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Seemannsmärchen und Schiffersagen

Alexander von Ungern-Sternberg: Seemannsmärchen und Schiffersagen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleSeemannsmärchen und Schiffersagen
booktitleSchiffersagen
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
editorGerlinde Butte
year1991
isbn3746600685
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141127
projectid8ec0fece
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Einleitung

Diese kleinen heitern Bilder verdanken ihre Entstehung einer trüben Zeit. Die Straßen sowie die meisten Häfen Europas waren gesperrt, die Kommunikation gehemmt und alle Welt in Furcht vor einer geheimnisvollen, drohenden Krankheit, die ihre Schrecken langsam zu enthüllen begann. Man sah Züge von Flüchtlingen überall den sich zuschließenden Toren der Städte, den gesperrten Häfen enteilen, um einen Zufluchtsort in den glücklichen, noch vom Übel befreiten Ländern zu suchen, wo man sie nicht gerade gerne aufnahm und sie mit Argwohn und Scheu beobachtete. Eine lange Zeit hindurch war jeder freie Geistesverkehr, jeder gesellige Genuß gestört und getrübt. Wer sich von der großen unruhig wogenden Masse absondern und dadurch einen, wenn auch nur geringen Besitz von Heiterkeit und Gemütlichkeit sich sichern konnte, fühlte sich glücklich.

So mag sich der geneigte Leser auch die Gesellschaft denken, die, von einer nordischen Hauptstadt kommend, auf einem großen, schönen Schiffe sich zusammenfand, um sich nach Deutschland herüberzuretten: Flüchtlinge, auch von dem Verlangen beseelt, dem Elende auszuweichen, aber zugleich mit dem festen Entschlusse, Gedanken und Sinn soviel wie möglich davon abzuwenden. Man sah den Anker lichten, ohne viel zu fragen, wohin die Fahrt ginge, man vermied, Pläne zu machen, weitläufige Anordnungen zu treffen; denn man wußte ja nicht, wieviel einem noch von dem nächsten Tage gehöre. Eile war das erste Gesetz, was diese begünstigen konnte, kam gelegen, und jedermann glaubte erst dann freier atmen zu können, als die Türme der Stadt allmählich am Horizonte versanken.

Bald sah man sich nun in der grenzenlosen Wasserwelt allein, und das Schiffsleben, ebenso eigentümlich und scharf begrenzt als das Leben in der Wüste, begann sich auszubilden. Das erste Gesetz auf den schwankenden, schwimmenden Brettern ist, sich aneinander anzuschließen. Nirgends ist gewiß ein Menschenhasser übler daran als auf dem Schiffe, es gibt für ihn keinen Ausweg, er muß entweder sein finsteres System aufgeben oder sich kurzweg über Bord in die Wellen stürzen; denn hat man sich gemieden, verfolgt, verlästert auf dem festen Lande – zur See, die enge Kajüte, ein wenig stürmische Bewegung, und alle werden zu Paaren getrieben. Hierzu kam noch, daß die Gesellschaft die Notwendigkeit fühlte, da aus einer kurzen Reise durch widrige Umstände eine recht lange wurde, so schnell als möglich sich miteinander zu verständigen und zu setzen, und erst als dieser chemische Prozeß der Masse entschieden war, bildeten sich die Elemente eines leidlichen Zusammenlebens. Zwei gleich starke Feinde konnten jedoch auf keine Weise besiegt werden; diese waren trotz aller Philosophie, die man dagegen anwendete, die Furcht vor der Pest, die in der Zukunft drohte, und die Seekrankheit, die in der Gegenwart plagte. Wer auch nur flüchtig mit diesem Übel bekannt geworden, kann schon hinlänglich beurteilen, wie es dem unglücklichen Opfer ergehen müsse, welches das Untier mit der ganzen Schärfe seiner Klauen anfällt. Es ist nicht zuviel gesagt, daß man dahin gelangen kann, sich in den peinigendsten Momenten dieser fürchterlichen Krankheit den Tod herbeizuwünschen. Hilflos liegt der Unglückliche in dem engen sargartigen Bette, und jede Bewegung des Schiffes macht sich ihm fühlbar durch Marter, als lösten sich die Bande des Körpers und der Seele. Man glaube nur nicht, daß Fasten und Ruhe gegen das Übel schützen; je mehr Bewegung, je bessere und reichlichere Mahlzeiten, für desto gesicherter darf man sich halten. Diese Grundsätze wurden auch von der Gesellschaft ausgeübt. Das ziemlich geräumige Verdeck, auf dem man soviel als möglich sich des Gepäcks entledigte, gab einen Spazierplatz her, auf dem von der ersten Morgenfrühe bis tief in die Nacht sich die bunten Gruppen auf und nieder bewegten. Kaffee- und Teetischchen sowie sonstige umständliche Niederlassungen einiger bequemer Gäste wurden durchaus nicht gelitten. Man zerstörte grausam und unerbittlich diese gemütlichen Etablissements, wo man sie nur entdeckte; denn abgesehen von dem Zweck der Spaziergänger, mußte auch der Platz frei erhalten werden für die Bälle und Maskeraden, die nachts angeordnet wurden. Diese Festlichkeiten waren besonders in ihrer Art und durchaus phantastische Schöpfungen. Man denke sich unsere Argo, wie sie durch die nächtlichen Fluten mit ihren rauschenden, sprühenden Rädern, mit dem dampfenden, kochenden Atem, den sie aus dem Innern emporwirbelt, dahinfährt, vom Nachtwind umspielt, der vergeblich die Segel sucht, die er schwellen möchte. Auf diesem Schiffe nun, das durch Zauberei fortgetrieben wird, bewegt sich ein ebenfalls verzaubertes Völkchen beim Scheine bunter Lampen toll durcheinander. Die Violine des Bootsmanns kreischt ihre wilden Töne, eine übelgestimmte Klarinette fällt ein, und es stellen sich die Paare zum Contretanz einander gegenüber. Allein, das sind nicht die zierlichen Gestalten, wie sie wenige Wochen zuvor noch in den Sälen der Residenz geglänzt haben, nicht die frischen, lächelnden Mädchengesichter, die damals alle Blicke auf sich zogen – nein, über frisierte, totblasse Köpfchen, in denen der ganze heillose Schwindel der Seekrankheit spukt, blicken aus der Maskenumhüllung hervor, sie stürzen und fallen aufeinander zu, Gelächter und Gesang erschallt, die Fiedel kreischt immer lauter, die Verwirrung wird immer ärger. Endlich sinkt alles erschöpft nieder, ein Teil auf die Bänke, ein anderer auf die Tonnen und das Gepäck umher, die bunten Lampen verlöschen, und wie das nächtliche Heer der Kobolde beim Beginn des Tages versinkt die Gesellschaft in die Unterwelt der Kajüte.

Von diesen verzweifelten Lustbarkeiten sich abwendend, zogen einzelne es vor, an einem entfernten Plätzchen, gelehnt an die Brustwehr, hinauszuschauen auf das grenzenlose nächtliche Element, wie es vom Monde ein spärliches Licht empfängt. Das ist ein Gemälde, das die Seele heftig ergreift. Das Auge wird nicht müde, dem geheimnisvollen Spiele zuzuschauen, welches Mondlicht und Welle miteinander treiben, unbekümmert um menschliche Torheit und Mühen. Zu solchen einsamen Beobachtern gesellt sich dann wohl ein müßiger Matrose, es kommen zwei, drei herbei, und man erzählt sich Geschichten. Der Araber auf seinem Ruheplatz in der Wüste und der Matrose auf seinem Schiffe sind treffliche Märchenerzähler. Vor ihnen ausgespannt liegt das geheimnisvolle Element, die Heimatwelt ihrer Wunder, in Ruhe da, das Grausen und Entsetzen schlummert, und nur im halbleisen Ton der bewegten Seele des Erzählers zittern die wilden Gefahren und Abenteuer vergangener Tage. Wer wollte ihren Berichten den Glauben versagen, wer an ihren Ansprüchen zweifeln, wenn man unter sich die geheimnisvolle Welle rauschen hört, wenn das Auge, so weit seine Kraft trägt, nichts als Himmel und Meer sieht und eine unbekannte Welt mit allen ihren Schrecken uns umlagert hält? Gewiß, wer ein Märchen in einer ungläubigen Gesellschaft bei Putz, Lichtern und Geräusch erzählt, mag seine ganze Kunst aufbieten, mag ängstlich die Gegenstände wählen und anordnen, damit der beabsichtigte Eindruck nicht verlorengehe, wer aber um Mitternacht am Bord des Schiffes erzählt, erzählt immer gut. So hätte, wer die Matrosen unseres Schiffs anhörte, schwören mögen, er sehe Leute vor sich von der äußersten Wichtigkeit. Da war keiner unter ihnen, der nicht wenigstens zwei oder drei Reisen in unbekannte Meere, gefahrvolle Abenteuer auf noch nie genannten Inseln unternommen und bestanden hätte. Es gab unter diesen Edlen mehr als einen Kolumbus, und wenn die Erzählungen beendet waren, so erstaunte man über das Gesicht der Achtung und Bewunderung, das man so vielen unerhörten Talenten und verborgenen Großtaten schuldig wurde. Beim Lichte des Morgens besehen, nahmen sich freilich die Berichte um vieles anders aus; die Erzählungen eines Mannes jedoch blieben immer dieselben, immer gleich geheimnisvoll, anziehend und in ihrer Art wahr. Diesen Mann nun, der ein ziemlich ansehnliches Vermächtnis uns übertragen hat, müssen wir zum Dank etwas näher ins Auge fassen. Er hieß Claas, und obgleich er wohl noch einen anderen Namen geführt haben mag, so hörte man ihn doch nur bei diesem rufen. Seine starke, untersetzte, aber dabei doch bewegliche Gestalt ließ den resoluten Seemann in ihm sehen, hierzu paßte auch sein rohes, sonnenverbranntes Antlitz. Er benahm sich völlig anspruchslos, er tat, was ihm zu tun oblag, seine Kameraden hatten ihn gerne, und nur hie und da hörte man über Claasens Trägheit und Hang zur Träumerei klagen. Allein, wie sollte der Mann sich nicht bisweilen dem Nachdenken und Grübeln ergeben, dessen Familie und er selbst im engen Konflikt mit Gespenstern gestanden? Schon allein was Claasens Muhme erlebt hatte, war genügend, um ein ganzes Menschenleben zu verdüstern, nicht einmal der andern auffallenden Begebnisse in der Familie zu gedenken. Hätte unser Freund in die Weise seiner radotierenden Kameraden einstimmen wollen, so wäre es ihm ein leichtes gewesen, sich den obersten Rang unter den Improvisatoren des Schiffs anzueignen, allein, er trachtete nicht nach dieser Ehre. Dagegen suchte er sich mit Einsicht seine Zuhörer heraus, die er sofort zu Eingeweihten seiner Märchenwelt machte. Von diesen litt er nun durchaus weder Zweifel noch Einwendungen, wie alle leidenschaftlichen, für ihr System begeisterten Schwärmer wollte er mit blindem Glauben und Bewunderung aufgefaßt sein. Wir, die wir zu den Auserwählten gehörten, gaben ihm diese Forderung zu, und in der Tat erschien uns Claas als ein Mann, der wohl allenfalls mit den Geistern der Tiefe in einem vertrauten Verhältnis stehen konnte. Mit seiner dunklen, unbeweglichen Gestalt, bekleidet mit der weiten Schifferhose und dem blutroten Jäckchen, repräsentierte er würdig das alte mysteriöse Element, dem er von seiner frühesten Jugend auf gedient und das ihm nun im langen Umgange alle seine wunderlichen Heimlichkeiten vertraut hatte. Ja, Claas war wohl gar selbst einer der alten Seekönige, von denen er erzählte, und seine Muhme war eine Meerfee, und weil beide, der Himmel weiß aus welchem Grunde, auf uns zürnten, wurden wir endlos und unter Mühseligkeiten aller Art auf der weiten Meereswüste in die Irre geführt.

Jetzt, da die Drangsale jener Tage vorüber sind, da das, was damals die Gemüter ängstigte und schreckte, fast ganz vergessen ist, liegen dem Schreiber dieses noch die Märchen im Gedächtnis, die er damals in einer stürmischen, mondhellen Nacht auf der Höhe von Kopenhagen aus Claasens Munde vernahm. So wie dort stürmt es auch jetzt an die Fenster, unruhig durchbricht die Mondscheibe das eilende Wolkenheer, aber im Zimmer ist es still und friedlich, die Flamme lodert im Kamine, und ferne rauschen die Schrecken der endlosen Wasserwüste.

Doch auf dem dunkeln Grunde hebt sich der leuchtende Sagenteppich, behaglich breitet ihn die Hand des Einsamen aus, und er sucht sich aus dem Gewirre bunter Figuren die liebsten Gruppen heraus. So erstehe denn auch wieder neu vor unsern Blicken, du alter Seekönig Claas, du Phantasus des Meeres, und bringe deine versunkenen Schätze auf den geselligen Markt des Lebens. Wer weiß es, vielleicht steht unserm greisen Weltteil das Schicksal bevor, mit seinen Schätzen und Kindern, mit seinem ganzen Reichtum hinabzuschwinden in die Tiefe, und der alte, heilige Meeresboden mit seinen verhüllten Wundern und Städten steigt dagegen als neue Welt ans Licht der Sonne; denn immerdar tauscht sich Geheimnis gegen Geheimnis, und das Reich der Wunder wird nie abgeschlossen.

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