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Sechzehn Jahre in Sibirien

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLeo G. Deutsch
titleSechzehn Jahre in Sibirien
publisherVerlag von J.H.W.Dietz Nachf. G.m.b.H
printrunElftes und zwölftes Tausend
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161103
projectid8b192e49
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XII
Neue Bekanntschaften. Die Verschwörerinnen von Romny. – Ankunft in Moskau. Schicksalsgenossen. – Der offenherzige Kapitän.

Am nächsten Morgen wurde ich in die Kanzlei geführt, wo Anstalten zur Weiterreise getroffen wurden. Als die Formalitäten erledigt waren, hieß mich der Verwalter ins Nebenzimmer treten:

»Sie finden dort Gesellschaft, Kameraden, die mit Ihnen nach Moskau transportiert werden.«

Bei der Unterredung hatten mir die beiden Damen bereits mitgeteilt, daß zwei »administrativ« Verbannte, Wladimir Maljewanny und Anna Ptschelkina, mit mir reisen würden, und ich freute mich, meine Gefährten kennen zu lernen. Maljewanny kannte ich bereits dem Namen nach seit langer Zeit. Er war einst Sekretär der Gemeindevertretung in Odessa gewesen, wurde dann Ende der siebziger Jahre administrativ nach Sibirien verbannt, war nach einigen Jahren entflohen und wurde jetzt abermals auf fünf Jahre nach Ostsibirien geschafft. Die Verbannungsfrist wurde später erneuert; Maljewanny starb 1892 im Krankenhause zu Tomsk.

Als ich ins Zimmer eintrat, fand ich dort zwei elegant gekleidete junge Damen, einen Herrn mittleren Alters mit schwarzem Vollbart und einen Offizier in voller Uniform. Die eine Dame stand hart an der Schwelle, und ich bot ihr die Hand zur Begrüßung; aber sie wich zurück und starrte mich verwundert, empört und erschrocken zugleich an. Offenbar hielt sie mich für einen frechen Kriminalsträfling. Lächelnd nannte ich meinen Namen, und jetzt erst ergriff das junge Mädchen meine Rechte und schüttelte sie herzhaft unter tausend Entschuldigungen. Es war eine Schwester von Anna Ptschelkina, die gekommen war, um Abschied von der Verbannten zu nehmen.

»Ich bin wirklich erschrocken vor Ihnen,« sagte sie freundlich und etwas beschämt lächelnd.

Der Herr mit dem schwarzen Barte war Maljewanny, die andere Dame mit krankhaftem, aber ausdrucksvollem und sympathischem Gesicht Anna Ptschelkina, die auf die Dauer von drei Jahren nach Westsibirien deportiert wurde; der Offizier war Hauptmann Wolkoff, der unseren Convoi kommandierte. Wir Verbannten hatten natürlich sofort Bekanntschaft geschlossen und waren sogleich in die lebhafteste Unterhaltung vertieft. – Mit meinem rasierten Kopfe, den klirrenden Ketten und dem Sträflingsanzuge stach ich scharf gegen die anderen ab, die anständig und zivilisiert aussahen. In den Augen der beiden Schwestern, besonders der jüngeren, sah ich deutlich herzliche Teilnahme an meinem Geschick. Sie mochte wohl zum erstenmal im Leben einen Sozialisten vor Augen haben, der, zum Verbrecher gestempelt, »aller Rechte bar«, einer düsteren Zukunft entgegenging. Sie bat mich, wenn ich irgendwelche Wünsche hätte, sie zu äußern, und reichte mir einen Bleistift und Papier, damit ich ihr einige Worte zum Andenken schreibe. Ich schrieb die Titel einiger Lehrbücher der Mathematik, die ich gern haben wollte, auf den Zettel, worauf sie versprach, dieselben mir zu senden; doch hat sie wohl die Sache vergessen oder mein eigenartiges »Autogramm« verloren, denn die Bücher trafen nicht ein.

Maljewanny und Ptschelkina wurden dann in einen Wagen gesetzt und zur Bahn gefahren, während ich es vorzog, trotz der Aufforderung, mitzufahren, zu Fuß zu gehen. So wanderte ich denn wieder mit der »Partie« kettenrasselnd über die Straßen meiner Vaterstadt. Wann und unter welchen Umständen werde ich sie wohl wiedersehen?

Wir wurden jetzt zu dritt in dem Waggon untergebracht, den die Mannschaften des Convoi inne hatten, während für den Offizier ein kleines Coupé reserviert war. Wir machten es uns bequem, und fort ging es.

Ich suchte vor allem zu erfahren, weshalb meine Leidensgenossen verbannt waren, und in diesem, wie in zahllosen Fällen, die mir später von Leuten, die auf »administrativem Wege« nach Sibirien geschickt worden, erzählt wurde, ist in meinem Gedächtnis auch nicht die leiseste Andeutung dessen, was man unter »Verbrechen« versteht, haften geblieben. In diesem, wie in den bei weitem zahlreichsten Fällen handelte es sich einzig darum, daß die Betreffenden im Verdacht standen, politisch »übelgesinnt« zu sein. Ein klassisches Wort und ein kaum definierbarer Begriff, der nur den Untertanen des Zaren geläufig ist. Das Wort lautet im Russischen »neblagonadjeschnyi«, die wörtliche Übersetzung müßte lauten: »Jemand, auf den keine gute Hoffnung zu setzen ist.« Dem Sinne nach dürfte das Wort »übelgesinnt« am ehesten zutreffen. Der Übersetzer. Der junge Mann oder das junge Mädchen kannte den N. N., verkehrte da und dort, las dieses oder jenes, das genügte, um den Verdacht zu erwecken, daß der junge Mann oder das junge Mädchen »übelgesinnt« seien; findet bei der Haussuchung die Polizei oder die Gendarmerie noch einen verdächtigen Brief oder ein verbotenes Buch, so sind die Folgen sicher: Haft, Verbannung, Sibirien. Es scheint kaum glaublich, daß Leute jahrelang im Kerker schmachten, ohne den Schein eines Gerichtsverfahrens, einfach auf die Anordnung eines Offiziers der Gendarmerie hin; ja noch mehr: daß sie auf Gutachten dieser Offiziere, die sich meistenteils durch Ignoranz auszeichnen, in die Einöde Sibiriens verbannt werden. Selbst wer schon an alles und jedes in Rußland gewöhnt ist, wird immer wieder von neuem durch die unglaublichsten Vorgänge in Erstaunen versetzt.

Als wir uns nämlich einer größeren Eisenbahnstation näherten, teilte uns der Offizier mit, es würden uns hier noch einige politische Verbannte hinzugesellt werden. In der Tat wurden, als der Zug hielt, zwei blutjunge Mädchen, höchstens achtzehn bis zwanzig Jahre alt, und zwei Jünglinge hereingeführt. Wir drei, die wir von Kiew kamen, waren zwar noch keine Greise, aber im Vergleich mit den neuen Reisegefährten waren wir alt zu nennen. Wir empfingen die Ankömmlinge herzlich, überschütteten sie natürlich alsbald mit Fragen und erfuhren folgendes:

Im Gouvernement Poltawa liegt die kleine Kreisstadt Romny, und in diesem Städtchen befindet sich ein Mädchengymnasium. Zwei oder drei der Schülerinnen kamen auf den Gedanken, gemeinschaftlich Bücher zu lesen, wohlgemerkt: Bücher, die allgemein zugänglich und nicht im entferntesten verboten waren. Bald schlossen sich andere junge Leute an, und so entstand ein Lesekränzchen, das vorzüglich geeignet schien, die langen Winterabende in der öden Provinzstadt zu verkürzen. Natürlich dachten die jungen Leute gar nicht daran, ihr Kränzchen geheim zu halten, weil sie nicht ahnten, daß darin ein Verbrechen gesehen werden könnte. Aber das Auge des Gesetzes wacht! Bald erfuhr der dortige Gendarmerieoffizier die Sache und – triumphierte! Seit Jahren saß der Mann in diesem Krähwinkel, noch nicht eine einzige »Verschwörung« hatte er entdeckt, nicht einen einzigen »Geheimbund«; jetzt war ihm geholfen; er konnte seine glänzenden Fähigkeiten entfalten, seinen Eifer »für Kaiser und Vaterland« an den Tag legen und – Anerkennung der Vorgesetzten, vielleicht ein Orden oder eine Rangerhöhung winkten. In einer Nacht drangen die Gendarmen in die Wohnungen der Gymnasialschülerinnen ein – Haussuchung! Zwar wird nichts »Verdächtiges« gefunden, aber die geängsteten Mädchen »gestehen«, daß sie sich »versammelt haben«, daß sie »im Verein« Bücher lasen! Das genügt dem braven Rittmeister, die Staatsaktion wegen des »Geheimbundes in Romny« kann eingeleitet werden: die jungen Mädchen und ihre Freunde werden verhaftet und in das Gefängnis gesperrt, nach Petersburg geht ein Bericht ab über die Entdeckung eines »Geheimbundes«, an dem die und die Personen beteiligt sind, die gemeinsam »soziale Fragen« erörtert haben; der Offizier ist daher der Meinung, daß die Übeltäter nach Sibirien zu verbannen sind.

Als mir diese Mädchen und Knaben ihre höchst einfache Geschichte erzählten und ihr »Verbrechen« darlegten, wollte ich, der ich doch wahrhaftig keine allzu schmeichelhaften Vorstellungen über die gesetzlichen Zustände in Rußland hegte, nicht glauben, daß weiter nichts vorlag. Erst als ich diese »Verschwörerinnen von Romny« und manche andere »Staatsverbrecher« näher kennen lernte, kam ich zu der Überzeugung, daß keine Phantasie imstande ist, so nichtige und windige Vorwände zur Verfolgung und Verbannung der harmlosesten Menschen zu ersinnen, wie sie augenscheinlich den Gendarmen, der Geheimpolizei, der Sicherheitsabteilung usw. geläufig sind. Nachdem man also diese Mädchen und Jünglinge lange in Untersuchungshaft gehalten hatte, schickte man sie jetzt für drei Jahre in die Verbannung nach Sibirien; da aber die Schiffahrt auf den sibirischen Flüssen erst im Monat Mai beginnt, so mußten sie mit uns zusammen in Moskau im Zentralgefängnis für Deportierte überwintern, mit anderen Worten, sie mußten noch sechs bis acht Monate hinter Schloß und Riegel zubringen!

»Sind das nicht in der Tat genau dieselben Erscheinungen, wie sie das Mittelalter in seinen Ketzergerichten aufweist?« fragten wir uns, als wir diesen Fall der »administrativen Verbannung« besprachen. Der Offizier des Convois hörte es, und bald entwickelte sich eine lebhafte Debatte, wobei er natürlich unsere Anschauungen über die politischen Zustände Rußlands nicht billigte. Bald hatte er einen Kronzeugen gefunden. Als wir nämlich wieder eine größere Eisenbahnstation passierten, es mag Tula oder Orel gewesen sein, öffnete Fräulein Ptschelkina das Fenster, natürlich war es mit einem Eisengitter versehen, um frische Luft zu schöpfen. Auf dem Perron waren viele Menschen, und ein junger, starker Bursche von zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahren, in der Tracht der russischen Bauern, kam an unseren Waggon und glotzte das junge Mädchen an, mit höhnischem und schadenfrohem Grinsen rief er ihr zu: »Aha, hat man dich abgefaßt? So brumme jetzt!« Wir lachten laut aus. Wie einfach doch dieser Bauernbursche die Frage der politischen Zustände in Rußland löste: »abgefaßt – brummen.« Das läßt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Aber in der Tat: Millionen Menschen, vom Bauern bis zum hohen Würdenträger, bedienen sich derselben Logik. Zeugt nicht zum Beispiel der schöne Ausspruch des Staatsanwalts Kotljarewski: »Wo Bäume gefällt werden, gibt es Späne!« von derselben klassisch einfachen Auffassung? Und unser Offizier wußte im Grunde genommen auch nicht mehr zu sagen.

Die düsteren Betrachtungen über die furchtbaren Zustände unseres Vaterlandes wurden, wie das nun einmal so geht, wo ein paar Russen zusammen sind, mit Scherz und harmloser Plauderei, lustigen Anekdoten und Witzen verbrämt. Maljewanny war in dieser Beziehung unerschöpflich; wie die meisten Kleinrussen, hatte er eine ausgesprochen humoristische Ader und wußte meisterhaft zu erzählen. Kein Wunder also, daß aus der Ecke, die die Soldaten uns eingeräumt hatten, oft übermütig lautes Lachen erklang.

Wir waren genau achtundvierzig Stunden von Kiew bis Moskau unterwegs. Jetzt waren wir am Ziele angelangt. Ich beschloß, wieder zu Fuß zu gehen, und Ptschelkina, Maljewanny und die jungen Leute aus Romny folgten meinem Beispiel, unsere »Verschwörerinnen« dagegen benutzten den Wagen; die eine von ihnen namens Serbinoff war äußerst schwächlich und kränklich, die andere dagegen, Melnikoff, war recht robust, aber sie hing mit solch zärtlicher Liebe an der Freundin, daß sie nicht einen Augenblick von ihr wich.

Es war ein schöner Wintermorgen mit scharfem Froste. Die Häuser und Straßen von Moskau bedeckte frischgefallener Schnee. Unsere Fesseln klirrten hell in der eisigen Luft, und unter unseren Füßen knirschte der Schnee, als wir in einer langen Linie nach dem Gefängnis marschierten. Wir kamen an vielen Kirchen und Kapellen vorbei, an denen das »weiße Moskau« so reich ist; die meisten Sträflinge entblößten dann das Haupt und bekreuzigten sich. Uns »Politische« dagegen erinnerte manche Straße und mancher Marktplatz an historische Vorgänge, die sich hier abgespielt hatten und die vieles gemeinsam hatten mit unserer Lage. Hier hatten die Zaren von Moskau ihre Feinde hinrichten lassen, dort hatte man die »Verdächtigen« öffentlich gepeitscht. Jetzt tauchte »Butirki« auf, wie im Volksmunde das Gefängnis für Deportierte heißt. Es ist ein gewaltiger Steinbau und sieht aus wie ein riesiger Brunnen. Eine gewaltige Mauer mit vier Türmen an den Ecken schließt ihn ringsum ein. Der Mittelbau ist für die Kriminalverbrecher bestimmt, die nach Sibirien deportiert werden, und bietet Raum für viele tausend Mann. In den hohen Türmen dagegen werden die verschiedenen Kategorien der »Politischen« untergebracht. Die zu Zwangsarbeit Verurteilten kommen in den »Pugatscheffturm«, der seinen Namen dem berühmten Widersacher Katharina II. verdankt, jenem Pugatscheff, der Moskau »durcheinanderrütteln« wollte und dann in eisernem Käfig zur Schau gestellt wurde, bis die Zarin ihn aufs Schafott schickte. In dem »Nordturm« saßen die administrativ Verbannten, in dem dritten, dem »Kapellenturm« die in Untersuchungshaft Befindlichen, im vierten waren die Frauen aller Kategorien untergebracht.

Über die Zustände in diesem Riesengefängnis, von dem aus jährlich viele Tausende von Menschen jeden Standes, Alters und Namens nach Sibirien geschleppt werden, war ich im allgemeinen informiert. Die Berichte lauteten nicht gerade schlimm, aber als wir vor dem Tore angelangt waren und das düstere Gewölbe betraten, erfaßte mich ein peinliches Gefühl. Seit meiner Verhaftung in Freiburg, das heißt in der kurzen Zeit von acht Monaten, hatte ich außer den drei deutschen sechs russische Gefängnisse kennen gelernt, und jedesmal war das Regime ein anderes. Wie abgestumpft man immer in bezug auf die materiellen Lebensbedingungen sein mag, es bleibt doch ein peinliches Gefühl, wenn man beim Betreten eines neuen Kerkers sich sagen muß, daß einem vielleicht abermals die elementarsten Bedürfnisse verweigert werden, daß man vielleicht wieder einen Kampf zu bestehen haben wird um den Spaziergang, um Bücher, einen Tisch, eine Bettstelle.

In der geräumigen Kanzlei erwartete uns ein Mann von etwa sechzig Jahren, mit langem weißen Barte, die Brille auf der Nase, in einem abgetragenen Uniformrock mit Offiziersepauletten. Es war der Hauptmann a. D. Maltschinski, ein Gehilfe des Gefängnisverwalters, der speziell die Abteilung für politische Häftlinge beaufsichtigte. Nachdem unser Gepäck und wir selbst in der üblichen Weise untersucht waren, wurden wir nach den verschiedenen Abteilungen abgeführt.

Mich führte man erst über einen langen schmalen Hof, den eine Pforte abschloß; hier zog der Schließer, der mich begleitete, eine Glocke; ein anderer Schließer erschien und begleitete uns über einen winzigen Hof an eine eiserne Wendeltreppe, auf der wir bis zur dritten Etage emporstiegen. Auf einer kleinen, kaum einen Meter breiten, schwach beleuchteten Plattform machten wir Halt. Fünf Türen mündeten auf diese Plattform, die eine wurde geöffnet, und ich befand mich in der Zelle. Ein rascher Blick überzeugte mich, daß sie nicht gerade angenehm sein konnte; sie hatte die Form eines unregelmäßigen Dreiecks und war so klein, daß man kaum zwei bis drei Schritte darin gehen konnte, durch das kleine Fenster fiel wenig Licht, aber ein Bett und die übrigen Dinge waren vorhanden.

»Und hier sollst du volle sechs Monate bleiben,« dachte ich wehmütig.

»Guten Tag! Wer sind Sie?« hörte ich eine Stimme in nächster Nähe.

Es zeigte sich, daß nebenan zwei Gefangene saßen, die gleichfalls zu Zwangsarbeit in Sibirien verdammt waren. Sie waren an dem »Prozeß der Vierzehn« oder dem »Prozeß der Wera Figner«, wie wir ihn gewöhnlich nannten, beteiligt und nahezu gleichzeitig mit mir verurteilt worden. Wir stellten uns einander vor, indem wir durch die Gucklöcher in den Türen miteinander sprachen, was der Schließer, der sich auf der Plattform befand, ruhig geschehen ließ, und bald darauf begaben wir uns alle drei auf den winzigen Hof, den ich passiert hatte, wo wir frische Luft schöpfen durften. Im Takt mit den Ketten klirrend, gingen wir hier auf und ab und konnten uns nach Belieben unterhalten, da man uns in dem Hofe, der durch eine hohe Mauer abgeschlossen war, allein ließ.

Ich sah zum erstenmal politische, zu Zwangsarbeit verurteilte Sträflinge, die wie ich »aller Rechte bar« waren. Ein eigentümlicher Anblick! Jugendliche, abgehärmte Gesichter; beide trugen sie Brillen, auf dem Kopfe eine runde Mütze ohne Schirm, gelbe Schafpelze und die klirrenden Ketten, in diesem Aufzug machten meine Kameraden den Eindruck, als wären sie nicht wirkliche, sondern maskierte Sträflinge, so stark war der Kontrast zwischen ihren Manieren und intelligenten Gesichtern und der Tracht.

Sie standen ungefähr in meinem Alter, neunundzwanzig und dreißig Jahre. Der ältere, Athanasius Spandoni-Bosmandschi, war zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, der jüngere, Wladimir Tschuikoff zu zwanzig Jahren. Sie schienen beide niemals sich einer robusten Gesundheit erfreut zu haben und waren während der ziemlich langen Haft in der Peter-Pauls-Feste noch kränklicher geworden. Abgemagert, mit fahlen Gesichtern sahen sie aus, als wenn sie eben eine schwere Krankheit überstanden hätten. Aber dieser Mangel an Gesundheit war ein Glück für sie, weil sie beide nur aus diesem Grunde der Einkerkerung in Schlüsselburg entgingen, wohin ihre Genossen kamen, die in dem gleichen Prozeß verurteilt waren.

Wir hatten uns in der Freiheit nicht gekannt, da wir aber den gleichen Kreisen angehörten und im allgemeinen die gleichen Ziele verfolgten, begegneten wir uns im Kerker sofort wie gute Kameraden. In den ersten Tagen war der Gesprächsstoff schier unerschöpflich. Wir unterhielten uns während der Spaziergänge und auch in unseren Zellen, da uns nur ein kleiner Raum trennte, so daß wir bequem einander verstehen konnten, wenn wir durch die Gucklöcher sprachen.

Meine Befürchtungen in bezug auf das Gefängnißregime waren somit nicht zutreffend. Allerdings waren die Zellen unbequem, aber das ertrugen wir gern, angesichts der übrigen Zustände in diesem Gefängnis.

An einem der ersten Abende wurde ich in die Kanzlei gerufen, wo der alte Hauptmann mich erwartete. Meine Kameraden hatten ihn mir als einen sehr gutmütigen und umgänglichen Mann beschrieben, der den politischen Gefangenen, soweit er konnte, entgegenkam. Er bot mir einen Stuhl an und sagte, er wünsche mit mir »ganz offen« zu sprechen, worauf ich erwiderte, daß mir das nur angenehm sein könnte.

»Sie wollen durchbrennen,« hob er an, »leugnen Sie nicht! Ich weiß das ganz genau. Aber ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ein solcher Versuch nur Ihnen und Ihren Kameraden schaden würde. Wir wollen hier niemand unnütz quälen und tun alles, um das Schicksal der Gefangenen zu erleichtern. Wenn Sie irgend etwas wünschen, brauchen Sie es nur »schwarz auf weiß zu melden« (das war, wie ich später erfuhr, ein Lieblingsausdruck des Alten, womit er eine Bittschrift bezeichnte), das senden wir dann dem Gouverneur, und dieser tut stets was er kann zugunsten der Gefangenen, soweit das Gesetz es zuläßt.«

Weder vor noch nachher hat ein Beamter so offen mit mir gesprochen, und die Art und Weise, wie es geschah, erweckte Vertrauen. Der alte Herr schien den Geist der Menschen, mit denen er zu tun hatte, zu kennen. Er hatte wahrscheinlich aus den Papieren erfahren, daß ich zweimal geflohen war, und verfiel auf eine diplomatische List, indem er die Dinge beim Namen nannte, um mich von einem ähnlichen Versuch abzuhalten und gleichzeitig mir sein Wohlwollen zu zeigen. Das gefiel mir, und ich erklärte ihm, daß zwar jeder Gefangene, der der Zwangsarbeit in Sibirien entgegensieht, den sehr erklärlichen Wunsch hege, zu entfliehen, daß aber, soweit ich es übersehen könne, die Flucht aus diesem Gefängnis ganz unmöglich sei; einen Versuch aufs Geratewohl zu unternehmen, fiele mir aber nicht ein. Diese Antwort schien den alten Kapitän zu befriedigen, und wir trennten uns mit dem Bewußtsein, daß wir miteinander leidlich gut auskommen werden.

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