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Sechzehn Jahre in Sibirien

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLeo G. Deutsch
titleSechzehn Jahre in Sibirien
publisherVerlag von J.H.W.Dietz Nachf. G.m.b.H
printrunElftes und zwölftes Tausend
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161103
projectid8b192e49
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I
Reise nach Deutschland. – Verhaftung in Freiburg. Aus der revolutionären Vergangenheit.

Anfang März 1884 reiste ich aus Zürich über Basel nach Freiburg in Baden. Zweck meiner Reise war, eine Partie russischer sozialistischer Schriften, die in der Schweiz gedruckt waren, über die Grenze zu schmuggeln, um sie dann auf geheimen Wegen nach Rußland, wo sie natürlich verboten waren, gelangen zu lassen. In Deutschland herrschte damals das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie; das Zentralorgan der deutschen Arbeiterpartei, der »Sozialdemokrat«, wurde in Zürich hergestellt und mußte gleichfalls über die Grenze geschmuggelt werden. Die Bewachung der Grenze war daher sehr scharf, und das erschwerte auch die Versendung der russischen, polnischen und anderen revolutionären Schriften, die in der Schweiz gedruckt wurden, nach Rußland. Vor dem Erlaß des Ausnahmegesetzes, das heißt bis zum Herbst 1878, war die Prozedur einfach: die Schriften wurden per Post nach einer Stadt in Deutschland nahe der russischen Grenze gesandt und von dort aus auf diesem oder jenem Wege nach Rußland geschafft. Seit jener Zeit aber mußten diese Schriften im Reisegepäck über die deutsche Grenze geführt werden, um der Zollrevision zu entgehen, und wurden alsdann aus einer deutschen Stadt nach der russischen Grenze gesandt. Einen solchen Transport zu besorgen, war ich aufgebrochen.

Mein Reisegepäck bestand aus zwei großen Koffern, die zur Hälfte mit Büchern gefüllt waren, während obenauf Wäsche und Kleider lagen, um die Zollbeamten nicht argwöhnisch zu machen; in dem einen Koffer führte ich Wäsche und Herrenkleider, in dem anderen Damenkleider, die angeblich meiner – in Wirklichkeit nicht existierenden – Gattin gehören sollten. Deshalb war bei der Zollvisitation in Basel auch eine Dame zugegen, die Frau meines Freundes Axelrod aus Zürich. Sie hatte sich sogar erboten, die Koffer weiter zu transportieren, weil sie, im Falle die Polizei Verdacht schöpfen sollte, sich geringerer Gefahr aussetzte als ich. Da aber die Zollvisitation glatt abgelaufen war und ich nicht daran glauben wollte, daß weiterhin irgendwelche Schwierigkeiten entstehen könnten, lehnte ich dieses Anerbieten ab.

Außer Frau Axelrod hatte mich ein Baseler, der Sozialist G., zur Bahn begleitet, der mich auch mit Informationen versehen hatte, wie ich weiterhin mit meiner gefährlichen Sendung verfahren sollte, er war in diesen Sachen ziemlich beschlagen und hatte schon manchen Transport geleitet. Noch vor einigen Tagen war er auf meine Empfehlung hin mit einem mir bekannten Polen namens Jablonski nach Freiburg gereist, von wo aus sie gemeinsam einen Posten polnischer Schriften versendet hatten.

Beim Abschied empfahl mir G. einen billigen Gasthof in Freiburg, in nächster Nähe des Bahnhofs, und guter Dinge stieg ich in einen Wagen dritter Klasse.

Es war ein Sonntag, und der Wagen war von Ausflüglern in ausgelassener Sonntagsstimmung dicht besetzt. Lieder wurden angestimmt, und ungezwungenes Geplauder erfüllte den Raum. Der Schaffner war – wie damals sehr oft auf den deutschen Bahnen, ob es heute noch so ist, weiß ich nicht – ein recht grober und aufgeblasener Patron. Da er bemerkte, daß ich rauchte, schnauzte er mich sofort mit allem Diensteifer an, es sei ein Nichtraucherwagen. Ich entgegnete ihm höflich, ich hätte die Aufschrift nicht bemerkt, warf meine Zigarette fort und erklärte, ich werde nicht rauchen, da ich nicht weit reise. Der Mann bestand trotzdem in aufdringlicher Weise darauf, daß ich den Wagen wechsle. »Ein schlechtes Omen,« fuhr es mir, wie ich mich heute noch erinnere, bei dieser Geschichte durch den Sinn. Ich war schlecht gelaunt, fühlte mich unbehaglich, gereizt. Dabei war das Wetter schauderhaft, kalter Regen rieselte herab, und das wirkte mir auf die Nerven.

Der Zug setzte sich in Bewegung, und ehe ich mich dessen über meinen griesgrämigen Grübeleien versah, waren wir in Freiburg. Es war gegen 7 oder 8 Uhr abends. Auf dem Perron angelangt, suchte ich den Hausdiener des »Freiburger Hofes« und übergab ihm mein Handgepäck und den Gepäckschein. Er bemerkte sofort das in dem Scheine verzeichnete bedeutende Gewicht der Koffer und drückte seine Verwunderung darüber aus. Um etwaigem Argwohn vorzubeugen, erklärte ich ihm in aller Ruhe, ich führte viele Lehrbücher mit, da ich Student sei und an der Universität in Freiburg studieren wolle.

Der Gasthof war bald erreicht und ein Zimmer gefunden, worauf ich mich in das Restaurant begab, um das Abendessen zu nehmen. Als ich am Büfett vorbeiging, sah ich den Hausdiener eifrig mit einem anderen Manne, augenscheinlich dem Hotelier, flüstern. Kaum hatte ich gegessen, als mir der Kellner das Meldebuch präsentierte. Da ich einen russischen Reisepaß bei mir führte, den mir ein Freund zur Verfügung gestellt hatte, schrieb ich ohne weiteres den Namen »Alexander Buligin aus Moskau« ein.

Ich bestellte darauf Schreibzeug und begab mich auf mein Zimmer. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, als angeklopft wurde. Auf mein »Herein!« erschien an Stelle des Dieners mit dem Schreibzeug, den ich erwartet hatte, ein Schutzmann in Begleitung eines Herrn in Zivil.

»Ich bin Beamter der Geheimpolizei,« stellte sich der letztere vor. »Gestatten Sie, daß ich nachsehe, was Sie in Ihren Koffern haben.«

»Da Freiburg in der Nähe der Grenze liegt, so wittert die Polizei, der der Hoteldiener die Ankunft eines jungen Menschen mit auffallend schweren Koffern gemeldet hat, Konterbande, oder gar man hält mich für einen Anarchisten und glaubt, ich führe Dynamit mit mir,« fuhr es mir durch den Sinn. Ich suchte also eine möglichst harmlose Miene aufzusetzen, obgleich ich fühlte, daß die Sache schief ging. Mit dem Öffnen der Koffer beschäftigt, ließ ich wie von ungefähr die Bemerkung fallen, daß der eine die Garderobe meiner Frau enthalte, die ebenfalls hier eintreffen werde.

Kaum hatten sich die Herren über den Koffer hergemacht, wußte ich schon, daß meine Annahme in bezug auf Konterbande falsch war: der Beamte fahndete offenbar weder auf Konterbande noch auf Dynamit, sondern gerade auf Bücher, denn er begann sofort diese zu mustern. Ich schloß daraus, daß man bei mir deutsche sozialdemokratische Schriften suche. Destomehr war ich verblüfft, als der Polizist beim Anblick eines kleinen Buches in rotem Umschlage triumphierend rief: »Da haben wir's ja!«

Es war das der »Kalender der Narodnaja Wolja«, ein Buch, das vor Jahresfrist erschienen war und offen in den Buchhandlungen Deutschlands verkauft wurde.

»Jetzt muß ich eine körperliche Visitation an Ihnen vornehmen,« erklärte mir der Geheimagent.

Außer einem Notizbuch, einem Brief und einer Brieftasche mit einigen Hundertmarkscheinen fand sich in meinen Taschen noch ein Dutzend Nummern des Züricher »Sozialdemokrat«, die ich mitgenommen hatte, um sie einem russischen Freunde in Deutschland zu senden.

»Na, das kann man wenigstens lesen!« erklärte hocherfreut der »Geheime«, als er den Titel gesehen. »Jetzt verhafte ich Sie!«

»Wieso, warum?« fragte ich betroffen.

»Das werden Sie schon erfahren; kommen Sie mit!« war die Antwort.

Das Vorgehen der Beamten war in jeder Hinsicht sonderbar: von Erfüllung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der persönlichen Sicherheit war keine Rede; die Durchsuchung wurde vorgenommen, ohne daß ein richterlicher Befehl vorlag, Zeugen waren nicht zur Stelle, ein Protokoll über das Ergebnis der Durchsuchung wurde nicht aufgesetzt. Schließlich mußte ich selber darauf dringen, daß die Beamten wenigstens in meiner Anwesenheit das Geld nachzählten, das sich in der beschlagnahmten Brieftasche befand, obgleich das natürlich eine recht ungenügende Garantie für die Sicherheit meines Eigentums war.

Als ich nun als Gefangener zwischen den beiden Schutzengeln die Treppe hinabstieg, kam uns eine junge Dame mit einer kleinen Reisetasche in der Hand entgegen. Der Beamte fragte mich, ob dies etwa meine Frau sei? Trotz meiner verneinenden Antwort, versuchte er die Dame anzuhalten. Sie mochte glauben, es mit einem Don Juan zu tun zu haben, und floh unter lautem Geschrei auf die Straße. Der Geheimagent gab nun dem Schutzmann den Befehl, mich weiterzuführen, und lief der Unbekannten nach.

Der Schutzmann versuchte nun, mich am Arm zu fassen und so über die Straßen zu führen, doch widersetzte ich mich schroff einer derartigen Behandlung, indem ich erklärte, ich hätte kein Verbrechen begangen, und es liege für ihn keine Berechtigung vor, in dieser Weise mit mir umzugehen.

So gelangten wir in das Freiburger Untersuchungsgefängnis. Hier wurde ich abermals einer körperlichen Visitation unterzogen, und ein Beamter richtete jetzt, zum erstenmal seit meiner Verhaftung, an mich die Frage nach meinen Personalien. Bald erschien auch der Geheimagent und führte die Dame herein, die laut weinte, ihre absolute Unschuld beteuerte und in höchster Aufregung unter lautem Geschrei Aufklärung verlangte, weshalb man ihr diese Schmach antue. Nach all den vorangegangenen Erlebnissen seit meiner Ankunft in Freiburg setzte mich die Szene in die höchste Erregung.

»Was ist denn das?« herrschte ich den Beamten an. »Wie können Sie sich unterstehen, die Dame zu belästigen? Ich wiederhole nochmals, ich kenne sie nicht, es ist nicht meine Frau, ich habe sie nie im Leben gesehen.«

»Nun, das wird sich zeigen, das ist meine Sache! Es geht Sie gar nichts an, wen wir verhaften!«

»Nette Zustände! Ganz wie bei uns in Rußland,« dachte ich. Darauf wurde mir befohlen, einem Wächter zu folgen, der mich in das erste Stockwerk begleitete.

Kreischend flog das Schloß einer Zellentür auf: ich befand mich im großherzoglichen badischen Gefängnis! Die Zelle war, nachdem der Wärter mit der Laterne sich entfernt, vollkommen finster, und absolute Stille umgab mich. Mangel an Licht, sowohl in den Zellen als auf den Gängen, gehörte hier zur Hausordnung.

Ich orientierte mich, so gut es ging, indem ich tastend die Wände entlang schlich, fand ein Bett und warf mich angekleidet nieder. Meine Sinne tobten chaotisch durcheinander; ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, vermochte mir keine Rechenschaft über das Geschehene zu geben. Das Schicksal brach über mir zusammen, meine Kraft war gelähmt. Wüste Träume ließen mich die ganze Nacht nicht zur Ruhe kommen; fortwährend fuhr ich aus dem Schlummer auf, nicht imstande, mir klar zu machen, wo ich war und was mit mir vorgeht. Als ich endlich mit äußerster Willensanstrengung so weit war, meine Lage einigermaßen klar zu überlegen, erfaßte mich Verzweiflung: Die Auslieferung nach Rußland stand mir bevor, das war im ersten Augenblick die feste Sicherheit für mich! Zwar bestand damals kein Auslieferungsvertrag zwischen Rußland und Deutschland in bezug auf politische Flüchtlinge, Ein solcher Vertrag wurde erst im Herbst 1885 geschlossen. doch hatte ich Gründe, anzunehmen, daß man mich ausliefern würde. – Um dem Leser klar zu machen, was das für mich bedeutete, muß ich einiges aus meiner Vergangenheit mitteilen.

*

Genau zehn Jahre vor den geschilderten Vorgängen – im Jahre 1874 – hatte ich mich, damals ein Jüngling von neunzehn Jahren, der sogenannten »propagandistischen Bewegung« angeschlossen, die zu jener Zeit einen bedeutenden Teil der studierenden Jugend in allen Gegenden Rußlands erfaßt hatte. Wie die meisten der jugendlichen »Propagandisten« war ich hierbei geleitet von unendlichem Mitleid für die Leiden und Entbehrungen des Volkes. Nach unseren Anschauungen war es heilige Pflicht eines jeden ehrlichen und konsequenten Menschen, der sein Vaterland wirklich liebte, alle Kräfte in den Dienst der Befreiung des Volkes von dem wirtschaftlichen Drucke, der Versklavung, der Barbarei, in der es gehalten werde, zu stellen. Die Jugend, die stets des lebhaftesten Mitgefühls mit dem Unglück anderer fähig ist, konnte nicht gleichgültig bleiben angesichts der trostlosen Lage, in welcher sich der kurz vorher von der Leibeigenschaft befreite Bauer befand. Als einziges Mittel, die bestehende elende materielle Lage und den ganzen auf dem Volke lastenden Druck zu beseitigen, erschien den »Propagandisten« die soziale Umwälzung in Rußland; der Lehre der Sozialisten Westeuropas folgend, stellten sie sich als Ziel die Abschaffung des Privateigentums an Boden und den Produktionsmitteln und die Überführung derselben in Kollektivbesitz. Die »Propagandisten« waren fest überzeugt, das Volk würde ohne weiteres ihre Ideen und Bestrebungen erfassen und auf den ersten Appell sich ihnen anschließen. Dieser Glaube erzeugte unendliche Begeisterung, spornte zu schrankenloser Aufopferung für die einmal erfaßte Idee an. Die jungen Männer und Mädchen zögerten keinen Augenblick, ihrer bevorzugten sozialen Lage, der gesicherten Zukunft, die jedem von ihnen innerhalb der bestehenden Ordnung winkte, zu entsagen; ohne jedes Bedenken verließen sie die Lehranstalten, zerrissen rücksichtslos jegliche Familienbande, schlugen ihr persönliches Schicksal in die Schanze, um nur der Idee zu leben, um sich rückhaltlos dieser Idee zu opfern, um alle Kräfte und Mittel der heiligen Sache des Volkes dienstbar zu machen. Jedes persönliche Opfer schien diesen jugendlichen Kämpfern nicht einmal der Rede wert, wo es sich um die große Sache handelte. Die gemeinsamen Ideale, das gemeinsame Ziel und der allen eigene Enthusiasmus ließen die »Propagandisten« zu einer einzigen, mit allen Herzensbanden zusammenhängenden Familie werden. Es bildete sich ein wahrhaft brüderliches, herzliches und intimes Verhältnis zwischen allen diesen Leuten heraus, vollendeter Altruismus beherrschte sie, und einer war für den anderen zu jedem Opfer bereit. – Nur in den großen geschichtlichen Momenten, zur Zeit des Martyriums der ersten Christen und der Verfolgung religiöser Sekten, mögen unter den Proselyten derartige persönliche Beziehungen und derartige gehobene Stimmungen geherrscht haben. Der Leser, der sich für diese Periode der russischen revolutionären Bewegung eingehender interessiert, findet Näheres in dem Werke des Professors Thun: »Die Geschichte der revolutionären Bewegung in Rußland«, und Stepnjak, »Das unterirdische Rußland«. Jedoch auch in dieser erlesenen Schar fanden sich, wie das ja überall bei solchen Bewegungen der Fall war, einzelne, die der Strömung nicht gewachsen waren; es fanden sich in ihrer Mitte einige Kleinmütige und selbst solche, die zu Verrätern wurden. Freilich waren es verschwindend wenige. Aber die Geschichte revolutionärer Bewegungen beweist zur Genüge, daß Hunderte der geschicktesten geheimen und öffentlichen Agenten der Regierungen einer im geheimen wirkenden Partei niemals so viel Schaden zufügen können, als ein einziger Verräter aus den eigenen Reihen. – So sollte auch den russischen »Propagandisten« der Verrat verhängnisvoll werden. Ja das Auftauchen von Verrätern gab der Bewegung einen Charakter, den sie sonst wohl niemals erhalten hätte.

Kaum waren im Frühjahr 1874 die jungen Leute, ihrem Plane folgend, an die Arbeit gegangen, indem sie sich als Bauern verkleidet in die Dörfer begaben, um dort für die sozialistischen Ideen zu wirken, als auch schon die Verräter sich bemerkbar machten: zwei oder drei der Eingeweihten denunzierten den Plan und lieferten Hunderte von Leuten den Behörden aus. – Massenhaft fanden Haussuchungen und Verhaftungen statt; die Gendarmen stürzten sich auf Schuldige und Unschuldige; alle Kerker in Rußland waren alsbald überfüllt. In dem einen Jahre wurden über tausend Personen verhaftet. Viele von ihnen erduldeten jahrelang dauernde Einkerkerung unter den furchtbarsten Umständen; manche nahmen sich das Leben, andere verloren den Verstand; viele wurden infolge der Verhaftungen krank und starben vorzeitig.

Man wird es verstehen, welcher grimme Haß unter diesen Verhältnissen in den Reihen der Sozialisten gegen die Verräter, denen so viele Menschenleben zum Opfer gefallen waren, entbrennen mußte. Das namenlose Unglück der Freunde mußte zur Rache reizen; es mußte mit Notwendigkeit der Gedanke auftauchen, die Verräter zu strafen, durch Einschüchterung denselben das Handwerk zu legen. Zunächst jedoch blieb es bei der theoretischen Erwägung derartiger Pläne; es wurde den »Propagandisten«, die sonst äußerst friedliche Menschen waren, wahrhaftig nicht leicht, dem Gedanken die Tat folgen zu lassen. Erst im Sommer 1876 fand der erste Versuch statt, die Einschüchterungstheorie zu verwirklichen. Die näheren Umstände dabei waren folgende:

In Elisawetgrad hatten sich zeitweilig die Mitglieder der damals bekannten revolutionären Gruppe »Kiewer Buntari« »Bunt« bedeutet gleichzeitig Aufstand, Revolte. »Buntari« wäre also mit Verschwörer, in der Tat »Aufwiegler« zu übersetzen. Die Organisation stellte sich die Aufgabe, Bauernrevolten zu organisieren. versammelt; auch ich gehörte jener Organisation an. Viele der Mitglieder waren »illegal« Als »Illegale« werden in der Sprache der russischen Revolutionäre diejenigen bezeichnet, die bereits auf irgendeine Weise den Behörden als Revolutionäre verdächtig sind, und die daher sich unter falschem Namen verbergen. Anmerkungen des Übersetzers., und auf einige von diesen wurde seit langer Zeit von der Gendarmerie gefahndet, weil ein Verräter namens Gorinowitsch sie angezeigt hatte. Dieser Gorinowitsch war im Jahre 1874 verhaftet worden und schwebte damals in großer Gefahr; er suchte sich zu retten, indem er alles, was er über die Sozialisten wußte, aussagte, und es gelang ihm in der Tat, auf diese Weise sich zu befreien; seine Aussagen hatten sehr vielen geschadet. Es wäre wohl diesem Renegaten ebensowenig ein Haar gekrümmt worden wie so vielen anderen, wenn er fortan die Kreise der Revolutionäre gemieden hätte. Aber ungefähr zwei Jahre nach seiner Entlassung aus der Haft suchte er von neuem sich in diese Kreise einzuschleichen. Er machte sich an einige unerfahrene junge Leute heran, die natürlich keine Ahnung hatten von der Rolle, die er gespielt, und von diesen erfuhr er, daß die Kiewer Organisation sich in Elisawetgrad befinde; er begab sich also dahin und suchte diejenigen Personen zu ermitteln, die er verraten hatte. Doch wurde er von uns erkannt, und wir mußten natürlich zu dem Schlusse kommen, daß er einen neuen Verrat plane. Da beschloß ich mit noch einem Genossen, ihn umzubringen.

In Elisawetgrad selbst durfte die Tat nicht vollbracht werden, weil die Polizei sonst leicht der Organisation auf die Spur kommen konnte. Wir überredeten daher Gorinowitsch, mit uns nach Odessa zu reisen, wo er die Gesuchten finden würde, und er willigte ein. Der Plan war, daß mein Freund auf einem abgelegenen Platze in Odessa den Verräter niedermachen sollte, worauf wir, um die Leiche unkenntlich zu machen, das Gesicht mit Schwefelsäure übergießen wollten. Es kam jedoch so, daß wir den Bewußtlosen für tot hielten. Furchtbar zugerichtet blieb er am Leben und gab der Polizei Auskunft über das gegen ihn verübte Attentat. Verhaftungen und Untersuchungen folgten auf dem Fuße. Mir gelang es damals, mich zu verbergen. Aber im Herbste des nächsten Jahres wurde ich mit anderen Genossen verhaftet; es handelte sich damals um den bekannten »Tschigirinschen Prozeß«. Die Bauern des Kreises Tschigirin im Kiewer Gouvernement wollten bei der Befreiung das ihnen zugeteilte Land nicht in Privatbesitz übernehmen, sondern sie wollten das Gemeindeeigentum am Boden, wie es im Norden bestand. Die Regierung ergriff im Jahre 1875 drakonische Maßregeln: Exekutionen, Dragonaden, Verfolgungen aller Art; die Bauern blieben fest. Die Revolutionäre, unter anderen Stefanowitsch Bochanowski und ich, beschlossen daher, einen Aufstand unter den Tschigirinern zu organisieren. Unsere Pläne scheiterten, wir wurden verhaftet, und es wurde der Tschigirinsche Prozeß angezettelt. Ich wurde in Kiew eingekerkert, doch gelang es mir, im Frühjahr 1876 gemeinsam mit Stefanowitsch und Bochanowski zu entfliehen.

Den wegen des Attentats gegen Gorinowitsch Angeklagten wurde der Prozeß erst im Dezember 1879 gemacht, zu einer Zeit, wo bereits der rote wie der weiße Terrorismus aufgelodert war. Nach einer ganzen Reihe von Attentaten gegen verschiedene Repräsentanten der Staatsgewalt hatten die Revolutionäre zu jener Zeit ihre ganze Kraft darauf konzentriert, Alexander II. umzubringen. Die terroristische Bewegung bekämpfte die Regierung durch Ausnahmegesetze, Kriegsgerichte und Todesurteile, wobei eine große Anzahl von Leuten hingerichtet wurde, die absolut keinen Anteil an jenen Taten hatten. – Einige Tage vor Beginn des Prozesses in Sachen des Attentats gegen Gorinowitsch, nachdem den Angeklagten bereits die Anklage bekannt gemacht worden war, die sie mit relativ gelinden Strafen bedrohte, hatten die Terroristen am 19. November auf der Moskauer Linie einen Zug in die Luft gesprengt, in dem man den Zaren vermutete. Die Regierung beschloß, hierfür an den des Anschlags gegen Gorinowitsch Angeklagten Rache zu nehmen. Von diesen Angeklagten war nur ein einziger direkt an der Tat beteiligt, und alle waren sie bereits zwei oder drei Jahre vor Beginn der terroristischen Bewegung verhaftet worden; sie konnten also unter keinen Umständen für diese Bewegung verantwortlich gemacht werden. Trotzdem wurde beschlossen, durch ein grausames Urteil ein »Exempel zu statuieren«. – Drei der Angeklagten, Drebjasgin, Malinka und Maidanski, wurden zum Tode durch den Strang verurteilt und am 3. Dezember hingerichtet; zwei, Kostjurin und Jankowski, zu Zwangsarbeit verurteilt und der Verräter Krajew freigesprochen.

Hätten mich diese Richter in ihre Gewalt bekommen, mein Schicksal wäre besiegelt gewesen. Ich war jedoch zu Beginn des Jahres 1880 nach dem Auslande geflüchtet und hatte mich bis zur Zeit des beschriebenen Vorgangs in Freiburg in der Schweiz aufgehalten.

Hiernach dürfte es klar sein, welche Stimmung mich bei dem Gedanken an die Auslieferung nach Rußland befiel.

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