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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest und betraten englischen Boden. Auf dem Unterland sprach Klaus Mewes eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, und der Schiffer klopfte dem Jungen auf die Schulter und sagte etwas, das Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch. Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die kleinen Ewer und Kutter hinab.

»U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!« rief Störtebeker. Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Er blickte staunend in die schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee getauft haben, und blickten von der Nordklippe der Insel weit über die graue hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber brandete die See in dumpfem Grollen.

Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie zu den Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarz-weißen isländischen Gesellen, in großen Scharen saßen. Andere flogen hin und her und krächzten.

Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein, und Klaus Mewes schrieb einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland und wriggten zum Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?«

»Worum?« lachte Kap Horn. »Worum heurt em Malta un Hongkong un Zypern un Gibraltar un Kapstadt un Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud weurn.«

Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging noch mal mit dem Himmel zu Rate, dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele. Die Fischerei trat wieder in ihr Recht, und alle stürzten an Deck.

Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten die Anker und kreuzten aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt als diesen südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter und hielt wohlgemut an seinem Ruder aus.

Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum Brechen kam es nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte, nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es auch und meisterte die Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache, und Störtebeker ging mit seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn.

Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte. Dwars von Juist klüsten sie, und der Wind war wieder etwas schwächer geworden. Sie nahmen das Reff aus den Segeln und setzten die Kurre aus, nachdem sie den Ewer an den Wind gebracht hatten. Kurrbaum und Kugeln, Klauen und Sprenken wurden zurechtgemacht, dann ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser, mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben aus der See gestiegene Sonne aufs Wasser warf. Störtebeker war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die Kurrleine, daß er beinahe über Bord gegangen wäre, trat Seemann auf den Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte überall dazwischen.

Als die harte Arbeit getan war, die durch die ganze Kraft dreier Männer gerade bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und Knecht gingen schlafen.

Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon wie ein Roß mit dem Pflug und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden aus der See lugte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord und machte sich Gedanken darüber. Aber als Hein Mück, der Wachmann, anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.

»Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote erwecken und Kranke zum Aufstehen bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden, Junge, Junge! Eins, zwei, drei, standen sie an Deck und hievten im Angesicht der Norderneyer Dünen die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallengelassen hatten.

Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des Netzes! »Hiev, hiev!« Wie oft mußte Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er sich beim Abstoppen schinden! Allen dreien lief der Schweiß von der Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß. Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über die Reling.

Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich zu Hunderten versammelt hatten. Lauter aber als Hund und Möwen war Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und rief: »U, watten Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een – den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!«

Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert, der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer, daß sie ihn nicht übers Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn deshalb in die Talje nehmen.

Da hing er über Deck, der wirre, lebendige Klumpen aus Fischen und anderem Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das Steerttau los und sprang beiseite. Die Kurre öffnete sich und quaks-quaks stürzten die Fische schlagend und spritzend an Deck.

Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter. Störtebeker aber geriet gänzlich außer sich. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das war doch etwas anderes, als wenn er Stichlinge fischte oder die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen. Da klapperten und paddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein zerbrochener Topf und ein großer Stein.

Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach Größe gesondert und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie kamen auf acht Stiege großer und zwölf Stiege kleiner Schollen. Störtebeker mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, und die Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte, in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht frisch gehalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und setzten die Kurre wieder aus. Die Fock stieg in die Höhe, der Ewer fiel ab und nahm seeseitigen Kurs.

Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos wie sie erschienen waren, verschwanden sie wieder, um andere fallende Focksegel aufzusuchen.

Der erste Streek war geschafft.

 

Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie machten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische, die lebendig auf den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt über sie. Das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann durchhalten, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter wurde ununterbrochen gefischt. Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war oder wenn Windstille oder Sturm dazwischenkamen.

Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische kein Stückchen wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek aus und fischt tags und nachts, sonntags und alltags.

Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen. Sie fischten ja, sie fischten ja! »Junge, Vadder, dat ist wat, dat mokt Spaß«, versicherte er immer wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderem als von dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen. Er holte sich ein dickes Stück Schwarzbrot aus dem Schapp und aß es, trank Kaffee dazu und war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht bei ihnen segelte niemand. Sie hatten das Feld allein.

Wie im Flug verging die Zeit.

»Is so wiet«, sagte Klaus Mewes. »Nu rop jüm man!« Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp zurück, kletterte die Treppe hinab und grölte so laut er konnte: »Kap Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!«

»Jo«, brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch die Lappen ging, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn aber schwang sich auf die Bank und schalt: »Wat is dat egentlich forn Snack von wegen upstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allens utsungen warrn mutt? Paß mol op, so heet dat:

›Reis ut, quarteer, is mien Verlangen,
reis ut, quarteer, in Gottes Nom!
De een von jo salt Ror verfangen,
reis ut, Quarteer, de Wacht is don,
acht Glosen sünd slon!
Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!‹«

»Junge, dat is jo en ganzen Gesang«, rief Störtebeker, »den kank ne beholen!« Dann rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder eingedusselt war: »Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di ne seggt, du schullst upstohn?«

»Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam flügst«, drohte der Junge mürrisch und erhob sich.

Störtebeker wich nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen lassen, die Fock war gefallen und die Möwen flogen schon wieder über den Masten.

Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer als vorher, so daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen drin. Ihr Seefischer, die ihr ihn auslacht: Erwehrtet ihr euch der Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn ihr die Kurre einzogt? Wenn's auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was ihr zutage gehoben hattet: Kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, daß es auch einmal etwas anderes sein könnte? Der Bauer, der Gerste gesät hat, weiß, daß er nichts anderes ernten kann. Aber der Fischer, der nicht sät (Sehet die Fischer an: Sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor Evers gepredigt), für den ein anderer die Saat bestellt, der unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder beharkt: Was kann der alles ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grund der See. Ein Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes, Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneuert, ist es, die auch dem armseligsten Fischerewer vor allen anderen Schiffen etwas vorausgibt. Und sie ist es, die Fischer werben wird, solange die See nicht zugeschüttet ist.

Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde. Sogar Seemann half: Er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter großem Geknurr.

Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein so schwerer Stein auf das Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen! Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen. Klaus Mewes wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinem Fischer mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden konnte. Störtebeker schrubbte ihn ab und setzte sich darauf, als die Sonne ihn getrocknet hatte.

Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken füllte wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte: Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem Sargassomeer bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so: Als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und konnten nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber angelaufen kam und gerade anfangen wollte zu arbeiten – in die Hände hatte er schon dreimal gespuckt –, wat meent ji woll: Mit einem Mal taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grund der See auf, steckt den Kopf durch das Loch und bleibt drin sitzen. Hans Fink holt ruhig sein Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht nicht einen Tropfen Wasser mehr, so daß sie glücklich in Singapur ankommen, weil Hans Fink so schlau gewesen war.

Gotts den Dünner – was für eine Geschichte. »Minsch, wat kannt angohn«, rief Störtebeker verdutzt, »wie grot is dat Leck denn wesen?«

»Och, so as mien Arm dick is!«

»Son dicke Ool gifft ober nee!«

Kap Horn ließ sich nicht aus dem Kurs bringen. Es wäre eben ein Seeaal gewesen!

»Veel Pund schull de woll wogen hebben?«

»Dor mutt ik um legen, Störtebeker. Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxieren!«

Der Junge kam auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinweg und trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: »Jä, nu segg mi ober mol: Wat hett he denn den Stert afsneen kregen? De seet doch bugenburds?«

Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu finden. Zuletzt rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, indem er tiefsinnig erklärte: »Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em über den Krom snacken.«

Noch viel mehr Geschichten erzählte er, während sie stetig fischten: von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel hielten. Einmal erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die Jackentasche, und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und Bierseidel mit den Worten: »Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek funnen hebb!« Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der Tür:

Jan Wurt
Elbfischer

und sagten, da hätte er schön was gemacht: Das sei Jan Wurts Haus. Und ehe der große Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte, ging die Tür des kleinen Hauses auf, und Jan guckte heraus. Die Groggläser und den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins bei ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Takt, die Musikanten konnten nicht weiterspielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er grölen und schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mußte das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am anderen, hellichten Tag mußte er den Deich entlang und Abbitte vor Jan Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus.

Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte ihn den Kompaß nach der Weise:

West zum Norden, Westnordwest,
unsre Freundschaft stehet fest;
Süd zum Osten, Südsüdost,
deine Liebe ist mein Trost!

Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache er die Fische bange. Dafür aber bastelte er ihm eine Angel für Makrelen und Katzenhaie, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie achteraus. Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, sooft sie Störtebeker auch heraufzog.

Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen wollten. Man to, wi sünd all hungrig!

Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser Streek brachte nur fünf Stiege. Sie segelten deshalb westlicher, bevor sie wieder aussetzten. Hein Mück kam an die Reihe. Störtebeker aber leistete auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er ließ sich von ihm im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch betätigen, die Klöße rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte. Das war etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie paßte er auf, daß kein Segel zu klappern anfing, daß sie immer voll standen, daß er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See ab, daß er keine Havarei machte! Sein Vater hätte ihn sehen müssen!

Als Hein wieder die Wache übernahm, sprachen sie über Ostermoonen und Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und andere Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben und beschwörten Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend herauf, die drei großen Feste, die nun bald kamen.

Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach dem Mittagessen – gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches – an Deck gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der starken Dünung hin und her wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten, und die Schoten schlugen mit den Blöcken.

Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.

Einer schlief einen Stremel, der andere lag auf den Luken, der dritte lief an Deck auf und ab: Sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie nach dem Himmel, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und verzehrte.

»Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind«, rief Kap Horn, aber Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das sollte er seine Großmutter man tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der Kimmung.

Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote nicht weit vom Ewer; mit einem Mal erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk auf und sagte: Eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber gewaltig ausgelacht, denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer einfallen zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete! Störtebeker sagte, er könnte sich darüber totlachen.

Es blieb die ganze Nacht still – erst gegen Morgen kräuselte sich die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.

So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden, oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: »Utscheiden!« Sie hatten zweihundertfünfzig Stiege, der ganze Bünn saß voller Schollen, sie hatten die Reise!

Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen. Er war natürlich für die Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen. Und dann: An der Weser wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl aber an der Elbe.

Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mitfischte. Vergessen waren Krähe und Kaninchen, und die Bungen konnten sich ruhig mit Spinnweben bedecken. Er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.

Mit gefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam Störtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei Jahre zuvor errichteten Rotesand-Feuerturm, den mitten im Meer stehenden, rot-weißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl ebenso spurlos im Meer verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht auf Felsen wie der Turm von Eddystone. Aber Klaus Mewes sagte: Einerlei. Bremen hätte da sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker wunderte sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser hing. Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.

Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten am anderen Morgen ihre Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren nur zu fünft, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen abklopfen mußte. Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem Störtebeker ein großes Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß bekam nur eine Postanweisung über zweihundert Mark und einen kurzen Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß schrieb, während Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des Fischerwirts, denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten ließ.

Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem Brief, den der Seefischer schrieb. Er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er schon nichts mehr davon, er habe große Lust zu der Fischerei und sei immer vergnügt, Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. Heute abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald mit Schollen nach der Elbe. Störtebeker ließe ihr noch sagen, sie solle die Krähe und die Kaninchen nicht vergessen.

Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich aus den Fingern gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andere Dinge im Kopf. Er wollte Bremerhaven sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf den weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit. Sie mußten an Bord und nach See.

Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu Geestemünde. Da wehte es zwei Tage, und nun bekam Störtebeker alles zu sehen, was er sehen wollte.

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