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Sechzehn Jahre in Sibirien

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien - Kapitel 36
Quellenangabe
authorLeo G. Deutsch
titleSechzehn Jahre in Sibirien
publisherVerlag von J.H.W.Dietz Nachf. G.m.b.H
printrunElftes und zwölftes Tausend
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161103
projectid8b192e49
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XXXII
Der Tod des Zaren. – Neue Manifeste. – Die Volkszählung.

»Wissen Sie schon: der Zar ist schwer krank! Wie man sagt, zweifeln die Ärzte an seiner Genesung.« Mit diesen Worten redete mich eines Tages ein bekannter Offizier an.

Diese unerwartete Kunde setzte mich in Erstaunen. Allgemein war man der Meinung, daß Alexander III., von dessen herkulischer Körperkraft allerlei Geschichten erzählt wurden, ein hohes Alter erreichen und noch für lange Zeit sein reaktionäres Regiment führen würde. Jetzt kam plötzlich ein Hoffnungsstrahl, denn auch in Rußland gilt ja die Regel, daß man auf den Thronfolger allerlei Hoffnungen setzt.

Im November 1894 kam denn auch die Kunde vom Tode des Zaren, und bald darauf wurden zwei Manifeste verkündet: zur Verehelichung Kaiser Nikolaus II. und zu seiner Krönung. Diesmal war ich nicht ausgeschlossen. Auf Grund des ersten Manifestes wurde die Frist der ganzen Strafe um ein Dritteil gekürzt, das heißt um vier Jahre und einige Monate. Aber diese »Gnade« kam, als ich überhaupt nur noch zehn Monate vor mir hatte. Auf Grund des zweiten Manifestes wurde die Frist, die ich zu erwarten hatte, ehe ich vom Verbannten zum einfachen Bauer werden konnte, von zehn auf vier Jahre herabgesetzt. Zugleich mit der Kunde von dem ersten Manifest wurde mir mitgeteilt, daß ich nach dem Jakutengebiet in die Verbannung zu gehen hätte. Infolge verschiedener Umstände jedoch machte ich schließlich von keinem dieser Manifeste Gebrauch. Durch Familienverhältnisse gezwungen, blieb ich in Kara und ging nicht in die Verbannung.

*

An einem kalten Dezembertage im Jahre 1896 hörte ich plötzlich Schellengeläute, ein Schlitten hielt vor meinem Hause. Die Tür ging auf und ein Mann, in Schafpelz und Dochu Ein Mantel, der auf beiden Seiten, innen und außen, Pelzwerk hat. gehüllt, trat ein. Als er sich aus den Pelzen gewickelt hatte, erkannte ich unseren Schulzen, eine gewichtige Persönlichkeit, weit und breit bekannt und gefürchtet. Klugheit und Standhaftigkeit sicherten diesem Vertreter der bäuerlichen Selbstverwaltung weit über seine soziale Stellung hinaus allgemeine Beachtung. Er war selbstbewußt, unabhängig und galt als sehr gewandt und energisch, aber auch als hart und in sittlicher Beziehung nicht ganz einwandsfrei. Er wohnte nahezu dreißig Werst von meiner Wohnung entfernt und war bisher erst einmal bei mir gewesen. Es war also anzunehmen, daß nur eine wichtige Angelegenheit ihn veranlassen konnte, bei der grimmen Kälte den weiten Weg zu machen. Nach sibirischer Sitte fiel er jedoch nicht mit der Tür ins Haus; erst nachdem er einige Glas heißen Tee getrunken und einen Imbiß genossen, legte er sein Anliegen dar. Es handelte sich um folgendes:

Die Regierung hatte eine allgemeine Volkszählung angeordnet, und zwar in der Weise, daß an einem Tage die Bevölkerung in dem gesamten ungeheuren Reiche gezählt werden sollte. Dazu war eine große Anzahl geeigneter Leute notwendig, die in Rußland nicht leicht aufzutreiben waren und um so weniger in Sibirien. Die Verwaltungsbehörden waren daher in nicht geringer Sorge, und der Vorsteher unseres Bezirkes hatte eigens seine Untergebenen herbeigerufen, um die schwierige Frage zu lösen.

Als nun die Verhältnisse in Kara und den umliegenden Dörfern zur Sprache kamen, erklärte unser Gemeindeschulze, er würde die Sache nur unter der Bedingung erledigen, daß er mich zur Hilfe bekomme; ich sei die einzige geeignete Persönlichkeit, ohne mich gehe es auf keinen Fall. Der Mann hatte dabei eine gute Berechnung gemacht: mein Name mußte dem Bezirksvorsteher infolge jener Affäre mit der Beschwerdeschrift bekannt sein. Dieser erklärte denn auch, daß er nichts gegen meine Teilnahme einzuwenden habe. Auch der Pristaw, gegen den ich die Beschwerdeschrift geschrieben, erhob keine Einwände, obwohl er direkt beteiligt war. Er hatte nämlich die Aufsicht über die Zählung in seinem Bezirk zu führen und war, wenn ich mithalf, mein direkter Vorgesetzter in dieser Sache.

Der Dorfschulze setzte mir das alles auseinander und fragte, ob ich mitmachen würde. Ich sagte sofort zu, da die Arbeit bei der Volkszählung jedenfalls Abwechslung in das Einerlei bringen würde und es sich um ein nützliches Werk handelte.

Nur ein Umstand erregte meine Besorgnis: das Zusammentreffen mit dem Pristaw konnte sehr peinlich werden. Der Dorfschulze versicherte mich jedoch, daß der Mann jenen Vorfall lebhaft bedaure, ihn gern aus der Welt schaffen möchte und jedenfalls mir keinen Groll nachtrage. Ein anderes Hindernis, die Einholung der Genehmigung von seiten des Verwalters der Strafkolonie, räumte der Dorfschulze aus dem Wege, indem er dieses auf sich nahm.

Die Sache war also bald geregelt, und ich, der »Staatsverbrecher«, bekleidete plötzlich ein öffentliches Amt. Ich sollte die Zählung in einem Dorf vornehmen, das etwa fünfzehn Werst von meinem Heime entfernt war und eine sehr große Einwohnerzahl aufwies, es waren gegen tausend Köpfe; ein anderes Dorf zählte ich dann gemeinschaftlich mit dem Popen. Es war recht interessant, die eigenartige Bevölkerung in ihren Behausungen aufzusuchen und persönlich mit all diesen Leuten Bekanntschaft zu schließen. Natürlich gab es da manch komische Episode und allerlei Mißverständnisse, auch erhielt ich Einsicht in recht traurige, ja direkt tragische Zustände.

Meine Mühe wurde insofern belohnt, als die Einwohner mir verschiedentlich ihre Dankbarkeit aussprachen, und auch den Amtspersonen schien die prompte Erledigung zu imponieren. Ich hatte meine Berichte längst fertiggestellt, als eines Tags im Januar 1897 der Dorfschulze mir abermals einen Besuch abstattete; der gute Mann hatte wieder etwas auf dem Herzen. In der Instruktion war vorgeschrieben, daß der Verwalter eines Zählbezirkes nachträglich die Volkszähler, je einen aus jeder Gemeinde, zusammenberufen sollte, um die Resultate für den ganzen Bezirk nachzuprüfen und einen Generalbericht abzufassen. Der Verwalter unseres Bezirkes war nun, wie gesagt, jener gestrenge Pristaw, und ich erfuhr, daß dieser Herr extra hergekommen war, um durch Vermittelung des Schulzen mich zu bewegen, daß ich für unsere Gemeinde, die »Schilkanskaja Wolost«, an der Versammlung der Volkszähler seines Reviers mich beteiligen möchte.

Der Vorschlag hatte viel Verlockendes. Seit mehr als elf Jahren hatte ich Kara nicht verlassen dürfen und kannte nur die nächstliegenden Dörfer, und jetzt war die Möglichkeit geboten, eine Reise von einigen hundert Werst zu machen, noch dazu in einem Gebiete, das, wie ich wußte, sehr interessant war. Auch die Arbeit bei der Herstellung des Generalberichts interessierte mich. Aber ich sollte zu demselben Manne fahren, mit dem ich auf so unliebsame Weise zusammengestoßen war! Doch gelang es auch diesmal der Beredsamkeit und Zähigkeit des alten Schulzen, meine Bedenken zu entkräften, und ich beschloß, den Auftrag anzunehmen. Die Erlaubnis, meinen Internierungsort zu verlassen, wurde ohne weiteres erteilt und ich machte mich aus den Weg.

Natürlich reiste ich auf Staatskosten. Man stellte mir einen »Gouverneurschein« aus, der mich berechtigte, überall Pferde zu requirieren und in den Amtsgebäuden Wohnung zu nehmen; kurz, ich wurde diesmal als »Beamter auf Dienstreisen« behandelt.

Eine derartige Fahrt ist nun im Winter keine Kleinigkeit in Sibirien. Ich hatte einen Pelz angezogen, darüber noch eine »Dochu« und war obendrein ganz in Pelzdecken gewickelt, so daß ich mich im Schlitten kaum bewegen konnte. Der Weg führte zum größten Teil durch vollständig menschenleere Gebiete, durch hügeliges, mit Urwald bewachsenes Gelände; die Gespanne hatten schwer zu tun, meinen Schlitten vorwärts zu bringen. Alle dreißig bis vierzig Werst kamen wir an eine Station, wo die Pferde gewechselt wurden. Auf diesen Stationen kam man mir äußerst zuvorkommend entgegen und bereitete mir einen Empfang, als wäre ich eine gewichtige Amtsperson, was zuweilen äußerst komisch wirkte. Gleich auf der ersten Station, wo ich übernachten mußte, entfaltete der Dorfälteste einen großen Diensteifer. Ich war spät am Abend eingetroffen und hatte sofort mein Lager aufgesucht, als der Mann ganz verstört angelaufen kam:

»Haben Euer Wohlgeboren Befehle für mich?«

Ich wies ihn an, dafür zu sorgen, daß die Pferde vor Tagesanbruch bereit seien. Aber das schien ihm nicht zu genügen. Erst als ich ihm auseinandersetzte, wer ich eigentlich sei, meinte er: »Dann ist es freilich etwas anderes.« Aber Befehle wollte er trotzdem immer noch haben und fragte, ob er nicht die Volkszähler, die in seinem Dorfe tätig waren, herbeischaffen solle. Es fiel mir natürlich nicht ein, die Leute in später Nacht zu belästigen, was der Mann durchaus nicht einsehen wollte. Ähnlich setzten mich die Leute an anderen Orten in Erstaunen ob ihres Diensteifers. Ich wußte anfangs gar keine Erklärung dafür, bis ich erfuhr, daß der gestrenge Pristaw einige Tage vorher durchgereist sei und seinen Untergebenen eingeschärft hatte, den »Zähler von Schilkanskaja«, wie ich betitelt wurde, ja gut zu empfangen und alle seine Befehle aufs genaueste zu befolgen.

Als ich mich meinem Reiseziele näherte, traf ich auf den Stationen mit einigen anderen Volkszählern zusammen, die ebenfalls auf dem Wege zu der Konferenz waren. Unter diesen war das Gerücht verbreitet, der Vorsteher unseres Zählbezirkes habe die Listen, die ihm von den Zählern eingereicht wurden, für ungenügend befunden, und die ganze Arbeit müsse noch einmal gemacht werden. Natürlich waren sie darob sehr betrübt, denn eine derartige Arbeit konnte leicht mehrere Tage in Anspruch nehmen, während zu Hause dringende Arbeit liegen blieb. Dabei bekamen die Zähler für ihre Arbeit eine minime Belohnung: einige Rubel bar oder auf Wunsch eine Medaille, die die Regierung zu diesem Zwecke hatte prägen lassen.

Nach zwei Tagen langte ich in der Staniza Aigunskaja an, wo die Konferenz stattfand. Während der ganzen Fahrt beschäftigte mich der Gedanke, wie das Zusammentreffen mit dem gestrengen Herrn Pristaw sich wohl gestalten würde. Auch ihn schien das lebhaft zu beschäftigen, denn kaum war ich am nächsten Tage aufgewacht, als ein Kosak nach dem Hause des Semstwo kam, wo ich mit den anderen Volkszählern genächtigt hatte, und meldete, der Pristaw wünsche den »Zähler von Schilkanskaja« zu sprechen. Ich ließ sagen, ich werde so bald als möglich kommen, machte gemächlich Toilette und nahm mein Frühstück. Aber schon nach kurzer Zeit erschien der Pristaw selbst, ein dicker Mann von ungefähr fünfzig Jahren in der Uniform der Polizeibeamten und stellte sich vor als »Vorsteher des Zählbezirkes 00« namens Bibikoff. Ich meinerseits rekommandierte mich als »Volkszähler Deutsch«, und wir plauderten bald in harmlosester Weise, als wäre nie etwas zwischen uns vorgefallen. Alsbald schüttete der geplagte Mann sein Herz vor mir aus: er konnte mit seinem Amte nicht zurechtkommen. Er gestand offen, daß er sich in dem Wust verschiedenartigster Instruktionen, Anordnungen und Zirkulare der diversen Behörden nicht auskenne und nicht wisse, wie er bei der Nachprüfung der Listen und Herstellung eines Generalberichtes für seinen Bezirk zu verfahren habe. Dabei säßen ihm dreißig Zähler auf dem Halse, von denen einige schon eine ganze Woche von Hause weg seien. Die Leute wollten natürlich heim und drängen in ihn, sie zu entlassen, aber er könne dem Wunsche nicht Nachkommen, denn alle Listen seien seiner Ansicht nach untauglich. Er schloß seine Klagen mit der Bitte, ich möchte ihm doch beistehen; er wisse, wie gut ich die Sache in meinem Rayon erledigt habe, und ich wäre der einzige Mensch, der ihm helfen könne, das leidige Geschäft zu gutem Ende zu bringen; auch von den Zählern drangen einige in mich, doch ja die Sache in die Hand zu nehmen. Ich willigte nach einigem Zaudern ein, wofür mich mein ehemaliger Feind mit heißen Dankesworten überschüttete.

Als wir in die Wohnung des Beamten kamen, war die Kanzlei voller Leute; es waren die Volkszähler: Schreiber, Bader, Schulmeister, zumeist Kosaken. Sobald sie des Beamten ansichtig wurden, umringten sie ihn und drangen in ihn, sie doch endlich abzufertigen.

»Wie lange sollen wir denn noch hier sitzen? Zu Hause gibt es alle Hände voll zu tun, die Wirtschaft ist ohne Aufsicht und wir haben Ausgaben hier, die uns niemand ersetzen wird.«

»Nun, sehen Sie,« rief der Pristaw, »so geht es hier Tag für Tag, verrückt kann man dabei werden!«

Ich ließ mir die Papiere geben und suchte mich zu orientieren. Wie vorauszusehen war, stellte sich die Sache durchaus nicht so verwickelt und schwierig dar, wie es dem Polizeibeamten schien; aber es war eine außergewöhnliche Arbeit und da war er rat- und hilflos. Nach ein paar Stunden hatte ich die Dinge geordnet und konnte ihm sagen, wie er es zu machen habe.

Die Anwesenheit der Zähler erwies sich als überflüssig, und die Leute konnten schon am nächsten Tage heimfahren, worüber sie sehr glücklich waren. Dagegen mußte ich selbst vierzehn Tage lang an Ort und Stelle bleiben, um die Schreibereien zu erledigen; ich arbeitete gemeinsam mit dem Pristaw vom Morgen bis zum späten Abend. Der Mann war die ganze Zeit im Verkehr mit mir die Liebenswürdigkeit selbst. Wer ihn so hätte scharwenzeln sehen, würde kaum geglaubt haben, daß er noch vor kurzer Zeit Befehl gegeben hatte, mich zu fesseln und zu malträtieren. Jener Vorfall wurde natürlich mit keiner Silbe zwischen uns erwähnt.

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