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Sechzehn Jahre in Sibirien

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien - Kapitel 21
Quellenangabe
authorLeo G. Deutsch
titleSechzehn Jahre in Sibirien
publisherVerlag von J.H.W.Dietz Nachf. G.m.b.H
printrunElftes und zwölftes Tausend
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161103
projectid8b192e49
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XVII
Unsere Versammlungen. – In Tjumen. – Trennung. Auf den Strömen Sibiriens. – Ein entsetzlicher Vorschlag.

Die Stadt Tjumen war zu jener Zeit berüchtigt wegen der Zusammenstöße, die dort fortwährend zwischen den transportierten politischen Verbannten und den Behörden stattfanden. Wir befürchteten, daß auch unsere Partie vielleicht derartige Kämpfe zu bestehen haben würde, deren Ursache wir im voraus aus den Briefen verschiedener Genossen kannten. Daher berieten wir beizeiten, wie wir uns gegebenen Falles verhalten und was wir von den Behörden fordern sollten, worauf wir im Verkehr mit ihnen zu halten hätten. Bereits auf den Etappenstationen gab es aus diesem Grunde äußerst bewegte Beratungen, aber wie es nun einmal russische Sitte oder Unsitte ist, kamen wir niemals zu einem Beschluß, weil keine Ordnung in die Debatte zu bringen war, alles durcheinander schwatzte und niemand die Meinung des anderen respektierte. Um einigermaßen Ordnung zu schaffen, wählte man mich zum Vorsitzenden, und ich versuchte, parlamentarische Sitten einzuführen. Aber es ging trotzdem durchaus nicht besser, einzelne meinten sogar, es gehe mit einem Vorsitzenden noch schlechter als ohne ihn. In der Tat soll der noch geboren werden, der es versteht, in einer Versammlung junger russischer Hitzköpfe parlamentarische Ordnung aufrecht zu erhalten! Gewöhnlich melden sich ein halbes Dutzend eifriger Debatteurs gleichzeitig zum Worte, einer erhält das Wort und läßt eine Rede vom Stapel. Da Kürze niemals zu den Vorzügen eines russischen Redners gehört, spricht er natürlich sehr lange; die anderen können nicht mehr an sich halten, und da sie nicht das Wort haben, äußern sie ihre Meinung »privatim«, aber so laut, daß es die Umstehenden hören, jetzt erklärt ein dritter, der Vorsitzende tauge nichts, sonst hätte er, der überaus Wichtiges zu sagen hat – natürlich! – schon längst das Wort erhalten müssen; ein vierter erklärt es für Unsinn, daß man überhaupt daran denken könne, die Antwort auf die Meinung des ersten Redners aufzusparen, bis man zum Worte komme. Das schönste Tohuwabohu ist fertig, und der »Parlamentarismus« findet allgemeine Verdammung.

»Nein, meine Herrn! Mit diesen westeuropäischen Geschichten kommen wir nicht aus!« ruft jemand und findet allgemeinen Beifall. Darauf beginnt eine »echt russische« Beratung, das heißt ein halbes Dutzend Stimmen schreit durcheinander. Freilich versteht man dann erst recht nichts, aber manche finden es trotzdem besser: sie können sich recht ausschwatzen; zwar erreichen sie damit nichts, aber beim »Parlamentarismus« wären sie vielleicht gar nicht zum Worte gekommen, und das ertragen sie nicht.

So ging es auch diesmal. Die einen meinten, der »Parlamentarismus sei überhaupt zwecklos«, andere schoben mir Unglücksraben die Schuld zu, ich wäre kein stilgerechter Vorsitzender. Jedenfalls kamen wir in Tjumen an, ohne irgend etwas beschlossen zu haben.

Tjumen war damals der Ort, von dem aus die Deportierten nach den verschiedenen Teilen Sibiriens dirigiert wurden. Auch unsere »Partie« sollte hier getrennt werden – die einen sollten nach dem Süden Westsibiriens, andere nach Nordosten. Zu den letzteren gehörten wir: die Sträflinge, die Verbannten und einige der »administrativ Verschickten«. Außer uns Sträflingen kannte jedoch niemand den Bestimmungsort, das Dorf oder die Stadt, wo man ihn hinbringen würde, ja es wußte nicht einmal jeder, ob er nach Süden oder nach Norden von Tjumen aus geschickt werde. Nun sind aber die Unterschiede in dieser Beziehung selbst in einem Gouvernement Sibiriens oft größer, als der Unterschied zwischen Norwegen und Italien. Man kann sich denken, mit welcher Spannung wir der Entscheidung in bezug auf die »administrativ Verschickten« entgegensahen; ihr Schicksal hing jetzt ganz davon ab, wohin man sie von Tjumen aus dirigierte.

Schon an dem Tore des Gefängnisses kam es um ein Haar zu einem Zusammenstoß mit der Verwaltung. Man wollte nämlich unsere Genossinnen in ein besonderes Frauengefängnis bringen, das weit entfernt von dem für uns bestimmten lag. Wir widersetzten uns dem, weil eine solche Trennung unseren ganzen Wirtschaftsbetrieb gestört hätte und uns auch sonst nicht paßte. Die Beamten gaben denn auch schließlich nach.

Wir hatten nur einige Tage in Tjumen zu verbleiben, und so wurde die Hauptfrage bald entschieden. Die meisten »Administrativen« sollten nach dem Steppen-Generalgouvernement und nach dem Süden des Gouvernements Tobolsk verschickt werden, also in relativ günstige Gegenden. Aber gleichzeitig wurde uns mitgeteilt, daß diese unsere Genossen auf dem Etappenweg nach ihrem Bestimmungsort befördert werden sollten. Das war eine recht ungünstige Entscheidung. Auf dem Etappenweg befördert werden, hieß so viel, als viele Wochen unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen unterwegs sein, alle möglichen Strapazen erdulden, während alles das zu vermeiden wäre, wenn man statt des Weges über Land den Weg zu Wasser, auf einer Barke oder einem Dampfschiff, wählte. Die Verschickung auf dem Etappenwege war eben die Ursache zahlreicher Konflikte auch bei anderen »Partien« in Tjumen gewesen. Die Beamten konnten nicht umhin, die Argumente der Verbannten anzuerkennen, aber sie hielten aus Bequemlichkeit oder sonst aus unbekannten Gründen an der althergebrachten Beförderungsweise fest. Unsere Genossen, die nach dem Süden gehen sollten, beschlossen jedoch, unter allen Umständen sich der Etappenbeförderung zu widersetzen, und wir alle wollten sie bei diesem durchaus gerechtfertigten Protest unterstützen. Wieder gab es bewegte Versammlungen, und schließlich wurde beschlossen, ein Telegramm an den Gouverneur zu senden mit dem Ersuchen, er möchte die nach dem Süden Bestimmten per Schiff befördern lassen. Der zur Abreise bestimmte Tag kam, und man rief unsere »Administrativen« einzeln nach der Kanzlei; wir hielten sie jedoch im Gefängnis zurück. Hätte man Gewalt angewandt, so wäre es zweifellos zu einem furchtbaren Zusammenstoß gekommen; doch lief alles vorläufig gut ab, weil die Beamten abermals nachgaben, allerdings nur um uns eine Falle zu stellen. Statt unser Telegramm zu beantworten, traf der Gouverneur persönlich ein – vielleicht war er zufällig aus Tobolsk herübergereist – und erledigte die Sache. Er erklärte bereitwilligst, daß unsere Kameraden, unserem Gesuch gemäß, per Schiff reisen sollten. Dieses Versprechen des höchsten Beamten genügte uns natürlich, und wir beruhigten uns. Der höchste Beamte aber hatte uns einfach belogen!

Bald darauf sollten wir uns trennen. Die nach dem Norden von Tobolsk und nach Ostsibirien Bestimmten bekamen Befehl, sich reisefertig zu machen. Natürlich hatten wir damit viel zu tun, galt es doch, für eine Reise von vielen Monaten sich zu rüsten. Dann mußte auch unsere gemeinsame Wirtschaft gelöst werden. Das verfügbare Geld und die Proviante wurden derart geteilt, daß jede der Partien, je nach der Länge der Reise, die ihr bevorstand, einigermaßen versorgt war; außerdem wurden den »Administrativen« und den Verbannten, soweit sie unbemittelt waren, kleine Summen überwiesen für die dringendsten Ausgaben in der ersten Zeit am Bestimmungsort.

Die Trennung wurde uns nicht leicht, und man sah an den nächsten Tagen auf dem Gefängnishof Gruppen und einzelne Paare stundenlang in endlose Gespräche vertieft umherwandeln. Es waren meist Menschen, die sich in der Freiheit nicht gekannt, die erst im Moskauer Deportationsgefängnis oder während der Reise einander kennen gelernt hatten. Abgesehen von den intimeren Banden, die sich zwischen einzelnen geknüpft hatten, waren wir alle während unserem halbjährigen Beisammensein uns gegenseitig nähergetreten. Natürlich faßte man angesichts der Trennung aufrichtige Beschlüsse, die gegenseitigen Beziehungen aufrecht zu erhalten, einander nicht zu vergessen, was auch kommen möge. Leider sind die äußeren Umstände nur zu oft mächtiger als Entschlüsse und selbst Herzenswünsche. Nach einigen Jahren, oft Tausende Werst von einander getrennt, in bezug auf unsere Korrespondenz allen möglichen Beschränkungen unterworfen, mußten wir die Freunde aus den Augen verlieren und allmählich vergessen. Mit wievielen der neuen Kameraden habe ich die Hoffnung geteilt, daß wir uns noch einmal begegnen. Jetzt sind neunzehn Jahre verstrichen, und ich habe nur einen von ihnen gesehen.

Über das Schicksal unserer »Administrativen« erfuhren wir später folgendes: Als das Gros unserer »Partie« fort war, erklärten die Beamten, daß, entgegen dem ausdrücklichen Versprechen des Gouverneurs, das Gesuch, den Transport per Schiff zu bewerkstelligen, nicht berücksichtigt werden könne; da unsere Genossen sich weigerten, freiwillig auf dem Etappenweg sich befördern zu lassen, wurden sie mit Gewalt von Soldaten aus den Gefängnissen gezerrt und auf die Wagen gepackt, wobei es zu Raufereien kam, die jedoch glücklicherweise keine tragischen Folgen hatten. Man hatte uns also belogen, weil man nicht wagte, Gewalt anzuwenden, solange wir alle beisammen waren.

Wir waren jetzt fünfundzwanzig Personen, die den Weg nach Nordosten zu nehmen hatten: vier zu Zwangsarbeit Verurteilte, Tschuikoff, Spandoni, Marie Kaljuschnaja und ich; vier zu Verbannung Verurteilte, Wassiljeff, Daschkjewitsch und die Frauen Tschemodanoff und Tschulejnikoff; die übrigen waren »administrativ Verschickte«, die zum Teile nach dem Norden des Gouvernement Tobolsk, zum Teile nach Ostsibirien bestimmt waren. Zu den letzteren zählte neben Rubinok und Maljewanny unser »Obmann« Lasareff, der sein Amt nach wie vor ausübte, da unsere Wirtschaftsorganisation die gleiche blieb.

Von Tjumen aus hatten wir uns per Schiff nach der Stadt Tomsk zu begeben. Unsere Route war also: die Tura, an deren Ufern Tjumen liegt, entlang bis zu ihrer Mündung in den Tobol, diesen entlang bis zum Irtysch, diesen bis zum Obi, dann stromaufwärts bis an den Tomi, an dessen Ufern die Stadt Tomsk liegt. Wir hatten also eine Stromfahrt von ungefähr dreitausend Werst vor uns, die mindestens fünfzehn Tage dauern sollte. Abermals wurden wir, wie auf der Wolga, in den beiden Kajüten einer Sträflingsbarke untergebracht, und ein Dampfer nahm unseren schwimmenden Kerker ins Schlepptau. Diese Stromfahrt hatte wenig Interessantes. Obwohl es bereits im Juni war, zeigten sich hier noch kaum Zeichen des Frühlings. Stellenweise begegneten uns noch vereinzelte Schollen Treibeis, die Nächte waren recht kalt, und auch am Tage wärmte die Sonne nicht besonders. Die Ströme waren infolge des Hochwassers gewaltig angeschwollen, und oft konnten wir ringsum keine Ufer entdecken. Alles schien abgestorben, öde, und auf gewaltige Entfernungen bemerkte man oft nicht die geringsten Spuren des Vorhandenseins menschlicher Wesen. Die Todesstille, der Mangel jeglichen Lebens bei so vorgeschrittener Jahreszeit, die beständig, je weiter wir nach Norden kamen, zunehmende Kälte, alles das wirkte unheimlich, deprimierend auf das Gemüt.

»Und in diesen Urwäldern und der endlosen Tundra leben auch Menschen,« dachte ich mit Grauen, und dann malte ich mir aus, daß ich selbst erst nach vielen, vielen Jahren, erst nachdem ich im Kerker meine Kräfte aufgerieben, das »Recht« erhalten würde, an einem ähnlichen, vielleicht noch öderen Orte zu leben, und dabei würde ich auch nicht die Freiheit genießen, die die unglückseligen Eingeborenen besitzen, die Samojeden und Ostjaken, die in diesen Urwäldern und endlosen Steppen umherschweifen ... Unser Schiff legte einigemal während der Fahrt an, um Brennholz aufzunehmen oder an den Haltestellen, die hier eingerichtet sind. Dann kamen wohl die Ostjaken an Bord. Auf ihren jämmerlichen aus Baumrinde gefertigten Booten, Jalik, kamen sie angerudert und boten Fische zum Tausche an. Geld schienen sie kaum zu kennen, denn auf die Frage nach dem Preise eines Fisches antworteten sie immer nur das eine Wort »Rup«, was Rubel bedeuten sollte, nahmen dann aber seelenvergnügt mit einer Kupfermünze vorlieb; jedenfalls bereitete ihnen ein Stück Brot oder ein wenig Tabak viel mehr Freude. Die Leute machten einen überaus kläglichen Eindruck und wurden von unseren Schiffern und Soldaten mit der größten Verachtung behandelt; sie wurden mit »Wanjka« Eigentlich »Hänsel«; oft gebraucht in der schmeichelhaften Bedeutung »Dummer Hans«. Der Übersetzer. angeredet und ließen es sich ruhig gefallen. Zuweilen sahen wir in der Ferne ihre Hütten, Jurten, kegelförmige Zelte, deren Gerippe aus Ästen besteht und die Wände aus Birkenrinde oder Renntierfellen.

Außer der Gouvernementstadt Tobolsk, an der Mündung des Tobol in den gewaltigen Irtysch, passierten wir auf der ganzen Strecke von einigen tausend Werst nur noch zwei bewohnte Orte, die den Namen »Stadt« trugen, Surgut und Narym. Hier und in dem an der Nordgrenze des Festlandes gelegenen Beresow sollten einige der »Administrativen« ihren Wohnsitz nehmen. In Tobolsk trennten wir uns von ihnen. Man kann sich ungefähr vorstellen, welche Lebensbedingungen in diesen Deportationsorten gegeben sind. Eine derartige »Stadt« besteht aus einigen Dutzend Holzhütten, in denen die Bewohner, gewöhnlich Mischlinge von Russen und Eingeborenen, kampieren. Diese Leute schlagen sich kümmerlich durch, nähren sich nahezu ausschließlich von Fischen. Ein Kulturmensch muß unter solchen Umständen sich hier unsäglich unglücklich fühlen. Und hierher nun schickt die russische Regierung selbst Minorenne! Ich kannte ein junges Mädchen, das im Alter von siebzehn Jahren nach Beresow verbannt wurde und zwölf Jahre lang dort ausharren mußte! Zum Glück waren unter uns keine Frauen, die nach diesen Einöden verbannt waren.

Auch als wir den Obi hinauffuhren, änderte sich das Bild kaum – fortwährend dieselbe trostlose Wüste.

Auf unserer Barke ging es jetzt still und einförmig zu. Unser Häuflein war stark zusammengeschmolzen, unser Liederchor war nicht mehr beisammen. Langsam schleppten wir uns bis Tomsk.

Die Stadt, die zu den belebtesten in Sibirien zählt, beherbergte damals nur wenige politische Verbannte. Zwei von ihnen kamen sofort bei unserer Landung auf die Barke; sie brannten vor Neugierde, uns kennen zu lernen, Neues aus der Heimat zu erfahren. Unerwarteterweise fanden sie Bekannte unter uns. Eine Dame hatte ich vor sechs Jahren gekannt; sie starrte mich an und wollte nicht glauben, daß der geschorene Sträfling derselbe Mensch sei, den sie unter durchaus anderen Umständen einst gesehen. »Nein, Sie sind nicht mehr derselbe, Sie sind so ganz anders,« wiederholte sie sinnend.

Die örtliche Gefängnisbehörde nahm uns auf der Barke in Empfang, wobei unsere Identität sorgfältig durch Vergleiche mit der Photographie im »Begleitschein« festgestellt wurde. Dann wandelten wir durch die Stadt nach dem Gefängnis. Unterwegs durchbrachen plötzlich zwei junge, fast noch im Backfischalter stehende Mädchen die Kette des Convoi und stürzten auf uns zu. Die überrumpelten Soldaten wollten die Eindringlinge entfernen, aber das war nicht so einfach. Flink wie Eichhörnchen liefen die beiden durch unsere Reihen, stellten sich uns als die Schwestern P., administrativ Verbannte, vor, gaben uns in aller Eile einen Kuß und ließen sich durchaus nicht durch die Rufe des Offiziers und der Soldaten abhalten. Erst als sie ihr Ziel erreicht hatten, verließen sie den Kreis, gingen neben unserer »Partie« her und gaben uns das Geleit bis an die Kerkertür.

Wir blieben gegen acht Tage in Tomsk. Während dieser Zeit lernten wir alle Verbannten kennen, da sie uns im Gefängnis besuchen durften. – Das Depotgefängnis, in dem wir untergebracht wurden, bestand hier aus einer Anzahl Holzbauten und einigen provisorischen Baracken. Alle Räume waren überfüllt, denn hier befanden sich gegen tausend Gefangene der verschiedensten Kategorien, meist Kriminalverbrecher, jung und alt durcheinander; den ganzen Tag waren sie ebenso wie wir Staatsverbrecher in dem geräumigen Hofe, da man uns hier ziemlich frei gewähren ließ. Bis Tomsk waren wir vollständig isoliert von den Kriminalverbrechern, von hier aus fand der Transport gemeinsam statt, und ich lernte jetzt auch die Verbrecherwelt aus eigener Anschauung kennen.

Eines Tages, als ich auf dem Hofe herumschlenderte, sprach mich einer dieser Verbrecher an. Es war ein kräftiger Mann, rothaarig, mit scharf gezeichneten Gesichtszügen, einige dreißig Jahre alt. Er war nach Sträflingsbegriffen geckenhaft gekleidet: unter dem grauen Kittel, den er über die Achsel geworfen trug, sah man ein weißes Leinenhemd, das am Halse mit einem bunten Bande zusammengehalten wurde; um die Hüfte hatte er eine Schärpe aus buntem Stoff geschlungen, und an dieser Schärpe waren die Fußketten derart künstlich befestigt, daß sie beim Gehen nicht das geringste Geräusch verursachten; die Schutzleder unter den Ringen an den Füßen waren ebenfalls kunstvoll verknüpft, so daß man sie für Stiefelschäfte halten konnte; eine Mütze ohne Schirm war kokett auf die Seite geschoben und der emporgezwirbelte Schnurrbart vervollständigte die eigenartige Eleganz; man hatte einen Repräsentanten der Aristokratie der Verbrecherwelt vor sich.

»Wieviel Jahre haben Sie?« fragte er, nachdem er höflich gegrüßt hatte.

Als ich geantwortet, fragte er weiter: »Und Sie wollen bleiben?«

»Dagegen ist wohl kaum etwas zu machen!«

»Das kommt darauf an! Wenn Sie wollen, machen wir einen ›Schub‹«. Einen »Schub« machen bedeutet bei den Verbrechern folgendes: Ein schwerer Verbrecher, der zu Zwangsarbeit verurteilt ist, tauscht mit einem anderen zu Deportation verurteilten Gefangenen, das heißt sie tauschen ihre Namen. Die minder schwer Bestraften gehen einen derartigen Tausch ein gegen eine lächerlich geringe Entschädigung; sie nehmen die schwere Strafe auf sich, während der, mit dem sie tauschen, als Deportierter gilt. Bei der ersten Station natürlich, von wo aus die Deportierten nach den ihnen angewiesenen Wohnorten verteilt werden, flüchtet der Betreffende, um in Sibirien umherzustreifen und, wenn es gelingt, nach dem europäischen Rußland zu gelangen. Der andere dagegen, der den Tausch vorgenommen, erklärt nach einiger Zeit der Behörde, daß sein Name anders sei, daß er da und da mit dem und dem getauscht habe. Die Sache wird untersucht, der Schuldige bekommt hundert Peitschenhiebe und vier Jahre Zwangsarbeit zudiktiert. Es sind gewöhnlich die unglücklichsten, dem Trunk ergebenen, vollständig verkommene Subjekte, die derartige »Tauschgeschäfte« machen; sie bekommen dafür eine Bagatelle, einige Rubel höchstens. Die Hauptmacher, die Führer der Artels wachen darüber, daß ein Gefangener, der einmal in einen solchen Tausch eingewilligt, auch seiner Verpflichtung nachkommt; wagt er einen Verrat, dann wird er einfach umgebracht.

Ich wußte, was er meinte. Auf diese Weise hatten im Jahre 1879 einige politische Verbannte – Wladimir Debogory-Mokriewitsch, Paul Orloff und W. Izbitzky – mit Kriminalverbrechern die Rollen getauscht und waren geflüchtet. Sobald das aber bekannt geworden war, hatten die Behörden Vorsichtsmaßregeln getroffen: die Papiere der politischen Sträflinge wurden mit Photographien der Inhaber versehen, sie bekamen einen besonderen Convoi, der sie von einem Orte zum anderen zu schaffen hatte, daher war jeder von uns gleichsam persönlich der Obhut eines Soldaten anvertraut. Als ich dem Manne das auseinandersetzte, war er durchaus nicht abgeschreckt.

»Unsinn! Das machen wir trotz all dieses Firlefanzes!«

Ich wußte bereits aus Büchern und Erzählungen der Genossen, daß unter den Sträflingen in Sibirien eine ganz besondere Organisation besteht. Das Prinzip dieser Organisation ist sozusagen olygarchisch. Eine kleine Anzahl hervorragender, energischer Strolche, die »Iwans« genannt werden, beherrscht die Masse; sie entscheiden alle Angelegenheiten der »Partie« im Gefängnis und wegen des Transports, führen das Regiment, unbekümmert um die Gefängnisbehörde, und die Masse gehorcht diesen Usurpatoren in sklavischer Unterwürfigkeit, selbst wenn ihre Befehle noch so grausam und ungerecht sind. Ich merkte bald, daß ich einen derartigen Oligarchen vor mir hatte.

»Es dürfte doch nicht so leicht sein,« meinte ich; in der Tat erschien mir eine Überwindung der Hindernisse unmöglich.

»Sehen Sie jenen Brunnen?« fragte mich der »Iwan«. »Nun, in diesem Brunnen findet man alle Jahre ein paar Leichen. Wir machen einen ›Schub‹, Sie tauschen mit einem anderen, das Opfer verschwindet dort ... Haben Sie verstanden?«

Ich konnte nicht begreifen, was er meinte. Als er mir seinen Plan auseinandergesetzt hatte, erfaßte mich Entsetzen. Es handelte sich darum: Ich hätte den Tausch vornehmen müssen, ehe noch die Wächter uns »Politische« persönlich kennen lernten; derjenige, mit dem ich tauschen sollte, mußte mir ungefähr ähnlich sehen. Allerdings wurde bei der Absendung der »Politischen« die Identität der Personen festgestellt, aber dann sollte einfach Deutsch fehlen. Zu diesem Zweck wollte der »Iwan« seinen Kameraden, der meinen Namen tragen sollte, ermorden und die Leiche in den Brunnen werfen. Man hätte also mich nicht gefunden und hätte angenommen, daß ich mir das Leben genommen oder ermordet worden sei, während ich in Wirklichkeit an Stelle des Ermordeten als Kriminalgefangener in die Verbannung gegangen wäre, um dann, was für diese Kategorie Verbannter nicht besonders schwer ist, zu flüchten. Für dieses Verbrechen forderte der Mann eine Bagatelle – zwanzig oder dreißig Rubel –, wobei er den Sündenlohn mit einer Anzahl Komplizen hätte teilen müssen. Er setzte mir auseinander, daß unter den Kriminalverbrechern derartige abenteuerliche und verbrecherische Dinge durchaus nichts Ungewöhnliches seien, und daß sie meistens gelingen.

Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, während ich dem Manne zuhörte. Er behandelte die Angelegenheit mit Ruhe und Gelassenheit, als ob es sich um das harmloseste Geschäft von der Welt handelte und nicht um den Mord eines Menschen, der noch dazu sein Leidensgefährte war. Natürlich wies ich das Ansinnen zurück, was er wiederum unbegreiflich fand. Später, als ich das Milieu genauer kennen lernte, sah ich ein, daß der Vorschlag durchaus den Sitten und der Denkweise der Verbrecher entsprach und durchaus nichts Abnormes war.

Wie bemerkt, sollten wir von Tomsk ab gemeinsam mit den Kriminalverbrechern transportiert werden. Man kann sich hiernach ausmalen, was das für uns zu bedeuten hatte.

In Tomsk wurden noch einige unserer Kameraden von uns getrennt, und wir blieben unserer vierzehn, die nach Ostsibirien bestimmt waren, darunter drei Damen: Marie Kaljuschnaja, Barbara Tschulejnikowa und Ljubow Tschemodanowa. Diese wollte man von uns trennen und mit einer Partie verheirateter Sträflinge weitertransportieren. Da wir aber von erfahrenen Leuten wußten, daß ein derartiger Transport inmitten der zügellosen Bande der Verbrecher mit unendlichen Widerwärtigkeiten und Leiden für die Frauen verbunden war, wandten wir uns auf Anraten des Gouverneurs mit einem Gesuch an die Hauptgefängnisverwaltung in Petersburg und erreichten so, daß unsere Genossinnen in unserer Mitte bleiben durften.

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