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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Dritter Stremel

Den Montag, der als schöner stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an. Er schleppte Segel und Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig und hackte dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: Das Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegenbleiben. Da mußte er Gewalt anwenden!

Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die Augen offenhalten, aber sein Jammern half ihm nichts; er bekam die nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig dran glauben.

Gegen Mittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und lief dann noch mal zum Schuster und mahnte ihn um die langen Stiefel, freilich ohne daß er sie gekriegt hätte.

Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: Solange er bei seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.

Nachmittags standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.

Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord, als habe er wirklich zu steuern. Klaus Mewes und Kap Horn aber schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.

Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg, den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein, und in den Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung.

Der große Tag – der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sich die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich unauslöschlich eingeprägt. Nicht wahr, du Finkenwärder: Up den Dag kannst du di ok noch besinnen?

Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis; alle wollten helfen, alle wollten dabeisein! Nun waren der Hilfsleute genug. Klaus Mewes stand am Steven wie ein König und grölte, die Leinen müßten noch weiter auseinander. Als das getan war, rief er über das Eis, so laut er konnte: »All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! Huroh! Huroh!«

Da sprang Kap Horn ans Ruder und warf es herum. Die Fahrensleute aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen die Leinen steif. Der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es, schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberg sitzen! Doch ein schönes Stück war schon bewältigt.

Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein Wippsteert auf dem Ewer umher. Als aber das Brechen losging, stand er neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am Vorderpoller fest. Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht he god.«

Stoppi – stoppi...

Nun mußte ein Tau achteraus geschoren werden, und sie mußten den Ewer ein Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewannen. Klaus Mewes und seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu entfernen.

Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnisch Wasser – Eau de Cologne – erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester, Buscherrump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: »Klaus Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit. De drückt dat Fohrtüch vör to deep dol.«

»Deit he ok!« riefen einige Knechte zur Bekräftigung.

Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu Regensburg, ging langsam zum Heck und stellte sich neben Kap Horn ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.

Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes: »Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all. Du weest, wat vör und achter is annen Schipp und büst vörn doden Kiwitt ne bang. Ober dat Grölen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann grölen. Lot mi dor mol stohn un kommandieren!«

Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll; blief du man anne Kurrlien!«

»Egenbuck!« rief Jan laut und ging an seinen Törn.

Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme, und alle zogen an.

»Huroh! Togliek! Hödjihöh!«

So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich Jakob Witt hieß und seinen Spitznamen von seinem herunterhängenden, borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner, jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber war Störtebeker. Er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisschollen mit weggeschoben. Dabei war er über Bord gefallen und wäre beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war die Herrlichkeit aus. Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog ihn aus, hängte das nasse Zeug an den Ofen und steckte den nackten Mann in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon wieder in vollem Gange. Er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen mußte, damit er trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche der Ewer in Stücke. Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van sülben inne Gangen kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und zu helfen.

Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm. Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer. »Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See«, sagte er vor sich hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.

Oder er guckte die goldenen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt waren.

Was für Sprüche waren das?

Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen Seefischerei-Vereins gesehen hat, der hat auch in die puppenküchenenge Kombüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen. Unter der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott. Unter der Knechtskoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn. Unter der Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er hat sich wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten.

Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.

Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Knechtes sogar ein lateinisches Wort: Mediis tranquillus in undis.

Und das war so gekommen: Als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hatte, dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und das Gesangbuch durch und zerbrach sich den Kopf, aber er konnte nichts finden, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastor vorbei und fragte den. Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas wissen.

Nun hatte dieser aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter auf. »Süso, mien lebe Klaus Mewes«, sagte er und fragte nach Schiff und Stapellauf.

Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf, als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals scharf an und sagte: »Dat is woll Latiensch, Herr Pastur, wat?«

»Jawoll, Herr Mees, Latiensch!«

»So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: Son betjen Latiensch kann ik jo. An Jan Eitzen sien Kutter steht Ora et labora, un dat heet: Beet und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht Soli deo gloria, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis sitt ik all geliek fast!«

»Mediis tranquillus in undis: ruhig inmitten der Meereswogen heet dat«, sagte der Pastor ernst. »Mit den Spruch lett sik woll no See fohren.«

Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum. »Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen Namen, die eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen. Danach müßte Ihr Ewer Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein guter deutscher Spruch stehen!«

»Schallst recht hebben, mien Jung«, sagte Klaus Mewes. »Ik frei mi jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch förde Koi weest, denn weut wi mol sehn.«

Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje: Ein feste Burg ist unser Gott!, den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtkoje als Schmuck. So ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee Wiltsproken stoht dor all, Klaus, ober de drütte, de von Kap Horn bit ant Nurdkap snackt ward und de üller is as de annern beiden tohop, fehlt dor noch bi: Plattdütsch!«

»So«, lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: Ik meen all, du wullst mol meten, keen greuter ist van uns twee beiden! Harm, Plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!«

»Klaus, dat gift hunert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!«

»Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!«

»Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer großen, plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.

»Hier, Klaus Mees!«

»Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!«

Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie wirklich plattdeutsch gedruckt war, und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch einen plattdeutschen Spruch zu übernehmen, und gab zehn Bund getrockneter Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und leuchteten:

Hilpt mi, Sünn und Wind,
hilpt mi bit Fischen!
Ik heet Klaus Mees
un bün van Finkwarder.

»Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm«, sagte er dabei. »Ober dat riemt sik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!«

Den hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.

 

Wieder stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er hängte sie um und stocherte im Feuer. Du liebe Zeit, wie lange dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen, denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald ins Fahrwasser kommen.

Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje zurück und schaute über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln, die ganz vorn im Steven steckten. Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen, sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen geantwortet: Das ist nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas zum Schweigen. Wie grausig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam! Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn nicht mehr unter der Decke. Er holte die Seekarten vom Bord, rollte sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die kleinen Feuertürme und Baken, die am Rand der Karten standen, während es draußen wieder lärmte und rief.

Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm, aber er dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best, und zog sich an, so schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus. Halb angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp. Da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines vorbeigehenden Schleppers zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!

Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.

Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren Erfolg, gruppenweise über das Eis zum Deich zurück und sprachen von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden. Was dem einzelnen noch zu tun blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom Neß: Hurra, hurra, hurra!

Auf H. F. 125 aber, dem Ewer Laertes, ließen sie den Draggen zu Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne ans Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu vertreiben, der alle befallen hatte.

Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab: daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm, und daß sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern konnte.

»Du hest dat en betjen god, Seemann«, sagte er aus diesen Gedanken heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner war als er und doch immer mit nach See durfte. Seemann aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.

Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen schon die See und grüßte Helgoland.

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