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Seespeck

Ernst Barlach: Seespeck - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorErnst Barlach
titleSeespeck
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1991
isbn3499129450
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090316
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Drittes Kapitel

Am Buß- und Bettag, im November, waren sie zu dreien auf der Landstraße, Seespeck der eine, Eixner der andere, und der dritte war der Paster. Sie hatten ihn schon auf der Schule den Paster genannt, und er war auch ein richtiger Pastor geworden, und so war kein Grund vorhanden, weshalb sie ihn nicht weiter so nennen sollten. So gingen sie, keiner ging voraus oder blieb zurück, sie marschierten wie gute Kameraden, die sie doch nicht waren. Der Pastor hatte sie eingeladen, mit ihm auf seinen elenden Dorf-Pastorensitz zu kommen, nachdem sie sich in Hamburg zusammengefunden hatten, wie das so kommt, wenn man vor Langeweile irgendwohin geht, wo man früher seine Unterhaltung gemeinsam suchte. Er mußte noch seine Abendpredigt halten, sonst hätte er mit ihnen den Abend durchgekneipt. Jetzt, wie sie so marschierten, hatte er sich Stillschweigen ausgebeten und rührte mit Widerwillen allerlei Gedanken durcheinander, in die er mit einer langsam immer mehr fühlbar werdenden Besessenheit Ordnung und Haltung brachte, daß sie als Rohbau einer Predigt sozusagen in die Abendluft vor seinen Augen hineinschnitten.

Es hatte am Tage geregnet, aber nun war der Himmel klar und voller Sterne. Sie gingen immer gradeaus nach Norden, und so spürten sie, weil ihre rechte Seite beständig kühl war, daß ein östlicher Luftstrom, ein echter Buß- und Bettagswind, wie eine wandernde Kälte-Flut gegen eine Wärme-Ebbe von Westen langsam anstieg. Die Sterne spiegelten sich in den Pfützen auf der Straße, und wenn man den Stock drüber gleiten ließ, risselte es ganz leise von zartem Eise, und unter den Fußsohlen begann die schlüpfrige Erde krustig zu werden. Die Telegraphenstangen sangen laut, wie sie mit Vorliebe im Ostwind tun. Seespeck wußte seit einer Stunde, daß Eixners Mutter ihre schwere Operation überstanden hatte und daß sie zur Kräftigung mit Grete irgendwohin gegangen sei. Das hatte Eixner ihm auf seine Frage, während er sein Bierglas schon am Munde hielt, mit zwei oder drei knappen Sätzen, bevor er trank, wie eines im Ton leise verwunderten Verweises auf eine Ungehörigkeit so nebenbei bemerkt. Und tatsächlich hatte Seespeck, als er die Frage tat, wohl gefühlt, daß Eixner sich wie in einer majestätischen Unnahbarkeit neben ihm steifte und ihm nicht den kleinsten Etikettefehler nachsehen würde. Er mußte sich also mit einer Auskunft begnügen, die eigentlich einem Überhören, einem Abwimmeln durch Räuspern und Hüsteln gleichkam. (Einerlei), dachte er jetzt, immer im gleichen Schritt und Tritt mit Eixner und dem Paster, -- (warum soll ich mehr wissen, was geht mich das alles überhaupt an, ich bin bei den Leuten ja abgetan.) Und an dieser Stelle des Weges, wo er dies dachte, wurde ihm ganz warm ums Herz. Das erstemal, nicht an diesem Tage, nein, überhaupt seit dem Erlebnis mit der Spieldose. Die Bäume der Landstraße waren jetzt lebendige Gestalten geworden, als er mit einem neuen Bewußtsein, das ihn wie ein heißer Blutstrom innerlich überflutete, um sich sah: (Denn ich gehöre ja nicht zu ihnen), hatte er als die Fortsetzung seines letzten Gedankens, als Echo, das aus den unbekannten Räumen seiner Brust herausklang, als Antwort froh und zuversichtlich aus sich selbst herausgehört. Er fühlte seine Augen feucht werden und biß zugleich seine Zähne zusammen, um ein Lachen, das ein Stolz hervorgestoßen hatte, nicht auszulassen.

Er sah munter um sich. Links das gepflügte Feld war zur Augenhöhe emporgestiegen und zog einen herrlichen Bogen von hinten her als Linie am Horizont, in der Mitte vertieft wie für eine Titanenfaust und nach vorn zu ablaufend wie im zurückschnellenden Zittern eines Schusses gegen den Himmel. Und die Landstraße war die Sehne des Bogens, nicht schnurgerade gespannt, sondern wie der Bogen vom Schuß erschüttert und gewellt. Ja, und die Bäume, was waren das für feierlich leichte und nackte Gebäude! Keins war wie das andre, sein Blick hüpfte wie ein Vogel durch sie hin und fütterte sich munter bei jedem neuen und schmauste sich immer weiter. Der erste stand wie ein riesiger Flitscher, von einem Götterblasrohr vom Himmel niedergeschossen und in der Erde steckengeblieben, schief vom Schwung seines Sturzes. Der zweite ragte wie ein kahlgefegter umgekehrter Besen kratzbürstig und spitzborstig -- oder war es die Rute eines vor Ärger und Lebensmisere tollhausreif gewordenen Schulmeisters? Seespeck wäre beinahe herausgeplatzt. Der dritte, hinter dem sie nun um die Ecke bogen, war auf dem Zeichenbogen des Himmels herrlich groß und zierlich wie mit Kohle hingerissen und senkte sein breites Eirund vom Gipfel herab nach beiden Seiten, aber unten zerfaserte es sich, wie es vom träumenden Senken und Gleiten leise aufschwang wie die Nackenhaare eines Knaben. Mit einem matten Tuschstreifen hatte der Maler diesen Umriß, der so heilig dastand wie ein Lebenssymbol, gegen den Himmel vertieft. Und dieser hier -- war seine Krone nicht wie das Lungenorgan der Erde? -- sog mit tausend spitzen Röhrchen am Himmel und löste unendlich viele kleine Himmel auf und leitete sie durch gebogene Adern zum Stamm und durch den Stamm in die Erde. Da stand in Gestalt einer Stimmgabel ein zweistämmiger Baum, und seine zwei Zinken stießen das Gewoge und Gekrause der Äste um sich her wie sichtbares Tönen, es hing mit geheimem Bann an Vater und Mutter und zog das Klingen wie einen Dunstkreis um ihre selig nebeneinander hochgerankten Körper.

Der Pastor hatte jetzt einen Inspektionsgang durch seinen Neubau von Abendpredigt gemacht und mochte wohl zufrieden sein, denn er brach nun selbst das Schweigen und setzte mit einem einleitenden Kichern über den Graben des geistlichen Geländes und sagte: »Daß Ihr mir aber heute Frau Gelb sagt, Ihr Luder, bitte ich mir aus.« Frau Gelb war des Pastors Wirtschafterin, wenigstens nannte er sie so an Sonntagen und zu andern guten Gelegenheiten, ihr Alltagsname war Frau Gehl, und weil die Stimmung bisher flau und wenig festlich gewesen, suchte er mit dieser Erinnerung, nachdem er selbst besserer Dinge geworden war, auf seine Weise die Laune seiner Gäste zu beleben. Er war ein rotblondes Bürschchen, dem selbst bei schlechtem Lebenswandel und magerer Kost die roten Backen nicht verfärbten. Unter sich sprachen seine Freunde mit Behagen davon, daß er auf dem neutralen Boden der Großstadt, gleichsam in sicherem Versteck, mit harmloser und treuherziger Unbedenklichkeit unter den Bürgertöchtern »aufzuräumen« pflegte. Was davon wahr sein mochte, wußte Eixner nicht und Seespeck noch weniger. Aber in seinen Manieren, in seinen Augen war etwas Ungewisses, ein Hingleiten von der Gegenwart auf irgendwie Unbekanntes im Hintergrunde, seine Augen suchten im Gespräch ein Guckloch und machten sich, ohne daß er selbst einer Zerstreuung heimfiele, daran ernsthaft zu schaffen. Manche sagten, er würde einmal etwas Großes werden, andere fauchten, wenn eine solche Meinung laut wurde, einen Verachtungston, wie wenn sie diese Voraussagen wie eine aufgeblasene, leere Tüte zerschlügen. Immerhin sprach man und stritt sich über ihn, denn am Ende hatte er doch irgendwo in seinem beinah lieblich-leichtfertigen Gehaben eine Gravität, nur daß niemand wußte, worin sie lag und wohin sie gerichtet war. Vielleicht war die große Selbstverständlichkeit, womit er an sich und an seinen vielen Bekannten alles gut und gleich sein ließ, der Ausdruck einer Verachtung von jämmerlichen Maßstäben und all diesen windigen Werten von Wohlverhalten oder gutem Beispiel vor den Menschen. Wenigstens ließ er es sich zum Beispiel nicht anfechten, wenn ihn etwa eins seiner Gemeindeglieder nach mehrtägiger Abwesenheit vom Pfarrhause beim gemeinsamen Heimweg spitzbübisch interessiert fragte: »Na, Herr Paster, sind Sie auch mal wieder bei uns?« Dann freute er sich mit jenem über die heikle Andeutung und entschuldigte spaßend seine Ausgehzeiten mit dem Gebrauch einer Kaltwasserkur, nicht ohne dabei sorglos merken zu lassen, daß die Kur ihm leicht und angenehm zu beobachten fiele, übrigens seien es nur die unumgänglich notwendigen Vorbereitungen für die eigentliche Kur, welch indirektes Geständnis seines wüsten Treibens mit sympathischem Verständnis erfaßt wurde. »Was machen wir nachher?« fragte er, als er von beiden Freunden keine Antwort kriegte, dabei fielen seine Füße, als behage ihnen die Gesellschaft zweier so langweiliger Paar Kameraden schlecht, in einen störenden Sondertakt, worauf sowohl Eixners wie Seespecks Schritte, wie auf ein Zeichen, durcheinander und gegeneinander zu klappern begannen, als wäre es ihnen auch grade recht, daß dieses unerwünschte Einvernehmen ein Ende hätte. Mit dem »Nachher« meinte der Paster aber: nach der Predigt. Sie gingen also als offen eingestanden nicht gute Kameraden im ungleichen Schritt und Tritt ihres Weges weiter und spiegelten sich mit den Sternen um die Wette in den Pfützen. Wenn sie so einer Lache grade entgegengingen, fiel es ihnen nicht ein auszubiegen, sondern sie zertraten den klaren Spiegel bei leisem Knirschen der dünnen Eishaut, ließen den aufgeweichten Grund über ihre Stiefel spritzen und achteten nicht auf die dreckigen Hosenränder. Wer aber auf der Seite gestanden, hätte in andern Spiegelpfützen sehen müssen, wie drei Paar trampelnde und kopfhängende Unterirdische Tritt mit Tritt von unten nach oben vergalten, und konnte sich wundern, was für sonderbare Patrone von Schutzengeln diese drei einsilbigen Überirdischen mit sich führten, und hätte zweifeln dürfen, ob nicht die Wesen von unten her den obern Takt und Tritt vorschlügen, als wären der Pastor, Eixner und Seespeck ein paar auf geheimen Wink und Nötigung trampelnde Puppen im Ungewissen zwischen dem wahren und gespiegelten Sternenhimmel auf einer papierdünnen, haltlosen Mitte.

Im Pfarrhaus war es kalt, doch hatte Frau Gelb den Tisch für das späte Abendessen bereits gedeckt, aber ob es für drei Esser statt des einen reichen würde, ließ sich nicht abschätzen, Seespeck aber schien diese Frage nicht hoffnungslos zu sein, wenn ihm Frau Gelbs rasche Kopfwendungen und Augensprünge auffielen, die auf ihre starke innere Beschäftigung mit derselben Frage hindeuteten. »Natürlich geht Ihr auch«, sagte der Paster und meinte damit: zum Gottesdienst. »Meinst Du, daß wir das müssen?« fragte Eixner ein bißchen starr zurück, als hätte er keine Lust, aber der Paster, der in die Nebenstube getreten war, wo das Licht der Wohnstubenlampe hineinschien und eine Art spiritistischen Kabinettabschnitt aus Lichtmauern baute, darin seine Hälften und Viertel spukartig aufleuchteten, wenn er aus dem Dunkel hineinragte, gab keine weitere Antwort als einen ungewissen Gaumenlaut, den man deuten konnte, wie man wollte; um aber die falsche Wahl gleich zu verhindern, fügte er, und dabei hatte er sich auf einen Stuhl gesetzt und wollte seine Stiefel anziehen, ein bestimmendes Wort hinzu, das aber bei der Anstrengung des Bückens gleichfalls ins Ungewisse umschlug und heraussprang wie ein erstes Ansetzen zu einem Säuglingsschrei. Hinterher klangen ein paar Hackenschläge auf dem Fußboden, und man sah seine beleuchteten Hände wie zwei Tiere mit gelben Fellen über den schwarzen Stiefeln hin- und herspielen. Da nichts anderes erfolgte und Eixner des Fragens überdrüssig war, behielt er seinen Paletot an und gab dadurch Seespeck zu erkennen, daß er sich für den Kirchgang entschieden habe. Das rötliche Haupt des Pastors saß auf diesem Präsentierteller von weißem Kragen gar zu lustig, und wenn die raschen Schritte, mit denen der Paster jetzt hereintrat, den schwarzen Talar in Falten warfen, erschütterten sie diese schrägliegende Unterlage seines Hauptes, daß man denken konnte, es würde im nächsten Augenblick herabrollen. (Darauf muß ich nun eine ganze Stunde passen), zog es ahnungsvoll durch Seespecks Gemüt, und er beschloß bei sich, in der Kirche den Paster nicht anzusehen. Gleich darauf aber vergaß er es wieder, denn es fiel ihm auf, daß dieser Paster, nach seinen Farben, aus verschiedenen Teilen zu bestehen schien und über der sackartig schweren schwarzen Talarwürde der Kopf läge wie ein leichtes anmutiges Gebilde, hinabgesenkt aus der Luft wie eine Seifenblase mit tausend bunten Spiegelungen einer fremden Welt beladen.

»Wir gehen«, sagte der Pastor, und sie gingen. Wer nicht an kleinen dunklen Orten sonntagabends zur Kirche gegangen ist, weiß nicht, wie die Kirchenglocke aus dem Herzen ein Echo heraufzieht, das kommt unbehaglich heiser mit einem fühlbaren Klirren, als wäre der Ton inzwischen irgendwo zersprungen, heraufgeklommen und setzt sich wie ein kaltes Schauern im Menschen fest. Man sieht helle Fenster und ist ein Schatten mit andern Schatten, die von rechts und links um Hausecken und Kirchhofsmauern biegen, hinter Kirchhofsbäumen und aus Gruben hervortauchen. Man ist wie heimatlos und uneigen in dieser Gemeinsamkeit, es scheint, als hätte man Rechte abgetreten, und man kommt sich ein bißchen würdelos und so nackt vor, daß man sich freut, wie dunkel es ist. Man verleugnet sich mit den Mienen beim Eintreten ins Helle und verstellt sich ein bißchen, als wollte man die andern glauben machen, man sei dieser oder jener, nur nicht man selbst. Man hört Orgelspiel und Singen und sitzt da recht wie jemand in feiner Gesellschaft mit geliehenem Frack, aber ohne einen Heller in den Taschen und mit dem Zwang, sich nicht zu mucken, wenn das Bezahlen angeht. Weder Eixner noch Seespeck machten den Mund zum Singen auf, obgleich sie die Gesangbücher, von denen der Paster jedem eins in die Hand gegeben, aufgeschlagen vor sich hatten. Eixner aus angeborener Hochnäsigkeit, Seespeck, weil ihn sein Geheimnis innerlich beschäftigte, führten sich in dieser Gemeinde auf wie zwei Giftkörper im Menschenleibe, die sich aber einstweilen noch schmerzlos anlassen. Seespeck war es, als habe er einen der gespiegelten Himmelssterne mit sich hereingetragen, dessen Blinken und Flimmern wie ein Herzbeben ungestört selbsttätig weiterginge und dessen Strahlen die Worte bedeute, die er vorhin beim Marschieren in sich losbrechen gefühlt: ›Ich gehöre ja nicht zu ihnen.‹ Doch lenkte er seine Andacht bald nach außen, denn nun nach Beendigung einer Litanei, die der Paster ein bißchen hinter sich gebracht, wie man eine dünne Suppe auslöffelt, um bald an den Braten zu kommen, sah er ihn auf der Kanzel stehen und war trotz seiner Absicht, nicht hinzusehen, doch nicht wenig neugierig, was er da oben machen werde, und spürte etwas von dem Zuschauergrausen, wenn der Delinquent das Schafott besteigt. Der Paster verlas den Text, der da sagt: daß wir allzumal Sünder sind und des Ruhmes mangeln, den wir an Gott haben sollen. ›Ein echter Buß- und Bettagstext‹, erlaubte sich Seespeck, innerlich zu spötteln ... Der Paster predigte von der Gleichheit. Aber sonderbar, der Text schien ihm so dehnbar zu sein, daß man getrost das Gegenteil herauslesen durfte und er hatte herausgelesen, daß wir allzumal keine Sünder sind, wenigstens nicht bloß und nur und aussichtslos gleichmäßig. Und wenn man jetzt so viel von Gleichheit reden und schreiben höre, so meinen wir, meinte der Paster, daß es gut sei, mal zuzusehen, worin man denn eigentlich gleich und worin ungleich sei. »Sind wir wirklich gleich, sind wir alle Sünder?« Das sei wohl keine Frage, aber vielleicht sei es grade die rechte Buße, sich zu stärken mit dem Gedanken, daß es wohl tausenderlei Schlechtes gäbe, aber nur ein Gutes, und daß wir alle im Guten, im Echten, im Rechten gleich sein könnten. Nicht daß wir alle überein werden sollen, das sollte man sich getrost aus dem Kopf schlagen. »Wenn wir auch alle Sünder sind, so sind wir doch sehr ungleiche Sünder. Diese Ungleichheit schaffen wir nicht ab, damit würden wir nicht weit kommen. Wer auf den Fischfang geht und mit Tran hantiert, der dunstet den andern die Stube voll und wird rausgeschmissen, denn gegen schlechte Gerüche kann kein Mensch an, oder sollen wir uns der Gleichheit zuliebe alle die Nase zubinden? Dann müssen wir uns aber auch die Ohren zustopfen, denn es gibt viele, die können es nicht hören, wenn ein Schwein abgestochen wird. Und wenn wir die Gleichheit noch weiter treiben, müssen wir uns auch die Augen verbinden, denn manche können es nicht mit ansehn, daß einer eine schöne Frau hat. Nein, Gleichheit ist nicht bei feinen Leuten und auch nicht bei unfeinen Leuten, Gleichheit hat nichts mit arm und reich zu tun, aber alle können gleich sein im Verzeihen von Beleidigungen, im Vergessen von Wohltaten, die man erwiesen hat, im Behalten von Wohltaten, die man genossen hat, gleich darin, daß Ihr leise seid, wenn andre irre gehen und einmal vom rechten Wege abgekommen sind, im Gutnehmen seid gleich, nicht im Übelnehmen, im Entschuldigen, nicht im Beschuldigen.« Seespeck fing mit dieser Einleitung an zu rechten und holte in Gedanken tüchtig aus. Aber er kam nicht weit, denn er ließ seine Blicke umgehen und schlich sich wie unsichtbar durch die Leute. Ob sie wohl ahnten, daß ihnen da so etwas wie eine Bierrede vorgekaut wurde? Denn im Wirtshaus hatte das Wetter der Predigt schon ein bißchen vorgeblitzt. Übrigens war es eine Gemeinde zum Erbarmen. ›Dezimiert!‹ mußte Seespeck denken, wie er diese zerstreuten Häufchen übersah, aber das wäre noch gegangen, wenn es nur Leute gewesen wären, denen es verlohnte, ein Wort von Gleichheit zu reden, und deren Sünden einer Rede wert waren. Sie sahen alle aus, als hätten sie einen Schuß ins Herz bekommen, namentlich die wenigen Männer. Noch nie hatte Seespeck die Neugierde so wie heute angewandelt, diese artverlassenen Menschen anzusehen, und versucht, sie durch Anstarren wesentlich zu machen. Ihn ekelte ein wenig dabei, aber doch ließ es ihn nicht los, ja, er mußte sich sagen, daß grade die ganz und gar Vereiterten, denn das war ein Wort, was ihm unwillkürlich in den Sinn kam, es ihm antäten. Und er mußte sich selbst wundern, warum er es nicht fertigbrachte, sich statt ihrer den Pastor oder das ziemlich alte und wohlgebaute Kirchlein anzuschauen. Da waren Männer sozusagen ohne Gesichter, deren Bereich von Haaransatz bis Kinn ungestempelt geblieben schien, weder von Gott gestaltet noch vom Teufel verdorben, für die niemand eine Verantwortung haben konnte, der überhaupt den Stolz hatte, eine Würde in der Verantwortung zu sehen. Und Seespeck fuhr es durch den Kopf, daß ihm ein leises Vor-Grauen dieser Vorstellung gelegentlich beim Anblick seines eigenen Spiegelbildes gekommen und vergessen war. ›Sowas kann mir also auch passieren‹, dachte er mit einem Anflug seiner alten Versuchtheit, sich selbst aufzugeben. Da waren Schädel mit Haarpelzen, statt aus feiner Knochenschale anscheinend aus einem Surrogat wertloser aber haltbarer »Kunst-Masse« gestampft, Verstandbehälter billigster Sorte, und was konnte in ihnen stecken als ein Gehirnersatz, den die ewigkeit-vergessene Zeit lieferte? Da waren Frauenköpfe mit einer glänzigen, trägen Zufriedenheit, als wären sie irgendwie angespieen und stellten diese Schmach schamlos wie eine neue Mode am Kerzenlicht des Sonntagabends zur Schau, mit Lippen, die man sich nicht gesund lächeln denken konnte, die aber wie Aaskrähenschnäbel aus fauligem Leben faule Bissen herausschnappen würden. Da waren Mütter mit Äffcheneinfältigkeit, denn sie hatten ihre Kinder, die sie zu Menschen geboren, zu Püppchen und Larven zurückgebildet und wußten von diesem Leben, das ihnen doch seinen Hauch bis in die Seele hineingeblasen hatte, nicht mehr, als daß es dank Konsumläden und Gelegenheitsausverkäufen zwar immer noch sauer, aber doch, wenn die Zeiten nicht schlechter würden, Gott sei Dank erträglich sei. Seespeck schämte sich einer Neugierde, wie sie müßige Zuschauer bei Unglücksfällen, feine Damen bei Mordprozessen zeigen. Grade so war er der nackten Scheußlichkeit mit seinen Augen dienstbar geworden. Er sah vor sich den feisten Nacken eines Mannes, der sich wie eine breite rote Säule aus dem Kragenschlund aufreckte und in einer Horizontfalte in der Höhe des oberen Ohrrandes endete, und er konnte die Vorstellung nicht unterdrücken, daß dieser Nacken ihn wie ein hassenswert dummes und zum Ekel freches Gesicht verhöhne, von Gier und Übersättigung zugleich aufgeschwollen. Das Häufchen kugelrunden Haarschopfes glich einer Mütze, und Augen, Nase und Mund waren von Fett überwuchert und in allgemeiner Feistigkeit abgeplattet. ›Der Paster hat gut predigen‹, dachte er, ›er redet eigentlich mit den nackten Mauern und Pfeilern, die horchen seinen Worten und murmeln unter sich leise und besprechen ihre Wichtigkeit weit hinten mit gutmütigem Bedacht. Und das Gewölbe oben ist ein Versteher und Milderer, beinah ein Verzeiher und Verbesserer, es hängt über seinen Worten, als wolle es ihren Sinn veredeln und bebrüten, es umfängt seine Meinung wie ein barmherziges Vertuschen.‹ Er unterbrach sich und zog sein Taschentuch hervor, um sich zu schneuzen. Und dann behielt er das Tuch in der regierenden Rechten und ballte es zusammen, daß es aussah wie ein Schneeball, den er von oben hinabwerfen wollte.

»Die Ehe ist ein Gleichnis für viele Dinge, und Ihr wißt wohl alle, wie es in der Ehe hergeht, nicht immer so fein säuberlich, wie es not täte. Und das kommt von dem Gleichmachen und Gleichseinwollen. Grade in der Ehe soll man sich nicht gemein machen, grade in der Ehe sollen Unterschiede gelten, es ist eine Versündigung am Heiligen und Göttlichen, wenn die Ehe wie ein gleicher Stiefel auf beiden Füßen passen soll, denn es ist unnatürlich und grausam. Laß den rechten und den linken Fuß auch nach seinem besonderen Maß messen, dann kann die Familie wie ein ordentlicher Mensch gesund auftreten und braucht nicht zu hinken.« Und in ähnlichen Gleichnissen zahlte er seiner Gemeinde ihre Sünden aus. Nicht, daß er sich dabei ereiferte, ja, Seespeck glaubte ein paarmal, daß seine Geste gelegentlich ein unterdrückter Griff nach der Uhrtasche war, aber in aller Gelassenheit arbeitete er doch wie ein redlicher geistlicher Zimmermann um Tagelohn an der Aufrichtung eines dörflichen Galgens für die großen Sünder des platten Gleichheitsgeistes und fügte daneben einen Wegweiser zusammen, der hielt den Finger in der Richtung auf einen Ausgleich unvermeidlicher Unterschiede. Und dieser Ausgleich sollte in dem Streben zum Göttlichen aufs Bequemste stattfinden, das jeder in sich trüge, worin wir alle einzig wahrhaft gleich und ebenbürtig seien. Das war alles wie selbstverständlich vorgebracht. ›Er schämt sich nicht, daß er mit ihnen allzumal ein Sünder ist‹, dachte Seespeck, ›und macht doch keine Umstände, mit ihnen allzumal göttlich begründet und durchdrungen zu heißen; ich gäbe etwas darum zu wissen, ob es sein Ernst ist und ob er überhaupt einen Ernst besitzt. Man soll einerseits Unterschied machen und andererseits die Unterschiede aufheben, und wenn man will, so besteht seine Ungleichheit in der Selbstbesinnung auf eine Art grundsätzlicher Gleichheit.‹ Und Seespeck, der es aufgab, in dem Gedankenbau des Pastors Plan und Sinn zu finden, fühlte seinen Spruch, daß er -- Seespeck -- nicht zu »ihnen« gehörte, wieder in sich rumoren und zog für den Rest des Gottesdienstes seine Fühlhörner ganz ein. Nach der Predigt und dem Kirchengebet wurde das »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren« gesungen. Auch jetzt taten Seespeck und Eixner den Mund nicht auf. Seespeck aber mußte wie schon einmal an diesem Abend die Zähne aufeinanderbeißen, denn auf keine Überraschung war er weniger gefaßt gewesen, als er hier von einem dörflichen Organisten erlebte, der den Choral wie eine erlöste Titanen-Seele aus dem zu Stein kristallisierten Kirchen-Leibe sich heben, breiten, von ihm lösen und aufschwingend ihn unter sich zurückstoßen und stürmisch aufwärtssteigen ließ. ›Ach Gott‹, fühlte Seespeck erschüttert, ›da ist ja Gott selbst, in der Brust des Organisten.‹ Sein Wahlspruch aber schmiegte sich zwischen die Flügelschläge des Chorals und ließ sich wie eine Sehnsuchtsfrage aufwärtstragen. ›Nein, zu »ihnen« gehöre ich nicht, aber wo sind die, zu denen ich doch gehöre?‹

Sie saßen im Pfarrhause zu Tisch nieder und lasen vom saubern Tuche die Mitteilung ab, daß Schmalhans Küchenmeister sei oder, wie der Pastor, der sich die Hände in der Luft wusch, sagte: daß Frau Gelb sich vom Munde der Gäste Wirtschaftsgeld abspare. Aber man reichte einander dennoch die Schüsseln so lange hin, bis jedermann dankte und sich damit für gesättigt ausgab.

Dann verfügte sich der Pastor wiederum in das spiritistische Kabinett und ließ es ein wenig im Kleiderschrank poltern. Der Erfolg war eine Flasche Rum; so konnte die »Ausgießung des Heiligen Geistes«, die der Pastor sinnfällig machen wollte, vor sich gehen. »Ich werde Euch die Zunge lösen«, versprach er dann und verwandelte den starken Stoff unter der Formel der Verwässerung in Grog. »Da Euch aber schwerlich Flammen auf den Kopf schlagen werden«, lästerte er weiter, »soll Euch wenigstens Rauch aus dem Munde gehen«, und dafür wurde eine Kiste mit Zigarren geschickt befunden und auf den Tisch zur Benutzung aufgestellt.

»Die ganze Gleichnisrederei ist Unsinn«, qualmte als Vorschlag eines Gesprächsthemas Eixner hervor, und da niemand ihm widersprach, bequemte er sich, das Feld tüchtig umzupflügen, schnell zu säen und fortzufahren, ohne Luft zu schöpfen, auch noch die Ernte zu bergen. Endlich, als er einen Augenblick stockte, warf der Pastor die stupide Frage hinein: »Erlaube mal, redest Du von Gleichheit oder Gleichnis?« »Gleichnis!« antwortete Eixner unwillig. »Aber Gleichnisse sind doch ausgezeichnet«, meinte der Pastor, und damit hatte er Eixner sozusagen Öl aufgegossen, und so konnte er sein Licht weiterleuchten lassen. »Man kriegt am Ende den ganzen Kunstkram satt«, gab er weiter an. »Man wird wie ein Hund und richtet sich bloß noch nach seiner Nase. Halte mal einem Mops einen Spiegel vor, wie der die Nase rümpft, der ist nicht für Gleichnisse, aber für Wirklichkeit, für Geruch, für Hundegeruch -- ich auch --, das heißt...« »Ja, das heißt...«, beschwor ihn der Pastor, »das heißt allerdings... sehr sogar.« »Da redest Du nun vom ›Heiligen Geist‹«, fuhr Eixner fort und ließ die Zigarre einen Stoß nach der Rumflasche tun, »warum sagst Du nicht Rum, weshalb bringst Du Dein halbes Leben mit Gleichnismachen zu?«

Der Pastor nahm gelangweilt seine Brille ab und rieb sich die Augen, bis sie rot waren, und dann drehte er den Kopf wie ein blindes Tier hin und her, als suchte er in der verschwommenen Welt vor sich ein Guckloch mit klarer Aussicht. Die Brille lag auf dem Tisch und malte ein Bild der Lichtflamme an die Wand. Aber die Flamme brannte verkehrt und stand auf ihrer Spitze in dem vergrößerten Oval der Brillengläser. »Sieh, sieh«, sagte der Paster und wies auf das Phänomen, »das ist mal allerliebst, das gibt ein schönes Gleichnis ab, das hilft Dir nun nichts, mein Lieber.« »Wieso?« antwortete Eixner, »genügt das Bild nicht selbst?« »Aber, guter Gott, ein Bild ist ja selbst Gleichnis«, höhnte der Pastor; »daher heißt es so: Das Bild ist nicht das Ding. Es ist ausgezeichnet, ich werde noch einmal einen Leuchter mit auf die Kanzel nehmen, um meinen Leuten das Experiment vorzumachen. Und dann sag ich ihnen, so dumm und verkehrt wie die Flamme an der Wand sieht manchmal Euer Leben aus, darum braucht Ihr aber nicht zu fürchten, daß es sinnlos und nicht wirklich ist. Der richtige, aufrechte Sinn steckt doch irgendwo hinter den Brillengläsern Gottes oder so was.« »Na, gute Nacht Gleichnis für heute«, lachte nun Eixner auf, »da haben wir von der Ausgießung Deines Heiligen Geistes doch noch eine Flamme zu Gesicht bekommen.« »Ja, auf die Heilige-Geist-Flamme kann ich dabei anspielen«, schloß der Pastor, »zu Pfingsten sollen meine Leute...« Seespeck stand auf, gezwungen, als sei ihm übelgeworden, sie sahen ihn an, und er sagte: »Ich will nach Haus gehen«, dabei war er recht verstockt, blickte zu Boden und gebärdete sich wie ein Schuldbewußter, er hatte die größte Lust, sich wieder zu setzen, und rang wild mit seinem Engel, der ihn zum Aufstehen gezwungen hatte. ›Es wird doch nichts dabei herauskommen‹, dachte er, ›ich weiß ja selbst nicht mal, was ich will.‹ Der Pastor, dessen wirkliche Frömmigkeit vielleicht einzig und allein darin bestand, daß er in allem und jedem ein Wunder sah, und, weil er so viel mit Wundern zu tun hatte, schließlich über nichts mehr erstaunte, sagte endlich: »Ach was, wir gehn doch alle zusammen, ich begleite Euch zurück, bleib nur solange sitzen, bis der Grog aus ist.« Darüber erschrak Seespeck, er wehrte heftig ab und streckte die Hände aus, als schöbe er sich eine widrige Möglichkeit vom Leibe. Eixner griff in seine Brusttasche und langte einen zerknitterten Brief hervor, den er sicher schon einige Tage mit sich herumgetragen hatte. Es sollte so aussehen, als fiele ihm jetzt erst etwas Belangloses ein, aber man merkte, daß er zu sehr darauf studiert hatte, und er machte seine Sache herzlich schlecht. Er besah den Brief von vorn und hinten und wollte damit glauben machen, er wüßte nicht, wie das Ding in seine Tasche käme, und ließe es sich Mühe kosten, seine Bestimmung ausfindig zu machen. Schließlich, da er selbst merkte, wie er sich blamierte, reckte er wütend den Brief Seespeck hin. »Das hab' ich Dir noch zu geben«, sagte er dabei. »Weiter nichts?« fragte Seespeck, als wüßte er schon Bescheid, und schob ihn zwischen die Knopfreihen seiner Jacke wie etwas, das zum Anzug gehört. »Hallo«, sagte der Pastor, indem er sein Haupt schüttelte, um eine Fliege von der Nase zu scheuchen, und wurde dabei wieder ganz munter, »wechselt Ihr Liebesbriefe?« Und es schien Seespeck, als setzte er sich in seiner Sofaecke recht im Sattel fest, um gegen das Erschütternde einer wirklichen Überraschung gesichert zu sein. Aber Eixner, der die Frage noch viel mehr verabscheute, ballte seine Fäuste in den Hosentaschen und tat mit einem herrschaftlichen Langstrecken des Leibes vom Kopf an der Sofalehne bis zu den Zehen unter dem Tisch das ganze unbequeme Thema vornehm ab. »Er will ja gehen«, sagte er, »warum tut er es denn nicht«, aber der Pastor wiegte sich hin und her und machte ein pfiffiges Gesicht dazu, sog mit zusammengepreßten Lippen den Honig aus einem Bonbon-Geheimnis in seinem Munde und lugte blinzelnd schräg aufwärts nach den Noten, die zwischen den Runzeln seiner Stirn säßen, und bewies damit, daß man auch ohne Worte recht anzüglich werden kann. Er war nicht eigentlich neugierig, aber so wenig er sich um allerhand Geschichten zu kümmern pflegte, so wenig Gewissen machte er sich daraus, das, was ihm zuflog, oder Umstände, auf die der Reim, der ihm richtig schien, paßte, weiterzutragen. Er übte eine Art Tyrannei mit Selbstverständlichkeiten aus, die er zu seinem Dienst preßte und mit denen er überall Schaum und Wirbel schlug, und so mußte Eixner, wollte er nicht morgen von Seespecks und Gretes Briefwechsel von dritter Seite hören, den Pastor abzutrumpfen suchen. »Wenn Du wüßtest, was für ein Kerl das ist!« brachte er seelenruhig hinter seinen Zähnen und aus den mächtigen Kinnladen hervor, ja fast in Gemütlichkeit zu freundlicher Auskunft. Seespeck und der Pastor, die ihn kannten, wußten, daß das seine gefährlichste Art war. Dem Pastor wurde der Ton unbehaglich, und er fragte unsicher zurück: »Wieso?« »Wieso?« äffte Eixner nach und zuckte die Achseln. Er ließ sich Zeit, und Seespeck, dem das Niedersitzen völlig verleidet war, begann im Zimmer auf und nieder zu gehen. Es sah aus, als ob ihn Eixner, dessen Faust auf dem Tisch lag, an einem unsichtbaren Seil laufen ließe, und als ob er wüßte, daß er im nächsten Augenblick einen Peitschenhieb bekommen sollte.

Der Pastor sah mit hellen Augen hin und her und meinte mit halbem Lächeln: »Ich wittere Morgenluft -- was soll das heißen: soll er abgesägt werden, was willst Du mit ihm machen?« Eixner antwortete mit einem Augenblinzeln, als fixiere er ein Sandkorn vor seinen Augen, dann blies er es verächtlich fort. Und der Pastor sagte in etwas spöttischem Ton: »So, so!?« tat aber sonst, als sei er nun genau unterrichtet.

»Mir gefällt nämlich der Seespeck«, sagte er endlich mit jenem etwas unsicher schwingenden Ton, wie er leicht bekam, wenn er anstrengend geredet und getrunken hatte oder wenn er gerührt und weinerlich gestimmt wurde. »Er ist zu jung für uns, er ist noch ein Baby. Du und ich, wir sind so alt, wie wir werden können -- das heißt -- na ja, sagen wir mal: wir. Aber er! Laß ihn laufen, wenn er fort will.« Aber Eixner ließ ihn noch nicht los, und Seespeck wanderte am unsichtbaren Seil auf und nieder. Endlich fragte Ebener: »Weißt du noch?« und als Seespeck stehenblieb, biß er zu. »Der Meineid von damals?« Seespeck lächelte bloß, ja er freute sich, ihm wurde leicht, auf diese Weise ging es am besten; das mußte er Eixner lassen, er verstand seine Sache. Er nickte mit dem Kopf, als gäbe es gar nichts zu leugnen, und begann wieder zu marschieren.

Es war richtig, es war etwas dergleichen vorgekommen. Sein Bruder war vor einigen Jahren von einem Wilden, einem wahren Amokläufer von Feind angefallen, und der ganze Handel hatte sich auf die Gerichtsstätte gewälzt, eine Verleumdungsklage des älteren Seespeck war in den Rachen eines Raubtiers geschleudert worden: -- und Seespeck der Jüngere hatte geschworen, geschworen, wie ein Wütender um sich beißt, und Gott selbst hätte nicht unterscheiden können, was bewußt oder unbewußt unrichtig an diesem Eid gewesen. Aber Eixner, klüger als Gott, hatte es herausgefunden. Solche Worte, wie sie der eine Seespeck zu dritten, einerlei ob im Scherz oder Ernst, gesagt haben sollte, hatte nur ein Seespeck finden können, sie waren Seespecksche Absenker, daran durfte, wer ihn kannte, keinen Zweifel haben, und so hatte Eixner seinen Freund unter vier Augen ins Gericht gebracht. Damals hatte Seespeck -- erst betroffen, dann hochmütig, das alles anerkannt. Gut, dann solle es dabei bleiben, er wolle für sich selbst wohl damit fertig werden, der Schelm war als Schelm gefahren, und da das Recht trotz dem Falscheid zu Recht bestände, so möge ihm wohl der Ewige selbst den Eid eingegeben haben, der möge es verantworten, und Eixner habe keinen Grund, sich deswegen an Seespeck zu wenden. Das hatten sie damals gelassen, wie es war, und heute -- heute dünkte Seespeck jeder Hauch als Erklärung wie ein Speien gegen seinen Engel. Er griff nach diesem Meineid und vermummte sich damit. Er fühlte etwas wie Dank gegen Eixner, es war ihm zumute, als führten sie beide eine abgekartete Komödie auf, wobei er sich ängstlich hüten mußte, seine Rolle als aussätzig Gewordener zu verderben. Aber dem Paster war nicht so leicht etwas weißzumachen, denn er murmelte vor sich hin, als wolle er von alledem nichts wissen: »Blödsinn, Kinder, wollt Ihr Euch ins Loch bringen?« Worauf Eixner gereizt zur Antwort gab: »Nein, das passiert nicht, außer wenn Du Klatschbase Dich seiner annimmst. Aber ich sollte denken, es ist sowieso schlimm genug.« »Naa --a!« antwortete der Paster mit einem schmerzlichen Zudrücken seiner Augen, daß man sah, wie sauer ihm das halbe Zugeben wurde, »das müßte man wohl erst einmal ausführlicher anhören -- wie? Erzähl' bitte.« Als Seespeck darüber entwischen wollte, zuckte Eixner mit seiner Hand und hieß ihn warten. Dann erzählte er, und Seespeck sah in völliger Seelenruhe, wenngleich in der Haltung des Delinquenten, diese Holzskulptur, genannt Eixner, und des Pastors dünnbärtiges Rundbackengesicht mit dem ewigen Ausdruck von Abwesenheit oder leicht genierter Ungläubigkeit und Gegenwartsvergessenheit gegeneinander gerichtet vor der schwarzen Sofalehne sich abheben, beobachtete, wie Eixner die fatale Wirklichkeit aus Seespecks früheren Tagen zwischen den Zähnen zerschrotete, und konnte sich kaum enthalten, nicht zu sagen: »Das machst Du gut, so noch ein Stich, dann ist mein bürgerliches Ich tot.« Aber mochte sich nun der Pastor mit Vorsatz dumm stellen oder hatte er wirklich mehr Teilnahme als Neugierde, er verwirrte Eixner durch Fragen und Einwürfe von einer unklugen Art, die einem den Atem raubt und die Eixners Rede mehrere Male erstarren ließ, bis er endlich abbrach und mit der Faust auf den Tisch schlug, als wollte er einen Schlußpunkt setzen. Der Pastor lächelte mit einem Ausdruck von Beschränktheit, als sei er allen diesen Dingen nicht gewachsen, und sah Seespeck an, als wolle er fragen: »Was machen wir mit ihm?« Seespeck aber begriff momentan, oder glaubte ihn zu begreifen. Der Pastor fragte in Gedanken: ›Will Seespeck Eixner oder Eixner Seespeck abschütteln?‹ Denn daß der Meineid, ein längst vergessenes Stück Leben, aus einem verfallenen Brunnen heraufgewunden war, schien gar zu deutlich, und wenn er dazu den Brief und seine Deutung nach beliebter Art zu Hilfe nahm, hatte er schnell eine Erklärung gepreßt, die der Wahrheit ziemlich nahe kam. »Ja, wie Ihr wollt«, sagte er als Schlußsatz seiner Gedanken, »wenn es so sein soll und Seespeck nichts mehr zu sagen hat ... wie gesagt ... wie Ihr wollt. Du kannst übrigens gern noch eine Zigarre nehmen«, sagte er mit erheuchelter Gnädigkeit, worin er sehr drollig wirkte, »meinetwegen auch zwei!« Und dabei schob er Seespeck die Zigarrenkiste näher. Aber als Seespeck Miene machte zu gehorchen, spürte er, als hätte ein Stich seine Hand getroffen, Eixners Blick, und er trat langsam aus dem Schein der Lampe ins Dunkle zurück an die Wand. Eixner seinerseits stand auf und faßte in die Kiste, dann griff er in die Tasche nach einem Messer und schnitt die Spitze der Zigarre ab. Dabei stand er breitspurig zwischen beiden vorn am Tisch. Er hantierte mit der Streichholzschachtel, zündete an und sagte zwischen Paff und Paff: »Weißt Du -- Paster -- neulich -- sollte ich mal -- eine Kleinigkeit rechnen, das ist -- lange nicht mehr vorgekommen, kleines Einmaleins -- na und da hab' ichs mir an den Fingern ausrechnen müssen, wahr -- haftig, an den -- Fingern. Kann jedem passieren, meinst -- Du? Vergeßlichkeit aus -- Mangel an Interesse, das ist -- es; aber sag mal -- bei der Gelegenheit, gab es nicht mal einen Bekannten von uns -- wie hieß er noch? Einen gewissen -- na Donnerwetter!« Er drehte sich nach Seespeck um und fuhr fort: »Ein Name wie ein Schatten an der Wand -- Seespeck -- richtig, das war der Name, erinnerst Du Dich an Seespeck, Paster? Es will mir kaum möglich scheinen, aber es war Seespeck, kein Zweifel für mich, ein Mensch wie ein Schatten an der Wand, man muß den Namen herausklauben aus dem Kopf wie ein Stück verschimmeltes Einmaleins mit den Fingern.«

Wirklich, er war wie ein Schatten, der an der Wand entlang zur Tür glitt und verschwand. »Das ist denn doch zu toll«, rief der Pastor und sprang auf, aber Eixner vertrat ihm den Weg. »Ich werde ihn doch herausbegleiten dürfen, laß mich durch«, verlangte er, aber Eixner hob den Zeigefinger langsam, wie ein Konzertmeister den Stock, und schien in Gedanken die Sekunden abzuzählen, die von dem Taktstock in das Stillschweigen tropften, das er mit dem Taktstock heraufbeschworen hatte. Endlich hörten sie an der Haustür ein leises Geräusch, wie ein verzagtes Scharren, und Eixners Hand wurde wieder lebendig und scheuchte die Spannung der letzten Augenblicke wie ein lästiges Insekt vor dem Gesicht fort. Der Paster setzte sich wieder und trommelte mit den Fingern auf dem Sofa. Er kniff die Augen zusammen und sah in die Lampe, daß ihr Schein wie ein Lichtnebel auseinanderfloß.

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