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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Dreizehnter Stremel

Is de Sommer all her? fragen die Frauen, die einander begegnen, denn ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide schwerfällig ebbt. Nach starken nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten werfen kann. Wie der Mond steht sie am Himmel, eine weiße Scheibe ohne Strahlen. Den Dunst vermag sie nicht zu vertreiben.

Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung und erhebt ihre warnende Stimme, um Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft, sich zu erheben. Müde sackt er aufs Wasser. Alle Segel und Schiffe haben etwas Formloses, Gespenstisches.

Wie Herbst ist der Tag.

 

»Stuten! Weu ok Stuten?«

Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr, der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen, die fast größer sind als sie, den Deich entlang und singt vor allen Türen.

»Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und Ginen miteinander verwechselt.

Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Kiepen hin und atmet auf.

»Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt.

Was für schöne Blumen die Gesa doch vor den Fenstern hat, denkt die Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt hat. Sie will sehen, daß sie von den dunklen Blutstropfen einmal einen Ableger bekommt. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat etwas anderes auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten fertig ist, fragt sie teilnehmend: »Diern, is dat wohr mit dien Jungen?«

Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr ween?« fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht.

»Weest du dor noch nix af?«

»Ne, wat schall ik weeten?« stößt Gesa heraus. »Ik weet bloß, wat he gesund un munter an Burd is!«

»Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn ist jo man god!«

»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?«

»Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut, denn kriegst du jo noch wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!«

Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gegangen und in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.

»Schree man ne gliek, mien Diern«, tröstet sie, »is ja bloß Snackeree.«

Aber Gesa hört nicht mehr. Weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit einem lauten Aufschrei vor dem Herd zusammen. Ein starkes Schluchzen erschüttert sie, und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann. Dann sitzt sie mit tränenüberströmtem Gesicht am Tisch.

Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, genau wie sie es geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem Mal, warum ihr Mann nicht mehr zur Elbe finden kann. Dieser grelle Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um seine Fahrt lag: Er kann ihr ohne Jungen nicht unter die Augen treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült worden ist! Ob er nun auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen Störtebeker verloren hat?

Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie zugelassen, daß er mit zur See kam? Warum hat sie eingewilligt? Er war doch noch so klein, und alles in ihr schrie: Es geht nicht gut. Die Mutter, die ihr Kind aufgibt, gibt sich selbst auf: Das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an. Nun hat der kleine Junge im bitteren Salzwasser ertrinken müssen und treibt ruhelos auf dem Meeresgrund zwischen Muscheln und Steinen umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hat sie ihn nicht mehr gesehen, und nun soll sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrücken, kann ihm keine Blumen auf sein Grab pflanzen!

Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren. Stiller geworden, ruhiger, sagt sie sich hundertmal: Nein, nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord, und Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein: Ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht, und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden Fahrensleute!

Aber die Angst weicht nicht aus ihrer Seele. Keine Hoffnung kann sie verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge gesund und munter ist – und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf. Aber wie eine Schlafwandlerin geht sie in diesen Tagen über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt über die Elbe. Sie findet keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme Mutter – wenn er nur wiederkäme! Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus. Sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen, und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre tiefdenkern geworden.

 

Am fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in der Hand und riß ihn so jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte.

Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die Zweifel wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele. In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, so daß sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war krank und wund, und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen.

Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn zur Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe haben. Sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles bereit hatte – es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren –, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger an, der gar nicht wußte, was los war, und es auch nicht herausbekommen konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe und erst am nächsten Abend zurückkomme.

Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagt: Na, was hast du denn vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein, sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden anzusprechen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.

Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen ihr nach.

»Se hett jo man bloß den eenen Jungen«, hieß es dann.

Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde drahten zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht, damit Klaus nicht nach See ging, bevor sie da war. Er sollte nicht wissen, daß sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte sie gewiß bei den anderen Ewern die Wahrheit erfahren.

Der Klapperkasten Courier paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet und setzte sie in St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr zum Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den Pariser nannten.

 

Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und angegriffen in Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste durch. Sie erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser und ging zum Kai hinunter, zum Kai, wo die Fischewer in langer, doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte als an ihren Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes los war; da standen Eisschuppen und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige graue Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen. Was Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich doch nie vergleichen konnte?

Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok mol oberreist?«

Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder rup« rief er ihr noch nach. »Dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is he!«

Die Flagge – sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf der Besan, lustig und fröhlich wie immer. Aber ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte.

Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief aufatmend hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren sauste es, und ihr Herz klopfte schmerzhaft: Sollte sie nicht doch noch umkehren?

In der Kajüte brannte schon Licht; weil die Schienkapp aber halb von der Fock bedeckt war, konnte man vom Kai aus niemanden erkennen.

Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das rautenförmige Türfenster in die helle Kajüte hinein.

Da war der Tisch aufgeklappt, die dampfende Klütjenpfanne stand auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreis herum, hatten die Gabeln in Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus Mewes, groß und breit; da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und erzählte von der großen Hitze im Roten Meer; da saß Hein Mück mit einem Gesicht, das besagte: Un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner vör mi; da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen Klößen. Zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einem fort dazwischen.

Gesa stand reglos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der Geest: Das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr. Dann ist alles dunkel, und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn fest, den Traum...

Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol mokst du de Brotklütjen to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft zu Ende.

»Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um.

 

Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte. Als Klaus Mewes seine Gesa aufgehoben und ins Licht getragen hatte, waren die anderen hinausgeschlichen, um nicht zu stören.

Hein Mück war zum Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden. Er gab kaum noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.

 

Es ging um Störtebeker.

Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach. Die lang unterdrückte und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu werden, da hatte er verspielt. Er mußte einwilligen, daß der Junge mit nach Hause reiste. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden, und es rief ständig in ihm: Du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord. Der gehört zu dir und zu niemand anderem! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen, und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen von Bord gehen und ging auch nicht ohne ihn von Bord.

Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst zum Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht gefügt. Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen sollte, mitzumachen. Aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.

Der schwerste Streek kam: Er mußte es seinem Jungen sagen.

Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un goh ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis.

Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.

Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an seinem Bein auf, als wolle er ihn trösten, aber er wurde es gar nicht gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es zu lassen.

Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn, und bei Kap Horn wollte er nicht schlafen), löste sich der Bann, und er wimmerte die ganze Nacht wie ein wundes Tier, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See nehmen wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet hätte, Gesa oder die Leute könnten es merken, wäre er aufgestanden und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.

In den Wanten brauste der Wind, und schwerer Regen klatschte auf das Deck.

Am anderen Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während seine Mutter schon seine Sachen einpackte. Sie hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte danach.

Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Himmel an, aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch. Im Traum hatte er gesehen, wie Störtebeker sich im letzten Augenblick an die Wanten geklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen. Dann war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder, denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind aufgeheult und ihn geweckt.

Störtebeker half beim Deckschrubben und sprach mit dem Knecht und dem Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht; als sähe er ihn nicht, so tat er.

Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müß di klor moken!« Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.

Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di ropen, Klaus, goh dol«, sagte Klaus Mewes ernst.

Da setzte der Junge die Pütz hin und sah ihn zum erstenmal wieder an. »Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme.

Klaus Mewes nickte ernst.

Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen Spielkameraden, das war ihm zuwider, und er hörte kaum darauf.

Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap Horn. »Hol di man fuchtig«, sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken. Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm die Hand und tröstete: »Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nicht bang wesen! Wi kriegt all nich unsern Willen! Annern Sommer kummst du wedder mit no See!«

Störtebecker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: Das glaubst du ja selbst nicht!

»Adjüs, mien Seemann«, sagte er und streichelte dem Hund das struppige Fell.

»De bringt di noch langs«, rief Klaus Mewes, der sich auch fertig gemacht hatte, um sie zum Bahnhof zu begleiten.

Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt. Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen sehen.

Er sagte aber nichts.

 

Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen hinaus. Die Lokomotive pfiff, und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.

»Adjüst, mien Jung!«

»Adjüst, Vadder, jüst Seemann!«

Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte, bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm, und er legte den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Weil beide allein in dem Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und weich über das sonnenhelle Haar.

 

Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken zu seinem Ewer zurück. Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es war nicht der richtige Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen weißen Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte, und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte einen schweren Streek hinter sich.

Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine Stimme in ihm. Dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus Störtebeker vor der Weser über Bord gegangen und ertrunken ist. Sie haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt.

An dem Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben, als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen.

Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser. Auch er hatte die halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst jetzt so recht.

Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an wie Leute, die kein gutes Gewissen haben, denn sie hatten ihren fröhlichen Maat verraten und verkauft wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen konnten, daß der Junge es weder verwinden noch vergessen würde.

Als das Wetter gegen Abend aufklärte, setzten sie Segel und gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.

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