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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Sechster Stremel

Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst, als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein.

»Van Bremen, Gesa«, sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte, ob der Kessel über dem Feuer hing. Als er das Wasser singen hörte, hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: »Hunnert Doler, mien Diern!«

»Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat angohn? Wenn Vatter de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter Groschens, un nu sündt mit eenmol all Goldstücker?«

»Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht«, antwortete der Postkerl geheimnisvoll.

Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte wie ein Weinküfer mit geschlossenen Augen und nickte zum Zeichen, daß er gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte. Schließlich aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat Glas kannst du utlicken.«

»Ik bün keen Restensuper«, sagte der Junge verächtlich und schob das Glas von sich. Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten: »So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!«

»Jüst, Jan!«

»Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot ihm, am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann öffnete sie den Brief, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:

Klaus Mewes, Finkenwärder,

ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so«, pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.

Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben, und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte, sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum und die Geldsumme.


Bremen, den 29. März 1887.

Liebe Gesa!

Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Der Markt ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.

Jetzt will ich schließen.

Mit Gruß an Dich und Störtebeker
Dein Mann Klaus Mewes
.
 

Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle »Bremen zeigen«, rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die Seefischer fragten manchmal die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und fragten so lange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er gequält ja sagte.

Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er wieder an seine Arbeit.

Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen, aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!

Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namensbrettern gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war, Büt wie 1873, als eine englische Bark mit Kupfererz auf Großvogelsand strandete, oder wie 1880, also ein amerikanischer Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich trugen diese Namensbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine Inschrift wie »Kalliope«, »Ceres«, »Farewell« oder »Merkur«.

Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namensbretter auf, davon zwei mit Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau, die Galionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt – nun von Spatzen umpiept und von Hühnern umgackert.

Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angebracht, das mit der goldenen Inschrift:

SuzanneLe Havre

die anderen vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und hießen:

Hoffnung

Goede Verwachting

Haabet – Skien

Mary Thompson

Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen Tagen besser wurde. Er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch nicht kommen konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger stellte sie ihm ein, und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt saß das Hütfaß voller Hechte, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und Karauschen, und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen.

Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal brauchte, denn er konnte nicht bitten, wie er auch nicht danken konnte. Gesa mußte hin und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinaufnehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man sülben, büst jo grot un kannst jo snacken«, da sagte er aber kurz und bündig: »Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen. Sie dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.

»Will he jüm mithebben, Mudder?«

»Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!«

Da packte Störtebeker seine Fische schnell in ein Netz, lief damit zur Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte, und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige Einwendungen: Wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr... De Dinger sünd ok so lütj; wenn de de Hökerwieber man nehmt... Als Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du jüm gorne mithebben, du Bangbüx« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer wie möglich zu verkaufen, und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.

Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa am anderen Tag für ihren Jungen ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte sich schnell, damit er nicht danke zu sagen brauchte.

 

Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg zur Elbe ganz vergessen hätte. Bald kam Kunde von Geestemünde, bald von Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte die ganze Unterweser mit springlebendigen Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Fischer an Geeste, Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Zum Elbdeich kamen nur Briefe und Geld.

Störtebeker war böse auf seinen Vater, und er machte seiner Mutter gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, denn der Ewer kam ja doch nicht, und die Seefischer lachten ihn schon bald aus, wenn er fragte.

Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen sollte, wenn die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten, und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.

Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!

 

Was steckt in den Jungen, daß sie Feuer anzünden, wenn die Sonne höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene, entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der Mann; es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr Eltern und Lehrer, habt ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind – straft es nicht für seine Osterflammen!

»Johannisfeuer bleibe unverwehrt!«

 

Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet, Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten; als die Sonne es etwas getrocknet hatte, wurde es haufenweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer saß, qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus. Die Jungen lagen daneben, pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken weißen Rauch, der bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß bis zum Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein, die größte Ostermoon zu haben. Meistens hatte Störtebeker sie.

Die Leute auf dem Feld schalten, der Pastor wetterte in der Kirche gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie mit Hunden, die Frauen taten alles mögliche – aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: Sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren Ostermoonen, auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der Püttensümpfe oder saß in den Erlenbüschen, hinter dem Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: »Ik bün obers ne bang, Jungens!« Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch mal eine alte Wichel in Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu sorgen. »Lot man brinnen«, sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand gerieten.

Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an. Ostermoonen müßten sein; sein Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand am anderen Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.

 

In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß Harm Külper und konnte von seinem Bett zum Westerdeich sehen.

Als gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat gegangen – als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor Wochen zurückgekommen. Er hatte all seine Kraft zusammengenommen, um den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die vor den Türen gesessen hatten. Aber es war ihm doch nicht ganz möglich gewesen. Beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen werden. Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.

In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus – über sein Seefahrtsbuch war ein dicker schwarzer Strich gemacht worden, den er nicht wegwischen konnte.

Er war in ein Trauerhaus heimgekommen; seine Mutter ging in schwarzen Kleidern, und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Denn sein Vater und sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiff verschollen, während er butenlands gewesen war.

Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an, als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träumte. Er sprach nur noch selten. An stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die Elbe sehen konnte, sonst grübelte er den ganzen Tag vor sich hin. Mit fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand zu fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu flicken waren.

Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht, und er half ihm in Gedanken bei seinem Osterfeuer... Hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst?... Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern!... Hol du ok mol wat, Harm!... Jo, hier is en ganzen Arm vull!... Smiet man up!... U, wat fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch!... Dat is doch en feine Ostermoon, ne, Harm?... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus Störtebeker!

»Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen gehört hatte und von unten gekommen war.

»Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern mol mit em snacken«, bat er.

Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen von dem todkranken Matrosen. Er berichtete von seiner Fischerei und seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von seinem Vater, und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen, nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre, was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle Schiffe hindurch müßten.

Harm Külper fand großen Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in dessen Augen wie in einen Spiegel und sah seine Kindheit wieder, die er verloren hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er ihm ein kleines zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage wieder heraufzukommen.

»Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een«, sagte er zu seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu noch vör sik – un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.

Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er ganz still lag. Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: Ik will mol mit di snacken.«

»Och, lot mi doch, Mudder!«

»Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol is. Snack du em dat ut, Harm. Ik hol dat ne ut un goh to Woter, wenn he ne an Land blifft!«

Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort. Da glaubte sie, daß er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur keine Antwort geben wollen.

Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.

Der nächste Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen hinter den Rücken stopfen, damit er besser hinausgehen konnte, und wartete auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie zur Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.

Störtebeker kam, aber er hielt sich nicht lange auf, sondern stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine so große Ostermoon auf dem Deich, wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: Das war für das schöne Vollschiff!

Harm Külper wandte kein Auge von ihm. Da ergriff ihn mit einem Mal der Gedanke: Jetzt muß ich sterben! Und er ließ ihn nicht mehr los, bis er sich ihm ergab und das Ruder losließ: Treib, Schifflein, treib! Da kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging, und all das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und lachend lag die See vor ihm, die große weite See, und hohe stolze Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Wind. Wie leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf der Back im Sonntagsstaat. In der Tür des Logis saß der Norweger und spielte auf der Harmonika. Über ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine spielten vor dem Bug, und Albatrosse schwebten über dem Heck. Und der Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser sank...

»Jan?«

»Wat schall ik, Harm?«

Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.

»Jan, Mudder seggt, ik schall die van de Fohrt afroden. Du schallst ne no See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un Jakob ok verdrunken sünd, un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt warrn mütt! Ik ro di to, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, wenn du goden Wind inne Seils hest!«

Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.

»Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok seggt, mien Leben is verkihrt wesen: Ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull Gild mitbröcht. Ik segg di: Mien Leben is recht wesen, un ik wünsch mi keen anner!«

»Snack doch ne soveel, Harm«, beschwichtigte ihn der Bruder, der gern weiterlernen wollte. »Ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.«

Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte sein Seefahrtsbuch.

»Wat wullt dormit, Harm?«

»Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!«

Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen seine knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verkloren kann.«

»Harm, schon di doch«, bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah, aber der Matrose hörte nicht.

»Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm moken kann, ohn mi weh to don: Wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben mütt.«

»Harm, so snackst du nu – un to Sommer, wenn du wedder beter büst un wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.«

Der Kranke schüttelte den Kopf.

»Mien Fohrt ist ut, Jan, de grote und de lütje: Ik seh de See ne wedder! Jan, go no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!«

»Ik do ok doch, wat ik will«, sagte der Bruder bestimmt. »Meenst du, wat ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?«

Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal sehen, ob die Mutter noch nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet. Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß der Junge ihn sterben sah. Als er allein war, blickte er noch einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer, und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser.

Dann trat die große Meeresstille ein: Der Tod kam und grüßte ihn. Und Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick. Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit hinter dem Sarg und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Haus ging einer mit, so daß es eine große Leiche wurde. Am Grab sangen die Lüneburger Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.

Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief Störtebeker mit dem Vollschiff zu seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln.

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