Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Barlach >

Seespeck

Ernst Barlach: Seespeck - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/barlach/seespeck/seespeck.xml
typenovelette
authorErnst Barlach
titleSeespeck
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1991
isbn3499129450
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090316
projectid9ab088cc
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Seespeck fand sein Zimmer nicht leer, der kleine Sohn seiner Wirtin lag auf dem Teppich und drehte an der Kurbel einer kleinen, elenden Spieldose. Seespeck hatte die Laune, ein Weilchen zuzuhören, ehe er das Kind hinausschickte; seine Gnade galt aber weder der Spieldose noch dem Jungen, sondern er wollte der Wirtin, die ihn erst später erwartet hatte, zur Überwindung ihres Ärgers über den bösen Zustand seines Zimmers, der eigentlich wohl sein Ärger hätte sein müssen, Zeit lassen. Nachdem er ein paar von diesen traurigen und faden Tönen ohne Mitleid mit sich oder dem Spieler angehört hatte, wollte er grade den Rest in irgend einem Winkel seiner Unaufmerksamkeit verschwinden lassen, als er sich eine sonderbare Betroffenheit anmerkte. Es war wie der Duft frischlackierter Spielsachen, aufleuchtende Erinnerungsreste von Kindererlebnissen schossen vorüber ins Dunkle, sinnlose Gruppierungen von allerlei Wesenlosem, Dagewesenem aus einer weit weggeschwommenen Zeit. Und als er aus diesem schwindelnden Augenblick aufwachte, der wirklich nur mit dem Zeitmaß eines einzigen tiefen Atemholens gemessen werden konnte, wußte er sich über eine lange Wegstrecke widerwillig zurück und belauerte mit der geheimen Erwartung die simple Tonfolge des Instruments, daß sie ihm noch einen zweiten, diesmal besser ausgenutzen Fernblick auf etwas, das ihm süßer erschien als alle Erfüllung von Gegenwartswünschen, bescheren würde. Richtig, da kamen die drei Töne wieder, die in ihren Zwischenräumen das ganze Gefühl seiner Jugend in dem Schauer eines einzigen Moments zurückbrachten. Da war ein tief schwingender Ton, eigentlich der Nachhall, das Fortbrummen eines Echos, das über die Jahre her von der Glocke kam, an die beim Klettern im Kirchturm seine Kinderfinger geklopft hatten, ihm folgte, wie hinausgeschoben, erquält, weh wie eine Enttäuschung ein Anflug von einem Aufschwung, der schon beim ersten Flügelschlag ermattet, und endlich ein dritter dazu, der aus Kälte und Wagnis zum warmen, dunklen Grund kleinkindlicher Geborgenheit und Gläubigkeit heimwärts nieder strebt. ›Ach ja‹, dachte er, ›wie sonderbar war das, man hatte damals noch keine Sechslings-Lebenswerte in der Hand, man wußte nichts und ahnte und fühlte alles; damals staken Gespenster hinter den Dingen, und man ging leise, halb furchtsam, halb neugierig daran vorbei und wagte doch nicht, hinter sich zu schauen. Eine zage Musik in einem ahnte etwas vom Leben, das überall in allem wäre.‹ Das alte Vaterhaus hatte ihn angerufen mit einem unendlich leisen Hauch aus unermeßlicher Ferne, aber die leise Erschütterung hatte genügt, sein Herz auszuschütten und unscheinbare Erinnerungen herauszusammeln, voll von der schmerzlichen Lust, mit der man im Traum Tote und Verlorene in schluchzender Seele auferstehen sieht. ›Könnte man doch‹, dachte er unwillkürlich, ›einen Glauben, ja einen Aberglauben haben, an dem man mit solcher Seligkeit hinge!‹ Aber diese seine Entzündung einer verborgen schlafenden Empfindung verzog sich wieder in eine Tiefe, vor deren Türe er in bitterer Erkenntnis seiner Ausgeschlossenheit stehen mußte. Ein Verdruß wie eine rauhe Narbe schnürte sich irgendwo in ihm zusammen. Was nützte es ihm, an etwas zu denken, das sich widerwillig in ihm vor sich selbst verbarg? ›War ich denn einmal etwas Besseres, und will sich dies Bessere nicht mit mir verunreinigen?‹ Morgen sollte er auf sein Büro, da war es schon besser, man betrank sich heute noch einmal, dachte er wütend im Weggehen. Aber als er draußen war, wollte er es doch lieber nicht tun, geriet aber im planlosen Umherschlendern an ein Haus mit Mädchen und trat ein. Da begegnete ihm auf der Treppe eine ganz junge und sehr schöne Person, die ihn anredete, sogar mit Anstand und einer gewissen Bescheidenheit, wie es ihm vorkam. Sie war wirklich schön, und als Seespeck drei Worte mit ihr geredet hatte, schien sie ihm in nichts verändert; er hielt sich mit ihr eine kurze Weile auf der Treppe und wartete mit einer gewissen Ungeduld, um endlich durch ihre Schönheit das andre herausschlagen zu sehen, was doch einmal kommen mußte, wie er genau zu wissen glaubte, diese kleinen Anzeichen in Bewegung und Sprache von der letztlichen Gewöhnlichkeit und Unterschiedlosigkeit, von dem, was Hinz und Kunz auch sind und haben. Aber als es doch auf sich warten ließ, überkam ihn eine Angst wie die Ahnung eines Übelwerdens, er würde es nun doch noch herausfinden, und diese Übelkeit ließ ihn plötzlich forteilen. Sie sah ihm über die Schulter nach, so lange sie ihn, ohne den Hals zu bewegen, im Blickfeld hatte, dann, ehe er noch ganz unten war, entließ ihr Auge ihn von sich wie einen kühlen, grauen, formlosen Schatten.

Als Seespeck ziemlich schnell aus der Tür trat und zwischen dem letzten und dem nächsten Schritt nicht wußte, ob es rechts oder links gehen sollte, hatte er rechts die Vision des Bäckers von Moosburg, der seine schlürfenden Elefantenschritte über das spiegelnde Pflaster zog, aber es war wohl nur eine Vision, denn er schob die Vorstellung einer Begegnung in diesem Augenblick voll Ekel so radikal beiseite, als er links abbog, daß nichts in ihm zurückblieb als ein unbeachtetes Sohlengeräusch in seinen Ohren. Er beschloß, zu Eixner zu gehen, mit dem er wohl nicht grade von Herz zu Herz verbunden war; indessen waren sie beide aus dem kleinen Städtchen am Rande der Marsch, und Eixners Mutter, die jetzt sowie auch seine Schwester bei ihm wohnte, war mit Seespecks verstorbenen Eltern auf dem landläufigen guten Bekanntenfuß gestanden, der in der Erinnerung durch die Zeugenschaft eines langen Hergewesenseins und den selbstverständlichen Wert aller gemeinsamen Heimatserinnerungen überhaupt von selbst zu einem zuverlässigen Freundschaftsfuß geworden war. Die alte Frau Eixner pflegte Seespeck immer ein wenig mit Beschlag zu belegen, und er war es wohl zufrieden so, denn mit ihr konnte man bequem ein paar Stunden herumbringen, was von Eixners Gesellschaft oder der seiner Schwester nicht zu sagen war. Eixner war in der Redaktion irgendeiner Zeitung eine wohl nicht mehr als obskure Persönlichkeit, und seine Schwester, die in einem Büro zu tun hatte, dessen Bestimmung Seespeck nicht einmal kannte, war neuerdings mit einer überschwenglichen Freudigkeit, die Seespeck in einer knurrigen Stimmung bei sich Galgenhumor nannte, ans Übersetzen von skandinavischen Schriftstellern gegangen. Übrigens fühlte sich Seespeck an diesem Abend so trostlos einsam, daß er, wie es schon ein paar Male geschehen war, zu dem Gedanken an Eixners Schwester Zuflucht nahm und sich vorstellte, wie sonderbar es sein müßte, wenn er sich vielleicht grade heute abend noch in sie verlieben würde. Ob sie an diesem Fall einen Anteil nehmen würde, darüber spekulierte er schon gar nicht, denn wenn er an solche Sachen dachte, so war es ihm gewissermaßen um dasselbe zu tun, wie einem Zweifler ums Dogma; nur daß er sich in seinen Gedanken verehrend an etwas hängen konnte, war es, was er wünschte. Die Magnetnadel seines Innern war ohne Richtung und quälte sich zwischen allen Himmelsgegenden herum, ohne in irgendeiner zu Hause zu sein, und so war Seespeck bisweilen dringend um einen Strom zu tun, der ihm seinen Norden anwiese. Übrigens bereute er schon auf dieser halberhellten, jämmerlichen Treppe, hergegangen zu sein, und klingelte an der vierten Etagentür mit dem unbestimmten Grauen vor der nächsten Minute, die vielleicht dem Schicksal seines Lebens oder nur dieses Abends irgendeine feste Form bringen würde. Frau Eixner, die ihm öffnete, sagte rasch: »Das ist gut von Ihnen, daß Sie sich heute sehen lassen, mit meinem Sohn ist es gar nicht auszuhalten, er hat wieder seinen Herbstkoller ...« ›O Gott‹, dachte Seespeck, ›ob ich mit meinem eigenen Koller seinen kurieren soll?‹ Übrigens sah er sogleich etwas Besonderes an Frau Eixner. ›Ist es der Fischmund?‹ fragte er sich, ›aber das habe ich ja sonst nie an ihr bemerkt -- oder hat sie Spinnweb in den Augenwinkeln?‹ Er trat näher und wollte erstmal das übliche Papperlapapp von sich geben, als Eixner seine Tür aufriß und ihm den Faden abschnitt, ehe er ihn anspinnen konnte. »Was gibts Neues?« fragte er und machte die Tür hinter Seespeck zu. Es war ein gewaltiges Gerüst, eine stattliche Knochenkonstruktion, über dem Eixners knappes Gewebe harten Fleisches gespannt war, so daß das Ganze an Langbeinigkeit, mächtiger Brust- und Schädelwölbung doch ein bißchen auf Karikatur eines gewissen holsteinischen Typus hinauslief, seine schmalrückige, grade nach unten gestreckte, vorn sehr kantige Nase spielte sich auf wie ein besonderes Stück Wesen, eigenlebendig und herrisch, gleich einem einzigen Führer und verantwortlichen Anstifter des ganzen Menschen.

»Was es Neues gibt«, antwortete Seespeck, indem er sich setzte, »hast Du schon mal Umstands-Brautkleider gesehen? Das ist doch die modernste, neueste Errungenschaft der Vorurteilslosigkeit ... wenigstens hab ich so was in einem Modeladen gesehen diese Tage«, fügte er hinzu, denn ihm war nur eine starke Kleiderpuppe aufgefallen, und den Rest hatte seine Phantasie dazugetan. ›Nur nicht den Koller verraten‹, dachte er dabei, ›lieber Blödsinn reden‹, denn Eixner war irgendwelchen vertraulichen Anlässigkeiten aus persönlicher Verstimmung heraus gegenüber stets gnadenlos. Eixner hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und ließ die Fäuste zwischen den Beinen hängen, wie zwei Schaufeln eines riesigen Maulwurfs anzusehen, er hörte nicht zu und sah irgendwo gegen die Wand, als stemmten sich die Blicke dagegen, wie man sich anlehnt, um einmal Ruhe zu haben. »So«, sagte er, »na? und nun?« Seespeck antwortete: »Ja, weiter weiß ich nichts, ich komme übrigens grade heute von der Lüneburger Heide zurück.« »So«, wiederholte Eixner, »Lüneburger Heide?« und man merkte deutlich, daß er die Worte nur brauchte wie sein Blick die Wand als Widerstand und Zuflucht müder Gedanken und Vorstellungen. ›Hallo!‹ dachte Seespeck, ›es scheint wirklich ein tüchtiger Koller zu sein.‹ Doch im selben Augenblick schüttelte Eixner die Lähmung ab und stand auf und ging nach der Tür zurück, die er leise öffnete. »Mutter?« fragte er halblaut, »bist Du noch da?« Und wie er keine Antwort bekam, schloß er schnell und stand dicht vor Seespeck still. »Nämlich«, sagte er, wie man jemand etwas Ärgerliches nicht ersparen kann, und zuckte dabei mit der Schulter nach der Tür zurück, »es ist ausgemacht, sie wird diese Woche operiert, aber laß Dir nichts merken, daß Dus weißt -- das heißt, es ist nicht mehr zu machen, es geschieht nur noch und erspart ihr den Rest, den man niemand gönnt, weißt Du -- sie gehört zu den Frauen, eh sie sich untersuchen lassen, schleppen sie es jahrelang mit sich herum und heucheln, gut bei Wege sein, das hat sie fertig gebracht, aber Grete hats doch gemerkt, und nun sind sie heute beim Dr. Kwast gewesen ... ich darfs überhaupt nicht ahnen, wo es sitzt, weißt Du --« er streckte beide Hände von sich, »und Du weißt natürlich auch von nichts weiter als ein bißchen Leg-Sein, merk Dir das, hm?« »Natürlich«, sagte Seespeck, »übrigens sieht man, daß was bei ihr los ist. Krebs?« »Ja, ja«, antwortete Eixner ungeduldig, »was soll man da noch lang und breit darüber quasseln -- es ist eben zu Ende mit ihr.« Seespeck wollte etwas einwenden, aber Eixner schüttelte die Worte von sich ab: »Du weißt das doch nicht.«

Weil Seespeck anfing, ärgerlich zu werden, versteifte er sich auf sein Mißtrauen gegenüber allen ärztlichen Vorhersagungen, und so stritten sie sich ein Weilchen über die Wahrscheinlichkeit, ob die alte Frau, die noch in der Küche mit ihren Tellern klapperte, allernächstens zum Sterben kommen würde oder nicht. Sie mußten sich schon bequemen abzulassen, als Frau Eixner die Doppeltür zum Wohnzimmer in einer Art von Achselzucken, als wundere sie sich im voraus, wie weit sie es heute treiben würde, öffnete und mit versagender Stimme ihr: »Wenn Ihr nun so gut sein wollt ...« sprach. Sie hatten beide rote Köpfe und nahmen ihre Servietten vom Teller mit dem Unbehagen von Leuten, denen bitter Unrecht geschehen ist, wozu sie obendrein noch zufriedene Mienen machen müssen. Irgend etwas auf dem Tisch fehlte, und Frau Eixner, die sich soeben auf ihren Stuhl hatte sacken lassen, wollte mit einem unterdrückten Stöhnen auffahren, als ihr Sohn, schwer gereizt, wie er sich fühlte, heftig aufsprang. Was er dazu sagte, war nicht grade fein, und Frau Eixner warf einen flehenden Blick auf Seespeck. Doch zugleich glitt ihr eine neue Tischsorge ins Bewußtsein, und sie übergab der offenen Tür im weinerlich kläglichen Ton die neue Anordnung. In diesem Augenblick erschien die Grete, die inzwischen von einem Ausgang lautlos zur Haustür ein- und in ihr und ihrer Mutter gemeinsames Schlafzimmer getreten war, blondköpfig und trostreich, so voll von innerem Trost, daß er sie nach außen übertaut haben mochte, so stand er ihr zu Gesicht. Seespeck und sie begrüßten sich, aber daß ihr Dasein ihm in diesem Augenblick ein Sonnenaufgang gewesen wäre, ein Tor ins Jenseits, das zu betreten ihm halbwegs bequem war, konnte er nicht an sich spüren. Eixner kam mit einer Schüssel in der einen und einem überflüssigen Tischbedarf in der andern Hand, und seine Miene ließ nichts an Gekränktheit zu wünschen, er haßte diese kleinen Besorgungen, die er selbstverständlich und regelmäßig seiner Mutter abnahm, und ihr flauer Ton empörte ihn im Innersten. Denn die Alte war aus der alten Schule, die mit Sprache und Miene die Dinge unterstreichen zu müssen glaubt. Sie konnte um einen Fettfleck seufzen und das Bedauern über ein Lampenblaken in den Triller der Trostlosigkeit, in einen Klang des Bedauerns nach hergebrachter Art kleiden. Sie hatte ihre Kinder im Kampf durch eine Flucht von lauter mageren Jahren in Sorgen aufgezogen, aber sie konnte es zu Eixners Entrüstung nicht unterlassen, über das, was er einen Quark nannte, so trübselig dreinzuschauen, als ob eine Wendung zum Allerschlimmsten stattgefunden hätte. Sie betrieb den Familienoptimismus so weit, daß sie, wenn einmal Eixner ein Lied summte oder gedankenlos vor sich hinpfiff, entsetzlich falsch mit wankender Stimme einstimmte, als sollte ein Choral auf die Unerschöpflichkeit des Familienglücks erschallen. Auch konnte sie über eine gute Schüssel bei Tisch vergnüglich seufzen und sich der Breite über ihren guten Appetit auslassen, und das verachtete er. Heute, wo er wußte, was ihr bevorstand, kämpfte er vergeblich gegen sich selbst, er konnte es nicht ertragen zu hören, daß sie die Schwäche, die sie nicht einmal richtig eingestand, dennoch, als müßte sie es von den Brettern einem Publikum stecken, daß ihr etwas fehle, mimisch andeutete.

»Na, du Kröte?« sagte er schließlich, um wieder gemütlich zu werden, zu seiner Schwester. Er fand Kröte klangvoller als Grete, aber da war noch ein Umstand, über den er sich jetzt verbreitete; als Junge hatte er Märchen aus dem Handgelenk geschüttelt, wohlverstanden, wenn er einmal vermocht war, den Anfang zu machen. Und so hatte er auch einmal die Ur-Kröte irgendwo in einem Graben seiner Heimat, die tausendjährige, mit dem noch älteren mythischen Heuspringer im grünen Kupferkleide mit Namen Zigeunerbaron ihr Wesen haben lassen. Der Oevelgönner Teich, sein Schilfufer, das Feld und der Bach nebenan waren der Schauplatz von Begebenheiten, die sich über ein halbes Erzähljahr hinspannen. Mit der Urkröte war es aber so, daß sie auf der Zunge schmecken konnte, ob etwas wahr oder falsch war, was sie hörte. Im ersten Falle zerging es ihr wie ein Bonbon im Munde, im zweiten spuckte sie aus und sagte dazu: »Pfui Teufel, schmeckt das schlecht.« Warum er nun in seiner Schwester ein Urkrötentum erkennen mußte, ließe sich ohne Weitläufigkeit wohl kaum erklären. Er zog es aber vor, eine Beschreibung von den körperlichen Eigenschaften seiner Kröte, mit leichter Anspielung auf Grete, anzufangen, und ließ sich nicht darin stören, ihren Bauch zu schildern, der angeblich mit blauen Kreuzen gefleckt wäre als untrügliches Kennzeichen der echten Ur-Kröte. So schien er fortfahren zu wollen, aber die Grete ließ ihn auf seinen Phantasiewegen nicht weitertrollen. Sie sprang auf und wollte ihm mit der Hand die anstößigen Vergleiche und Schilderungen in seinem Munde verschließen. Er, der grade frischen Atem brauchte, wehrte sich und brachte heil oder verstümmelt neue Ausgelassenheiten zu Tage, mußte aber endlich, aufgesprungen und von ihr in eine Ecke verfolgt und fast von ihr erstickt, um sie loszuwerden, seine Hände gebrauchen. So rangelten sie und zerrten sich unter Lachen und Keuchen einige Augenblicke so, daß Seespeck nicht anders konnte, als an Gretes Waden und Knöcheln, die seinem guten Verständnis entgegenkamen, besseres Genügen zu finden als an ihres Bruders Offenbarungen. Und nun schoß ihm mit Gewalt eine schon vergessene Begebenheit ins Gedächtnis, daß er sich auf seinem Stuhl, an diesem Tische, in dieser Wohnung wie ein ungehöriger Gast vorkommen mußte. Da war doch in der Kinderzeit zu Hause am Kugelfang am Ende der Erdwälle, zwischen denen die Kugeln der Schützengilde am Schützenfest pfiffen, wo die Knaben an stillen Tagen die plattgeschlagenen oder nur im Sand verfangenen Bleikugeln suchten -- da, wo gleich hinter dem geborstenen Scheibengerüst der See begann --, da war doch beim Spielen, wie sich die Grete und er einmal, von den andern verloren oder von ihnen im Stich gelassen, beieinander fanden ... da war doch ... ja, was war das doch noch, er mußte sich wirklich besinnen, er hatte es wirklich vergessen. Aber es war etwas zwischen ihnen vorgekommen, wovon er nicht sagen konnte, ob es etwas Schlimmes war oder nicht. Sie hatten gealbert und gerangelt, grade wie er sie jetzt mit ihrem Bruder sah, weil sie sich einander die gesammelten Bleikugeln rauben wollten --, und die Grete war ihm wirklich nie anders als ein anderer Junge vorgekommen. Genug, es war viel oder nichts, wie man wollte, und die Kinder hatten es zum Nichts gemacht. So völlig, daß er niemals später eine Revision dieses Urteils, dieser Empfindung für angängig gehalten hätte. Sie hatte ein bißchen geweint, mehr weil er sie gekratzt hatte als wegen des anderen, und er hatte ihr die Kugeln weggenommen und war im Triumph zu den andern gelaufen. War das möglich gewesen? Er suchte sich zu fassen. Die Erinnerung mußte untertauchen, und er erstickte sie in der Tiefe mit starker Hand, ohne sich davon rühren zu lassen, daß sie fortfuhr zu zappeln. Im nächsten Augenblick, wo Eixner endlich fast außer Atem klein beigab, saß man wieder zu Vieren um den Abendtisch, und alles schien still geworden, nur daß Seespeck wie eine Unkenstimme in sich die Frage herauftönen hörte: ›Weiß sie es noch, oder denkt sie nicht mehr daran, muß es nicht dastehn und zu lesen sein, wenn so etwas geschehen ist, kann so etwas ganz ausgelöscht sein?‹ Denn nun, das Bewußtsein kam wie ein Beben über ihn -- nun konnten Kinder etwas nicht mehr zu Nichts machen, nun waren sie erwachsen, und aus dem Nichts war etwas -- viel -- ein Ungeheures geworden, sobald es die Erinnerung einmal aufdeckte. Er ließ Frau Eixner ruhig auf seinen schlechten Appetit schelten, das tat ihm wohl, das war Alltag, das war etwas, das ihn vor den andern in eine anständige Gewöhnlichkeit hineinzog, einen Menschen mit schlechter Eßlust konnte man eher gelten lassen, aber einer mit einem so bösen Geheimnis konnte sich nur vorkommen wie ein bloßer Inhaber guter Manieren, der seine Hände noch vor Augenblicken in schmutzigen Geschäften gehabt hatte.

Grete hatte sich in eine Gelassenheit gehüllt, die Seespeck rührte. ›So ein Kind, solch eine Fromme, die glaubt, daß es gut ist, was kommen wird, und gut war, was vergangen ist --‹, dachte er, und zugleich: ›ich muß es heraushaben.‹ Deshalb fing er im allgemeinen von den Gemeinsamkeiten früherer Zeiten an zu sprechen, und ließ den einen oder andern ihrer Bekannten, von denen man wie von Allerweltsselbstverständlichkeiten gesprochen hatte, herantreten, um ihn nach Gefallen so oder so zu beleuchten. Und da ihm dabei die Erinnerung an die kürzlichen Regungen seines Heimwehs kam, wurde sein Ton herzlicher und weicher, als er sonst in diesem Kreise zugelassen war. Denn weder Eixner noch seine Schwester neigten zu schwärmerischen Ausdrücken, und ihre Mutter, die duldsamer war, vielleicht selbst sentimentalen Anflügen zugängig, hatte sich wohl oder übel ihren Gesprächskram mit der kurzen Elle dieses Hauses zumessen lassen. Schließlich ließ sich Seespeck verführen, die Spieldose seines Wirtssohnes zu erwähnen, und mußte sich bald eingestehen, daß man von den Dingen nicht so leicht etwas sagen kann, die wie Düfte in die Seele dringen, daß man vom Anhauch verlorener Stimmen eigentlich nur zu Vertrauten etwas auslassen darf, die unser Seelen-Deutsch schlank in ihres übersetzen. Und wenn man merkt, daß man schwerfällig verstanden wird, greift man zu gröberen und unangemessenen Ausdrücken, nur um nicht ganz und gar zum Anstoß zu werden und einen kleinen, ja erbärmlichen Teil Eigentum ins andere Gebiet, das man einmal betreten, hinüberzuschaffen. Seespeck sah in den Schatten der Knochenwölbungen von Eixners Gesicht ein Spottleuchten, und Grete teilte ihre Aufmerksamkeit unparteiisch zwischen Eß- und Trinkhantierungen und einem achtungsvollen Heraufgeleiten seiner Äußerungen mit den Augen bis ans Tageslicht, wo sie sie dann mit ahnungsloser Bereitwilligkeit ihrem beliebigen Verschwinden überließ. Seespeck räusperte sich und machte einen Schluß. ›Ich habe mich vergaloppiert‹, dachte er zugleich -- ›sie merken nicht mal, daß ich anfing, lahm zu werden, und meinen gar, ich hätte mich nach Wunsch und Willen vorgeführt.‹ »Wissen Sie noch«, wandte er sich, ohne den Mut zu finden, ihr dabei in die Augen zu sehen, an Grete -- »wissen Sie noch, wie wir die Bleikugeln aus dem Sand kratzten?« »Weißt Du noch«, höhnte als Antwort Eixner, »wie wir in Septima vor der Pause auf unsern Semmeln saßen und uns so warme Brötchen machten?« Grete, die Fromme, lachte darüber, und es klang, als lachte sie wirklich, wie man plötzlich über eine unwiderstehlich komische Vorstellung herausplatzt, ohne Möglichkeit, so schnell den Naturlaut zu dämpfen. ›Sie weiß von nichts‹, dachte Seespeck und hatte dabei die Anwandlung, von ihr schulmeisterlich dennoch die Erinnerung zu erzwingen. Sie sollte ja sagen, aber dann sah er ein, daß er sie damit nur zum Lügen verleiten würde. Im geheimen aber spürte er das Bewußtsein, ein gemeinsames Geheimnis wie in Chiffresprache berührt zu haben, ›wir haben zusammen ein Kindererlebnis eingegraben‹, frohlockte er, ›und wir wissen beide allein den Ort seines Grabes‹, und scheinbar ohne Verbindung mit dem Früheren warf er als Antwort auf Eixners Fragen ein paar Worte über diese kindischen Schatzkammern hin, in denen sie bei ihren Spielen hier und da ihre Nichtigkeiten versteckt hatten, und wo man vielleicht jetzt noch ein oder das andere verrottete Stück aus der Knabenzeit aufdecken könnte, wenn man sich die Mühe nehmen wollte.

Aber war dies alles nicht Theater? Führten diese drei Jungen nicht ein Spiel auf, um die Alte, deren Weg mit bitterem Ernst hart gepflastert war, nur ja darüber zu täuschen, daß ihrer aller Augen und Ohren mit geheimem Entsetzen um sie waren? ›Vielleicht weiß sie es‹, dachte Seespeck, als er sich nach seinem letzten Vorstoß wieder darauf besann, worin sich heute in Wahrheit die Gedanken der Anwesenden zusammendrängten. Frau Eixner wäre bewußt auf die Ablenkung eingegangen und hätte sozusagen mitgespielt? Wenn -- dann spielte sie jedenfalls am besten. Denn Seespeck hatte es bei ihr getroffen, wie es schien. Sie war wieder »zu Hause«, denn immer nannte sie die Stätte ihres Mutterdaseins ihre Heimat; und die Erinnerungen ihrer rechten Kinderheimat, ihre Mädchenorte, waren ihr Stieferinnerungen geworden. Und wie diese Zeiten nun wieder aufgespult und frisch gewebt wurden, überkam es die Jungen wie ein gemeinsamer Trost über die Alte, als wäre ihr ein Trank vorgesetzt, der mit Erinnern Vergessen brachte. Als es daher bei diesem freundlichen Spiel eine plötzliche Störung gab, als diese alten Fäden plötzlich aus Frau Eixners Händen gerissen schienen, als sie diese Augen sahen, die in eine Leere starrten, fühlten sie gleichzeitig ein Schaudern in sich und wußten sich selbst mit ihr einen Augenblick auf der Schwelle einer unheimlichen Zukunft.

Frau Eixner ruckte sich zurecht wie im Aufmerken auf eine Mahnung, die ihr ihre körperlichen Beschwerden machten, ja es schien, als wollte sie fliehen, wenigstens erhob sie sich ein wenig, mit den Händen auf den Tisch gestützt, von ihrem Stuhl und gewann danach mühsam einen jämmerlichen Stand. Es schüttelte sie, und doch, wie sehr es sie übernahm, hatte sie einen neuen Gedanken in sich genommen, wie eine letzte Zuflucht vor etwas Unvermeidlichem. Mit einer Würde, die Seespeck tief betroffen machte, bat sie ihn, einen Augenblick mit ihr ins Nebenzimmer zu kommen. Aber im selben Augenblick schossen auch Grete und ihr Bruder von den Stühlen hoch, so daß sie alle vier um den Tisch herumstanden. Grete rief zwar gedämpft, aber mit einem keuchenden Brusthauch von Empörung: »Aber Mutter!« und Eixner führte mit der flachen Hand eine Bewegung aus, als baue er zwischen seiner Mutter und Seespeck eine Mauer für die Ewigkeit. Seespeck wußte im Augenblick alles, er wußte, wovon Frau Eixner mit ihm sprechen wollte, und wußte, daß er hier im Hause die Stellung und das Ansehen eines zögernden und verdächtigen Freiers einnahm. Um Gretes Lippen arbeitete ein Krampf, aber ihre Augen und besonders ihre Brauen ordneten sich in Bahnen und Fächer zu einer hartgemeißelten, klaren Zeichenschrift, an der nur das Verbot zu lesen war: ›Wir sprechen nicht davon, denn das ist nur meine Sache.‹ Frau Eixner verließ, indem sie die eine Schulter voranschob, als könnte sie nur nach und nach in Gang kommen, ihren Platz und schien einen Augenblick ohne ihre Kinder ihre letzten Schritte machen zu wollen; sie war aber kaum an der Tür zu dem bewußten Zimmer, als es ihr klar ward, daß sie etwas Unmögliches unternommen. »Ja«, sagte sie dann, kümmerlich und versinkend unter einem übermächtig Schweren -- aber trotzig und mit ihrer Schwäche auftrumpfend: »Ja, wie Ihr wollt, wir müssen ja auch noch das Zeug zurechtmachen für morgen, und dann weißt Du, Grete, daß ich das Kontobuch nachrechnen muß«, worauf Eixner, der seine einmal mobil gemachte Stärke doch irgendwo verwenden wollte, ihr bitter und bissig jegliche Beschäftigung mit dem Kontobuch untersagte. Es war jetzt, als wäre Frau Eixner von unsicherem Boden auf vertrauten Posten getreten. »Gott bewahre«, sagte sie ruhig, »ich weiß nicht, wie Ihr so mit Eurer alten Mutter umspringen mögt.« Grete war schon neben ihr und leitete sie ans Sofa, aber sie wehrte sich. »Herr Seespeck ist der einzige,« sagte sie, »der heute gut mit mir ist, und dabei wißt Ihr ganz genau, was ich morgen durchzumachen habe.« »Gott, Mutter«, sagte Eixner mit erkünstelter Gleichmütigkeit, »eben darum wollen wir nicht, daß Du Dir heute solche Sachen zumutest.« Es kam Seespeck so vor, als stände Frau Eixner an ihrem Grabe und schickte sich an, noch ein paarmal herumzutanzen, um sie alle zu ärgern, so recht keuchend und voll vermaledeiter Lustigkeit. Sie zankte sich mit ihren Kindern wie in den besten Tagen, und Seespeck mußte an einen alten Kapitän seiner Bekanntschaft denken, der seine Frau mit einer Backpfeife von ihrer Streitlust zu erlösen pflegte, womit sie selbst vollkommen einverstanden, ja dankbar war. Ist eine Ohrfeige nicht am Ende milder als Widerbellerei? Man beginge vielleicht eine Roheit, aber keine Selbsterniedrigung wie das Anschüren und Fortführen eines Zankes um ebenso breite wie lange Umstände. Grete war dabei nicht die Gelindeste, und Seespeck, der selbst kein rechter Zänker mehr war und den ganzen Verlauf dieses entwürdigenden und polternden Umkugelns von zwecklos aufgestellten Regeln kühl berechnete und abwartete, wußte nicht, ob er sie bedauern sollte, daß ihr ganzes Herz voll Gefaßtheit und Getrostheit auf einmal alles fahren ließ, oder ob er sich, in Gedanken auf dem Standpunkt des Kapitäns, einstweilen die Beine vertreten sollte, da er doch nicht gut selbst Hand anlegen konnte. Sie litten alle drei entsetzlich, aber es half nicht, der Sturm mußte sich ausrasen. Schließlich ging Frau Eixner in die Küche, und die drei in der Stube, wie erstickt von einem dichten Rauch, blaß und beschämt, unfähig, vor einem zuschnürenden Gefühl in der Kehle ein gesundes Wort zu sagen, blieben zurück und hatten die Selbstvorwürfe zu erdulden, daß sie jemand, der in Not und Leid stand, im Stiche ließen. Dann hörten sie sie dahinten singen, einen Gassenhauer, eine dumm albernlustige Faxerei, ein unnützer Klingklang, und das war weitaus das Schlimmste. Grete hielt sich tapfer, aber Seespeck spürte ihr innerstes Erbeben und merkte, daß sie von ihrer Mutter diese bittere Rache wie büßend erduldete. Sie hörten schweigend diese höhnende, hämische Stimme wie aus nicht erreichbarem Jenseits hereinschwingen, es war wie ein Fluch und zugleich ein Selbstverrat: (So bin ich, so lieblos, so würdelos, so ohne Hoffnung, daß ich nicht einmal Euch damit trösten kann, daß ich mich überwinde und alles vergesse.) Es wäre beinahe etwas Selbstverständliches gewesen, wenn Seespeck jetzt Grete in den Arm genommen hätte, und es hätte vielleicht niemand überrascht. Aber sein Zögern, das ihn selbst ins Herz stach, währte eine Sekunde zu lange ... und es geschah nicht. ›Laß sie es selbst ausfressen‹, dachte er in dem nächsten Augenblick und wurde schamrot dabei. Er gab ihnen beiden zum Abschied die Hand und fühlte eine kalte Entlassung, die wie ein dünnes Stück Geld hineinglitt. ›Du brauchst nicht wiederzukommen‹, dachte er dabei und ging hinaus. An der Küchentür zauderte er und trat doch hinein. Frau Eixner stand darin, fast wie ein gejagter Geist, abgemagert und verfallen, und warf wie stürzend ihre Arme um ihn, und doch, wie sie sich verloren gab in voller Zerknirschtheit, schlug ein leiser Triumph aus ihrem Weinen, als sie aus ihrem unausmeßbaren Jammer ein paar Worte heraufschluchzte, die er nicht voneinander unterscheiden konnte, die aber doch nichts andres sein konnten als diese: »Verlaß sie nicht, sie gehört dir.« Sie weinte sich ruhiger und hörte dann, indem sie sich vorsichtig, als fürchte sie zu fallen, loslöste, zu ihm hinauf nach einer Antwort, die er nicht geben konnte. Es schien sogar einen Augenblick, als wollte sie lächeln, aber nein, diese großen Eulenaugen hinter den Brillengläsern, umrahmt von dem scharfen, schmalen Schatten der stählernen Einfassung, wurden immer weiter. Da sah Seespeck plötzlich Grete hinter ihr stehen, und nun war es vollends aus, und er drückte sich, Frau Eixner, die sich mit beiden Händen gegen ihn stützte, hinter sich herziehend. Grete folgte stumm bis zur Tür. Hier beschien die Korridorleuchte wenigstens Frau Eixners Gesicht nicht mehr und malte nicht mehr diese scharfen Kreise um ihre Augen, und ihre Augen sah man gar nicht mehr, nur die Gläser funkelten an den Rändern von seitlich hereinschießenden Lichtstrahlen. Wie sollte Seespeck loskommen? Er konnte die Frau doch nicht abschütteln, die sich an ihn wegwarf für ihre Tochter, nachdem diese ihm soeben einen kühlen Abschied gegeben hatte, die aber nun ihre Mutter tun ließ, wie sie wollte, und nicht davor zurückwich, Zeuge zu sein, wie sie verschmäht wurde. Aber niemand dachte daran; die Frage, ob er sie oder sie ihn wolle oder nicht, war überhaupt aufgesogen von der wichtigeren Frage, wie die alte Frau beruhigt werden konnte. Seine Blicke zuckten ein- oder zweimal zu Grete hinüber, und unwillkürlich faßte er nach Frau Eixners Händen, die er langsam losmachte, während Grete die ihrigen hob, um ihre Mutter zu empfangen. Sie sahen sich über den Kopf der Alten hinweg in die Augen. Die Handlung war höchst sonderbar und wie vorbedeutend, wenigstens Seespeck, der seine Vorstellungen überall in den Zwischenräumen der kürzesten Augenblicke ihr Wesen haben ließ, konnte nicht anders als denken: (Von mir bekommt sie ihre Mutter zurück -- statt meiner...) Es war wie vollbracht. Grete hatte sie umschlungen. Seespeck wollte sich grade umkehren, da erschütterte ein letzter Stoß wie der Krampf einer sterbenden Hoffnung noch einmal die Alte, sie zog ihre Tochter mit sich und umfaßte Seespecks Schultern, der, selbst erschreckt, unwillkürlich Zugriff und mit der Mutter zugleich die Tochter umfing. Er dachte einen Augenblick: (Nun, so mag es gut sein), aber dann fühlte er die Lächerlichkeit dieses Zustandes und wurde ärgerlich und zog sich ohne Gnade von den beiden zurück, aber nicht ohne Schwierigkeit, denn die alte Frau Eixner, die in ihrem Leben so Vieles vor sich gebracht hatte, wollte am Schluß auch das Letzte nicht unklar lassen. »Nicht wahr«, flüsterte sie ängstlich dringend, und es war fast so, als ob Grete ihr zuflüsterte und ihr Vorhaben stärkte -- »nicht wahr, Sie verlassen sie nicht!« »Nein, nein«, antwortete Seespeck mit einer Art Grobheit und der Entschiedenheit, mit der man eine erpreßte Antwort gibt, nur um loszukommen, »seien Sie ganz getrost, es ist alles in Ordnung.« Und nach diesen Worten sank die Frau ganz zusammen, und Seespeck öffnete die Tür, aber ehe er sie hinter sich zuzog, fing er ein schnelles Nicken von Grete auf, bei dem er sich nicht klar wurde, ob es bedeuten sollte, er möge jetzt rasch gehen, sie habe verstanden, denn natürlich sei er unter diesen Umständen nicht an seine Worte gebunden -- oder -- nein, selbstverständlich war es so gemeint, es konnte nichts Anderes heißen, und er schloß die Tür. Draußen, wo ihn der Regen wieder überzog, ohne daß er darauf achtete, überlegte er ein wenig schadenfroh, denn das war seine Art, die eigenen Sachen zu betrachten, wenn sie recht unsicher standen: (Eine Schwiegermutter hast du nun, Seespeck, aber keine Braut, das ist dir recht, denn das paßt zu dir.)

In dieser Nacht träumte er nun wirklich allerlei Krauses. Er war in Haß und Todfeindschaft verklammert mit jemand, der zugleich niemand war, mit seinem Erschaffer, der sein Vernichter werden wollte. Es konnte ihm begegnen, daß er eine Tür öffnete und dabei gegen den schweren aber unsichtbaren Leib dieses Jemands anstieß, worauf er sofort zu wütenden Streichen ausholte. Er stieg durch Fenster und geisterte zu Menschen herein, die ihn mit Entsetzen gewahrten. Er aber wollte sie um Hilfe gegen den einen anrufen, hatte aber seine Zähne so fest zusammengebissen, daß er keinen Ton herausbrachte. Dann wieder fuhr er lange Zeit mit zwei Frauen in einem Postomnibus über Land. Die eine war in Trauer gekleidet und stellte eine Zylinderhutschachtel bald unter die Polsterbank, bald darauf, aber nirgends war es ihr recht, und die Hutschachtel wechselte unaufhörlich ihren Platz. Die andre Person war ein Mädchen, die einen in Papier gewickelten Schinken neben sich liegen hatte, der aber auch keine Ruhe gab, und damit er nicht fortwährend vom Sitz sprang, stemmte Seespeck, der gegenübersaß, seinen Fuß dagegen, konnte aber niemals darüber klarwerden, ob das Springen des Schinkens vom Poltern und Stoßen des alten Rumpelkastens kam oder ob der Schinken sich aus eigenen Kräften bewegte. Bei alledem hatte Seespeck Zeit, aus dem Hinterfenster herauszuschauen auf einen steilen Dorfkirchturm, gegen den sich die niedersteigende Chaussee grade herabrollte und hinter dem rechts und links die Ostsee sich verbreitete. Ganz oben stand eine gnadenlose Sonne, der Kirchturm rückte langsam näher, aber Seespeck fiel es nicht ein, darüber nachzudenken, wie man aus der Hintertür eines Omnibusses nach etwas schauen und doch immer näher herankommen kann.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.