »Einkochen«, weil er seinen Gegenstand dabei zur Brühe werden ließ, die man löffelweise schmecken konnte. Von Eme und Ador sagte er, sie kämen ihm vor wie zwei umgekehrte Swedenborgsche Geister. Anstatt wie diese, die man nur von vorne betrachten dürfe, gewissermaßen nur Fronten zu haben, hätten sie nur Hinterseiten. Wie man sie auch zu sehen bekäme, sie kreisten immer umeinander, und einer borge immer den andern um etwas Licht und Leben an, da keiner von beiden dergleichen besäße, jeder aber immer auf den Vorrat des andern Bezug nähme, so müsse es eben bei einem ewigen Rückenweisen bleiben.

Aber meistens blieben seine Vergleiche im Bürgerlichen und waren nicht eigentlich sarkastisch. Er entwarf ein Bild der Leute von innen heraus und schälte ihnen gutmütig wie Pellkartoffeln das Äußere ab, zerschnitt sie und demonstrierte ihr Verhalten während des Verdampfens. Er war ein Rechenmeister und korrigierte die falsch gesetzten Gleichungen und lebte dann wie ein Hellseher in einer erfüllten Zeit und betrachtete seinen Gegenstand wie mit Zirkelaugen zugleich von Anfang und Ende. Er war der Ansicht, daß die meisten Menschen gar nicht auf zwei Beinen gingen, sondern auf vieren, nämlich mit Hilfe unsichtbarer Krücken. Die Dinge lägen eben doch nicht alle so klar am Tage wie das Gesetzbuch, das von sich aus beißen möge, wie es ihm zukomme, ausbelle. Man dürfe, wo einmal jemand die Stützen abhanden gekommen, den Strauchelnden nicht gleich berufen. ›Er denkt an seinen Sohn‹, merkte Seespeck bei sich an.

»Nun wollen wir einmal zusehen«, fuhr der alte Pessim fort, »wo die Menschen ihren Schwerpunkt haben, und da ist gleich zu erkennen, daß niemand im Gleichgewicht ist und überhaupt ein allgemeiner Schwindel besteht. Die meisten recken krampfhaft den Kopf hoch und halten sich mit Mühe grade. Sie sind schlechter daran als lahme Bettler an den Straßenecken, weil ihr Gebein für den allgemeinen Eilmarsch überhaupt nicht eingerichtet ist. Ich kenne einen in der Nachbarschaft, der mir vorgestern sagte, sein Schönstes wäre es, manchmal die Augen zuzumachen und das ekelhafte Denken sein zu lassen. Schlafen wäre überhaupt das Einzige, was er wirklich lieb hätte. Und der Mensch hat eine große Familie und ist gut gestellt. Er ist vielfaches Vereinsmitglied, hat Ehrenämter und ist durchaus ein Elefant von Mensch. Was er treibt und vor sich bringt, hat gar nichts mehr mit ihm selbst zu tun. Heute ist da große Bescherung, und er freut sich vielleicht auch, daß die andern sich freuen, aber was der arme Kerl eigentlich möchte, ist etwas ganz anderes, und er weiß selbst nicht, was es ist. Er steht draußen und ist doch das Fundament eines großen Geweses; ist das ein vernünftiges Gleichgewicht? Nur weiter! Was hat der Bürgermeister nicht für Verdienste, jeder sagt es, und es wird wohl auch so sein. Er ist magenkrank, darf sich aber nicht schonen und muß schon wegen seiner Tochter überall mitmachen. Glauben Sie, daß seine Frau und Tochter es nicht wissen? Bewahre, Dr. Bester hat es ihnen unverblümt gesagt. Er ekelt sich vor jedem Diner, aber -- Friedchen muß doch flirten! Liebt sie ihn denn nicht? O doch! Er ist ja ein so guter Pappi! Heute, glaube ich, hat er Eme und Ador zur Bescherung einladen müssen, und die Frauen sorgen dafür, daß das Haus in Glanz und Flor steht. Er freut sich vielleicht darauf, daß er es, ohne zu mucksen, noch einmal durchsetzt, und er steht auch schon draußen und möchte am liebsten die Augen zumachen. Diese Leute leben alle in abgedeckten Häusern. Er ist eine Vogelscheuche von Mensch und läßt sich von seiner Tochter abrichten, wie ein Baas dazustehen.«

»Das sind olle Kamellen«, antwortete Seespeck. »So«, fragte der Alte, »ist das eine Entschuldigung, was wollen Sie damit erklären?« »Ach was -- Erklärungen -- Entschuldigungen -- ich danke«, sagte Seespeck, der an unermeßliche Weltanschauungsgespräche von früher zurückdachte, »kochen Sie ruhig weiter!«

»Also gut«, antwortete der Alte und strich über seinen Schädel, als wollte er die Rebhühner seiner Gedanken zwischen den Stoppelfeldern aufscheuchen -- »also gut!« Dann ballte er die Faust auf dem Tisch und machte die Augen zu. »Es ist ja einerlei«, meinte er dann, indem er zum Aufstehen anrückte und die jetzt weit geöffneten Augen auf Seespeck richtete, »wollen Sie ein paar Briefe von ihm lesen?« »Ihm« sagte er in der verhaltenen Erwartung des Einverständnisses, mit der etwa die Jünger vom toten Jesus gesprochen haben mögen; er meinte seinen Sohn, und da Seespeck zustimmte, so holte er sein Kästlein und teilte ihm wie aus einem Fruchtkorbe eine Portion daraus zu.

Seespeck las: »Lieber Vater, sei so gut und sterbe nicht; mir träumte heute nacht, Du wärest tot, und da kam es mir so vor, als müßte ich verrückt werden. Denke dreist von mir: er ist einer der bravsten, und bleibe gesund und gräm Dich nicht. Erstens verdienst Du es nicht, und dann bin ich ja ein verlorener Sohn und muß wissen: es gibt einen Vater, der vergibt und am Ende doch mal ein Kalb schlachtet, ein Fest anstellt im Geiste und seine Liebe über mich breitet wie einen wollenen Schlafrock, um meine Blöße zu entschuldigen. Das ist mein liebster Gedanke: der Alte ist wie ein kluger Hund und hat die Nase für das Echte, und das Echte ist bei mir so gut von Gottes Gnaden und so unverfälscht wie bei ihm selbst --.« Und weiter: »Lieber Gott, mach mich nicht frömmer, als ich bin, ich fürchte nicht wenig, es ist schon zuviel des Guten in mir. Warum? Die Frommen müssen ja faul werden, ihnen geht's ja gut, sie sind ja in ewiger Sicherheit, was kann ihnen passieren! Aber wir andern, wir Sünder, wir merken, was es heißt: auf der Welt sein, an uns hängen Gewichte und zerren und überdehnen uns -- sehnen, sehnen tun wir uns, wir sind gespannt bis zum Reißen. Habe ich nicht schon oft gesagt: wie glücklich bin ich, so unglücklich zu sein? Die Frommen merken gar nicht, was in der Welt eigentlich die Welt ausmacht, die armen Frommen! Sollte ein gutes Gewissen wirklich ein sanftes Ruhekissen sein? Meinetwegen, aber ein schlechtes Gewissen schläfert nicht ein, mit einem schlechten Gewissen fangen wir an, Hellhörer und Hellseher zu werden, wir Mäuslein in der Falle hören Farben und sehen Töne, wir Armensünder wenn in unsere Zelle halb vier Uhr die Sonne durch den Baum im Hofe scheint und die Sonnenkringel hin- und herschwingen, glauben leicht: so sieht unsere Seele aus, so ein Lichtschattengemisch ist's in uns. Wenn dann die Sonne verdunstet und der Schatten bleibt, bleibt bis zum nächsten Tage halb vier, dann wissen wir doch, wir sind nur Hälften, und unser Anderes sitzt nicht mit im Loch.« -- Und weiter: »Lieber Onkel Vater, da hast Du einen Brief: vier weiße Seiten, mach Dir selbst einen drauf, wie Du ihn möchtest, es ist alles recht, Du weißt es doch besser als ich, was Dir Freude macht -- und etwas Anderes wollte ich ja nicht.« Und am Ende der letzten Seite: »Dein alter Junge.« Und weiter: »Lieber Vater, Du bist nun heute auf den Punkt dreiundsiebzig Jahre alt, ein schönes Alter! Und von diesen dreiundsiebzig habe ich Dir zwanzig gründlich versalzen und wundere mich selbst und denke: Du wunderst Dich auch darüber, wo ich noch immer den Mut hernehme, an Dich zu schreiben. Aber lieber Onkel, wenn man so seinen Kummer liebhaben kann, wie ich zuweilen meinen, wie mußt Du Deinen Sohn liebhaben! Denke Dir, ich in meinem Loch, weiß Gott, ich wollte, ich hätte auch so einen Sohn. Denn das ist nun mal einerlei, was man durch seine Söhne lernen kann, muß phänomenal sein. Und wenn wir nun noch weitergehen: was Gottvater alles von seinen lieben Menschenkindern erfährt, muß ihn ja aufblähen! Übrigens denke nicht, Vater, ich maulte mit meinem Geschick, das wäre wohl so ziemlich das Unziemlichste für Brüder wie mich. Der Berthold schrieb mir neulich einen sehr netten Brief, ich sollte nicht glauben, daß ich von ihm vergessen wäre, aber freilich wäre es eben nur eine an einen unvergeßlichen Freund lebengebliebene Erinnerung, die er immer werthalten würde. Mit anderen Worten: er stranguliert mich und legt mich in seinem Gedächtnis in Sauer. Wehe mir, wollte ich ihm dereinst eine Dankvisite abstatten; er würde anfangen zu schreien: es spukt, es spukt!«

So las er weiter, bis es dem Alten genug schien und er die Zeremonie mit dem Kästchen, diesmal in umgekehrter Ordnung der Handlungen, wiederholte. Auch dies, wie er alles tat, mit der nachdrücklichen Umständlichkeit selbst in den Nebendingen, die allem seinem Vornehmen Wichtigkeit und Würde gab. Darm ließ er für den Rest des Abends den alten Dr. Seespeck zu Worte kommen, der ungefähr in den jetzigen Jahren Seespecks als Vorläufer Dr. Besters in Wedel eine Praxis begonnen hatte. Er hätte im Äußeren diesem Sohn geglichen, übrigens sei er ein forscher und tüchtiger Mann gewesen, gut zu Pferde und unermüdlich zu Fuß. »Wenn der kneipte und anfing, duhn zu werden, sagte er: heute wollen wir dem lieben Gott aber mal fröhlich ins Angesicht sehen! Den Schluck haben Sie auch von ihm«, fügte er hinzu, »er vertrug nur etwas mehr als Sie« -- kurz, er machte sich kein Gewissen daraus, am Weihnachtsabend merken zu lassen, wie verwunderlich und außer aller hergebrachten Art ihm dieses noch jungen Menschen Treiben erschien. Freilich, ohne daß Seespeck ihm zum Dank etwas Näheres oder sonst Erklärendes über seine Absichten hätte sagen können. Er nahm die unschmeichelhaften Vergleiche mit seinem Vater hin, indem er an den jungen Pessim dachte. ›So‹, meinte er, ›da ja andre Söhne auch aus der Art schlagen, warum soll ich mich besonders schämen; wenn ich nicht im Gefängnis bin, so komme ich vielleicht noch hinein, und wenn mein Vater lebte, so würde ich ihm auch Briefe schreiben, die er dann in einem Kasten sammeln könnte.‹

Als er gegangen war und vor der Tür einen Augenblick innehielt, dachte er: ›Ich stehe nach der Bürgerregel eigentlich ebenso gut und entschiedener »draußen« als der Bürgermeister, und doch möchte ich meine Augen nicht zumachen. Ich stehe eigentlich vielleicht sogar recht »inmitten« -- und das ist die Bescherung für mich, es zu wissen.‹

Als er aber dann die Straße hinaufschlenderte, an den hellen Fenstern vorbei, die alle irgendeine Bescherung hinter sich bargen, wie ein melancholisches Bewußtsein von einem vorüberhuschenden Glück, da wollte ihm doch das Gefühl, inmitten zu sein, nicht recht glücken. Ein Vers fiel ihm ein, den er einmal geschrieben: »Mit Tausenden im gleichen Tritte, doch ohne Mund- und Händegruß, der Erdensehnsucht recht inmitte...« weiter wußte er es nicht. Am Markte, an der Ecke rechter Hand, stand sein Vaterhaus, ein stattliches Gebäude, auch geweiht von diesen hellen Fenstern, und ihm gegenüber als anderes Eckhaus dieser Spuk von Kobabes Laden. Kobabe selbst stand davor, die Hände in den Taschen, den Kopf gesenkt und die Zigarre aus dem Munde hängen lassend. Nun muß zugestanden werden, daß Seespeck mit Meta wohl keine verbotenen Mund- und Handgrüße getauscht hatte, daß zwischen ihnen aber doch im Verlaufe der Monate unvermerkt, wie das so kommt, bei seinen Besuchen im Laden oder bei Begegnungen auf der Straße eine Gewohnheit gewachsen war, die von beiden als angenehm empfunden und weder von ihm noch von ihr vermieden wurde. Was für Geschäfte Meta an seinen Fenstern vorüberführten, wußte Seespeck nicht, aber da er sonst kein besseres hatte, so machte er sich, wenn er zu Hause war, ein Geschäft daraus, ihr nachzusehen. Daß das Backwerk und Obst des Kobabeschen Ladens nichts taugte, war stadtbekannt, aber Seespeck besorgte seinen Bedarf dennoch hier -- wie er bei sich annahm, aus Erkenntlichkeit. Dann traf er Meta oder die Mutter, und in beiden Fällen wurden einige muntere Worte gewechselt, und eigentlich, fand Seespeck, war es mit der Mutter am nettesten. Aber wenn die Mutter gescheit war, so vermißte er an Meta die Gescheitheit nicht einmal und ließ das Spiel ihrer Bewegungen wie einen Klingklang für die Augen vor sich abschnurren. Es lockte ihn heute gar nicht, mit Vater Kobabe zu sprechen, und er wollte kurzab in seine Kuhstraße biegen, als er sich angerufen sah. Sie begegneten sich halbwegs. Ob er den Melkknecht Lorenz von Utermöhls nicht gesehen hätte, fragte Kobabe. Dieser Anfang mißfiel Seespeck im höchsten Maße. Den Melkknecht? Den kannte er gar nicht, hatte ihn also auch nicht gesehen, dann wünschte er fröhliches Fest und eilte nach Hause. Er ging spornstreichs zu Bett, immer den Melkknecht wie einen falschen vierten Reim seines Verses im Kopfe. Er stellte sich dabei einen grinsenden Flegel vor, der sein eigenes melancholisches und zauderndes Dichten und Trachten mit einer Stallpfeife überstänkerte. Sollte Meta etwas mit dem Melkknecht zu tun haben? Er drehte sich wütend um und wieder um und stand schließlich wieder auf und ging im kalten Zimmer auf und nieder.

Nein, er fühlte sich wirklich nicht »inmitten«. Es frug ja niemand, was er mit der Meta vorhatte, also brauchte er keine Antwort darauf zu geben, hatte auch selbst gar nicht darüber nachgedacht. Allmählich verlor sich seine Wallung, es ließ sich in Gesellschaft seines stumm hin- und herwandernden Schattens doch recht angenehm leben, der biß nicht mit Fragen auf ihn ein und schien in seinem herrlichen Schwanken zwischen Riesigkeit und Menschenkleinheit, in seinem Gleiten längs der Wand, im Auf- und Abdunkeln bei Schwellen und Schwinden ein zwillingsbrüderlicher Schutzpatron zu sein, ein gutherziger Mephisto, den man nur rufen durfte, daß er seine Schwarzkünste hergab. ›Ich bin ein Zauberlehrling‹, phantasierte Seespeck, ›ich soll einmal lernen, wie er, im geheimnisvollen Dasein wirklich zu sein: bist du meine Erfüllung? Wie bist du also? Weißt du, was ich ahne? Du verbreitest dich über alles, lässest dich von Wand und Decke und jedem Möbel verzerren, lässest jede Farbe durchscheinen, alles ist in dir und macht dich neu und anders, und dennoch bist du immer derselbe, unveränderlich in dir selbst, ob du auf der Diele liegst, gegen die Wand dringst, auf den Boden steigst, groß oder klein, bist du derselbe, nur dein Ursprung ist in mir. Getrost, Seespeck, mit deiner Ziel- und Zwecklosigkeit wird es auch beschaffen sein wie mit seiner, du wirst sein wie ein Schatten, mächtig und zart, alldurchdrungen, allempfangend, wie der, mit dem du verbunden bist.‹ Und er fühlte sich inmitten der Weihnachtsnacht doch nicht mehr »draußen«.

Ob Meta sich an diesem Abend auch mit einem Schatten unterhalten hat, weiß man nicht.

Die Weihnachtsfesttage und einen Teil der Winterdämmerung verbrachte er in der Zurückgezogenheit des Murmeltiers, Tag und Nacht wie ein paar gute Pflegemütter um sich raunen lassend, die Morgengewohnheiten oft dem Abend zuschiebend, die des Abends dem Morgen überlassend, wie ein Kind bei der einen Tante Schutz vor der andern sucht, je nachdem die eine oder die andere grade die freundlichere ist. Die Nachmittage des Festes saß er im »Jenseits« und fühlte sich im Gedränge der Kaffeeschlacht mitten im Gewühl der sonntäglichen Allerweltsmenschlichkeit zugleich gerettet und verloren. Ohne Freunde, erlaubte er seinen Augen im Versteck der Einsamkeit Freundschaft mit aller Dinglichkeit, mit jeder Farbe und Form, und das Licht der Welt wurde eigentlich erst in diesen trübhellen Wintertagen zum Bruder seiner Seele. Wenn es durch beschlagene Fenster drang, im Lärm der Gaststube rauchig-stille Welten spann, auf sprechende Lippen seine Silberstücke legte, als wollte es das Wort schwerwertig und vollgültig machen, sich auf der Tischplatte mit ihren Gläsern und Tassen in Vielfarbigkeit schichtete, dann war der stumm blickende Seespeck dankbar und still. Wiesche und die schöne Anna holten und gaben Blicke durch das Geschmor von Dämmer und Geschäftslärm darein, und Seespeck dachte dabei nur dies eine: ›Gott sei Dank, sie sind schön und fromm.‹ Vielleicht dachte er auch: ›Gott erhalte sie mir so fromm und schön.‹ --

Während mehrerer Wochen nach Neujahr wurde der Eisgang so stark, daß das Jenseits vom Diesseits abgeschnitten blieb. Aber Seespeck wußte sich zu trösten, wenn er seines Murmeltierdaseins überdrüssig wurde, dann war ja seine »Wohnstube« zwischen Itzehoe und Winterhude groß und luftig genug. Die Lang- und Querteilungen, die er als lebendige Musik über die Straßen gehen sah, gaben ihm immer neuen Ansporn, keine Winkel dieser Wohnstube zu vernachlässigen. Doch band er nicht jederzeit alles in mystische Deutungen, und es gab Zeiten, wo er nichts Geringeres als den Abschied seiner Jugend entdeckte und sogar mitten im Schwindel einer überraschenden Begegnung ein unwirscher Ton so rumorte: ›Aussehen tut sie ja gut, das muß man ihr lassen, aber sonst -- nur vorbei, ohne daß sie erst den Mund aufgemacht hat! Ich würde nicht wissen, was meine Augen für ein paar Burschen sind, daß sie mir etwas weißmachen, was meine Ohren mir widerlegen.‹ Unterdessen klopfte er einmal bei Frau Muckenheim auf den Busch und erfuhr, daß der Melkknecht Lorenz seit Oktober frisch vom Militär in Wedel eingerückt wäre. Er war einer, bei dem, wie Seespeck bald heraus hatte, der helle Mai der Jugend nachgrade herangerückt war, und der just so aussah, als wolle er diesen Mai nicht verschlafen. Leute wie Seespeck ihrerseits werden eigentlich niemals so recht wach aus ihrem Traum, und so waren Seespecks Meta und Lorenzens zwei so verschiedene Personen, daß sie zu Vergleichen nicht zusammenzubringen waren.

Wie sich nun die Zeit so vorwärtsschob, vom März in den April und dann in den Mai hinein, ereignete es sich, daß der Posthalter eines Abends im Roland, wo Eme und Ador am Tische längs angesessen waren, mit zurückgebogenem Kopf und abwechselnd vorgestoßenen Schultern eintrat, so daß er eigentlich mehr hereingeritten als -gegangen kam. Er setzte sich so mastig nieder, als wären seine Pfunde doppelt geladen. Die eine Faust hämmerte auf der Tafel, die andre suchte in Taschen und an der Stuhlleiste, in seinen Haaren oder auf den Knien nach irgendeinem unseligen Lebewesen, dem man das Genick umdrehen könne. Als er nun saß, warf der Strom aus seiner Brust wie bei mehrfachem Anprall im Innern an zerklüftete rauhe Wände aus der Tiefe baßpolternd einige Worte hervor, ein paar eilige Brocken Plattdeutsch: »Min Dochter hett en lütt Bebi kregen -- hewt Ji hürt? Ja? Na, denn is god, denn wölt wie von wat anners snacken.« Und dann, als wäre dies das Erste und Letzte von der Sache und das Spundloch könne nun geschlossen werden, klemmte er die Zigarre zwischen die Lippen, sog und paffte und war wieder der Alte, und niemand hat jemals in seiner Gegenwart ein Wort über seine Tochter und ihr Kind gesagt. Seespeck erfuhr es von Ador und Eme noch am selben Abend bei einer Begegnung auf der Straße, denn dieser gemeinsame Floh, der von einem zum andern hüpfte, litt sie nicht auf ihren Stammsitzen. Jemand schien sie an den Ohren aus dem Roland gezogen zu haben, denn sie standen weiter von den Köpfen als sonst, und ihre Lippenpaare dehnten sich zu weiten und hohen Brunnenröhren, um die Neuigkeit allerseits zu zerstäuben. Am wildesten trieben es ihre Augenbrauen, denen kein Ort hoch genug war, Flügelpaare ihrer Bedeutsamkeit und Beschwinger ihres Glücks. Denn sie waren glückberauscht und erschüttert von einer Seligkeit als berufene Breittreter und Beschwätzer aller guten Mißhelligkeiten, die andern begegneten. Seespeck sprach ihnen gut zu, nicht blöde zu sein und Honorar zu nehmen, die Neuigkeit wiege gut und gern ein Rhinozeros auf. Dann ließ er sie auf die Stadt los.

Um diese Zeit traf er bei gelegentlichen und schließlich regelmäßigen Bahnfahrten von Blankenese oder Hamburg heimwärts ein Fräulein, das eine Altonaer Dame, die er in einem gottverlassenen Augenblick für das Problem zu interessieren riskierte, kurzweg als »Nähmädchen« aburteilte. Dies »Nähmädchen« war nach seiner eigenen Überzeugung und nach der gutmütig-bereitwilligen Seespecks eine Künstlerin mit dem einzigen Mangel von einigen Pfunden Körpergewichts. Dazu sollte ihr Wedel verhelfen, und schließlich meinten sie beide, das möge werden, wie es wollte, gewonnen oder entbehrt, die Pfunde möchten ihrem Belieben folgen, der Mangel sei am Ende nur eine Bagatelle. Sie unterhielten sich gut und verstanden sich, wie es nur Leute können, die voreinander eigentlich keine Geheimnisse beanspruchen dürfen, weil sie so überein angelegt und ausgebaut sind, daß sie sich gegenseitig nichts vormachen oder im Ernst verbergen können. Selbst beim Streiten waren sie nur schwer in den Harnisch einer wirklichen Gegensätzlichkeit zu bringen, und doch mußte Seespeck mit der Zeit merken, daß ihn die Bekanntschaft dieses »Nähmädchens« zu langweilen anfing. Sie war gescheit und hatte tüchtige Absichten, ihre Pläne hegte sie dabei sozusagen im Stillen und ließ nur zwischendurch einmal große Hoffnungen aufleuchten. Aber Seespecks Art zu leben hatte ihren ganzen Beifall, er war ihr als idealer Zuschauer eben recht, schien frei von Absichten irgendwelcher eigenen Zucht. Sie verpflichtete ihn so frischweg auf eine Schornsteinfegerkameradschaft im Seifensiederidealismus, die dazu unbürgerlich und »künstlerisch« versteift wurde, daß aus der Langenweile an ihr, mit der er selbst unzufrieden war, sich bald ein wahres Entsetzen entpuppte. Warum, das blieb ihm in seiner Betroffenheit zunächst verborgen. Ihre Zaubereien verhalfen ihm zu mancher guten Erinnerung, aber diese Erinnerungen schienen ihm nach und nach wie fades Gebäck, das man sich leider eingestehen mußte, gemeinsam verspeist zu haben, und er spürte ein Unbehagen, wenn er dachte, was für eine Art gemeinsamer Gerichte ihnen eine Gelegenheit machende Stunde einmal auftischen möchte. Es kam ihm eine Ahnung, daß er im Zuge sei, ein leichtes Opfer seiner eigenen Minderwertigkeiten zu werden, wenn er das angenehme und bequem zu leidende Verhängnis walten ließe. Er fing also an, leise zu murren, und hätte bei seiner vorsichtigen Art damit vielleicht nicht viel gegen das berufene Verhängnis ausgerichtet, wenn sich nicht eine Gelegenheit machende Stunde von herrischer Beschaffenheit seiner angenommen und dem Nähmädchen den Gnadenstoß gegeben hätte.

Denn er erlebte mit eigenen Augen den ersten Ausgang der Posthalterstochter, er ging mit ihr Schritt für Schritt im Abstand eines Sklaven von einer Mohrenkönigin den Marterweg von ihrem Hause bis zum Markt hinauf, von wo an er, da sie herüberbog, seinen Augen ihrem wonnevollen Dienst zu obliegen strenge versagte, und er atmete tief und fand sich mit mattem Bedauern aus einer wundhaften Dunstsäule entwichen, als er der gewohnten traurig-freundlichen Trostlosigkeit seiner Heimstatt wieder verfallen war. Es war noch ziemlich zeitig an einem frühlingshaft-sommerlichen Tage, und er war nur ein oder ein paar Male wie rettungsuchend durch seine Zimmer gegangen, in denen sich die Strenge seiner winterlichen Einsamkeit mit einem Hauch von Verlorenheit und Verlassenheit an ihn hängen wollte, als sei es so recht und gewohnheitsmäßig -- so langte er auch schon wieder nach Mantel und Hut und zog ruhelos zum andern Tore hinaus. Die Schwalben zogen ihre Kreise um den Kirchturm, und ihr Saugen und Surren war wie feines Sägen in seinem Herzen; es schmerzte nur leicht, aber es ließ ein Schauern ausstrahlen, ein Grausen, das eine neugeborene Wonne in fremder Welt war, sein erstes Regen vollbringen. Er hatte sie ja nur von hinten und halb seitwärts gesehen, aber was machte das, er hatte ihre Scham, ihren Mut, ihr Seufzen vernommen, sie war vor ihm wie sein eignes Gebet aus der Tiefe plötzlich erstanden, seine Augen waren nichts als Bettlerhände eines Blinden gewesen, in die eine Gnade von Zufall einen schweren Überfluß von Güte getan hatte. Er ging durch die Heide nach Norden und fühlte sich selbst zum Gebet geworden. Später fand er diesen Vergleich als den einzigen und wahrsten. Armer, glücklicher Seespeck!

Von der weiten Fläche hinauf, aus dem unermeßlichen Himmel herab schien es durch ihn hinzulohen wie der ungeheure Taktgang eines Herzens, in das die Welt ihre schwere Wonne und Sehnsucht entlud. Er fühlte eine Entrücktheit von sich selbst, sah sich in einer Himmelfahrt, zu der das bißchen Eigen-Ich das bellende Hündchen abgab, das vor dem Unverständlichen seine tierischen Laute nicht unterdrücken konnte. Es hieße ihn verzeichnen, wollte man sein Murren, ein ganz leises, unterdrücktes, vergessen. Ganz so mahnt und lenkt einen Betrunkenen ein bescheidenes Restchen Vernunft, aber Seespeck, das Murren übertäubend, ging weiter und weiter grade in die dämmerige Aussichtslosigkeit wie in ein weiches Glück hinein. Immer weiter, bis ihn Lichter und Formen von Häusern -- -- Elmshorn, mit unvermeidlichen Menschen einfingen. Hier blieb er, aber er lag die ganze Nacht in einem wirklichen Fieber und quälte sich mit der Doktorfrage: kann man der Mann eines solchen Weibes sein? Dabei wurde jedes Wort dieser Angelegenheit, jeder Ton seiner Antwort zu einer vorgestellten handgreiflichen Figur, die er wie Würfel oder Kreise hin- und herschob. Eine der vielen Bejahungen unter den andern Verneinungen der Frage lautete so: ›Wenn ein Engel vom Himmel stiege, Seespeck, und täte seinen Mund auf, dir Gottvaters Alltäglichkeiten und das Drum und Dran himmlischer, also unirdischer, heiliger Zustände zu zeigen, wie würdest du lauschen, aber zuletzt, wenn er nicht verginge und nicht im blauen Dunst und bei seinen eigenen Worten schmölze, vielleicht käme dir eine Kühnheit, und du fragtest, ob es da oben im Heiligen nicht ein bißchen Sünde, keine verbotenen Freuden gäbe, und er schüttelte sein Haupt und lachte und verriete dir unter dem Siegel des Stillschweigens: Die Sünde und das Verbotene hier unten sei schließlich nur die andere Gestalt von dem Heiligen oben, da ist das Heilige so süß wie das Sündigste hier unten. Sünde sei ja nur ein Bild, ein Zerr- oder Hohlspiegelbild von dem Umgekehrten da oben, und da er, der Engel, nun mal hier unten sei und einstweilen noch keine Eile habe usw.‹ Unter diesem Gesichtspunkt, meinte der fiebernde Seespeck, könnte man wahrhaftig der Mann eines Engels werden. Unter solchen Erbauungen verging die Nacht, und er zog früh am Morgen weiter; während des nächsten Tages wagte er nicht, heimwärts zu gehen, sondern durchstöberte seine »Wohnstube« von einer Ecke bis zur andern. Endlich, da er kein Geld mehr hatte, fand er sich wieder in Wedel ein. Er sah nun die Posthalterstochter öfter und sah sie doch kaum an, denn er empfand seine eigenen spürenden Blicke als Frechheiten, aber er war doch Manns genug, sich dem Roland zu verschreiben und des Posthalters nähere Bekanntschaft zu suchen. Es begann ein regelrechtes Pokulieren, unter dem Eme und Ador immer schattenhafter wurden, bis sie endlich mitsamt ihren Herzen und Mägen vom Roland verdaut waren. Sie hielten sich fortan zu Stätten mit milderen Sitten, dafür bot der Zollamtsassistent, der seit einiger Zeit im Orte angestellt war, seine frische Trinkfestigkeit als Ersatz und ließ seine Unerfahrenheit von den älteren Füchsen des Baues ohne Mucken und Zucken in aller Ehrbarkeit zausen.

Sollte Seespeck heiraten? Er wußte nicht, wie er das anstellen sollte, sondern lebte wie früher von dem Gelde, das ihm sein Bruder schickte; er verlebte es im Jenseits, im Roland, gab es für Bücher und seine bescheidene Kleidung aus und trieb in einem gemächlichen Wirbel von Kommen und Gehen in dieser heimatlichen Landschaft herum. An einem Maiabend fand er das Jenseits von seinen Besitzern verlassen, Grund genug, den armen beiden Waisenmädchen warten zu helfen. Unterm blühenden Kirschbaum saßen sie zu dreien und sahen die Schiffe vorbeigleiten, aber Seespeck verstrich die Zeit zu schnell, und er suchte nach irgendeiner neuen Manier, ihr einige Umwege aufzunötigen oder eine stauende Flut herbeizuführen. Er verlor seine Blicke in dem Zelt des blühenden Baumes und saß droben, ehe er es recht bedacht hatte. Nun sollten die beiden folgen; die schöne Anna sagte schnell nein, aber Wiesche sagte ebenso schnell ja, und es half nicht, Anna mußte sich bücken und ihren Rücken als Schwungbrett hinauf bieten, von wo Seespecks Hände rettend den ihren entgegen kamen und ihr den Weg ins bergende Blütenhaus gipfelwärts wiesen. Wer anders als Anna mußte gehen und Gläser schaffen, damit man in der Höhe anstoßen könnte? Sie saßen gut, und wenn auch vielleicht zu eng für Annas Geschmack, so doch nicht zu eng für ihren; sie saßen, wie der Abend sank, in der weißen Wolke im Düstern, und fleißig wie einer Biene Sammelflug ging ihr Flüstern, ein Honigwörterzug wand sich im engen Kreise. Die schöne Anna ging einige Male ab und zu, brachte immer mehr zu trinken und ließ sich immer mehr zum Sprechen nötigen. Endlich blieb sie ganz aus.

Als Jan und seine Frau nach Hause kamen, lagen die beiden Mädchen lange in ihrem gemeinsamen Bette, Wiesche wandwärts, Anna nach der Stube zu, er fragte, ob alles in Ordnung wäre, und bekam eine bejahende Antwort. Seespeck war schon drüben. Aber er wußte nicht nach Haus zu finden; zum Glück für die Wiesche hatte ihn der Trunk aus Annas Händen mehr in ein Jenseits als Diesseits von Berauschtheit geführt, er war mit dem lieben Mädchen wohl sehr zärtlich gewesen und hatte andächtig ihre zaghaften und ungeübten Vertraulichkeiten angelockt, aber er hatte sich doch nicht verloren und war zufrieden damit. Man kann nicht sagen: wegen der Posthalterstochter, an die er, solange er drüben weilte, überhaupt nicht gedacht hatte. Aber nun kam es um so stärker über ihn, und der Trunk aus Annas Händen wurde ein Türöffner für einen ganzen Himmel von Selbstvergessen. Er ging kreuz und quer, wie erlöst von sich selbst, und fand in der linden Nacht unermeßliche Räume für sternenhafte Wanderungen seiner Empfindungen. Er lag im Gebüsch über dem Strom und ließ die Zeit willig ziehend und saugend verrinnen, er stand auf dem Felde und redete, ungestört von dem Gebell des bewußten Hündchens, zu der Erde unter ihm: ›Du bist die Ewigkeit. Der Holunderstrauch‹, dessen Tellerblüten im Dunkeln schauerten, ›ist die wachsende und begrenzte Zeit, aber ihr‹, und dabei faßte er mit beiden Armen ein halb Dutzend der großen Dolden und trank ihren Duft -- ›ihr Mädchen seid die Blüten dieser Zeit‹. Der Duft der Holunderblüten schien ihm, der sonst ein Blumenbarbar war, von jeher ein seltsam verdächtiger Glücksberger zu sein, er sog ihn ein wie ein Gemisch von tröstlichen Versicherungen und rätselhaften Verheißungen, aber auch von Bitterkeit und Glückversagen. Er riß in lächerlicher aber ehrlicher Leidenschaft einen Arm voll der matt glühenden Blüten an sich und ging, das Gesicht darin vergrabend, weit herum in Nacht und Irre. Und als er gegen Morgen durch die leere Straße und am Hause des Posthalters vorbeikam, warf er den ganzen Busch auf ihre Treppenstufen ... Daß in dieser Zeit der Zollamtsassistent alle seine ehrlichen Hoffnungen auf die Posthalterstochter gewendet hatte, wußte er nicht.

Nun kann es wohl nicht schaden zu melden, was für Maler Seespecks Augen waren und was für ein Bild sie ihm von der Posthalterstochter verschafften. Aber das ist sehr schwer, denn ihr Aufbau, ihr Dasein zwischen schmeichelnden oder schirmenden Linien gab ihm schlechterdings unermeßlichen Stoff für seine Deutungen, man könnte sagen: seine Dichtungen. Und er ließ es nicht an tagtäglicher Neuschöpfung einer Welt fehlen, zu der ihm ihr Wesen im Raum den Stoff gab; man könnte einen Band mit seinen plastisch-metaphysischen Träumereien füllen; dabei war aber Seespeck doch soweit wach, daß er dies alles nur als geprägtes Geld ansah, da man nun mal bei Ausmünzung eines Gefühls Worte und Bilder gebrauchen mußte und ohne diese Hilfe in einem quälenden und faulen Sehnen und Grämen steckenbleiben würde. Andre Leute haben andre Praktiken und gehen der quälenden Sehnsucht mit Anträgen und Nachstellungen zu Leibe. Doch Seespeck beliebte es, sich beim Schwärmen wohlzufühlen. Er hatte zu allererst ihren biegsamen Rücken gesehen, der eine Wölbung von Möwenflügeln auf- und abwärts und gleichfalls quer umfangend nach vorn zu verschwingen ließ. Dieser Rücken war ein lieblicher Stolz, ein verstummter und verschämter Lobredner, ja ein Ableugner und Verschließer von Schönheiten vor ehrerbietigen Fragen. Nichts an ihr überhaupt, wenn er seine Gedanken um sie herum sandte, prahlte oder plauderte aus, nichts verwirrte mit Andeutungen oder verfing sich unversehens in gefällige Auskunft. Sie war vollkommen keusch und stolz, und beides, ihre Keuschheit, die nun einmal berufen wurde, und ihr Stolz, der auf den Knien lag, schienen Seespeck wie zwei Freunde, zwischen denen er den dritten leicht und ohne Zwang stellen könne. Und diese drei würden sich gegenseitig beim Versagen stützen, ihrer Starrheit entsagen müssen. Er dachte sich ein ideales Aushelfen und Wiedergeben, er hoffte, mit ihrer Keuschheit seinem Mangel abzuhelfen und mit seiner Verehrung ihren Stolz zu schmelzen. Man wußte ja, daß sie schmelzen konnte!

Übrigens war sie ein wenig größer, als ihm so ganz bequem war zu denken, um so mehr tröstete er sich ihres biegsamen Rückens. Ihr Gesicht war verschlossen, aber mit einem Ernst versiegelt, von dem Seespeck eine ganz andere Wertung erwartete, als womit ihm das Nähmädchen seine Verkehrtheiten entgalt.

Eine Nacht verbrachte er mit ihrem Vater bei Eröffnung der Entenjagd am jenseitigen Ufer, wo man zu Sonnenaufgang allen andern, die bei der morgendlichen Ebbe nicht an die flachen und sumpfigen Plätze gelangen konnten, die ersten Schüsse in die dichten Schwärme vorwegnehmen wollte. Sie lagen die ersten kurzen Nachtstunden über rauchend und plaudernd unter dem Segel, der Posthalter gab Späße preis, die zum Glück niemand sonst hören konnte, aber als Seespeck das Gespräch auf seine Tochter lenkte, stellte er die Frage auf, ob es nicht geraten schiene, doch noch ein wenig zu schlummern, drehte sich um, nachdem er seine Zigarre wie eine Lunte zu Pulverfässern eines gefährlichen Gesprächs über Bord geschleudert hatte ... und schlief. Bei Hellwerden verschlang der Sumpf ihre Kräfte, und die Flinten hatten das große Wort. Seespeck war es, als ob die mächtigen Spiegelscheiben des Sommermorgens eine nach der andern eingeworfen würden, und er fühlte sich unter der Schlammkruste bei dem blutigen Vergnügen immer verdrießlicher werden. Als hinter dem Röhricht fern und näher andere Schüsse den ihrigen das Wort streitig zu machen anfingen, brachen sie die Unterhaltung ab und segelten zum Frühstück ins Jenseits. Hier war großes Auslüften und Reinmachen angeordnet, Sofas und Betten lagen auf dem Rasen in der Sonne, und die Mädchen und Jan wetteiferten, als ob es gälte, frisch geschlachtete Elefantenlendenstücke und Mammutkeulen mürbe zu schlagen, aus denen der Dampf in goldenen Staubwolken eilig verzog. Sie hatten Tücher um die Haare gewunden, schluckten aber den Staub ohne Beschwerde. Ein Kaffee ward den Jägern unter der Veranda serviert, der von dem allgemeinen Staub seinen gerechten Anteil abbekam. Seespeck verhielt sich still, denn er hatte nicht den Atem für die wilde Jagd von Jägerspäßen, die Jan und der Posthalter alsbald eröffneten, und wenn der Staub und die Arbeit den Mädchen auch den Mund stopften, so schienen sie doch ihre Ohren wohlgeneigt unter dem Winde zu halten. Selbst Anna Schön, geschweige die Wiesche, wußte, obgleich sie ihre Augen im Zaum hielt, das Schütteln ihrer Schultern, wenn sie halbverlegen den Kopf im Lachen niederbog, nicht zu verstecken. ›Sie beißen in den Staub hinein vor Vergnügen‹, dachte Seespeck mißvergnügt, aber da er selbst Staub zu schlucken bekam und niemandem seines Behagens Art verbieten konnte, so tröstete er sich mit der Sonne, die sie alle beschien und die sich über dies alles keineswegs erboste.

Auf die Jagd ging er nicht wieder und mündete überhaupt in einem allgemeinen Abwarten und Aufmerken, einem Einziehen seiner Fahnen und einem Fürsichbleiben, woraus ihn einmal, wie er dachte, ein besseres Zutrauen zu der einen oder andern seiner Unternehmungen hervorlocken würde. Im Grunde fühlte er sich in diesem Zustande sehr wohl, er merkte ganz gut, daß er eigentlich nur »drinnen« war, solange er ein Enden am Ziel hinausschob, und hatte dies Schweben im Unsicheren so lieb wie ein Schattendasein, bei dem er alles in sich faßte, aber selbst in nichts einging und an nichts haftete. Daß der Posthalter bei vorrückendem Sommer oftmals einen fremden Herrn mit sich führte, der auch im Roland Fuß faßte, ließ Seespeck beinahe kühl, obgleich er allgemein als der zukünftige Mann der Tochter eingeschätzt wurde. Er begann eine Baumschulengärtnerei am Platze, aber niemand wußte etwas Rechtes aus ihm zu machen, und schließlich wurde aus dem kometenhaften Auf- und Niedergehen des Mannes am Wedeler Himmel eine zweite Bloßstellung des Mädchens, wenn auch nur in der Meinung der Leute. Er war ein Mensch von guten Umgangsformen und einnehmendem Wesen, dabei stattlich als Erscheinung, aber, wie man später erfuhr, ein Heiratsspekulant, der denn auch, nachdem er alle Glücksmöglichkeiten gewissenhaft von hinten und vorn untersucht hatte, in der Richtung eines auswärtigen Sterns davonging, indem er einen Schwanz von unklaren Verhältnissen zurückließ. Er hatte, wie seine Leute erzählten, tagsüber Romane gelesen und seine Geschäfte in Liebesbriefen erledigt. Seespeck hatte vor der aufleuchtenden Möglichkeit einer Heirat anfänglich gestutzt, dann aber den Mann sozusagen als Prüfstein der Posthalterstochter angesehen und nicht bedacht, daß sein eigenes Dasein einem jungen Mädchen, mit dem er, beiläufig gesagt, nie ein Wort gesprochen, keinesfalls als verläßliche Glückssonne erscheinen konnte. Da war der junge Zöllner ein andrer, er wußte das Mädchen, das gar keinen Verkehr hatte, bei gelegentlichen Besorgungsfahrten nach Hamburg auf dem Bahnhof oder im Zug in elterlicher Begleitung sachte aufmerksam zu machen. Dabei legte er ein angeborenes vornehmes Getue nicht ab, konnte ihr dadurch aber um so bedeutsamer huldigen, indem er ihr den vollen Rang als Dame, den sie und ihre Mutter nur in bescheidenem Maße beanspruchten, vor aller Welt nachdrücklich gab. Seespeck bemerkte es kaum, ihm kam das Hackenzusammenschlagen und die schulmäßige Verbeugung neben all den andern gesellschaftlichen Possierlichkeiten zu kasperhaft für den Ausdruck irgendeiner wahren Achtung vor, sie erschienen ihm vielmehr als verschnörkelte Verwahrung gegen eine wirkliche Annäherung, und er wunderte sich, daß man ihn ernst nahm und dankbar zu sein schien. Er dachte: ›Der junge Mann hat nun mal diese Pas für den Lebenstanz angelernt bekommen und gleicht seinen Mangel an Takt für diese besondere Gelegenheit durch übertriebenes Taktschlagen aus.‹ Des Mädchens Augen überstreiften Seespeck einige Male, und jedesmal glaubte er für gewiß, daß sie alles wisse und gutheiße und daß es zwischen ihnen beiden nichts mehr als einen Plunder von Formalitäten gäbe, den man zu gegebener Zeit wie mit einem Federstrich unter einem vorgedruckten Text beseitigen könne. Indessen war es wohl eine Welt, die zwischen ihnen stand.

Nun kam eine Nacht, wie sie die gewohnten Nächte der Stadt jährlich ein oder ein paar Male in ihrer ruhigen Folge zerreißt. Es gab Feuerlärm, grade zwischen zwei und drei Uhr, zu einer Jahreszeit, wo die dunklen Nachtstunden schon eine kleine Schar ausmachen. Das Feuerhorn, mit seinem ungefügen Laut aus Urtagen, dumpf wie ein Quallaut aus geängsteter Riesenbrust, machte seine Runde, und das wütende Herzklopfen der Feuerglocke riß die Stadt aus ihrem Schlaf. Als Seespeck zur Brandstätte kam, hatten die Sparren des Daches sich schon mit hüpfenden Feuerfähnchen beflaggt, und die schwarzen Dachpfannen wurden Stück für Stück von feurigen Lücken ersetzt, wenn sie ihren Polterfall durch die Sparren durch in die Lohe hinein taten. An einer gesunden Stelle des Daches stand Hannes Kobabe mit der Spritze und hantierte, offenbar entzückt über diese Abwechslung, so gelassen, als fürchte er nur, dem Vergnügen zu schnell den Garaus zu machen. Weiterhin sah man über den Köpfen der Menge die Faustreihe der Pumpenmänner im Stampftakt auftauchen und verschwinden, einige Männer in vorsintflutlichen Feuerhelmen liefen aufgeregt hin und her, eine Signalpfeife stach mit ihrem Ton durch das Getümmel, und eine zweite Spritze hatte mit dem Versuch, durch die Gaffer an ihren Ort zu kommen, schlechten Erfolg. Seespeck bekam dabei einen Rippenstoß, und als er sich umschaute, sah er Meta Kobabe aus der Helle ins Dunkle streichen, ohne entscheiden zu können, ob die Berührung ein Zeichen von ihr oder eine Unachtsamkeit bedeute. Über so etwas soll man keine langen Gedanken aufreihen, denn er wußte, daß sie neben dem niedrigen Geländer zu Dr. Besters Garten stehen mußte, und als er es genau zu nehmen anfing, war ihre Erscheinung ins Dunkle der Hecke hineingeschlagen. Seespeck ließ sich, als jetzt der Stadtpolizist Wollweber die Menge in Wälzen und Rücken brachte, um der Spritze Luft zu schaffen, absichtlich nach dem Garten drängen und hätte es nun, weil er vom Dunkel ganz gedeckt war, leicht gehabt, hinüberzusteigen, wenn er nicht wie eine Gespenstererscheinung seiner eigenen Absichten eine oder sogar zwei graue Gestalten das Wagnis, das er plante, hätte vollführen sehen. Er wußte, daß der Garten mit Gebüschen und Rasenstücken bis nach dem Teich hinunterging, daß eine Laube sich an die Hinterwand des Doktorhauses lehnte und daß dahinten die Verschwiegenheit selbst jede erwünschte Gastlichkeit anbot. Offenbar war aber dort jetzt an die Bequemlichkeit eines isolierten Pärchens nicht zu denken, und Seespeck hütete sich vor unüberlegten Handlungen, blieb aber doch mit einiger schmerzlicher Neubegier auf seinem Posten, als er zwischen den Gebüschen ein Wetter ausbrechen hörte, als wäre ein Sturm aus dem Boden ausgefahren, einige Äste brachen und einiges Ächzen brach aus, wahrscheinlich aus Protest gegen andere Geräusche, die, obwohl dumpf und gewissermaßen unterdrückt, dennoch die Hauptstimmen in diesem Vielfachen an ungegorenen Geräuschen waren. Dieser Protest schien aber nur verstärkte Widerlegung zu erzielen, und das Katergefauche im Dunkeln war im besten Schwange, als Büsche und knackende Äste sich unter neuem Sturm teilten und die zwei grauen Gestalten aus der Hecke hervor eilig und gewissermaßen in schöner Eintracht gleichen Ziels von einer dritten hervorgetrommelt wurden, über das Geländer hinweg, mit den Köpfen karambolierten und mit den Beinen stelzten. Dabei verbissen sie sich die Proteste, ohne sie doch ganz unterdrücken zu können und ohne darum die Fäuste des dritten gnädiger zu stimmen. Seespeck erkannte Emes und Adors Grundtöne und mußte in dem dritten, der den beiden einige Schritte nachfuhr und im Lichte vom grauen Schatten zum Körper geworden war, den Melkknecht Lorenz sehen. ›Das waren meine Hiebe‹, dachte er, als er sich wieder unter die Menge schob, die diesen Augenblick über von den stürzenden Dachbalken und neuen Löschmanövern in Atem gehalten war. Hannes, der grade so aussah, als ob er mitten im Feuer stände, wurde herunterbeordert und folgte mit offenbarem Ärger, und das Haus, das jetzt im Innern brannte, mußte seinem Schicksal überlassen werden. Dafür wurden die Leitern an das nächste, dessen Dach anfing zu rauchen, gelehnt, und ein frischer Spritzenmann, einer von den tüchtigen, die bei solchen Gelegenheiten spät, aber dafür gestärkt und in voller Ausrüstung antreten, stieg würdevoll und kunstgerecht den Schlauch nachziehend hinauf. Seespeck aber trollte sich nach Haus.

Wedel feierte sein Sedanfest wie andre Städte auch, er sah den Festzug an seinem Laden vorüberschwenken und bewunderte wie alle andern Leute die Blasgewalt und das männliche Strotzen des Negermusikanten, der als Flügelmann seines Korps die Hauptperson des Zuges schien. Seespeck überlegte, ob er den Festplatz aufsuchen sollte, aber er überlegte eigentlich nur, auf welchem Wege er, ohne den Platz gradezu zu meiden, auf seine geliebte Heide kommen sollte. Eme und Ador winkten zu ihm hinein, als er unvorsichtig genug war, ans Licht zu treten, ihm war die Schadenfreude ein wenig vergällt, und er ließ bei der Wahrscheinlichkeit, daß sie ihn dort sehen und ihr niederträchtiges Wohlwollen an ihm auslassen würden, den ganzen Plan mit der Heide fahren. Dafür zog er über die Wiesen und schlenderte zwischen den Hecken entlang, bis er vor des alten Pessim Hause stand. Bei ihm saß er bis zum Abend im Garten, und bei ihm las er den letzten Brief seines verlorenen Sohnes. Er lautete so: »Lieber Vater, jetzt schwimme ich schon, denke Dir, ich bin zwei Monate vor der Zeit entlassen, und der Berthold hat mir das Geld zur Reise gegeben, vorher war ich an einem Regenabend bei Euch, das heißt: auf die Bahn getraute ich mich nicht, aber ich fuhr mit einem Bierfuhrmann von Hamburg aus, stieg mit ihm vor dem alten Krug ab und ging von da zu Fuß im Dunkeln weiter. Vor Eurem Haus war ich die halbe Nacht und habe Dich auch beim Licht der Laterne am Fenster stehen sehen. Ob Du an mich dachtest, weiß ich nicht, aber hinein konnte ich nicht kommen. Das ist aus, das hab ich gemerkt. Ansehen solltest Du mich nicht. Es war das Schönste, was ich bisher erlebt habe, gar nicht traurig, und damit es nicht traurig würde, kam ich nicht hinein. So bin ich denn wie Eure Schildwacht auf- und abspaziert und auch wie ein Dieb eine Zeitlang im Garten herumgeschlichen. Wie lange hattet Ihr Licht im Schlafzimmer! Ich dachte: sie können nicht einschlafen, stand ganz still bei der Laube im Dunkelsten und dachte bloß eins: daß da nichts zu denken war, bloß zu sehen, zu hören, zu sein, zu atmen und leise davonzusteigen. Hättet Ihr nicht doch angefangen, von meiner Zukunft zu sprechen? Hättet Ihr mir nicht doch Vorschläge gemacht? Hättet Euch abgerissen, um mich auszustaffieren? Und ich hätte immer nein gesagt, und wir hätten uns denselben Abend gestritten. Nein, es ist so besser. Oder ich hätte mich bestimmen lassen, und es wäre sicher schiefgegangen. Bürgerlich verloren bin ich nun doch, aber sonst so wohl aufgehoben, wie man nur sein kann, das müßt Ihr schließlich gemerkt haben. Also ich ging im Regen auf und ab und sah im Scheine der Laterne vor Eurem Fenster die Tropfen blitzen und von ihrem Schein die Hinterwand Eurer Wohnstube leuchten, wie oft saßen wir so im Herbst und Winter und ließen den Schein auf der Wand reden! -- Später kam der Mann mit der Leiter und löschte das Licht aus. Da ließ ich das Sehen nach und hielt mich ans Hören, ließ den Wind in Euren Büschen rauschen und mit Euren Ziegeln klappern. Ging noch immer hin und her, mal weiter fort, oder blieb an der Ecke stehen. Ja, lieber Vater, Du hast einen Sohn, wenn Du willst, es muß sehr sonderbar sein, so etwas, ganz toll, etwa so: Da ist Gemeinsamkeit im Unterirdischen, die unzerreißbar ist, oben im Sichtbaren kennen wir uns nicht mehr, sind so auseinander, so fremd, so für einander nicht vorhanden, wie man nicht schlimmer sein kann. Was das endlich heißt: wir sind so vereinigt, wie es nicht besser sein kann, wenn Du willst, wenn Du es so ansehen kannst. Denke: ich, Dein Sohn, bin ein Teil von Dir, bin Dein Gedanke, bin Du selbst, im letzten. Aber muß ich nun Deine Hosen und Röcke tragen? Dein gehorsamer filius scheinen, Dein Alter wärmen, Deine Gewohnheiten teilen? Das hat mir nie behagt, das mach ich nicht wieder mit!«

Fräulein Thomsen, eine Hausfreundin seit längst vergessenen Tagen, fand sich ein, sie war die redlichste Seele, aber ihre Zunge ritt immer Trab, wie der Alte einmal zu Seespeck gesagt hatte, und so war es um eine gemeinsame Unterhaltung geschehen, denn sie fing an auszukramen, und Seespeck mußte anerkennen, daß es beileibe nicht langweilig sei, ihr zuzuhören. Sie meisterte einen kuriosen Schnickschnackstil und gab allem so viel Fülle und Ausdruck, daß ihm, wollte man es nicht ganz umstoßen und anders bauen, weiter nichts zuzufügen war. Sie duzte ihren alten Freund, aber sie ließ ihm das »Herr« und den »Doktor«, und mit »Herr Doktor, Du...« zupfte sie seine gelegentlichen Unaufmerksamkeiten am Ohr. Es war eins von diesen alten Mädchen, die Seespeck gerne zu Freunden gewann, denn sie hatte ihre Art in Abhängigkeit und Zurückgesetztheit während eines halben Lebens bewahrt und gesteigert. Wie aber wurde ihm, als sie folgendes hören ließ: »Du kennst doch die alte Ottilie Eixner, Herr Doktor, ein büschen watschelig war sie damals schon. Weißt Du -- der Sohn ist so ein Wachtmeister bei der Zeitung, und die Grete ist auch ein himmlischer Hammel, na, Du weißt ja! Sie wohnte jetzt in Hamburg und wurde operiert, kann sich aber gar nicht aufrappeln, Grete muß sie päppeln. Aber denkt nicht, daß sie Lust haben, sich einzurichten, nein, die teuersten Bäder sind ihnen eben recht, die internationale Gesellschaft soll unsere Otti Eixner respektieren lernen! Und nun fragt man bloß nicht, wo das Geld alles herkommen soll!« Seespeck wollte ihr gröblich in die Rede fallen, aber Fräulein Thomsens Suada setzte im Galopp über das Hindernis weg. Sie wußte von einer Schwägerin, die in einem Keller eine Zeitungsagentur hatte und mit den Eixners eine Klageliederfreundschaft unterhielt, daß Grete und ihre Mutter immer noch in ihrem Weltbad weilten, und daß von einer Heimkehr noch gar nicht gesprochen werden dürfe. Sie wüßten nicht, womit sie die Kosten einer solchen Kur bestreiten sollten, und wollten es doch der Kranken an nichts mangeln lassen. Seespeck wollte sich wiederum aufraffen, aber wenn er's recht bedachte, wußte er nicht, was er sagen solle. Er horchte noch, ob er noch irgendeinen persönlichen Zug von Grete erwischen könne, erhob sich aber, als er sah, daß die hamburgische Kundschafterin aus dem verstockten Eixner nicht mehr herausgepreßt hatte, zum Gehen. Als er dem alten Pessim im Vorgarten die Hand gab, sagte der: »Na, sehen Sie, leben nicht die meisten Menschen in ausgebrannten Häusern?« Er ging fort, wie ein geschlagener Mann, aber wie immer, wenn ihn etwas quälte, nicht nach Haus, sondern strich zwischen den nackten Strandhügeln und der buschigen Heide bei Tinsdahl herum. Einmal kam er, unachtsam seines Weges, dem Festplatz hinter Wedel so nahe, daß der bierselige Brummbaß des Tanzzeltes seine Ohren einzuspinnen anfing, da kehrte er hastig um und landete bei Dunkelwerden im Jenseits.

Wiesche hatte den Ziegenpeter und machte trotz ihrer dicken Backe den unglücklichen Versuch zu lächeln, Anna mußte zum Abendbrot Jans Leibgericht, Buchweizenpfannkuchen, backen, und Seespeck, der mit ihnen in der Küche am Herd saß, weil in der Gaststube der Boden frisch geölt war, bestellte für sich desgleichen, nur bedang er sich aus, die Pfannkuchen selbständig in der Pfanne umschwenken zu dürfen. Jan, der am Morgen einen Streit mit seiner Frau gehabt, las in der Zeitung und lenkte seinen Redefluß im Anschluß an ein Ehedrama im Gerichtsteil auf die weiten Fluren der Frauenplage. Seine Frau, die Siegerin am Morgen, mochte denken, daß die Buchweizenpfannkuchen am Abend das ganze Gerede widerlegten, und schwieg. Dann aßen die Männer ihre fetten Fladen, und die Frauen löffelten ehrbar ihre Schwarzbrotbrocken aus dem gemeinsamen Milchgefäß. So verging der Abend für Seespeck ohne Heil. Zwar versuchte er, einigen Trost aus der schönen Anna zu erpressen, indem er ihre Turnübungen an der langstieligen Pfanne nachahmte, aber weil er nicht recht bei der Sache war und seine Neckerei ins Ungehobelte geriet, machte sie seine Bemühungen mit kargem Dank zu einem leutseligen Hohn, und die andern schwiegen still dazu. Er fühlte sich heute als sonderbaren Gast angesehen. Man kannte ihn als Sprößling eines guten Hauses, und nun trieb er hier geschmacklose Späße mit den Mädchen in der Küche. Offenbar gehörte er nicht hierher, und das wäre schon gut gewesen zu bedenken, wenn er nur gewußt hätte, wo er denn überhaupt hingehöre. So nahm er denn zum Boot und dem Fluß seine Zuflucht. ›Ja, man lebt in abgedeckten Häusern‹, gab er zu. Ihn fror in der kalten Nacht, und doch schreckte er vor seiner Behausung zurück, deren Umkreis und deren Heiligkeit heute bis spät in die Nacht von lärmenden Festbesuchern verunehrt wurden.

In den nächsten Tagen ward es bekannt, daß die Posthalterstochter über Hals und Kopf in eine Heilanstalt gebracht worden wäre. Bedenkliche Anfälle von unberechenbaren Launen hatten die Familie erschreckt. So sollte sie behauptet haben, Stimmen zu hören, die ihr zu bestimmten Stunden täglich befahlen, ihr Kind zu töten.

Aber die Ärzte hatten doch völlige Heilung in Aussicht gestellt. Für sie war ihrer jungen Schwester nun hauptsächlich die Pflege des Kindes überlassen, und wenn es auf sie allein angekommen wäre und eine allgemeine märchenhafte Vergeßlichkeit sie begünstigte, hätte sie aus einer anvertrauten Mutterpflicht am liebsten Gewohnheitsrechte als Mutter abgeleitet.

Ein glänzender Herbst beschloß das Jahr, und die Rolandsfigur auf dem Markt stand von der Herbstmajestät der Linden geheiligt als Kristallisation des Menschlichen, als Beispiel von Erhebung zum Überirdischen in prunkender Teilnahmslosigkeit auf ihrem Sockel, den Eme und Ador den »Felsen Petri« nannten, als trüge er die Schlichtung der Händel von vergangenen bis zukünftigen Jahrhunderten auf der Spitze seines Schwertes. Der alte Hagemeister, Nachbar Seespecks, ein Gegenstand seiner besonderen Aufmerksamkeit, weil er wegen schweren Meineidvergehens im Zuchthaus gesessen hatte, brachte Tag für Tag seinen gehäuften Rübenwagen zur Scheune. Eme und Ador, die Allesbewitzelnden, hatten ihm den Titel eines apokalyptischen Reiters bewilligt. Und wirklich war er ein skeletthafter Mensch und saß, die langen Beine fast bis zum Boden hängend, beim Reiten ohne Sattel wie aufgespießt auf den Wirbelspitzen tief im hohlen Rücken einer wahren Knochenmaschine von ausgedörrtem Handpferd. Weil er keine Zähne im Munde hatte, waren Kinn und Nase gleich Mondhörnern vorgebogen, und so grinste auf seinem Gesicht ständig eine Befriedigung, wie es Seespeck schien, darüber, daß er seinem Gott ein Schnippchen geschlagen hatte und ihm die Ernte an seinem Lebensabend doch noch ablisten konnte; Weib und Kind verfluchten ihn wegen seines Geizes.

Wie oft stürmte Seespeck in dieser Zeit im Sonnenschein über die Heide oder trieb steuerlos über die kahlen Felder im rauhen Saus der herbstlichen Atemzüge die Hügelwogen des erdigen Meeres auf und nieder. Er schrieb ein paar Verse mit dem Schluß: »Schön macht das Herbe dieser Herbst, zur fetten Weide macht er die Stoppelfelder rings der mageren Freude.« Und es kam ihm vor, als habe er der Welt mit seinem Meineid ein Schnippchen geschlagen wie der alte Hagemeister auch und ernte die Freude auf den kahlen Feldern der Ausgestoßenheit. Er spottete: »Schlüpf übern Tausendwahn, den Wächterhund der Städte -- die Spur verdampft im Feld -- und er bellt an der Kette.« Der weiße Rauch des Kartoffelkrauts schien wie ratlose Sehnsucht seine Fragen in alle Fernen zu zerstreuen, und der Vollmond stand als großes gelbes Siegel auf dem verschlossenen Himmel. Und damit war Seespeck zufrieden, denn was müssen das für Geheimnisse sein, die so versiegelt werden!

Der Herbstmarkt unterbrach noch einmal den Winterschlaf, zu dem sich Wedel vorläufig bis Weihnachten angeschickt hatte. Einige Orgelmänner zogen durch die windigen Straßen; sie schienen Seespeck kostümierte Schicksale, die einen Käfig voll gefangener Könige und Helden mit sich schleppten. Da mußten nun die Geschundenen und Verhungerten, die Kasteiten und Verhärmten ihr Leben vor allem Volk spielen, in Lumpen ihre Herrlichkeit offenbaren, in Gassenschmutz und Rinnsteinfeuchte scheinen, was sie nicht sein konnten. Seespeck spürte das Weh verkommener Herrlichkeit heraus und war in der Verfassung, dieses Weh als die Adelsvollendung, als besseren Glanz, denn der frühere war, anzusehen. Buden! Wieviel läßt sich von den zwei erbärmlichen Budenreihen sagen! Leinen-Obdächer für Süßigkeiten und Nützlichkeiten drängen ihre frierenden Flanken aneinander, als geängstete Nutznießer einer knappen Verdienstgelegenheit, geduldet und mit gnädigem Verlaub freibeuterhaft zugreifend, zeigen sich die Budenleute ein wenig wie ausgestellte Menagerietiere in ihren Zellen. Hin und her wandernd wie futtergierig in den flauen Stunden, in Emsigkeit zu den lebhaften Besuchszeiten, jeder nach seiner Abrichtung jedem Wunsche und Befehl jeder Rotznase gehorsam. Und doch hat die ganze schaumhafte Siedelung den Schimmer des Abenteuerlichen, und gar am Abend drängt sich eine irrlichterhafte Romantik in diesen petroleumdunstenden Schlupfwinkeln zu einem kläglich lustigen Wesen zwischen den windschiefen Mauern einer Buden-Herberge zur Heimat nach Gnaden zweier Kalendertage. Die massiven Häusermauern rundum wissen ihrem steinernen Bürgerstolz keine Teilnahme an solch zaghaftem Pfefferkuchenglück dieses armseligen Leichtsinns abzugewinnen. Ihnen liegt das Gespinst durchscheinender Lichtzellen gar zu plunderhaft luftig im Winde wankend zu Füßen, man könnte denken, es wären die Abfallreste von Glauben und Glück früherer Zeiten zum Abfahren ausgekehrt und als mattschimmerndes Häufchen Winkelseligkeit seinem Sterben und Verderben überlassen... ein phosphoreszierendes Häuflein Aberglaube an harmlose Freude, Kindergemüt, das nicht fragt und prüft, sondern hinnimmt und glaubt überhaupt an die gespensterhafte gute alte Zeit. Ein jämmerliches Karussell mahlte seine Gläubigen durch seine Rauschmühle von Flitterglück unermüdlich hindurch, und Seespeck hörte im Bette noch von weitem die heiseren Versicherungen dieses faden Erdentrostes zu sich dringen. Am zweiten Tage aber war er der Sache überdrüssig und ging ins Jenseits. Es war noch früh am Nachmittage, aber schön Annchen war festlich angetan und wollte dahin, woher er geflohen kam. Jan, der sie hinüberbringen sollte, war froh, als sich Seespeck bereit fand, sie mitzunehmen, und sparte nicht in der Hergabe von weitschweifigen Ratschlägen.

Auf dem Wasser fanden sie sich wie auf einer einsamen Insel allein, aber mit dem süßen Nichtstun wie bei dem abendlichen Schlendrian früherer Tage kamen sie nicht voran. Der Fluß ist breit und verlangt einen ordentlichen Ruderzug, wenn er sich nötigen lassen soll, sein nördliches Ufer unter südliche Füße zu legen. Dennoch wünschte Seespeck ihn doppelt und dreifach so breit. Es machte ihm Freude, in dem Druck der Ruder gegen seine Hände Anna Schöns Last zu spüren, und er nahm Zug um Zug, während er ihr Bild im Auge hatte, ihr bißchen Schwere in seine Arme. Er sagte es auch, und sie wurde langsam rot darüber, antwortete aber nicht. »Man sitzt doch bequemer im Boot als im Kirschbaum«, wagte er sich weiter vor, und sie erwiderte munter: »Ja, man hat mehr Platz, und jeder kann sich auf seiner Bank einrichten, wie er mag.« Daß sie durch diese Antwort selbst einen doppelten Stoß erfuhr, einen vor Schreck, einen vor Vergnügen, merkte er deutlich, und das verhaltene Atmen staute ihr Blut von innen nur mehr nach außen. Mit offenen Lippen, warm und ganz deutlich ein wenig erwartungsbang, saß sie da, und er, dem die Mitfreude angeboren war wie das Mitleid, verführte sie zu einem Lachen, das sie nun gemeinsam -- über ihn -- wie ein Schnäbeln in Tönen um das Boot herumflattern ließen. Dann versuchte er sie wegen der Rückfahrt. ›Zeit haben wir bei Nacht eine halbe Ewigkeit‹, überschlug er dabei im Stillen, ›und für ein warmes Nest im Boot kann ich inzwischen reichlich sorgen.‹ Aber davon wollte sie nichts wissen, wollte nichts verabreden. Sie sollte ihren Vater, den richtigen, treffen, der mit Ochsen am Markt war. Er hatte es ihr brieflich auf die Seele gebunden, Tag und Stunde nicht zu verpassen. Nun war Seespeck still und frischte in sich die Schilderung auf, die ihm Jan von ihrer Herkunft gemacht hatte. Das war so gewesen: während einer längeren Abwesenheit des Mannes von Frau und Wirtschaft war, gar zu lange nach seinem Abschied, ein Mädchen geboren, und drei oder vier der treuen Hausfreunde, die sich schuldig wußten, beschlossen, die Frage der Vaterschaft vom Schicksal beantworten zu lassen. Sie hoben das Kind auf den Tisch, um den sie im Kreise saßen, und lockten es von rechts und links, von vorn und hinten, ließen ihm auch Zeit, sich zu besinnen und reiflich zu urteilen, wem es in Wahrheit angehöre. Denn so, meinten sie, solle sein Herankriechen an den einen oder andern angesehen werden. Es hatte sich für den größten und dicksten entschlossen, und dieser hatte stolz die Entscheidung anerkannt. So war Anna Schön fortan sein Kind, wenn es auch im Hause der Mutter und unter ihrem Namen großgezogen wurde.

Als Seespeck in einer wunderlichen Aufregung gegen Dunkelwerden über den Markt schlenderte, sah er sie in Begleitung eines wahren Henkers mit einem großen Maul und moosartigem Gestrüpp von Bart. Sie dagegen, zart, fest und spröde, stak in einem Mantel von Zufriedenheit, aber es konnte auch Ergebung sein. Seespeck, dem das Herz klopfte, fragte im Vorbeigehen, ob sie heute abend noch zurückverlange. Sie schien verwundert und mußte sich besinnen wie auf einen vergessenen Namen. Ihr Vater, denn das war der Moosbärtige, legte seine breite Hand auf ihre Schulter und wies das behagliche Lächeln eines Menschenfressers. »Wenn Sie doch hinfahren«, sagte er breit und langsam schmatzend, »sagen Sie Jan man, daß meine Tochter sich anners besonnen hat. Min Fru is nämlich dod, und ick hew säben lütte Kinner to hus. Dor ward se jo woll von sülwst marken, wat se to dohn hett. Wi reist hüt awend all. Kumm, Deern.« Sie gingen, und Seespeck konnte es nicht lassen, noch ein wenig hinterher zu spionieren. Sie traten in ein Tanzhaus, und er sah sie durch die dunstigen Scheiben mit anderen Ochsenhändlern am Tische sitzen. Es ist zu vermuten, daß Seespecks Herz das einzig bange war in diesem Augenblick, denn Anna Schön war sichtlich »aufgekratzt«, aber der unverbesserlich eingebildete Seespeck konnte sich auf keine Formel besinnen, die sie in Harmonie zu diesen bergartigen Schultern und diesen wollpanzerhaften Wettermänteln, dieser breitstirnigen Mastigkeit der cimbrischen Ursöhne bringen konnte. Die Reue über ein Versäumnis, über eine Verschleuderung von guten Dingen, machte ihn hoffärtig, und es beliebte ihm, ihre Preisgabe an die sieben Ochsenhändlerrangen als Kränkung zu empfinden. Dabei kam er sich doch ein wenig albern vor und dachte wehleidig, daß er als horchender Schatten an der Wand seine eigene Schande vorstelle. Er ging nun noch in den Roland, fand ihn aber von wilden Horden erobert, die die Stammtischrechte der Einheimischen mit Füßen traten. Heute gehörte er nicht einmal in den Roland.

Wenn Seespeck hin und wieder dem Melkknecht begegnete, regten sich in ihm leidige Erinnerungen. Als darum der Melkknecht endgültig von dem Negermusikanten ausgestochen wurde, schämte Seespeck sich nicht, darin ein paar Augenblicke eine leise Genugtuung zu sehen. Warum sich aber Lorenz von dem Neger ohne einen Versuch, es zu verhindern, zur Seite schieben ließ, darüber konnten sich die Leute, die zu den Bewunderern des Negers gehörten, gar nicht genug die Köpfe zerstoßen, denn da es sich hier um Delikatessen der Unterhaltung handelte, so beriet man sich im Flüsterton und mit zusammengeschobenen Köpfen über den Tischen. Man watete, um die Grundfische zu finden, in einem Morast, und je heftiger man im schlüpfrigen Boden planschte, desto trüber wurde das Wässerlein. Aber Tatsache ist, daß der Melkknecht, als er Metas hohen Ehrgeiz auf den Neger gerichtet sah, kein Wort an sie verlor und auch keins wieder an sie richtete. Es war bekannt geworden, daß der schwarze Jüngling zunächst allen »Damen« der Stadt abgesagt hatte. Dafür aber, daß seine endliche Herablassung Metas Werk war, mußte man ihr am Ende den Triumphzug gönnen, zu dem sie sich eines Mittags im Sonnenschein eines klaren Tages draußen an den ersten Häusern mit der fürstlich stolzierenden Schwarzhaut vereinigte. Ihr Auftritt gab seinem Hahnentritt nichts nach. Die Leute kamen von den Arbeitsstätten und gingen zum Mittagessen, wer weiß, was sie dachten. Im Volk nennt man die Geliebte eines Menschen »sin Brut«. Das geht so hin. Ob die Leute, wenn sie Meta nun unter sich die »Negerbraut« nannten, nicht doch ein geheimes Weh, einem beginnenden leisen Zahnweh vergleichbar, fühlten? Seespeck war kein Zeuge dieses Einzugs und machte erst hinterher seine Glossen. Aber Vater Kobabe kam des Wegs, der dienstbare Vater Kobabe, der in allem, worin sich seine Kinder vergingen, einen verzeihlichen Grund sah. Die Leute, die ihn kannten, zweifelten einen Augenblick, ob er geschmeichelt den vornehmen Gruß des Negers empfangen oder gar beschämt und linkisch dankend seiner Herrlichkeit durch Anrede obendrein Molest machen würde. »Freie Liebe« ist ein so nobles Wort geworden wie »Braut«. Aber Vater Kobabe sah sich plötzlich vor einer Zeitwende wie ein Igel vor einem Fuchs; er machte ein fatales Gesicht, es rollte sich ihm eine stachelige Rückständigkeit im Leibe zusammen und kehrte ihre Spitzen gegen jeden Fortschritt, der so aussah. Vielleicht mochten seine für die Zukunft plötzlich geschärften Ohren das Geschrei von unehelichen Bastardkindern unter seinem Dache voraushören, bei dem ihm dann das Wohnen im Hause ferner nicht zu ermäckern deuchte, einerlei, er ging hin und schlug seiner Tochter brutal ins Gesicht. Er zitterte und schwankte auf den Füßen, aber er hätte sie weitergeschlagen, so lange sie noch als seine Tochter kenntlich gewesen wäre, wenn nicht Leute dazwischengesprungen wären. Er rührte auch keinen Finger dagegen, daß sie ihm davonging, und ließ die Kaution verfallen. Übrigens hatte er mit diesem Faustschlage den schwarzen Klecks in der Bleistiftzeichnung der Stadt zugleich ausgelöscht. Der Neger zog seine Reisehandschuhe an und überführte seine vielbegehrte Männlichkeit in Städte ohne rabiate Väter.

Dies alles ging ja wohl Seespeck wenig an, aber doch so viel, daß er ein paarmal aus seinem Abwarten in ein Verwundern verfiel, wobei er auf seinem Stuhl sitzend die Augbrauen hochzog und mit weit offenen Augen wie erblindet in ein Nichts hineinsah. Wo sollte er abbleiben, wenn Neger, Melkknechte, Ochsenhändler, Zollamtsassistenten und noch andere Menschen, die nicht beschrieben sind, ihm ungestraft so über den Weg laufen durften? Daß der Zöllner zu den andern gehörte, war geräuschlos offenbar geworden. Kein Vorfall hatte seine Stimme anstrengen müssen, keine Kanonen hatten geknallt. Nur der Zollamtskandidat selbst, dessen eigene Meinung Seespeck so lange seiner täuschenden Belanglosigkeit überlassen, hatte von dem Fräulein Posthalter gesprochen, wie man mit der Uhr in der Hand beiläufig vom Mondaufgang redet. Sie stand für ihn im Kalender, das war sein Geheimnis, sie war ihm eine Naturnotwendigkeit, und das schlug durch seine Korrektheit für Seespecks Augen hindurch, ohne daß er es wußte oder verbergen konnte, er war, ohne etwas zu verraten, durchlässig. Und da der Kalender gewöhnlich recht behält, so ließ er das Erlebnis wie ein kleines Erdbeben auf sein Gemüt einwirken, ganz für sich allein, denn für die andern war es nur ein Mondaufgang. Etwas mußte zwar nicht ganz in Ordnung sein, entweder war er oder die Frauen mißraten, soviel erkannte er, ohne darin zu einer Entscheidung zu kommen, wenn er auch einsah, daß er zu diesen Frauen nun einmal nicht zu gehören schien.

Am Geburtstage des Kaisers fiel die Entscheidung. Seespeck holte sich im Schnee der Heide nasse Füße, während die Teilnehmer des Kaiserdiners im Roland tafelten und toasteten. Der Zusammenstoß Dr. Besters mit seinem Herrn Kollegen hatte die Stimmung blank und scharf gemacht. Man wußte, daß ein ausgiebiger Kugelwechsel dem Wortwechsel folgen würde. Wagen und Riskieren lag fühlbar in der Luft, und so schien es gar nicht so ausfällig, wenn der Posthalter auf des Zollamtskandidaten Frage nach dem Befinden des Fräulein Tochter seine Antwort zur Frage machte: ob er sie etwa auch heiraten wolle. Der Jüngling antwortete prompt: Ja, gewiß wolle er das, worauf der Posthalter ihm auf die Reserve-Uniform-Epaulette tippte und seinen Baß aus einer tieferen Höhle aufholte. Ob er den Frack bei der Hochzeit anbehalten wollte, fragte der Baß, und der frischgebackene Leutnant schoß mit einer tüchtigen Tabakswolke die Antwort wie aus der Kanone: daß die Kleiderfrage eine Frage zweiten Ranges wäre, er wäre zufrieden, wenn sie sich hiermit über die Hauptsache einig wären -- und wiederholte seine frühere Frage. Darauf wendete der Posthalter seinen Stuhl in der Tischfront halb rechts, ließ wie meistens das wedelnde braune Schwänzlein vom Wortgemenge umschwanken, machte Kätzchenspiel mit den Händen, wobei die Ellbogen auf Tischtuch und Stuhllehne stauchten, und sagte verwunderlich flink und helltönig: er, der Herr Zollamtskandidat, könne sich ja mal eigenhändig erkundigen, er hätte nichts dagegen, wenn er ihm, dem Posthalter, die Mühe ersparte. Und seine Augen machten offenbar mit Blicken seiner Tochter den frischen, gesunden Burschen dingfest, der so frei war, das Herz auf dem rechten Fleck zu tragen.

Bei Tagesanbruch schossen sich die Herren Doktoren mit ihren Herren Stellvertretern oder Assistenten als Sekundanten in der Heide. Aber der alte, schwerverwundete Beleidiger überlebte den jungen Beleidigten doch noch um ein gutes Dutzend Jahre. Eine Butterfrau vom Lande aber, die einen Arzt rufen sollte, lief an diesem Morgen von Pontius zu Pilatus und stellte schließlich Frau Dr. Bester darüber zur Rede, daß in der ganzen Welt kein einziger Arzt zu finden sei. Aber der Zollamtskandidat schrieb sein Brieflein an die Posthalterstochter und erklärte ihr darin, daß er Uniform und Leutnantsrang, wenn die Frage vielleicht einmal beantwortet werden müsse, geringer achte als den Rang als ihr Ehemann, worauf sie ihn umgehend avancieren ließ. Niemand war glücklicher als der Leutnant, der, wie er später spaßte, zugleich Hauptmann geworden und dennoch Leutnant geblieben sei, der erste aktiv, der zweite in der Reserve.

Was Seespeck in dieser und der folgenden Zeit trieb, steht mit andern Eigennamen und Jahreszeiten zu scheinbar neuen Erlebnissen durcheinandergerührt auf den vorangegangenen Seiten. Er durchschwärmte fernerhin seine Zeit und durchwanderte seine Wohnstube in Diagonalen, Achten und anderen Schwüngen von seiner Erfindung. Er hörte nicht auf, die Sonne im Osten für ein anderes Wesen als die im Westen zu halten und die des verflossenen Jahres für eine mythische Vorstellung seiner gläubigen Seele. Er war froh und dankbar, trotz düsterer Zeiten. Das Jenseits wurde ihm zum historischen Ort und der Strom zum Symbol. Wobei er immer im Auge behielt, daß man eben mit Worten seine Gefühle ausmünzt, und bereit war, alle Symbole fahren zu lassen, wenn er etwas Besseres als Worte finden sollte, um Empfangenes zum Eigentum zu machen. Oft dachte er: Musik müsse dies Bessere sein, aber er verwechselte so hartnäckig Neigung mit Absicht, ließ sich vom Stecken des Zufalls so gerne weiden, daß er, später wie es für seine Jahre war, allzu selten zum Genuß guter Musik gelangte. ›Vielleicht‹, dachte er manchmal, ›bin ich nur mir selbst, ist mir nur mein Ich beschieden, aber dann wäre es doch vonnöten, daß ich jemand anderm zu Handen käme, sonst könnte ich es auf die Dauer nicht vertragen.‹ Als ihm sein Bruder eröffnete, daß sein Geld mit nächstem verbraucht wäre, war er fast froh und sah sich nach einer passenden Beschäftigung um. Das war im dritten Jahr seines Wedeler Aufenthalts.

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