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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden. Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder heim, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen Strom oder Wind ankam. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren, sondern am Bollwerk zu bleiben. Sein Vater könne nicht wiederkommen, nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.

Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht. Mit der nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte. Aber er wriggte immer wieder, immer wieder nach Blankenese hinunter und starrte den Schiffen entgegen. Sein Vater kam wieder: Von dieser Hoffnung ging er nicht ab – und er wollte der erste sein, der seiner gewahr wurde.

Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln, und der Aalkorb verrottete im Gras, denn er hatte die Fischerei gänzlich aufgegeben. Kluß, die alte Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: verhungert; er vergrub sie im Garten und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen verschenkte seine Mutter, weil er sich nicht mehr darum kümmerte; gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei geworden, ob er Viehzeug hatte oder nicht. Erst mußte sein Vater wieder da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann kam auch alles andere wieder an die Reihe.

In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! lief er zu seinem nordischen Kahn und nahm Kurs auf Blankenese.

Gesa, die ein seltener Gast auf dem Deich geworden war, merkte zuerst nichts von diesen weiten Fahrten. Sie dachte, er wäre am Westerdeich zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn auch sie selbst hatte keine rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher.

Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es neblig geworden war und er sich auf der Elbe zwischen Kranz und Wittenbergen verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte den Westerdeich ab und lief ängstlich über die Wiesen. Als sie ihn nirgends finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hörte sie von den Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, daß er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie erschrak sehr, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken war!

Gott im Himmel, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht mehr aus den Augen lassen!

Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, daß sie einen Kompaß mitnehmen mußten. Sie segelten und ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hören oder zu sehen. Sie wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht heim. Gesa kam gelaufen und wollte ihn in den Arm nehmen, aber er sprang aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden mußte!

»Morgen kummt Vadder gewiß«, tröstete er seine Mutter, als er sich das klamme Zeug auszog. Sie aber wußte vor Schmerz und Freude und Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen sollte. So packte sie ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, daß ihm gar nichts fehle.

Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak, wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld daran, daß sie nicht einschlafen konnte. Sie quälte sich schwer, dann aber wuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr als heilige Pflicht, als Aufgabe von Gott schien: den Jungen vom Wasser abzubringen, zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertrank, zu verhindern, daß er ein Seefischer wurde und zu Schaden und frühem Tod kam wie sein armer Vater; dafür zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden und auf dem Trockenen verdienen und essen konnte und nicht auf der wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes vor dem Untergang zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu machen. Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt. Sie fühlte es und hörte es, was sie hatten sagen wollen: Ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das Deine, daß der Junge es einmal besser hat; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters, laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es gewesen! »Jo, Klaus, dat will ik«, flüsterte sie vor sich hin, »du schallst dien Rauh hebben!« Starr richtete sie sich in den Kissen auf und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es schwer werden würde, daß sie streng und hart sein mußte, denn der Junge saß voll von diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen. Aber ihr zähes niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich um ihn kümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe! Den Vater von der Schiffahrt abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge mußte noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille dahinterstand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie konnte nicht...

Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um die See. Gleich am anderen Morgen bekam Störtebeker eine große Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine Mutter dann aber weiter ging und davon sprach, daß sein Vater nicht wiederkommen konnte, daß er auf dem Grund der See lag, da richtete er sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg, sie wüßten alle nichts davon! Sein Vater käme wieder. Dabei blieb er, und davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen, und sein Vater könne nicht ertrinken: Er glaubte es nicht, und wenn sie es auch alle sagten!

Gesa hatte ihm streng verboten, wieder nach dem Fahrwasser zu schippern, aber als er danach auf dem Deich stand und über das Wasser blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein Vater müßte gewiß dabeisein, und er müßte ihm entgegenfahren. Und als seine Mutter hinteren Haus war und die Schweine fütterte, da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den Ewer mitbrachte, würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten. Mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte.

Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu kämpfen und kam deshalb erst spät am Abend zurück.

»Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt. »Wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?«

Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und biß von seinem Brotknust ab, ohne etwas zu erwidern.

»Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll gornix mihr to seggen?« fragte sie bebend.

»Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb«, erwiderte er ruhig und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!«

Da konnte Gesa nicht mehr an sich halten. Der Zorn überschrie alles andere in ihr, und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen, weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er. Fest biß er die Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.

Am anderen Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk zurück, so daß er nicht entkommen konnte. Aber am Morgen darauf flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer! Sonst gab es heute abend ja wieder Schläge! Aber sein Vater kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken und war sehr hungrig. Triefend vor Regen, stand er auf der Schwelle und guckte seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte: Nu hau mi man wedder!

 

Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn einige Tage fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde. Sie ging selbst zu dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten würde, den Jungen Störtebeker zu nennen. Aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst recht Störtebeker.

Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht sah, fragte sie ihn weich: »Wat schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok mol to, Mudder!« – »Wat schall dat denn, Junge?« – »Moks doch mol to, Mudder, och man to!« – »Ik hebbt jo all to, Klaus.« – »Ganz fast?« – »Jo, ganz fast!«

»Denn sünd wi up See, Mudder«, sagte er verträumt. »Kannst hürn, wat dat boben unsern Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, Mudder... Twe Stünnen hebbt wi de Kurr al ut, Mudder, gliek möt wi intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de Meben anflegen kommt!... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder... Kiek, dor steiht Kap Horn, paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up – dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne?... Hein Mück schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat ist Hilchland...«

So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu. Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is Vadder denn?« fragte sie zuletzt erschüttert.

»Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur, de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!«

Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück. Er aber saß noch lange und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.

 

Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen. Immer war er dann auf See bei seinem Vater.

Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts dagegen tun. Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen aber immer wieder durch die Maschen. Sein Trotz wuchs. Was Eisen in ihm gewesen war, hatte sich zu Stahl gehärtet, und fester als zuvor hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.

Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, nach See zu schippern und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen. Wenn er ihn gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als hätte er die Fahrt aufgegeben, so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke und füllte sie mit Wasser, damit er auf See etwas zu trinken hätte, er packte seinen Aalkorb ein, damit er sich unterwegs Fische fangen könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte. Als er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und als seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß von der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei große Brote, damit er etwas zu essen hatte, dann wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen. Weil es Ebbe war und er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, bis über die Lühe hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel hinein, denn er fröstelte. Schlafen konnte er aber nicht, und als Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis Krautsand war er schon gekommen, da ereilte ihn sein Verhängnis; als es Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch. Er sprang ins Boot und verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat und biß, aber es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und brachte ihn am nächsten Tag, als er den Bünn voll hatte, nach Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder ein Stück Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: Wenn Vadder man hier wür!

Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn zum anderen Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer verkauft, der ihn mit nach See genommen hätte. »Wat kannst du bloß den Kohn verkäupen?« rief er heftig. »De hürt mi to un dor hett nüms wat ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!« Als er sie dann aber nach dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so daß ihm die Sache mulmig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und spähte so lange, bis er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los und brachte es nach dem Neß zurück.

Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mußte ja wiederkommen! Felsenfest war seine Hoffnung.

War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen bestärkten Gesa in ihrer Strenge, und die Elbfischer griffen ihn, wo sie seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte.

Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der alte Heidjer und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn aufzupassen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Störtebeker ließ sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er lernte Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte Brombeeren, er kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land. Dann aber fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater heimgekommen sei, am Neß mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er von dem Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe, ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich entlang und stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach seiner Mutter Haus.

Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten, und sie schlug ihn, daß er blutete. Als nachmittags der alte Heidebauer mit seinem Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den Trotz des Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe doch nichts. Sie wolle ihn hier behalten. Er solle in den Keller gesperrt werden, und sie wolle den Kahn nun wirklich verkaufen.

Schweigend ließ Störtebeker sich in den Keller bringen. Da saß er im Gefängnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch die Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der gerade unter dem Fenster vorbeiging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und sagte grimmig: »Wi weut di woll mörr kriegen, du Dickkupp!«

Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wußte sich nicht mehr zu helfen.

»Hilp mi doch, Vadder!« schluchzte er. »Hilp mi doch! Kumm doch wedder!«

Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord, auf den Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn, und kein Seemann kam, ihm die Hände zu lecken.

»Hilp mi doch, Vadder!«...

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