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Sechzehn Jahre in Sibirien

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien - Kapitel 37
Quellenangabe
authorLeo G. Deutsch
titleSechzehn Jahre in Sibirien
publisherVerlag von J.H.W.Dietz Nachf. G.m.b.H
printrunElftes und zwölftes Tausend
year1921
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XXXIII
Ein rätselhaftes Denkmal. Meine Abreise. – Das leben in der Stretjensk. Meine Übersiedelung nach Blagoweschtschensk. Chinesenmord.

Während meines Aufenthaltes in Nischnaja Kara hatte ich Gelegenheit, an einer kleinen Expedition teilzunehmen, deren Zweck war, ein altertümliches Denkmal aufzusuchen. Einer unserer Genossen namens Kusnezoff, der seiner archäologischen Forschungen halber eine in Sibirien ziemlich bekannte Persönlichkeit war, hatte sich, da wir weit auseinander wohnten, in dieser Angelegenheit schriftlich an mich gewandt. Den Angaben verschiedener Personen nach befand sich in der Nähe von Kara ein in einen Felsen gehauenes Denkmal, das mit altertümlichen roten Schriftzeichen bedeckt sein sollte. In den »Abhandlungen der Geographischen Gesellschaft in Irkutsk« war dieses Denkmal schon vor langer Zeit erwähnt, aber noch von niemand ausführlich beschrieben worden. Kusnezoff ersuchte mich, diesen Felsen aufzusuchen und die Schriftzeichen getreulich zu kopieren.

Ich und noch zwei Genossen nahmen diesen Auftrag gern an; wir machten uns im Frühling zeitig aus die Suche, den sehr mangelhaften Fingerzeigen, die wir erhalten, folgend. Wir kannten nur ungefähr die Richtung und Entfernung; es sollte an den Ufern des Bitschugflusses, etwa 35 Werst von Nischnaja Kara sein. Da es keinen Weg dahin gab, mußten wir zu Fuß eine sehr sumpfige Gegend durchwandern und das Pferd, das mit Lebensmitteln und den auf der Reise nötigen Sachen beladen war, am Zügel führen.

In der Morgendämmerung waren wir aufgebrochen und kamen erst gegen Abend an den Fluß, wo wir unser Nachtlager aufschlugen. Am anderen Tage begannen wir unsere Nachforschungen und setzten sie am dritten Tage fort, aber unsere Mühe war erfolglos, nirgends war ein Denkmal zu finden, und wir waren gezwungen, unverrichteter Sache umzukehren. Noch lange Zeit nachher erkundigte ich mich bei den ortsangesessenen Einwohnern, unter denen es viele Jäger gab, nach dem Steine und versprach demjenigen, der mich hinführen würde, eine Belohnung. Endlich, nach fast zwei Jahren, hörte ich, daß zwei Bauern aus dem benachbarten Dorfe ein ähnliches Denkmal gesehen hätten. Die Nachricht erwies sich als richtig, das Denkmal mit den roten Zeichen war entdeckt und ein mir wohlbekannter Goldgräber unternahm es, mich hinzubringen, diesmal zu Schlitten, denn es war zur Winterszeit. Der Felsen, den wir suchten, war nicht weit von dem Platze entfernt, wo wir uns in der Nacht gelagert hatten, aber das Dickicht des Waldes hatte ihn vor unseren Augen verborgen.

Das Denkmal stammt unbedingt aus sehr alter Zeit; es besteht aus einer senkrecht in den Felsen gehauenen glatten Wand, an der mit einer roten Farbe Zeichen aufgetragen sind; dieselben sehen aus wie Striche oder Figürchen, die an Marterhöhlen erinnern. Ein Teil dieser Zeichen war augenscheinlich verwittert, aber im ganzen waren sie ziemlich gut erhalten, was sich dadurch erklären läßt, daß die Wand mit den Zeichen von einem überhängenden Felsen gegen die Unbill der Witterung geschützt wurde.

Wir zeichneten das Denkmal möglichst getreu ab; nach einiger Zeit machte auch ein Photograph, der Kara besuchte, eine Aufnahme von dem Felsen und von den gemalten Zeichen. Alle diese Aufnahmen schickte ich nebst einer umständlichen Beschreibung Kusnezoff; es ist mir nicht bekannt geworden, ob er den Sinn der wunderlichen Zeichen herausgefunden hat.

*

Die Änderung, die sich in meiner wirtschaftlichen Lage vollzog, als ich infolge der auch auf mich angewandten beiden kaiserlichen Manifeste nicht mehr »Zwangskolonist« war, hatte nur insofern eine Bedeutung für meine fernere Lage, als mir dadurch das Recht genommen war, irgendeinen Zuschuß aus der Staatskasse zu beziehen. Von nun an war ich für meinen Unterhalt ganz auf mich selbst angewiesen. Diese Aufgabe war aber nicht leicht, denn die Einwohnerzahl von Kara nahm stetig ab; unter anderen war auch die Familie fortgezogen, in der ich den Kindern mehrere Jahre hindurch Unterricht erteilte, und eine andere Beschäftigung war absolut nicht zu finden. Meine Angehörigen schickten mir auch nichts, deshalb war meine Lage im höchsten Grade mißlich; ich bekam eine Menge Schulden und konnte von niemand Hilfe erwarten.

Da begannen die Arbeiten beim Bau der Eisenbahn in der »Staniza« Dorfansiedelung von Kosaken. von Stretjensk, die etwa hundert Werst von Kara entfernt ist. Ich beschloß, dorthin zu gehen, und als mir der Gouverneur die nötige Erlaubnis erteilt hatte, verließ ich Kara am 20. Mai 1897.

Am Ufer des großen, schiffbaren Schilkaflusses gelegen, bot die »Staniza« von Stretjensk zu jener Zeit ein sehr bewegtes Bild. Die Einwohnerzahl war auf vier- bis fünftausend gestiegen; es gab dort einige ansehnliche Läden, verschiedene Handelsgeschäfte usw. Außer den Kosaken bildeten die Juden den Hauptteil der Einwohnerschaft; der Eisenbahnbau aber hatte verschiedene Entrepreneure, Beamte und Leute der verschiedensten Professionen herbeigezogen. Daher bekam Stretjensk mehr den Charakter einer lebhaften Kreisstadt als einer Staniza.

Eine verhältnismäßig sehr gute Beschäftigung hatte ich bald bei der Eisenbahn gefunden; ich konzipierte die vielerlei »Reskripte«, »Bekanntmachungen« und »Vorschriften« und schrieb ähnliche ab. Aber die Sehnsucht nahm mich in Stretjensk fast noch mehr gefangen als in Kara. Der Grund hiervon war die ganze Lebensweise der lebhaften Staniza und im besonderen der völlige Mangel an passender Gesellschaft. In Kara hatte ich einige Genossen, mit denen ich über das, was mich interessierte, sprechen konnte; in Stretjensk dagegen kannte ich zwar die Einwohner bald alle dem Namen nach, aber ich fand keinen einzigen unter ihnen, mit dem sich über etwas anderes als die alltäglichsten Dinge reden ließ. Das häufigste, wenn nicht das einzige Thema war überall »das Geld«. Das mit dem Bau der Eisenbahn ins Land geströmte Kapital hatte eine unglaubliche Gier und das Verlangen, schnell reich zu werden, in den Einwohnern geweckt. Es gab viele, die vor nichts zurückscheuten, um nur dies Ziel zu erreichen. In kurzer Zeit wurden oft große Vermögen gemacht. Betrug, Fälschungen und Bestechungen waren an der Tagesordnung, und die in Rußland überhaupt und in Sibirien noch besonders herrschende Willkür der Beamten trug in hohem Maße dazu bei, die Sittlichkeit bei der Bevölkerung ganz ins Wanken zu bringen. Schnaps und Kartenspiel waren die einzigen Unterhaltungen. In der mehrere tausend Seelen zählenden Staniza gab es nicht einmal eine Schule für die Kinder der Nichtkosaken, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachten. Als ich notgedrungen in Verbindung mit der dortigen »Gesellschaft« trat, sah ich, daß ich in eine mir ganz fremde Welt geraten war. Erst da begriff ich den Sinn, der in den Worten liegt: »Das Milieu hat ihn zugrunde gerichtet.« Es ist tatsächlich kaum möglich, daß ein junger, intelligenter Mensch in einer solchen Atmosphäre nicht zum Säufer oder zum Kartenspieler wird.

In Stretjensk hatte ich mehr Bewegungsfreiheit als in Kara und konnte größere Ausflüge unternehmen. Während der zwei Jahre, die ich hier zubrachte, bin ich oft sehr weit und nach verschiedenen Richtungen gekommen. Auf diesen Ausflügen lernte ich die örtlichen Verhältnisse in mancher Hinsicht genau kennen und konnte mir das Leben Sibiriens viel besser erklären, als es durch bloße Lektüre möglich gewesen war.

Aus einer dieser Reisen traf ich im Frühjahr des Jahres 1899 mit einem Gesinnungsgenossen zusammen, der auf administrativem Wege verschickt worden war. Es war der erste, vor kurzem aus Rußland gekommene Sozialdemokrat, den ich sah. Man kann sich wohl meine Freude über dieses Zusammentreffen vorstellen. Wir verplauderten fast eine ganze Nacht. Von ihm erfuhr ich zum erstenmal, wie groß die Ausdehnung war, die die in den neunziger Jahren in Rußland erstandene Arbeiterbewegung gewonnen, und wie schnell die sozialdemokratischen Ideen bei uns um sich griffen. Einen besonderen Eindruck aber riefen seine Berichte über die Bewegung unter den jüdischen Arbeitermassen in den westlichen Provinzen bei mir hervor.

Unter dem Einfluß dieser Erzählungen erwachte der Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, mit doppelter Macht. Bis dahin war er kräftig von mir niedergehalten worden und schlummerte tief auf dem Grunde der Seele. Jetzt brach er sich wieder Bahn. Aber wie konnte er erfüllt werden? Diese Frage war schwer zu beantworten. Ich war damals schon vierzehn Jahre in Sibirien, und seit meiner Verhaftung in Freiburg waren volle fünfzehn Jahre vergangen. Infolge der Manifeste konnte ich nach sieben Jahren in die Heimat zurückkehren, und das Zusammentreffen verschiedener glücklicher Umstände konnte diese Zeit noch verkürzen. Aber wer garantierte mir, daß ich dann noch leben und das gesetzmäßige Recht haben würde, um nach Rußland zurückkehren zu können? Es war mir fast unmöglich, in Stretjensk zu bleiben, und ich beschloß, weiter nach Osten zu gehen, nach Blagoweschtschensk, einer Stadt, die am Amur liegt. Nach vielen Bemühungen gelang es mir, die Erlaubnis zur Übersiedelung zu erlangen, und im Herbst 1899 zog ich in die verhältnismäßig große Stadt.

In Blagoweschtschensk konnte ich mich besser einrichten als in Stretjensk; ich fand Beschäftigung bei einem der beiden dort erscheinenden Blätter, und diese Arbeit war zweifellos interessanter, als das Komponieren von verschiedenen »Reskripten« und »Vorschriften«; der Gesellschaftskreis sagte mir auch zu, denn es gab in Blagoweschtschensk viele gebildete Leute, und außerdem fand ich dort mehrere Genossen, auch politisch Verschickte. Die Stadt hatte Schulen, eine öffentliche Bibliothek, ein Theater, Telephone, kurz, was die äußere »Kultur« anbetrifft, stand Blagoweschtschensk nicht hinter ähnlich großen Städten des europäischen Rußland zurück.

*

Gerade zur Zeit meiner Anwesenheit ist Blagoweschtschensk durch die Niedermetzelungen einiger Tausend friedlicher Chinesen berüchtigt geworden. Ich kam ungefähr ein Jahr vorher in die Stadt und war daher unfreiwilliger Zeuge dieser Greuel, über die die russische Regierung unwahre Berichte in die Welt gesandt hat. Zur Steuer der Wahrheit teile ich mit, was ich aus eigener Erfahrung, als Augenzeuge darüber weiß. Dieser Bericht ist m der »Neuen Zeit«, 20. Jahrgang, 1. Band, und russisch in der »Sarja« Nr. 4 (August 1902) abgedruckt worden.

Zunächst einige Worte über Blagoweschtschensk. Es ist die Hauptstadt und vorläufig überhaupt die einzige Stadt des umfangreichen Amurgebiets, dessen Ausdehnung um ein Vielfaches einige europäische Großstaaten übertrifft. Blagoweschtschensk liegt auf dem linkenflachen Ufer des Amur, der auf einer erheblichen Strecke die Grenze zwischen dem russischen und chinesischen Reiche bildet. Vor dem Feldzug nach China gab es in Blagoweschtschensk 38 000 Einwohner. Die Mehrzahl der Häuser sind aus Holz erbaut. Die Stadt besitzt keine Befestigungen.

Auf dem rechten Ufer des Amur, gerade gegenüber der Stadt, befand sich vor dem Beginn der Kriegsoperationen die chinesische Ortschaft Ssachaljan. Die Bewohner der beiden Ufer unterhielten einen ständigen Verkehr miteinander: im Sommer auf Kähnen und Dschonken, im Winter über dem Eise, denn die Chinesen und Mandschuren waren für die Einwohner von Blagoweschtschensk die Hauptlieferanten von Lebensmitteln, besonders von Gemüse und Fleisch. Bis zum Frühling des Jahres 1900 waren die Beziehungen zwischen den Einwohnern von Blagoweschtschensk und Ssachaljan durchaus friedliche, aber nach der Ermordung des deutschen Gesandten v. Ketteler und der Verkündigung der Mobilisation der sibirischen Armee durch die russische Regierung am 24. Juni begann sich in diesen Beziehungen eine gewisse Steifheit und Spannung geltend zu machen.

Auf dem chinesischen Ufer, in Ssachaljan, begannen jetzt allabendlich Militärübungen, es ertönte der Zapfenstreich, man hörte Kanonenschüsse, was alles früher niemals vorgekommen war.

Auf eine Anfrage der russischen Behörden nach der Ursache von alledem kam von den Chinesen die Antwort, daß nach Ssachaljan eine kleine Militärabteilung für den Sommer in das Lager gekommen sei. Diese Antwort beruhigte vollkommen die Administration von Blagoweschtschensk, doch nicht ganz die Einwohner. Viele meinten, es sei nicht umsonst, daß die Chinesen sich im Kanonenschießen üben, außerdem sahen einige aus Feldstechern, daß in der Nähe von Ssachaljan Erdarbeiten vorgenommen wurden. Auf alle Mitteilungen solcher Personen an den Kriegsgouverneur des Amurgebiets, Generalleutnant N. K. Gribski, antwortete dieser, es seien Lappalien und man brauche sich nicht zu beunruhigen.

Indessen gab es in Blagoweschtschensk nur wenig Militär: zwei bis drei Regimenter Infanterie, ein Regiment Kosaken und eine Artilleriebrigade. Aber am 11. Juli, infolge der Anordnung des Generalgouverneurs Grodekoff, wurde selbst dieses Militär fast sämtlich den Amur hinunter nach Chabarowsk expediert; zum Schutze der Stadt verblieben eine Kompagnie Soldaten, hundert Kosaken und zwei Kanonen, von denen sich nachher eine als gebrauchsunfähig erwies. Es gab allerdings noch in der Stadt zirka 2000 Mann Reservisten, die infolge der Verkündigung der Mobilisation einberufen wurden, aber angesichts des völligen Mangels an Waffen und Munition, mit denen man aus irgendwelchen Gründen die Stadt nicht rechtzeitig versorgt, hatten diese Reservisten keine Bedeutung, sie konnten nicht als genügender Schutz der Stadt gelten. Die Abfahrt des Militärs von Blagoweschtschensk, wozu etliche Dampfer und Barken nötig waren, gestaltete sich unter dem Geleit einer gewaltigen Volksmenge sehr pomphaft. Das alles sahen gewiß auch die chinesischen Einwohner der Ortschaft Ssachaljan, die auf diese Weise erfuhren, daß die russische Stadt ohne Militärschutz geblieben war.

Dreißig Werst von Blagoweschtschensk entfernt, den Amur hinunter, befindet sich die kleine chinesische Stadt Aigun. Als am 12. Juli das russische Militär an diesem Städtchen vorbeifuhr, hinderten dies die Chinesen in keiner Weise, ließen die Schiffe ruhig passieren, eröffneten aber Feuer auf den letzten Dampfer, auf dem sich die Munition befand, und nötigten ihn nebst einigen an Bord befindlichen Dampferbediensteten, sowie den Grenzkommissar Oberstleutnant Kohlschmidt, nach Blagoweschtschensk zurückzukehren.

Die Nachricht von dem Vorkommnis von Aigun verbreitete sich schnell am Abend des 13. Juli in Blagoweschtschensk und rief unter der Bevölkerung eine große Unruhe hervor. Anscheinend begann auch die Administration sich zu beunruhigen.

Auf Anordnung des Kriegsgouverneurs Generalleutnant Gribski wurde am 14. Juli morgens eine außerordentliche Sitzung des Stadtrats einberufen. Zu dieser Versammlung kamen nicht nur sämtliche Stadträte, sondern auch sonst viele angesehene Einwohner der Stadt, verschiedene beamtete Personen, Bankdirektoren usw., auch der Schreiber dieser Zeilen kam als Berichterstatter ins Rathaus. Namens des Kriegsgouverneurs sprach Oberst Orphenoff, der, nachdem er vor den Versammelten dargelegt hatte, über welche geringe Mittel zur Verteidigung der Stadt die Militärbehörden verfügen, der Versammlung vorschlug, selbst die Organisation der Verteidigung von Blagoweschtschensk im Falle eines Angriffs seitens der Chinesen zu übernehmen. Obwohl die Einwohner nach der Abfahrt der Kommandos bereits wußten, daß nicht mehr viel Militär in der Stadt geblieben war, so vermuteten sie doch nicht, daß seine Zahl so gering sei, wie das aus dem Bericht des Vertreters der Administration, Oberst Orphenoff, zu ersehen war. Sein offenherziger Bericht frappierte die Versammelten in hohem Maße und erschreckte sogar viele; einige wurden blaß und bekamen lange Gesichter, die Stimmen der zum Worte gelangenden Stadträte zitterten. Es begann die Diskussion, was tun? Nach kurzer Debatte wurde beschlossen, Freiwillige aufzurufen; zugleich wurde die Stadt in Militärdistrikte eingeteilt und für jeden Distrikt ein Obmann und zwei Gehilfen gewählt. Sodann gingen einige Mann von den Stadtvertretern zu dem Kriegsgouverneur, um ihm von dem Beschluß des Stadtrats Mitteilung zu machen und mit ihm über die Lage der Stadt zu konferieren.

Wie mir nachher Persönlichkeiten, die mit General Gribski gesprochen hatten, erzählt haben, dankte dieser der Stadtvertretung für ihre Bereitschaft, die Organisation der Stadtverteidigung zu übernehmen, und beruhigte die Anwesenden wegen der seitens der Chinesen drohenden Gefahr. Als dann die Vertreter der Stadt fragten, ob der Gouverneur es nicht für nötig halte, irgendwelche Vorsichtsmaßregeln gegenüber jenen Chinesen zu ergreifen, welche in großer Zahl in Blagoweschtschensk selbst und seiner Umgebung wohnten, erklärte ihnen der General, daß er alle außerordentlichen Maßnahmen für überflüssig und unangebracht halte, da der Krieg zwischen Rußland und China nicht erklärt sei. Dabei teilte der Gouverneur den Anwesenden mit, daß bei ihm bereits die Vertreter der am Orte ansässigen Chinesen erschienen seien, die ihn ebenfalls gefragt hätten, ob es für die chinesischen Untertanen nicht besser wäre, sich beizeiten aus dem russischen Gebiet zu entfernen? Darauf – nach der eigenen Mitteilung des Generalleutnants Gribski – ließ er durch diese chinesischen Vertreter ihren Stammgenossen mitteilen, daß sie ohne Sorge auf dem russischen Gebiet verbleiben dürften, da sie sich in dem großen russischen Reiche befänden, dessen Regierung niemand erlauben werde, friedliche Ausländer zu belästigen. Zum Schlusse teilte der General mit, daß er selbst mit der ihm noch zur Verfügung stehenden Kompagnie Soldaten und hundert Kosaken noch an demselben Tage sich nach Aigun begeben werde, um die Stadt von den Boxern zu befreien, sie in Besitz zu nehmen und so den russischen Schiffen die freie Fahrt auf dem Amur zu sichern. Doch dieser Plan sollte nicht zur Ausführung gelangen, denn die direkt gegen die Einwohner von Blagoweschtschensk gerichteten Feindseligkeiten der Chinesen begannen früher, als irgend jemand erwartete. Gerade zu der Zeit, am Nachmittag, als sich im Hause der städtischen Verwaltung ein zahlreiches Publikum aus verschiedenen Schichten der Bevölkerung versammelte und jeder sich im allgemeinen Gedränge beeilte, seinen Namen in die Register der Freiwilligen einzutragen, ertönten plötzlich Gewehr- und Kanonenschüsse vom chinesischen Ufer, und aus den Fenstern des Rathauses, wo auch ich mich damals befand, erblickten wir große Volkshaufen, die vom Ufer liefen mit dem Geschrei: »Die Chinesen schießen! Die Chinesen greifen uns an!«

Die im Rathaus befindlichen Freiwilligen glaubten wirklich, als sie jene Rufe hörten, daß die Chinesen bereits die gänzlich schutzlose Stadt angriffen. Infolgedessen entstand eine unglaubliche Panik: die einen stürzten auf die Straße, die anderen mit dem Geschrei: »Waffen! Gebt uns Waffen!« zu den Magazinen des Rathauses, wo, wie allen bekannt war, für alle Fälle etliche hundert alte Flinten aufbewahrt wurden. Aber diese Quantität erwies sich als durchaus ungenügend, um sämtliche Freiwillige zu bewaffnen. Dann wandten sich große Haufen, hauptsächlich aus dem ärmeren Volke, zu den Kaufläden, die, weil es gerade Sonntag war, geschlossen waren, und bemächtigten sich aller Waffen, deren sie habhaft werden konnten.

Die Einwohnerschaft ergriff eine vollkommene Panik.

Eine Anzahl Einwohner rafften ihre wertvollsten Sachen zusammen und flüchteten – zu Fuß und zu Pferd – aus der Stadt oder zu Verwandten und Bekannten, die in größerer Entfernung vom Ufer und in steinernen Häusern wohnten, wo die Gefahr seitens der Bomben und Kugeln geringer war. Der Gedanke, daß die Chinesen, wenn sie in die schutzlose Stadt eindrängen, diese in Brand stecken und an den Einwohnern alle möglichen Grausamkeiten begehen würden, brachte einige in eine verzweiflungsvolle Gemütsstimmung.

Es hätte tatsächlich selbst für ein geringes diszipliniertes Heer keine Mühe gekostet, Blagoweschtschensk in wenigen Stunden ganz zu zerstören. Aber zum Glücke für seine Einwohner erwiesen sich die Chinesen als sehr schlechte Schützen: die meisten ihrer Geschosse erreichten entweder überhaupt nicht die Stadt und fielen in den Amur, oder sie explodierten nicht. Deshalb gab es in der Stadt für die ganze Dauer des Bombardements an Toten und Verwundeten nur fünfzehn bis zwanzig Personen.

Am zweiten Tage der Belagerung erhielt Blagoweschtschensk das trostloseste Aussehen: die Fensterläden, die Fenster, die Türen und Tore waren überall fest geschlossen, auf den Straßen bekam man selten einen Passanten zu sehen, und wer es auch wagte, auszugehen, drückte sich an die Hausmauern, um nicht von einer verirrten Kugel getroffen zu werden, und lief schleunigst die Straßenkreuzungen durch; alle Beschäftigungen in den verschiedenen Institutionen stockten vollständig.

Schon in den ersten Tagen formierten sich bei uns die Kompagnien der freiwilligen Besatzung. Dem Ufer des Amurs entlang, in einer Ausdehnung von mehreren Werst, wurden in aller Eile nachts Logements ausgegraben, in denen die Freiwilligen aus den verschiedenen Schichten der Bevölkerung und von verschiedenem Alter sich postierten und, indem sie die Tätigkeit der Chinesen auf der gegenüberliegenden Seite beobachteten, einen plötzlichen Angriff auf die Stadt fast unmöglich machten. Aber gewisse Leute ersahen eine Gefahr für die Stadt von einer ganz anderen Seite: sie erblickten sie in einem Teile der Bevölkerung am Orte selbst.

*

In der Stadt und ihrer Umgebung wohnten seit jeher Chinesen und Mandschuren als Großkaufleute, Kleinhändler, Handwerker, Bedienstete, Taglöhner. An der Peripherie von Blagoweschtschensk war ihnen ein besonderes Stadtviertel angewiesen, in dem alle Bauten vollkommen den eigenartigen nationalen Charakter trugen und das deshalb auch das »chinesische Viertel« hieß. Viele dieser Chinesen und Mandschuren lebten jahrzehntelang friedlich in unserer Mitte und erwiesen der Bevölkerung durch ihre Arbeit einen großen Nutzen. Fleißig bis in das Unglaubliche, bescheiden in ihren Bedürfnissen, hatten sich diese chinesischen Untertanen durchaus durch keine größeren Vergehungen und nicht einmal durch kleine Übertretungen irgendwie auffällig gemacht. Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit waren ihre allgemein anerkannten Charakterzüge, und in vielen größeren Anstalten, in verschiedenen Handelsfirmen, Unternehmungen, wie auch in Privathäusern verließ man sich bedingungslos auf die Chinesen als Angestellte oder Bedienstete, ihnen vollkommenes Vertrauen entgegenbringend. In vielen russischen Familien, die junge Chinesen als männliche Bedienung hatten, bekam man sie lieb wie Verwandte. Nicht selten lehrte man sie Russisch, und sie ergaben sich dieser Beschäftigung mit einem außerordentlichen Fleiße: über einem russischen Buche oder sich in russischem Schreiben übend, saßen sie bis nach Mitternacht und machten dank solchem Fleiße rasche Fortschritte.

Aber in der Mitte der kulturell tiefer stehenden Schichten der russischen Bevölkerung besaßen die Chinesen niemals besondere Sympathien. Das Volk sah in ihnen vor allem die Vertreter einer fremden Nation, die hartnäckig eine Verschmelzung mit der russischen vermied – denn bekanntlich ändern die Chinesen niemals, mit äußerst wenigen Ausnahmen, ihre Gebräuche und ihr äußeres Aussehen. Sodann sahen die russischen Arbeiter in ihnen stets gefährliche Konkurrenten. Es wird allgemein anerkannt, daß wenn die Chinesen nicht am Amur wären, der Lohn der russischen Arbeiter bedeutend höher stände. Andererseits aber ist zu konstatieren, daß viele Produkte, die früher durch ihre Billigkeit auch Unbemittelten zugänglich waren, enorm teuer wurden, als nach dem Kriege die billige chinesische Arbeit verschwand.

Aus diesen Ursachen, sowie einfach aus Roheit – und rohe Elemente finden sich ja in jedem Volke – passierte es nicht selten auch in der friedlichen Zeit, daß die Chinesen ohne die geringste Veranlassung ihrerseits bei Begegnungen auf der Straße von Russen in jeder Weise mißhandelt wurden: man stieß sie, prügelte sie, riß sie an den Zöpfen. Über einige besonders abscheuliche Fälle der Belästigung der demütigen, verängsteten Chinesen gelangten Mitteilungen auch in die lokale Presse.

Besonders häufig wurden die Vergewaltigungen der Chinesen nach der Verkündigung der Mobilisation am 23. Juni. Reservistenhaufen, die vom Lande während der Erntezeit zum Dienste einberufen wurden, überfüllten die Straßen der Stadt, manchmal stark betrunken, überfielen die Chinesen, mit denen sie zusammentrafen, und prügelten sie unbarmherzig, ihnen zurufend: »Wegen euch, Viehkerle, werden wir von der Arbeit und der Familie fortgerissen und in den Tod gejagt.« In den Augen des gemeinen Mannes ist der Chinese überhaupt kein Mensch, sondern »das Vieh«, »die Kreatur«. Das gibt zum Teil eine gute Illustration ab für die Anschauungen unserer Patrioten mit dem Fürsten Uchtomski, Redakteur der »Peterburskija Wjedomosti«, an der Spitze, die behaupten, daß das russische Volk, im Unterschied zu allen anderen, sich duldsam gegenüber fremden Nationen verhalte. Die angegebenen Fälle von Gewalttätigkeiten veranlaßten sogar den Kriegsgouverneur zum Erlaß einer Proklamation, die mit strengen Strafen die Beleidigungen friedlicher chinesischer Untertanen bedrohte. Der Versicherung des Vertreters der höchsten lokalen Behörden vertrauend, daß die chinesischen Untertanen nichts zu befürchten hätten, verblieben alle in Blagoweschtschensk und seiner Umgebung wohnenden Chinesen und Mandschuren, zusammen etliche tausend Personen, am Orte. Doch bald mußten sie das sehr bereuen.

Schon am 14. Juli, als die Schüsse vom chinesischen Ufer ertönten und die erschrockene Menge die Flucht ergriff, konnte man sehen, wie die Davonlaufenden die unglücklichen Chinesen, mit denen sie auf dem Wege zusammentrafen, mißhandelten. Die bemitleidenswerten Chinesen und Mandschuren irrten durch die Stadt, nach einem sicheren Schlupfwinkel suchend. Am Abend des gleichen Tages kamen Fälle der Ermordung von Chinesen auf offener Straße vor. Durchaus kompetente Persönlichkeiten behaupteten, daß die Polizeibeamten selber den Einwohnern den Rat gaben, die Chinesen zu töten, falls diese abends auf der Straße erscheinen sollten, denn viele äußerten die Befürchtung, daß die auf dem russischen Gebiet wohnenden Chinesen zur Unterstützung ihrer Stammesgenossen nachts die Stadt in Brand setzen könnten. Man vermutete auch, daß sich unter ihnen Anhänger der Boxer befänden. Darum kam die Idee auf, daß es notwendig sei, ernste Maßnahmen gegen die in Blagoweschtschensk und seiner Umgebung wohnenden Chinesen zu ergreifen. Die kaltblütigen und überlegenden Leute hielten es in dieser Beziehung für ausreichend, wenn man jene Chinesen, für welche die russischen Einwohner Bürgschaft leisten wollten – und solche hätten sich genug gefunden –, diesen überließ, die übrigen Chinesen aber an einem Orte versammelte und unter Bewachung hielt. Doch die Ortsbehörden dachten anders.

Am zweiten Tage nach dem Beginn des Bombardements von Blagoweschtschensk seitens der Chinesen konnte man Kosaken sowie Schutzleute beobachten, die in alle Häuser eintraten und Nachfrage hielten, ob sich nicht dort Chinesen und Mandschuren aufhielten. Als die Einwohner fragten, was man mit jenen tun wolle, erhielten sie die Antwort, daß man sie alle zusammenbringen und in Polizeihaft nehmen wolle. Nichts Gutes ahnend, suchten einige Einwohner die bei ihnen wohnenden Chinesen zu verheimlichen, indem sie sie in Kellern, in den Bodenspeichern und ähnlichen Orten versteckten. Nicht selten erfuhren aber die Nachbarn davon und zeigten es der Polizei an; dann forderten die Kosaken brutal, unter Androhung von Gewalt, manchmal die Säbel ziehend, die Auslieferung der Verborgenen. Diese Gefangennahme der Chinesen fand während mehrerer Tage statt.

Ich vermag die Niedergeschlagenheit dieser Unglücklichen nicht zu schildern, als man ihnen erklärte, daß sie zur Polizei gehen müßten. Hastig sammelten sie ihre Sachen, mit unaussprechlicher Angst im Gesicht folgten sie den Kosaken. Von ihren Wirten, den Leuten, die ihnen Unterschlupf gewährt hatten, Abschied nehmend, gaben sie ihnen ihr Geld und ihre Sachen zur Aufbewahrung, manchmal auch den Auftrag, irgend eine Schuld zu bezahlen, oder sie stellten ihnen ihr Vermögen zur freien Verfügung, Häuser und Kaufläden, voll von allerlei Gut und Waren. Gleichsam das traurige Ende vorausahnend, fragten einige beim Fortgehen: » uns-kantami?« (wird man uns köpfen?).

Sie irrten sich nicht: sie wurden auf die abscheulichste Art ermordet. Nur im Mittelalter zur Zeit der Inquisition und der Verfolgungen von Ketzern, Juden und Mauren in Spanien wurden derartige grausame Massenvernichtungen vorgenommen.

Einige Werst oberhalb Blagoweschtschensk auf dem linken Ufer des Amur befindet sich eine Niederlassung der Kosaken. Dorthin wurden vor Sonnenaufgang unter Begleitung von Kosaken und Polizisten etliche tausend Chinesen, darunter Greise, Gebrechliche, Kranke, Frauen und Kinder, getrieben. Wer vor Krankheit oder Müdigkeit nicht weitergehen konnte, wurde von den Kosaken gleich am Wege niedergestochen. Einer der auf diese Weise Geleiteten, ein Bevollmächtigter der großen chinesischen Firma Li-Wa-Tschan, weigerte sich, weiterzugehen, und bat, man solle ihn zum Gouverneur führen, der den chinesischen Vertretern die volle Sicherheit aller, die auf russischem Gebiet verblieben waren, garantiert habe, aber zur Antwort auf dieses Ersuchen ermordeten ihn die Kosaken gleich aus der Straße. Anwesend dabei war der Vizepristaw (Polizeikommissar) Schabanoff, der aber mit keinem Worte diese Freveltat hinderte.

Als man die unglücklichen Chinesen bis an das Ufer des Amurs herangetrieben, wurde ihnen befohlen, ins Wasser zu gehen. Kähne zur Überfahrt nach dem gegenüberliegenden chinesischen Ufer gab es keine; der Fluß ist aber an diesem Orte über einen halben Werst (über fünfhundert Meter) breit und besitzt eine starke Strömung. Man kann sich den Schrecken denken, der die an das Wasser Herangetriebenen erfaßte. Auf die Knie fallend, mit zum Himmel emporgehobenen Händen, oder auch sich bekreuzigend, flehten die Unglücklichen, man möge sie nicht auf solche Weise töten; dabei versprachen einige, zum Christentum überzutreten und sich die russische Untertanenschaft zu erwerben. Aber zur Antwort auf diese Bitten jagten die unbarmherzigen Vollzieher der Befehle der Behörden mit Gewehrkolben, Bajonetten und Säbeln die um Gnade Flehenden, ins Wasser; jene aber, die sich niedersetzten oder zögerten, wurden auf der Stelle ermordet. Augenzeugen, die diesen Massenersäufungen beiwohnten, die während mehrerer Tage nacheinander vor Sonnenaufgang stattfanden, erzählten von schrecklichen, herzzerreißenden Szenen.

Es wurde zum Beispiel eine Mandschurenfamilie ins Wasser getrieben: Mann, Frau und zwei kleine Kinder. Jedes der Eltern bindet sich ein Kind auf den Rücken und versucht über den Amur zu schwimmen, aber bald sinken sie alle zusammen unter. In einer anderen Familie ist ein Kind. Die Mutter fleht ihre Henker und die Unbeteiligten, die mit anwesend sind, an, sie mögen ihr Kind zu sich nehmen, um es wenigstens am Leben zu erhalten, aber niemand will ihrer Bitte willfahren. Dann läßt sie das Kind am Ufer und geht selbst ins Wasser. Aber nach einigen Schritten kehrt sie zurück, um das Kind zu holen und dieses in den Armen tragend, geht sie wieder in den Fluß; doch sie kehrt nochmals zurück und legt das Kind wieder hin. Die Kosaken machen ihren Qualen ein Ende, indem sie Mutter und Kind niederstechen. Was diese unglückliche Mutter empfand, wie überhaupt alle, die auf diese Weise getötet wurden, kann nur der nicht begreifen, bei dem jedes menschliche Gefühl abgestumpft ist. Selbst der oben erwähnte Polizist Schabanoff erzählte, daß er es nicht mehr bis zum Ende dieser Mordszene habe aushalten können.

Nur sehr wenigen, bloß einigen der stärksten und geschicktesten Schwimmer aus der ganzen gewaltigen Volksmenge gelang es, wie erzählt wird, beinahe das chinesische Ufer zu erreichen, aber auch von diesen Glücklichen blieb nur eine winzige Zahl am Leben. Als die Kosaken sahen, daß die Schwimmenden nahe daran waren, sich zu retten, schickten sie ihnen gut gezielte Kugeln nach. Es kam vor, daß auch die chinesischen Schützen, die hinter Gräben auf dem chinesischen Ufer postiert waren, auf die Schwimmenden schossen, sei es, weil sie sie für Russen hielten oder weil sie überhaupt allen Chinesen feindlich gesinnt waren, die auf russischem Gebiet verblieben waren, denen, wie einige behaupten, lange vor Beginn der Kriegsoperationen der Vorschlag gemacht worden war, nach ihrer Heimat zurückzukehren.

Als am 17. Juli zum erstenmale große Mengen Leichen sichtbar wurden, die den Amur hinunterschwammen, wurde es in Blagoweschtschensk gleich allen klar, daß man die friedlichen, unbewaffneten Chinesen und Mandschuren ertränkt habe, die in der Stadt wohnten und denen der Gouverneur selbst den Rat gegeben hatte, nicht nach China zu gehen, indem er ihnen ihre vollständige Sicherheit garantiert hatte. Und kaum zwei Tage nachher hatte General Gribski treulos sein Versprechen gebrochen, indem er den mündlichen Befehl gab, »die chinesischen Untertanen nach China zu expedieren«!

Entrüstung und Schrecken erfaßte alle ehrlichen und anständigen Leute, als sie erfuhren, wie diese »Expedition« vollzogen worden war! Mit Tränen in den Augen, zitternd am ganzen Leibe, erzählte mancher, wie grausam mit den schuldlosen, friedlichen Chinesen verfahren worden war. Man wollte auf irgendeine Weise seinen Protest, seine Entrüstung zum Ausdruck bringen. Aber wie sollte man das tun bei uns, in Rußland?! Obendrein wurde gleich am ersten Tage der Ertränkung der Chinesen, am 17. Juli, Blagoweschtschensk und das ganze Amurgebiet in Kriegszustand erklärt, folglich wäre jeder, der es hätte wagen wollen, zu protestieren, vor das Kriegsgericht gekommen. Einige von denen, die mit den Chinesen und Mandschuren Mitleid hatten, versuchten wenigstens, einer Wiederholung des Schreckensgerichtes vorzubeugen. Es sind Fälle bekannt, daß die Wirtsleute, bei denen die Chinesen und Mandschuren wohnten oder dienten, sich an die lokalen Behörden mit dringenden Bitten wandten, ihnen unter ihrer persönlichen Bürgschaft die bei ihnen wohnenden Chinesen zu überlassen. Wer von ihnen starke Protektionen besaß, dem gelang es manchmal, nach langwierigen Scherereien, diesen oder jenen zu retten; doch gab es nicht viel solcher Fälle. Fast alle, die auf solche Weise gerettet wurden, blieben während der ganzen Zeit der Belagerung in Polizeihaft. Auch nur dank solcher Bemühungen blieb der bedeutendste chinesische Kaufmann Jun-Dha-San am Leben, der vor dem Beginn des Bombardements von Blagoweschtschensk mit als chinesischer Vertreter beim Gouverneur gewesen war. Seine Rettung kostete ihn, wie erzählt wurde, eine Menge Geld, das er an die Polizei und verschiedene Persönlichkeiten, die sich um ihn bemüht hatten, habe bezahlen müssen. Dieser europäisch gebildete Chinese, der Russisch und Französisch spricht und in der höheren Gesellschaft in der Stadt verkehrte, hat, nach seinen eigenen Worten, während seiner achtzehntägigen Haft die allererdenklichsten Quälereien und Erniedrigungen erdulden müssen; er soll gesagt haben, daß, wenn er gewußt hätte, welche Kränkungen und Beleidigungen er über sich werde ergehen lassen müssen, er den Tod in den Fluten vorgezogen haben würde.

Eine in der Stadt bekannte Dame, Frau Makejewa, fuhr zu dem ihr persönlich bekannten Gouverneur, um ihn anzuflehen, ihr ihren jungen chinesischen Diener, der fünf Jahre in ihrem Hause wohnte, zu überlassen. Dieser Diener hatte der Familie viel Gutes erwiesen: war jemand in der Familie krank, so pflegte ihn der Chinese mit ungemeiner Aufmerksamkeit und wachte die Nächte durch an seinem Bette. Als der General erfuhr, daß Frau Makejewa für einen Chinesen sich verwende, rief er: »Ein Chinese? Mit dem machen wir's so!« – er strich sich mit der Hand über den Hals. Als sie aber dringend um den Chinesen bat und sagte, daß er schon längst geäußert habe, zum Christentum überzutreten, antwortete ihr der Gouverneur: »Ich befehle weder die Verhaftung der Chinesen noch ihre Befreiung, das geht mich nichts an.« General Gribski verfolgte mit dieser Erklärung, wie später offenkundig wurde, den Zweck, nachträglich die gesamte Schuld für die Ertränkung der Unglücklichen auf seine Untergebenen, den Polizeipräfekt Batarewitsch und den Vorstand der Militärverwaltung Hauptmann Wolkowinski, abzuwälzen.

Einen ganz ähnlichen Empfang fand die erwähnte Dame auch bei der höchsten geistlichen Behörde am Orte, dem Erzpriester. Als Frau Makejewa ihn auf den Knien anflehte, die Bewilligung zur Taufe des Chinesen zu geben, erklärte ihr dieser Prediger der christlichen Liebe trocken, sie sollte sich nicht für einen Chinesen verwenden, Chinesen dürfe man nicht bei sich behalten, und empfahl ihr zum Schluß, sich an die Ortsbehörden zu wenden, von deren Ermessen die Bewilligung ihrer Bitte abhänge. Die weltliche Macht schickte die Bittende an die geistliche und diese an jene. Nach langen Bemühungen gelang es Frau Makejewa, den Chinesen zu retten. Aber nicht viele neben ihr besaßen so viel Beharrlichkeit in der Rettung der Unglücklichen. Mir sind bloß vier Fälle eines erfolgreichen Eintretens für Chinesen, die bei Russen im Dienste oder in Miete waren, bekannt geworden, obwohl ich überall und jeden ausfragte, ob nicht solche Fälle vorgekommen wären. Die Chinesen und Mandschuren aber, die in einer Anzahl von etlichen tausend Personen im chinesischen Viertel wohnten, fanden keinen einzigen Beschützer und wurden sämtlich ertränkt oder erschlagen.

Nicht nur die Behörden und die Geistlichkeit, sondern auch einige von der Intelligenz – Ärzte, Rechtsanwälte, Richter – fanden das entmenschte Verfahren gegenüber den friedlichen, unbewaffneten Chinesen durchaus zweckmäßig und unvermeidlich. »Sonst,« meinten diese Leute, »würden uns die Chinesen die Häuser in Brand setzen oder gar uns die Köpfe abschneiden; wären sie an unserer Stelle, so würden sie mit uns noch ganz anders verfahren; außerdem werden wir sie nicht füttern, währenddem uns selbst das Brot bald nicht reichen wird; und es hat auch keinen Sinn, unsere Gegner zu stärken, indem man die Chinesen über den Fluß nach der chinesischen Seite schafft.« Aber alle diese Erklärungen hatten auch nicht die geringste Berechtigung, denn die Chinesen waren in der Tat ganz ungefährlich, und was ihre Ernährung betraf, so besaßen sie selbst in ausreichenden Mengen Nahrungsmittel, die später, nach der Ertränkung der Chinesen, von den Kosaken, der Polizei und den Einwohnern geraubt wurden.

Um ihr durch nichts gerechtfertigtes, verabscheuungswürdiges Verfahren zu beschönigen, verbreitete die Polizei das absolut falsche Gerücht, daß in einigen chinesischen Häusern und Kaufläden nach dem Wegzug ihrer Besitzer viele Waffen, Pulver und sogar Dynamit gefunden worden seien. Obwohl dieses Gerücht durch gar nichts bestätigt wurde, fanden sich genug leichtgläubige oder auch interessierte Personen, die es gern ausnützten. Die Sache ist nämlich die, daß bei der brutalen Vernichtung der Chinesen und der Rechtfertigung dieser Vernichtung vielfach schnöde Habgier eine Rolle gespielt hat. Da sehr viele Russen bei den Chinesen in Schuld standen, so war die Beseitigung des Gläubigers die beste Liquidation. Schon bei der Verhaftung der Chinesen nahmen ihnen die Kosaken und Polizisten ihr Geld und ihre Wertsachen ab, sie plünderten die Häuser und Kaufläden und verschafften sich auf diese Weise reiche Beute. Durchaus kompetente Persönlichkeiten versichern, daß viele dieser »Beschützer der Ordnung«, nicht nur die niederen und mittleren, sondern auch die höheren Beamten, auf diese Art ganz gewaltige Beträge ergatterten. In Blagoweschtschensk wurde es offen besprochen, wieviel dieser oder jener Polizeibeamte oder Vertreter der höheren lokalen Administration auf seinen Teil infolge der Ermordung der Chinesen erhalten hatte.

Es wäre noch viel zu erzählen, wollte ich die Leser mit allen Kniffen bekannt machen, welche die »ehrlichen« Kaufleute beim Beutemachen angewandt haben. Nur einiges sei hier zur Charakteristik mitgeteilt.

Der reiche Hausbesitzer und Eigentümer einer großen Dampfmühle, Bujanoff, bei dem die Chinesen einen Speicher als Warenlager in Miete hatten, ließ, als die Eigentümer der im Speicher untergebrachten Waren ertränkt waren, zwischen dem Speicher und dem benachbarten Hause einen Bretterverschlag errichten, um, geschützt vor neugierigen Blicken, das fremde Warenlager räumen zu können. Ein anderer Hausbesitzer, ebenfalls ein Herr Bujanoff – Namensvetter des ersteren –, baute einen unterirdischen Gang zwischen seiner Wohnung und dem Kaufladen eines Chinesen, der sich in dem gleichen Hause befand, und schleppte das Hab und Gut des Ertränkten zu sich hinüber. Ein dritter Geschäftsmann, der Kaufmann Prikastschikoff, ließ, die Nebenstraßen benutzend, einfach auf mehreren Fuhren die Waren aus dem von ihm an einen Chinesen vermieteten Laden, nachdem der Eigentümer des Geschäftes ertränkt worden, nach seinem eigenen Kaufladen, der sich an einem anderen Platze in der Stadt befand, hinüberschaffen. Die letzteren zwei Fälle kamen vor das Schwurgericht in Blagoweschtschensk, und die genannten Persönlichkeiten wurden bestraft. Aber die ungeheure Mehrzahl ähnlicher Fälle der Plünderung des chinesischen Eigentums wurden überhaupt nicht aufgedeckt, hauptsächlich deshalb, weil die Polizei und die Behörden daran interessiert waren, daß die Schuldigen unentdeckt blieben. Nach der Ermordung der Chinesen hieß es, daß bis zur gerichtlichen Ernennung von Vormundschaften die Polizei das Eigentum in Aufbewahrung zu nehmen habe. Daraus machten sich die Polizeibeamten eine sehr einträgliche Einkommensquelle; wenn man die Qualifikation unserer Polizei in Betracht zieht, sowie den Umstand, daß es in Blagoweschtschensk einige hundert chinesische Kaufläden und Warenlager gab, in denen sich für mehrere Millionen in Waren befand, so kann man sich ein Bild über den Erfolg dieser Anordnung machen.

Als die Kriegsoperationen vorbei waren, lieferten diese Polizeibeamten, selbstverständlich gegen gute Bezahlung, oft für Geldsummen, die beinahe dem Werte der in den Warenlagern aufbewahrten Waren gleichkamen, diese jedem Chinesen aus, der sich als Erbe des Ermordeten meldete. Je nach dem Umfang der von den Chinesen dargebotenen Zahlung erkannte die Polizei die Legitimation an oder verwarf sie, ohne sich nach irgendwelchen gesetzlichen Formalitäten zu richten. Aber damit nicht genug, es haben auch einige Polizeibeamte das unter ihrem Schutze stehende chinesische Eigentum zu sich ins Haus schaffen lassen. So wurde zum Beispiel der Vizepristaw Schabanoff von einem Herrn, der zum Vormund über ein chinesisches Vermögen ernannt war und Friedensrichter ist, dabei überrascht, wie er auf mehreren Wagen Waren von dem Lokal, wo sie aufbewahrt wurden, wegschaffen wollte; obwohl dieser Vorfall großes Aufsehen in der Stadt erregte und vor das Gericht kam, verlief der Prozeß nicht nur ergebnislos, sondern Schabanoff wurde nicht einmal aus dem Dienste entfernt. Für alle Einwohner von Blagoweschtschensk war es klar, daß der Gouverneur die Plünderung des chinesischen Eigentums direkt begünstigte, und viele in der Stadt erklärten sein Verhalten damit, daß auch er einen Teil der Beute, und nicht gerade den geringsten, erhalten habe. Ich glaube, diese Erklärung ist nicht ohne Berechtigung.

Wie dem auch sei, als nach den Verzögerungen, die von den Behörden angezettelt worden waren, das Eigentum der Ermordeten nach einem halben Jahre endlich den ernannten Vormundschaften – selbstverständlich aus der Mitte der russischen Einwohner – überliefert wurde, fanden sich überall nur noch schäbige Überreste vor.

*

Es vergingen mehrere Tage, seitdem auf dem Amur die Leichen der Ertränkten zum erstenmal zum Vorschein gekommen waren. Massenweise schwammen sie täglich den Fluß hinunter, manchmal zu zweit, bei den Zöpfen zusammengebunden. An manchen Tagen schwammen die Leichen in fast ununterbrochenen Haufen auf einem bedeutenden Raume, so daß sie schwer zu zählen waren. Aber in den beiden lokalen Zeitungen erschien in diesen Tagen kein Wort von dem schrecklichen Vorfall, wie überhaupt über die Behandlung der Chinesen. Nur am vierten oder fünften Tage nach der Ertränkung der Unglücklichen erschien im »Amurgebiet« ein Artikel, der die Entrüstung wegen der grausamen Vernichtung der friedlichen Chinesen zum Ausdruck brachte. Dieser Artikel wurde von der Presse der Hauptstädte nachgedruckt, und so erst erfuhr die zivilisierte Welt von dieser scheußlichen Beseitigung Tausender friedlicher Menschen. Das andere Preßorgan am Orte, die »Amurzeitung«, redigiert von A. W. Kirchner, beschränkte sich auf die einzige Mitteilung, man habe »die Chinesen, die auf dem russischen Gebiet wohnten, ausgewiesen, indem man ihnen vorschlug, auf das gegenüber liegende Ufer hinüberzufahren«! Unbewaffnete Menschen, Kranke, Gebrechliche, Frauen und Kinder durch Säbelhiebe, Bajonette und Flintenschüsse in den Fluß treiben – das nennt man einen »Vorschlag, auf das gegenüber liegende Ufer hinüberzufahren« in der Lügensprache eines russischen Preßorgans, das seine Unschuld bewahren und auch der Obrigkeit dienen möchte.

Wie aus den Telegrammen der russischen Telegraphenagentur bekannt geworden ist, berichtete der Generalgouverneur des Amurgebiets, Grodekoff, an den Generalstab in Petersburg, daß »die Chinesen ihre Toten und Verwundeten in den Fluß werfen und solcher Leichen vierzig gezählt wurden«. So werden bei uns die wirklichen Vorgänge geschildert, so wird Geschichte geschrieben! Mit derselben Wahrhaftigkeit berichteten die verschiedenen Behörden überhaupt über die russisch-chinesischen Streitigkeiten; sie erzählten von Kämpfen, die gar nicht stattgefunden, von zahlreichen chinesischen Heeren, die sie angeblich vernichtet hatten, während in Wirklichkeit die russischen Befehlshaber niemand vorfanden, außer Frauen und Kinder. Viel belacht wurde zum Beispiel im Amurgebiet die Affäre des Obersten Kanonowitsch, der meldete, daß er in der sogenannten »Pjataja Padj« ein bedeutendes chinesisches Heer aufs Haupt geschlagen habe, weshalb er auch zur Ordensverleihung gemeldet wurde. Es erwies sich bald, daß Kanonowitsch an dem genannten Orte nur zwei japanische Frauen angetroffen hatte.

Doch kehren wir zu den Ereignissen in Blagoweschtschensk zurück.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Ertränkung der Chinesen nicht nur mit dem Vorwissen, sondern auf direkten, wenn auch – vorsichtshalber – mündlichen Befehl des Kriegsgouverneurs Generalleutnant N. Gribski stattfand. Um den Verdacht von sich abzulenken und sich zugleich für alle Fälle eine Rechtfertigung vorzubereiten, erließ er, einige Tage nach den Massenertränkungen, eine Kundgebung, in der es hieß, daß er »aus den an ihn gelangten Gerüchten von den in der Stadt und ihrer Umgebung vorgekommenen Fällen der Vergewaltigung und Ermordung unbewaffneter chinesischer Untertanen erfahren habe«. »Diese Verbrechen« – so stand weiter wörtlich zu lesen – »sind von einigen Einwohnern der Stadt, den Bauern der umliegenden Dörfer und Kosaken begangen worden. Obwohl diese Vorfälle durch die Treulosigkeit der Chinesen hervorgerufen worden sind, die zuerst die Feindseligkeiten gegen die Russen eröffneten, so wird doch fürderhin jede Gewalttätigkeit gegen Unbewaffnete streng verfolgt werden.« Und zugleich mit dieser Kundgebung erließ General Gribski nach der Einnahme von Ssachaljan durch die Russen eine zweite, in der er in seiner Eigenschaft als Chef des Kosakenheers den Kosaken empfahl, sich auf das chinesische Ufer zu begeben und dort die »chinesischen Banden« zu vernichten – mit anderen Worten, er befahl den Kosaken, die – nach dem Wegzug des Militärs – am Orte verbliebenen friedlichen Chinesen niederzumetzeln; denn nach der Einnahme von Ssachaljan gab es keine »chinesischen Banden« mehr auf dem rechten Ufer des Amur.

General Gribski ging so weit in seiner Heuchelei, daß er eine gerichtliche Untersuchung über »die Fälle der Vergewaltigung und Ermordung friedlicher chinesischer Untertanen« ankündigte. Aber da diese Untersuchung zu bestätigen gehabt hätte, daß die Ertränkung und Ermordung der friedlichen Chinesen auf mündlichen Befehl des Gouverneurs selbst vollzogen worden war, so hat sie das selbstverständlich nicht zu entdecken vermocht. Sodann, nach Verlauf etlicher Monate, erklärte General Gribski, daß aus den ihm zugestellten Untersuchungsprotokollen sich gewisse Ursachen des Vorgekommenen ergeben, und zwar: die ungenügende Einheitlichkeit in den Handlungen der ihm untergebenen Vollzugsbeamten, denen er deshalb dieses zu wissen tue. Diese Erklärung wiederholt fast Wort für Wort den Erlaß des Kaisers Nikolai II. nach dem Massenunglück auf dem Chodinskifeld, dessen Ursache der Zar ebenfalls in der mangelnden Einheitlichkeit der Anordnungen der Behörden gefunden hatte. General Gribski schien damit sagen zu wollen, daß, wenn während einer derartigen Feierlichkeit, wie die Zarenkrönung, Massentötungen nicht vermieden werden konnten, man niemand für die Tötung von Chinesen während der Belagerung von Blagoweschtschensk verantwortlich machen könne. Wegen der Niedermetzelung und Ertränkung der friedlichen Chinesen ist niemand aus den Reihen der Behörden und der Polizei zur Verantwortung gezogen worden: General Gribski und alle seine Untergebenen blieben auf ihren Posten. Es ist aber ermittelt worden, daß einige Personen von der Obrigkeit direkte schriftliche Befehle, die Chinesen im ganzen Amurgebiet zu vernichten, versendet haben. Deshalb sind denn auch die Niedermetzelungen friedlicher Chinesen, massenweise und einzeln, in vielen Dörfern von den Bauern, in den Kosakenniederlassungen von den Kosaken ausgeführt worden. Von den Persönlichkeiten, die sich mit dem Versenden der obenerwähnten Mordbefehle an ihre Untergebenen befaßt, haben sich im Amurgebiet besondere Berühmtheit erworben: der Kosakenoberst Wolkowinski, der Kreishauptmann Tuslukoff und der Stanowoi-Pristaw (etwa Landrat) Wolkoff.

*

Nach dem Vertrag von Aigun, der im Jahre 1858 zwischen dem Grafen Murawjeff-Amurski und den Vertretern der chinesischen Regierung abgeschlossen wurde, wurde das ganze Gebiet am linken Ufer des Amur an Rußland abgetreten. Eine kleine Landecke auf diesem Territorium, an dem Flusse Seja, nahe seiner Mündung in den Amur, unweit von Blagoweschtschensk; wird ausschließlich von Mandschuren bewohnt. Dieser Landstrich hieß auch offiziell »das Territorium der Mandschuren an der Seja«. Von alters her wohnte hier eine ziemlich bedeutende mongolische Bevölkerung, die zu dieser Zeit 68 Dörfer mit 20 000 Einwohnern zählte. Obwohl diese sich auf russischem Gebiet befand, war sie nach dem Vertrag von Aigun in administrativer und sonstiger Beziehung vollständig China unterworfen: die Mandschuren galten als chinesische Untertanen und bezahlten an China ihre Steuern. Die Bevölkerung trieb Viehzucht und Ackerbau und versorgte mit ihren Erzeugnissen die Einwohner von Blagoweschtschensk. Mit der russischen Bevölkerung, die in den benachbarten Dörfern wohnte, befanden sich diese Mandschuren in den denkbar friedlichsten Beziehungen.

Da begannen die Kriegsoperationen vor Blagoweschtschensk, und es regnete Befehle der oben erwähnten Obrigkeiten, die chinesischen Untertanen zu vernichten. Gehorsam dem Willen der Obrigkeit, bewaffneten sich die russischen Bauern und Kosaken, wie sie konnten, und begannen die Mandschuren niederzumetzeln, ihre Wohnungen zu verbrennen und ihr Eigentum zu plündern. Ich will es nicht unternehmen, alles zu schildern, was auf dem Territorium der Mandschuren an der Seja vor sich gegangen ist. Es genügt, wenn ich sage, daß sämtliche 68 Dörfer bis auf den Grund niedergebrannt wurden, daß die Bevölkerung zum Teil ertränkt, zum Teil auf die barbarischste Weise erschlagen wurde, daß das Eigentum ausgeplündert und das Vieh von den Russen hinweggetrieben wurde. Als Illustration zu der Art, wie diese Vernichtung friedlicher Mandschuren ausgeführt worden war, will ich einige mir bekannt gewordene Fälle anführen.

In einem jener Dörfer, in Alim, versteckten sich, als sie die russischen Bauern kommen sahen, die alles auf ihrem Wege dem Feuer übergaben, etliche Dutzend Mandschuren in einer Fandse (chinesisches Haus). Sofort ließ der russische Dorfälteste, der den ganzen Zug leitete, diesen Bau anzünden. Rauch und Flammen zwangen die Unglücklichen, ihre Rettung in der Flucht zu suchen. Sie begannen einzeln aus dem Fenster zu springen, aber die unten postierten Bauern töteten jeden Mandschuren, der zum Vorschein kam. Der Dorfälteste erzählte nachher, daß er allein »60 Kreaturen« zur Strecke gebracht habe. An einem anderen Orte trieb eine Menge Bauern einen Haufen Mandschuren an einen Abgrund und stürzte die armen Teufel hinunter. Hierauf stiegen die Bauern selbst in den Abgrund und machten die noch am Leben Gebliebenen nieder.

Indem sie auf Befehl der Obrigkeit oder aus eigener Initiative solche Brutalitäten an den friedlichen unbewaffneten Nachbarn begingen, glaubten unsere Bauern ganz aufrichtig, daß sie damit ihre Untertanenpflicht erfüllten.

»So durften denn auch wir dem Zar und dem Vaterland dienen«, – mit diesen naiven Worten schlossen nicht selten solche »Helden« aus der Bauernschaft ihre Erzählung.

Durchaus normale Menschen, die in der Friedenszeit Mitleid selbst mit den Tieren hatten, verwandelten sich in jenen schrecklichen Tagen in grausame Barbaren. Hier zum Beispiel einige Szenen:

In einem russischen Dorfe lebte seit vielen Jahren ein Chinese, der die Dienste eines Dorfhirten besorgte. Alle Bauern verhielten sich zu ihm freundschaftlich; da drang zu ihnen das Gerücht, daß »man die Chinesen töten müsse«. Sie veranstalteten also eine Dorfversammlung und beratschlagten, wie sie mit dem in ihrem Dorfe befindlichen einzigen Chinesen, einem alleinstehenden Greise, verfahren sollten, und obwohl alle anerkannten, daß er ein guter Mensch sei, entschieden sie doch, daß man ihn töten müsse.

Als die Wirtsleute, bei denen der Chinese wohnte, ihm den Volksbeschluß mitteilten, fügte er sich seinem Schicksal und bat nur, daß man ihn bis zum Orte begleiten möge, wo man ihn töten wolle. »Ich bin ein alleinstehender Greis, habe weder Frau noch Kinder, ersetzt ihr mir meine Verwandten, begleitet mich bis an das Grab, so ist bei uns der Brauch,« sprach er. Die Wirtsleute, Mann und Frau, erfüllten seine Bitte und brachten ihn an die Stelle des Dorfes, wo die Bauern den unglücklichen Greis töteten.

Ein anderer mir bekannter Fall ist nicht weniger kennzeichnend. Ein Bauer findet beim Vorbeigehen auf dem Felde in einer Blutlache eine ermordete Mandschurenfrau, neben der ihr weinendes Kind zappelt, das vergebens nach der Brust der Mutter sucht. Als er nach seiner Rückkehr zu Hause von der schrecklichen Szene erzählte, machten ihm seine Hausgenossen Vorwürfe, warum er denn »nicht dem Kinde den Garaus gemacht habe«.

An vielen Orten, auf den Feldern und an den Ufern des Amur lagen lange Zeit verstümmelte Leichen herum. Trotz dem übermäßigen Eifer vermochten die Bauern und Kosaken doch nicht sämtliche Chinesen zu töten, einigen gelang es zu flüchten, und sie versteckten sich in Wäldern, Bergen und Gruben.

Erst etwa nach zwei Wochen, als die Mordgier nachzulassen begann und die Behörden aufhörten, zu diesem schändlichen Gebaren anzuspornen, begann man die kaum noch lebenden, durch andauerndes Hungern und die erlittenen Qualen gänzlich ermatteten Chinesen wieder in der Stadt zuzulassen. Solcher Glücklichen, die vor Erschöpfung kaum noch die Beine bewegen konnten, gab es zusammen mit denjenigen, welche infolge besonderer Verwendungen gerettet wurden, kaum einige Hundert Personen – soviel waren verblieben von den vielen Tausenden chinesischer Untertanen, die in Blagoweschtschensk und seiner Umgebung gewohnt hatten.

*

Es war unschwer vorauszusehen, welchen Charakter der Krieg annehmen würde, wenn unsere Soldaten und Kosaken auf das chinesische Gebiet hinübergingen. Kaum gelangte unsere Armee am 3. August über den Amur und nahm Besitz von der gegenüber Blagoweschtschensk liegenden Ortschaft Ssachaljan, als dort unverzüglich alles in Brand gesteckt wurde. Zwei Nächte nacheinander beleuchtete die Brandröte den Amur auf einer großen Entfernung, und an Stelle einer wohlhabenden Ortschaft, die Blagoweschtschensk mit Lebensmitteln zu geringen Preisen versorgte, sah man jetzt auf dem chinesischen Ufer nur noch brandgeschwärzte Pfosten.

Aber bei ihrem Vordringen in der Mandschurei übergab unsere Armee nicht nur alles den Flammen, sondern sie schonte auch niemand und nichts: Frauen, Kinder, Greise wurden erbarmungslos getötet und minderjährige Mädchen, nachdem man sie vergewaltigt hatte, am Orte niedergestochen. Solcher Art waren »die Taten unserer Wunderrecken«, wie Generalgouverneur Grodekoff in seinem Telegramm diese Krieger nannte, für deren »Heldentaten« er »nicht genügend Worte fand, um ihnen seinen Dank auszudrücken«. Indessen erzählten selbst einige Offiziere mit Grauen von den blutrünstigen Instinkten, die von diesen »Wunderrecken« in einem Kriege gegen Unbewaffnete, Frauen, Kinder usw., auf dem chinesischen Gebiet an den Tag gelegt wurden. Der siegreiche Zug des Generals Renenkampf nach Zizikar, der mit solchem Jubel von unserer patriotischen Presse aufgenommen wurde, darf wegen seiner Grausamkeit mit Fug und Recht mit den Zügen von Tschingis-Chan und Tamerlan verglichen werden, denn ein reiches und dicht bevölkertes Land wurde in etlichen Monaten streckenweise in eine menschenleere Wüste verwandelt, in der nur hier und da verkohlte Fandsen zu sehen waren und lange Zeit Hunde und Geier Leichen zu verzehren hatten.

Wenn irgend jemand seine Entrüstung wegen der oben geschilderten Grausamkeiten äußerte, so bekam man fast immer folgende Rechtfertigung zu hören: » Lesen Sie doch, welche Grausamkeiten die Deutschen, Franzosen und Engländer in China begehen. Wenn so sich zivilisierte Völker betragen, was will man da von uns weniger zivilisierten Russen!«

Gegen solche Gründe konnte man schwer etwas einwenden. Die weiße Rasse, die sich so viel mit ihrer Zivilisation vor dem »halb barbarischen« China brüstet, hat in diesem grausamen Kriege ihren Kulturwert vollkommen gezeigt. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts erweisen sich die Europäer nicht minder barbarisch als einst die Horden des Tamerlan und Tschingis-Chan.

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