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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Vierzehnter Stremel

Der Deich war noch nicht eingesunken, und die Elbe war noch nicht zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet, und keine Esche war umgeweht. Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten, und die Kaninchen muffelten noch in ihrem Stroh herum: Das ganze bunte Reich auf dem Neß war noch so wie vorher, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden. Der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte.

Zuviel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten ihm noch die schmalen seichten Gräben, seit er die ungeheure, tiefe See gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alte Land, der auf Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören spielen, wo er doch einen ganzen Sommer lang Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer allein gesteuert hatte. Was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, wo er doch vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!

Wohl fütterte er sein Vieh wieder, er fischte in den Gräben und streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte, und seinen grünen nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!

Wie in einem Gefängnis verbrachte er die Tage, ging seiner Mutter weit aus dem Weg und spähte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm. Das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.

Mit den anderen Jungen konnte er sich nicht mehr anfreunden. Nach und nach zerstritt er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und keiner mehr zum Neß kam, um mit ihm loszugehen. Denn er sprach wie ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen Widerspruch vertragen, namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen (»dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten as du Kiekinnewilt«, hieß es herrisch) – und das ließen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.

Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, weil er ihr selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die See vergessen würde. So wenig kannte sie ihn.

Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief ins Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: Ei, Klaus Mewes, ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das Glas gucken und zeigte ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.

Und Störtebeker behielt recht: Es war sein Vater, der mit der Flut und dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen wuchsen, und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.

Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen. Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.

Da stand sein Vater am Ruder, und Seemann lief eifrig hin und her, sprang über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre. Da stand Kap Horn am Steven hinter dem Spill, um auf den ersten Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.

»Höh, Vadder!« So rief er über das Wasser, immer wieder: »Höh, Vadder! Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!«

Da guckten die Fahrensleute rasch auf, und als sie den Jungen zwischen den Wicheln erkannt hatten, freuten sie sich über die Maßen und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme – und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am Wasser stand und Ausguck hielt!

»Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck, und das Echo am Bollwerk wiederholte es laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm geworden: »Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: Neem is Störtebeker, Seemann? Und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.

Killend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das Toppsegel weg, warfen das Großsegel und fierten die Besan herunter. Die Freude trieb die Fischer an, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bäumen hin und her. Endlich waren die Segel zusammengebunden, und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt geworden, oder woran lag es sonst? Das ging ja bannig sinnig!

»Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und stieg zu den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot.

Endlich kamen sie an. Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam, Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht, und der Kahn schleppte an der Kette nach.

Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals seine Hand ins Wasser gesteckt, und wenn es noch länger gedauert hätte, hätte er sich nackt ausgezogen und wäre zum Ewer geschwommen.

»Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af«, lachte er nun und wehrte dem Hund, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein Stückchen Segeltuch aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit ab.

Da war große Freude auf dem Neß: Erst tranken sie köstlichen Kaffee in der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht im Wind wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war Störtebekers Fragerei nach dem Wetter und nach dem Fang: Er hörte nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.

Gesa wunderte sich sehr über seine große Munterkeit und sah Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen wollte.

Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die Fische vorbereiten, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und verflogen: Er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater, in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf seinem großen schönen Ewer umher, er pumpte und schrubbte, er bewegte das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als wolle er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimm suchen, er sah nach dem Kompaß und nach allem.

Abends hockte er oben im Wipfel der Linde und piepte wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der Elbe guckten und in geruhsamem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen; zog ihn herunter und steckte ihn in die Koje.

 

In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkeln den Deich entlang nach der Neßkule, wo der Kahn lag. Es war neblig und naßkalt. Die Bäume tropften, und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucksen. Auf den Feldern lauerte der Fuchs.

Störtebeker trug ein dickes wollenes Halstuch und hatte seine großen Stiefel an. Sie kletterten schweigend ins Fahrzeug und stießen vom Land ab. Der Junge wriggte. Neben ihm rauschte das Reet, und in der Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe reglos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend.

Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern. Klaus Mewes saß nachdenklich auf der Ducht und hörte auf das Knarren des Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht brennen hatte, zog mit ihrem hohen dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der Ewer so groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.

Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und Hummerkasten und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klargemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen. Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem Boot zum Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden, so daß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie saßen beide auf der Achterducht, und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich hinter ihnen tief zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches Fahrzeug kannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen zumute.

Machte das der Herbst, der sich ankündigte, dachte er an die Stürme, die ihm bevorstanden, oder kam es von dem Jungen, der neben ihm saß? Er konnte es nicht deuten.

Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und machten fest, setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechs scholl die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die Fischhändler, die Höker und Weiber zusammen, der Auktionator erhob seine Stimme, und ein Hammerschlag folgte dem anderen, denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der kleine Klaus warteten, bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich sehr wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel los, da war schon alles verkauft, und die Händler standen bereits auf anderen Kisten. Aber auch Klaus Mewes machte sich Gedanken darüber, daß alles so schnellgegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an stürmischen Tagen und in dunklen Nächten dem Meer abgewonnen hatte, was er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan. »Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« – und damit basta.

Die Abrechnung konnte er erst später bekommen, sie hatten deshalb noch viel Zeit. Als sie die Fische der anderen Ewer und Kutter gemustert hatten, guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischhalle ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Zeiger der Uhr festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch zur Reeperbahn hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch. Sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurück zum Fischmarkt.

»Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann, der Elbfischer.

»Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt«, sagte Klaus Mewes.

»Jäh, jäh, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen, Klaus!«

Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?

Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen Dreuchewer unter Segel, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Störtebeker sah ihn von der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört. Konnte es da nicht sein, daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus; im letzten Augenblick stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderem. Klaus Mewes fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz unbefangen.

So segelten sie die Elbe hinunter.

Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben als die anderen Fischer, und er tat es gern.

 

Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann noch, der kleine krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen, es zuckt um seinen Mund, wenn er spricht, wie wirr ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er Unglück, und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Unheimlich ist sein Tun, wenn er Segel näht: Erst legt er die Karten, um den rechten Tag und die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen und welche Fahrensleute bleiben. Alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.

 

Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf dem Segelboden und erzählten sich etwas. Thees to Baben hockte auf einem neuen Großsegel wie der Schah von Persien auf seinem Teppich und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekam, was er wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das Feinste zu essen und zu trinken.

Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.

Thees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Doktor Faust inne Gangen, un nu frogst du, wat de Klüber löppt, un ik mütt upstohn un an to reken fangen!«

»Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees«, lachte Klaus.

»Ne, ne, di vertill ik nix«, antwortete der Segelmacher, der aufgestanden war und sein Buch suchte. »Di vertill ik nix, du lachst jo doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen sühst. Aber ich sage dir: Irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol de Kortjen leggen?«

»Ne, lot man, Thees«, wehrte der Seefischer heiter ab. »Ik gläuf ne an Hexen.«

»Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die beiden Wattenläufer. »Wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!«

»Man keen Bangen«, rief Klaus sicher, »ik blief ok ne!« Und Störtebeker, der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu: »Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!«

»Do ik ok, mien Jung!«

Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte mit veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, und de See, dat gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!«

»Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt«, erwiderte Klaus Mewes unerschüttert. »Wi könnt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln! Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?«

Der Segelmacher schüttelte den Kopf und strich sich mit der Hand über die Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu blättern, aber er kam zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. »Betohl anner Reis, Klaus Mees, dat löpt jo ne weg!«

»Och wat, kiek man mol eulich to, Thees«, mahnte der Fischer. »Ik kann ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm ienenhalben.«

»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi«, sagte Thees und vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich rief er: »Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein Klüver 98 Mark.«

Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er wie in Gedanken: »Dat is jo all dörstreken, Klaus. Keen hett dat denn don?«

»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don«, lachte Klaus. »Betohlt hebb ik gewiß noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso, Thees, till no, wat dat ok stimmt!«

Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht annehmen, das Geld gehöre ihm nicht.

»Kumm, Störtebeker!«

Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch zu Peter Fick. Deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.

»Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder«, sagte Störtebeker, als sie draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand Grabben.«

Sie gingen westwärts. Mit einem Mal griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst nur selten tat.

»Vadder...«

»Non?«

»Och, nix... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?«

»Ne, mien Jung, ik blief ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer auf dem Wasser.

 

Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen waren, denn er strich die Zeilen nur dann durch, wenn der Fischermann bezahlt hatte – oder wenn er geblieben war.

Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen Seitenblicken ein.

Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten, und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur konnte. Sie fuhren diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte. Die deutsche Flagge war ganz zerrissen. Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen mittag die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war aufgefrischt, und die Elbe ging in Hemdsmauen.

Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein Stier und wies dem Wind die Hörner.

Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek«, und sprang nach vorn. Da trieb eine Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und stürzte nach dem Steven. »Dor drifft een!« schrie Kap Horn und wies leewärts. »Denn fot man gau de Boot mit an«, brüllte Klaus. »Hein, inne Wind den Eber!«

So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu. Sie konnten niemanden erblicken. »Liek vörut mütt dat ween«, rief Klaus. »Roon wat du kannst, Kap Horn!« Der Südwester war ihm in den Nacken geweht, und die scharfen Körner flogen ihm ins Gesicht, aber er ließ den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!« grölte er, so laut er konnte.

»Hilpt uns!«

»Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!«

Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten zum Steven, beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap Horn stand neben ihm, so zogen sie den ermatteten Fischer ins Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer.

»Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte die Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se dor drifft!«

Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch verdrinken loten!«

»So, un dien Kinner?« fragte Klaus, blieb aber noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen und suchten, fanden die Frau aber nicht mehr.

Hein Mück zeigte sich als umsichtiger Fahrensmann: Als die beiden abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden, großen Segeln keinen Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an den Wanten und starrte zum Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der Talje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch zum Bollwerk.

Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Haus zu. Der Deich war schwarz von Menschen, und viele Frauen weinten.

Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder, Vadder, neem hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar auf und wollte sich losreißen, um wieder ins Wasser zu gehen, aber Klaus Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der Nachbarn anvertrauten.

Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.

 

Der nächste Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.

Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit den Booten ins Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo auf und ab.

Auch Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren mit ihrem Boot dabei. Sie sprachen wenig.

Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte, schlichen alle Boote mit müden Segeln zum Deich zurück. Sie hatten die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.

 

Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder: nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel, und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel.

Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.

Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann mit ihm los.

»So geiht he god, Vadder«, rief er vergnügt, als der Ewer recht an den Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten.

Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war, tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.

Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit dem Wasser gleich, und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen steuern, damit er sich trocken hielt.

Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende. Er mußte das Tau losmachen und zurückbleiben.

Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.

»Adjüst, Störtebeker!«

»Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!«... »Adjüst, Störtebeker!«... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tid man ne lang duern!«... »Adjüst, Klaus Störtebeker!«... »Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di man keenen Nudelkassen innen Foot!«... »Wauwauwauwau!«... »Jüst, Seemann, fall man ne ober Burd!« Dann rannte ihm der Ewer davon.

Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten, schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder um.

Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?

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