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Sechs Novellen

Jens Peter Jacobsen: Sechs Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJ. P. Jacobsen
titleSechs Novellen
publisherGustav Kiepenheuer
printrunViertes bis sechstes Tausend
editorErnst Ludwig Schellenberg
year1912
translatorM. von Borch
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060212
projectidec6ec9cf
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Die Pest in Bergamo

Da lag Alt-Bergamo oben auf dem Gipfel eines niederen Berges, eingehegt von Mauern und Toren, und da lag das neue Bergamo am Fuße des Berges, allen Winden offen.

Eines Tages brach die Pest unten in der neuen Stadt aus und griff fürchterlich um sich; es starben eine Menge Menschen und die andern flüchteten über die Ebene nach allen vier Weltgegenden. – Und die Bürger in Alt-Bergamo zündeten die verlassene Stadt an, um die Luft zu reinigen, aber das half nichts; sie fingen auch an, oben bei ihnen zu sterben, zuerst einer täglich, dann fünf, dann zehn, zuletzt zwanzig, und als es den höchsten Grad erreicht hatte, noch viele mehr.

Und die konnten nicht flüchten, sowie die in der neuen Stadt es getan hatten.

Es gab ja solche, die es versuchten, aber die führten das Leben eines gehetzten Tiers, mit Verstecken in Gräben und Sielen, in Wäldern und grünen Feldern; dann die Bauern, denen die ersten Flüchtlinge die Pest in die Gehöfte gebracht hatten, steinigten jede fremde Seele, der sie begegneten, und verjagten sie von ihrem Gebiet oder schlugen sie ohne Gnade und Barmherzigkeit nieder wie tolle Hunde, in gerechter Notwehr, wie sie meinten.

Die Leute von Alt-Bergamo mußten bleiben, wo sie waren, und Tag für Tag wurde es heißer, und Tag für Tag wurde die grauenvolle Krankheit gieriger und gieriger in ihrem Griff. Das Entsetzen steigerte sich zum Wahnsinn, und was an Ordnung und rechtem Regiment gewesen, das war, als ob die Erde es verschlungen und dafür das Schlimmste hergegeben hätte.

Gleich im Anfang, als die Pest begann, hatten die Menschen sich in Einigkeit und Eintracht zusammengeschlossen, hatten darauf geachtet, daß die Leichen ordentlich und gut begraben wurden, und jeden Tag dafür gesorgt, daß auf Märkten und Plätzen große Scheiterhaufen angezündet wurden, damit der gesunde Rauch durch die Gassen ziehen könne. Wacholder und Essig waren an die Armen verteilt worden und vor allen Dingen hatten die Leute früh und spät die Kirchen aufgesucht, allein und in Prozessionen, täglich waren sie mit ihren Gebeten vor Gott gewesen, und jeden Abend, wenn die Sonne zur Ruhe ging, hatten die Glocken aller Kirchen aus ihren hundert schwingenden Schlünden klagend zum Himmel gerufen. Und Fasten waren anbefohlen und die Reliquien waren jeden Tag auf den Altären ausgestellt gewesen.

Endlich eines Tages, als sie nicht mehr wußten, was sie beginnen sollten, hatten sie unter Tuben- und Posaunenklang vom Altan des Rathauses herab die heilige Jungfrau zum Podesta oder Bürgermeister der Stadt ausgerufen, für jetzt und alle Ewigkeit.

Aber das half alles nichts; es gab nichts, das half.

Und als das Volk es vernahm und nach und nach in dem Glauben fest wurde, daß der Himmel entweder nicht helfen wollte oder nicht konnte, da legten sie nicht nur die Hände in den Schoß und sagten, nun möge kommm, was da wolle, nein, es war, als ob die Sünde aus einer heimlichen, schleichenden Krankheit zur bösen, offenbaren, rasenden Pest geworden war, die Hand in Hand mit der körperlichen Seuche darnach strebte, die Seele zu morden, so wie jene die Körper zerstörte. So unglaublich war ihr Tun, so ungeheuer ihre Verderbnis. Die Luft war erfüllt von Lästerung und Gottlosigkeit, vom Stöhnen der Schlemmer und vom Geheul der Trinker, und die wildeste Nacht barg nicht mehr Unzucht, als ihre Tage es taten.

»Heute wollen wir essen, denn morgen müssen wir sterben!«

Es war, als hätten sie hierzu Noten geschrieben, die auf mannigfachen Instrumenten in einem unendlichen Höllenkonzert gespielt wurden. Ja, wären nicht schon alle Sünden vorher erfunden gewesen, so wären sie jetzt erfunden worden, denn es gab keinm Weg, den sie in ihrer Verwerflichkeit nicht eingeschlagen hätten. Die unnatürlichsten Laster florierten unter ihnen, und selbst solche seltenen Sünden wie Nekromantie, Zauberei und Teufelsbeschwörung waren ihnen wohlbekannt, denn es gab viele, die von den Mächten der Hölle jenen Schutz erwarteten, den der Himmel nicht gewähren wollte.

Alles was Hilfsbereitschaft oder Mitleid hieß, war aus den Gemütern geschwunden, jeder hatte nur Gedanken für sich. Der Kranke wurde wie der gemeinsame Feind aller angesehen, und wenn es einem Unglücklichen passierte, daß er matt vom ersten Fieberschwindel der Pest auf der Straße umfiel, so gab es keine Tür, die sich ihm öffnete, sondern man zwang ihn durch Lanzenstiche und Steinwürfe, sich den Gesunden aus dem Wege zu schleppen.

Und Tag für Tag nahm die Pest zu, die Sommersonne brannte auf die Stadt herab, kein Regentropfen fiel, kein Lüftchen rührte sich, und die Leichen, die in den Häusern verfaulten, und die Leichen, welche nicht ordentlich vergraben wurden, erzeugten einen Gestank, der sich mit der stillstehenden Luft der Straßen vermischte und Raben und Krähen in Schwärmen, in Wolken herbeilockten, sodaß es auf Mauern und Dächern schwarz davon war. Und rund umher auf der Ringmauer der Stadt saßen einzelne wunderliche, große, ausländische Vögel, von weither, mit raublüsternem Schnabel und erwartungsvoll gekrümmten Krallen, und sie saßen und sahen mit ihren ruhigen, gierigen Augen hinab, als warteten sie nur darauf, daß die unglückliche Stadt sich in eine einzige große Aasgrube verwandle.

Es warm gerade elf Wochen, seitdem die Pest ausgebrochen, als die Turmwächter und andere Leute, die sich an höher gelegenen Stellen aufhielten, einen seltsamen Zug von der Ebene in die Gassen der neuen Stadt zwischen den rauchgeschwärzten Steinen und den schwarzen Aschenhaufen einbiegen sahen. Eine Menge Menschen! gewiß gegen sechshundert oder mehr, Männer und Weiber, Alte und Junge, und diese hatten große, schwarze Kreuze zwischen sich, und breite Banner, rot wie Feuer und Blut über sich. Sie singen, indem sie vorwärts schreiten, und ganz verzweiflungsvoll klagende Töne steigen in die stille, schwüle Luft empor.

Braun, grau, schwarz ist ihre Tracht, aber alle tragen sie ein rotes Zeichen auf der Brust. Als sie näher kommen, ist es ein Kreuz. Denn sie kommen immer näher. Sie pressen sich den steilen, von einer Mauer eingefriedeten Weg empor, der hinauf zur alten Stadt führt. Es ist ein Gewimmel von weißen Gesichtern, sie tragen Geißeln in den Händen, auf ihren roten Fahnen ist ein Feuerregen abgebildet. Und im Gedränge schwanken die schwarzen Kreuze von der einen Seite auf die andere.

Aus dem zusammengedrängten Haufen steigt ein Geruch nach Schweiß, nach Asche, nach Straßenstaub und altem Weihrauch auf. Sie singen nicht mehr, sie sprechen auch nicht, – nichts als der trippelnde, herdenartige Laut ihrer nackten Füße.

Angesicht auf Angesicht taucht in das Dunkel der Turmpforte und kommt auf der andern Seite mit lichtscheuen Mienen und halbgeschlossenen Lidern wieder ins Licht. Dann fängt der Gesang wieder an: ein Miserere; sie pressen die Geißeln fester und schreiten stärker aus wie bei einem Kriegsgesang.

Als ob sie aus einer ausgehungerten Stadt kämen, sehen sie aus, ihre Wangen sind hohl, die Knochen stehen hervor, ihre Lippen sind blutleer und unter den Augen habm sie schwarze Ringe.

Die aus Bergamo sind zusammengeströmt und sehen sie mit Verwunderung und Unruhe an. Rote, verschlemmte Gesichter stehen diesen bleichen gegenüber; träge, von Unzucht ermattete Blicke senken sich vor diesen scharfen, flammenden Augen; höhnende Gotteslästerer bleiben mit offenem Munde vor diesen Hymnen stehen.

Und an all ihren Geißeln klebt Blut. Dem Volk wurde diesen Leuten gegenüber ganz wunderlich zumute.

Aber es dauerte nicht lange, und sie schüttelten diesen Eindruck ab. Einige hatten unter den Kreuzträgern einen halbverrückten Schuhmacher aus Brescia wieder erkannt, und sofort war die ganze Schar durch ihn zum Gelächter geworden. Inzwischen war es doch etwas Neues, eine Zerstreuung in dem Alltäglichen, und da die Fremden der Domkirche zuschritten, so ging man hinterher, wie man einer Gauklerbande oder einem zahmen Bären gefolgt sein würde.

Aber während man ging und sich schob, wurde man erbittert, man fühlte sich so nüchtern der Feierlichkeit dieser Menschen gegenüber, und man begriff sehr wohl, daß diese Schuhmacher und Schneider hergekommen waren, um zu bekehren, zu beten und die Worte zu sprechen, die man nicht hören wollte. Da waren zwei magere, grauhaarige Philosophen, die die Gottlosigkeit zum System gemacht hatten; sie reizten die erhitzte Menge so recht aus der Bosheit ihres Herzens auf, sodaß ihre Haltung mit jedem Schritt, den man der Kirche näher kam, drohender wurde, ihre Zornesausbrüche wilder, und es fehlte nicht viel, so hätten sie Hand an diese fremden Geißelschneider gelegt. Aber da öffnete kaum hundert Schritt von der Kirche ein Wirtshaus seine Türen, und eine ganze Schar von Zechbrüdern stürzte heraus, der eine auf dem Rücken des andern, und sie setzten sich an die Spitze der Prozession und führten sie singend und brüllend mit höhnisch lächerlichen Gebärden an, mit Ausnahme von einem, der die grasbewachsenen Stufen der Kirchentreppe hinauf ein Rad schlug. Darüber wurde gelacht, und so kamen sie alle ftiedlich ins Heiligtum hinein.

Es war wunderlich, wieder hier zu sein, durch den kühlen, großen Raum zu schreiten, in dieser Luft, die so scharf nach altem Qualm von Wachslichtschnuppen roch, – über diese alten, eingesunkenen Fließen, mit deren halbverlöschten Ornamenten und blanken Inschriften der Gedanke sich so oft ermüdet hatte. Und während nun das Auge sich halb neugierig, halb unwillig in dem milden Halbdunkel unter der Wölbung zur Ruhe locken ließ, oder auf die gedämpfte Mannigfaltigkeit von bestaubtem Gold und eingeräucherten Farben fiel, oder sich in die Schatten der Altarwinkel verlor, stieg eine Art Sehnsucht auf, die nicht niederzuhalten war.

Inzwischen trieben die aus dem Wirtshause ihr Unwesen oben am Hauptaltar, und ein großer, kräftiger Schlächter unter ihnen, ein junger Mann, hatte seine weiße Schürze abgenommen und sie sich um den Hals gebunden, sodaß sie wie ein Mantel auf seinem Rücken hing, und so hielt er in den wilden, wahnwitzigsten Worten, voll Unzucht und Gotteslästerung Messe ab, und ein ältlicher, kleiner Dickbauch, behende und leichtfüßig obgleich er dick war, mit einem Gesicht wie ein abgezogener Kürbis, – der war Meßner und respondierte in den liederlichsten Weisen, die man hören konnte, und er kniete und knixte und wandte dem Altar die Rückseite zu und läutete mit der Glocke wie mit einer Narrenschelle und schlug mit dem Weihrauchkessel ein Rad um sich herum; und die anderen Betrunkenen lagen auf den Stufen, so lang sie waren, und brüllten vor Lachen und schlucksten vor Trunkenheit.

Und die ganze Kirche lachte und spottete über die Fremden und rief ihnen zu, gut aufzupassen, ob sie klug daraus werden könnten, für was man ihren Herrgott hier in Alt-Bergamo halte. Denn es war ja nicht so sehr, daß man Gott etwas anhaben wollte, indem man über diesen Aufzug jubelte, sondern man freute sich darüber, daß jede Gotteslästerung ein Stachel im Herzen dieser Heiligen sein mußte.

Die Heiligen hielten sich mitten im Schiffe und stöhnten vor Pein, ihre Herzen kochten vor Haß und Rachedurst, und sie flehten mit Augen und Händen zu Gott empor, daß er sich doch für all den Hohn rächen möge, der ihm hier in seinem eigenen Hause angetan wurde; sie wollten ja gern mit diesen Vermessenen zugrunde gehen, wenn er nur seine Macht zeigen wollte; mit Wollust wollten sie sich von seinem Fuße zermalmen lassen, wenn er nur triumphieren wollte, und Entsetzen und Verzweiflung und Reue, die zu spät kamen, von all diesen gottlosen Lippen emporschreien möchten.

Und sie stimmten ein Miserere an, das in jedem Ton wie ein Ruf nach jenem Schwefelregen klang, der auf Sodom herabfiel, nach jener Macht, die Simson hatte, als er die Säule im Hause der Philister niederriß. Sie flehten mit Singen und mit Worten, sie entblößten die Schultern und flehten mit ihren Geißeln. Da lagen sie Reihe an Reihe knieend, bis zum Gürtel entblößt und schwangen die gestachelten Schnüre über ihren blutrünstigen Rücken. Wild und rasend schlugen sie zu, sodaß das Blut in Tropfen an den pfeifenden Geißeln hing. Jeder Schlag war ein Gott dargebrachtes Opfer. Könnten sie doch noch anders zuschlagen, könnten sie sich hier vor seinen Augen in tausend blutige Stücke reißen! Dieser Körper, mit dem sie gegen seine Gebote gesündigt hatten, er sollte gestraft, gemartert, vernichtet werden, damit er sehen konnte, wie sie es haßten, damit er sehen konnte, wie sie zu Hunden wurden, um ihm zu gefallen, geringer als Hunde unter seinem Willen, das niedrigste Gewürm, das Staub unter seinen Fußsohlen aß! Und Schlag auf Schlag – bis die Arme herabfielen oder der Krampf sie in Knoten verzog. Da lagen sie, Reihe an Reihe mit wahnsinnfunkelnden Augen, mit Schaum vor dem Munde, das Blut an ihrem Fleische herabrieselnd. Und die, welche dies ansahen, fühlten plötzlich ihre Herzen klopfen, merkten, wie die Röte ihnen in die Wangen stieg, und das Atmen ihnen schwer wurde. Es war, als ob etwas Kaltes sich unter ihrer Kopfhaut strämmte, ihre Kniee wurden schwach. Denn dies packte sie; in ihrem Hirn war ein kleiner Wahnsinnspunkt, der diesen Wahnsinn verstand.

Sich als der Sklave der gewaltigen, harten Gottheit fühlen, sich selbst bis vor ihre Füße stoßen, ihr eigen zu sein, nicht in stiller Frömmigkeit, nicht in der Tatenlosigkeit stiller Gebete, sondern rasend, in einem Rausch der Selbsterniedrigung, in Blut und Geheul, unter feuchtblinkenden Geißeln – das waren sie fähig zu begreifen, selbst der Schlächter wurde still, und die zahnlosen Philosophen senkten ihre grauen Köpfe vor den Augen, die umherblickten.

Und es wurde ganz still da drinnen in der Kirche, nur ein leises Wogen ging durch den Haufen.

Da erhob sich einer von den Fremden, ein junger Mönch, und sprach. Er war bleich wie ein Leintuch, seine schwarzen Augen glühten wie Kohlen, die im Begriff sind zu erlöschen, und die düsteren, schmerzverhärteten Züge um seinen Mund waren wie mit einem Messer in Holz geschnitten und nicht wie die Falten in einem Menschengesicht.

Er streckte die dünnen, krankhaften Hände im Gebet zum Himmel empor, und die Ärmel der schwarzen Kutte glitten von seinen weißen, mageren Armen herab.

Dann sprach er.

Von der Hölle sprach er, davon, daß sie unendlich sei, wie der Himmel unendlich ist, von der einsamen Welt der Qual, welche jeder der Verurteilten zu durchleiden und mit seinem Geschrei zu erfüllen hat; Meere von Schwefel seien dort, Felder von Skorpionen, Flammen, die sich um einen legen, wie ein Mantel sich legt, und ruhige, verhärtete Flammen, die sich in ihn hineinbohren wie ein Spieß, der in einer Wunde umgedreht wird.

Es war ganz still, atemlos lauschten sie auf seine Worte, denn er sprach, als ob er es mit eigenen Augen gesehen hätte, und sie fragten sich: ist das nicht einer der Verdammten, der aus dem Schlunde der Hölle zu uns herauf gesandt ist, um Zeugnis vor uns abzulegen?

Dann predigte er lange vom Gesetz und von der Strenge des Gesetzes; davon, daß jedes Titelchen in demselben erfüllt werden müsse, und daß jede Übertretung, deren sie sich schuldig gemacht hatten, ihnen bei Lot und Unze angerechnet werden würde. »Aber Christus ist für unsere Sünden gestorben, sagt ihr, wir stehen nicht mehr unter dem Gesetz. Aber ich sage euch, daß die Hölle nicht um einen einzigen von euch betrogen werden wird, und nicht ein Eisenzahn am Marterrad der Hölle wird außerhalb eures Fleisches vorübergehen. Ihr baut auf Golgathas Kreuz, kommt, kommt! kommt und seht es an! Ich werde euch an seinen Fuß führen. Es war an einem Freitag wie ihr wißt, daß sie ihn aus einem ihrer Tore hinausstießen und das schwerste Ende eines Kreuzes auf seine Schultern legten und es ihn an einen unfruchtbaren Lehmhügel vor der Stadt tragen ließen, und in Haufen gingen sie mit und wirbelten den Staub auf mit ihren Füßen, sodaß es wie eine rote Wolke über der Stätte lag. Und sie rissen ihm die Kleider herab und entblößten ihn, so wie die Herren des Gesetzes einen Missetäter vor aller Blicke entblößen lassen, sodaß alle das Fleisch sehen können, das der Folter überantwortet werden soll; und sie warfen ihn auf das Kreuz und streckten ihn hin und schlugen einen Nagel von Eisen durch jede seiner widerstrebenden Hände und einen Nagel durch seine gekreuzten Füße, mit Keulen schlugen sie die Nägel gerade in seinen Kopf. Und sie richteten das Kreuz auf in einem Loche in der Erde, aber es wollte nicht fest und grade stehen, und sie rückten es hin und her und trieben Keile und Pflöcke rund umher ein, und die, welche es taten, schlugen den Schirm ihrer Hüte herab, daß das Blut von seinen Händen ihnen nicht in die Augen tropfen sollte. Und er da oben sah auf die Soldaten herab, die um sein zerrissenes Gewand würfelten, und auf den ganzen heulenden Haufen, für den er litt, auf daß jener erlöst werden sollte, und in dem ganzen Haufen war nicht ein mitleidiges Auge. Und die da unten sahen wieder auf ihn, der leidend und matt da oben hing, sie sahen auf das Brett über seinem Haupte, worauf König der Juden geschrieben stand, und sie verspotteten ihn und riefen ihm zu: »Du, der du den Tempel niederreißest und ihn in drei Tagen wieder auferbaust, hilf dir nun selbst; bist du Gottes Sohn, so steig herunter von diesem Kreuze.« Da ward Gottes eingeborener Sohn in seinem Sinne erzürnt und sah, daß sie nicht der Erlösung wert waren, jene Haufen, die die Erde anfüllen, und er riß seine Füße über dem Kopf des Nagels aus, und er ballte seine Hände um die Nägel der Hände und zog diese aus, sodaß die Arme des Kreuzes sich wie ein Bogen spannten, und er sprang hinab auf die Erde und riß sein Gewand an sich, daß die Würfel über den Abhang von Golgatha herabrollten, und er warf es um sich mit dem Zorn eines Königs und fuhr zum Himmel auf. Und das Kreuz stand leer, und das große Werk der Versöhnung ward nie vollbracht. Es gibt keinen Vermittler zwischen uns und Gott; kein Jesus ist für uns am Kreuze gestorben, kein Jesus ist für uns am Kreuze gestorben, kein Jesus ist für uns am Kreuze gestorben!«

Er schwieg.

Bei den letzten Worten hatte er sich über die Menge vorgebeugt und gleichsam mit Lippen und Händen seinen Ausspruch über ihre Häupter geschleudert, und ein Angststöhnen war durch die Kirche gegangen, und in den Winkeln hatten sie angefangen zu schluchzen.

Da drängte der Schlächter sich vor mit emporgehobenen, drohenden Händen, bleich wie eine Leiche, und schrie: »Mönch, Mönch, willst du ihn wieder ans Kreuz nageln, willst du!« – Und hinter ihm klang es zischend heiser: »ja, ja, kreuzige, kreuzige ihn!« Und aus allen Munden klang es drohend und gebieterisch in einem Sturm von Rufen zur Wölbung empor: »kreuzige, kreuzige ihn.«

Und klar und hell eine einzelne bebende Stimme: »kreuzige ihn!«

Aber der Mönch blickte auf die emporgestreckten Hände nieder, auf die verzerrten Gesichter mit den dunklen Öffnungen der schreienden Lippen, wo die Zahnreihen weiß glänzten wie die Zähne gereizter Raubtiere, und in einem Augenblick der Exstase breitete er die Arme zum Himmel empor und lachte. Dann stieg er herab, und seine Leute erhoben die Schwefelregen-Banner und ihre leeren, schwarzen Kreuze und drängten zur Kirche hinaus, und wieder zogen sie über den Markt und durch die Öffnung der Turmpforte

Und die von Alt-Bergamo starrten ihnen nach, als sie den Berg hinabgingen. Der steile, von Mauern eingefriedete Weg war neblig vom Licht der Sonne, die draußen über der Ebene herabsank, aber auf der roten Ringmauer der Stadt zeichneten die Schatten ihrer großen Kreuze, die in dem Gedränge von einer Seite auf die andere schwankten, sich schwarz und scharf ab.

Ferner erklang der Gesang; rot leuchtete noch ein oder das andere Banner aus der rauchgeschwärzten Öde der neuen Stadt hervor, dann verschwanden sie in der lichten Ebene.

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