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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing wieder an zu knütten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der nichts gefangen hat, und ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein Schock Hühner darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der Seite an und stichelte: »Na, Klaus Störtebeker, großer Seeräuber, wat sä de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln noch nich klor?«

Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte wie ein Großer: »Ik gläuf, de Knappen is verrückt oder splienig! Dat is oberhaupt keen Schoster, gläuf ik, de kan gorne schostern un gorkeen Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder...«

Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. »Jedesmol, wenn ik komm, seggt he: morgen; ober he kummt ne wieder as he is, de Tüffel.«

»Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?« fragte Klaus ernsthaft.

»Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln klor würn, denn schull ik mit«, antwortete der Junge zuversichtlich.

»Büst du denn ok nich mehr bang?« fragte nun Kap Horn lauernd. »No See dörft blot welk, de nich bang sünd.«

»Ne, Kap Horn, bang bün ik ne«, erwiderte der Junge treuherzig.

»Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten Gnurrhohn ok woll nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst ut, wat kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!«

»Lögen, Lögen, Lögen!« stritt Störtebeker und pikte ihn mit der hölzernen Knüttnadel. »Ik bün vör keen Hund bang un vör gornix!«

»Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Bölken doch los?«

»Ne, schreen do ik gewiß ne.«

»Denn warst du ober seekrank!«

»Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!«

Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: Ik blief ne! Und Klaus Mewes sah seinen Jungen an und dachte: Was soll in dem wohl anders stecken als ein Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein Gelübde: »Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!«

Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und ließ ein enttäuschtes: »Och, to Sommer irst!« fallen, das den Knecht zu der Bemerkung veranlaßte, es wäre jetzt noch zu kalt auf See.

»Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor«, gab Klaus zu bedenken, und Kap Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind.

Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg, hielt Störtebeker es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm französischen Abschied.

»Neem schallt no to?« fragte sein Vater, aber er erwiderte beiläufig, er wolle füttern – und weg war er.

»Dat keum jo bannig zaghaft rut«, sagte der Knecht und sah ihm nach. »Wenn de man nix anners in de Lur hett.«

Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten Spruch einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes.

Als einige Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von Störtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er den Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der Luft tanzen. Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen hatte, saß unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann guckte er nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hühnerwiem hingen; sie waren alle drei am Nagel: Fischen war der Junge also nicht. Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater, der um einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben untersuchte. Tiefes Schweigen lag über den dunklen Gräben, und in den kahlen Wipfeln der Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat, sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte aber nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen sein könnte; übrigens wußte er ja, daß Störtebeker schwimmen konnte und nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte wissen, wo er abgeblieben war.

So ging er über die Wurt zum Deich zurück und guckte mit seinen scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer, die Waken und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das raschelnde alte Reet und das Krachen der zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.

Sollte der Junge wieder in der Kombüse sitzen, wie er es schon mehrmals gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst ständig brennende Licht.

Wo mochte der Junge sein?

Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge auf dem Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoß ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: Wenn ik di bloß ne halfstock holen mütt! Aber er jagte ihn von dannen, kletterte über das Schwert und schritt über das Eis zum Bollwerk zurück. Im Osten glomm der Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte, ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war, so alt war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und gesagt: Viel anders hätte das 1842 vom Deich aus auch nicht ausgesehen. Nun wäre Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so großen Brand hätte.

»Jä, Beeken, dat magst du woll seggen. Bi de veelen Wirtschaften«, hatte er lachend geantwortet.

Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen. »Neem ist Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig.

Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er verstanden hatte, und setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der anderen, wenn er lief.

Klaus wußte schon Bescheid, es ging zur Neßkuhle, in der der Kahn lag. Der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug, das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars, und kein Junge war dabei. Jäh befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte, und er lief in Sprüngen den Deich hinab.

»Klaus!«

Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.

»Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und wäre umgefallen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.

»Wat ist dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?«

Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren. »Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.«

»Wat kummt dat denn?«

Der Junge wies auf seinen grünen Kahn. »Ik will mi seefast moken, Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen hett to mi seggt, denn müß ik jümmer miten Kohn dümpeln. Örk, örk – wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack innen Mund!«

Klaus wollte lachen, konnte es aber nicht, weil ihn die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn gedümpelt hatte, bis ihm schwindelig wurde, nur um sich seefest zu machen.

»Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiß ne mihr mit no See, wat?«

Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel ik wedder, un offermorgen un den Dag, de denn kummt, ok, bit ik ne mihr düsig warr und mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap Horn und Hein Mück nix utlachen loten!«

Klaus Mewes vertäute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück.

In der Dönß brannte schon die Lampe.

Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte Klaus halblaut: »Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?«

»Segg du man nix, Vadder, ik will woll swiegen«, flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit weg von der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus, um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton fragte: »Non, neem kommt jü denn her?«

»Wi sünd mol no de Neßkul wesen«, berichtete Klaus Mewes der Wahrheit gemäß.

»Hest du ok natte Strümp, Klaus?«

»Ne, Mudder, knokendreuch!«

»Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek treckst jüm ut!«

Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, daß sie weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des Seefestigkeitskursus ab.

Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen, dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.

Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den Roman »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit aufgestützten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten, nickte er anhaltend, wogegen er bei Kapiteln, die nicht nach seinem Geschmack waren, ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja, man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind oder Sturm las (und in einem echten Seefahrtsroman weht und stürmt es ja alle drei Seiten), so pustete er leise vor sich hin. Las er von Liebe, so strich er sich über die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, dann las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber hinter Norderney oder Wangerooge lagen, beobachtete Klaus, in der Koje liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und meistens stimmte es, was er dann erzählte, so daß der Knecht jedesmal erstaunt sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.«

Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf seinen Knien und bettelte um eine Geschichte.

»Ik weet uppen Stutz keen.«

»Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.«

»Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.«

»Och, man to, Vadder!«

»Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.«

»Ne, Vadder, dat segg ik ok nee«, versicherte Störtebeker, und sein Vater legte los.

»Non, denn hür to: Dor wür mol en Mann, de harr keen Kamm, to köfft he sik een, to harr he een...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu und schimpfte: »Dat ist keen Geschichte, dat ist Narrenkrom! Du schallst en euliche Geschichte vertillen!«

»Non, denn hör to: Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert, nu hür man god to! Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert...« Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre auch Tüdelei.

»Non, denn hür to: To sett he sin Hot uppen Disch un seggt: Non denn so wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!«

O weh – das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen, denn nun beutelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von Klaus Störtebeker, aber etwas anderes, nicht immer diesen einen Satz, den er schon tausendmal gehört habe.

Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah auf und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di doch keen een wat von to vertellen.«

Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen man ne jümmer Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz Leben ne wedder los.«

»De Nom is gornich so slecht, Gesa«, sagte Kap Horn ernsthaft, während Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen, aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er es auch nicht bös gemeint: Er störte sie nicht, und wenn er Fische holte, so bezahlte er sie reichlich.

So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus Störtebeker – und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, wie sie Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturm flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König gefangenhielten. Als Klaus aber weiterging und von dem großen, breiten Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hieß, und daß Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da sprang der Junge auf, daß Kap Horn ausrief: »Neem ist dat Füer?« Er fragte: »Vadder, neem is de Groben?«

Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der großen gewesen sei. Aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen, der sich einen so breiten Graben gar nicht vorstellen konnte, und es blieb schließlich nichts anderes übrig, als daß sie eine kleine, nächtliche Expedition zum Seeräubergraben ausrüsteten, die trotz aller Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.

»Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!«

Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch umband: »Brummkirl gifft ne, Mudder.«

»So?«

»Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne bit Woter gohn scheut.«

Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem Kopf zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die quellenden Tränen nicht hemmen. Warum mußte sie so geschaffen sein, daß sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen? Warum nicht? Sie war doch jung und gesund: Warum mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden, warum konnte sie ihn nicht loswerden, den furchtbaren Gedanken, daß sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu tragen?

Sie begriff nicht, daß eine Seefischerfrau wie die kleine Metta Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie von der Geest stammte, so fröhlich lachen und singen konnte und abends ruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann; denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf einem Ewer, schwammen auf einem Stück Holz in der See. Ein Blitzstrahl, eine Brechsee konnte ihr ganzes Leben verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen – und doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen konnte!

Gesa schüttelte den Kopf.

Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß ebensoviel wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was trieb sie anderes dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen wisse; ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden raus! Aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war, wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und ihn seefest zu machen. Wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber up See...

Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es anders geworden; da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort gesprochen: ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne schreen, Klaus, anners kann ick di noher an Burd ne bruken. Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert. Da war ihm der Kompaß in die Brust gesetzt worden, der ständig nach der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte.

Dann kam der Kahn, der grüne, nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen und nun mehr als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeugs bald auf den Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an diesem gottlosen Namen.

 

Die vier Getreuen aber standen an dem breiten schwarzen Graben zwischen den dicken krummen Wicheln und den schlanken schiefen Erlen und suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an dem er sein Admiralsschiff festgemacht hätte, und durchforschten die hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte. Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!« und sie von einer Wichel zur anderen lockte.

Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze, weitverbreitete Sippe der Mewes. Auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten herausgefunden, daß es besser war, die grüne See zu pflügen als das braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben. Die seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und das letzte Drittel den Focken und Külper zukam.

Seefischerei... Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und hätte seinen lieben großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen Grönlandshof eingetauscht.

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