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Seefahrt ist not!

Gorch Fock: Seefahrt ist not! - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleSeefahrt ist not!
authorGorch Fock
year1995
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main und Berlin
isbn3-548-23532-8
titleSeefahrt ist not!
created19991029
modified20161027
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
firstpub1913
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Neunter Stremel

      Der Allmächtige, der Herr der Götter,
vor dem der Engel niederfällt,
Gott redet donnernd aus dem Wetter
und ruft voll Majestät der Welt!
Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,
der Wald ertönt, es bebt die Flur!
Und Blitze sagen's Blitzen wieder:
Gott ist der Herrscher der Natur...

»U, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht in Für un Flammen!«

Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen, Mudder, ik bün so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen ängstlich zusammen.

Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer dunkelblauen, schweren Wolkenwand mit unheilvollen weißen Flecken über der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung; nun es Nacht geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Himmel und brach mit Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken, und der Donner rollte in einem fort, bis manchmal ein scharfer Knall alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und Bangen bei dicht verhängten Fenstern laut betend. Denn die Gewitter sind schwer auf der Elbe, sehr schwer. Sie liegen wie verankert über Finkenwärder und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird. Sie können weder vorwärts noch seitwärts. Wie wirbeln sie da hin und her; wie gefangene Tiere und toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Macht über sie: Die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin. Aber bis es Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.

Licht auf Licht fiel vom Himmel, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch die Bäume, und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte das Haus in seinen Grundfesten.

Gesa saß in der Küche bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die grellen Blitze nicht so scharf sah, und las laut, denn sie war bange vor Gewittern. Sie hatte sich angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie wenigstens etwas retten konnte, wenn es einschlug. Störtebeker blieb liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.

Ein furchtbarer blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender Schlag: Es mußte in der Nähe eingeschlagen haben!

»Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug und drängte ihn in die Küche. Da ging es denn nicht anders, er mußte sich unter Blitz und Donner anziehen; er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel, damit er draußen waten könne, wenn es einschlüge. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, dann konnte er morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!«

»Hürd och mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!«

»Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is«, sagte der Junge schläfrig. »Lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht bit Gewidder ok uppn Bitt, seggt he!«

»Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?«

»Jo, dat is gewiß, Mudder!«

»Wat en Slag!«

»Junge, jo«, sagte Klaus anerkennend, »dat wür en eulichen! Petrus hett alle Negen smeeten bit Kegeln!«

»Junge, lot den droken Snack!«

»Err – hett Vadder ober seggt!«

»Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.«

»De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne Koi un slöppt!«

»Dat gläuf man ne!«

»Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang, Mudder?«

»Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.«

»Wat kann dat angohn: Ik bün gorkeen betjen bang, Mudder!«

»Wennt obers insleit, Klaus?«

»Sleit ne in, Mudder!«

Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: Ji sünd beid veel to driest!«

Du und dien Vadder – das hörte Störtebeker am liebsten.

Das Gewitter stand nun steil über ihnen, und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen«, rief Gesa bei jedem Knall, bis es Störtebeker zuviel wurde.

»Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkenwarder woll all upfluckert wesen«, sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah ruhig in die Blitze. Er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten. »Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut! Heitmann, wat is dat: Inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!«

»Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!«

»An Vadder dink ik jümmerto.« Störtebeker wurde gesprächiger. »Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un de vunnacht pöddert, de kriegt gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward all de Melk sur vunnacht: Morgen möt wi swarten Kaffee drinken!«

Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die Scheiben.

»Schullt woll all Flot wesen?« fragte Störtebeker und holte den Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: »Jo, is Flot! Gott Loff und Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de Wind dor woll achter!«

Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er, er wolle mal nachsehen, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat ungeachtet des mütterlichen Widerspruchs aus der Tür, in den nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine große Pfütze. Am Himmel war nicht viel zu unterscheiden, aber das Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen jetzt im Osten, und der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte zur Elbe und sah zwei dunkle große Segel unweit des Bollwerks: Ein Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick, wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich!

Da wußte er, daß es sein Vater war, und rief, so laut er konnte: »Höh, Vadder! Höh, Vadder!«

Und vom Wasser antwortete es: »Höh, Störtebeker!«

Er stürmte ins Haus: »Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier afward! Kiek man bloß mol ut!«

»Ist wohr, Klaus?«

»Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen, un he hett mi eben antert!« Damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der Schürze über dem Kopf, da war er schon Gott weiß wie weit, da war er schon nach dem Siegelgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen zum Ewer hinaus, dessen rote Seitenlaterne sein Kompaß war. »Vadder, ik komm all!« Die Reise dauerte einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden, dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im Ölzeug steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die Laterne ab, trug sie in die Diele und pustete sie aus, und er legte mit Hand an, als sie das Boot vom Deck setzten. Was kümmerten ihn Regen und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an Bord!

Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf war, konnten sie auch noch Kaffee trinken. Als sie abstießen, Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese schon einige Sterne. Das Gewittergewölk saß über Hamburg. Der Regen hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am Nienstedter Loch lärmten die jungen Möwen, und im Fahrwasser tutete ein Dampfer. Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.

Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa stand in der Tür, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur Blitze gesehen und Regen gehört hatte, wie freute er sich!

Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den Linden in die Arme.

Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte: Da war das Ölzeug, das er gemacht hatte: eine Ölbüx, lang und weit genug, ein Ölrock mit großen blanken Knöpfen, da war ein Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber Störtebeker probierte es doch gleich an, damit er wußte, wie es paßte. Er zog die Hose mit dem Strick zu, ließ sich von dem Knecht die noch steifen Knöpfe zumachen und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf. Er zupfte und riß an dem Zeug herum, endlich war er fertig und ging vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.

»Schipper, wat ist, könnt wie nu anmustern?« rief er übermütig und guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn lachen, als er so freiherrlich dastand.

»So, Vadder, Stebeln und Eultüch hebb ik. Nu kannt no See gohn!«

»Jo, Störtebeker, nu ist so wiet – nu kummst du mit no See!« sagte Klaus Mewes und sah Gesa so bedeutsam an, daß sie fühlte, dagegen gab es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.

Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.

»Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt? Ji hebbt alltohopen hürt: Ik schall mit no See, ik schall mit no See, huroh!« rief der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters mit verstellter, grober Stimme: »Non denn, so wiß: Ik sülbst bün Klaus Störtebeker!« Alle lachten.

Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den Tag, darunter als Hauptstück die große Havarei. Kap Horn aber hob den grauen Kopf und sprang ihm bei: Er sähe kein Unrecht darin, denn der Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die Sache vor ein Seeamt käme, erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und Ruhe. Ein anderer wäre dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um auch etwas zu sagen.

»Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht«, sagte Gesa, in deren Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg. »Denn nimm em hin! Goht hin un verdrinkt alltohopen!« Die Tränen kamen ihr. »Ochott, wat ist en Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di storben: Ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen nehmen!«

Klaus Mewes aber ging es wie dem Wallensteinschen Kürassier: Wo sie die Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt ging er in der Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und Störtebeker schon schlief. Er begriff nicht, daß sie immer wieder nicht mitkonnte, daß sie immer wieder umkehrte auf dem Weg zur Sonne. Er dachte an seinen Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der verschollen war, als er selbst erst vierzehn Jahre alt gewesen war, an seine Stürme und Unwetter – und fand sein Leben doch so groß, stark und schön, daß er sich kein anderes wünschte und auch seinem Jungen kein anderes verschaffen wollte.

Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten immerdar Fischer bleiben.

»Gesa?«

»Wat schall ik noch?«

Sie war müde, körperlich und seelisch.

»Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch? Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?«

»Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?«

Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: Ich bin keine und werde niemals eine werden!

»Noch ne, Gesa, aber du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an Burd! Man to! Denn sünd wie uppen Dutt un brukt nee uppenanner to teuben! Man to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi dat up See is!«

Er faßte sie bei den Händen, aber sie wich seinem Blick aus und schüttelte den Kopf. »Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de Ilw, wat schull dat irrst up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!«

In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kind zu wählen, und wählte den Jungen.

 

Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Neß, sondern ging mit der ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn, der Janmaat, war es zufrieden, daß sie schon abends fuhren, obgleich er dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der Harmonika spielen sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas taugte, sondern er stand jederzeit seinen Mann. Und Störtebeker? Das zu sagen, erübrigt sich. Ihm dauerte dieser Tag schon zu lang, und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch etwas dazwischenkommen und er womöglich wieder abgemustert werden. Nur einem paßte der Kram nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte plenty money in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal preußische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde für allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde wieder nichts draus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme: Sonst hätte er sich mit Trommeln und Pfeifen davongemacht, jawoll, Klaus Mewes!

Gesa war ruhiger geworden. Sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt dastehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung des Fahrzeugs und suchte die Sachen für den Jungen heraus, wobei sie sogar wieder zu ihrer angeborenen Heiterkeit kam.

Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was suchte sie nicht alles zusammen! Es war, wie Klaus scherzend sagte, als wenn Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder eine Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken, Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher, Mützen und Hüte, Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen auf der Diele, gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hieß: Upt Woter ist jümmer kold, und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandleinen, alles gehörte dazu.

Klaus Mewes durchsuchte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen Schinken, eine Seite Speck und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten an, indem er sie von der Leine schnitt.

Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden, die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehzeug mit an Bord haben, auch seine Krähe. Aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: Sie hätten für die Munkis kein Futter und Kluß könne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen. Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder über die Wurt. Er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu sagen: »Du hest mi ober sülben seggt, wat ji up grote Scheep sogar Swien und Kninken an Burd hatt hebbt.«

»Jo, op grote Scheep«, sagte Kap Horn, »dat is ok wat anners!«

»So? Fischereber is ok en grot Schipp«, rief Störtebeker patzig.

Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden, solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über Bord falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den Alten: »Sien Vadder is verrückt: Wat schall dat Gör all up See?«

Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. »Wat schall dat denn?« fragte Störtebeker verwundert.

»Och, nehm man mit! Is god för de Fohrt!«

»Neem to?«

»Kumm, dat segg ik di int Uhr«, raunte der Krämer und flüsterte: »Dor bindst du di de Been mit to, Störtebeker. Du deist de Büx jo doch vull, wenn ji up See sünd.«

Da warf der Junge den Bindfaden auf die Theke und sagte, ihm könne so was nicht passieren.

Sie wurden bis Hochwasser doch nicht ganz fertig und verschoben die Abfahrt deshalb auf den nächsten Tag. Störtebeker mißtraute der Sache, er fürchtete, daß sein Vater ihn übers Ohr hauen wolle, und horchte in der Nacht alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer etwas rege. Als er schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst!

Der andere Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle Brote und Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an Bord. Ein Wunder, daß er sich nicht in Brand lief.

Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an Bord mußten. Der Abschied nahte. Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben. Sie tat es scheinbar ruhig. Er sprang vor Freude, daß es nun wirklich und wahrhaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, nicht zu weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben. Er hätte in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in der Stube lachend Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte, bis sie sich ihm verwirrt entzog.

Der Kahn mußte mit, sagte Störtebeker, sonst gingen die Jungens ihm damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte ihnen in den Häfen ganz gut zupaß kommen.

Adjüst! Adjüst! Adjüst!

Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und bellte zu Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er Adjüst sagen wolle.

Der Ewer entfaltete seine Segel wie ein Schmetterling seine Flügel, der Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, langsam zog es davon und segelte in einem großen Gange westwärts. Gesa winkte noch mal, Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte Kap Horn schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet... Hell klang es zum Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so wehmütig, daß sie, die sich bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mußte.

So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem Gebell von Seemann.

Fahr wohl, Störtebeker!

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