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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Siebenter Stremel

Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen zum Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der es hieß, daß sie nur einen Topf im Haus hätte, der abwechselnd als Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze. Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im Bettstroh.

Bartel war von Amerika gekommen, um sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagte sie. Anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging sonntags und alltags gleich schlampig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn zum Kirchhof. Das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit nichts wissen wollte, dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun war, die er für das Grab zu bekommen hatte, als um den Frevel.

Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land zur Ecke des Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich niedergebrannt. Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts. Als die Feuerwehr die Schläuche angeschraubt und alles in Schuß hatte, war das Haus schon zusammengestürzt, und sie konnte nur noch die Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan, die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker machte, daß er weg kam, als er das hörte.

Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei, daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg gewesen, als daß Funken bis zu dem Strohdach geflogen sein könnten. Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Doch es kam doch so viel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem Westerdeich gehen durfte, und auch er selbst bekam Kellerarrest. Es wäre wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt hätte: Die Jungen sollten nicht bestraft werden. An dem alten Haus sei ihm nichts gelegen: Er reise ja doch wieder nach Amerika!

Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen und dampfte nach Neuyork ab.

Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen weggenommen, und er konnte nicht mehr fischen.

Am Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum erstenmal wieder eine Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich geworden, da sah er drei große braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er das Feuer im Stich und lief in Sprüngen zum Bollwerk, kettete lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem Vater entgegen.

Denn sein Vater war es: Er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein Vater war wieder da!

Wie wriggte er, wie rief er: »Höh, Vadder, höh!«

Da wurde er vom Ewer gesehen.

»Höh, Klaus Störtebeker!«

»Non, Vadder, de Reis afmokt?«

»Jo, mien Jung!«

»Wat geiht di dat, Kap Horn?«

»Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd geiht dat jümmer god!«

»Bist ok seekrank worden, Hein Mück?«

»Ne, du Schietinnebüx.«

Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achtern an und kletterte an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin. Nun war alles gut – er war wieder an Bord bei seinem Vater!

»Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosieren loten, Minsch, hest jo all en eulichen Snauzbort!«

Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker. Hein Mück hett si bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.«

»Dor quält jo man ne üm«, schneuzte der Koch.

Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel, rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum Schwoien.

»Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich wunderte, daß sich niemand um die Segel kümmerte. Aber Klaus Mewes erwiderte: »De Seils blieft stohn. Wie weut Mudder holen un denn mit allemann no Stadt rup!«

»Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug und wollten erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn das Boot in die Taljen und setzten es über Bord. Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den Reisekorb, und dann schipperten sie an den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot. Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften – und richtig gewann er vor dem schweren Boot.

Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen entgegen . In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den Nebel und an die dunkeln Nächte.

»Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: Wi weut alltohopen mit no Altno rup!« rief Störtebeker schon von unten.

Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt ihre fest: »Goden Dag!«

»Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte verwirrt: »Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!«

Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder, lot ehr los, se schall sik klor moken!«

»Wullt mit, Mudder?«

Sie nickte. »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!«

Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen braunen Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und konnten alle drei kaum soviel antworten, wie Störtebeker fragte. Er mußte alles wissen: wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie erlöst hatten, was für Wetter sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie eine Pfeffermühle.

Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß, obgleich er sich zur Wehr setzte. Das Vieh wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn und Boot zum Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken Wasser spiegelte. Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt wurde.

Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war so viel Wind, daß sie in ruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an der Fischerbrücke anlegten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder hinunterzuschwimmen; bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.

Er durchsuchte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen maß und bat: »Vadder, stür doch af, wat wie keen Hoveree kriegt«, dann lachte er sie aus und sagte: »Mudder, de Dampfer mütt dat Seilschipp ut den Weg gohn! Wie bruckt uns ne to wohren.«

»Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd.

»Vadder seggt dat«, gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch weten!«

»Jo, mütt he ok«, bestätigte der Schiffer vergnügt und schaute an dem großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen vorbeischob. »Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?«

Der Junge sah nach der Flagge am Heck. »En Ingelschmann.«

Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singalesen.

»U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!«

Kurz vor Altona fing Gesa an zu berichten, was der Junge in der Zeit angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf, aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so scheun up Deck un fahrt so mooi no Hamborg, un nu fangst du dorvan an!« Und er stand auf und ging zum Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht noch leichter. So hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos, sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor, sondern Fischermann werden.

»Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.«

»Gesa, mok doch kein Schop bang.«

»So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!«

»Ne, dat gläuf ik ne, Diern!« Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.

»Bestrof em, Klaus!«

»Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa, anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen Undöt mihr moken!«

Da gab sie auf.

 

Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder. Gebratene Schollen gab es, das Beste von der See. Störtebeker stimmte eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher.

Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer: Fischhändler, deren Gewerbe es war, den Fischern die ganze Reise abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen guten Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es waren erst drei Ewer an der Brücke, und er konnte auf einen guten Markt hoffen. Auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu verhandeln.

Die Händler drängten: »Dor komt hüt nacht noch mehr, Käppen Mewes!«

»Lot jüm kommen, Petersen, wie weut all leben«, lachte Klaus Mewes.

»Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!«

»Lot jüm blieben, Meier, wie möt all starben«, bemerkte er trocken.

Da war nichts zu machen. Er ließ sich nicht einmal zu Eierkohrs einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten.

Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als liege er in der Helgoländer Dünung, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer in beständiger Bewegung gehalten.

Gesa wurde es schlecht, sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weest, wat dat is?« rief Störtebeker hinter ihr her.

»Paß man up, di geiht dat nix beter«, steckte Kap Horn es ihm, aber er lachte und sagte: »Nix zu machen, Herr: Ik bün seefast!«

»Wie spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder«, warf Hein Mück dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem er spottend rief: »Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot inne Koi legen, ast weihn worden is!«

Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa die Brücke hinan. Sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige Dümpeln des Fahrzeugs nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musikdüdelei machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmännern stehen.

Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen daran und ketscherten den Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden herausgesucht. Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen wurde.

Hein Mück fand auf den anderen Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie schlenderten nach der Hafenstraße hinauf und genehmigten sich bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas, einige deftige Eisbrecher.

Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und zeigte ihm die Rahen der großen Segelschiffe, die bei Blohm und Voß dockten. Er nannte alle Segel und Taue mit Namen, erzählte ihm von der großen Fahrt und von dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte so genau zu, wie er dem todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor harrst doch bang bi worden, nich, Störtebeker?«, dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: »Ne, bang harrk ne worden!«

So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser schillern. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker aber war ein Ungestüm. Jener war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet worden – er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht –, dieser lebte und drängte mit allen Kräften nach der See, als könne er an Land nicht leben.

Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucksen des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der seesüchtige Junge.

 

Am anderen Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker, als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten – er hatte richtig die Zeit verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.

Du liebe Zeit, was für ein Leben! Als wenn es Karkmeß wäre! Das ganze Deck stand voll fremder Leute: was für ein Gedränge, was für ein Lärm! Fischfrauen, Bürgerinnen, Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter, langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott, obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren. Hamburg war schollenhungrig.

»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens man mol«, sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit fremden Augen die vielen Stadtmenschen musterte, verwundert über ihn, der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo war Störtebeker? War er schon allein zur Reeperbahn gelaufen, um sich den Kasper anzusehen?

Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser hineintun konnten. Er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen Netze seinem Vater hinauf. »För twee Mark, Vadder!«... »Förn Mark!«... »Fö föftein Groschen, Vadder!«... So rief er dabei mit einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: Nun paß auf, daß alle bezahlen!

»Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springlebennig! Süßtein förn Mark!« rief Klaus Mewes oben, und: »Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springlebennig! Süßtein förn Mark!« echote Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die anderen Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer zu nehmen. Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kunden. An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen.

»De sünd jo dot, Junge!«

»Wenn du man ne dot büst: De leeft!«

»De sünd jo so lütj, Junge!«

»Wenn du man ne lütj büst: De sünd grot!« Er ließ sich nicht verblüffen.

»Süßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft achttein!«

»Denn goh dor man hin: Hier gifft dat bloß süßtein!« Er paßte aber auch auf: »Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!«

Da sollte der Schollenhandel wohl blühen, bei einem so guten Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is al leddig!«

Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worum hest du em dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!« Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen konnten. Die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes selbst. Ausverkauft!

Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah wie ein Stück vom Deich bei Regenwetter. Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufen Groschen, Marken und Taler bedeckte den Tisch. Als er gezählt war, waren es nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte. Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen hatte.

Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie immer nur von den großen Seefischern sprachen und auf sie schalten, denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: Wie kam das den Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde arbeiten mußten. Wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht.

Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben. Sie ist und bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben mit der Aufschrift »Segen des Mansfelder Bergbaues«, so könnte die Hamburgische Münze für die Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift: Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die Zinsen, der Winter – wir wollen sie dennoch preisen, die schöne Schollenzeit!

 

Nachmittags rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. »Dol de Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschenkrebsen und Seesternen. Gesa mußte die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft lebendige Schollen. »De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk wedder fangt«, hieß es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?« »Jo!« »Mit Schullen?« »Jo!« Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei, der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte wieder im Stroh und holte richtig noch einen schönen Apfel hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.

In der Abenddämmerung aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander wegen der Abfälle an.

Gesa stand in der Tür. Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und schwerer in den Himmel hineinwuchsen.

Vom äußeren Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen Aalkörben beladen.

»Non, könt hier utholen?«

»Jo, Jakob!«

Er blieb einen Augenblick stehen.

»Lopt de Ool all, Jakob?«

»Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms hebben.«

»Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben. De hebbt wie nu doch ober all eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt. Wenn dat de Gildbütel man afkann!«

Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt. Er dachte an die drei, vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben kratzte, und ärgerte sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich warf wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so«, knurrte er und stiefelte weiter.

Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?«

Er sah sie groß an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann mien Leben doch ne anners moken ast is: grot und klor un scheun! Dor steihst du, dort sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien Linnenbäum, dor buten liggt mien Ewer, un hier bün ik sülben, oder is dat all ne wohr? Lot den Dübel klogen: Ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en trurigen!«

»Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder no See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab wie die Ente das Wasser.

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