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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es am selben Tag unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, mit dem er gerade zu tun hatte. Als er genau hinsah, war es Klaus Mewes' Fock, an der unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu, dann fragte er erschüttert: »Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock di woll tweireten?« Er versuchte, das Tuch glatt zu ziehen; als das aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der Wind blies wie nichts Gutes, und die hochflutende Elbe ging wie eine breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und wehrten der gemeinsamen Not. Sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich zu den Ewern und Kuttern hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Kette aus, damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Havarei hätte.

»Is Klaus Mees bihus?« fragte der Segelmacher.

»Ne, de is buten«, erwiderte Jan Lanker, der lustige.

»Denn weet ik genog«, sagte Thees nickend und ging langsam auf seinen Boden zurück. Als er das Segel wieder übers Knie legte, lag es ganz still – das Zerren hatte aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise und wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers Besan.

 

Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht sauber zu kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge, und sie horchte bange auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte nicht, ob Klaus einen Hafen hatte oder draußen war. Wie wehte es!

Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der Seemann, draußen und begehrte Einlaß? War er vorausgelaufen, und kam Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen, und auf der Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht war totenweiß, sein Haar wirr, und seine Augen waren müde und glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie konnte die Füße nicht voreinander setzen. Sie wollte ihn fragen, ob etwas passiert wäre, ob er Havarei gehabt hätte, aber ihre Zunge war gelähmt, und sie konnte keinen Laut herausbringen.

»Gesa«, sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie Gesa laut auf und sank zu Boden.

 

Störtebeker war mit den anderen Jungen am Westerdeich zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten, Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!

Gerade stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da rief es mit einem Mal hinter ihm: »Höh, Störtebeker!« Und als er sich schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken. »Hödjihöh, Vadder!« rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte, dann aber warf er den Staken hin, denn das Zeug ging ihn nun nichts mehr an: Sein Vater war gekommen!

Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte – nun war er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie er es immer machte. Er sprang den Deich hinan und suchte ihn im Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht wieder ausfindig machen. »Vadder, neem büst du?« rief er, aber er bekam keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser – der Ewer war nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch in St. Pauli liegen. Sein Vater konnte auch von Cuxhaven oder von der Weser mit der Eisenbahn übergereist sein.

»Mudder, is Vadder ne hier?« rief er schon auf der Diele und stürmte suchend in die Küche, sah hastig in die Schlafkammer und suchte die Dönß ab.

»Och, mien arme Junge, woneem schull dien Vadder woll wesen«, klagte seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf, in dem sie gelesen hatte.

»Eben wür he annen Westerdiek«, sagte er und stieg auf den Stuhl, um aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. »Ik will em woll gewohr warrn, den Versteekspeeler den!«

Da wurde sie aufmerksam. »Keen wür annen Westerdiek?« fragte sie tonlos.

»Vadder!« rief Störtebeker. »He stünn boben uppen Diek und lach un wink. As ik to rupleep, wür he batz weg.«

Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren konnte, und jammerte: »Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien Jung!«

Er schüttelte den Kopf. »Dat is ne wohr, Mudder«, sagte er bestimmt, »dat hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he sülben to mi seggt. Vadder kummt jümmer wedder!«

Sie weinte nur noch heftiger.

»Stopp, ik will em woll finnen«, rief er und lief wieder in den Wind hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiß auf dem Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht darauf.

 

Auch die Uhr war stehengeblieben. Auf halb fünf stand sie, das war die Todesstunde von Klaus Mewes.

Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgezogen, niemals wieder angestoßen. Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie geblieben.

Zufall? Gaukelei der Sinne?

Die Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Haus zu rufen oder zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in Lebensgestalt zu erscheinen.

 

H. F. 7, Jan Sloo, kam am nächsten Tag von der Hoof, das heißt von Cuxhaven, herübergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch nicht. Es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm gewesen, sie hätten nur etwas krauses Wasser gehabt und so. Ihren Klaus hätte er zwar nicht gesehen, und er hätte auch nichts von ihm gehört, aber da wäre alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine gute Reise zu machen. Da brauche sie sich keine Gedanken zu machen: Der käme wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hätte, hätte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da könne sie ganz ruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: »Inne Nurd schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween sünd – un ik gläuf, Klaus Mees is inne Nurd wesen.«

 

Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht dieser Tag im Kalender der Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Havarei gebracht.

Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken, Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und mit Mann und Maus spurlos verschwunden. Beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner umgekippt, und dwars von der Kugelbake guckte der Mast einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser. Cuxhaven aber lag bis an den Leuchtturm voll havarierter Schiffe.

Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer, darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten die Menschen am Deich auf sie und sprachen von nichts anderem als von ihnen. Alles mußte zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge, der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten, das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten. Die mochten ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.

Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Havarei war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder anfinden, weder auf der Weser noch auf der Elbe.

Tag um Tag verging, und aus Tagen wurde eine Woche, wurden viele Wochen, und Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute, er betete stark und ergreifend, daß es wie Weinen durch die Kirche ging, denn der Untergang dieses großen fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben? dachte er.

Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen. Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten aufspielte, und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt. Gut und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd heimgekommen war. Bei ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie so manche es waren.

Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes es damals auf den Watten gesehen hatte: Alle Fenster waren dicht verhängt, und vor der verschlossenen Tür, auf den Stufen und auf der Bank standen der Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im Haus war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst durch die totenstillen Räume. Meistens saß sie in der dämmerigen Küche und starrte vor sich hin, oder sie weinte. Ihre Tür schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen, die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun, da Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie als Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten blicken, denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht ertragen, konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen übergingen.

 

Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und weinte mit?

Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte. Sein Vater war nicht weg, er lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so viel vor Wind hinter Wangerooge liegen mußten. Aber wieder kam er ganz gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters, und unerschütterlich war sein Glaube.

»Störtebeker, dien Vadder is bleben«, sagten die anderen Jungen zu ihm, aber er schüttelte ruhig den Kopf und antwortete: »Wat weet ji dorvan af?« – »Doch, Vadder hett dat seggt!« – »Denn segg dien Vadder man, dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt wedder«, sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: »Schre doch ne, Mudder, gläuf doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder«, aber er erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.

Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch; sein Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig.

Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, bis hinter Blankenese, und wartete. Immer waren seine Augen im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater. Große Dampfer mahlten an ihm vorbei, und die Lotsen drohten ihm mit Fäusten, aber er dachte: Ich habe hier ebensoviel Recht wie ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf den Kahn wie eine Nußschale auf und ab; Störtebeker wich nicht vom Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach seinem Vater.

»Hest Vadder ne sehn, Jannis?«

»Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?«

Immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat, nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Schließlich kannten ihn alle. »Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen«, sagten die Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabeisein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe!

»Is keen Breef van Vadder kommen?«, fragte er abends, denn sie konnten ja auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hatte.

»Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?« fragte Gesa bekümmert.

»Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!«

Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie der seines Vaters. Er dachte, er wäre es, und eine so große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er die Flagge setzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte, und so lange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann wollte er längsseits wriggen und überklettern und seinem Vater steuern helfen, wollte Kap Horn guten Tag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern, wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer getan hatte. Ach – er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon längst an Bord. Als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.

 

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