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Sechzehn Jahre in Sibirien

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLeo G. Deutsch
titleSechzehn Jahre in Sibirien
publisherVerlag von J.H.W.Dietz Nachf. G.m.b.H
printrunElftes und zwölftes Tausend
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161103
projectid8b192e49
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VIII
Neue Befürchtungen. – Der Gendarmerieoberst. Verhör in bezug auf die Ermordung des Generals Mesenzeff. Begegnung mit Herrn Bogdanowitsch. – Abreise.

Meine Stimmung während der Haft im Petersburger Untersuchungsgefängnis war zweifellos im allgemeinen besser denn früher. Im Freiburger Kerker war ich in beständiger Aufregung gewesen, sehnte mich nach der Freiheit, die ich zu erreichen hoffte. In der Peter-Pauls-Feste war ich niedergedrückt und verzweifelt; jetzt war mir alles gleichgültig: »Also Zwangsarbeit im sibirischen Bergwerk! Ob es zehn Jahre werden oder fünfzehn, das bleibt sich schließlich gleich.« dachte ich. Die Zukunft war verloren, das Leben hin. Es ist recht schwer, sich mit diesem Gedanken auszusöhnen, besonders wenn man sich körperlich stark und gesund fühlt, aber man fügt sich auch darein.

Zuweilen allerdings regten sich plötzlich Hoffnung, Träume von unerwartetem Glück in ferner Zukunft; dann jagten wohl die Gedanken in wilder Hast lieblichen Gaukelbildern nach ... Aber ich hatte in Freiburg gar zu bittere Enttäuschungen erlebt und verscheuchte daher jetzt diese lockenden Träume, sobald sie auftauchten. Ich geriet in solchen Augenblicken geradezu in Wut und fluchte den trügerischen, verräterischen Gaukelbildern meiner Phantasie ... »Possen!« rief ich mir selbst zu; »im Gegenteil, das Schicksal wird dir sicher noch unerwartet einen bösen Streich spielen!« Ich suchte mich also auf das Schlimmste gefaßt zu machen.

Wochen waren vergangen, seit man mich in das neue Gefängnis gebracht, und während der ganzen Zeit hatte man mich nicht ein einziges Mal verhört; ich wußte gar nicht, wie meine Sache eigentlich stand. »Vielleicht ist man in ›höheren Kreisen‹ abermals anderen Sinnes geworden und sucht nach einem neuen Mittel, um mich als ›Staatsverbrecher‹ zu behandeln,« dachte ich zuweilen, wenn mir das Gespräch mit Kotljarewski einfiel. – »Warum verhört man mich nicht? Warum stellt man mich nicht vor Gericht? Warum schafft man mich nicht nach Odessa? Sicher geht da wieder etwas vor.«

»Machen Sie sich bereit, man holt Sie!« sagte mir an einem wunderschönen Julimorgen der Schließer, als ich gerade vom Spaziergange zurückgekehrt war und mich in besonders guter Stimmung befand.

Eine Lohndroschke erwartete mich an der Tür, und ich stieg mit den Gendarmen ein. Natürlich war von diesen Begleitern nicht zu erfahren, wohin die Fahrt ging. Diese Ungewißheit fiel mir, obgleich sie nicht sehr lang dauerte, schwer, machte mich nervös. Nach einer halben Stunde ungefähr hielt der Wagen in einem Hofe. Ich wurde in eine winzige Zelle, mit einem kleinen Fenster, dessen Scheiben weiß angestrichen waren, geführt. Als ich auf und ab wanderte, bemerkte ich an dem Guckloch an der Tür einen Offizier, der mich unablässig beobachtete.

»Darf man zu Ihnen?« fragte er schließlich, zögernd das Guckfensterchen öffnend.

»Eine sonderbare Frage! Ich bin hier nicht bei mir, sondern bei Ihnen!«

Die Tür ging auf, und verbindlichst lächelnd trat ein junger Mann in der Uniform eines Gendarmerieobersten ein.

»Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Oberst Iwanoff«; er machte eine Verbeugung und schlug klirrend die bespornten Hacken aneinander.

»Ich verstehe Sie wirklich nicht! Wollen Sie mir, bitte, sagen, wo ich mich eigentlich befinde? Wozu man mich hergeführt hat?«

»Hier ist das Bureau der Gendarmerieverwaltung; man hat Sie hergebracht, um Sie zu verhören, und wird Sie wohl bald zum Staatsanwalt führen. Ich dagegen möchte nur mit Ihnen plaudern und alte Erinnerungen auffrischen; wir haben viele gemeinsame Bekannte.«

»Woher kennen Sie mich denn?« fragte ich verwundert.

»Aber ich bitte Sie,« rief er lächelnd, »es gibt wohl in ganz Rußland kaum einen intelligenten Menschen, der Sie dem Namen nach nicht kennen würde!«

Der Herr schien sich selbst also der »Intelligenz« zuzuzählen, jener Schichte der russischen Gesellschaft, die gerade zu jener Zeit in den besten russischen Zeitschriften gegen die reaktionäre Strömung sich verteidigen mußte. In Anbetracht der russischen Preßverhältnisse war es sogar üblich, wenn man von den Revolutionären sprach, sie harmlos als »die Intelligenz« zu bezeichnen.

»O, wir haben viele gemeinsame Bekannte,« fuhr der Oberst fort. »Ich habe alle Ihre Genossen gekannt: Malinka, Drebjasgin, Maidanski. Ich war früher Gendarmerieadjutant in Odessa und habe sie dort alle kennen gelernt. Das waren wirklich prächtige Menschen!«

Jetzt begriff ich, warum dieser Herr trotz seiner Jugend bereits Oberst in dem Gendarmeriekorps der Hauptstadt war. Die großen politischen Prozesse gegen Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahren boten vielen Gendarmerieoffizieren und Staatsanwälten Gelegenheit, schnell vorwärts zu kommen. Leben und Freiheit der »Staatsverbrecher« waren der Preis, um die sie Karriere machten. Wahrscheinlich hatte auch dieser Herr keine geringe Rolle bei der Verurteilung meiner Genossen zum Tode und zu Zwangsarbeit gespielt, derselben Menschen, denen er jetzt Lob spendete! Vielleicht war er der Urheber des genialen Gedankens, mit Hilfe des Verräters Kurizin den Opfern Fallen zu stellen. Kurizin war infolge des Attentates gegen Gorinowitsch verhaftet worden und wurde zum Verräter, was jedoch die übrigen Verhafteten nicht wußten. Man schloß ihn mit den Verhafteten in eine Zelle, damit er sie aushorche. Auf diese Weise hat er einige Leute den Henkern ausgeliefert, andere mußten seinen Verrat mit vielen Jahren Zwangsarbeit in Sibirien büßen. Soviel ich weiß ist er jetzt irgendwo als Tierarzt angestellt.

Die Unterhaltung mit dem liebenswürdigen Obersten kam nicht recht in Fluß, und ich war froh, als man mich rief. Ich wurde in ein komfortabel eingerichtetes Zimmer geführt, wo Staatsanwalt Kotljarewski auf einem Fauteuil vor einem großen Tische saß und in Akten blätterte.

»Ich habe hier einige Schriftstücke, die sich auf Sie beziehen,« erklärte er mir und begann vorzulesen.

»Anfangs August 1878,« las er, »hat die Witwe des ermordeten Barons Heyking, Adjutant des Gendarmeriekorps, in der Nähe der Wohnung des Generals Mesenzeff zwei junge Leute bemerkt, die dem General auflauerten ...« Mesenzeff, General der Gendarmerie, ist am 17. August 1878 von den Revolutionären auf offener Straße in Petersburg getötet worden. Einen dieser jungen Leute nun wollte die Baronin in mir wiedererkannt haben. Am nächsten Tage will sie die beiden abermals auf der Lauer gesehen haben, als sie mit ihrem Cousin, dem Baron Berg, spazieren ging. – Dann kam ein Schriftstück, in dem der Baron Berg die Aussagen der Dame bestätigte.

Es gab eine Zeit – im Jahre 1878 und 1879 –, wo meine Person die Phantasie zahlreicher Menschen aufs lebhafteste beschäftigt haben muß, und viele gaben sich dazu her, mir die Urheberschaft oder die Teilnahme an Vorgängen, die damals an allen Enden Rußlands vorkamen, anzudichten. Diese Phantasien fanden den Weg auch in die Presse, und ich selbst war zuweilen erstaunt, wenn ich in den Zeitungen las, was ich alles zuwege gebracht haben sollte; ich kam mir vor wie der leibhaftige Rinaldo Rinaldini. So weiß ich mich zu erinnern, daß am 25. Mai 1878, als ich noch im Kerker saß, in Kiew eine reiche Gutsbesitzerin ermordet wurde; es handelte sich wohl um einen Raubmord. In der darauffolgenden Nacht wurde Baron Heyking erschossen, und in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai floh ich mit zwei Genossen aus dem Gefängnis. Bald konnte ich in den Zeitungen lesen, daß nach Ansicht besonders scharfsinniger Leute sowohl die Gutsbesitzerin als der Baron Heyking von keinem anderen umgebracht sein können als von mir selbst! Danach hätte ich also zweimal das Gefängnis verlassen müssen, um in den beiden Nächten zwei Menschen umzubringen, wäre jedesmal wieder in den Kerker zurückgekehrt, um schließlich in Gesellschaft zweier Kameraden zu verduften.

Auf dem gleichen Niveau absoluten Unsinns befand sich die Aussage über meine Teilnahme an dem Attentat gegen General Mesenzeff. – Nachdem Kotljarewski mir die Schriftstücke verlesen, fragte er, was ich dazu zu sagen hätte.

»Es scheint, daß die Regierung den Plan nicht aufgibt, mich in Sachen zu verwickeln, die im Auslieferungsvertrag nicht erwähnt sind,« sagte ich. »Ich weigere mich also, irgendwelche Fragen zu beantworten, die sich auf andere Anklagen beziehen.«

»Nun, wenn Sie die Aussage verweigern, lassen wir das,« meinte in aller Seelenruhe Kotljarewski und klappte seine Akten zusammen. »Ich kann Ihnen übrigens sagen, daß ich den Aussagen dieser Herrschaften gar keine Bedeutung beimesse. Soviel ich weiß, waren Sie bereits im Auslande, als Mesenzeff ermordet wurde.«

Ich bejahte. Er schien große Lust zu haben, mich trotzdem noch zu Aussagen in dieser Angelegenheit zu bewegen, da ich aber darauf nicht einging, begann er bald über gleichgültige Dinge zu plaudern. Unter anderem wollte er auch unsere sozialistische Propaganda und unsere Anschauungen erörtern, als ich ihm aber einige Schnitzer nachwies, gestand er, daß ihm unsere Schriften unbekannt waren.

Während wir sprachen, tauchte auf einmal Herr Bogdanowitsch, der mich in Freiburg rekognosziert hatte, aus einem Nebenzimmer auf. Er begrüßte mich und setzte sich an den Tisch. Wir begegneten uns jetzt ohne allen Groll, als ob wir niemals das scharfe Rencontre miteinander gehabt hätten.

»Sagen Sie, bitte,« wandte ich mich an ihn, »die Sache ist ja nun schon vorbei, wann haben Sie mich in Kiew gesehen? Ich kann mich dessen wirklich nicht erinnern.«

Lachend erklärte er mir, er habe mich einmal im Gefängnis gesehen. Aber an seinem Tone merkte ich, daß er flunkerte. Die Sache verhielt sich wahrscheinlich so, daß er mich in Freiburg einfach auf die Beschreibung Kotljarewskis hin erkannt hatte. Ich war neugierig zu wissen, wann eigentlich die badischen Behörden erfahren hatten, mit wem sie es zu tun haben. Als ich danach fragte, erklärte mir Bogdanowitsch:

»Daß Sie nicht Buligin heißen, erfuhren die Badenser einige Wochen vor der Auslieferung. Damals wurde die Überwachung verschärft, man stellte eine Schildwache vor das Gefängnis. Und daß Sie Deutsch sind, wurde etwa zehn Tage vor meiner Ankunft mitgeteilt.«

Jetzt war mir klar, warum man mir, wie ich erzählte, eine andere Zelle im Gefängnis anwies und warum der Staatsanwalt v. Berg mir die Erlaubnis, russisch zu sprechen, verweigerte, als ich Besuch erhielt.

Beim Abschied fragte ich Kotljarewski, ob man mich wohl bald vor das zuständige Gericht stellen würde. Er tat, als wenn er selbst erstaunt sei, daß man mich so lange in Petersburg behalte.

Das war meine letzte Begegnung mit diesem Herrn. Später erfuhr ich in Sibirien von den eintreffenden Genossen, daß er sich bei den politischen Prozessen geradezu niederträchtig benahm und den größten Haß der Verfolgten gegen sich wachgerufen habe. Man erzählte, daß selbst der vorgesetzten Behörde sein Treiben zu bunt wurde, weshalb man ihm die politischen Prozesse entzog. Vor einigen Jahren war er Vorsitzender des Gerichtshofs in Wilna, wo er jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen.

Nach dem geschilderten Verhör war ich um so mehr überzeugt, daß die Regierung sich noch nicht dazu bequemt hatte, mir keinen anderen Prozeß als den wegen des Attentats gegen Gorinowitsch aufzuhalsen. Jeden Tag erwachte ich mit dem Gedanken, was wohl Neues noch angezettelt werde, ob man mich nicht wieder einem ähnlichen Verhör unterziehen werde. Aber es verging Tag auf Tag, ohne daß irgend etwas unternommen wurde. Es wurde Juli und August, und ich saß noch immer in meiner Zelle. Erst am Ende des Monats August erschienen abermals Gendarmen, und ich erhielt Befehl, mich reisefertig zu machen – man hatte sich endlich entschlossen, mich nach Odessa zu bringen. Als der Wagen durch die Straßen rollte, nahm ich mit Wehmut Abschied von meinem lieben Petersburg, das ich nie wieder zu sehen hoffte ...

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