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Sechzehn Jahre in Sibirien

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien - Kapitel 24
Quellenangabe
authorLeo G. Deutsch
titleSechzehn Jahre in Sibirien
publisherVerlag von J.H.W.Dietz Nachf. G.m.b.H
printrunElftes und zwölftes Tausend
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161103
projectid8b192e49
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XX
Von Krasnojarsk nach Irkutsk. – Mißverständnisse und Konflikte. Die Märtyrerinnen im Kerker von Irkutsk.

Die Entfernung zwischen Tomsk bis Krasnojarsk beträgt ungefähr fünfhundert Werst; wir brauchten einen vollen Monat, um diesen Weg zurückzulegen. Etwa zwanzig Tage waren wir auf dem Marsche, zehn Tage hatten wir gerastet. In Krasnojarsk sollten wir eine volle Woche rasten. Die Kriminalgefangenen wurden in dem Deportationsgefängnis untergebracht, uns brachte man in das Ortsgefängnis.

Dort angelangt, waren wir erstaunt über die musterhafte Ordnung: das neue, geräumige Gebäude war reinlich geweißt, das große Haus von tadelloser Sauberkeit, überall viel Licht und Luft, ohne die Gitter an den Fenstern hätten wir wähnen können, man habe uns in ein sauberes Hotel geführt. In ganz Sibirien und auch in Rußland habe ich kein zweites derartiges Gefängnis gesehen. Wir kamen in den Korridor, und die Gemütlichkeit wurde etwas herabgemindert. Über den Türen der Zellen lasen wir die Aufschrift: »Wegen Mordes«, »wegen Raubes«, »wegen Diebstahl«. Der Verwalter, ein Mann von ziemlich anständigem Aussehen, kam und bestimmte kurz und bündig, wir hätten uns in die Zellen zu begeben, und zwar jede Kategorie besonders: die Sträflinge, die Verbannten, die »Administrativen«, hier würde man uns einschließen, das sei hier die »Hausordnung«. Das paßte uns aber durchaus nicht: erstens störe es unseren Wirtschaftsbetrieb, erklärten wir, denn da wir seit zwei Monaten unterwegs seien, hätten wir gemeinsame Bagage, gemeinsame Kasse und könnten nicht so ohne weiteres alles ändern; zweitens hatten wir keine Lust, uns anders behandeln zu lassen, als die Instruktion vorschrieb. Wir waren auf dem Transport, und daher brauchten wir uns nicht der Hausordnung zu fügen, die für die Untersuchungs- und Kriminalgefangenen galt; es sei nicht unsere Schuld, wenn man uns statt in das Deportationsgefängnis, wo wir hingehören, hierher gebracht hätte; kurz und gut, wir werden es machen wie bisher in allen Gefängnissen, wir werden uns nach eigenem Ermessen die Zellen aufsuchen, und einschließen könnte man uns nur für die Nacht, am Tage nicht, so stehe es in unserer Instruktion.

Dem Verwalter schien unser Vorgehen neu zu sein, er war höchlichst verblüfft, als er unsere Antwort bekam, und erklärte, daß er auf keinen Fall diese Unordnung dulden könne. Wir weigerten uns entschieden, die Zellen zu beziehen und blieben mit Sack und Pack im Korridor. Der Polizeimeister wird gerufen, eine Falstafffigur und, wie sich bald herausstellte, ein unwissender Patron. Er besteht ebenfalls darauf, daß wir uns der Anordnung fügen. Wir geben ihm die gleiche Antwort und berufen uns auf unser Recht. Als wir mit ihm parlamentierten, erwähnte eine unserer Damen das Wort »Humanität«. Ähnlich wie der Postmeister in Gogols unsterblicher Komödie nicht wußte, ob das Wort » mauvais ton schlimmer sei als »Spitzbube«, wurde unser Held unruhig, ob nicht etwa »Humanität« eine Beleidigung für ihn enthalte, und wünschte eine Übersetzung. Mit Mühe das Lachen verbeißend, beruhigten wir ihn darüber. Das Ende war, daß auch dieser Würdenträger an eine höhere Instanz zu appellieren beschloß, an den Gouverneur. Dann erschienen der Reihe nach der Gendarmerieoberst und der Staatsanwalt, denen wir abermals unsere Gründe darlegten, gegen die sie schließlich nichts vorbringen konnten. Das Parlamentieren dauerte ziemlich lang, und wir kampierten immer noch im Korridor, konnten unsere Bagage nicht ordnen und unsere Mahlzeit nicht vorbereiten, obwohl wir Hunger spürten, da wir seit frühmorgens nichts genossen hatten. Endlich willigten die Beamten ein, daß wir uns einstweilen bis zur Entscheidung des Gouverneurs nach eigenem Ermessen einrichten sollten. Wir hatten also vorläufig wieder erreicht, was wir wünschten.

Am nächsten Tage, als wir beim Mittagessen saßen, erschien der Polizeimeister in voller Paradeuniform mit dem Helm auf dem Kopfe.

»Meine Herren, ich habe Ihnen den Entscheid des Gouverneurs mitzuteilen,« begann er feierlich, wurde aber von unserem Obmann kurz unterbrochen, daß er erst mal den Helm abnehmen möge.

»Meine Herren, Sie sehen, ich bin in Paradeuniform, und da gehört der Helm zur Uniform, ich kann ihn nicht abnehmen,« stotterte er ganz verblüfft ob dieser neuen Dreistigkeit.

»Was für eine Uniform Sie anziehen, kümmert uns wenig; wenn Sie zu uns ins Zimmer kommen, gebietet die Höflichkeit, daß Sie Ihre Kopfbedeckung abnehmen,« erwiderte Lasareff mit unerschütterlicher Ruhe.

»Nein, das geht nicht, das ist zu viel, ich nehme den Helm nicht ab!« ereiferte sich unser Held.

»Wie Sie wollen, wir werden aber dann auch den Bescheid des Gouverneurs nicht entgegennehmen,« meinte unser Obmann.

Der gute Mann sträubte sich noch ein wenig und entblößte schließlich sein würdig Haupt, um die feierliche Erklärung abzugeben: der Gouverneur habe unser Gesuch genehmigt. Derartige Höflichkeitslektionen mußten wir wiederholt verschiedenen Beamten erteilen.

In Krasnojarsk trennten sich abermals zwei Leidensgenossen von uns, der bereits erwähnte Veterinärarzt Snigireff und der Student Kornienko, die im Gouvernement Jenisseisk bleiben sollten. Außerdem blieb Spandoni, der erkrankt war, im Gefängnis zu Krasnojarsk. Wir waren also auf der weiteren Reise, die wir mit der gleichen Partie zurücklegten, nur noch elf Personen.

Von Krasnojarsk bis Irkutsk legten wir tausend Werst in zwei Monaten zurück. Auf dem ganzen Wege befand sich damals nur eine einzige Stadt, Nischni-Udinsk, und auch die verdiente ihren Titel als Stadt kaum. Hier trafen wir Leidensgenossen, das Ehepaar Nowakowski, das gleichfalls auf dem Wege nach Ostsibirien war. Nowakowski hatte ich in Kiew gekannt; er hatte 1876 an der Demonstration auf dem Kasanplatze in Petersburg teilgenommen, war verhaftet und nach Sibirien verbannt worden. Infolge des Krönungsmanifestes von 1883 war er sodann aus dem Orte Balagansk im Gouvernement Irkutsk nach Minuisinsk im Gouvernement Jenisseisk versetzt worden. Jetzt wurden er und seine Frau abermals nach dem Osten deportiert. Der Grund war folgender: Aus irgend einer Ursache war Nowakowski mit dem Isprawnik Ein Verwaltungsbeamter, etwa »Kreisvorsteher«. Der Übersetzer. von Minuisinsk in Streit geraten. Eines Tages kam einer der politischen Verbannten in irgendeiner Angelegenheit zu dem Beamten, dieser hielt ihn für Nowakowski und empfing ihn mit groben Scheltworten. Als er seinen Irrtum bemerkte, entschuldigte er sich. Die Sache wurde herumgesprochen und kam auch dem Nowakowski und seiner Frau, die ihm freiwillig in die Verbannung folgte, zu Ohren. Die Verbannten berieten nun einige Tage lang, was zu tun sei. Ehe sie aber einen Beschluß faßten, beschloß Frau Nowakowski zu handeln. Sie ging in das Amtsgebäude und versetzte dem Beamten eine Ohrfeige mit den Worten: »Dies für meinen Mann«. Das Gericht verurteilte sie zu Verbannung nach Ostsibirien, wohin sie jetzt deportiert wurde, und ihr Mann begleitete sie freiwillig.

Soviel ich weiß, war dies einer der wenigen Fälle solcher Art, die unter uns russischen Sozialisten vorkamen. Ich lernte Frau Nowakowski später näher kennen und schätzen. Es war eine kluge, mutige Frau von lebhaftem, entschlossenem Temperament. Beide Eheleute sind, wenn ich richtig informiert bin, in Sibirien gestorben.

Die Reise ging in gleicher Weise wie bisher von statten, nur schien die Handhabung der Instruktion immer weniger streng zu werden. Unter anderem warfen wir mit der Zeit die Fesseln ganz ab, ohne daß sich jemand darum gekümmert hätte, und auch mit der peinlichen Prozedur des Kopfrasierens wurden wir nicht belästigt.

*

Dem Gefängnis in Irkutsk sah ich mit Ungeduld entgegen. Dort mußte ich eine Freundin aus früheren Zeiten, Marie Kowalewskaja, treffen, die ich seit Jahren nicht gesehen. Wir hatten einander im Jahre 1875 kennen gelernt, gehörten beide der Organisation »Buntari« an und duzten uns, wie es damals unter uns Revolutionären allgemein üblich war. Kowalewskaja gehörte zu den hervorragendsten Frauen der revolutionären Bewegung. Sie war die Tochter eines Gutsbesitzers namens Woronzoff und mit Kowalewski, Lehrer an einem Militärgymnasium, verheiratet. Anfangs der siebziger Jahre schloß sie sich der revolutionären Bewegung an, verließ ihren Mann und ihre kleine Tochter und stürzte sich vollständig in die Parteitätigkeit. Sie war von Statur klein, hatte etwas Zigeunerhaftes an sich, war ungemein lebhaft und energisch im Auftreten, scharfsinnig, von konsequenter Logik und glühender Beredsamkeit. Besonders zeichnete sie sich bei theoretischen Debatten aus, indem sie stets den Kern der Frage zu treffen wußte, ungemein viel Leben und Aufrichtigkeit in die Verhandlungen brachte und dabei niemals persönlich und verletzend wurde. Man schätzte sie daher ungemein, und selbst Leute, die dem Sozialismus fern standen, zollten ihrer Begabung uneingeschränkte Anerkennung. Wäre diese Frau in einem anderen Lande geboren, sie hätte wahrscheinlich eine bedeutende historische Rolle gespielt, in Rußland wurde sie zu vierzehn Jahren und zehn Monaten Strafarbeit verurteilt, weil sie in einer Wohnung angetroffen wurde, wo die Revolutionäre den Gendarmen bei der Verhaftung bewaffneten Widerstand leisteten. Der Prozeß wegen bewaffneten Widerstandes im Hause Kosarowski in Kiew im Februar 1879. Zwei von den Angeklagten, Antonoff und Brantner, wurden hingerichtet, die anderen, zehn an der Zahl, zu langjähriger Strafarbeit verurteilt. Durch ihr mutiges Auftreten während der Untersuchungshaft, bei der Gerichtsverhandlung und im Kerker, wie später in Kara in Sibirien wurde Kowalewskaja eine der berühmtesten Persönlichkeiten in den Kreisen der Revolutionäre. Im Kerker, wo sie auf Schritt und Tritt Zeuge der unverschämtesten Gaunereien der Beamten war, kam ihre ungezähmte Energie in der Weise zum Ausdruck, daß diese unbeugsame Frau mit aller Leidenschaft die Ehre und Menschenwürde der Gefangenen hochhielt und verteidigte. Gleichviel, ob es sich um ernste Dinge oder um Kleinigkeiten handelte, ob die Mißbräuche von hochgestellten Beamten oder Subalternen ausgingen, sie erhob Protest, unbekümmert um die Folgen, die daraus entstanden; und war einmal ein Konflikt ausgebrochen, so gab es auch keinen Kompromiß mehr für Kowalewskaja, sie ruhte nicht eher, bis sie ihr Ziel erreicht hatte, das heißt bis die Beleidigung gesühnt oder ihre Forderungen durchgesetzt waren; sie wäre eher zugrunde gegangen, ehe sie nachgegeben hätte. Dabei hielt sie streng an der Taktik der »Buntari« fest, stets die aktivsten und radikalsten Mittel bei dem Protest gegen die Gewalt zu erheben. Kamen derartige Dinge im Kreise der Gefangenen in Frage, so war ihr Vorschlag stets: den Beamten tätlich beleidigen, die Fenster und Möbel zerschlagen usw. Nur ihr ausgeprägtes Kameradschaftsgefühl hieß sie dann wohl sich der Mehrheit fügen und andere mehr passive Kampfmittel billigen, wie die Weigerung, Nahrung zu sich zu nehmen, die Beamten zu boykottieren und ähnliches. Sie hatte bereits eine ganze Reihe derartiger Konflikte ausgefochten, und ein ähnlicher Vorfall im Gefängnis zu Kara führte dazu, daß Kowalewskaja und drei ihrer Genossinnen in Irkutsk eingekerkert wurden. Aber auch hier kam es alsbald zu einem Zusammenstoß mit dem Polizeimeister; die vier Frauen weigerten sich, Nahrung zu nehmen, und hungerten mehrere Tage. Erst als der Gefängnisarzt erklärte, daß sie zugrunde gehen würden, gab der Gouverneur nach und erfüllte ihre Forderungen.

*

In der zweiten Hälfte des September kamen wir endlich in Irkutsk, der Hauptstadt Sibiriens, an. Wir wurden in das Ortsgefängnis gesperrt, das ähnlich wie das Kiewer berühmt geworden ist durch die vielen Fluchtversuche von Staatsgefangenen. Im Februar 1880 flohen acht zu Strafarbeit Verurteilte, indem sie die Mauer durchbrachen: Beresnjuk (auch unter dem Namen Tischtschenko bekannt), Woloschenko, Iwantschenko, Alexander Kaljuschny, Nikolaus Posen, Popko, Fomitscheff und Jazewitsch. Sie wurden alle wieder eingefangen und ihre Kerkerhaft verlängert; Beresnjuk und Fomitscheff wurden an die Karre geschmiedet. Des weiteren flüchteten die beiden Frauen Sophie Bogomolez und Elisabeth Kowalskaja; beide wurden nach vier Wochen eingefangen, Kowalskaja flüchtete trotzdem noch einmal und wurde abermals gefangen.
Hingerichtet wurden in diesem Gefängnis Lechky (im Jahre 1881), der unabsichtlich einen Wächter erschlagen hatte, und Njeustrojeff, ein Gymnasiallehrer, der den Generalgouverneur Anutschin ohrfeigte, als dieser das Gefängnis visitierte. Tschedrin, ein zu lebenslänglicher Strafarbeit verurteilter Revolutionär, wurde zum Tode verurteilt, weil er den Adjutanten des Gouverneurs ohrfeigte, dann aber begnadigt und an die Karre geschmiedet; später brachte man ihn so an die Karre geschmiedet nach Schlüsselburg, wo er wahnsinnig wurde und starb.

Man wies uns Männern eine gemeinsame Zelle an und den Frauen eine andere. Kaum hatte man die Tür geschlossen, als ich auf das Fensterbrett kletterte und Marie Kowalewskaja anrief, die, wie wir bereits erfahren hatten, in einer Zelle über uns eingeschlossen war. Sie gab sofort Antwort, und wir tauschten Gespräche bis in die tiefe Nacht hinein. Später hatten wir dann während der acht Tage, die unsere Partie hier verblieb, Gelegenheit, uns auf den Spaziergängen zu sprechen. Die langen Jahre der Trennung hatten unsere Freundschaft nicht abgeschwächt, im Gegenteil, die gegenseitige Sympathie kam vom ersten Augenblick an zum Ausdruck, wir fühlten uns als alte Freunde und verstanden einander ohne viele Worte. Die Leiden, die sie ausgestanden, mußten tiefes Mitleid erregen. Da der erwähnte Hungerprotest kurz vor unserem Eintreffen stattfand, sah die Ärmste aus, als wäre sie eben dem Grabe entstiegen, aber geistig war sie ungebrochen; es war immer noch die energische, vor keinem Hindernis zurückschreckende, enthusiastische Kampfesnatur, als die ich sie kennen gelernt hatte. Selbst die Beamten konnten sich dem Zauber ihrer Persönlichkeit nicht entziehen und zollten ihrer Unbeugsamkeit und ihrem Rechtsgefühl Achtung, wie ich später beobachten konnte. Wir hatten uns natürlich unendlich viel zu erzählen, und ich bewunderte, wie regsam ihr Geist geblieben war, wie die ganze Spannkraft ihres scharfen Verstandes nie versagte, wie sie, trotz aller furchtbaren Leiden und Entbehrungen, die sie überstanden, heiter plaudern und scherzen konnte. Alles, was dort fern in der Welt der Freiheit sich ereignete, interessierte sie lebhaft, und sie wurde nicht müde, uns über alles auszufragen, was mit dem öffentlichen Leben in Rußland und Westeuropa in Beziehung stand, wobei sie sofort von jedem von uns das zu erfahren wußte, worüber er am besten orientiert war. Ich zum Beispiel mußte zwei oder drei Abende lang über die Arbeiterbewegung in Westeuropa erzählen und überhaupt meine Eindrücke in der Fremde schildern. Es war ungemein charakteristisch, daß sie die Vorzüge der europäischen sozialen Zustände im allgemeinen zu schätzen wußte, daß ihr aber viel im Vergleich zu Rußland unsympathisch war. Als ich ihr zum Beispiel meine Erlebnisse in den deutschen Gefängnissen schilderte, war sie aufs äußerste empört über diese Zustände. Ihren Anschauungen nach war sie immer noch Anhängerin des Programms der »Buntari«. Es war auch kaum anders möglich: ihre Vergangenheit gehörte vollständig jener Periode der revolutionären Bewegung an, wo die Denkweise der »Buntari« und der »Narodniki« die herrschende war und von Kritik nicht die Rede sein konnte. Dabei entsprach das einfache Programm, das darin bestand, »das Volk zu Protesten und Revolten gegen das bestehende Regime, im Einklänge mit den örtlichen Verhältnissen, zu bewegen«, durchaus ihrem sprühenden, jeder Disziplin abholden Temperament.

Ihre drei Freundinnen und Leidensgenossinnen waren ebenfalls hervorragende Persönlichkeiten. Ich hatte Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen und einiges über ihre revolutionäre Vergangenheit zu erfahren.

Da war die jugendliche Sophie Bogomolez; als Tochter eines reichen Gutsbesitzers im Gouvernement Poltawa geboren – ihr Mädchenname war Prisezkaja –, besuchte sie später das Mädchengymnasium und die »medizinischen Kurse« in Petersburg. Sie hatte einen Arzt geheiratet, hatte aber dann ebenso wie Marie Kowalewskaja ihre Familie, den Mann und einen kleinen Buben, verlassen und sich ganz der revolutionären Bewegung gewidmet. Im Jahre 1880 wurde sie als Mitglied des südrussischen Arbeiterbundes verhaftet und zu zehn Jahren Strafarbeit verurteilt. Sie machte dann, wie erwähnt, einen Fluchtversuch, und bekam weitere fünf Jahre zudiktiert, schließlich wurde diese Frist noch um ein Jahr verlängert infolge eines Rencontres, das sie mit einem Beamten hatte, und außerdem wurde sie in die Kategorie der »zu Prüfenden« versetzt, das bedeutet, wie ich später auseinandersetzen werde, daß die Frist der eigentlichen Kerkerhaft verlängert wurde. Auch Sophie Bogomolez war ihrem ganzen Temperament nach eine Anhängerin der »Revolte« und führte während ihrer Kerkerhaft einen unerbittlichen Kampf gegen die Behörden jeder Art. Ja sie ging noch weiter als ihre Freundin Kowalewskaja, denn während jene nur gegen die Mißbräuche, Schikanen und Gaunereien kämpfte, sah diese in jedem Gefängnisbeamten einen persönlichen Feind. Jeden, selbst den geringsten Kompromiß, wie ihn fast jeder der Gefangenen schließen mußte, hielt sie für unstatthaft, für Prinzipienbruch. Sie war zum Beispiel der Ansicht, daß kein Gefangener sich der Leibrevision unterwerfen dürfe, weil das eine Beleidigung seiner Menschenwürde sei. Rücksichten auf die eigene Gesundheit kannte sie nicht und war stets bereit, selbst ihr Leben in die Schanze zu schlagen. Die Beamten zitterten vor ihr, da sie wohl wußten, daß das einzige Mittel, über das sie verfügten, Strafen, hier nicht verfingen.

Die dritte der Gefangenen von Irkutsk hatte folgende Geschichte in ihrer revolutionären Tätigkeit: Im Frühjahre 1878 wurde aus dem Gebäude der Finanzverwaltung in Cherson die Summe von 1 500 000 Rubel gestohlen, wobei der Einbruch aus dem Nachbarhause geschehen war. Die Polizei hielt noch an demselben Tage auf der Straße eine Dame an, die in einem Bauernwagen über Land fuhr und ein paar verdächtige Säcke mit sich führte. Die Dame wurde als die Frau eines Gutsverwalters aus der Nachbarschaft, Helene Rossikoff, erkannt, und die Säcke enthielten eine Million Rubel. Mit ihr zusammen wurde noch eine Frau verhaftet, die an dem Raub beteiligt war, und infolge der Aussagen dieser Frau fand man auch das übrige Geld nach Abzug von etwa 10 000 Rubeln. Es stellte sich heraus, daß dieses extravagante Unternehmen von Frau Rossikoff organisiert worden war. Sie hatte die Staatskasse beraubt mit der Absicht, das Geld für revolutionäre Zwecke zu verwenden. Mit noch einigen Personen, die an der Tat beteiligt waren, vor ein Kriegsgericht gestellt, wurde sie als Rädelsführerin zu lebenslänglicher Strafarbeit verurteilt.

Auch sie führte im Gefängnis einen unablässigen Kampf gegen die gesamte Verwaltung und ließ sich durch nichts abschrecken. Die vierte der Märtyrerinnen von Irkutsk war Marie Kutitonskaja. Sie war ein Zögling des Mädcheninstituts von Odessa und hatte sich, noch jung an Jahren, der revolutionären Bewegung angeschlossen. Im Jahre 1879 wurde sie als Genossin von Lisogub und Tschubaroff zu vier Jahren Strafarbeit verurteilt und nach Kara geschickt. Nach Ablauf der Frist wurde sie in dem Flecken Akscha in Transbaikalien interniert. Aber bald war sie abermals im Gefängnis. Die Behörden in Kara hatten die männlichen Gefangenen malträtiert (worüber ich noch berichten werde); Kutitonskaja beschloß, Rache dafür an dem Hauptschuldigen, dem Gouverneur von Transbaikalien, Iljaschewitsch, zu nehmen und hatte einen Schuß auf ihn abgefeuert, aber fehlgeschossen; das Kriegsgericht verurteilte sie zum Tode, doch wurde dann statt dessen lebenslängliche Strafarbeit über sie verhängt. Eine schöne, vornehme Erscheinung, blondhaarig, mit gewinnenden, zarten Gesichtszügen, gewann Marie Kutitonskaja die Herzen im Fluge. Als sie das Attentat gegen den sibirischen Machthaber beging, wurde sie einer grausamen, unmenschlichen Behandlung unterworfen: man warf sie in ein finsteres, feuchtes Verlaß und gab ihr nur Wasser und Brot. Hilfe kam ihr von den Kriminalsträflingen, die sie im Gefängnis gesehen hatten und sie vergötterten; sich der größten Gefahr aussetzend, drangen diese Leute zu ihr, brachten ihr Nahrung und erwiesen ihr sonst Dienste. Ohne diese Hilfe wäre sie vielleicht zugrunde gegangen. Die Sträflinge hatten übrigens ihren Namen einer kleinen Veränderung unterworfen und nannten sie statt Kutitonskaja Kupidonskaja; sie hatten auf diese Weise ohne ihr Wissen eine richtige Bezeichnung für die schöne Frau gefunden, »die Kupidonische«. Die lange Kerkerhaft hatte ihre Kraft gebrochen, sie wurde lungenkrank und erlag im Jahre 1887 ihrem Leiden.

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