Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jens Peter Jacobsen >

Sechs Novellen

Jens Peter Jacobsen: Sechs Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJ. P. Jacobsen
titleSechs Novellen
publisherGustav Kiepenheuer
printrunViertes bis sechstes Tausend
editorErnst Ludwig Schellenberg
year1912
translatorM. von Borch
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060212
projectidec6ec9cf
Schließen

Navigation:

Mogens

Sommer war's, mitten am Tage, an einer Ecke des Zauns. Grade davor stand ein alter Eichbaum, von dessen Stamm man wohl sagen konnte, er winde sich vor Verzweiflung über den Mangel an Harmonie zwischen seinem jungen, gelblichen Laub und den schwarzen, dicken und krummen Ästen, die die größte Ähnlichkeit mit grobverzeichneten frühgotischen Arabesken hatten. Hinter der Eiche stand üppiges Haselnußgesträuch mit dunklem, glanzlosem Laub, welches so dicht war, daß man weder die Stämme noch die Zweige sehen konnte. Über das Nußgebüsch stiegen zwei schlanke, fröhliche Ahornbäume mit lustig ausgezackten Blättern, roten Stengeln mit langem Gehängsel von grünen Fruchtbüscheln empor. Hinter den Ahornbäumen kam der Wald – ein grüner, gleichmäßig abgerundeter Abhang, wo die Vögel aus und ein gingen wie das Elfenvolk in einem Grashügel.

Dies alles konnte man sehen, wenn man über den Feldweg außerhalb der Hecke kam. Lag man hingegen im Schatten der Eiche, mit dem Rücken gegen den Stamm und sah den andern Weg hinunter – und da lag einer, der das tat – so sah man zuerst die eigenen Beine, dann einen kleinen Fleck mit kurzem, kräftigen Gras, darauf einen großen Klumpen dunkler Nesseln, dann die Dornenhecke mit den großen, weißen Konvolvolus, den Zauntritt, etwas von dem davorliegenden Roggenfelde, endlich die Flaggenstange des Justizrats da oben auf der Höhe und zuletzt den Himmel.

Es war drückend heiß, die Luft flimmerte vor Wärme, und dabei war es so still; die Blätter hingen an den Bäumen und schliefen; nichts rührte sich als die Marienkäfer da drüben auf den Nesseln, und ein wenig welkes Laub, das im Grase lag und sich mit leisen, plötzlichen Bewegungen aufrollte, als ob es sich unter den Strahlen der Sonne krümme.

Und dann der Mensch unter der Eiche; er lag und schnappte nach Luft und blickte wehmütig, hilflos zum Himmel empor. Er trällerte ein wenig und gab es auf, flötete, gab auch das auf, drehte sich um, drehte sich wieder um und ließ die Augen auf einem alten Maulwurfshügel ruhen, der in der Hitze ganz hellgrau geworden war. Plötzlich kam ein kleiner runder dunkler Fleck auf die hellgraue Erde, noch einer, drei, vier, viele, noch mehr der ganze Haufen war vollständig dunkelgrau. Die Luft bestand aus lauter langen dunklen Strichen, die Blätter nickten und schwankten, es kam ein Sieden, das in Sausen überging: das Wasser strömte herab.

Alles schimmerte, blitzte, sprudelte. Blätter, Zweige, Stämme, alles glänzte von Feuchtigkeit; jeder kleine Tropfen, der auf Erde, Gras, Zauntritt oder irgend etwas fiel, zersplitterte und zerstäubte in tausend kleine Perlen. Kleine Tropfen hingen hie und da und wurden zu großen Tropfen, fielen hier herab, sammelten sich mit andern Tropfen, wurden zu kleinen Strömen, verschwanden in kleinen Furchen, liefen in große Löcher hinein und aus kleinen heraus, segelten fort mit Staub, mit Spänen und Laubstückchen, setzten diese auf Grund, machten sie wieder flott, schwenkten sie herum und setzten sie wieder auf Grund. Blätter, die nicht mehr zusammen gewesen, seitdem sie in der Knospe gelegen, führte das Wasser zusammen, Moos, das durch die Trockenheit zu nichts geworden, rollte sich auf und wurde weich, kraus, grün und saftig, und graue Flechten, die beinahe Schnupftabak geworden, breiteten sich in zierlichen Zipfeln aus, strotzend wie Brokat und mit einem Glanz wie Seide. Die Winden ließen sich ihre weißen Kronen bis zum Rande füllen, stießen miteinander an und gossen den Nesseln das Wasser auf die Köpfe. Die dicken schwarzen Schnecken bequemten sich wohlwollend hervor und sahen anerkennend zum Himmel empor. Und der Mensch? Der Mensch stand mit bloßem Kopf im Regen und ließ die Tropfen auf Haar, Brauen, Augen, Nase und Mund herabrauschen, knipste mit den Fingern nach dem Regen, hob dann und wann die Beine wie zum Tanze empor, schüttelte zuweilen den Kopf, wenn er zuviel Wasser im Haar hatte und sang aus vollem Halse, ohne zu ahnen, was er sang, so sehr war er mit dem Regen beschäftigt:

Hätt' ich, o hätt' ich ein Enkelein, o ja,
Und Kisten und Kasten voll Geld,
Dann hätt' ich auch gehabt ein Töchterlein, o ja
Und Haus und Hof und Feld.

Hätt' ich, o hätt' ich ein Töchterlein, o ja,
Und Haus und Hof und Feld,
Dann hätt' ich auch gehabt ein Schätzelein
Und Kisten und Kasten voll Geld.

Da stand er nun und sang, aber drüben zwischen den dunklen Nußsträuchern sah ein kleiner Mädchenkopf hervor. Ein langer Zipfel eines roten Seidentuchs hatte sich in einen Zweig verwickelt, der etwas weiter vorsprang als die andern, und dann und wann kam eine kleine Hand und riß an dem Zipfel, aber das hatte keinen andern Erfolg als einen kleinen Sturzregen von jenem Zweig und seinen Nachbarn. Der übrige Teil des Shawls lag stramm auf dem kleinen Mädchenkopf und verdeckte die Hälfte der Stirn, beschattete die Augen, sprang dann plötzlich ab und verlor sich zwischen den Blättern, tauchte aber in einer großen Rosette von Falten unter dem Kinn wieder auf. Das kleine Mädchengesicht sah sehr erstaunt aus, war aber bald nahe daran zu lachen; das Lächeln lag schon in den Augen. Mit einem Male machte der, der im Regen stand und sang, ein paar Schritte zur Seite, sah den roten Zipfel, das Gesicht, die großen braunen Augen und den kleinen erstaunten geöffneten Mund, sofort würde seine Stellung verlegen, er sah verblüfft an sich herab; im selben Augenblick ertönte jedoch ein leiser Schrei, der hervorspringende Zweig schwankte gewaltsam, im Nu war der rote Zipfel fort, das Mädchenantlitz fort, und ferner und ferner raschelte und raschelte es in den Haselnußbüschen. Dann lief er. Er wußte nicht weshalb, er dachte gar nicht nach, die Regenwetterlustigkeit gewann wieder die Oberhand in ihm, und er lief dem kleinen Mädchengesicht nach. Es fiel ihm nicht ein, daß es eine Person sei, der er nachlief; es war nur das kleine Mädchengesicht. Er lief, es raschelte rechts, es raschelte links, es raschelte vorn, es raschelte hinten; er raschelte, sie raschelte und alle diese Laute und das Laufen selbst eiferte ihn an und er rief: »Guck einmal, wo bist du!« Niemand guckte. Als er sich hörte, wurde ihm gleichsam ein wenig beklommen, aber er lief ununterbrochen; dann kam ihm ein Gedanke, aber nur einer, und er murmelte, während er fortfuhr zu laufen: »Was wirst du ihr sagen? was wirst du ihr sagen?« Er kam an einen großen Busch; dort hatte sie sich versteckt; er sah einen Zipfel von ihrem Kleide. »Was wirst du ihr sagen? was wirst du ihr sagen?« murmelte er noch immer, während er lief. Er kam an den Busch, schwenkte schnell ab, lief weiter, murmelte dasselbe, kam auf einm breiten Weg, lief rasch eine Strecke, blieb plötzlich stehen, brach in ein Gelächter aus, ging still lächelnd ein Ende weiter, lachte dann wieder aus Leibeskräften und hörte an der ganzen Hecke entlang nicht auf zu lachen.

 

Es war an einem schönen Herbsttage; der Weg hinunter zur See war ganz mit den zitronengelben Blättern der Ulmen und Ahornbäume bedeckt; hier und da waren auch Stellen mit dunklerem Laub. Es war so behaglich, so reinlich, auf diesem Tigerfell zu gehen und zuzusehen, wie die Blätter herabschneiten, und die Birken sahen noch feiner und leichter aus mit so wenig an den Zweigen, und die Eberesche sah so prächtig aus mit den schweren, roten Beerentrauben. Und der Himmel war so blau, so blau, und der Wald schien viel größer, man konnte zwischen den Stämmen weit hineinsehen. Und dann kam auch noch dazu, daß bald alles vorbei sein würde. Wald, Feld, Himmel, freie Luft und das Ganze mußte bald der Zeit der Lampen, der Zimmerteppiche und der Hyazinthen weichen. Deshalb ging der Justizrat von Kap Trafalgar mit seiner Tochter nach der See hinunter, während der Wagen beim Dorfschulzen hielt.

Der Justizrat war ein Freund der Natur, die Natur war etwas ganz Besonderes, die Natur war der schönste Schmuck des Daseins. Der Justizrat protegierte die Natur, er verteidigte sie gegen das Künstliche; Gärten waren nichts anderes als verdorbene Natur, aber Gärten mit Stil, das war wahnsinnige Natur; in der Natur gibt es keinen Stil, unser Herrgott hatte die Natur gewiß natürlich gemacht, nichts anderes, nur natürlich. Die Natur war das Ungebundene, das Unverdorbene; aber mit dem Sündenfall war die Zivilisation über die Menschen gekommen, nun war die Zivilisation zur Notwendigkeit geworden, es wäre aber besser gewesen, wenn sie es nicht geworden; der Naturzustand war etwas ganz anderes. Der Justizrat würde nichts dagegen haben, sich zu ernähren, indem er in Schafspelz einherging und Hasen und Schnepfen, Brachvögel und Schneehühner, Rehkeulen und Wildschweine schoß. Nein, der Naturzustand war nun einmal eine Perle, geradezu eine Perle.

Der Justizrat und seine Tochter gingen hinunter nach der See. Diese hatte schon lange durch die Zweige geschimmert, jetzt wurde sie aber ganz sichtbar, als sie um die Ecke bogen, wo die große Pappel stand. Da lag sie, mit großen Flächen spiegelblanken Wassers, mit zackigen Zungen graublauen, gekräuselten Wassers, mit Streifen, die blank waren und Streifen, die sich kräuselten, und das Sonnenlicht ruhte auf dem blanken und flimmerte auf dem gekräuselten. Sie zog den Blick mit sich über die Fläche, führte ihn längs ihrer Ufer an langsam abgerundeten Bogen, an scharf gebrochenen Linien vorüber, schwenkte ihn um die grünen Landzungen herum, ließ dann den Blick los, verschwand in grünen Buchen – nahm aber den Gedanken mit sich. – Segeln! Ob man ein Boot mieten könne?

Nein, es sei keins zu haben, sagte ein kleiner Junge, der in dem weißen Landhause daheim war und unten am Strande Butterbrot warf. Durchaus gar kein Boot? Doch, das wohl; des Müllers Boot sei wohl da, aber nicht zu haben, der Müller wollte es nicht erlauben, Müllers Niels hatte beinahe Prügel bekommen, als er es das letzte Mal verliehen hatte; daran sei gar nicht zu denken, aber der Herr, der oben beim Waldhüter Nikolai wohnte, der hätte ein ausgezeichnetes Boot, eins, das außen schwarz und innen rot, und das lieh er allen und jedem.

Der Justizrat und seine Tochter gingen zum Waldhüter Nikolai hinauf. In einiger Entfernung vom Hause trafen sie ein kleines Mädchen, das Nikolais gehörte, und dieses baten sie hinein zu laufen und zu fragen, ob sie den Herrn sprechen könnten. Sie lief, als ging es ans Leben, lief mit Armen und Beinen, bis sie an die Tür kam, dann setzte sie das eine Bein auf die hohe Türstufe und band ihr Hosenband und stürzte darauf ins Haus hinein, kam gleich zurück mit zwei Türen hinter sich offen und rief, ehe sie die Türstufe wieder erreicht hatte, daß der Herr augenblicklich kommen würde; dann setzte sie sich neben die Tür gegen die Mauer und blickte unter ihrem Arm durch nach den Fremden hin.

Der Herr kam und erwies sich als ein hoher, kräftig gebauter Mann von einigen zwanzig Jahren. Die Tochter des Justizrats erschrak ein wenig, als sie in ihm den Menschen wieder erkannte, der im Regen gesungen hatte. Aber er sah so wunderlich und abwesend aus; es war augenscheinlich, daß er direkt von einem Buche kam, das konnte man an dem Ausdruck seiner Augen sehen, an seinem Haar und seinen Händen, die gar nicht wußten, wo sie waren.

Die Tochter des Justizrats verbeugte sich ausgelassen vor ihm und rief: »Kuckuck« und lachte.

»Kuckuck?« fragte der Justizrat.

Aber das war ja das kleine Mädchengesicht; der Mensch wurde ganz rot und versuchte etwas zu sagen, als der Justizrat mit der Frage nach dem Boote kam. Gewiß, es stand zu Diensten. Wer sollte aber rudern? Das sollte er tun, sagte das Fräulein, es kümmere sie nicht, was Vater sage; es sei ganz gleichgültig, ob es dem Herrn Unbequemlichkeiten verursache, denn er scheue sich zuweilen auch nicht, andern Leuten Unbequemlichkeiten zu bereiten. Dann gingen sie hinunter zum Boot und gaben dem Justizrat unterwegs die Erklärung. Sie gelangten ins Boot und waren schon ein gutes Stück hinaus, ehe das Fräulein sich zurecht gesetzt hatte und Zeit fand zu reden.

»Nun,« sagte sie, »es war gewiß etwas sehr Gelehrtes, das Sie lasen, als ich kam und Sie zum Segeln herauslotste?«

»Zum Rudern, meinen Sie. Gelehrt! Es war die Geschichte vom Ritter Peter mit dem Silberschlüssel und der schönen Magelone.«

»Von wem ist das?«

»Von keinem; diese Art Bücher sind nie von jemand. Vigoleis mit dem Goldrad ist auch von niemand und Schütze Bryde auch nicht.«

»Ich habe diese Titel noch nie gehört.«

»Ach, setzen Sie sich mehr auf jene Seite, sonst liegen wir schief. Nein! das ist auch ganz natürlich, es sind keine feinen Bücher; es sind solche, die man auf den Märkten von Bänkelsängerinnen kauft.«

»Das ist doch seltsam; lesen Sie immer solche Bücher?«

»Immer? Ich lese Jahr und Tag nicht viel Bücher, und am liebsten mag ich eigentlich die, in denen Indianer vorkommen.«

»Aber Dichterwerke? Ohlenschläger, Schiller und die andern?«

»Ja, die kenne ich wohl; wir hatten zu Hause einen ganzen Schrank voll davon, und Fräulein Holm – die Gesellschafterin meiner Mutter – las nach dem Frühstück und Abendbrot laut daraus vor; aber ich kann nicht sagen, daß sie mir gefielen – ich kann keine Verse leiden.«

»Keine Verse leiden! – Sie sagten hatten, lebt Ihre Frau Mutter nicht mehr?«

»Nein, und mein Vater auch nicht.«

Dies wurde in etwas mürrischem, abweisendem Ton gesprochen, und die Unterhaltung stockte eine Weile und ließ die vielen kleinen Laute, die die Bewegung des Bootes im Wasser hervorbrachte, deutlich vernehmen. Das Fräulein brach das Schweigen.

»Lieben Sie Gemälde?«

»Altarbilder? Ach, ich weiß nicht.«

»Ja, oder andere Bilder, Landschaften zum Beispiel.«

»Die malt man auch? Ja, es ist wahr, das weiß ich, ja.«

»Sie machen sich gewiß über mich lustig?«

»Ich!? Einer von uns beiden tut das wohl!«

»Aber sind Sie denn nicht Student?«

»Student! woher hätte ich Student werden sollen! Nein, ich bin nichts.«

»Ja, etwas müssen Sie doch sein? Sie müssen doch irgend etwas tun?«

»Weshalb das?«

»Nun, weil – das tun doch alle Menschen.«

»Tun Sie denn etwas?«

»Ach was, Sie sind doch auch keine Dame.«

»Nein, Gott sei Dank!«

»Danke bestens.«

Er hörte auf zu rudern, zog die Ruder etwas ein, sah ihr ins Gesicht und sagte:

»Was wollen Sie damit sagen? – Nein, Sie dürfen nicht böse auf mich sein; ich will Ihnen was sagen, ich bin solch ein komischer Mensch. Das können Sie gar nicht begreifen. Sie meinen, weil ich feine Kleider habe, muß ich auch ein feiner Mann sein. Mein Vater war ein feiner Mann, und mir ist gesagt worden, daß er so ungeheuer viel konnte, und das konnte er wohl auch, denn er war Amtmann. Ich kann nichts, denn Mutter und ich taten uns alles zu Liebe, und mir lag nichts daran, das zu lernen, was man in den Schulen lernt, auch jetzt noch nicht. Ach, Sie hätten meine Mutter sehen sollen, sie war eine ganz, ganz kleine Dame; schon als ich dreizehn Jahre alt war, konnte ich sie auf den Armen in den Garten hinunter tragen. Sie war so leicht; in den letzten Jahren trug ich sie durch den ganzen Garten und Park auf dem Arm. Ich sehe sie vor mir in ihren schwarzen Gewändern und vielen breiten Spitzen ....«

Er nahm die Ruder und ruderte gewaltsam zu. Der Justizrat wurde ein wenig unruhig, als er das Wasser am Achtersteven so hoch aufspritzen sah, und meinte, sie müßten wohl wieder ans Land, und zurück ging es.

»Sagen Sie mir,« fragte das Fräulein, als das starke Rudern etwas nachgelassen hatte, »kommen Sie oft in die Stadt?«

»Ich bin nie dagewesen.«

»Nie dagewesen! Und hier wohnen Sie nur drei Meilen davon.«

»Ich wohne nicht immer hier, ich wohne an allen möglichen Orten, seitdem meine Mutter starb; aber im Winter will ich in die Stadt, um rechnen zu lernen.«

»Mathematik?«

»Nein, Bauholz,« sagte er und lachte, »ja, das verstehen Sie nicht; ich will Ihnen nämlich sagen, wenn ich mündig werde, will ich eine Schaluppe kaufen und auf Norwegen fahren, und dann muß ich wegen Zoll und Klarierung rechnen können.«

»Haben Sie wirklich Lust dazu?«

»Ach, es ist herrlich auf dem Meer, im Segeln liegt soviel Leben – so, da ist die Landungsbrücke.«

Er legte an, der Justizrat und seine Tochter stiegen ans Land, nachdem sie ihm das Versprechen abgenommen hatten, sie auf Kap Trafalgar zu besuchen. Dann gingen sie zum Dorfschulzen hinauf; er aber ruderte wieder in die See hinaus. Oben bei der Pappel konnten sie noch die Ruderschläge hören.

 

»Hör Kamilla!« sagte der Justizrat, der draußen gewesen war, um die Außentür zu verschließen, »sag mir,« sagte er, indem er seine Handlampe mit dem Schlüsselbart auslöschte, »hieß die Rose, die sie bei Karlsens hatten, Pompadour oder Maintenon?«

»Cendrillon,« antwortete die Tochter.

»Das ist wahr, so hieß sie auch, – na – wir müssen wohl zur Ruhe gehen; gute Nacht mein Kind, schlaf wohl!«

Als Kamilla auf ihr Zimmer kam, zog sie den Fenstervorhang beiseite, drückte die Stirn an die kalten Scheiben und summte Elisabeths Lied aus dem »Elfenhügel«. Gegen Sonnenuntergang hatte sich ein leiser Wind erhoben, und einzelne kleine, weiße Wolken jagten vom Mond beschienen auf Kamilla zu. Sie stand lange und sah sie an, faßte sie schon aus weiter Entfernung ins Auge und summte lauter und lauter, je näher sie kamen, schwieg ein paar Sekunden, wenn sie über ihr verschwanden, suchte wieder andere und verfolgte dann diese. Mit einem leisen Seufzer zog sie den Vorhang wieder vor. Sie ging an den Toilettentisch, stützte die Arme darauf, lehnte den Kopf an die gefalteten Hände und blickte ihr Spiegelbild an, ohne es eigentlich zu sehen.

Sie dachte an einen schlanken, jungen Mann, der eine kleine, kranke, schwarzgekleidete Dame in seinen Armen trug; sie dachte an einen schlanken, jungen Mann, der in einem losbrechenden Sturm ein kleines Fahrzeug zwischen Klippen und Schären hindurch lenkte. Sie hörte ein ganzes Gespräch noch einmal. Sie errötete: Eugen Karlsen würde glauben, daß du ihm den Hof machst. Eine kleine, eifersüchtige Gedankenassoziation ließ sie fortfahren. Klara wäre niemand während eines Regenwetters im Walde nachgelaufen; sie hätte einen Fremden nicht obendrein aufgefordert – geradezu aufgefordert – mit ihr zu segeln. »Dame bis in die Fingerspitzen,« hatte Karlsen von Klara gesagt, das war ein Verweis für dich, du kleine Bauern-Kamilla! Darauf entkleidete sie sich mit affektierter Langsamkeit, legte sich ins Bett, nahm ein kleines, elegantes Buch von der Etagere neben dem Bett, schlug die erste Seite auf und las mit müder, verbitterter Miene ein kleines, geschriebenes Gedicht durch, ließ das Buch zu Boden fallen und brach in Tränen aus; dann nahm sie das Buch sanft wieder auf, legte es an seinen Platz und löschte das Licht aus, lag ein wenig, blickte trostlos auf den vom Mond beschienenen Vorhang und schlief endlich ein.

Nur wenig Tage später machte der »Regenmann« sich auf den Weg nach Kap Trafalgar. Er begegnete einem Bauer, der ein Fuder Roggenstroh fuhr und erhielt die Erlaubnis aufzusitzen. Er legte sich im Stroh auf den Rücken und sah hinauf in den wolkenlosen Himmel. Während der ersten halben Meile ließ er seine Gedanken nach Belieben kommen und gehen, sie waren übrigens nicht sehr abwechselnd; die meisten kamen und fragten, wie ein Menschenkind so wundersam schön sein könne, und wunderten sich darüber, daß man sich mehrere Tage damit beschäftigen könne, sich die Züge eines Gesichts, dessen Mienen und Farbenwechsel, die kleinen Bewegungen eines Kopfes und der Hände und den vibrierenden Tonfall einer Stimme ins Gedächtsnis zurückzurufen. Dann aber deutete der Bauer mit der Peitsche nach einem Schieferdach, das eine Viertelmeile entfernt lag, und sagte, das seien Justizrats, und da kam der gute Mogens aus dem Stroh in die Höhe, starrte ängstlich nach dem Dache, hatte ein seltsam beklommenes Gefühl, versuchte sich vorzustellen, daß niemand zu Hause sei, wurde aber hartnäckig in die Vorstellung hineingezogen, daß große Gesellschaft sei, und konnte sich nicht wieder davon losmachen, obgleich er zählte, wieviel Kühe »Landlust« auf der Weide hatte und wieviel Kieshaufen er längs des Weges sah. Endlich hielt der Bauer dort an, wo ein kleiner Weg nach dem Landhause hinunterführte, Mogens ließ sich vom Wagen herabgleiten und begann, sich die kleinen Strohstücke abzubürsten, während der Wagen langsam über den Kies des Weges weiter knirschte. Er näherte sich der Gartenpforte Schritt für Schritt, sah ein rotes Tuch hinter den Balkonfenstern verschwinden, einen kleinen verlassenen Nähkorb auf der Balkonbalustrade, und den Rücken eines leeren Schaukelstuhles sich noch schwingen. Er trat in den Garten, den Blick unablässig auf den Balkon geheftet, hörte den Justizrat guten Tag sagen, wandte sich nach der Stimme um und sah ihn nicken, während er die beiden Arme voll leerer Blumentöpfe hatte. Dann sprachen sie dies und jenes, der Justizrat fing an zu entwickeln, wie man gewissermaßen sagen könne, der alte Kastenunterschied zwischen den Baumsorten sei durch das Pfropfen geschwunden, letzteres sei ihm übrigens sehr zuwider. Endlich kam Kamilla in ein blaues Tuch gehüllt langsam auf sie zu. Sie hatte die Arme in das Tuch gewickelt und grüßte mit einer leichten Kopfbewegung und einem matten Willkommen. Der Justizrat ging mit seinen Blumentöpfen; Kamilla sah über die Schultern nach dem Balkon, Mogens blickte sie an. Wie es ihm inzwischen ergangen sei? Ihm habe nichts gefehlt. Viel gerudert? Ach ja, wie immer, vielleicht nicht ganz soviel. Sie drehte sich nach ihm um, sah ihn kalt an, legte den Kopf ein wenig auf die Seite und fragte mit halbgeschlossenen Augen und einem matten Lächeln, ob die schöne Magelone ihn mit Beschlag belegt habe. Er wußte nicht, was sie meinte, aber er glaubte es beinahe. Darauf standen sie eine Weile und sagten gar nichts. Kamilla tat ein paar Schritte nach einer Ecke, wo eine Bank und ein Gartenstuhl standen; sie setzte sich auf die Bank und bat ihn, nachdem sie sich gesetzt, Platz zu nehmen, indem sie auf den Stuhl sah; er müsse ja müde sein nach dem langen Wege. Er setzte sich auf den Stuhl.

Ob er glaube, daß etwas aus der projektierten Verbindung in der Königsfamilie werde? Ob es ihm vielleicht gleichgültig sei? Natürlich kümmere er sich nicht um das Königshaus? Selbstverständlich hasse er die Aristokratie? Es gebe ja nur wenig junge Herren, die nicht meinten, die Demokratie sei Gott weiß was. Er gehöre wohl zu denen, die den Familienverbindungen des Königshauses durchaus keine politische Bedeutung beilegten. Vielleicht irre er doch. Man hatte doch gesehen .... Sie hielt plötzlich verwundert inne, weil Mogens, der anfangs über dies alles ein wenig erschrocken gewesen, jetzt ganz vergnügt aussah. Ob er wohl gar dasaß und sich über sie lustig machte? Sie wurde ganz rot.

»Interessieren Sie sich sehr für Politik?« fragte sie angstlich.

»Nicht im geringsten.«

»Warum lassen Sie mich denn eine Ewigkeit politisieren?«

»Ach, Sie sagen das alles so hübsch; es ist ganz gleichgültig, wovon Sie sprechen.«

»Das ist wirklich kein Kompliment.«

»Doch, das ist es gerade,« versicherte er eifrig, als es ihm schien, daß sie ganz beleidigt aussah.

Kamilla brach in ein Gelächter aus, sprang auf und lief ihrem Vater entgegen, faßte ihn unter den Arm und führte ihn dann zu dem erstaunten Mogens.

Als das Mittagessen vorüber war und sie auf dem Balkon Kaffee getrunken hatten, schlug der Justizrat einen Spaziergang vor. Sie gingen alle drei den kleinen Weg über die große Landstraße nach einem schmalen Pfad, der zu beiden Seiten Roggenstoppeln hatte, und von wo der Zauntritt über die Hecke führte. Da stand die Eiche und all das andere; sogar Winden waren noch in der Dornenhecke. Kamilla bat Mogens, ihr doch einige davon zu holen. Er riß sie alle ab und kam mit einer ganzen Handvoll zurück.

»Danke, so viele will ich nicht,« sagte sie, nahm einige und ließ den Rest auf die Erde fallen.

»Dann wollte ich, ich hätte sie sitzen lassen,« sagte Mogens ernst.

Kamilla bückte sich und begann, sie wieder aufzusammeln. Sie hatte erwartet, daß er ihr helfen würde und sah erstaunt nach ihm auf, aber er stand ganz ruhig da und blickte auf sie herab. Hatte sie nun einmal damit angefangen, so mußte sie auch fortfahren, und aufgesammelt wurden sie; aber nachher sprach sie allerdings lange, lange nicht mit Mogens, ja, sie sah nicht einmal nach der Seite hin, wo er ging. Aber sie mußten sich doch ausgesöhnt haben, denn als sie auf dem Heimwege wieder an die Eiche kamen, trat Kamilla unter dieselbe und blickte nach ihrer Krone hinauf, trippelte von einer Seite auf die andere, gestikulierte mit den Händen und sang, und Mogens mußte in das Haselnußgesträuch gehen und sehen, wie er sich ausgenommen hatte. Plötzlich lief Kamilla auf ihn zu, aber Mogens fiel aus der Rolle und vergaß zu schreien und zu laufen, und Kamilla erklärte lachend, sie sei sehr unzufrieden mit sich und hätte sich die Dreistigkeit nicht zugetraut, stehen zu bleiben, wenn ein so entsetzliches Geschöpf, und dabei zeigte sie auf sich selbst, ihr entgegen gestürmt komme. Aber Mogens erklärte, daß er sehr mit sich zufrieden sei.

Als er gegen Sonnenuntergang nach Hause ging, begleiteten der Justizrat und Kamilla ihn ein Stück Wegs. Und als sie dann wieder heimkehrten, sagte sie ihrem Vater, daß sie den einsamen Menschen noch recht oft während des einen Monats einladen müßten, wo die Rede davon sein könne, auf dem Lande zu bleiben; denn er kenne ja gar keine Menschen hier draußen, und der Justizrat sagte ja und lächelte darüber, daß man ihn für so arglos halte, aber Kamilla sah mild und ernst aus, damit man nicht daran zweifelte, daß sie das Mitleid in höchsteigner Person sei.

Es wurde nun wirklich so mildes Herbstwetter, daß Justizrats noch einen ganzen Monat auf Kap Trafalgar blieben, und das Mitleid brachte es dahin, daß Mogens in der ersten Woche zweimal und in der dritten ungefähr jeden Tag kam. Es war an einem der letzten Tage des schönen Wetters; früh am Morgen hatte es geregnet und bis weit in den Vormittag hinein war es bewölkt gewesen, jetzt aber war die Sonne hervorgekommen und schien so kräftig und warm, daß die nassen Gartenwege, die Grasplätze und die Zweige der Bäume in einem leichten, feinen Dampf dastanden. Der Justizrat schnitt Astern, Mogens und Kamilla nahmen in einer Ecke des Gartens einige späte Winteräpfel ab. Er stand mit einem Korb am Arm auf einem Tische, sie stand auf einem Stuhl und hielt die Zipfel einer großen, weißen Schürze.

»Nun, was wurde denn daraus!« rief sie Mogens ungeduldig zu, der sich mitten in der Erzählung eines Märchens unterbrach, um einen Apfel zu erreichen, der hoch oben saß.

»Also,« fuhr er nun fort, »da fing der Bauer an, dreimal um sich herum zu laufen und zu singen ›nach Babylon! nach Babylon! mit einem Eisenring durch meinen Kopf.‹ Dann flogen er und sein Kuhkalb, seine Großmutter und sein schwarzer Hahn; sie flogen über Meere so breit wie Arup Vejle, über Berge so hoch wie die Kirche zu Jannerup, über Himmerland und durch das Holsteinsche, direkt bis ans Ende der Welt. Da saß der Kobold und aß Frühstück; er war gerade fertig, als sie kamen.

»›Du solltest ein wenig gottesfürchtig sein, Alter,‹ sagte der Bauer, ›sonst könnt es leicht kommen, daß Du am Himmelreich vorbeikommst.‹

›Er wollte ja gern gottesfürchtig sein.‹

»›Dann mußt Du nach Tische beten,‹ sagte der Bauer ... nein, ich erzähle nicht mehr,« sagte Mogens ungeduldig.

»Nun, so lassen Sie's,« sagte Kamilla und sah erstaunt zu ihm auf.

»Ich kann es ja ebenso gut gleich sagen,« fuhr Mogens fort, »ich will Sie etwas fragen, aber Sie dürfen mich nicht auslachen.«

Kamilla sprang vom Stuhl herunter.

»Sagen Sie mir: – nein, ich will selbst etwas sagen, – hier ist der Tisch und da ist die Hecke, wenn Sie nicht meine Braut sein wollen, so springe ich mit dem Korb über die Hecke und bin fort. Eins.«

Kamilla sah verstohlen zu ihm auf und merkte, wie das Lächeln aus seinem Gesicht schwand.

»Zwei.«

Er war ganz bleich vor Bewegung.

»Ja,« flüsterte sie, ließ die Zipfel der Schürze los, sodaß die Äpfel nach allen Seiten hin rollten, und lief dann fort.

Aber sie lief Mogens nicht fort.

»Drei,« sagte er, als er sie erreichte, aber er küßte sie doch.

Der Justizrat wurde bei seinen Astern gestört, aber der Amtmannssohn war eine allzu tadellose Mischung von Natur und Zivilisation, als daß der Justizrat Schwierigkeiten gemacht hätte.

 

Es war gegen Ende des Winters; die große, dicke Schneedecke, welche dem ununterbrochenen Schneetreiben einer ganzen Woche zuzuschreiben war, schmolz fort. Die Luft war voll Sonne und Widerschein vom weißen Schnee, der in großen, funkelnden Tropfen von den Fenstern herablief. Im Zimmer waren alle Formen und Farben geweckt, alle Linien und Umrisse waren wie lebend: das Flache streckte sich, das Gebogene krümmte sich, das Schräge fiel ab und das Gebogene brach sich. Alle grünen Töne wimmelten durcheinander auf dem Blumentisch, vom weichsten dunkelgrün an bis zum schärfsten hellgrün. Die braunroten Töne flossen in Flammen über die Mahagoniplatte des Tisches, Gold funkelte und blitzte von den Nippes, von Rahmen und Leisten; aber auf dem Teppich brachen sich alle Farben in einem lustigen, glänzenden Getümmel.

Kamilla saß am Fenster und nähte, und sie und die drei Grazien auf der Konsole waren ganz und gar in ein rötliches Licht von den roten Gardinen eingehüllt, und Mogens, der langsam im Zimmer auf und ab wanderte, ging jeden Augenblick durch schräge Lichtsäulen von mattregenbogenfarbenem Staub.

Er war in gesprächiger Laune.

»Ja,« sagte er, »es sind eigentümliche Leute, mit denen Ihr umgeht; es gibt nichts zwischen Himmel und Erde, womit sie nicht im Handumdrehen fertig wären; dies ist gemein, und das ist edel; dies ist das dümmste, was seit Erschaffung der Welt getan, und das ist das klügste; das da ist so häßlich, so häßlich, und jenes ist so schön, daß es sich nicht beschreiben läßt; und über alles sind sie alle miteinander so einig; es ist, als ob sie eine bestimmte Tabelle hätten oder etwas, wonach sie rechnen, denn sie bekommen immer alle dasselbe Fazit, worin es auch sein mag. Wie sie sich einander ähnlich sind, diese Menschen! Alle wissen sie dasselbe und sprechen von demselben; sie haben alle dieselben Worte und dieselben Ansichten.«

»Du willst doch wohl nicht behaupten,« wandte Kamilla ein, »daß Karlsen und Rönholt dasselbe sagen?«

»Ja, das sind nun die schönsten von allen, sie gehören zu verschiedenen Parteien! Ihre Grundanschauungen sind so verschieden wie Tag und Nacht! Nein, das sind sie nicht, sie sind so einig, daß es eine Lust ist; vielleicht gibt es wirklich eine Kleinigkeit, über die sie sich nicht einig sind, vielleicht ist es nur ein Mißverständnis, aber es ist bei Gott die reine Komödie, ihnen anzuhören; es ist, als hätten sie alles mögliche verabredet, um sich nicht einig zu werden; sie fangen an, indem sie laut sprechen, dann reden sie sich gleich in Hitze, und darauf sagt der eine in der Hitze etwas, das er gar nicht meint, und dann sagt der andere das gerade Gegenteil, das er auch nicht meint, und darauf greift der eine an, was der andere nicht meint, und der andere das, was der eine nicht meint, und dann ist das Spiel im Gange.«

»Aber was haben sie Dir denn getan?«

»Sie ärgern mich, diese Kerle, wenn man ihnen ins Gesicht sieht, ist es gleichsam, als ob man Brief und Siegel darauf bekäme, daß in Zukunft nichts Besonderes mehr auf der Welt geschehen wird.«

Kamilla legte die Näherei beiseite, ging hin und faßte die Spitzen seines Rockkragens und sah ihn schelmisch fragend an.

»Ich kann den Karlsen nicht vertragen,« sagte er ärgerlich und schüttelte den Kopf.

»Nun, was weiter?«

»Und dann bist Du sehr, sehr lieb,« murmelte er komisch verzogen.

»Was weiter?«

»Weiter,« fuhr er auf, »sieht er Dich an und hört Dir zu und spricht mit Dir in einer Weise, die ich nicht leiden kann; er soll das lassen, ja, denn Du bist mein und nicht sein. Nicht wahr! Du bist nicht sein, gar nicht sein. Du bist mein, Du hast Dich mir verschrieben, wie der Doktor dem Teufel, Du bist mein mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, bis in alle Ewigkeit.«

Sie nickte ihm ein wenig ängstlich zu, blickte ihn treu an, bekam Tränen in die Augen und schmiegte sich an ihn; er umschlang sie, beugte sich nieder und küßte sie auf die Stirn.

Am Abend desselben Tages begleitete Mogens den Justizrat auf die Post; dieser hatte nämlich eine plötzliche Ordre wegen einer Amtsreise erhalten, die er unternehmen mußte. Kamilla sollte deshalb am Morgen des nächsten Tages zu ihrer Tante hinaus und dort bleiben, bis er zurückkam.

Als Mogens seinen künftigen Schwiegervater fortbegleitet hatte, ging er nach Hause und dachte daran, daß er Kamilla mehrere Tage nicht sehen würde. Er ging die Straße hinunter, wo sie wohnte. Diese war lang und schmal und wenig belebt. Im entlegensten Teil derselben rollte ein Wagen fort; in jener Richtung vernahm man auch das Geräusch von Fußtritten, die sich verloren. Jetzt hörte er nur noch einen Hund in dem Gebäude hinter sich heulen. Er sah an dem Hause empor, wo Kamilla wohnte; in der unteren Etage war es wie gewöhnlich dunkel, und die gekalkten Fensterscheiben erhielten nur ein wenig flackerndes Leben vom Schein der Laterne am Nachbarhause. In der zweiten Etage standen die Fenster offen und aus einem derselben ragte ein ganzer Haufen Bretter aus dem Fensterrahmen hervor. Bei Kamilla war es dunkel, darüber war es auch dunkel, nur in dem einen Bodenfenster glänzte ein weißgoldiger Schein vom Mond. Über das Haus jagten die Wolken in wilder Flucht hin. Die Fenster der Gebäude zu beiden Seiten waren erhellt.

Das dunkle Haus machte Mogens traurig, so trostlos und verlassen stand es da; die geöffneten Fenster klirrten in ihren Haken, das Wasser lief eintönig trommelnd durch die Dachrinne, dann und wann fiel irgendwo, für ihn nicht sichtbar, ein wenig Wasser mit einem hohlen, weichen Laut, und der Wind sauste schwer durch die Gasse. Das dunkle, dunkle Haus! Mogens traten Tränen in die Augen, es beengte ihm die Brust, und er hatte die seltsam dunkle Empfindung, daß er sich Kamilla gegenüber etwas vorzuwerfen habe. Dann dachte er an seine Mutter, und die Sehnsucht bemächtigte sich seiner, den Kopf in ihren Schoß legen und sich ausweinen zu können.

So stand er lange, die Hand auf die Brust gepreßt, bis ein Wagen im scharfen Trab durch die Gasse gefahren kam; diesem ging er nach, und nach Hause. Er mußte lange an der Haustür rütteln, bis diese sich öffnete, dann lief er trällernd seine Treppen hinauf, und als er ins Zimmer gekommen, warf er sich mit einem Smolletschen Roman in der Hand aufs Sofa und lachte bis nach Mitternacht.

Endlich wurde es zu kalt im Zimmer, er sprang auf und ging stampfend hin und her, um die Kälte zu vertreiben. Am Fenster blieb er stehen: der Himmel war an der einen Seite so hell, daß die schneebedeckten Dächer mit ihm verschmolzen; an der andern Seite zogen einige lange Wolken und unter diesen hatte die Luft einen seltsam rötlichen Schein, einen unsicher wogenden Schein, einen roten, rauchigen Nebel; er riß das Fenster auf, nach der Gegend von Justizrats hin war Feuer ausgebrochen. Die Treppe hinunter, die Straße hinunter, so schnell er konnte: durch eine Quergasse, durch eine Seitengasse und dann geradeaus; noch konnte er nichts sehen; als er aber um die Ecke bog, sah er den braunroten Schein. Ungefähr zwanzig Menschen stürzten einzeln die Straße hinunter. Indem sie aneinander vorüberliefen, fragten sie, wo das Feuer sei. Man antwortete: in der Raffinerie. Mogens lief ebenso schnell wie vorher, aber ihm war viel leichter ums Herz. Noch ein paar Straßen; es kamen immer mehr Menschen, sie sprachen von der Seifenfabrik. Diese lag Justizrats gegenüber. Mogens lief wie rasend. Nur eine schräge Quergasse war noch übrig; sie war voll von Menschen, ruhige, anständig gekleidete Männer, zerlumpte, alte Weiber, die in langsam gurgelndem Ton sprachen, schreiende Lehrjungen, aufgeputzte Mädchen, die miteinander flüsterten, Eckensteher, die Witze machten, erstaunte Trunkenbolde und Trunkenbolde, die sich zankten, hilflose Polizeibeamte, und Droschken, die weder rückwärts noch vorwärts konnten. Mogens wand sich durch den Haufen. Jetzt war er an der Ecke; die Funken fielen langsam auf ihn herab. Die Straße hinauf; die Funken stoben, die Fensterscheiben zu beiden Seiten glänzten, die Fabrik brannte, Justizrats Haus brannte, und das Nachbarhaus auch. Alles war Rauch, Feuer und Verwirrung, Rufen, Fluchen, Dachziegel, die herunter rasselten, Axtschläge, Holz, das zersplitterte, Scheiben, die klirrten, Wasserstrahlen, die zischten, spritzten und plätscherten, und zwischen all diesem das regelmäßige, dumpfschluchzende Geräusch der Pumpen. Möbel, Betten, schwarze Helme, Leitern, blanke Knöpfe, helle Gesichter, Räder, Taue, Segeltuch, seltsame Instrumente; Mogens stürzte sich dazwischen, darüber, darunter, vorwärts dem Hause zu.

Die Fassade war von den Flammen der brennenden Fabrik stark erhellt, der Rauch quoll zwischen den Dachsteinen hervor und wälzte sich aus den geöffneten Fenstern des ersten Stocks heraus; drinnen knisterte und donnerte das Feuer; ein langsamer Laut, der in Rollen und Krachen überging und mit dumpfem Dröhnen endete; Rauch, Funken und Flammen drängten sich gewaltsam aus allen Öffnungen des Hauses, und dann begannen die Flammen mit doppelter Stärke und doppelter Klarheit zu spielen und zu prasseln. Mogens packte mit beiden Händen eine große Brandleiter, die gegen einen Teil der Fabrik gelehnt war, der noch nicht in Flammm stand. Einen Augenblick hielt sie sich lotrecht, dann entfiel sie ihm jedoch gegen das Haus des Justizrats und stieß im zweiten Stock einen Fensterrahmen ein. Mogens eilte die Leiter hinauf und hinein in die Öffnung. Im ersten Augenblick mußte er des scharfen Holzrauchs wegen die Augen schließen; der dicke, qualmende Dampf, der von dem verkohlten Holz aufstieg, das die Wasserstrahlen erreicht hatten, benahm ihm den Atem. Er war im Speisezimmer. Die Wand des Wohnzimmers war beinahe ganz zusammengefallen. Das Wohnzimmer war ein großer, glühender Abgrund, die Flammen aus der Tiefe des Hauses schlugen dann und wann beinahe bis an die Decke empor, die wenigen Bretter, welche hängen geblieben waren, als der Fußboden einfiel, brannten in klaren, weißgelben Flammen; Schatten und Feuerschein wogten über die Wände, die Tapete rollte sich hier und da zusammen, fing Feuer und flog in brennenden Fetzen hinab in die Tiefe; an den losen Leisten und den Bilderrahmen leckten die gelben Flammen empor. Mogens kroch über Trümmer und Bruchstücke der eingestürzten Mauer bis an den Rand des Abgrunds, aus dem ihm kalte und heiße Luftströme abwechselnd ins Gesicht schlugen; drüben auf der andern Seite war soviel von der Wand eingestürzt, daß er in Kamillas Zimmer blicken konnte, während das Stück, welches das Bureau des Justizrats verdeckte, noch stand. Es wurde heißer und heißer, die Haut des Gesichts zog sich straff, während er merkte, wie sein Haar sich kräuselte. Etwas Schweres strich über seine Schulter und blieb ihm auf dem Rücken liegen und drückte ihn zu Boden, es war der Tragbalken, der langsam von seinem Platz herabgeglitten war. Er konnte sich nicht rühren, das Atmen wurde ihm schwerer und schwerer, und seine Schläfen pochten gewaltsam; links von ihm plätscherte ein Wasserstrahl gegen die Mauer des Speisezimmers, und er ging auf in dem einen Wunsch, daß die kalten Tropfen, die nach allen Seiten spritzten, auf ihn fallen möchten. Da hörte er ein Stöhnen auf der andern Seite des Abgrunds, und auf dem Fußboden in Kamillas Zimmer sah er etwas Weißes sich bewegen. Sie war es. Sie lag auf den Knieen und hielt sich den Kopf mit beiden Händen, während sie sich leise in den Hüften wiegte. Sie erhob sich langsam und kam an den Rand des Abgrunds. Sie stand gerade aufgerichtet, die Arme hingen schlaff herab, und der Kopf wackelte gleichsam auf dem Halse; ganz langsam sank ihr Oberkörper vornüber, ihr langes, schönes Haar fegte über den Boden, ein kurzes, heftiges Aufzucken der Flammen, und es war fort, im nächsten Augenblick stürzte sie hinab in die Glut.

Mogens stieß einen klagenden Laut aus, kurz, tief, gewaltig, wie das Geheul eines wilden Tieres, und machte in demselben Augenblick eine gewaltsame Bewegung, um von dem Abgrund fortzukommen; er konnte des Balkens wegen nicht; seine Hände tasteten über die Mauerbröckeln, dann erstarrten sie gleichsam wie zu einem gewaltsamen Griff und dann begann er in regelmäßigem Takt mit der Stirn auf das Geröll zu schlagen und stöhnte: Herr Gott, Herr Gott, Herr Gott!

So lag er da. Nach einiger Zeit bemerkte er, daß etwas ihn anfaßte; es war ein Feuerwehrmann, der den Balken beiseite geworfen hatte und ihn jetzt aus dem Hause tragen wollte; mit einem starken Gefühl von Unbehagen merkte Mogens, daß er aufgehoben und fortgeführt wurde. Der Feuerwehrmann trug ihn an die Öffnung, dort hatte Mogens das klare Bewußtsein, daß man ihm Ärgernis bereite, und daß der Mann, der ihn trug, ihm zu Leibe wolle; er riß sich aus seinen Armen los, ergriff eine Latte, die auf dem Boden lag, schlug den Mann damit über den Kopf, sodaß er zurücktaumelte, kam heraus aus der Öffnung und lief hoch aufgerichtet die Leiter hinunter, die Latte über dem Kopfe schwingend. Durch Getümmel, Rauch, Menschenhaufen, durch leere Straßen, über öde Plätze hinaus aufs Feld! Überall tiefer Schnee, in geringer Entfernung ein schwarzer Fleck; es war ein Kieshaufen, der über die Schneedecke hinausragte, er schlug danach mit der Latte, schlug wieder und wieder, fuhr fort danach zu schlagen, wollte ihn erschlagen, sodaß er verschwand, wollte weit fortlaufen, lief rund um denselben herum und schlug wie rasend danach; er wollte nicht verschwinden; er schleuderte die Latte weit fort und warf sich auf den schwarzen Haufen, um ein Ende damit zu machen; er bekam die Hände voll kleiner Steine, es war Kies, es war ein schwarzer Kieshaufen; weshalb lag er draußen auf dem Felde und wühlte in einem schwarzen Kieshaufen? Er roch den Rauch, die Flammen leuchteten um ihn her, er sah Kamilla in sie hinabsinken, er schrie und stürzte weiter über das Feld. Er konnte den Anblick der Flammen nicht los werden; er hielt sich die Augen zu: Flammen, Flammen! er warf sich zur Erde und drückte das Gesicht in den Schnee: Flammen! er sprang auf, lief zurück, lief vorwärts, bog ab: Flammen überall; vorwärts ging es über den Schnee, vorbei an Häusern, Bäumen, an einem entsetzten Gesicht vorüber, das aus einem Fenster starrte, an Schobern vorbei, und über Höfe, wo Hunde heulten und an ihren Ketten zerrten. Er lief an einem Vorderhause vorüber und stand plötzlich vor einem stark und unruhig erhellten Fenster; das Licht tat ihm wohl, davor wichen die Flammen, er ging ans Fenster und sah hinein; es war bei einem Bauer; ein Mädchen stand am Herd und rührte im Kessel, das Licht, das sie in der Hand hielt, schien ein wenig rötlich in dem starken Qualm, ein anderes Mädchen saß und rupfte Federvieh, und ein drittes sengte es über einem lodernden Strohfeuer ab, die Flammen wurden kleiner, dann kam frisches Stroh dazu, sie schlugen wieder auf, dann wurden sie wieder kleiner, noch kleiner, und erloschen. Mogens stieß zornig eine Scheibe mit dem Ellbogen ein und ging langsam weiter, drinnen schrien die Mädchen. Nun lief er wieder, lief lange unter leisem Jammern. Da kamen zerstreute Erinnerungsblitze aus der guten Zeit, und es wurde doppelt düster, wenn sie vorüber waren; er konnte es nicht ertragen, an das zu denken, was geschehen war, es durfte nicht geschehen sein, er warf sich auf die Knie und rang die Hände zum Himmel empor, indem er flehte, das Geschehene ungeschehen zu machen. Lange schleppte er sich auf den Knien vorwärts und hielt die Augen unablässig auf den Himmel gerichtet, als ob er fürchte, dieser werde sich, um seinen Bitten zu entgehen, fortschleichen, wenn er ihn nicht auch ununterbrochen ansähe. Dann schwebten die Bilder aus der guten Zeit heran, mehr und mehr in nebelleichten Reihen; es waren Bilder, die in plötzlichem Glanz vor ihm emporstiegen, und andere schwanden hin, so unbestimmt, so fern, daß sie fort waren, ehe er wußte, was es gewesen. Er saß im Schnee, bezaubert von Licht und Farbe, von Leben und Glück, und die dunkle Angst, die er anfangs empfunden, daß etwas kommen würde und alles auslöschen, war geschwunden. Es war so still um ihn her, so ruhig in ihm; die Bilder waren fort, aber das Glück war geblieben. So still! kein Laut, aber Laute täuschen. Und dann kam Lachen und Gesang und leichte Worte und leichte Fußtritte und das dumpfe Schluchzen der Pumpen. Jammernd lief er davon, lief lange und weit, kam an die See, verfolgte den Strand, bis er über eine Baumwurzel fiel und ermüdet liegen blieb.

Mit einem weichplätschernden Laut ging das Wasser über die Kieselsteine, stoßweise säuselte es leise in den nackten Zweigen, einzelne Krähen schrien über der See, und der Morgen warf sein grelles, blaues Licht über Wald und See, über den Schnee und das bleiche Angesicht. Bei Sonnenaufgang fand ihn der Forstwart des nahen Waldes und trug ihn hinauf zum Waldhüter Nikolai; dort lag er Tage und Wochen zwischen Leben und Tod.

 

Ungefähr um die Zeit, wo Mogens zu Nikolai hinaufgetragen wurde, war ein Auflauf um einen Wagen am Ende der Straße, wo der Justizrat wohnte. Der Kutscher konnte nicht begreifen, weshalb der Polizist ihn hindern wollte, den ihm gegebenen Befehl auszuführen, und deshalb zankten sie sich. Es war der Wagen, der Kamilla zu ihrer Tante führen sollte.

 

»Nein, seitdem die arme Kamilla so jämmerlich ums Leben gekommen ist, haben wir nicht das geringste von ihm gesehen.«

»Ja, es ist merkwürdig, was in einem Menschen stecken kann. Man ahnte nichts. So still und verlegen, beinahe linkisch. Nicht wahr, gnädige Frau, Sie hatten nicht die leiseste Ahnung.«

»Von der Krankheit! Ach Gott, wie können Sie fragen! – wenn Sie meinen – ich verstand Sie nicht recht – daß es etwas ist, das im Blute gelegen, etwas Erbliches? – ja, ich erinnere mich, – ich glaube, man hat den Vater nach Aarhus gebracht. War es nicht so, Herr Karlsen?«

»Nein! – doch, aber es war, um ihn zu begraben, seine erste Frau liegt dort. Nein, Sie wissen, ich dachte an das entsetzliche oder – ja, an das entsetzliche Leben, das er während dieser zwei oder dritthalb Jahre geführt hat.«

»So, nei – nein! davon weiß ich gar nichts!«

»Na – ja – nein – das sind ja nicht Dinge, von denen man gern spricht, man will ja nicht ... nun! Sie verstehen! die Rücksicht auf den lieben Nächsten. Die Familie des Justizrats ...«

»Ja, was Sie sagen, hat natürlich seine Berechtigung – aber andererseits – sagen Sie mir ganz aufrichtig, liegt nicht ein falsches, pietistisches Bestreben in der Zeit, die Schwächen der Mitmenschen zu verschleiern, zu verdecken und – ich verstehe mich natürlich nicht auf dergleichen – aber glauben Sie nicht, daß die Wahrheit oder die öffentliche Moral, ich meine nicht jene Moralität, sondern – Moral, Zustände, was Sie wollen, – daß diese darunter leiden?«

»Ganz gewiß! und es freut mich außerordentlich, so einig mit Ihnen zu sein, und in diesem Falle ... die Sache ist einfach die, daß er Exzesse aller möglichen Arten begangen hat, mit dem niedrigsten Pöbel in der ruchlosesten Weise gelebt hat, mit Leuten ohne Ehre, ohne Gewissen, ohne Stellung, Religion oder sonst was, Tagediebe, Gaukler, Zechbrüder und – und im Namen der Wahrheit: leichtfertige Frauenzimmer.«

»Und das, nachdem er mit Kamilla verlobt gewesen, Gott im Himmel, und nachdem er drei Monate an Gehirnentzündung darnieder gelegen!«

»Ja – und was setzt das nicht für Neigungen voraus, und wie glauben Sie, daß seine Vergangenheit gewesen sein mag?«

»Und Gott weiß, wie es während der Verlobungszeit mit ihm bestellt gewesen sein mag. Er war etwas verdächtig. Das ist nun meine Anschauung.«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau, und verzeihen auch Sie, Herr Karlsen, Sie haben das Ganze ein wenig abstrakt genommen, sehr abstrakt; ich habe zufällig sehr konkrete Berichte von einem Freunde drüben auf Jütland und kann die Sache in ihren Details darstellen.«

»Herr Rönholt, Sie wollen doch wohl nicht...«

»Details anführen? Ja, das will ich, wenn die gnädige Frau es gestattet. Danke. Er hat allerdings nicht gelebt, wie man nach einer Gehirnentzündung leben muß. Er ist auf den Märkten mit ein paar Zechbrüdern umhergestreift und soll auch nicht ohne Berührung mit Gauklerbanden gewesen sein, und da namentlich mit dem weibliehen Personal. Vielleicht wäre es das klügste, wenn ich hinaufliefe und die Briefe meines Freundes holte. Wenn Sie erlauben? Werde gleich wieder hier sein.«

»Finden Sie nicht, Herr Karlsen, daß Rönholt heute besonders liebenswürdig ist?«

»Ja! – unstreitig, aber Sie dürfen nicht vergessen, gnädige Frau, daß er all seine Galle in einem Artikel der Morgenzeitung ausgeleert hat. Zu denken, daß man zu behaupten wagt – es ist geradezu Aufruhr, Verachtung des Gesetzes, denn – hm ...«

»Haben Sie den Brief gefunden?«

»Jawohl. Darf ich anfangen? Lassen Sie mich sehen – ja: »unser gemeinsamer Freund, den wir im vorigen Jahre in Mönsted trafen und den Du ja von Kopenhagen her kennst, hat während der letzten Monate in hiesiger Gegend gehaust; er sieht ganz aus wie damals, derselbe bleiche, düstre Ritter von der traurigen Gestalt. Er ist die lächerlichste Mischung von forciertem Leichtsinn und stiller Hoffnungslosigkeit, ist affektiert rücksichtslos und brutal gegen sich selbst und andere, ist still und wortkarg und scheint sich durchaus nicht zu amüsieren, obgleich er nichts anderes tut als schwärmen und zechen; es bleibt bei dem, was ich schon damals sagte, er hat die fixe Idee, sich als vom Schicksal persönlich beleidigt anzusehen. Sein Umgang hier war namentlich ein Pferdehändler, der Krugküster genannt, weil er immer singt und immer zecht, und ein verkommenes, hochaufgeschossenes Zwischending von Matrose und Hausierer, bekannt und gefürchtet unter dem Namen Peer Steuerlos, außerdem auch Schön Abelone; in der letzten Zeit mußte dieser jedoch einem dunklen Frauenzimmer Platz machen, das zu einer Gauklerbande gehörte und uns während einiger Zeit mit Vorstellungen im Seiltanz und Kraftkünsten beglückte. Du kennst diese Art Frauenzimmer, mit scharfen, gelben, frühgealterten Gesichtern, Geschöpfe, die durch Brutalität, Armut und niedrige Laster zerrüttet sind und sich zum Überfluß stets in verschossenen Samt und schmutziges Rot kleiden. Da hast Du die Bande. Ich verstehe die Passion unseres Freundes nicht; allerdings kam die Braut so traurig ums Leben, aber das erklärt die Sache doch nicht. Du sollst aber noch hören, wie er uns verließ. Ein paar Meilen von hier war Markt; er, Steuerlos, der Pferdehändler, und das Frauenzimmer saßen in einem Wirtshauszelt und zechten bis tief in die Nacht hinein. Um drei Uhr ungefähr waren sie endlich zur Abfahrt bereit. Sie kamen also auf den Wagen, und alles geht auch gut; da biegt aber unser gemeinsamer Freund von der Landstraße ab, und fort geht es mit ihnen über Felder und Heide, was die Pferde nur laufen können. Der Wagen wird von einer Seite auf die andere geschleudert. Das wird dem Pferdehändler endlich zu bunt und er schreit, er wolle herunter. Als er abgestiegen ist, peitscht unser Freund wieder drauf los und lenkt gerade auf einen hohen Heidehügel zu; da wird dem Frauenzimmer angst, sie springt ab und nun geht es in wilder Fahrt den Hügel hinauf und wieder hinunter, und es ist ein Wunder, daß der Wagen nicht vor den Pferden unten ankommt. Bei der Hinauffahrt hatte Peer sich jedoch vom Wagen geschlichen und zum Dank für die Fahrt warf er dem Kutscher sein großes Klappmesser an den Kopf.«

»Der arme Mensch! aber das mit dem Frauenzimmer ist doch garstig.«

»Abscheulich, gnädige Frau, entschieden abscheulich. Glauben Sie wirklich, Herr Rönholt, daß diese Darstellung jenen Menschen in ein besseres Licht stellt?«

»Nein, aber in ein festeres; Sie wissen, im Dunkeln hält man die Dinge oft für größer als sie sind.«

»Kann man sich etwas Schlimmeres denken?«

»Wenn nicht, so ist dies das Schlimmste, aber Sie wissen, man soll nie das Schlimmste vom Menschen glauben.«

»Eigentlich meinen Sie ja, daß das ganze nicht so schlimm ist, daß etwas Frisches darin liegt, etwas eminent Plebejisches, das Ihrem Hang zur Demokratie zusagt.«

»Sehen Sie denn nicht, daß er sich zu seiner Umgebung recht aristokratisch verhält?«

»Aristokratisch! Nein, das ist doch wohl paradox. Wenn der nicht Demokrat ist, so weiß ich wirklich nicht, was er ist.«

»Nun, es gibt doch auch andere Bezeichnungen.«

 

Weiße Traubenkirschen blühten, blauer Flieder, Rotdorn und strahlender Goldregen blühten und dufteten vor dem Hause. Die Fenster mit herabgelassenen Jalousien standen offen. Mogens lehnte sich ins Fenster hinein, die Jalousien lagen auf seinem Rücken. Es war wohltuend fürs Auge, nach all der Sommersonne auf Wald und Wasser und in der Luft, in das gedämpfte, weiche, ruhige Licht eines Zimmers zu blicken. Eine große, üppige Dame stand drinnen mit dem Rücken gegen das Fenster und steckte Blumen in eine große Vase. Die Bluse ihres hellroten Morgenrocks wurde hoch unter der Brust von einem schwarzen Ledergürtel zusammengehalten, auf dem Boden hinter ihr lag ein schneeweißer Frisiermantel, ihr dickes, hochblondes Haar lag in einem dunkelroten Nachtnetz.

»Nach dem Gelage von gestern bist Du heute ein wenig bleich,« war das erste, was Mogens sagte.

»Guten Morgen,« antwortete sie und reichte ihm, ohne sich umzusehen, die Hand und die Blumen, die sie hielt. Mogens nahm eine der Blumen. Laura drehte den Kopf halb um, öffnete die Hand ein wenig und ließ die Blumen in Zwischenpausen zur Erde fallen. Dann begann sie wieder, sich mit der Vase zu beschäftigen.

»Krank?« fragte Mogens.

»Müde.«

»Ich frühstücke heute nicht bei Dir.«

»Nicht!«

»Wir können auch nicht zusammen zu Mittag essen.«

»Willst Du fischen gehen?«

»Nein! – Leb wohl!«

»Wann kommst Du wieder?«

»Ich komme nicht wieder.«

»Was soll das heißen?« fragte sie, ordnete ihr Kleid, trat ans Fenster und setzte sich dort auf den Stuhl.

»Ich bin Deiner müde. – Weiter nichts!«

»Jetzt bist Du böse, was ist denn los? Was habe ich Dir denn getan?«

»Nichts, aber da wir weder verheiratet noch wahnsinnig vor Liebe zu einander sind, sehe ich nicht ein, daß es etwas Besonderes ist, wenn ich fortgehe.«

»Bist Du eifersüchtig?« fragte sie ganz leise.

»Auf so eine wie Du! Gott schütze meinen Verstand!«

»Aber was soll dies alles heißen?«

»Das heißt, daß ich Deiner Schönheit müde bin, daß ich Deine Stimme und Deine Bewegungen auswendig kann, und daß weder Deine Launen noch Deine Dummheit oder Deine Verschlagenheit mich mehr unterhalten können. Kannst Du mir nun also sagen, weshalb ich bleiben sollte?«

Laura weinte. »Mogens! Mogens, wie kannst Du das übers Herz bringen! O was soll ich, was soll ich, was soll ich, was soll ich anfangen! Bleib nur heute noch, nur heute, Mogens, Du darfst nicht von mir gehen.«

»Ach, das ist ja Lüge, Laura, das glaubst Du nicht einmal selbst; nicht, weil Du so schrecklich viel von mir hältst, bist Du so betrübt; es ist nur ein wenig Bestürzung über die Veränderung, Du hast Angst vor kleinen Störungen in Deinen täglichen Gewohnheiten. Ich kenne das sehr wohl. Du bist nicht die erste, der ich überdrüssig geworden bin.«

»O bleib nur heute bei mir, dann will ich Dich nicht mehr quälen, auch nur noch eine Stunde zu bleiben.«

»Ihr seid wahre Hunde, ihr Frauenzimmer! Ihr habt nicht die Spur von Ehre im Leibe; wenn man euch einen Fußtritt gibt, so kommt ihr wieder angekrochen.«

»Ja, ja, das tun wir, aber bleib nur heute noch – wie? – bleib!«

»Bleib! bleib! nein!«

»O Du hast mich nie geliebt, Mogens.«

»Nein.«

»Doch, das hast Du doch: an jenem Tage hast Du mich geliebt als es so stark wehte, o der schöne Tag da unten am Strande, als wir hinter dem Boote saßen.«

»Närrisches Mädchen!«

»Wenn ich nur ein ordentliches Mädchen von seinen Eltern wäre, und nicht so eine, wie ich bin, dann würdest Du wohl bei mir bleiben; dann brächtest Du es nicht übers Herz, so hart zu sein – und ich, die ich Dich so lieb habe!«

»Das sollst Du nicht.«

»Nein, ich bin wie der Staub unter Deinen Füßen, mehr bin ich Dir nicht. Kein gutes Wort, nur harte Worte; Verachtung, das ist gut genug für mich.«

»Die andern sind weder besser noch schlechter als Du. Leb wohl, Laura!«

Er reichte ihr die Hand, aber sie hielt die Hände auf dem Rücken und jammerte: »Nein, nein, nicht Lebewohl! nicht Lebewohl!«

Mogens hob die Jalousie empor, ging ein paar Schritte zurück und ließ sie vors Fenster fallen. Laura lehnte sich schnell über die Brüstung und flehte: »Komm her zu mir! komm und gib mir Deine Hand.«

»Nein.«

Als er eine kurze Strecke fort war, rief sie klagend: »Leb wohl, Mogens!«

Er drehte sich um und grüßte leicht. Dann ging er weiter: »Und solch ein Mädchen glaubt noch an Liebe! – nein, das tut sie nicht.«

 

Vom Meer her zog der Abendwind übers Land, und der Strandhafer wiegte seine bleichen Ähren und hob die spitzen Blätter ein wenig, die Binsen schwankten, das Dünenwasser war dunkel von tausend seinen Furchen, und die Blätter der Wasserblumen zuckten unruhig an ihren Stengeln. Dann begannen des Heidekrauts dunkle Spitzen zu nicken, und auf den Landflächen schwankte die Flockenblume haltlos hin und her. Landeinwärts! Die Haferfelder neigten sich, der junge Klee zitterte auf den Stoppelfeldern, und der Weizen wurde hoch und niedrig in schweren Wagen heimgeführt, die Dächer dehnten sich, die Mühle krachte, die Flügel gingen herum, der Rauch schlug in die Schornsteine hinab und die Fensterscheiben liefen an.

Es sauste in den Luken, in den Pappeln des Herrensitzes; es pfiff durch das zerzauste Gebüsch auf dem Grünhügel von Bredbjerg. Mogens lag dort oben und blickte über die dunkle Erde fort. Der Mond war im Begriff, Glanz zu bekommen, die Nebel jagten unten über die Wiese. Es war so traurig, das ganze Leben, leer hinter ihm und düster vor ihm. Aber so war das Leben einmal. Die, die glücklich waren, waren auch blind. Er hatte vom Unglück gelernt zu sehen; alles war ungerecht und lügenhaft, die ganze Erde war eine große, rollende Lüge; Treue, Freundschaft, Barmherzigkeit, Lüge war es, Lüge auch das kleinste; aber das, was man Liebe nannte, das war doch das hohlste vom hohlen, Lust war es, flammende Lust, glimmende Lust, qualmende Lust, aber Lust und nichts anderes. Weshalb mußte er das wissen? Weshalb hatte er nicht im Glauben an all diese vergoldeten Lügen verharren dürfen? Weshalb mußte er sehen, während die anderen blind blieben? er hatte ein Recht auf Blindheit, er hatte an alles geglaubt, woran man glauben konnte.

Unten im Orte wurden die Lichter angezündet.

Da unten stand Heim neben Heim. Mein Heim! mein Heim! Und mein Kinderglaube an all das schöne auf der Welt! – Und wenn die andern nun recht hätten! Wenn die Welt voll wäre von klopfenden Herzen, und im Himmel ein liebreicher Gott! Aber weshalb weiß denn ich es nicht, weshalb weiß ich etwas anderes? und ich weiß etwas anderes, so schneidend, so bitter, so wahr ...

Er stand auf, Feld und Wiesen lagen im vollen Mondenlicht vor ihm. Er ging hinunter in den Ort, den Weg am Herrenhause vorüber, und dabei sah er über die Steinmauer. Auf einem Grasplatz im Garten stand eine Silberpappel, das Mondlicht fiel scharf auf die zitternden Blätter, bald kehrten sie die dunkle Seite hervor, bald die helle. Er legte die Arme auf den Zaun und starrte auf den Baum, es sah aus, als ob die Blätter an den Zweigen herabrieselten. Er glaubte das Geräusch hören zu können, welches das Laub machte. Plötzlich erklang ganz in der Nähe eine schöne Frauenstimme:

»Du Blume im Tau!
Du Blume im Tau!
Sag flüsternd mir deine Träume.
Durchweht sie auch dieselbe Luft,
Derselbe seltsame Elfenreichduft,
Wie meine?
Und flüstern und seufzen und klagen sie nicht
In flüchtigem Duft, in schwindendem Licht,
In zitterndem Klang, in süßem Sang:
In Sehnsucht,
In Sehnsucht ich lebe!«

Dann wurde es wieder still. Mogens atmete tief auf und lauschte gespannt: kein Gesang mehr; oben am Herrenhause ging eine Tür. Jetzt hörte er deutlich das Rauschen der Silberpappelblätter. Er legte das Haupt auf die Arme und weinte.

Der folgende Tag war einer von jenen, an denen der Spätsommer so reich ist. Tage mit frischem, kühlem Winde, mit vielen schnelleilenden Wolken, mit ewigem Dunkelwerden und Hellwerden, je nachdem die Wolken an der Sonne vorüberziehen. Mogens war hinauf zum Kirchhof gegangen; der Garten des Herrenhauses stieß daran. Da oben sah es ziemlich kahl aus, das Gras war vor kurzem gemäht, hinter einem alten, viereckigen Eisengitter stand ein breiter, niederer Hollunderbusch und schüttelte seine Blätter; um einzelne Gräber waren Holzrahmen, die meisten waren niedere, viereckige Hügel, einige von ihnen hatten Blechstellagen mit Inschriften darauf, andere Holzkreuze, von denen die Farbe abgeblättert war, noch andere hatten Wachskränze, die meisten gar nichts. Mogens suchte eine Stelle, wo er im Schutz sitzen konnte, aber es schien an allen Seiten der Kirche zu weben. Er warf sich am Graben nieder und zog ein Buch aus der Tasche, aber es wurde doch nichts mit dem Lesen; jedesmal wenn eine Wolke an der Sonne vorüberzog, war es ihm, als würde es zu kalt, dann dachte er daran aufzustehen, aber gleich wurde es wieder hell und er blieb liegen. Da kam ein junges Mädchen langsam des Wegs, ein Windhund und ein Hühnerhund liefen spielend vor ihr her. Sie blieb stehen und schien sich setzen zu wollen, als sie Mogens jedoch gewahrte, ging sie quer über den Kirchhof durch die Pforte. Mogens erhob sich und sah ihr nach, sie ging unten auf der Landstraße, die Hunde spielten noch. Dann begann Mogens die Inschrift auf einem der Gräber zu lesen, das brachte ihn bald zum Lachen. Plötzlich fiel ein Schatten aufs Grab und blieb liegen. Mogens sah zur Seite. Ein junger, sonnverbrannter Mann stand neben ihm, die eine Hand in der Jagdtasche, in der andern eine Flinte.

»Die ist gar nicht so närrisch,« sagte er und nickte nach der Inschrift hin.

»Nein,« sagte Mogens und erhob sich aus der gebückten Stellung.

»Sagen Sie mir,« fuhr der Jäger fort und blickte zur Seite, als ob er etwas suche, »Sie sind schon ein paar Tage hier, und ich habe mich über Sie gewundert, bin aber noch nicht in Ihre Nähe gekommen; Sie gehen so allein umher, weshalb haben Sie uns nicht besucht? Womit in aller Welt verbringen Sie die Zeit? Denn Geschäfte haben Sie hier in der Gegend doch nicht?«

»Nein, ich bin zu meinem Vergnügen hier.«

»Ja, davon gibt es hier reichlich,« lachte der Fremde, »gehen Sie nicht auf die Jagd? Haben Sie nicht Lust mit mir zu kommen? Ich muß aber hinunter in den Krug und mir Hagelkörner holen, und während Sie sich zurecht machen, kann ich hinübergehen und den Schmied auszanken. Nun, gehen Sie mit?«

»Gern.«

»Aber es ist ja wahr – Thora! haben Sie nicht ein Mädchen gesehen?« er sprang auf den Deich, »ja, da geht sie, das ist meine Cousine, ich kann Sie nicht vorstellen, aber kommen Sie, gehen wir ihr nach, wir hatten gewettet, nun können Sie Richter sein. Sie sollte mit den Hunden auf dem Kirchhof sein, und dann wollte ich mit Flinte und Jagdtasche vorübergehen und weder rufen noch pfeifen, und wenn die Hunde dann doch mit mir gingen, so hatte sie verloren, nun werden wir sehen.«

Bald darauf erreichten sie die Dame, der Jäger sah grade aus, konnte aber nicht unterlassen zu lächeln; Mogens grüßte, als sie vorübergingen. Die Hunde sahen dem Jäger erstaunt nach und knurrten ein wenig, dann sahen sie zu der Dame auf und bellten, sie wollte sie streicheln, aber gleichgültig gingen sie von ihr und bellten dem Jäger nach. Schritt für Schritt entfernten sie sich weiter, schielten nach ihr hin, sprangen plötzlich hinter dem Jäger her und waren, als sie ihn erreicht hatten, ganz unbändig und schossen nach allen Seitm hin und wieder zurück.

»Verloren,« rief er ihr zu, sie nickte lächelnd, drehte sich um und ging.

Die Jagd dauerte bis spät am Nachmittag; Mogens und William kamen gut miteinander aus, und Mogens mußte versprechen, am Abend nach dem Herrenhause zu kommen; das tat er auch und kam dann später fast jeden Tag, blieb aber trotz aller gastfreundlichen Einladungen im Kruge wohnen.

Es wurde eine bewegte Zeit für Mogens. Anfangs weckte Thoras Nähe alle traurigen und düsteren Erinnerungen zum Leben; oft mußte er plötzlich ein Gespräch mit anderen anfangen oder fortgehen, damit die Erregung seiner nicht vollständig Herr wurde. Sie glich Kamilla durchaus nicht, und doch sah und hörte er nur Kamilla. Thora war klein, fein und zart, leicht zum Lachen, leicht zu Tränen, leicht zur Begeisterung zu bringen, sprach sie längere Zeit ernst mit jemand, so war es nicht wie eine Annäherung, sondern mehr, als ob sie sich in sich selbst verlor; erklärte oder entwickelte ihr jemand etwas, so drückten ihr Gesicht, ihre ganze Gestalt das innigste Vertrauen und dann und wann auch wohl Erwartung aus. William und seine kleine Schwester behandelten sie wohl nicht ganz als Kameradin, aber auch durchaus nicht wie eine Fremde, Onkel und Tante, Diener, Mägde und die Bauem der Gegend, alles machte ihr den Hof, aber so vorsichtig, und beinahe ängstlich; – sie waren ihr gegenüber ungefähr so wie der Wanderer im Walde, der in seiner Nähe einen kleinen, niedlichen Singvogel mit klaren, klugen Augen und zarten, reizenden Bewegungen sieht; er freut sich so an diesem kleinen, lebenden Wesen, möchte so gern, daß es näher und näher käme, aber wagt nicht sich zu rühren, kaum zu atmen, damit es sich nicht ängstigt und fortfliegt.

Als Mogens Thora öfter und öfter sah, kamen die Erinnerungen seltener und seltener, und jetzt fing er an, sie zu sehen, wie sie war. Es war eine Zeit voll Frieden und Glück, wenn er bei ihr war, stille Sehnsucht und stille Wehmut, wenn er sie nicht sah. Später sprach er mit ihr von Kamilla und seinem früheren Leben, und er sah fast mit Erstaunen auf sich selbst zurück, und zuweilen war es ihm unbegreiflich, daß er es war, der all das Seltsame gedacht, gefühlt und getan hatte, wovon er ihr erzählte.

Eines Abends standen er und Thora auf einer Anhöhe im Garten und sahen dem Sonnenuntergang zu. William und seine kleine Schwester spielten Haschen um die Anhöhe herum. Helle, leichte Farben zu Tausenden, kräftige, strahlende zu Hunderten. Mogens wandte sich ab und blickte auf die dunkle Gestalt an seiner Seite: wie unbedeutend nahm sie sich doch aus gegen all diese glühende Pracht; er seufzte und sah wieder in die farbenreichen Wolken. Es kam nicht wie ein wirklicher Gedanke, fern und flüchtig kam es, war eine Sekunde und verschwand, gleichsam, als hätte das Auge es gedacht.

»Nun sind die Elfen im Grünhügel froh, weil die Sonne ganz untergegangen ist,« sagte Thora.

»So – o!«

»Ja, wissen Sie denn nicht, daß die Elfen das Dunkel lieben?«

Mogens lächelte.

»Sie glauben nicht an Elfen, aber das sollten Sie doch tun. Es ist so hübsch, an all das zu glauben, an Bergelfen und Elfenmädchen. Ich glaube auch an Meerfrauen und an das Fliedermütterchen, aber Kobolde! was soll man mit Kobolden und Höllenpferden? Die alte Maren wird böse, wenn ich das sage; denn zu glauben, was ich glaube, sei keine Gottesfurcht, sagte sie, so was kommt uns nicht zu, aber Prophezeihungen stehen im Evangelium, sagt sie. Doch was meinen Sie?«

»Ich? Ja, ich weiß nicht, – wie meinen Sie das eigentlich?«

»Sie lieben die Natur gewiß nicht?«

»Doch im Gegenteil.«

»Ich meine nicht die Natur, wie man sie von Aussichtsbänken und Hügeln sieht, auf welche Treppen hinaufführen, wo sie feierlich angerichtet wird, sondern die Natur am Werkeltag, immer. Lieben Sie so die Natur?«

»Gerade so, jedes Blatt, jeder Zweig, jeder Lichtstrahl, jeder Schatten kann mich erfreuen. Kein Hügel ist so kahl, keine Torfgrube so viereckig, keine Landstraße so langweilig, daß ich mich nicht einen Äugenblick darin verlieben könnte.«

»Welche Freude können Sie dann aber an einem Baum, einem Busch haben, wenn Sie sich nicht vorstellen, daß ein lebendes Wesen darin wohnt, welches die Blumen öffnet und schließt und die Blätter glättet? Wenn Sie einen See sehen, einen tiefen, klaren See, lieben Sie ihn dann nicht deshalb, weil Sie sich vorstellen, daß tief, tief unten Wesen wohnen, die ihre Freuden und ihre Sorgen haben, ihr eigenes seltsames Leben mit seltsamem Sehnen; und was ist zum Beispiel am Bredbjerg Grünhügel schönes, wenn Sie sich nicht denken, daß ganz, ganz kleine Gestalten darin wimmeln und summen, die seufzen, wenn die Sonne aufgeht, jedoch zu tanzen und zu spielen beginnen, wenn der Abend kommt.«

»Wie wundersam schön das ist! Und dies sehen Sie?«

»Und Sie?«

»Ich kann es nicht erklären, aber es liegt in der Farbe, in der Bewegung und in der Form, und dann in dem Leben, das darin ist; der Saft, der in Bäume und Blumen steigt, der Regen und die Sonne, die ihnen Wachstum bringen, der Sand, der in Haufen zusammenweht, und die Regenschauer, die die Abhänge furchen und zerklüften! Ach! das läßt sich gar nicht begreifen, wenn ich es erklären soll.«

»Und ist das genug für Sie?«

»Es ist oft zuviel! – all zuviel! Und wenn nun Form und Farbe und Bewegungen so reizend sind und so leicht, und hinter all dem eine seltsame Welt liegt, die lebt und jubelt und seufzt und verlangt und das alles sagen und singen kann, dann fühlt man sich so verlassen, wenn man jener Welt nicht nahe kommm kann, und das Leben wird so matt und so schwer.«

»Nein! nein! so dürfen Sie nicht an Ihre Braut denken!«

»O, ich denke nicht an meine Braut.«

William und die Schwester gesellten sich zu ihnen und sie gingen zusammen ins Haus.

Eines Vormittags mehrere Tage später spazierten Mogens und Thora im Garten. Mogens wollte das Traubentreibhaus sehen: dort war er noch nicht gewesen, es war ein ziemlich langes aber nicht sehr hohes Glashaus; auf dem Dache spielte und funkelte das Sonnenlicht. Sie traten ein, die Luft war warm und feucht und hatte einen seltsam dumpfen und würzigen Geruch, wie von frisch aufgeworfener Erde. Die schönen, zackigen Blatter und die schweren, tauigen Trauben, von der Sonne durchstrahlt und beschienen, breiteten sich an der Glasdecke in weiter, grüner Seligkeit aus. Thora blickte glücklich hinauf, Mogens war unruhig und starrte bald traurig auf sie, bald in das Laub.

»Hören Sie,« sagte Thora fröhlich, »ich glaube, daß ich jetzt zu begreifen anfange, was Sie neulich auf der Anhöhe von Form und Farbe sagten.«

»Begreifen Sie sonst nichts?« fragte Mogens leise und ernst.

»Nein,« flüsterte sie, sah ihn flüchtig an, senkte den Blick und errötete, »damals nicht.«

»Damals!« wiederholte Mogens sanft und kniete vor ihr nieder. »Jetzt aber, Thora?«

Sie beugte sich zu ihm nieder, reichte ihm die eine Hand, bedeckte mit der andern die Augen und weinte. Mogens drückte die Hand an seine Brust, indem er aufstand; sie hob den Kopf empor, und er küßte sie auf die Stirn. Sie blickte ihn mit feuchten, strahlenden Augen an, lächelte und flüsterte: »Gott sei Dank!«

Mogens blieb noch eine Woche; die Verabredung war so, daß die Hochzeit um die Johanneszeit stattfinden solle. Dann reiste er ab. Der Winter kam mit dunklen Tagen, langen Nächten und einem Schneegestöber von Briefen.

 

Licht in allen Fenstern des Herrenhauses, Laub und Blumen über allen Türen, geschmückte Freunde und Bekannte in dichtem Gedränge auf der großen Steintreppe, alle hinausstarrend in die Dämmerung – Mogens war mit seiner jungen Gattin fortgefahren.

Der Wagen rasselte und rasselte; die geschlossenen Fenster klirrten; Thora blickte zu dem einen hinaus, auf den Landstraßengraben, auf den Schmiedehügel, wo im Frühling die Primeln blühten, auf Bertel Nielsens großen Hollunderbusch, auf die Mühle und die Gänse des Müllers, auf den Hügel von Datum, den sie und William vor nicht all zu vielen Jahren im Schlitten hinuntergefahren waren, auf die Wiese von Datum, auf die langen ungeheuren Schatten der Pferde, die über die Steinhaufen glitten, auf die Torflöcher, auf die Roggenfelder. Sie weinte ganz leise; dann und wann, wenn sie den Tau von den Scheiben trocknete, blickte sie heimlich nach Mogens hin. Er saß vornüber gebeugt, er hatte den Reiserock aufgeknöpft, der Hut lag und schaukelte auf dem Vordersitz, die Hände hielt er vors Gesicht. An was er alles dachte! Dies war ein wundersamer Tag für ihn gewesen, und der Abschied hatte ihm beinahe allen Mut genommen. Sie hatte von allen Verwandten und Freunden Abschied nehmen müssen, von einer Unendlichkeit von Plätzen, wo die Erinnerungen übereinander geschichtet lagen bis zum Himmel hinauf, – und das, um mit ihm zu reisen! Und er war der Mann, in dessen Gewalt man sich ruhig begeben konnte, er mit seiner Vergangenheit von Roheit und Ausschweifungen! Es war nicht einmal sicher, daß es Vergangenheit war; wohl war er verändert und er begriff es kaum, was er selbst gewesen, aber man entfernt sich nie so ganz von sich selbst; es war noch immer da, alles, und hier hatte er nun das unschuldige Kind zu behüten und zu bewachen, Gott sei Dank! er selbst hatte sich ja bis über den Kopf in den Kot gearbeitet, es würde ihm auch wohl glücken, sie hinein zu bringen! Nein! – nein, sie sollte nicht – sie sollte ihr Helles, fröhliches Mädchenleben weiter leben, trotz seiner. Und der Wagen rasselte und rasselte, die Dunkelheit war hereingebrochen, und hier und da sah er nur durch die ganz beschlagenen Scheiben die Lichter in den Häusern und Höfen, an denen sie vorüberfuhren. Thora schlummerte. Gegen Morgen kamen sie nach ihrem neuen Heim, ein Gut, das Mogens gekauft hatte. Die Pferde dampften in der kalten Morgenluft; die Sperlinge zwitscherten in den großen Linden auf dem Hofe, und der Rauch stieg langsam aus den Schornsteinen auf. Thora sah lächelnd und zufrieden auf dies alles, nachdem Mogens ihr aus dem Wagen geholfen; aber es half nichts, sie war schläfrig und zu müde, um es verbergen zu können. Mogens brachte sie auf ihr Zimmer und ging dann in den Garten, setzte sich auf eine Bank und glaubte, daß er den Sonnenaufgang sähe, nickte aber zu stark, um sich in dem Glauben erhalten zu können. Um die Mittagszeit jedoch fanden Thora und er sich wieder, fröhlich und frisch, und es war ein Umherzeigen und ein Erstaunen, und es wurde Rat gehalten, und Bestimmungen wurden getroffen und die törichtsten Vorschläge gemacht, die einstimmig für praktisch erklärt wurden. Wie strengte Thora sich an, um Interesse an den Tag zu legen, als die Kühe ihr vorgestellt wurden, und wie schwer hielt es, nicht allzu unpraktisch vergnügt über den kleinen, jungen Hund zu sein, und Mogens, wie sprach er nicht über Drainage und Kornpreise, während er stand und heimlich überlegte, wie Thora mit den roten Kornmohnblumen im Haar aussehen würde.

Und dann am Abend, als sie in ihrem Gattenzimmer saßen, und der Mond die Fenster so deutlich auf dem Fußboden abzeichnete – was spielte er da für eine Komödie, als er ihr ernsthaft vorstellte, daß sie zur Ruhe gehen, wirklich zur Ruhe gehen solle, da sie müde sein müsse, während er ihre Hand nicht losließ, – und sie ihm denn erklärte, daß er garstig sei und sie los sein wolle, daß es ihm wohl schon leid sei, eine Frau genommen zu haben, und darauf folgte dann natürlich eine Versöhnung, und sie lachten, und es wurde spät. Endlich ging Thora auf ihr Zimmer, aber Mogens blieb im Gartenzimmer, ganz unglücklich darüber, daß sie gegangen war, und dann bildete er sich schwarze Phantasien, daß sie tot und begraben, und er ganz allein auf der Welt sei; und er beweinte sie, und schließlich weinte er wirklich und wurde böse auf sich selbst, ging im Zimmer auf und ab und wollte vernünftig sein. Hier war eine Liebe, rein und edel, ohne jede grobe, irdische Leidenschaft, ja, hier war sie, und wenn sie es noch nicht war, so sollte sie es werden; ja, die Leidenschaft zerstörte alles, und sie war so garstig, so unmenschlich; wie er alles in der Menschennatur haßte, was nicht rein und klar, sein und zart war! Er war von diesem Gewaltigen, Garstigen Unterjocht, unterdrückt, gequält worden, es war in seinen Augen, in seinen Ohren gewesen, es hatte all seine Gedanken verpestet. Er ging auf sein Zimmer. Er wollte lesen und nahm ein Buch, er las, aber er ahnte nicht was – ihr konnte doch nichts zugestoßen sein, – nein, er konnte es nicht aushalten, er schlich leise an ihre Tür, nein, es war so still und friedlich da drinnen, wenn er genau lauschte, glaubte er ihre Atemzüge zu hören, – wie sein Herz klopfte, ihm war, als könne er auch das hören. Er ging in sein Zimmer und an sein Buch zurück. Er schloß die Augen: wie deutlich er sie sah, er vewahm ihre Stimme, sie beugte sich zu ihm herab und flüsterte, – wie er sie liebte, sie liebte, sie liebte! In ihm sang es; es war, als nähmen seine Gedanken Rhythmus an, und so deutlich sah er alles, woran er dachte! Still, ganz still lag sie jetzt und schlief, mit dem Arm unter dem Kopf, das Haar aufgelöst, die Augen geschlossen, sie atmete so leicht – da drinnen bebte die Luft, sie war rot wie vom Widerschein von Rosen – wie ein plumper Faun, der den Tanz der Nymphen nachahmt, so gab die Bettdecke in groben Falten ihre zarte Gestalt wieder – nein, nein! er wollte nicht an sie denken, nicht so an sie denken, nein, um keinen Preis der Welt, nein, – und nun kam das alles wieder, es war nicht fern zu halten, aber es sollte fort, fort! Aber es kam und ging, bis der Schlaf kam und die Nacht ging.

 

Als die Sonne am Abend des nächsten Tages untergegangen war, spazierten sie zusammen im Garten. Arm in Arm gingen sie langsam und schweigend den einen Weg hinauf, den andern hinunter, heraus aus Resedaduft, durch Rosenduft hinein in Jasminduft; einige Nachtschwärmer schwirrten an ihnen vorüber, draußen im Korn schrie die Wiesenknarre, sonst aber machte Thoras Seidenkleid das meiste Geräusch.

»Wie wir schweigen können!« rief Thora aus.

»Und wie wir gehen können«, fuhr Mogens fort, »wir sind jetzt gewiß eine Meile gegangen.«

Dann gingen sie wieder eine Zeitlang schweigend.

»An was denkst Du?« fragte sie.

»Ich denke an mich selbst.«

»Das tue ich auch gerade.«

»Du denkst auch an Dich?«

»Nein – an Dich – Dich, Mogens.«

Er zog sie dichter an sich. Sie gingen nach dem Gartenzimmer; die Tür stand offen, drinnen war es sehr hell, und der Tisch mit dem schneeweißen Tuch, der silbernen Schüssel mit dunkelroten Erdbeeren, der glänzenden Silberkanne und den Armleuchtern machte einen festlichen Eindruck.

»Es ist wie im Märchen, wenn Hans und Grete draußen im Walde an das Pfefferkuchenhäuschen kommen,« sagte Thora.

»Willst Du hinein?«

»Du vergißt wohl, daß da drinnen eine Hexe ist, die uns beide unglückliche Kinder braten und verspeisen wird. Nein, es ist viel besser, wenn wir den Zuckerfenstern und dem Pfannkuchendach widerstehen und uns die Hand geben und wieder in den dunklen Wald zurückgehen.«

Sie entfernten sich vom Gartenzimmer. Sie schmiegte sich an Mogens und fuhr fort: »Es kann auch der Palast des Großtürken sein, und Du bist der Araber aus der Wüste, der mich rauben will, und die Wächter verfolgen uns, krumme Säbel blitzen und wir laufen und laufen, aber sie haben Dein Pferd genommen, und nun nehmen sie uns mit und stecken uns in einen großen Sack und da sitzen wir beide drin und ertrinken zusammen im Meer. – Warte mal, was könnte es sonst noch sein ... ?«

»Weshalb darf es denn nicht sein, was es ist?«

»Ja, das darf es wohl, aber es ist zu wenig ... wenn Du wüßtest, wie ich Dich liebe, aber ich bin so unglücklich – ich weiß nicht, was es ist – wir sind soweit voneinander fort – nein – «

Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heftig und drückte die brennende Wange gegen die seine: »Ich weiß nicht, was es ist, aber manchmal bin ich nahe daran zu wünschen, daß Du mich schlagen möchtest, –- ich weiß, daß es kindisch ist, und daß ich so glücklich bin, so glücklich, aber trotzdem bin ich so unglücklich.«

Sie legte den Kopf an seine Brust und weinte, und dann fing sie an, während die Tränen noch flössen, ganz leise, dann aber immer lauter und lauter zu trällern:

»In Sehnsucht
In Sehnsucht ich lebe!«

»Mein geliebtes, kleines Weib!« und er nahm sie auf den Arm und trug sie hinein.

Am Morgen stand er neben ihrem Bette. Das Licht fiel ruhig und gedämpft durch die herabgelassenen Vorhänge und machte alle Linien ruhig, alle Farben gesättigt und friedlich. Es schien Mogens, als ob die Luft mit ihrem Busen in stillen Wogen stieg und fiel. Ihr Kopf lag ein wenig schief auf dem Kissen, das Haar fiel in die weiße Stirn, die eine Wange war stärker gerötet als die andere, dann und wann erzitterten die gewölbten Augenlider, die Linien des Mundes bebten unmerkbar hin und her zwischen unbewußtem Ernst und schlummerndem Lächeln. Mogens stand lange und blickte sie an, glücklich und ruhig, der letzte Schatten seiner Vergangenheit war geschwunden. Dann schlich er leise hinaus und setzte sich ins Wohnzimmer und wartete auf sie. Er hatte eine Weile gesessen, da spürte er, wie ihr Kopf auf seiner Schulter ruhte und ihre Wange sich gegen die seine preßte.

Sie gingen zusammen in den frischen Morgen hinaus. Das Sonnenlicht jubelte über die Erde fort, der Tau funkelte, früherwachte Blumen strahlten, hoch oben unter dem Himmel zwitscherte die Lerche, die Schwalben strichen durch die Luft. Sie gingen über die grüne Koppel nach der Anhöhe mit dem reifenden Roggen, sie verfolgen den Fußpfad, der hinüber führte; sie ging voran, ganz langsam und blickte über die Schulter nach ihm zurück, und sie sprachen und lachten. Je weiter sie die Anhöhe hinabkamen, desto höher wurde das Korn hinter ihnen, bald sah man sie nicht mehr.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >>